vorgetragene Art entstanden waren. Warum zeigt sich nun in ihnen auch nicht die leichteste Spur von jener Ursprache? Denn, mag sich eine Sprache noch so sehr cultiviren, mag eine gebildetere Grammatik noch so viel Modificationen in sie hineintragen: so müssen sich doch in ihr noch Ueberreste von dem ersten rohen Zuschnitte finden, z. B. aus der dritten Person, und nicht aus der ersten, die Form der übrigen abgeleitet, und der Aorist, nicht das Präsens das Wurzelwort seyn.
Auf diesen Einwurf lässt sich folgendes antworten. Man sah sich bald genöthigt, neue Worte zu erfinden, weil der menschliche Geist, bei seinen Fortschritten zur Cultur, sich immer mit neuen Vorstellungen bereicherte, und neue Bestimmungen in alte Begriffe hineintrug. Die Worte, welche man zu Bezeichnung dieser Vorstellungen erfand, -- man mochte nun dazu entweder ganz neue, in der Sprache bisher noch nicht vorgekommene Töne, oder eine Verbindung mehrerer, schon bekannter Töne gebrauchen, -- mussten auf jeden Fall das Gepräge der Bildung tragen, welche der menschliche Geist in dem Zeitpunct jener erfundenen neuen Bezeichnungen hatte. Nun geht der gebildete Mensch vom Ich aus, und betrachtet alles aus dem Gesichtspuncte des Ich: er wird also auf dieser Stufe der Cultur auch bei der Aufstellung eines neuen Zeitwortes von der ersten Person ausgehen. Daher kann es nicht fehlen, dass ein neues Wort, gebildet in Zeiten höherer Cultur, von den ursprünglichen Formen derselben Sprache abweichen musste. Im Anfange wurden nun solche Worte mit den alten, von welchen sie abstammten, zugleich gebraucht; aber bald wurden jene allgemein und verdrängten die letzteren. Denn, sowie die Nation in ihrer Cultur weiter vorrückte, musste sie nothwendig die neueren Formen ihren Begriffen angemessener finden, und über dem Gebrauche derselben die älteren bald vergessen.
So wird selbst bei einem Volke, das von allen äusseren Einflüssen frei bleibt, sich mit keinem anderen Volke vermischt, seinen Wohnplatz nie verändert u. s. w., die rohe Natursprache nach und nach untergehen, und an deren Stelle eine andere treten, die von jener auch nicht die leichteste Spur an sich trägt. Man würde sich also irren, wenn man glaubte, die Griechen, Römer und andere hätten nie eine Ursprache gehabt, weil sich keine Ueberreste davon bei ihnen fänden. Jene Urtöne sind nach und nach aus der Ursprache verschwunden, als sie sich durch Zeichen ersetzt sahen, die dem cultivirten Geiste des Volkes besser entsprachen.
Eine eigene Erscheinung in den neueren Sprachen sind die Hülfswörter; das: ^ich bin, werden u. s. w.^ Diese Bezeichnungen, wo sie sich in einer Sprache finden, beweisen einen hohen Grad der Abstraction. Man fand vermuthlich bald einen besonderen Nachdruck in der auszeichnenden Endung des Perfectum und Futurum, wodurch die Sprache an Rundung gewann.
Aber immer ist es Zeichen einer noch höheren Cultur, wenn einzelne Begriffe erfunden werden, um Einen Gedanken desto bestimmter auszudrücken. Die Aufstellung dieser Bezeichnungen ist aber in einer Sprache wenigstens nicht früher möglich, bis in ihr der Begriff des Leidens oder das Passiv schon ausgedrückt ist.
E.
Ueber Belebung und Erhöhung des reinen Interesse für Wahrheit.
(Aus Schillers Horen Bd. I, St. I. 1795.)
Vergebens erwartet man durch irgend ein glückliches Ohngefähr die Wahrheit zu finden, wenn man sich nicht von einem lebhaften Interesse begeistert fühlt, mit Verläugnung alles Andern ausser ihr, sie zu suchen. Es ist demnach eine wichtige Frage für jeden, der die Würde der Vernunft in sich behaupten will: was habe ich zu thun, um reines Interesse für Wahrheit in mir zu erwecken, oder wenigstens dasselbe zu erhalten, zu erhöhen und zu beleben?
Wie jedes Interesse überhaupt, so gründet sich auch das Interesse für Wahrheit auf einen ursprünglich in uns liegenden Trieb. Unter unseren reinen Trieben aber ist auch ein Trieb nach Wahrheit. Niemand ^will^ irren, und jeder Irrende hält seinen Irrthum für Wahrheit. Könnte man ihm auf eine für ihn überzeugende Art darthun, dass er irre, so würde er sogleich den Irrthum aufgeben, und statt desselben die entgegengesetzte Wahrheit ergreifen.
