Dies in Antwort auf Deine Aufträge. Richte es so pünctlich aus, als Du Dich derjenigen an mich erledigt zu haben scheinst. Jezt blos an Dich.
Ich habe in meinem lezten Briefe auf niemand weniger gezielt, als auf Dich. Du bist jung und =Dir= war eine solche Nachläßigkeit im Briefschreiben eher zu verzeihen. Daß ein Brief an mich entworfen gewesen ist, glaube ich. Aber warum nicht fortgeschickt? Daß ich in Dreßden sei, war ein sehr albernes Gerücht, und es war übereilt ihm zu glauben. Da ich mich nicht scheue, irgend jemand unter die Augen zu gehen, so würde ich von Dreßden aus nicht ermangelt haben, meinen Aufenthalt zu wißen zu thun. Eben so sicher war darauf zu rechnen, daß, wenn ich meinen Aufenthalt auf eine andere Art verändert hätte, ich es eben so richtig würde gemeldet haben, als ich meine Ankunft in Leipzig meldete. Sind also alles dies nicht leere Entschuldigungen, wie ich nicht glauben will, so gründen sich doch alle diese Muthmaaßungen auf eine sehr verkehrte Meinung von meinem Character, und diese freut micht nicht. In Dreßden bin ich vorigen August 2. Tage gewesen. Ich habe nicht geglaubt Ursache zu haben, mich vor irgend jemand zu versteken.
Daß ich Dich, mein Bruder, noch liebe wie sonst, versichere ich Dich mit eben der Offenheit, mit der ich Dir es frei heraussagen würde, wenn Du bei mir verloren hättest. Ich denke der Tage, da ich in Dir die einzige gute Seele fand, die mich liebte, und mit der ich ein Wort reden konnte, wie ichs reden mochte. Gott erhalte Dein Herz unverdorben! und dann erhalte mir Deine Freundschaft auch in der Entfernung; ob es gleich nicht scheint, daß wir einander in diesem Leben wiedersehen werden.
In Absicht des Briefwechsels werde ich es immer halten, wie jezt. So oft Du mir schreibst, erhältst Du den nächsten Posttag Antwort. Schreibst Du mir nicht, so hast Du freilich auch auf keine Zeile von mir zu rechnen. Worum Du mich fragst, werde ich Dir stets, so viel es sicher, und gut ist, beantworten. Worüber Du mich nicht fragst, darüber sage ich nichts. So hast Du z. B. jezt auf keine Nachricht über meine Lage, Pläne, Aussichten zu rechnen, weil Du mich nicht darum gefragt hast.
Verändert sich mein Aufenthalt, so schike ich Dir meine Adresse, =wenn du es verlangst=. So wollte ich Dir z. B. wohl rathen, wenn Dir oder irgend jemand in unserer Familie an fortdauernder Verbindung mit mir gelegen ist, mir noch vor Ende des Merzes zu schreiben. Sonst gehe ich aus Sachsen, ohne daß irgend jemand von euch erfährt, wo ich bin.
Mein guter Vater -- Du weißt es, wie sehr ich ihn immer geliebt habe -- dauert mich, daß ich ihm, deßen Leben so leidenvoll war, nicht einst den Rest seiner Tage versüßen, und seinen vortreflichen Umgang genießen soll: Du dauerst mich, daß ich nicht etwas beitragen sollte, Deinen Geist bilden zu helfen und wo möglich, Deine Schiksale etwas zu verbeßern. Aber es ist nicht zu ändern. Du bist jung; Dich seh' ich vielleicht noch hienieden wieder. Meinen geliebten Vater höchst wahrscheinlich nur in beßern Welten, in denen seine Thränen abtroknen und sein Leiden enden wird. Die Augen gehn mir über. Grüße diesen theuern Vater herzlich, und sage ihm, aber =allein=, wie ich gegen ihn denke: aber er solle mir verzeihen, daß ich nicht anders handeln könne.
Ueber Deine Zunahme freue ich mich; ich sehe zum Theil aus Deinem Briefe, daß sie nicht bloße leere Einbildung ist. Aber, erlaube einem ältern Dich herzlich liebenden Bruder Dir zu sagen, daß wahre Weißheit immer bescheiden ist; und daß jede List das Herz verderbt. Ich habe mein ganzes Moralsystem geändert. Doch davon ein andermal; wenn du =auf obige Bedingungen= den Briefwechßel fortsezen willst. -- Grüße meine Eltern und Geschwister herzlich. Ich bin Dein Dich liebender Bruder.
J. G. Fichte.
Meine Adreße ist bis Ende Merzes =Leipzig, auf der Schloßgaße neben dem Petrino in Brauns Hause 3. Treppen=.
Demselben Bruder gilt der nächste Brief, welcher besonders darum interessant ist, weil er außer verschiedenen schon angeregten Beziehungen auch Fichte's Studium der Philosophie und seine Herzensverhältnisse bespricht.
Ueber die hier berührte frühere Neigung zu Charlotte Schlieben (so scheint der Name gelesen werden zu müssen) ist sonst Nichts bekannt.
