noch nicht den eigentlichen Inhalt und die Absicht dieser unsrer Reden, und den Sinn, in welchem alle unsre Aeußerungen zu nehmen sind, zu fassen vermöchte.
Um es noch kürzer zu fassen: immer unter unsrer Voraussetzung, sind den unmündigen ihre väterlichen und blutsverwandten Vormünder abgegangen, und Herren an ihre Stelle getreten; sollen jene Unmündige nicht gar Sklaven werden, so müssen sie eben der Vormundschaft entlassen, und, damit sie dieses können, zu allererst zur Mündigkeit erzogen werden. Die deutsche Vaterlandsliebe hat ihren Sitz verloren; sie soll einen andern breitern und tiefern erhalten, in welchem sie in ruhiger Verborgenheit sich begründe und stähle, und zu rechter Zeit in jugendlicher Kraft hervorbreche, und auch dem Staate die verlorne Selbständigkeit wiedergebe. Wegen des letztern können nun sowohl das Ausland, als die kleinlichen und engherzigen Trübseligkeiten unter uns selbst in Ruhe verbleiben; man kann zu ihrer aller Troste sie versichern, daß sie es insgesamt nicht erleben werden, und daß die Zeit, die es erleben wird, anders denken wird, denn sie.
Ob nun, so streng auch die Glieder dieses Beweises aneinander schließen mögen, derselbe auch andre ergreifen und sie zur Tätigkeit aufregen werde, hängt zu allererst davon ab, ob es so etwas, wie wir deutsche Eigentümlichkeit und deutsche Vaterlandsliebe geschildert haben, überhaupt gebe, und ob diese der Erhaltung und des Strebens dafür wert sei oder nicht. Daß der -- auswärtige oder einheimische -- Ausländer diese Frage mit Nein beantwortet, versteht sich; aber dieser ist auch nicht mit zur Beratschlagung berufen. Uebrigens ist hierbei anzumerken, daß die Entscheidung über diese Frage keineswegs auf einer Beweisführung durch Begriffe beruht, welche hierin zwar klarmachen, keineswegs aber über wirkliches Dasein oder Wert Auskunft zu geben vermögen, sondern, daß die letztern lediglich durch eines jeglichen unmittelbare Erfahrung an ihm selber bewährt werden können. In einem solchen Falle mögen Millionen sagen: es sei nicht, so kann dadurch niemals mehr gesagt sein, denn daß es nur in ihnen nicht sei, keineswegs, daß es überhaupt nicht sei, und wenn ein einziger gegen diese Millionen auftritt und versichert, daß es sei, so behält er gegen sie alle recht.
Nichts verhindert, daß, da ich nun gerade rede, ich in dem angegebenen Falle dieser einzige sei, der da versichert, daß er aus unmittelbarer Erfahrung an sich selbst wisse, daß es so etwas, wie deutsche Vaterlandsliebe gebe, daß er den unendlichen Wert des Gegenstandes derselben kenne, daß diese Liebe allein ihn getrieben habe, auf jede Gefahr zu sagen, was er gesagt hat und noch sagen wird, indem uns dermalen gar nichts übriggeblieben ist, denn das Sagen, und sogar dieses auf alle Weise gehemmt und verkümmert wird. Wer dasselbe in sich fühlt, der wird überzeugt werden; wer es nicht fühlt, kann nicht überzeugt werden, denn allein auf jene Voraussetzung stützt sich mein Beweis; an ihm habe ich meine Worte verloren, aber wer wollte nicht etwas so Geringfügiges, als Worte sind, auf das Spiel setzen?
Diejenige bestimmte Erziehung, von der wir uns die Rettung der deutschen Nation versprechen, ist in unsrer zweiten und dritten Rede im allgemeinen beschrieben worden. Wir haben sie als eine gänzliche Umschaffung des Menschengeschlechts bezeichnet, und es wird passend sein, an diese Bezeichnung eine wiederholte Uebersicht des Ganzen anzuknüpfen.
In der Regel galt bisher die Sinnenwelt für die rechte, eigentliche, wahre und wirklich bestehende Welt, sie war die erste, die dem Zögling der Erziehung vorgeführt wurde; von ihr erst wurde er zum Denken, und zwar meist zu einem Denken über diese, und im Dienste derselben angeführt. Die neue Erziehung kehrt diese Ordnung geradezu um. Ihr ist nur die Welt, die durch das Denken erfaßt wird, die wahre und wirklich bestehende Welt; in diese will sie ihren Zögling, sogleich wie sie mit demselben beginnt, einführen. An diese Welt allein will sie seine ganze Liebe und sein ganzes Wohlgefallen binden; so daß ein Leben allein in dieser Welt des Geistes bei ihm notwendig entstehe und hervorkomme. Bisher lebte in der Mehrheit allein das Fleisch, die Materie, die Natur; durch die neue Erziehung soll in der Mehrheit, ja gar bald in der Allheit, allein der Geist leben, und dieselbe treiben; der feste und gewisse Geist, von welchem früher, als von der einzigmöglichen Grundlage eines wohleingerichteten Staates gesprochen worden, soll im allgemeinen erzeugt werden.