Kommt etwas hinzu, das sich auf diesen Trieb bezieht, entdeckt man in unserm Fall eine Wahrheit als solche, oder erkennt einen Irrthum für einen Irrthum, so entsteht nothwendig ein Gefühl des Beifalls für die erstere, eine Abneigung gegen den letztern; und beides völlig unabhängig von dem Inhalte und den Folgen jener Wahrheit und dieses Irrthums. Aus wiederholten Gefühlen der gleichen Art entsteht ein Interesse für Wahrheit überhaupt. Ein solches Interesse lässt sich daher nicht ^hervorbringen^; es gründet sich der Anlage nach auf das Wesen der Vernunft, und wird seinen Aeusserungen nach in der Erfahrung durch die Welt ausser uns ohne unser wissentliches Zuthun geweckt; aber man kann dieses Interesse ^erhöhen^.
Dies geschieht durch Freiheit, wie jede sittliche Handlung. Aber alle Regeln für Anwendung der Freiheit setzen die Anwendung derselben schon voraus; und man kann vernünftigerweise nur demjenigen zurufen: gebrauche deine Freiheit, der dieselbe schon gebraucht hat. Dieser erste Act der Freiheit, dieses Losreissen aus den Ketten der Nothwendigkeit geschieht, ohne dass wir selbst wissen wie. So wenig wir uns des ersten Schrittes in das Reich des Bewusstseyns überhaupt bewusst werden, ebensowenig werden wir uns unseres Uebertrittes in das Reich der Moralität bewusst.
Irgend woher fällt ein Feuerfunke in unsere Seele, der vielleicht lange in heimlichem Dunkel glüht. Er erhebt sich, er greift umher, er wird zur Flamme, bis er endlich die ganze Seele entzündet.
Jedes praktische Interesse im Menschen erhält und belebt sich selbst; darin besteht sein Wesen. Jede Befriedigung verstärkt es, erneuert es, hebt es mehr hervor im Bewusstseyn. Gefühl des erweiterten Bedürfnisses ist der einzige Genuss für das endliche Wesen. Die Hauptvorschrift zu Erhöhung jedes Interesse im Menschen, mithin auch des Interesse für Wahrheit, heisst demnach: ^befriedige deinen Trieb^! woraus für den gegenwärtigen Fall sich folgende zwei Regeln ergeben: entferne jedes Interesse, das dem reinen Interesse für Wahrheit entgegen ist, und suche jeden Genuss, der das reine Interesse für Wahrheit befördert!
Man nehme keinen Anstoss an der sonst mit Recht verdächtigen Empfehlung des Genusses. Dass durch den Genuss, und allein durch diesen jeder Trieb, der in der vernünftigen Natur des Menschen gegründet ist, ausgebildet werde, ist einmal wahr. Genuss, der sich bloss auf Befriedigung der animalischen Sinnlichkeit gründet, verzehrt und vernichtet sich in sich selbst, und von ihm ist hier nicht die Rede.
Geistiger Genuss, wie z. B. der ästhetische, erhöht sich durch sich selbst. Es ist demnach ebenso wahr, dass die obenaufgestellte Regel die einzige ist, die zur Erhöhung eines geistigen Interesse gegeben werden kann. Die Beantwortung einer ganz anderen Frage: ob nemlich irgend ein geistiger Genuss ganz unbedingt zu empfehlen sey? hängt ab von der Beantwortung einer höheren Frage: ob der Trieb, auf den jener Genuss sich bezieht, ins unbedingte zu erhöhen? und diese von der noch höheren: ob dieser Trieb irgend einem andern unterzuordnen sey? So ist der ästhetische Trieb im Menschen allerdings dem Triebe nach Wahrheit, und dem höchsten aller Triebe, dem nach sittlicher Güte, unterzuordnen. Ob der Trieb nach Wahrheit mit einem höheren Triebe in Streit kommen könne, wird sich aus unserer Untersuchung von selbst ergeben. -- Irgend einen Ausdruck aber zu vermeiden, weil er gemisbraucht worden, glaube ich wenigstens hier nicht nöthig zu haben.
Unser Interesse für Wahrheit soll ^rein^ seyn; die Wahrheit, bloss weil sie Wahrheit ist, soll der letzte Endzweck alles unseres Lernens, Denkens und Forschens seyn.
Die Wahrheit an sich aber ist bloss ^formal^. Uebereinstimmung und Zusammenhang in allem, was wir annehmen, ist Wahrheit, sowie Widerspruch in unserem Denken Irrthum und Lüge ist. Alles im Menschen, mithin auch seine Wahrheit, steht unter diesem höchsten Gesetze: sey stets einig mit dir selbst! Heisst jenes Gesetz in der Anwendung auf unsere ^Handlungen^ überhaupt: handle so, dass die Art deines Handelns, deinem besten Wissen nach, ewiges Gesetz für alles dein Handeln seyn kann; so heisst dasselbe, wenn es insbesondere auf unser ^Urtheilen^ angewendet wird: urtheile so, dass du die Art deines jetzigen Urtheilens als ewiges Gesetz für dein gesammtes Urtheilen denken könnest. Wie du vernünftigerweise in allen Fällen kannst urtheilen wollen, so urtheile in diesem bestimmten Falle. Mache nie eine Ausnahme in deiner Folgerungsart. Alle Ausnahmen sind sicherlich Sophistereien. -- Darin unterscheidet sich der Wahrheitsfreund vom Sophisten: Beider Behauptungen an sich betrachtet kann vielleicht der erstere irren, und der letztere recht haben; und dennoch ist der erstere ein Wahrheitsfreund, auch wenn er irrt, und der letztere ein Sophist, auch da, wo er die Wahrheit sagt, weil sie etwa zu seinem Zwecke dient. Aber in den Aeusserungen des Wahrheitsfreundes ist nichts Widersprechendes, er geht seinen geraden Gang fort, ohne sich weder rechts noch links zu wenden; der Sophist ändert stets seinen Weg, und beschreibt seine krumme Schlangenlinie, sowie der Punct sich verrückt, bei welchem er gern ankommen möchte. Der erstere hat gar keinen Punct im Gesichte, sondern zieht seine gerade Linie, welcher Punct auch immer hineinfallen möge.