Seine Gönnerin, die »Dame aus Weimar« schwieg, nach einem Briefe vom 1. August, worin ihr Name auch nicht genannt wird (I, 77), »seit ein paar Monaten« über ihr »Project«, ihn »an einen gewissen sehr guten Hof zu bringen«. Wie sehr aber sein Gemüth noch immer durch den Mangel eines bestimmten, festen Wirkungskreises beunruhigt in unstetem Schwanken gehalten wurde zu einer Zeit, wo seine Verheirathung bereits beschlossen war, wie schon im vorigen Briefe angedeutet und in diesem deutlich ausgesagt ist, wie er auch am 7. Febr. und noch am 1. März an seine zukünftige Gattin schreibt (I, 98 f.), das beweist der Schluß dieses Schreibens. Sicherlich bedarf es, zumal bei einem so auf sich selbst gestellten Charakter, wie ihn Fichte besaß, keiner Entschuldigung, sondern fordert vielmehr achtungsvolle Anerkennung, daß sein Mannesstolz es nicht ertragen mochte, eine andere Seele an sein unbestimmtes Schicksal zu fesseln oder in gemächlicher Ruhe sich vom Vermögen seiner Frau zu nähren. Wohl aber ist dabei zu beachten, daß nicht jugendlich blinde Leidenschaft ihn zu der vier Jahre älteren Braut zog, sondern die mit näherer Bekanntschaft sich steigernde und mit verständiger Besonnenheit verbundene Werthschätzung (I, 39 ff.).
Die »gewisse Begebenheit«, die er hier als nächste Veranlassung der erneuerten Kämpfe nennt, dürfte wohl die in dem Briefe an seine Braut vom 1. März 1791 (I, 99 f.) allerdings etwas dunkel beschriebene Anklage wegen Entlarvung eines Betrügers sein.
5.
Mein lieber Bruder, Erst vor zwei Stunden habe ich Deinen Brief erhalten (denn entweder Du datirst Deine Briefe falsch, oder giebst sie erst spät auf die Post).
Jezt habe ich die erste freie Stunde, und sogleich seze ich mich her, Dir zu antworten, und wenn die paar Stunden die von jezt bis zum Abgange der Post mein sind, zulangen, so geht noch heute mein Brief ab. Endlich habe ich einen Brief von Dir gelesen, wie ich sie von Dir zu lesen wünsche...[Lücke].. Freund. Ich weiß, Bruder, daß Du mich liebst, und ich fühle immer mehr den Vortheil, einen Freund zu haben, den die Natur selbst für uns bildete, und den sie uns so wunderbar ähnlich schuf. Ich werde Dich immer lieben; nichts hat mein Herz gegen Dich erkältet, denn die letztern Vorfälle habe ich nicht auf Rechnung Deines Herzens, sondern auf Rechnung Deiner Jugend, und Deines Mangels an Weltund Menschen-Kenntnis geschrieben. Und wenn =ich= solche Fehler nicht verzeihen könnte?
Habt Ihr nicht einen Brief von mir erhalten, der ohngefähr im Februar vorigen Jahres aus Zürich geschrieben war, und worinn ich meinen Entschluß wieder nach Sachsen zu kommen, ankündigte? Ich hoffe nicht, daß Fritsche aus seiner sehr knauserigen Oekonomie auch diesen zurükbehalten hat. Hat er das, so habe ich freilich bisher Unrecht zu haben =geschienen=; aber es nicht =gehabt=. Aber da niemand allwißend ist, so bitte ich, =aber nur in diesem Falle=, um Verzeihung. -- Ich werde inzwischen die Sache mit den Briefen untersuchen. Ich verlies Zürich, weil es mir, wie ich mehrmals nach Hause geschrieben habe, in dem Hause, in welchem ich war, nicht ganz gefiel. Ich hatte von Anfange an eine Menge Vorurtheile zu bekämpfen; ich hatte mit starrköpfigten Leuten zu thun. Endlich, da ich durchgedrungen, und sie gewaltiger Weise gezwungen hatte, mich zu verehren, hatte ich meinen Abschied schon angekündigt; welchen zu widerrufen =ich= zu stolz, und =sie= zu furchtsam waren, da sie nicht wißen konnten, ob ich ihre Vorschläge anhören würde. Ich hätte sie aber angehört. Uebrigens bin ich mit großer Ehre von ihnen weggegangen: man hat mich dringend empfohlen; und noch jezt stehe ich mit dem Hause im Briefwechsel.
Ich ging mit den weitaussehendsten Aussichten und Plänen von Zürich: nicht um in Sachsen zu bleiben, sondern um in Leipzig den Erfolg meiner großen Pläne abzuwarten. Ich hatte...[Lücke]...und war daselbst höher...[Lücke]...Auf meiner Reise lernte ich große Personen kennen, die alle mich zu ehren schienen. Bewegungsgründe genug, um mir viel zuzutrauen. Ich war von Zürich aus dringend an den _Premier Ministre_ in Dänemark, Graf von Bernstorf, an den großen Klopstok, u. s. w. empfohlen.
Ich erwartete nichts weniger, als eine Minister Stelle in Coppenhagen.
-- Zu gleicher Zeit schrieb mir eine vornehme Dame aus Weimar: sie arbeite, und habe Hofnung, mich an einen Hof zu bringen. -- Im kurzen scheiterten alle diese Aussichten, und ich war der Verzweiflung nahe.
