entziehen, und mit jeder weiteren wirklichen Leistung ist es vorbei, wenn er auch noch bis zu seinem letzten Athemzuge zu arbeiten „strebt" und erst unter qualvollen seelischen „Spannungen" zu Grunde geht. — Ein Rafael wäre zwar auch ohne Arme ein Maler gewesen, aber Gemälde hätten wir von ihm nicht, so wenig wir diejenigen Eingebungen Schuberts noch besitzen, zu deren Aufzeichnung ihm das Notenpapier mangelte.
Was Hertz im Speciellen als Ueberbestimmung empfunden zu haben scheint, ist jenes „strebt". Und ich stehe nun nicht an, diesen Ausdruck, den auch Lagrange übernommen hat, für einen unglücklichen zu halten, aber nicht, weil er eine Ueberbestimmung, sondern, weil er einen Anthropomorphismus darstellt. Was auch der LAGRANGE'schen Formulierung fehlt, ist ebenfalls die klare Coordinierung der zweierlei Phänomene, des kinetischen der Beschleunigung und 38 Höfler, Studien zur Philos. der Mechanik.
des statischen der Spannung. Statt von „Spannung" zu reden, die man ebensogut „tastet" (Muskelempfindungen den „Tastf'-Empfin- dungen im weitesten Sinne zugerechnet wegen der Aehnlichkeit der Qualität trotz Verschiedenheit der Organe), wie man die Beschleunigung „sieht" (beides mit mehr als einem grano salis verstanden), darf man nicht plötzlich von „streben" sprechen, ohne den Hörer so- gleich etwas wie einen Ruck in ein heterogenes Gebiet verspüren zu lassen. Ueber den Anthropomorphismus dieses „Strebens" aber besser erst unten (S. 41 ff.) noch einige Bemerkungen gelegentlich Kirchhofes bekannten Worten über (d. h. gegen) die mechanischen „Ursachen" und „Kräfte".
Der zweite von den HERTz'schen Vorwürfen, welchen ich nicht unberührt lassen möchte, findet sich in der vorliegenden längeren Stelle*): „Ist das, was wir jetzt Schwungkraft oder Centrifugalkraft nennen, etwas anderes als die Trägheit des Steines? Dürfen wir, ohne die Klarheit unserer Vorstellungen zu zerstören, die Wirkung der Trägheit doppelt in Rechnung stellen, nämlich einmal als Masse, zweitens als Kraft? In unseren Bewegungsgesetzen war die Kraft die vor der Bewegung vorhandene Ursache der Bewegung. Dürfen wir, ohne unsere Begriffe zu verwirren, jetzt auf einmal von Kräften reden, welche erst durch die Bewegung entstehen, welche eine Folge der Bewegung sind? Dürfen wir uns den Anschein geben, als hätten wir über diese neue Art von Kräften in unseren Gesetzen schon etwas ausgesagt, als könnten wir ihnen mit dem Namen „Kraft" auch die Eigenschaften der Kräfte verleihen? Alle diese Fragen sind offenbar zu verneinen, es bleibt uns nichts übrig als zu erläutern: die Bezeichnung der Schwungkraft als einer Kraft sei eine uneigentliche, ihr Name sei wie der Name der lebendigen Kraft als historische Ueberlieferung hinzunehmen, und die Beibehaltung dieses Namens sei aus Nützlichkeitsgründen mehr zu entschuldigen als zu rechtfertigen. Aber wo bleiben alsdann die Ansprüche des dritten Gesetzes, welches eine Kraft fordert, die der todte Stein auf die Hand ausübt und welches durch eine wirkliche Kraft, nicht durch einen blossen Namen befriedigt sein will?"