Diesem Interesse für Wahrheit um ihrer blossen ^Form^ willen ist gerade entgegengesetzt alles Interesse für den ^bestimmten Inhalt^ der Sätze.
Einem solchen materiellen Interesse ist es nicht darum zu thun, ^wie^ etwas gefunden sey, sondern nur was gefunden sey.
Wir haben schon etwa einen Satz ehemals behauptet, vielleicht Beifall damit gefunden und Ehre eingeerntet, und meinten es damals aufrichtig.
Damals war unsere Behauptung zwar nicht ^allgemeine^ Wahrheit, die sich auf das Wesen der Vernunft, aber doch Wahrheit ^für uns^, die sich auf unsere damalige individuelle Denk- und Empfindungsart gründete. Wir irrten, aber wir täuschten nicht, weder uns noch andere. Seitdem haben wir entweder selbst weiter geforscht, wir haben unsere individuelle Denkart dem Ideale der allgemeinen und nothwendigen Denkart mehr genähert, oder auch andere haben uns unseren Irrthum gezeigt. Derselbe materielle Satz, der ehemals formale Wahrheit für uns war, ist uns jetzt, aus dem nemlichen Grunde, aus dem er dieses war, formaler Irrthum; und sind wir uns selbst treu, so werden wir ihn sogleich aufgeben. Aber dann müssten wir erkennen, dass wir geirrt haben; vielleicht dass ein anderer weiter gesehen habe, als wir. Ist unser Interesse für Wahrheit nicht rein und nicht stark genug, so werden wir gegen die auf uns eindringende Ueberzeugung uns vertheidigen, so lange wir können; und nun ist es uns nicht mehr um die Form zu thun, sondern um die Materie des Satzes; wir vertheidigen denselben, weil er der unsrige ist, und weil ein eitler Ruhm uns mehr gilt, denn Wahrheit.
Eine Meinung schmeichelt unserm Stolze, unseren Anmaassungen, unserer Unterdrückungssucht. Man erschüttert sie mit den stärksten Gründen, gegen die wir nichts aufbringen können. Werden wir uns überzeugen lassen? Aber wir müssten dann entweder unsere gerechten Ansprüche aufgeben, oder uns für wohlbedächtige und überlegte Ungerechte anerkennen. Es ist zu erwarten, dass wir gegen die Ueberzeugung uns verwahren werden, so lange wir können, und dass wir in allen Schlupfwinkeln unseres Herzens nach Ausflüchten suchen werden, um ihr auszuweichen.
Ein zweites Hinderniss des reinen Interesse für Wahrheit ist die Trägheit des Geistes, die Scheu vor der Mühe des Nachdenkens. Der Mensch ist von Natur ein vorstellendes Wesen, aber er ist durch sie auch nichts weiter. Die Natur bestimmt die Reihe seiner Vorstellungen, wie sie die Verkettung seiner körperlichen Theile bestimmt. Sein Geist ist eine Maschine, wie sein Körper; nur eine Maschine anderer Art, eine vorstellende Maschine, bestimmt durch Einwirkung von aussen und durch seine nothwendigen Naturgesetze von innen. Man kann viel wissen, viel studiren, viel lesen, viel hören, und ist doch nichts weiter. Man lässt durch Schriftsteller oder Redner sich bearbeiten, und sieht mit behaglicher Ruhe zu, wie eine Vorstellung in uns mit der andern abwechselt. Sowie die Weichlinge des Orients in ihren Bädern durch besondere Künstler ihre Gelenke durchkneten lassen, so lassen diese durch Künstler anderer Art ihren Geist durchkneten, und ihr Genuss ist um weniges edler, als der Genuss jener.
Diesem blinden Hange thätig widerstreben, eingreifen in den Mechanismus der Ideenfolge, und ihr gebieten, ihr mit Freiheit eine Richtung geben auf ein bestimmtes Ziel, und von dieser Richtung nicht abweichen, bis das Ziel erreicht ist: das ist der rohen Natur zuwider, und kostet Anstrengung und Verläugnung.