Durch eine solche Erziehung wird ohne Zweifel der Zweck, den wir zunächst uns vorgesetzt haben, und von dem unsre Reden ausgegangen sind, erreicht. Jener zu erzeugende Geist führt die höhere Vaterlandsliebe, das Erfassen seines irdischen Lebens als eines ewigen und des Vaterlandes, als des Trägers dieser Ewigkeit, und, falls er in den Deutschen aufgebaut wird, die Liebe für das deutsche Vaterland, als einen seiner notwendigen Bestandteile unmittelbar in sich selber; und aus dieser Liebe folgt der mutige Vaterlandsverteidiger und der ruhige und rechtliche Bürger von selbst. Es wird durch eine solche Erziehung sogar noch mehr erreicht, als dieser nächste Zweck; wie das allemal der Fall ist, wo ein großes Ziel durch ein durchgreifendes Mittel gewollt wird; der ganze Mensch wird nach allen seinen Teilen vollendet, in sich selbst abgerundet, nach außen zu allen seinen Zwecken in Zeit und Ewigkeit mit vollkommener Tüchtigkeit ausgestattet. Mit unsrer Genesung für Nation und Vaterland hat die geistige Natur unsre vollkommene Heilung von allen Uebeln, die uns drücken, unzertrennlich verknüpft.
Mit der stumpfen Verwunderung, daß eine solche Welt des bloßen Gedankens behauptet, und sogar als die einzig mögliche Welt behauptet, dagegen die Sinnenwelt ganz weggeworfen werde, sowie mit der Ableugnung der erstern entweder überhaupt, oder nur der Möglichkeit, daß selbst die Mehrheit des großen Volks in dieselbe eingeführt werden könne, haben wir es hier nicht mehr zu tun, sondern haben dieselben schon früher gänzlich von uns weggewiesen. Wer noch nicht weiß, daß es eine Welt des Gedankens gebe, der mag indessen anderwärts durch die vorhandenen Mittel sich davon belehren, wir haben hier zu dieser Belehrung nicht Zeit; wie aber sogar die Mehrheit des großen Volks zu derselben emporgehoben werden könne, dies wollen wir eben zeigen.
Indem nun, unserm eignen wohlbedachten Sinne nach, der Gedanke einer solchen neuen Erziehung keineswegs als ein bloßes zur Uebung des Scharfsinns oder der Streitfertigkeit aufgestelltes Bild zu betrachten ist, sondern derselbe vielmehr zur Stunde ausgeübt und ins Leben eingeführt werden soll: so kommt uns zuvörderst zu, anzugeben, an welches in der wirklichen Welt schon vorliegende Glied diese Ausführung sich anknüpfen solle.
Wir geben auf diese Frage zur Antwort: an den von Johann Heinrich Pestalozzi erfundenen, vorgeschlagenen und unter dessen Augen schon in glücklicher Ausübung befindlichen Unterrichtsgang soll sie sich anschließen. Wir wollen diese unsre Entscheidung tiefer begründen und näher bestimmen.
Zuvörderst, wir haben die eignen Schriften des Mannes gelesen und durchdacht, und aus diesen unsern Begriff seiner Unterrichtsund Erziehungskunst uns gebildet; gar keine Kunde aber haben wir genommen von dem, was die gelehrten Neuigkeitsblätter darüber berichtet und gemeint, und über die Meinungen wieder gemeint haben. Wir merken dies darum an, um jedem, der über diesen Gegenstand gleichfalls einen Begriff zu haben begehrt, denselben Weg, und die durchgängige Vermeidung des entgegengesetzten, zu empfehlen. Ebensowenig haben wir bis jetzt etwas von der wirklichen Ausübung sehen wollen, keineswegs aus Nichtachtung, sondern weil wir uns erst einen festen und sichern Begriff von der wahren Absicht des Erfinders, hinter welcher die Ausübung oft zurückbleiben kann, verschaffen wollten, aus diesem Begriffe aber der Begriff von der Ausübung und dem notwendigen Erfolge ohne alles Probieren, sich von selbst ergibt, und man, nur mit diesem ausgestattet, die Ausübung wahrhaftig verstehen und richtig beurteilen kann. Sollte, wie einige glauben, auch dieser Unterrichtsgang schon hier und da in ein blindes empirisches Zutappen und in leere Spielerei und Schauauslegerei ausgeartet sein, so ist meines Erachtens der Grundbegriff des Erfinders wenigstens daran ganz unschuldig.