Zu diesen Ausführungen habe ich zunächst von physikalischer Seite zu bemerken, dass, wenn die angebliche Schwierigkeit angesichts derjenigen r i c h t u n g ändernden Kräfte, bei welchen als Reaction Nachwort zu Kant, II. Hauptstück: Dynamik. 39 gegen die Richtungsänderung „Centrifugal-"Kräfte auftreten, unwider- leglich wäre, der Angriff noch viel weiter hätte gehen können, nämlich auch gegen jeden „Beharrungswiderstand", welcher bei der Aenderung der Geschwindigkeit auftritt. Ist es wahr, dass, wenn der Eisenbahn arbeiter, der einen schwer beladenen Wagen auf wagrechten, sehr glatten Schienen vorwärts zu schieben hat, die Ungeschicklichkeit begeht, seine Hand gegen eine scharfe Kante oder Spitze des Wagens wirken zu lassen und diese sich in die Hand gebohrt fühlt, wir bei der Auffassung dieser Translations- bewegung „die Wirkung der Trägheit doppelt in Rechnung stellen, nämlich einmal als Masse, zweitens als Kraft"? Es ist nicht nöthig, an dieser Stelle das vereinfachte physikalische Exempel näher durch- zuführen; auch wäre der richtige Platz hiezu wohl erst im Zu- sammenhang mit den Erörterungen über den Trägheits- und Be- harrungsbegriff, den wir gemäss der Trennung in Kant's Schrift, welche im zweiten Hauptstück den Kraftbegriff und erst im dritten den Massen- und Trägheitsbegriff erörtert, für den folgenden Abschnitt dieses Nachwortes aufsparen müssen. Hier also nur soviel: Auch diese Schwierigkeit löst sich ganz von selbst durch Ver- wertung des Begriffes „Teilursache." Jedenfalls muss der an der Schnur geschwungene Stein oder der auf Schienen geschobene Wagen, auch schon bevor die ihn schwingende oder schiebende Hand sich an dem einen wie dem anderen der beiden Körper zu schaffen macht, das Zeug dazu gehabt haben, falls die Hand als die neu hinzu- kommende Teilbedingung den mechanischen Vorgang der Richtungs-, bezw. Geschwindigkeits- Aenderung einleitet, gemäss seiner Eigenschaft als „Masse" zum Auftreten eines Spannungszustandes in der Rolle einer notwendigen, aber nicht ausreichenden Bedingung beizutragen. Insofern haben wir ein gutes Recht zu sagen: Massen haben Kräfte; und nicht: Massen sind das einemal Massen, ein ander- mal Kräfte. — Und es wäre nicht freundlich, demjenigen, welcher sich auf die erstere Art ausdrückt, in dem Gebrauch des Wörtchens „haben" metaphysische Dunkelheiten vorzuwerfen, als würden die Massen als substantielle „Träger", die Kräfte als substantielle „Fluida" oder nicht substantielle „Accidentien" oder dgl. gedacht. Doch darüber wie gesagt, noch einige Worte in den Bemerkungen zum dritten Hauptstück anlässlich des Massenbegriffes, wo auch auf eine dritte Stelle bei Hkbtz zurückzukommen sein wird, in der er von seinem dritten Weltbild der Mechanik, das sich nur „verborgener Massen", nicht des alten Kraftbegriffes bedienen will, dennoch zugesteht: „Uebrigens.
40 Höfler, Studien zur Philos. der Mechanik.
erweist es sich auch hier bald als zweckmässig, den Begriff der Kraft einzuführen/'*) Woher doch diese „Zweckmässigkeit" eines angeblich inhaltsleeren Begriffes — vielmehr: „blossen Wortes"?