Jedes unthätige Hingeben ist dem Interesse für Wahrheit geradezu entgegen. Es wird dabei gar nicht auf Wahrheit oder Nichtwahrheit, sondern lediglich auf die Ergötzung geachtet, die jener Wechsel der Vorstellungen uns gewährt. Wir kommen dadurch auch nicht zur Wahrheit; denn Wahrheit ist Einheit, und diese muss thätig und mit Freiheit hervorgebracht werden, durch Anstrengung und eigene Kraftanwendung.
Gesetzt, man käme durch ein glückliches Ohngefähr auf diesem Wege wirklich zu Vorstellungen, die an sich wahr wären, so wären sie es doch nicht ^für uns^, denn wir hätten von der Wahrheit derselben uns nicht durch eigenes Nachdenken überzeugt.
Beide Unarten vereinigen sich in denjenigen, welche alle Untersuchung fliehen, aus Furcht, dadurch in ihrer Ruhe und in ihrem Glauben gestört zu werden. Was kann eines vernünftigen Wesens unwürdiger seyn, als eine solche Ausrede? Entweder ist ihre Ruhe, ihr Glaube gegründet; und was fürchten sie dann die Untersuchung? Die Güte ihrer Sache muss ja nothwendig durch die hellste Beleuchtung gewinnen. -- Aber sie fürchten vielleicht bloss unsere Trugschlüsse, unsere Ueberredungskünste? Wenn sie unsere Folgerungen nicht gehört haben, noch hören wollen: woher mögen sie doch wissen, dass es Trugschlüsse sind? Und setzen sie in ihren Verstand nicht das Vertrauen, dass er allen falschen Schein, der sich gegen ihre Ueberzeugung auflehnt, zerstreuen werde, da sie ihm doch das ungleich grössere zutrauen, dass er die einzig mögliche reine Wahrheit ohne sonderliches Nachdenken aufgefunden habe? -- Oder ihre Ruhe, ihr Glaube ist grundlos; und also ist es ihnen überhaupt nicht darum zu thun, ob er gegründet sey oder nicht, wenn sie nur nicht in ihrer süssen Behaglichkeit gestört werden. Es liegt ihnen gar nicht an der Wahrheit, sondern bloss an der Vergünstigung, dasjenige für wahr zu halten, was sie bisher dafür gehalten haben; sey es um der Gewohnheit willen, sey es, weil der Inhalt desselben ihrer Trägheit und Verdorbenheit schmeichelt. Sie erhalten etwa dadurch die Hoffnung, ohne alles ihr Zuthun, tugendhaft und glückselig, oder wohl gar ohne Tugend glückselig zu werden, recht viel zu geniessen, ohne etwas zu thun; andere für sich arbeiten zu lassen, wo sie Lust haben, träge und verdorben zu seyn.
Alles Interesse von der angezeigten Art ist unächt, und in Ausrottung desselben besteht der erste Schritt zu Erhöhung des reinen Interesse für Wahrheit. Der zweite ist: man überlasse sich jedem Genusse, den das reine Interesse für Wahrheit gewährt. Die ^Wahrheit an sich selbst^, wiefern sie bloss in der Harmonie alles unseres Denkens besteht, gewährt Genuss, und einen reinen, edlen, hohen Genuss.
Das ist eine gemeine Seele, der es gleichgültig ist, ob sie, so geringfügig der Gegenstand auch seyn möge, irre, oder im Besitz der Wahrheit sey. Es ist hierbei nemlich gar nicht um den Inhalt und um die Folgen eines Satzes zu thun, sondern lediglich um Einheit und Uebereinstimmung in dem gesammten System des menschlichen Geistes. Aber der Mensch ^soll^ einig mit sich selbst seyn; er soll ein eigenes, für sich bestehendes Ganzes bilden. Nur unter dieser Bedingung ist er Mensch. Mithin ist das Bewusstseyn der völligen Uebereinstimmung mit uns selbst in unserem Denken, oder doch des redlichen Strebens nach einer solchen Uebereinstimmung, unmittelbares Bewusstseyn unserer behaupteten Menschenwürde, und gewährt einen moralischen Genuss.
Man bezeugt es sich durch jenes Streben, und durch die vermittelst desselben hervorgebrachte Harmonie, dass man ein selbstständiges, von allem, was nicht unser Selbst ist, unabhängiges Wesen bilde. Man wird des erhabenen Gefühls theilhaftig: ich bin, was ich bin, weil ich es habe seyn wollen. Ich hätte mich können forttreiben lassen durch die Räder der Nothwendigkeit; ich hätte meine Ueberzeugung können bestimmen lassen durch die Eindrücke, die ich von der Natur überhaupt erhielt, durch den Hang meiner Leidenschaften und Neigungen, durch die Meinungen, die mir meine Zeitgenossen beibringen wollten: aber ich habe nicht gewollt. Ich habe mich losgerissen, ich habe durch eigene Thätigkeit nach einer durch mich selbst bestimmten Richtung hin untersucht; ich stehe jetzt auf diesem bestimmten Puncte, und ich bin durch mich selbst, durch eigenen Entschluss und eigene Kraft darauf gekommen. -- Man wird des erhabenen Gefühls theilhaftig: ich werde immer seyn, was ich jetzt bin, weil ich es immer wollen werde. Der ^Inhalt^ meiner Ueberzeugungen zwar wird durch fortgesetztes Nachforschen sich ändern, aber um ihn ist es mir auch nicht zu thun. Die ^Form^ derselben wird sich nie ändern.