Für diesen Grundbegriff nun bürgt mir zuerst die Eigentümlichkeit des Mannes selber, wie er diese in seinen Schriften mit der treuesten und gemütvollsten Offenheit darlegt. An ihm hätte ich ebensogut, wie an Luther, oder, falls es noch andre diesen gleichende gegeben hat, an irgendeinem andern, die Grundzüge des deutschen Gemüts darlegen, und den erfreuenden Beweis führen können, daß dieses Gemüt in seiner ganzen wunderwirkenden Kraft in dem Umkreise der deutschen Zunge noch bis auf diesen Tag walte. Auch er hat ein mühvolles Leben hindurch im Kampfe mit allen möglichen Hindernissen von innen mit eigner hartnäckiger Unklarheit und Unbeholfenheit, und selbst höchst spärlich ausgestattet mit den gewöhnlichsten Hilfsmitteln der gelehrten Erziehung, äußerlich mit anhaltender Verkennung, gerungen nach einem bloß geahnten, ihm selbst durchaus unbewußten Ziele, aufrecht gehalten und getrieben durch einen unversiegbaren und allmächtigen und deutschen Trieb, die Liebe zu dem armen verwahrlosten Volke. Diese allmächtige Liebe hatte ihn, ebenso wie Luthern, nur in einer andern und seiner Zeit angemeßneren Beziehung, zu ihrem Werkzeuge gemacht, und war das Leben geworden in seinem Leben, sie war der ihm selbst unbekannte feste und unwandelbare Leitfaden dieses seines Lebens, der es hindurchführte durch alle ihn umgebende Nacht, und der den Abend desselben -- denn es war unmöglich, daß eine solche Liebe unbelohnt von der Erde abtrete -- krönte mit seiner wahrhaft geistigen Erfindung, die weit mehr leistete, denn er je mit seinen kühnsten Wünschen begehrt hatte. Er wollte bloß dem Volke helfen; aber seine Erfindung, in ihrer ganzen Ausdehnung genommen, hebt das Volk, hebt allen Unterschied zwischen diesem und einem gebildeten Stande auf, gibt statt der gesuchten Volkserziehung Nationalerziehung, und hätte wohl das Vermögen, den Völkern und dem ganzen Menschengeschlechte aus der Tiefe seines dermaligen Elendes emporzuhelfen.
Dieser sein Grundbegriff steht in seinen Schriften mit vollkommener Klarheit und unverkennbarer Bestimmtheit da. Zuvörderst will er in Absicht der Form nicht die bisherige Willkür und das blinde Herumtappen, sondern er will eine feste und sicher berechnete Kunst der Erziehung, wie auch wir es wollen, und wie deutsche Gründlichkeit es notwendig wollen muß; und er erzählt sehr unbefangen, wie eine französische Phrase, daß er nämlich die Erziehung mechanisieren wolle, ihm über diesen seinen Zweck aus dem Traume geholfen habe.
In Absicht des Inhalts ist es der erste Schritt der von mir beschriebenen neuen Erziehung, daß sie die freie Geistestätigkeit des Zöglings, sein Denken, in welchem späterhin die Welt seiner Liebe ihm aufgehen soll, anrege und bilde; mit diesem ersten Schritte beschäftigten sich Pestalozzis Schriften vorzüglich, und auf diesen Gegenstand geht unsre Prüfung seines Grundbegriffs zu allererst. In dieser Rücksicht ist nun desselben Tadel des bisherigen Unterrichts, daß derselbe den Schüler nur in Nebel und Schatten eingetaucht, und denselben niemals zur wirklichen Wahrheit und Realität habe gelangen lassen, gleichbedeutend mit dem unsrigen, daß dieser Unterricht nicht vermocht habe, in das Leben einzugreifen, noch die Wurzel desselben zu bilden; und Pestalozzis dagegen vorgeschlagenes Hilfsmittel, den Zögling in die unmittelbare Anschauung einzuführen, ist gleichbedeutend mit dem unsrigen, die Geistestätigkeit desselben zum Entwerfen von Bildern anzuregen, und nur an diesem freien Bilden ihn lernen zu lassen, alles, was er lernt: denn nur von dem Freientworfenen ist Anschauung möglich. Daß der Erfinder es wirklich also meint, und keineswegs unter Anschauung jene blindtappende und betastende Wahrnehmung versteht, beweist die nachher angegebene Ausübung. Gleichfalls ganz richtig wird dieser Anregung der Anschauung des Zöglings durch die Erziehung das allgemeine und sehr tief eingreifende Gesetz gegeben, hierin mit dem Anfange und Fortschritte der zu entwickelnden Kräfte des Kindes genau Schritt zu halten.
Dagegen haben die gesamten Mißgriffe dieses Pestalozzischen Unterrichtsplans in Ausdrücken und Vorschlägen die eine gemeinschaftliche Quelle, daß der dürftige und begrenzte Zweck, auf welchen anfangs ausgegangen wurde, äußerst vernachlässigten Kindern aus dem Volke unter der Voraussetzung, daß das Ganze bliebe, so wie es ist, die notdürftigste Hilfe zu leisten, von einer Seite, und von der andern, das zu einem weit höhern Zwecke führende Mittel in Vermengung und Widerstreit miteinander geraten; und man wird vor allem Irrtume gesichert und erhält einen mit sich vollkommen übereinstimmenden Begriff, wenn man das erstere und alles, was aus dessen Beachtung gefolgt ist, fallen läßt und sich bloß an das letztere hält, und es folgegemäß durchführt. Ohne Zweifel entstand lediglich aus dem Wunsche, jene Kinder der äußersten Armut sobald als möglich aus der Schule zum Broterwerb zu entlassen, und dennoch sie mit einem Mittel zu versehen, wodurch sie den abgebrochenen Unterricht nachholen könnten, in Pestalozzis liebendem Gemüte die Ueberschätzung des Lesens und Schreibens, die Aufstellung dieser beinahe als Ziel und Gipfel des Volksunterrichts, sein unbefangener Glaube an die Aussage der abgelaufenen Jahrtausende, daß dieses die besten Hilfsmittel der Belehrung seien; da er ja außerdem gefunden haben würde, daß gerade dieses Lesen und Schreiben bisher die eigentlichen Werkzeuge gewesen, um die Menschen in Nebel und Schatten einzuhüllen und sie überklug zu machen. Daher auch rühren ohne Zweifel mehrere andre mit seinem Grundsatze der unmittelbaren Anschauung im Widerspruche stehende Vorschläge, und besonders seine durchaus irrige Ansicht der Sprache, als eines Mittels, unser Geschlecht von dunkler Anschauung zu deutlichen Begriffen zu erheben.