Und nun, nachdem soviel von „Teilursachen" die Rede gewesen war, auch noch einige Worte über den Begriff der „Ur- sache", dem wir es oben (S. 28) vorwarfen, dass er durch seine herkömmliche Rolle als genus proximum des Begriffes einer mechanischen Kraft die Definition von vorn herein verderbe. An allgemein er- kenntnistheoretischen Erörterungen soll hier dem noch immer un- erschöpften Thema des Causalproblems nur soviel entnommen werden, als zum Nachweis nöthig ist, dass unser Begriff der Teilursache nichts von dem Fetisch-Charakter an sich trägt, welchen man dem Begriff der Ursache überhaupt vorwirft. Aber auch diese Erörterungen mögen sogleich an ihren berühmtesten modernen Anlass innerhalb der Mechanik, an Kirchhoffs' Worte über (d. i. gegen) den Ursachbegriff in der Mechanik anknüpfen. Sie lauten**): „Man pflegt die Mechanik als die Wissenschaft von den Kräften zu definiren, und die Kräfte als die Ursachen, welche Bewegungen hervorzubringen streben. Gewiss ist diese Definition bei der Entwicklung der Mechanik von dem grössten Nutzen gewesen, und sie ist es auch noch bei dem Er- lernen dieser Wissenschaft, wenn sie durch Beispiele von Kräften, die der Erfahrung des gewöhnlichen Lebens entnommen sind, er- läutert wird. Aber ihr haftet die Unklarheit an, von der die Begriffe der Ursache und des Strebens sich nicht befreien lassen. Diese Unklar- heit hat sich z. B. gezeigt in der Verschiedenheit der Ansichten darüber, ob der Satz von der Trägheit und der Satz vom Parallelogramm der Kräfte anzusehen sind als Resultate der Erfahrung, als Axiome oder als Sätze, die logisch bewiesen werden können und bewiesen werden müssen. Bei der Schärfe, welche die Schlüsse in der Mechanik sonst gestatten, scheint es mir wünschenswert, solche Dunkelheiten aus ihr zu entfernen, auch wenn das nur möglich ist durch eine Einschränkung ihrer Aufgabe. Aus diesem Grunde stelle ich es als Aufgabe der Mechanik hin, die in der Natur vor sich gehenden Be- wegungen zu beschreiben, und zwar vollständig und auf die einfachste Weise zu beschreiben. Ich will damit sagen, dass es sich nur darum handeln soll, anzugeben, welches die Erscheinungen sind, die stattfinden, nicht aber darum, ihre Ursachen zu ermitteln."
Nachwort zu Kant, IL Hauptstück.'Dynamik. 41 Was uns aus dieser unzählige Male citirten Stelle hier beschäftigen muss, ist diejenige Formulirung des Begriffes „U r s a c h e", gegen die sich dann Kirchhoffs Abneigung kehrt. Wie, wenn dies gar nicht der- jenige Begriff von Ursache wäre, für den sich heute noch ein Erkenntnis- theoretiker ernstlich einsetzt? Ich habe es schon oben anlässlich der Bemerkungen von Hertz über Lagrange's Kraftdefinition einbekannt, dass wenigstens ich kein Wort zugunsten des x^nthropomorphismus, der nun einmal im Begriff „strebe n" liegt (sofern nicht auch dies etwa nur ein bloss gleichnisweise verwendetes Wort sein soll) vorzubringen hätte. Ich habe dieses Bekenntnis auf alle diejenigen Fassungen des Begriffes „Ursache" auszudehnen, welche einen Willen (wovon „Streben" ein besonderer Fall ist*) zu einem constitutiven Element des Ursachbegriffes machen. Nicht, als ob ich hiermit ohne jede weitere Begründung abgeurteilt haben möchte über die Theorien von Empedokles <piXia und ve ixos bis zu Schopenhauer's „Welt willen*. Nur daran müsste, denke ich, der überzeugteste Willensmetaphysiker festhalten, dass er von dieser seiner Ueberzeugung schlechterdings nichts in seine physikalischen Vorstellungen als physikalische ein- mischen darf. Wer dieser wissenschaftlichen Pflicht einer ametaphysischen (nicht antimetaphysischen) Behandlung was immer für einer wissen- schaftlichen Disciplin (soweit es eben nicht die Metaphysik selbst ist) nachgekommen ist, den treffen alle Ausdrücke der Abneigung von Physikern gegen den Ursachbegriff als einen verkappten Willens- begriff nicht mehr. Es war eine in dem positiven Besitzstande der erkenntnistheoretischen Litteratur nicht begründete Anklage, wenn Kirchhoff von der „Unklarheit" sprach, „von der die Begriffe der Ursache und des Strebens sich nicht befreien lassen."