Aus Verdruß warf ich mich in die =Kantische= Philosophie (vielleicht ist Dir der Name einmal in einem der Bücher, die Du liesest, vorgekommen) die eben so herzerhebend, als kopfbrechend ist. Ich fand darin eine Beschäftigung, die Herz und Kopf füllte; mein ungestümer Ausbeitungs Geist schwieg: das waren die glücklichsten Tage, die ich je verlebt habe. Von einem Tage zum andern verlegen um Brod war ich dennoch damals vielleicht einer der glüklichsten Menschen auf dem weiten Runde der Erden. -- Ich fing eine Schrift an, über diese Philosophie, die zwar warscheinlich nicht herauskommen wird, weil ich sie nicht vollendet habe; der ich aber doch glükliche Tage, und eine sehr vortheilhafte Revolution in meinem Kopfe, und Herzen verdanke.
Eine neue Periode! Unter den Häusern, mit denen ich in Zürich sehr genau bekannt war, war das, eines Mannes von ohngefähr 70. Jahren, der mit dem besten Herzen viel Kenntniße und eine ungeheure Welt- und Menschenkenntniß vereinigte. Dieser Mann wurde durch einen vertrauten Umgang mit mir in die schönen Zeiten seiner Jugend zurükversezt. Er liebte mich, als ein Vater; und verehrte mich höher, als es meine Verdienste, oder seine Jahre eigentlich erlaubten. Dieser Mann hatte eine einzige Tochter, die unter seinen Augen aufgewachsen war; die noch nichts gefühlt hatte, als innige Verehrung dieses Vaters, und die von Jugend auf gewohnt war, alles mit den Augen ihres Vaters anzusehen. War es ein Wunder, daß, =ganz ohne mein Zuthun=, der Liebling des Vaters auch der der Tochter wurde? Welche Mansperson ist nicht scharfsinnig genug, Empfindungen von der Art bald zu entdeken, die noch dazu mir eben nicht verholen wurden? Mein Herz war leer, Charlotte Schlieben war schon längst daraus vertilgt. Ich ließ mich lieben, ohne es eben zu sehr zu begehren. -- Ich reis'te von Zürich ab, nachdem wir einander unbestimmte Versprechungen gemacht, und einen beständigen Briefwechsel verabredet hatten. Dieser Briefwechsel wurde von Ihrer Seite immer dringender, und zärtlicher. Endlich -- und das fiel in jene Periode meiner Philosophie, meiner hohen Seelenruhe und meiner gänzlichen Gleichgültigkeit gegen allen Glanz der Welt -- schrieb sie mir, ich solle, da meine Aussichten scheiterten, zu ihr nach Zürich kommen; das Haus ihres Vaters, und ihre Arme stünden mir offen. Ich besann mich in meiner damaligen Stimmung keinen Augenblick Ja zu sagen. Noch erwartet sie mich in der Mitte des Aprills, und will sich sogleich bei meiner Ankunft mit mir verheirathen.
Ihr Vater hat mich in dem zärtlichsten Briefe eingeladen. Sie selbst ist die edelste, treflichste Seele; hat Verstand, mehr als ich, und ist dabei sehr liebenswürdig; liebt mich, wie wohl wenig Mannspersonen geliebt worden sind. Sie ist nicht ohne Vermögen, und ich hätte die Aussicht einige Jahre in Ruhe mein Studiren abzuwarten, bis ich entweder als Schriftsteller, oder in einem öffentlichen Amte, welches ich durch die Empfehlung einer Menge großer Männer in der Schweiz, die sehr viel von mir halten, und die Correspondenz in alle Länder Europas haben, wohl erhalten könnte, selbst ein Hauswesen unterhalten könnte. -- Ich bin seit Michaelis fest entschloßen gewesen, diesen Antrag zu ergreifen; und noch da ich meinen leztern Brief schrieb, war ich der Meynung, und schrieb daher, daß ich zu Ostern nach der Schweiz gehen würde. Aber von einer andern Seite hat eine gewiße Begebenheit wieder meinen ganzen Durst in die Welt hinaus aufgewekt; ich liebe die Sitten der Schweizer nicht, und würde ungern unter ihnen leben, es ist immer eine gewagte Sache, sich zu verheirathen, ohne ein Amt zu haben; und endlich fühle ich zu viel Kraft und Trieb in mir, um mir durch eine Verheirathung gleichsam die Flügel abzuschneiden, mich in ein Joch zu feßeln, von dem ich nie wieder loskommen kann, und mich nun so gutwillig zu entschließen, mein Leben, als ein Alltags Mensch vollends zu verleben. -- Ich bin also seit einiger Zeit sehr unentschloßen, ob ich gehen werde.
Gehe ich aber nicht, so weiß ich nicht, was ich anfangen werde. Ich habe mehreren Männern hier in Leipzig, die sich für mich intereßiren, gesagt: daß ich ihnen für ihre Güte danke; weil ich auf Ostern anderweitige Aussichten habe. Ich darf ferner dann nicht in Leipzig bleiben, weil meine Geliebte mich hier zu gut zu finden weiß; weil ich mich der Fortdauer eines Briefwechsels ausseze, der mir sehr beschwerlich werden würde; weil ich ihr die in meiner Seele vorgegangene Veränderung nicht plözlich sagen, sondern sie allmählich darauf vorbereiten will. -- Muß ich aber Leipzig verlaßen, so bleibt mir nichts übrig, als Dreßden.