Wir unsres Orts haben nicht von Erziehung des Volks im Gegensatze höherer Stände geredet, indem wir Volk in diesem Sinne, niedern und gemeinen Pöbel, gar nicht länger haben wollen, noch er für die deutschen Nationalangelegenheiten ferner ertragen werden kann, sondern wir haben von Nationalerziehung geredet. Soll es jemals zu dieser kommen, so muß der armselige Wunsch, daß die Erziehung doch ja recht bald vollendet sein, und das Kind wieder hinter die Arbeit gestellt werden möge, gar nicht mehr zu Odem kommen, sondern sogleich an der Schwelle der Beratung über diese Angelegenheit abgelegt werden. Zwar wird meines Erachtens diese Erziehung nicht kostspielig sein, die Anstalten werden guten Teils sich selbst erhalten können, und es wird der Arbeit kein Eintrag geschehen; und ich werde meine Gedanken hierüber zu seiner Zeit darlegen: aber wenn dies auch nicht so wäre, so muß unbedingt und auf jede Gefahr der Zögling in der Erziehung so lange bleiben, bis sie vollendet ist und vollendet sein kann; jene halbe Erziehung ist um nichts besser, denn gar keine; sie läßt es eben beim alten, und wenn man dies will, so erspare man sich lieber auch das Halbe, und erkläre gleich von vornherein geradezu, daß man nicht wolle, daß der Menschheit geholfen werde.
Unter jener Voraussetzung nun kann in der bloßen Nationalerziehung, solange dieselbe dauert, Lesen und Schreiben zu nichts nützen, wohl aber kann es sehr schädlich werden, indem es von der unmittelbaren Anschauung zum bloßen Zeichen, und von der Aufmerksamkeit, die da weiß, daß sie nichts fasse, wenn sie es nicht jetzt und zur Stelle faßt, zur Zerstreutheit, die sich ihres Niederschreibens tröstet, und irgend einmal vom Papiere lernen will, was sie wahrscheinlich nie lernen wird, und überhaupt zu der den Umgang mit Buchstaben so oft begleitenden Träumerei leichtlich verleiten könnte, so wie es dieses auch bisher getan hat. Erst am völligen Schlusse der Erziehung, und als das letzte Geschenk derselben mit auf den Weg, könnten diese Künste mitgeteilt und der Zögling geleitet werden durch Zergliederung der Sprache, die er schon längst vollkommen besitzt, die Buchstaben zu erfinden und zu gebrauchen; welches ihm bei der übrigen Bildung, die er schon erlangt hat, ein Spiel sein würde.
So in der bloßen und allgemeinen Nationalerziehung. Etwas andres ist es mit dem künftigen Gelehrten. Dieser soll einst nicht bloß über das Allgemeingeltende sich aussprechen, wie es ihm ums Herz ist, sondern er soll auch in einsamem Nachdenken die verborgene und ihm selber unbewußte eigentümliche Tiefe seines Gemüts in das Licht der Sprache erheben, und er muß darum früher an der Schrift das Werkzeug dieses einsamen und dennoch lauten Denkens in die Hände bekommen und bilden lernen; doch wird auch mit ihm weniger zu eilen sein, als es bisher geschehen. Es wird dies zu seiner Zeit bei der Unterscheidung der bloßen Nationalerziehung von der gelehrten deutlicher erhellen.
In Gemäßheit dieser Ansicht ist alles, was der Erfinder über Schall und Wort, als Entwicklungsmittel der geistigen Kraft spricht, zu berichtigen und zu beschränken. In das Einzelne zu gehen, erlaubt mir nicht der Plan dieser Reden. Nur noch die folgende tief in das Ganze greifende Bemerkung. Die Grundlage seiner Entwicklung aller Erkenntnis enthält sein Buch für Mütter, in dem er unter andern gar sehr auf häusliche Erziehung rechnet.