Ich werde nie der Sinnlichkeit, noch irgend einem Dinge, das ausser mir ist, Einfluss auf die Bildung meiner Denkart verstatten; ich werde, so weit mein Gesichtskreis sich erstreckt, immer einig mit mir selbst seyn, weil ich es immer wollen werde.
Diese strenge und scharfe Unterscheidung unseres reinen Selbst von allem, was nicht wir selbst sind, ist der wahre Charakter der Menschheit; die Stärke und der Umfang dieses Selbstgefühls ist bestimmt durch den Grad unserer Humanität; dieser unsere ganze Würde und unsere ganze Glückseligkeit.
Mit dieser sichern Ueberzeugung, stets einig mit sich selbst zu seyn, geht der entschiedene Freund der Wahrheit auf dem Wege der Untersuchung ruhig fort; er geht muthig allem entgegen, was ihm auf demselben aufstossen möchte. Es ist für denjenigen, der mit sich selbst noch nicht recht eins geworden ist, was er denn eigentlich suche und wolle, äusserst beängstigend, wenn er auf seinem Wege auf Sätze stösst, die allen seinen bisherigen Meinungen, und den Meinungen seiner Zeitgenossen, und der Vorwelt widersprechen; und gewiss ist diese Aengstlichkeit eine der Hauptursachen, warum die Menschheit auf dem Wege zur Wahrheit so langsame Fortschritte gemacht hat. Von ihr ist derjenige, der die Wahrheit um ihrer selbst willen sucht, völlig frei.
Er blickt jeder noch so befremdenden Folgerung kühn in das Gesicht. Ob sie ein befremdendes oder bekanntes Aussehen habe, ob sie seiner und aller bisherigen Meinung widerspreche oder nicht, darnach war nicht die Frage. Die Frage war: ob sie, seinem besten Wissen nach, mit den Gesetzen des Denkens übereinstimme oder nicht, und das wird er untersuchen. Wird sich finden, dass sie damit übereinstimme, so wird er sie als heilige, ehrwürdige Wahrheit aufnehmen; wird sie nicht damit übereinstimmen, so wird er sie als Irrthum verwerfen, nicht weil sie der gemeinen Meinung, sondern weil sie seinem besten Wissen nach den Gesetzen des Denkens widerspricht. Bis dahin ist er völlig gleichgültig gegen sie; über ihren Inhalt hat er die Frage nicht erhoben; derselbe ist ihm bekannt; ihre Form hat er noch zu untersuchen.
Mit dieser kalten Ruhe und festen Entschlossenheit blickt er hinein in das Gewühl der menschlichen Meinungen überhaupt und seiner eigenen Einfälle und Zweifel. Es wirbelt und stürmt ^um ihn herum^, aber nicht ^in ihm^. Er selbst sieht aus seiner unerreichbaren Burg ruhig dem Sturme zu. Er wird ihm zu seiner Zeit gebieten, und eine Welle nach der anderen wird sich legen. -- Er will nur Harmonie mit sich selbst, und er bringt sie hervor, so weit er bis jetzt gekommen ist. Dort ist noch Verwirrung in seinen Meinungen; das ist nicht seine Schuld, denn bis dahin hat er noch nicht kommen können. Er wird auch dahin kommen, und dann wird jene Unordnung in die schönste Ordnung sich auflösen. -- Was wäre denn wohl endlich das härteste, was ihm begegnen könnte? Gesetzt, er fände, entweder weil die Schranken der endlichen Vernunft überhaupt, welches unmöglich ist, oder weil die Schranken seines Individuums solches mit sich bringen, als letztes Resultat seines Strebens nach Wahrheit, dass es überhaupt gar keine Wahrheit und Gewissheit gebe. Er würde auch diesem Schicksale, dem härtesten, das ihn treffen könnte, sich unterwerfen; denn er ist zwar unglücklich, aber schuldlos; er ist seines redlichen Forschens sich bewusst, und das ist statt alles Glücks, dessen er nun noch theilhaftig werden kann.
Ebenso ruhig -- wenn dieser Umstand der Erwähnung werth ist -- bleibt der entschiedene Freund der Wahrheit darüber, was ^andere^ zunächst zu seinen Ueberzeugungen sagen werden, wenn er in der Lage seyn sollte, sie mittheilen zu müssen; und der Gelehrte ist immer in dieser Lage, da er nicht bloss für sich selbst, sondern zugleich für andere forscht. Die Frage ist ja gar nicht, ob wir mit anderen, sondern ob wir mit uns selbst übereinstimmend denken. Ist das letztere, so können wir des erstern ohne unser Zuthun, und ohne erst die Stimmen zu sammeln, bei allen denen gewiss seyn, die mit sich selbst in Uebereinstimmung stehen; denn das Wesen der Vernunft ist in allen vernünftigen Wesen Eins und ebendasselbe. Wie ^andere^ denken, wissen wir nicht, und wir können davon nicht ausgehen. Wie ^wir^ denken sollen, wenn wir vernünftig denken wollen, können wir finden; und so, wie wir denken sollen, sollen alle vernünftige Wesen denken. Alle Untersuchung muss von innen heraus, nicht von aussen herein, geschehen. ^Ich^ soll nicht denken, wie ^andere^ denken; sondern wie ^ich^ denken soll, so, soll ich annehmen, denken auch andere. -- Mit denen übereinstimmend zu seyn, die es mit sich selbst nicht sind, wäre das wohl ein würdiges Ziel für ein vernünftiges Wesen?