Dagegen ist es ein anderes Element, welches man aus dem Ursach-Begriff nicht weglassen kann, ohne ihn selbst aufzugeben: das der Nothwendigkei t.**) Es wird dies von den meisten Ver- *) Vgl. meine Psychologie S. 509. **) Vielleicht wird es auch dem principiellen Gegner aller „ Notwendigkeit* leichter, auf die diesem Begriffe oben zu widmende Untersuchung überhaupt mit einzugehen, wenn ich noch vor der Untersuchung ausspreche, was auch nach meiner Meinung „Notwendigkeit" jedenfalls nicht leisten kann und soll: Nirgends bereichert es den Inhalt oder den Umfang der meiner Anschauung zugänglichen Thatsachen, wenn ich zwischen sie Notwendigkeiten hineindenke. — Der Satz „Das gleichseitige Dreieck ist gleichwinkelig" ist um nichts ärmer an geometrischem Gehalt, als der Satz „Das gleichseitige Dreieck muss gleichwinkelig sein". Ich erinnere mich, schon 42 Höf ler, Studien zur Philos. der Mechanik.
theidigern, wie sogar von den meisten Gegnern des Causalbegriffes zugestanden: aber leider, wie es mit derlei Begriffen schon geht, welche dem logischen oder ontologischen, dem psychologischen oder als Gymnasiast es als eine Unzukömmlichkeit gefühlt zu haben, über deren Grund ich mir damals freilich nicht Rechenschaft geben konnte, wenn von einem Schüler oder dem Lehrer etwa der Pythagoreische Lehrsatz so ausgesprochen wurde: In jedem rechtwinkligen Dreiecke m u s s das Quadrat der Hypotenuse u. s. f. Warum „muss"? „Ist" thut's ja auch! — Heute erkläre ich meinen Eindruck eines Superplus so: Das „ist" giebt dem geometrischen Einzelbestand Aus- druck; und ist nur um ihn gefragt, so darf auch nur mit „ist11 geantwortet werden. Das,muss' dagegen kann entweder der Verknüpfung dieses Einzelbestandes mit anderen Einzelbeständen Ausdruck geben (so wenn ich gegen Ende des Beweises, der es u. a. auch mit der Flächengleichheit von Dreiecken, Rechtecken u. dgl. zu thun gehabt hatte, mit den Worten schliesse: „Also muss auch das Quadrat u. s. f."); in diesem Falle ist das „muss" eine über den ver- langten Einzelbestand am stärksten hinausgehende Zuthat, da sie ihrerseits mindestens zwei neue Bestände, nämlich mindestens einen anderen Satz, und überdies die Verknüpfung des ersten mit ihm besagt. Oder das „muss" kann besagen, dass die Coexistenz zweier Merkmale eines geometrischen Gebildes, z. B. der Gleichseitigkeit und Gleichwinkligkeit des Dreieckes, eine mehr als bloss empirische oder „zufällige", nämlich eine eben als „noth wendig" einzusehende seij daDn ist diese besondere Artung der Coexistenz zwar gewiss auch interessant, geht aber wieder deshalb über die vor allem verlangte Feststellung, dass überhaupt generell eine Coexistenz z. B. zwischen Gleichseitigkeit und Gleichwinkeligkeit beim Dreieck bestehe (z. B. beim Viereck besteht sie schon nicht), wieder um die differentia specifica „noth wendig" durch das „Muss" in unerbetener Weise hinaus. Was aber bei der Formulirung mathematischer Sätze nur formelle Unebenheit ist oder sein kann, wird zur Unerträglichkeit, wenn auf physikalischem Gebiete von dem „Muss" vor dem „Ist" gesprochen wird, wie es leider namentlich unser physikalischer Elementarunterricht noch lange nicht sich abgewöhnt hat. Was ich meine, kann ich am besten durch die folgende Stelle aus den „Instructionen für die österreichischen Realschulen" vom Jahre 1879 belegen. Dort war zu lesen (S. 145): „Es ist z. B. gewiss ein Fehler, wenn man den freien Fall so abzuleiten versucht: „„Die Schwere ist eine konstante Kraft, welche einem Körper in jedem folgenden Zeitteilchen dieselbe Geschwindigkeit erteilt, folglich v = gt, folglich s = 1/2gt-t u- 8- w-"" ^an kennt die Schwere durch den Druck auf die Unterlage und durch die Fallbewegung. Niemand, der es nicht versucht oder erfahren hat, kann wissen, dass Druck in Bewegung übergeht, noch weniger, wie er in Bewegung übergeht. — Es wird sich hier empfehlen, einfach erzählend an- zuführen, dass Galilei, ohne an die Ursache der Fallbewegung zu denken, die Natur derselben experimentell untersucht hat. Er hat gefunden, dass bei derselben in gleichen Zeiten gleiche Geschwindigkeiten zuwachsen" etc. — Ich habe diese Stelle (welche einer zum Teil bis auf den Wortlaut ähnlichen in MACH's Mechanik, I. Auflage 1883, S. 129, 130, entspricht) schon in der ersten Ausgabe meiner Naturlehre 1881 (Vorrede S. VI) mit Freude und Dankbarkeit begrüsst und aus ihr die Berechtigung gewonnen, allem Herkommen entgegen auch schon im Nachwort zu Kant, IL Hauptstück: Dynamik. 