Was zuvörderst diese, die häusliche Erziehung, selbst anbelangt, so wollen wir zwar mit ihm keineswegs über die Hoffnungen, die er sich von den Müttern macht, streiten; was aber unsern höhern Begriff einer Nationalerziehung anbelangt, so sind wir fest überzeugt, daß diese, besonders bei den arbeitenden Ständen, im Hause der Eltern, und überhaupt ohne gänzliche Absonderung der Kinder von ihnen, durchaus weder angefangen, noch fortgesetzt, oder vollendet werden kann. Der Druck, die Angst um das tägliche Auskommen, die kleinliche Genauigkeit und Gewinnsucht, die sich hierzu fügt, würde die Kinder notwendig anstecken, herabziehen und sie verhindern, einen freien Aufflug in die Welt des Gedankens zu nehmen. Dies ist auch eine der Voraussetzungen, die bei der Ausführung unsers Plans unbedingt ist, und auf keine Weise zu erlassen. Was daraus wird, wenn die Menschheit im ganzen in jedem folgenden Zeitalter sich also wiederholt, wie sie im vorhergehenden war, haben wir nun zur Genüge ersehen; soll eine gänzliche Umbildung mit derselben vorgenommen werden, so muß sie einmal ganz losgerissen werden von sich selber, und ein trennender Einschnitt gemacht werden in ihr hergebrachtes Fortleben. Erst nachdem ein Geschlecht durch die neue Erziehung hindurch gegangen sein wird, wird sich beratschlagen lassen, welchen Teil von der Nationalerziehung man dem Hause anvertrauen wolle. -- Dies nun abgerechnet, und das Pestalozzische Buch für die Mütter lediglich als erste Grundlage des Unterrichts betrachtet, ist auch der Inhalt desselben, der Körper des Kindes, ein vollkommner Mißgriff. Er geht von dem sehr richtigen Satze aus, der erste Gegenstand der Erkenntnis des Kindes müsse das Kind selbst sein, aber ist denn der Körper des Kindes das Kind selbst? wäre, wenn es doch ein menschlicher Körper sein sollte, der Körper der Mutter ihm nicht weit näher und sichtbarer? und wie kann doch das Kind eine anschauliche Erkenntnis von seinem Körper bekommen, ohne zuerst gelernt zu haben, denselben zu gebrauchen? Jene Kenntnis ist keine Erkenntnis, sondern ein bloßes Auswendiglernen von willkürlichen Wortzeichen, das durch die Ueberschätzung des Redens herbeigeführt wird. Die wahre Grundlage des Unterrichts und der Erkenntnis wäre, um es in der Pestalozzischen Sprache zu bezeichnen, ein Abc der Empfindungen. Wie das Kind anfängt Sprachtöne zu vernehmen und selbst notdürftig zu bilden, müßte es geleitet werden, sich vollkommen deutlich zu machen: ob es hungere oder schläfrig sei, ob es die mit dem oder dem Ausdrucke bezeichnete ihm gegenwärtige Empfindung sehe oder ob es vielmehr dieselbe höre usf., oder ob es wohl gar etwas bloß hinzudenke; wie die verschiedenen durch besondere Wörter bezeichneten Eindrücke auf denselben Sinn, zum Beispiel die Farben, die Schalle der verschiedenen Körper usf. verschieden seien, und in welchen Abstufungen; alles dies in richtiger und das Empfindungsvermögen selbst regelmäßig entwickelnder Folge. Hierdurch erhält das Kind erst ein Ich, das es im freien und besonnenen Begriffe absondert, und mit demselben durchdringt, und gleich bei seinem Erwachen ins Leben wird dem Leben ein geistiges Auge eingesetzt, das von nun an wohl nicht wieder von demselben lassen wird. Hierdurch erhalten auch für die nachfolgenden Uebungen der Anschauung die an sich leeren Formen des Maßes und der Zahl ihren deutlich erkannten innern Gehalt, der bei der Pestalozzischen Verfahrungsweise doch nur durch dunklen Hang und Zwang ihnen hinzugesetzt werden kann. Es kommt in den Pestalozzischen Schriften ein in dieser Rücksicht merkwürdiges Geständnis eines seiner Lehrer vor, der, in dieses Verfahren eingeweiht, anfing, nur noch ausgeleerte geometrische Körper zu erblicken. So müßte es allen Zöglingen dieses Verfahrens ergehen, wenn nicht unvermerkt die geistige Natur dagegen sicherte. Hier auch, bei diesem deutlichen Erfassen dessen, was eigentlich empfunden wird, ist der Ort, wo zwar nicht das Sprachzeichen, aber das Reden selbst und das Bedürfnis sich für andre auszusprechen, den Menschen bildet, und ihn aus der Dunkelheit und Verworrenheit zur Klarheit und Bestimmtheit erhebt. Auf das zuerst zum Bewußtsein erwachende Kind dringen alle Eindrücke der dasselbe umgebenden Natur zugleich ein, und vermischen sich zu einem dumpfen Chaos, in welchem nichts Einzelnes aus dem allgemeinen Gewühl hervorsteht. Wie soll es jemals herauskommen aus dieser Dumpfheit? Es bedarf der Hilfe andrer; es kann diese Hilfe auf keine andre Weise an sich bringen, denn dadurch, daß es sein Bedürfnis bestimmt ausspreche, mit den Unterscheidungen von ähnlichen Bedürfnissen, die schon in der Sprache niedergelegt sind. Es wird genötigt, nach Anleitung jener Unterscheidungen, mit Zurückziehung und Sammlung auf sich zu merken, das, was es wirklich fühlt, zu vergleichen und zu unterscheiden von anderm, das es wohl auch kennt, aber gegenwärtig nicht fühlt. Hierdurch sondert sich erst ab in ihm ein besonnenes und freies Ich. Diesen Weg nun, den Not und Natur mit uns anhebt, soll die Erziehung mit besonnener und freier Kunst fortsetzen.