Das Gefühl der für formale Wahrheit angewendeten ^Kraft^ gewährt einen reinen, edlen, dauernden Genuss.
Einen solchen Genuss kann uns überhaupt nur dasjenige gewähren, was unser eigen ist, und was wir durch würdigen Gebrauch unserer Freiheit uns selbst erworben haben. Was uns hingegen ohne unser Zuthun von aussen gegeben worden ist, gewährt keinen reinen Selbstgenuss. Es ist nicht unser, und es kann uns ebenso wieder genommen werden, wie es uns gegeben wurde; wir geniessen an demselben nicht uns selbst, nicht unser eigenes Verdienst und unsern eigenen Werth. So verhält es sich auch insbesondere mit Geisteskraft. Das, was man guten Kopf, angebornes Talent, glückliche Naturanlage nennt, ist gar kein Gegenstand eines vernünftigen Selbstgenusses, denn es ist dabei gar kein eigenes Verdienst. Wenn ich eine reizbarere, thätigere Organisation erhielt, wenn dieselbe gleich bei meinem Eintritte ins Leben stärker und zweckmässiger afficirt wurde, was habe ^ich^ dazu beigetragen? Habe ich jene Organisation entworfen, unter mehreren sie ausgewählt und mir zugeeignet? Habe ich jene Eindrücke, die mich bei meinem Eintritte ins Leben empfingen, berechnet und geleitet?
Meine Kraft ist ^mein^, lediglich inwiefern ich sie durch Freiheit hervorgebracht habe; ich kann aber nichts in ihr hervorbringen, als ihre Richtung; und in dieser besteht denn auch die wahre Geisteskraft. Blinde Kraft ist keine Kraft, vielmehr Ohnmacht. Die Richtung aber gebe ich ihr durch Freiheit, deren Regel ist, stets übereinstimmend mit sich selbst zu wirken; vorher war sie eine fremde Kraft, Kraft der willenlosen und zwecklosen Natur in mir.
Diese Geisteskraft wird durch den Gebrauch verstärkt und erhöht; und diese Erhöhung giebt Genuss, denn sie ist Verdienst. Sie gewährt das erhebende Bewusstseyn: ich war Maschine, und konnte Maschine bleiben; durch eigene Kraft, aus eigenem Antriebe habe ich mich zum selbstständigen Wesen gemacht. Dass ich jetzt mit Leichtigkeit, frei, nach meinem eigenen Zwecke fortschreite, verdanke ich mir selbst; dass ich fest, frei und kühn an jede Untersuchung mich wagen darf, verdanke ich mir selbst. Dieses Zutrauen auf mich, dieser Muth, mit welchem ich unternehme, was ich zu unternehmen habe, diese Hoffnung des Erfolgs, mit der ich an die Arbeit gehe, verdanke ich mir selbst.
Durch diese Geisteskraft wird zugleich das moralische Vermögen gestärkt, und sie ist selbst moralisch. Beide hängen innig zusammen, und wirken gegenseitig auf einander. Wahrheitsliebe bereitet vor zur moralischen Güte, und ist selbst schon an sich eine Art derselben. Dadurch, dass man alle seine Neigungen, Lieblingsmeinungen, Rücksichten, alles, was ausser uns ist, den Gesetzen des Denkens frei unterwirft, wird man gewöhnt, vor der Idee des Gesetzes überhaupt sich niederzubeugen und zu verstummen; und diese freie Unterwerfung ist selbst eine moralische Handlung.
Herrschende Sinnlichkeit schwächt in gleichem Grade das Interesse für Wahrheit, wie für Sittlichkeit. Durch den Sieg, den das erstere über dieselbe erkämpft, wird zugleich für die Tugend ein Sieg erfochten.
Freiheit des Geistes in ^Einer^ Rücksicht entfesselt in allen übrigen.
Wer alles, was ausser ihm liegt, in der Erforschung der Wahrheit verachtet, der wird es auch in allem seinem Handeln überhaupt verachten lernen. Entschlossenheit im Denken führt nothwendig zur moralischen Güte und zur moralischen Stärke.
Ich setze kein Wort hinzu, um die Würde dieser Denkart fühlbar zu machen. Wer ihrer fähig ist, der fühlt sie durch die blosse Beschreibung; wer sie nicht fühlt, dem wird sie ewig unbekannt bleiben.
-- F.
Aphorismen über Erziehung aus dem Jahre 1804.[36] 1.