43 erkenntnistheoretischen, jedenfalls also philosophischen und nicht physikalischen oder sonstwie physischen Gebiet angehören, erstreckt sich die leidliche Uebereinstimmung unzähliger litterarischer Aeusseersten Physik-Unterricht die reine Beschreibung einer kleinen Auswahl rein phoronomischer Thatsachen allem Reden von „Kräfte n" vorauszuschicken. (Leider ist jene Stelle durch die neuesten österreichischen Realschul-Instructionen von 1898 ausser Kraft gesetzt.)
Ich glaube also von jeher nicht unempfindlich gewesen zu sein gegen die intellektuelle Qual, welche jede Behauptung über Kraft, Ursache, Notwendig- keit u. dgl. m., vor der Auffassung der Thatsachen als solcher bereitet; und daher auch nicht unempfindlich gegen die intellektuelle Wohlthat, welche ein reinliches und vollständiges Beschreiben vor allem Erklären gewährt. Ich glaube rückhaltlos an die Möglichkeit, den Thatsachen gegenüber sich nur wahrnehmend, nur „beschreibend" zu verhalten. Nur den Grund der weiteren Forderung, dass, weil man auf das Erklären verzichten kann, man auch darauf verzichten müsse, sehe ich nicht ein.
Wenn durch ein Gleichnis diese Sachlage überhaupt noch klarer gemacht werden kann, als sie es in sich ist, so Hesse sich etwa sagen: Thatsachen und Notwendigkeiten verhalten sich wie reelle und imaginäre Zahlen (oder allgemeiner: wie zwei zu einander normale Vectorgrössen, welche eine der anderen sozusagen nichts abgeben, keine „Componente" liefern können). Ich kann die Mannigfaltigkeit, wie sie durch die reelle Abscissenachse repräsentiert ist, um nichts bereichern durch die Mannigfaltigkeit der imaginären Ordinaten- achse oder auch der ganzen Zahlenebene. Eben darum kann aber die eine eindimen- sionale Mannigfaltigkeit auch nichts gegen die anderen beweisen.
Ohne Gleichnis gesprochen: Für die Wahrnehmung (äussere und innere) legt sich mir die Welt sämtlicher dieser Wahrnehmung überhaupt zugänglichen Realitäten als eine in sich relationslose dar; jede Farbe, jede Lust ist in sich, was sie eben ist. Weder brauche ich diese einfachen Daten zu Complexionen „zu8ammen"zudenken, noch brauche ich „zwischen" diese absoluten Daten Relationen hineinzudenken. — Aber wer wird von dieser Möglichkeit Gebrauch machen wollen, wer wird sie gar als Pflicht anderen aufnötigen wollen? Wahr ist es ja: wenn ich meine beiden Zeigefinger mir vor Augen halte, so sehe ich nichts von Gleichheit, sondern ich sehe eben die beiden Finger. Ob aber darum noch einmal ein KlECHHOFF kommt, der uns warnt zu sagen: „7 cm i 8 1 gleich 7 cm" — d. h. der uns ebenso empfiehlt, auf das Denken in Gleichheits- Relationen zu verzichten, wie die Forderung eines blossen Beschreibena letztlich auf das Denken in Notwendigkeits- Relationen verzichten möchte ( — ich sage „letztlich", denn wie MACH an schönen Beispielen gezeigt hat, haben die „Theorien", von welchen man oft meint, sie gingen nur auf die Verknüpfung der Thatsachen, auch reichlich die Fähigkeit, auf neue Thatsachen selbst aufmerksam zu machen — wofür sie gelegentlich allerdings auch die vorurteilslose Auffassung der Thatsachen erschweren. Vgl. MACH, Das Princip der Vergleichung in der Physik. Populäre Vorlesungen 1896 S. 268, und speciell die dort angeführten Beispiele von der Schwingungstheorie des Lichtes; näher ausgeführt in den „Bemerkungen über die historische Entwicklung der 44 Höfler, Studien zur Philos. der Mechanik.