Davon unten ein mehreres.
Der Schluß des Schreibens fehlt.
Der nächste, ebenfalls nicht ganz vollständig erhaltene Brief führt die Aufschrift: Dem Herrn _Fichte_ Krämer in _Rammenau_ _p. Bischofswerda_.
d. Einschluß bis Querfurt.
und stammt aus dem Jahre 1792, da Fichte am 1. Juli 1791 nach Königsberg und im Herbste (September?) dieses Jahres in das gräflich Krockowsche Haus in der Nähe von Danzig gekommen war.
6.
Theuerste Eltern; Ich habe Ihnen schon verwichnen Herbst von Königsberg aus geschrieben, ich ersehe aber aus der erst vor zwei Tagen eingelaufenen Antwort meines Correspondenten in Sachsen, daß Sie diesen Brief erst im Februar dieses Jahres können erhalten haben. Meine Lage hat sich seitdem sehr geändert, und ich ergreife die erste Gelegenheit, da ich nach Sachsen schreibe, um Sie davon zu benachrichtigen. Ich habe nemlich meinen Ekel gegen das Hofmeister Leben noch einmal überwunden, und lebe seit October vorigen Jahrs =in Krockow, bei Neustadt, in West Preußen= hart an der Ost See, 6. Meilen westwärts Danzig als Führer des Sohns des Königl. Preußischen Obrist Grafen von Krockow. Diesmal hat mich meine Entschließung nicht gereut, und wird mich warscheinlich nie reuen. Ich bin in einem Hause, das in seiner Art einzig ist, weil es in unsrer Gräfinn durch eine wohlthätige Göttin beseelt wird, geehrt, und geliebt; habe Aussichten, wenn ich je daran denken sollte, mich fest zu sezen, so gut sie einer haben kann; und beschäftige mich neben zu mit Schriftsteller Arbeiten.
Macht Ihnen also das Glük Ihres Sohns Freude, so erhalten Sie hierdurch die Versicherung, daß ich jetzt so glüklich lebe als...[ist abgerissen]...Ich hoffe, daß Sie alle sich wohl befinden, und sich meiner freundschaftlich erinnern. Wollen Sie mich davon benachrichtigen, so geben Sie Ihre Briefe unter der Addreße =Krockow, bei Neustadt in West-Preußen= etwa in Frankfurt an der Oder auf die Post -- aber postmäßig gepakt, und gut gesiegelt und überschrieben. -- Ich werde nicht unterlaßen Ihnen von Zeit zu Zeit mit so wenig Kosten als möglich, Nachricht von mir zu geben.
Mein ganzes Geschwister, besonders Gotthelfen, versichre ich meines brüderlichen freundschaftlichen Andenkens. Dies einzige thut mir leid, daß ich keine Aussicht habe, eines von Ihnen so bald wieder zu sehen.
Ich werde meine vielen Wanderschaften warscheinlich in West-Preußen auf eine geraume Zeit beschließen. -- Auch den Herrn Pastor Wagner bitte ich freundschaftlich von mir zu grüßen. Es ist jezt meine angelegenste Sorge, und vielleicht begünstigt sie das Schicksal, meine wirthschaftlichen Umstände auf so eine Fuß zu setzen, daß ich vorerst meine Schulden ([Zusatz am Rande:] die sich in manchen Ländern der Erde höher belaufen, als man glauben sollte) bezahlen, und dann die heilige Pflicht meiner geliebten Eltern Schiksal wenigstens in etwas zu versüßen, beobachten kann.
Leben Sie recht wohl, und versichern Sie sich der kindlichen Liebe Dankbarkeit und Ergebenheit...[abgerissen] Der folgende Brief mit der Aufschrift: »Meinen theuersten Eltern«, also ebenfalls durch Einschluß befördert, ist geschrieben aus dem Hause seines spätern Schwiegervaters, der Klopstock's Schwester zur Frau hatte, des Waagmeisters Rahn in Zürich, dessen Tochter Johanna Maria er schon vier Jahre früher, als er in Zürich als Erzieher lebte, kennen gelernt und lieb gewonnen hatte (I, 38 ff. 148; vgl. Fichte's eigene Aeußerungen über sie II, 154. 220. 256. 432. 503 ff., und ihre Briefe an Charlotte von Schiller II, 402 ff.). Er hoffte schon im April 1791 sie wiederzusehen und sich ehelich mit ihr zu verbinden; aber Verluste, die Rahn an seinem Vermögen erlitt, zerstörten diesen Plan. Der Biograph scheint mit den Worten: »Jetzt nach manchen vereitelten Planen eilte er mit Sehnsucht dahin« (I, 116) die Vermuthung aussprechen zu wollen, Fichte habe die Reise nach der Schweiz wirklich gemacht oder begonnen; mir ist dies aber ganz unwahrscheinlich, da Fichte nach obigem Briefe am 5. März noch in Leipzig war und am 28. April bereits von da nach Osten und Norden abreiste (I, 118).