Im Felde der objektiven Erkenntnis, die auf äußere Gegenstände geht, fügt die Bekanntschaft mit dem Wortzeichen der Deutlichkeit und Bestimmtheit der innern Erkenntnis für den Erkennenden selbst durchaus nichts hinzu, sondern sie erhebt dieselbe bloß in den völlig verschiedenen Kreis der Mitteilbarkeit für andre. Die Klarheit jener Erkenntnis beruht gänzlich auf der Anschauung, und dasjenige, was man nach Belieben in allen seinen Teilen, gerade so wie es wirklich ist, in der Einbildungskraft wieder erzeugen kann, ist vollkommen erkannt, ob man nun dazu ein Wort habe oder nicht. Wir sind sogar der Ueberzeugung, daß jene Vollendung der Anschauung der Bekanntschaft mit dem Wortzeichen vorausgehen müsse, und daß der umgekehrte Weg gerade in jene Schatten- und Nebelwelt, und zu dem frühen Maulbrauchen, welche beide Pestalozzi mit Recht so verhaßt sind, führe, ja daß der, der nur je eher je lieber das Wort wissen will, und der seine Erkenntnisse für vermehrt hält, sobald er es weiß, eben in jener Nebelwelt lebt, und bloß um deren Erweiterung bekümmert ist. Des Erfinders Denkgebäude im ganzen erfassend, glaube ich, daß es gerade dieses Abc der Empfindung war, was er, als erste Grundlage der geistigen Entwicklung und als Inhalt seines Buchs der Mütter, anstrebte, und was ihm dunkel bei allen seinen Aeußerungen über die Sprache vorschwebte, und daß allein der Mangel an philosophischen Studien ihn verhinderte, in diesem Punkte sich selber vollkommen klar zu werden.
Diese Entwicklung nun des erkennenden Subjekts selbst, an der Empfindung, vorausgesetzt, und der Nationalerziehung, die wir beabsichtigten, als allererste Grundlage untergelegt, ist das Pestalozzische Abc der Anschauung, die Lehre von den Zahl- und Maßverhältnissen, die vollkommen zweckmäßige und vortreffliche Folge.
An diese Anschauung kann ein beliebiger Teil der Sinnenwelt geknüpft werden, sie kann eingeführt werden in das Gebiet der Mathematik, so lange, bis an diesen Vorübungen der Zögling hinlänglich gebildet sei, um zur Entwerfung einer gesellschaftlichen Ordnung der Menschen, und zur Liebe dieser Ordnung, als dem zweiten und wesentlichen Schritte seiner Bildung, angeführt zu werden.
Noch ist, gleich beim ersten Teile der Erziehung ein andrer von Pestalozzi gleichfalls in Anregung gebrachter Gegenstand nicht zu übergehen: die Entwicklung der körperlichen Fertigkeit des Zöglings, die mit der geistigen notwendig Hand in Hand gehend fortschreiten muß. Er fordert ein Abc der Kunst, d. h.
des körperlichen Könnens. Seine hervorstechendsten Aeußerungen hierüber sind folgende: »Schlagen, Tragen, Werfen, Stoßen, Ziehen, Drehen, Ringen, Schwingen usf. seien die einfachsten Uebungen der Kraft. Es gebe eine naturgemäße Stufenfolge von den Anfängen in diesen Uebungen bis zu ihrer vollendeten Kunst, d. i. bis zum höchsten Grade des Nerventaktes, der Schlag und Stoß, Schwung und Wurf, in hundertfachen Abwechslungen sichere, und Hand und Fuß gewiß mache.« Alles kommt hierbei auf die naturgemäße Stufenfolge an, und es reicht nicht hin, daß man mit blinder Willkür hineingreife und irgendeine Uebung einführe, damit doch von uns gesagt werden könne, wir hätten auch, etwa wie die Griechen, körperliche Erziehung. In dieser Rücksicht ist nun noch alles zu tun, denn Pestalozzi hat kein Abc der Kunst geliefert. Dieses müßte erst geliefert werden, und zwar bedarf es dazu eines Mannes, der, in der Anatomie des menschlichen Körpers und in der wissenschaftlichen Mechanik auf gleiche Weise zu Hause, mit diesen Kenntnissen ein hohes Maß philosophischen Geistes verbände, und der auf diese Weise fähig wäre, in allseitiger Vollendung diejenige Maschine zu finden, zu der der menschliche Körper angelegt ist, und anzugeben, wie diese Maschine allmählich, also, daß jeder Schritt in der einzig möglichen richtigen Folge geschähe, durch jeden alle künftigen vorbereitet und erleichtert, und dabei die Gesundheit und Schönheit des Körpers und die Kraft des Geistes nicht nur nicht gefährdet, sondern sogar gestärkt und erhöht würde, wie, sage ich, auf diese Weise die Maschine aus jedem gesunden menschlichen Körper entwickelt werden könne. Die Unerläßlichkeit dieses Bestandteils für eine Erziehung, die den ganzen Menschen zu bilden verspricht, und die besonders für eine Nation sich bestimmt, welche ihre Selbständigkeit wiederherstellen und fernerhin erhalten soll, fällt ohne weitere Erinnerung in die Augen.