Einen Menschen erziehen heisst: ihm Gelegenheit geben, sich zum vollkommenen Meister und Selbstherrscher seiner ^gesammten^ Kraft zu machen. Der ^gesammten^ Kraft, sage ich; denn die Kraft des Menschen ist Eine und ist ein zusammenhängendes Ganze. Sogleich in der Erziehung einen abgesonderten Gebrauch dieser Kraft als Ziel ins Auge fassen, -- den Zögling für seinen Stand erziehen, wie man dies wohl genannt hat, würde nur überflüssig seyn, wenn es nicht verderblich wäre. Es verengt die Kraft und macht sie zum Sklaven des angebildeten Standes, da sie doch sein Herrscher seyn sollte. Der völlig und harmonisch ausgebildeten Kraft kann man es überlassen, von welcher Seite her sie sich der Welt und der Praxis in ihr nähern werde; oder: in allen Ständen kommt es nicht darauf an, wozu man ^erzogen^ sey und was man ^gelernt^ habe, sondern was man ^sey^? Wer überhaupt nur wirklich ^ist^, ein vernünftiges und in jedem Augenblicke selbstthätiges Wesen, wird immer mit Leichtigkeit sich zu dem ^machen^, was er in seiner Lage seyn soll.
Wer aber durch irgend eine äusserliche Einübung (Dressur) den leider ermangelnden Thierinstinct ersetzt hat, der bleibt eben in dieser Schranke befangen, die ihn wie eine zweite, ihm undurchdringliche Natur umgiebt, und die Erziehung, der Unterricht hat ihn gerade beschränkt, getödtet, statt ihn zu befreien und zum lebendigen Fortwachsen aus sich selbst fähig zu machen.
[Fußnote 36: Als Rechenschaftsablegung bei Gelegenheit eines damals gefassten Planes geschrieben, einige Söhne ihm befreundeter Familien, zur Erziehung mit dem eigenen, in sein Haus aufzunehmen.
(Anmerk. des Herausgebers.)]
2.
Für Entwickelung der ^Geistes^kraft in diesem allgemeinsten Sinne haben wir Neueren nichts Zweckmässigeres, als die Erlernung der alten klassischen Sprachen. Ob man fürs Leben jemals dieser Sprachen bedürfen werde, davon sey nicht die Frage: ja sogar davon werde abgesehen, ob es dem aufkeimenden Geiste räthlicher sey, in der gepressten Luft der modernen Denkart, oder in dem heiteren Wehen der Schriftsteller des Alterthums zu athmen. Folgende Frage aber kann nicht geschenkt werden: wie der Zögling über den Nebel nicht von ihm geschaffener und deshalb nicht verstandener Worte, der nur den Geist, welcher ihm unbewusst in der Sprache umherwankt, keinesweges aber seinen eigenen, in ihm aufkommen lässt, -- über diesen Nebel, der den grössten Theil selbst der angeblich gebildeten Menschen zeitlebens gefesselt hält, zur lebendigen Anschauung der Sache selbst gelangen solle?
Ich halte dafür, dass dies geschehen könne nur durch das Studium ^der^ Sprachen, deren ganze ^Begriffsgestaltung^ von der Modernität völlig abweicht und jeden, der es in dieser Region bis zum ^eigentlichen Verstehen^ bringen soll -- was freilich mehr ist, als was der gewöhnliche Unterricht in den alten Sprachen bezweckt und in der Regel auch erreicht, der sich mit dem ungefähren Dolmetschen des Sinnes begnügt, -- entschieden nöthiget, über alle Zeichen hinweg zu etwas Höherem, als das Sprachzeichen ist, zu dem Begriffe der Sache sich zu erheben: -- ein Studium, welches ebendarum durch die Erlernung keiner neueren Sprache zu ersetzen ist, weil hierin mit nichtverstandenen Phrasen, gegen andere gleichgeltende, nur anderstönende, welche ebenfalls nicht verstanden werden, d. h. in denen niemals vom Ausdrucke und Bilde zum Begriffe vorgedrungen wird, -- ein Tauschhandel getrieben werden kann und getrieben wird. Daher nun die Nebelwelt halbverstandener, nie bis auf ihren Kern untersuchter Vorstellungen, in der das gewöhnliche Bewusstseyn, auch der sogenannten Gebildeten, lebt, und die ihre Wahrheit sind, nach der zufälligen Gestaltung des sie umgebenden Sprachgeistes und nach dem ebenso zufälligen Anfluge aus ihren specielleren Umgebungen, wo also nirgends das Bewusstseyn mit dem Realen und Wahren zu thun hat, sondern mit den Schattenbildern desselben.
3.
Es liegt in der Sache, dass die ^Form^ des Unterrichtes und der Uebungen auf den beschriebenen Zweck berechnet seyn muss; eine Form, mit welcher ich aus alter Uebung im Unterrichte sehr bekannt zu seyn glaube. Eine Nebenrücksicht hierbei wird die seyn, den grössten Theil der Zeit und der Mühe, der in dem hergebrachten Unterrichte auf das Lateinische, eine sehr nachstehende Tochter des Griechischen, gewidmet wird, der Mutter selbst zuzuwenden, mit dem Griechischen, so viel dies möglich ist, anzufangen, dies als Hauptsache zu nehmen und bis zu Stil- und sogar Sprechübungen zu treiben, indem aus der für den geborenen Deutschen, wegen der sehr nahen Verwandtschaft des Griechischen mit seiner Muttersprache ohnedies leicht zu erlangenden Fertigkeit, eine Ansicht von der Sprache überhaupt und so auch eine Vorbereitung auf das weit ferner für uns liegende Lateinische erfolgt; welche auf umgekehrtem Wege nicht so sicher zu erreichen wäre.