rungen über den Begriff der Notwendigkeit und seine Stellung zum Causalbegriff auch beinahe nur auf die beiden Wörter „Ursache" und „Noth wendigkeit", und es fehlt fast alles, dass man auch von Optik, Ztschr. f. d. phys. u. ehem. Unterr. XI 1898, S. 3 ff.). — Wem es aber mit aller Consequenz nur um die „Thatsache n" als solche zu thun ist, der darf überhaupt nicht erst auf das „Erklären", sondern er muss auch auf das „Beschreiben" verzichten, da ja dieses ganz ausdrücklich in einem Hineintragen ebenfalls von Relationen, nämlich Gleichheits- und Aehnlichkeits-Relationen zwischen dieThat- sachen besteht, indem es ja ein „Beschreiben" ohne die Thätigkeit des „Ver- gleichens" natürlich nicht giebt. — Solange es der Positivismus nicht wagt, die Dinge auf diese Spitze zu treiben, schuldet er denjenigen, welchen für die Not- wendigkeits-Relationen dasselbe billig scheint, was für die Vergleichungs-Relationen recht ist, den Nachweis, dass und warum beiderlei Relationen eine grundsätzliche Andersbehandlung verdienen. — Bis dahin aber, wann für diese Andersbehandlung die sachlichen, d. h. hier: relationstheoretischen Gründe beigebracht sein werden, brauchen wir in der positivistischen Leugnung der Notwendigkeit nichts anderes als ein gerade dieser Art von Relationen vorübergehend widerfahrenes Missgeschick zu sehen. — Eben hieraus sei es auch gerechtfertigt, wenn ich auf all' das, was aus älterer philosophischer Litteratur zur Theorie der Notwendigkeit als sichergestellt noch bis vor kurzem gelten durfte und über nicht lange auch wieder gelten wird, nur summarisch verweise. Es seien nur die zwei Namen LOTZE und SlGWABT in Verehrung genannt.
Inzwischen muss sich die — gegenwärtig allerdings noch etwas häufiger als etwa zu HüME's oder zu COMTE's Zeiten anzutreffende — Abneigung gegen Not- wendigkeit, wie alle „Richtungen" natürlich in sich selber ausleben, denn derlei Strömungen brechen sich überhaupt nicht an Gründen. Was nach dem Posi- tivismus in dieser Sache Positives von der Zukunft zu erwarten ist, Hesse sich etwa als eine Histologie der Notwendigkeits-Relationen be- zeichnen, d. h. ein Aufzeigen ihrer feineren Verzweigungen und Verflechtungen innerhalb der einzelnen Wissenszweige, welche ja in ihrer Erkenntnispraxis durch die erkenntnistheoretische Skepsis gegen die Notwendigkeit sich nie haben irre machen lassen. Am reichlichsten liegt das Material für eine erkenntnistheoretische Auffassung unter jenem besonderen Gesichtspunkte schon längst in der Mathematik vor. Und zwar hat sich mir jenes Bild am stärksten aufgedrängt in der „absoluten Geometrie"; denn hier ist ja der Zweck der ganzen in sich paradoxen Unter- nehmung gerade der, durch fingierendes Hinwegdenken einzelner Wahrheiten (z. B. des Parallelen-„Axioms") einzelne Zusammenhänge als minder fest, als nicht eigentliche, und eben hiemit andere Zusammenhänge als umso unlösbarer, als die eigentlichen Notwendigkeits-Relationen, zu erweisen (etwa wie in der membrana basilaris die Teilohen einer radialen Faser unter sich fester zusammenhänge n als mit denen einer neben ihr liegenden). — Doch es soll ja in dieser Anmerkung nicht von dem die Rede sein, was Notwendigkeiten leisten, sondern von dem, was sie nicht leisten. Und so möge schliesslich ganz flüchtig auch derjenigen Betrachtungsweise gedacht sein, welche nicht nur jenseits vonMuss undMuss-nicht, sondern überhaupt schon von Wahr und Falsch im wissenschaftlichen (keineswegs auch im Gesinnungs-) Nachwort zu Kant, II. Hauptstück: Dynamik. 45 einer Uebereinstimmung hinsichtlich eines festen Begriffsinhaltes „Notwendigkeit" als Kern des physikalischen Ursach-Begriffes sprechen könnte.