7.
Theuerste Eltern, Ich bin nach einer langen Reise glüklich und gesund in Zürich angekommen, und habe meine Geliebte, ihren Vater, ihre Familie voll Liebe, Freundschaft und Achtung für mich getroffen. Ein Umstand hat unsre wirkliche Verbindung aufgehalten, und hält sie leider! noch auf.
Der Herr Pastor Wagner wird Ihnen den erklären, und Sie vielleicht um eine schriftliche Einwilligung in unsre Ehe bitten, die Sie mir mündlich schon gegeben haben.
Meine Geliebte grüßt Sie mit dem kindlichsten Herzen, und wünscht nichts inniger, als daß auch sie einst dazu beitragen könne, Ihnen den Abend des Lebens zu versüßen -- Ich überzeuge mich immer mehr, welch' eine vortrefliche Person sie ist, und erfahre zugleich in welch' eine ausgebreitete und große Verbindung mit allem was in Teutschland angesehen, und gros ist, ich durch diese Heyrath komme -- ich, der ich schon auf meinen Reisen nicht unwichtige Freundschaften geschlossen habe.
Ich und meine Geliebte grüßen herzlich alle meine Geschwister, die ich bitte sich unsrer freundschaftlich zu erinnern.
Nächstens schreibe ich Ihnen mehr. Jezt geht die Post ab.
Zürich, im Waaghause d. 26. Jun. 1793.
Ihr gehorsamer Sohn J. Gottlieb Fichte.
Was Fichte's Verehelichung aufhielt, waren die Schwierigkeiten der damaligen Züricher Gesetze bei der Verheirathung und Niederlassung eines Ausländers (I, 155. II, 154), weswegen Fichte auch unter dem 16.
Juli an den Oberhofprediger Reinhard in Dresden schrieb mit der Bitte um Ausfertigung eines Erlaubnißscheines vom sächsischen Kirchenrathe zu seiner Trauung (II, 418).
Nicht lange aber dauerte es, bis Fichte den Ruf als Professor nach Jena erhielt, wo er Sonntag, den 18. Mai 1794 ankam und schon am 23.
seine öffentlichen Vorlesungen, sowie Montag, den 26. Morgens von 6-7 Uhr seine Privatvorlesungen eröffnete. So sehr ihn nun auch dieses neue Amt in Anspruch nahm, so fand er dennoch Zeit, an seinen schon oben erwähnten Bruder Gotthelf zu denken und mit einer Art von väterlicher Fürsorge ihm die Wege zu höherer geistiger Ausbildung zu zeigen. An diesen ist denn nun eine ganze Reihe von Briefen gerichtet, welche im höchsten Grade anziehend wie belehrend sind durch die psychologische Einsicht und die pädagogische Weisheit, womit der ältere Bruder den jüngeren nach der Eigenthümlichkeit seines Wesens, seiner Anlagen und seiner Fehler beurtheilt und auf die Mittel zur Verbesserung seiner schlechten Angewöhnungen und seiner Mängel aufmerksam macht. Die Klarheit und Richtigkeit dieser Beobachtungen und Bemerkungen ist so einleuchtend, daß darüber nichts weiter zu sagen ist. Hervorzuheben aber ist namentlich noch erstens die von trügerischen Einbildungen und unbesonnenen Hoffnungen reine Nüchternheit, womit Fichte seinem Bruder gleich von vorn herein ankündigt, daß der ganze Bildungs- und Studienplan unter den obwaltenden Verhältnissen, bei dem vorgerückten Alter (genau findet sich dasselbe nicht angegeben) u. s. w. nicht mehr als eben nur ein Versuch sein könne. Hervorzuheben ist ferner auch die unerbittliche Entschiedenheit, womit er ihm immer und immer wieder das nothwendig Abzulegende wie das unumgänglich zu Erstrebende vorhält, -- eine Entschiedenheit, die freilich auch heutzutage in manchen Kreisen der Erziehung um so weniger gern gesehen wird, mit je größerer Ueberzeugungstreue und Festigkeit sie auftritt, -- eine Entschiedenheit, deren Berechtigung auch damals dem Bruder, gegen den sie geltend gemacht wurde, nicht immer so ganz einleuchten mochte, so wie sie ja selbst der Gattin Fichte's, deren höchst liebenswürdige Briefe ich mit beifüge, zuweilen zu hart erschien (vgl. besonders den Brief Nr. 14).
So anziehend aber diese echt weibliche Milde ist, so achtungswerth ist des Mannes Strenge, der als Erzieher auch gegen den Bruder von den ernsten Anforderungen nichts nachließ, wo er nichts nachlassen durfte.
8.
Meinem Bruder Gotthelf.