Was für nähere Bestimmung unsers Begriffs von deutscher Nationalerziehung noch ferner zu sagen ist, behalten wir vor der nächstkünftigen Rede.
Zehnte Rede.
Zur nähern Bestimmung der deutschen Nationalerziehung.
Die Anführung des Zöglings, zuerst seine Empfindungen, sodann seine Anschauungen sich klar zu machen, mit welcher eine folgegemäße Kunstbildung seines Körpers Hand in Hand gehen muß, ist der erste Hauptteil der neuen deutschen Nationalerziehung.
Was die Bildung der Anschauung betrifft, haben wir eine zweckmäßige Anleitung von Pestalozzi; die noch ermangelnde zur Bildung des Empfindungsvermögens wird derselbe Mann und seine Mitarbeiter, die zur Lösung dieser Aufgabe zunächst berufen sind, leicht geben können. Eine Anweisung zur folgegemäßen Ausbildung der körperlichen Kraft fehlt noch: es ist angegeben, was zur Lösung dieser Aufgabe erfordert werde, und es ist zu hoffen, daß, wenn die Nation Begierde nach dieser Lösung bezeigen sollte, dieselbe sich finden werde. Dieser ganze Teil der Erziehung ist nur Mittel und Vorübung zu dem zweiten wesentlichen Teile derselben, der bürgerlichen und religiösen Erziehung. Was hierüber im allgemeinen zu sagen dermalen not tut, ist in unsrer zweiten und dritten Rede schon beigebracht, und wir haben in dieser Rücksicht nichts hinzuzusetzen. Eine bestimmte Anweisung zur Kunst dieser Erziehung zu geben ist -- immer wie sich versteht, in Beratung und Rücksprache mit der Pestalozzischen eigentlichen Erziehungskunst -- die Sache derselben Philosophie, die eine deutsche Nationalerziehung überhaupt in Vorschlag bringt; und diese Philosophie wird, wenn nur erst das Bedürfnis einer solchen Anweisung durch vollendete Ausübung des ersten Teils eintritt, nicht säumen, dieselbe zu liefern. Wie es möglich sein werde, daß jedweder Zögling, auch aus dem niedrigsten Stande geboren, indem der Stand der Geburt wahrhaftig keinen Unterschied in den Anlagen macht, den Unterricht über diese Gegenstände, der allerdings, wenn man so will, die allertiefste Metaphysik enthält und die Ausbeute der abgezogensten Spekulation ist, und welche zu fassen dermalen sogar Gelehrten und selbst spekulierenden Köpfen so unmöglich fällt, fassen und sogar leicht fassen werde; darüber ermüde man sich nur vorläufig nicht im Hin- und Herzweifeln; wenn man nur in Absicht der ersten Schritte folgen will, so wird dies späterhin die Erfahrung lehren. Nur darum, weil unsre Zeit überhaupt in der Welt der leeren Begriffe gefesselt und an keiner Stelle in die Welt der wahrhaftigen Realität und Anschauung hineingekommen ist, ist es ihr nicht anzumuten, daß sie gerade bei der allerhöchsten und geistigsten Anschauung, und nachdem sie schon über alles Maß klug ist, das Anschauen anfange.
Ihr muß die Philosophie anmuten, ihre bisherige Welt aufzugeben und eine ganz andre sich zu verschaffen, und es ist kein Wunder, wenn eine solche Anmutung ohne Erfolg bleibt. Der Zögling unsrer Erziehung aber ist gleich von Anbeginn an einheimisch geworden in der Welt der Anschauung und hat niemals eine andre gesehen; er soll seine Welt nicht verändern, sondern sie nur steigern, und dieses ergibt sich von selbst. Jene Erziehung ist zugleich, wie wir schon oben darauf deuteten, die einzig mögliche Erziehung für Philosophie und das einzige Mittel, diese letztere allgemein zu machen.
Mit dieser bürgerlichen und religiösen Erziehung nun ist die Erziehung beschlossen und der Zögling zu entlassen, und so wären wir denn fürs erste in Absicht des Inhalts der vorgeschlagenen Erziehung im reinen.