4.
Es versteht sich, dass über dieser Erlernung der alten Sprachen und der Ansichten der alten Welt, der alten Geschichte, Geographie u. s. w., die Kenntniss der umgebenden Welt nicht vergessen werde. Dies ist nun aber, weil es das Umgebende betrifft, mehr durch Leben und möglichst zu vermittelnde Anschauung, als durch todtes Studium und Ueberlieferung, mehr durch unmittelbare Erfahrung und Conversation darüber, als durch besondere Lehrstunden zu befördern. Ein lebendiger, durch seine tägliche Arbeit an Verknüpfung und Ordnung gewöhnter Knabe wird nicht ermangeln, von dem, was er erblickt, aufzusteigen zu dem, was er nicht erblickt, und darnach, so wie nach dem Zusammenhange beider zu fragen, und er wird Befriedigung erhalten, wenn diejenigen, die ihn umgeben, theils selber die Sache wissen, theils so zu antworten verstehen, dass keine todte, nur wiederholende Phrase, sondern eine lebendige Anschauung im Zöglinge entstehe.
5.
Der innere Geist und Charakter dieser intellectuellen Erziehung, ohne welchen alle äusserlichen Fertigkeiten und Kenntnisse keinen Werth haben, ist der, dass der Zögling in der That und stets selbst arbeite, Alles durch eigene Geisteskraft sich erwerbe, keinesweges aber nur mechanisch etwas anlerne. Die Methode, leicht oder spielend zu lehren und zu lernen, kann daher in einem vernunftgemässen Erziehungsplane nicht eintreten, in welchem es gar nicht darauf ankommt, ^was^ da erlernt sey, sondern was der Zögling geistig vermöge, und wie dies Vermögen durch den Stoff des Unterrichtes entwickelt worden sey.
Aus diesem Grunde wird das Studium der Mathematik, am geeignetsten nach Euklides oder in dieser Methode, der zweite Hauptzweig des eigentlichen Unterrichtes seyn.
6.
Dagegen im unmittelbaren Leben, durch ein von selbst sich darbietendes oder künstlich herbeigeführtes Bedürfniss angeregt, sind die neueren Sprachen zu erlernen. Diese Erlernung ist dem Knaben, der schon an den alten Sprachen Kenntniss der Sprache überhaupt sich erworben, und Ohr und Zunge an ihnen geübt hat, der ferner Lateinisch versteht, besonders bei den Töchtern des Lateinischen sehr leicht, wenn dabei nur nicht auf eine zu nichts dienende Virtuosität im blossen Sprechen ausgegangen wird.
7.
Jenen auf Anschauung gegründeten Unterricht in den Anfangsgründen der Geometrie und Arithmetik abgerechnet, ist ein eigentlich systematisches und speculatives Studium der Wissenschaften, vor den Jahren der anfangenden Reife, sogar nachtheilig. Früher werde nur reicher Stoff der Erkenntniss herbeigeführt, die Phantasie gestärkt und frei und selbstständig gemacht, der Verstand durch Uebung an den gesetzmässigen Gang ^angewöhnt^, als ob dies gar nicht anders seyn könne. Erst in dieser Richtigkeit des geistigen Blickes befestigt, möge er Ausflug nehmen zur Erforschung und zum deutlichen Bewusstseyn seiner Gesetze, denen er bisher, wie einem dunkeln Instincte, folgte. Mit Einem Worte: Transscendentalismus jeder Art, selbst in seinen leisesten Andeutungen, gehört nicht unter die Gegenstände der Erziehung. -- 8.
Der Körper ist so gut Ausdruck der ^gesammten^ menschlichen Kraft, als es der Geist ist. Abgerechnet nun, dass ganz gegen die gewöhnliche Meinung von der »Ungesundheit« des Fleisses und des ernsten Studiums, frühe Geistesbildung, wenn sie nur nicht ein Brüten der Memorie über todten, unverstandenen Phrasen, sondern ein Leben und Weben der Phantasie seyn soll, schon durch sich selbst auch für den Körper der wirksamste Lebensbalsam ist: -- dies abgerechnet, bleibt es noch besonderer Zweck der Erziehung, den Zögling auch seines Körpers Meister zu machen, also dass er diesen besitze, in keinem Sinne aber von ihm besessen werde, -- auch nicht durch körperliche Stimmungen und Aufregungen.
Hierher gehört zuerst Entwicklung und Fixirung der Sinne; des Auges durch (nicht mechanisches, sondern perspectivisches) Zeichnen; des Ohres durch Uebung im harmonischen, einstimmigen und vielstimmigen Gesange,