Mein lieber Bruder, Du hast in den Punkten, die ich Dir bei deiner Prüfung vorgelegt, manches nicht aus dem richtigen Gesichtspunkte angesehen. -- Dahin gehören die =gelehrten Sprachen=. In Erlernung derselben hat ein schon gebildeter Kopf allerdings Vortheile, die das Kind nicht hat; er faßt besser die allgemeinen Begriffe, die dazu nöthig sind; aber er hat auch =Nachtheile=. Das mechanische Lernen bloßer Schalle, wie die Wörter sind, ist ihm etwas troknes. Einen Nachtheil hat er, an dessen Ueberwindbarkeit ich ganz zweifle: die =Verhärtung der Sprachorgane= zur Hervorbringung der richtigen Töne, besonders in der Französischen Sprache; wobei Du noch einen Nachtheil mehr hast, als andere, da Dein mütterlicher Dialekt das verdorbene Sächsisch, und noch dazu das höchstverdorbene Ober Lausitzer Sächsische ist. Ich selbst, der ich doch von meiner ersten Kindheit an aus der Gegend gekommen, habe Mühe gehabt, selbst meine teutsche Mundart so zu reinigen, daß man mir mein Geburtsland nicht mehr anhöre; Du wirst das nie können. Französisch gut sprechen habe ich nie lernen können; eben um dieser Muttersprache Willen; und Du wirst nie auch soweit kommen, um einem Franzosen Dich verständlich zu machen, aus Gründen, die ich Dir mündlich entwikeln will: (nicht bloß der Gaum, und die Zunge, auch das =Ohr= wird verhärtet; man hört den rechten Ton gar nicht.) -- Ferner ist ein Hauptpunkt das feinere Betragen der großen Welt, das einem Gelehrten, der zur höhern Klasse gehören, und nicht unter den gemeinen gelehrten Handwerkern verbleiben will, schon jezt nöthig ist, und immer nöthiger wird. Denn der Gelehrten Stand fängt an sich auf eine immer höhere Stuffe empor zu arbeiten; und ehe Du auftrittst, wird die Sache wieder weit höher getrieben seyn. Wem es in diesem Punkte fehlt, den macht man lächerlich, eben darum, weil man die Uebermacht des Gelehrten unwillig mit ansieht; und nun ist er um alle seine Brauchbarkeit. Du kannst Dir das gar nicht so ganz denken, weil es gänzlich außer Deiner Sphäre liegt. -- Ein solches feines Betragen nun lernt in spätern Jahren sich nie; denn die Eindrüke der ersten Erziehung sind unaustilgbar. (Mir sieht man die meinige jezt vielleicht nicht mehr an; aber das macht mein sehr frühes Leben im Miltizschen Hause, mein Leben in Schulpforta, unter meist besser erzognen Kindern, mein frühes Tanzenlernen u. s. w. Und dennoch hatte ich noch nach meinem Abgange von der Universität einige bäurische Manieren; die bloß das sehr viele Reisen, das viele Hofmeisterieren, in verschiedenen Ländern, und Häusern, und besonders die größte Aufmerksamkeit auf mich selbst vertilgt haben. Und weiß ich denn, ob sie ganz vertilgt sind? --) Das also ist der Hauptpunkt, über den wir nie kommen werden; und das -- gesteh ich -- thut mir weh, weil ich die Wichtigkeit davon einsehe, die Du nicht siehst.
Dennoch glaub ich muß die Probe gemacht werden. Gesezt, es geht nicht, so kann es nicht schaden, daß Du wenigstens mit einigen Seiten der höhern Stände bekannt werdest, und eine solche Bekanntschaft kann Dir in mancher Art nüzlich werden. Hierbei also kommt es auf die Frage an: =ob Du Dir Seelenstärke genug zutraust=, um, wie es seyn muß, ohne Beklemmung in Deinen jetzigen Stand wieder zurük zu treten? Ich stelle mir, =bei gehöriger Seelen Größe=, einen solchen Zustand, als sehr angenehm vor. Man kennt dann die Unannehmlichkeiten der höhern Stände aus Erfahrung, und ist in dem seinigen desto zufriedener.
Komm also zu mir; denn ob ich gleich dadurch, daß ich Dich spreche, kaum in irgend etwas näher von Deinem Zustande werde belehrt werden, als ich es schon jezt bin, so freue ich mich doch theils darauf, Dich zu sehen; theils erwarte ich von Dir einige Winke, =wohin= ich Dich zuerst thun müße. Das allererste muß seyn, Deinen Körper, und Deine Sitten zu bilden ([Zusatz am Rande:] ehe dieses geschehen ist, kann ich Dich auch nicht einmal bei mir haben, weil dadurch auf einer Universität, bei Studenten, auf mich selbst ein übles Licht fallen würde): und nebenbei zu versuchen, ob das Gedächtniß, und die Zunge die Sprachen faßt. Dies kann ein paar Jahre dauren. Und Du brauchst vor der Hand weniger einen Lehrer, als eine =Erzieherin=. Um einem jungen Menschen Sitten beizubringen, ist das weibliche Geschlecht schlechthin unentbehrlich. Ferner muß das in einer =Stadt=, und zwar in einer schon etwas großen Stadt geschehen, und da kenne ich denn weder =Stadt=, noch =Haus=, in die ich Dich thun könnte.
Hier in der Nähe wünschte ich es nicht: sonst wäre allenfals =Weimar= der Ort. =Tanzen= lernen müstest Du vor allen Dingen. Wenn Du dann so gebildet wärest, daß Du ohne Anstoß in Gesellschaft erscheinen könntest, so nähme ich Dich in mein Haus: und =dann= wollten wir wohl sehen. -- Aber ob es dahin je kommen werde, das ist eben die Frage.