Es müsse niemals das Erkenntnisvermögen des Zöglings angeregt werden, ohne daß die Liebe für den erkannten Gegenstand es zugleich werde, indem außerdem die Erkenntnis tot, und ebenso niemals die Liebe, ohne daß sie der Erkenntnis klar werde, indem außerdem die Liebe blind bleibe -- ist einer der Hauptgrundsätze der von uns vorgeschlagenen Erziehung, mit welchem auch Pestalozzi seinem ganzen Denkgebäude zufolge einverstanden sein muß. Die Anregung und Entwicklung dieser Liebe nun knüpft sich an den folgegemäßen Lehrgang am Faden der Empfindung und der Anschauung von selbst, und kommt ohne allen unsern Vorsatz oder Zutun. Das Kind hat einen natürlichen Trieb nach Klarheit und Ordnung; dieser wird in jenem Lehrgange immerfort befriedigt, und erfüllt so das Kind mit Freude und Lust; mitten in der Befriedigung aber wird es durch die neuen Dunkelheiten, die nun zum Vorschein kommen, wiederum angeregt, und so ferner befriedigt, und so geht das Leben hin in Liebe und Lust am Lernen. Dies ist die Liebe, wodurch jeder einzelne an die Welt des Gedankens geknüpft wird, das Band der Sinnen- und Geisterwelt überhaupt. Durch diese Liebe entsteht, in dieser Erziehung sicher und berechnet, so wie bisher durch das Ungefähr bei wenigen vorzüglich begünstigten Köpfen, die leichte Entwicklung des Erkenntnisvermögens, und die glückliche Bearbeitung der Felder der Wissenschaft.
Noch aber gibt es eine andre Liebe, diejenige, welche den Menschen an den Menschen bindet, und alle einzelne zu einer einigen Vernunftgemeinde der gleichen Gesinnung verbindet. Wie jene die Erkenntnis, so bildet diese das handelnde Leben, und treibt an, das Erkannte in sich und andern darzustellen. Da es für unsern eigentlichen Zweck wenig helfen würde, bloß die Gelehrtenerziehung zu verbessern und die von uns beabsichtigte Nationalerziehung zunächst nicht darauf ausgeht, Gelehrte, sondern eben Menschen zu bilden, so ist klar, daß neben jener ersten auch die Entwicklung der zweiten Liebe unerläßliche Pflicht dieser Erziehung ist.
Pestalozzi redet[4] von diesem Gegenstande mit herzerhebender Begeisterung; dennoch aber müssen wir bekennen, daß alles dieses uns nicht im mindesten klar geschienen hat und am allerwenigsten so klar, daß es einer kunstmäßigen Entwicklung jener Liebe zur Grundlage dienen könne. Es ist darum nötig, daß wir unsre eignen Gedanken zu einer solchen Grundlage mitteilen.
[4] Ansichten, Erfahrungen und Mittel zur Beförderung einer der Menschennatur angemessenen Erziehungsweise. Leipzig 1807.
Die gewöhnliche Annahme, daß der Mensch von Natur selbstsüchtig sei, und auch das Kind mit dieser Selbstsucht geboren werde, und daß es allein die Erziehung sei, die demselben eine sittliche Triebfeder einpflanze, gründet sich auf eine sehr oberflächliche Beobachtung und ist durchaus falsch. Da aus Nichts sich nicht etwas machen läßt, die noch so weit fortgesetzte Entwicklung eines Grundtriebes aber ihn doch niemals zu dem Gegenteile von sich selbst machen kann; wie sollte doch die Erziehung vermögen, jemals Sittlichkeit in das Kind hineinzubringen, wenn diese nicht ursprünglich und vor aller Erziehung vorher in demselben wäre? So ist sie es denn auch wirklich in allen menschlichen Kindern, die zur Welt geboren werden; die Aufgabe ist bloß, die ursprünglichste und reinste Gestalt, in der sie zum Vorschein kommt, zu ergründen.
Durchgeführte Spekulation sowohl, als die gesamte Beobachtung stimmen überein, daß diese ursprünglichste und reinste Gestalt der Trieb nach Achtung sei, und daß diesem Triebe erst das Sittliche, als einzig möglicher Gegenstand der Achtung, das Rechte und Gute, die Wahrhaftigkeit, die Kraft der Selbstbeherrschung, in der Erkenntnis aufgehe. Beim Kinde zeigt sich dieser Trieb zuerst als Trieb auch geachtet zu werden von dem, was ihm die höchste Achtung einflößt; und es richtet sich dieser Trieb, zum sichern Beweise, daß keineswegs aus der Selbstsucht die Liebe stamme, in der Regel weit stärker und entschiedener auf den ernsteren, öfter abwesenden und nicht unmittelbar als Wohltäter erscheinenden Vater, denn auf die mit ihrer Wohltätigkeit stets gegenwärtige Mutter. Von diesem will das Kind bemerkt sein, es will seinen Beifall haben; nur inwiefern dieser mit ihm zufrieden ist, ist es selbst mit sich zufrieden: dies ist die natürliche Liebe des Kindes zum Vater; keineswegs als zum Pfleger seines sinnlichen Wohlseins, sondern als zu dem Spiegel, aus welchem ihm sein eigner Wert oder Unwert entgegenstrahlt; an diese Liebe kann nun der Vater selbst schweren Gehorsam und jede Selbstverleugnung leicht anknüpfen; für den Lohn seines herzlichen Beifalls gehorcht es mit Freuden. Wiederum ist dies die Liebe, die es vom Vater begehrt, daß dieser bemerke sein Bestreben, gut zu sein, und es anerkenne, daß er sich merken lasse, es mache ihm Freude, wenn er billigen könne, und tue ihm herzlich wehe, wenn er mißbilligen müsse, er wünsche nichts mehr, als immer mit demselben zufrieden sein zu können, und alle seine Forderungen an dasselbe haben nur die Absicht, das Kind