Unter der Unzahl von gelegentlich geäusserten Ansichten, welcher Sinn mit dem Worte „Notwendigkeit" eigentlich zu verbinden sei, Sinne steht: der künstlerischen Anschauung der Dinge. In seinen „Grundlagen des XIX. Jahrhunderts" wird CHAMBERLAIN nicht müde, GOETHE's Wort: „Lebhafte Frage nach den Ursachen.. ist von grosser.. Schädlichkeit" unter immer neuen geistreichen Nutzanwendungen einzu- schärfen. (Ganz nebenbei bemerke ich hier, dass auch GOETHtf in jener Stelle ebenso sehr vor „Verwechslung von Ursache und Wirkung" warnt — also ebenfalls jene Begriffe keineswegs inhaltsleer findet. — Die Stelle selbst ist den Aphorismen „Zur Naturwissenschaft im allgemeinen" entnommen.) Man kann sich der Wobl- that eines solchen Rates voll teilhaftig machen, ohne darüber aus dem Auge zu verlieren, dass wo man von der harten psychischen Arbeit des Denkens in Not- wendigkeits-Relationen aufatmet, man eben längst nicht mehr theoretische Mechanik, nicht mehr absolute Geometrie treibt; dies zu thun hat ja auch GOETHE nie das Bedürfnis gehabt. — HELMHOLTZ, von dem wir in vorliegender Schrift mehrmals Worte anzuführen hatten, die der „Kausalität" und der „Kraft" nichts weniger als feindlich sind (so S. 31, S. 60 Anm.), hat gleichwohl in einer der letzten seiner glänzenden Gelegenheitsreden: „Goethes Vorahnung kommender naturwissenschaftlichen Ideen" dem Positiven einer sozusagen bloss morphologischen, nicht aetiologischen Naturauffassung, z. B. auch dem KIRCHHOFF 'sehen Worte vom „Beschreiben" gerecht zu werden gewusst. Wir dürfen in dieser gelegentlichen Würdigung einer kausalfreien Naturbetrachtung bei HELMHOLTZ gewiss mehr als blosse wissenschaftliche Conciliance erkennen: denn die Rolle, welche gleichwohl die „Notwendigkeit" auch im künstlerischen Anschauen spielt, hat HELMHOLTZ psychologisch treffend als „Folgerichtigkeit" gekennzeichnet. — Geht man den letzten psychologischen Gründen speciell dieser Rolle der Notwendigkeit nach, so dürften es jene Gesetze der Vorstellungsbewegung sein, welche ich („Psychische Arbeit" § 53, Ztschr. f. Psych. VIII, S. 187, Sonderabdruck S. 86 ff.) zu entwickeln versucht habe. Jeder Verstoss gegen die Notwendigkeiten einer Charakterentwicklung u. dgl., welche für den in künstlerischer Anschauung Auf- gehenden gar nicht mehr Gegenstand irgend einer Beurteilung, geschweige einer wissenschaftlichen ist, hemmt gleichwohl den Strom der Vorstellungen, welche seine Phantasie mit erzeugen muss, und mit dieser Vorstellungsbewegung ist auch