Was Du mir über den Aufwand schreibst, den mir dieses verursachen könnte, das muß ich Dir beantworten. -- Du irrst, wenn Du glaubst, daß er gering seyn werde; weil Du die Sache nur =einseitig=; nur von der Seite des =Lernens= ansiehst; und auch über diesen Punkt nicht weißt, =wie viel= zu lernen ist, wovon Du noch gar keinen Begriff hast. Aber es ist überhaupt am Wenigsten vom Lernen; es ist von ganzer =sittlicher Bildung= die Rede; und diese kostet um so mehr Zeit, und Geld, wenn man schon so lange her =verbildet= ist. Du wirst aus dem, was ich oben über diese erste Vorbereitung gesagt habe, ohngefähr einen Schluß machen können. Aber das thut nichts zur Sache. Was ich mir vornehme, das =muß= seyn; und dazu =muß= das Geld =mir= werden; das wißt ihr ja aus vielfältiger Erfahrung. Ueberhaupt erheitern sich meine Aussichten über diesen Punkt: ich werde eine gute Einnahme, aber freilich auch eine starke =Ausgabe= haben; denn das geht hier zu Jena stets mit einander, und ist nicht zu trennen. -- Aber arbeiten muß ich schon jezt, und werde ich müßen, wie noch nicht leicht ein Mensch gearbeitet hat.
Vom =wiedergeben= an mich, wovon Du auch redest, kann nie die Frage seyn: und ich will Dir im Fall der Möglichkeit sogleich jetzo feierlich eine Anweisung geben. Ich würde auf jeden Fall für unsere Eltern etwas gethan, gesorgt haben, ihnen ein bequemeres, freudenvolleres Alter zu verschaffen -- besonders unserm guten Vater, der in seinem mühevollen Leben ein frohes Alter gar wohl verdient hätte. An diesen gieb zurük, wenn Dir Dein Plan gelingt; ich will unsern Eltern in Dir noch einen Sohn geben, der für sie thue, was =ich= vor der Hand nicht thun kann.
Ich erwarte Dich. Tritt nicht im Gasthofe ab, sondern komm gerade zu mir: auf der =Bachgaße=, in der Spachmeisterin [so steht, ziemlich deutlich, geschrieben; es soll wohl Sprachmeisterin heißen] Dyrr Hause wohne ich. Ich weiß nicht, ob ich Dich die Nacht werde logiren können, da ich jezt mir ein eigenes Hauswesen einrichte, ein paar Profeßoren den Tisch bei mir haben, und ich vor jetzt nur zwei Stuben inne habe. Aber wir werden ja sehen! -- Ich bin von 7. Uhr früh Morgens Vormittags immer zu Hause, und ich werde sorgen, daß ich gegen den 7. Jul. nicht...[dringende?] Arbeit habe. Ich habe diese zwar immer; aber ich muß voraus arbeiten wenn =ich= kann. -- Ferner wünschte ich nicht, daß Du weder auf dem Wege hierher, noch in der Stadt, noch in meinem Hause verbreitest, in welcher Beziehung Du mit mir stehst. Ich habe dazu meine Ursachen.
Wenn Du bei mir bist, so wird sich dann alles finden. Wenn Du aber als mein Bruder erscheinst, so verlangen die Häuser, mit denen ich näher bekannt bin, und es sind deren viele, daß ich Dich mit ihnen bekannt mache: und das könnte weder Dir, noch ihnen, noch mir angenehm seyn. -- Der Brief hat keine Unterschrift, vielleicht ist noch ein Blatt angefügt gewesen.
In Bezug auf Fichte's Hauswesen, welches in dem Briefe berührt wird, mag daran erinnert werden, daß seine Gattin nebst seinem Schwiegervater erst im Laufe des Sommers (nicht vor Ende Juli) ihm nach Jena nachfolgte, und daß er unterdeß sich eine Köchin hielt, mit der er ziemlich zufrieden war (I, 217). Daher kommt es auch, daß, wie die späteren Briefe zeigen, Fichte's Frau seinen Bruder noch nicht kannte, obschon dieser jedenfalls im Juli bei ihm in Jena gewesen ist.
Die Schlußbemerkungen, wie auch die Randnotiz in der Mitte des Schreibens, zeigen, wie überaus sorgfältig, fast ängstlich, Fichte auf seinen gesellschaftlichen Ruf bedacht war. Bei ihm, der nicht blos Vorlesungen halten, sondern auf das ganze Wesen und Leben der Studirenden einwirken und sie aus der damals herrschenden studentischen Rohheit und Zügellosigkeit auch sittlich heben wollte, bei ihm versteht sich von selbst, daß er nicht in leerer Eitelkeit sich seines ungebildeten Bruders schämte, sondern höhere Rücksichten nahm.
9.
Ich hätte Dir, und Deinetwegen nach Meisen schon lange geschrieben, wenn ich Zeit gehabt hätte. Aber Du kannst mir's glauben, daß ich oft auch zu einem Briefe die nöthige Zeit nicht habe.
Mit Anfange des Septembers dieses Jahres bist Du Kostgänger bei dem ConRektor auf der Stadtschule zu Meisen, Herr _M._ Thieme, der in allen Stüken für Dich sorgen wird. Du hast bei ihm alle Bedürfniße des Lebens, und Unterricht in der Lateinischen, und Französischen Sprache, und in der Geschichte. -- _M._ Kenzelmann wird immer Dein Freund seyn, und Dir rathen. -- Richte Dich also ein, daß Du mit Anfange des Septembers in Meisen bist. Was an den ConRektor zu bezahlen ist, ist schon bezahlt. -- Für Kleider, -- wobei Dir ohne Zweifel _M._ Kenzelmann mit seinem Rathe an die Hand gehen wird; meinen Wunsch weißt Du; ja nicht =kostbar=, und =theuer=, aber =modisch= -- und Büchern, wozu Dir nemlich der Herr C. R.
Thieme rathen wird, versorge Dich selbst aus dem Dir abgetretnen Gelde ([Zusatz am Rand:] auch bezahlst Du davon den Tanzmeister, den Dir Hrr.
Thieme zuweisen wird.). Ich denke, das soll langen. Wegen der Herrschaft, denke ich, halten wir es so. -- Du bist verreis't, -- wer weiß es denn, wo Du hin verreist bist; Du bist ja bisher immer auf dem Handel gewesen; die andern Brüder sind auch auswärts, -- wer weiß denn, wo Du bist? Nur hättest Du dann immer =schweigen= müßen. Habt ihr nicht =schweigen können=, so ist die Sache freilich übel; und in diesem Falle bitte ich Dich, mir sogleich zu schreiben, damit ich meine Maasregeln zu nehmen wiße.
Gelingt dann Dein Vornehmen, so werde ich die Sache schon selbst abzumachen wißen ([Zusatz am Rande:] bis dahin giebst Du Dein =Schuzgeld=, wie vorher). =Gelingt es nicht=, so kannst Du ohne Nachtheil, und Nachrede in Deinen vorigen Stand zurüktreten. Gelingt es nicht, sagte ich -- denn ich muß frei mit Dir reden, mein liebster Bruder. So ein Gedanke scheint Dir gar nicht einzufallen; ich muß demnach selbst Dich darauf aufmerksam machen. Du hältst den Sieg schon für errungen: aber er ist es noch gar nicht. Wir wollen es erst versuchen; und ich habe nie Dir mehr versprochen, und kann Dir, wenn ich vernünftig bin, nicht mehr versprechen, als =daß ich den Versuch machen= will 1.) Wenn Du nicht wenigstens =hinlängliche Feinheit= der Sitten Dir erwirbst, so kann, und will, und werde ich nichts für Dich thun; aus Gründen, die ich Dir mündlich, und schriftlich mitgetheilt habe. Ob Du das wirst, wißen wir beide noch nicht, weder ich, noch Du; Du kannst höchstens...[behaupten?], daß Du es =willst=, Du weißt aber noch nicht, ob Du es =können= wirst; und ich eben so wenig.
2.) Steht Dir noch ein HauptUmstand, sowohl zur Verfeinerung Deiner Sitten, als zur Erwerbung gründlicher Kenntniße im Wege, über den ich endlich, nachdem ich mündlich Dir schon Winke genug gegeben, und ich an Deinem Briefe doch noch nicht die geringste Aenderung spüre, freimüthig mit Dir reden muß. -- Du traust Dir viel zu viel zu; hast eine viel zu hohe Meinung von Dir: =und Du wirst daher diejenigen Männer=, denen ich Dich jezt übergeben muß, =nicht achten=; -- =deswegen ihnen nicht folgen=, weil Du Dich für klüger hältst; und =so wirst Du natürlich weder Deine Sitten bilden, noch etwas lernen=. Ich weiß sehr wohl, lieber Bruder, daß Du gegenwärtig auf keinen Menschen etwas giebst, als auf mich; giebst Du nun nur wirklich etwas auf mich, und glaubst Du, daß ich es redlich mit Dir meine, so lies aufmerksam, was ich Dir sagen will, und -- richte Dich darnach.
Du hast Kopf, d. h. =Fähigkeit= etwas zu lernen, aber darum =weißt Du noch nichts=: und, -- glaube es mir, -- der Schüler der untersten Klaße weiß weit mehr als Du. Daß es so ist, ist Dir keine Schande; aber, wenn Du das vergißest, so ist es Dir eine Schande. -- Du hast die, mit welchen Du bisher gelebt hast, übersehen, weil sie auch nicht studiert.
-- Einige Studierte, z. B. den Herrn Pfarrer, seinen Bruder, u. s. f.
glaubst Du auch übersehen zu haben; aber da kann ich Dir aus dem Traume helfen. 1.) Du glaubtest z. B. nicht, was die Kirche, und der Pfarrer mit ihr glaubt; und darum hieltest Du Dich für aufgeklärter, als sie; theils weil ich z. B. es auch nicht glaube. Aber das ist sehr zweierlei; Du hast keine Einsicht =in die Gründe=, die ich habe, es nicht zu glauben;