Sie sollte -- welches, dass ich es im Vorbeigehen sage, nur zu wahr, offenbar und klar ist -- sie sollte ein der ^Religion^ gefährliches Werk seyn. Das war ihm zu hoch. Athmete doch dieses Werk seinem besten Wissen nach durchaus das, was er den reinsten Protestantismus nannte. Nur dem nunmehro seit seinen Reisen an den Tag gekommenen Antiprotestantismus, nur der ^katholischen^ Religion konnte es gefährlich seyn. Beide Visionen vermengten sich in seinem schwachen Kopfe, und dazu mischte sich noch eine dritte, die allein schon fähig gewesen wäre, ihn zu verwirren, die der geheimen Orden, der Gold- und Rosenkreuzerei. Nun konnten die Gegner seiner Bibliothek nichts Anderes seyn, als Kryptokatholiken, welche durch geheime Orden und andere Machinationen die Protestanten in den Schooss der römischen Kirche zurückzuführen suchten, und denen er durch seine Bibliothek und durch die wichtigen Entdeckungen seiner Reisen im Wege stand: und es musste von nun an alles von solchen Machinationen wimmeln. Noch im Jahre 1800 erzählte Nicolai in der Vorrede zum ersten Stück der von ihm wieder herausgegebenen Bibliothek sehr ernsthaft das alte Mährchen, und verrieth in aller Unbefangenheit den wahren Grund, der ihn auf diese Vision gebracht, die Anfechtungen nemlich, welche er und seine Bibliothek von einem Minister und einigen geistlichen Räthen unter der vorigen Regierung erdulden müssen. Jene vorgeblichen Verbreiter des Katholicismus thaten unserem Helden nur nicht die Liebe an, dass sie selbst katholisch geworden wären, geschweige, dass sie andere bedeutende Personen dazu gemacht hätten. Diejenigen, welche vielleicht anfangs durch das heftige Geschrei mit fortgerissen wurden, mussten sich denn doch nun, nachdem von allem Prophezeiten nichts erfolgte, und sie kälter wurden, erinnern, dass sie ja alles, was Nicolai ihnen erzählt, schon vorher auch gewusst und gesehen hätten, und dass beinahe alle Welt es gewusst und gesehen hätte, sie mussten sich wundern, dass es unserm Helden allein vorbehalten gewesen, diese Sachen so bedeutend zu nehmen, und so scharfsinnige Schlüsse daraus zu entwickeln, sich fragen, warum sie denn nicht selbst auch von denselben Prämissen aus auf dieselben Entdeckungen gekommen, und das Ganze konnte sich nur durch ein lautes und allgemeines Gelächter über unsern Helden beschliessen.
Noch stand ihm eine andere traurige Epoche seines Lebens bevor: seine Feldzüge gegen die neuere Philosophie. Zwar waren seine Einwendungen gegen diese Philosophie, -- etwa, dass ja die Erscheinung der Sinnenwelt so gar nicht vor Blutigeln weiche, vor denen doch sonst jede Erscheinung verschwinde, oder dass, wenn alles, was da ist, das Ich selbst sey, ein Mensch, der eine wilde Schweinskeule ässe, sich selbst ässe, -- diese Einwendungen waren sämmtlich von der Art, dass jeder Knecht und jede Magd im römischen Reiche, die sie vernahmen, finden mussten, sie hätten dieselben wohl auch vorbringen können. Aber dadurch, dass unser Held sie ihnen so vor dem Munde wegnahm, empfahl er sich schlecht ihrer Zuneigung. Ueberdies hörten sie auch nicht, dass man jene Philosophen von Obrigkeitswegen in die Tollhäuser gebracht, welches doch, wenn ihre Behauptungen durch jene Einwendungen getroffen würden, nothwendig hätte geschehen müssen. Sie blieben also immer geneigter, anzunehmen, dass jene Sätze wohl noch einen andern Sinn haben dürften, den Nicolai nur nicht verstände, oder hämischerweise verdrehe; und so that selbst bei den gemeinsten Lesern diese Art der Polemik der Ehre unsers Helden weit grössern Abbruch, als der Ehre jener Philosophen.
Diese zusammenhängende Reihe von Unglücksfällen musste nothwendig unsern Helden, der nie einen befestigten Credit besessen, immer verächtlicher und lächerlicher machen. Er kam in seinen letzten Tagen nach dem Jahre 1803 so herab, dass jeder Muthwillige, der gerade keinen spasshaftern Zeitvertreib hatte, den alten Steinbock zu Berlin neckte und am Barte zupfte, um sich an seinen Capriolen zu belustigen.
Wie benahm sich nun unser Held dabei? Ging ihm denn noch kein Licht darüber auf, dass das Zeitalter ihn nicht für seinen ersten Mann hielte?
Keinesweges. Gegen diese Ahnung hatte er schon früher sich befestigt gezeigt.
War es irgend möglich zu hoffen, dass man eine gegen ihn ergangene Schmähung überhört habe, so pflegte er derselben lieber gar nicht zu erwähnen, sondern sie mit grossmüthigem Stillschweigen zu übergehen. So hatten allerdings mehrere aus der Schule der transscendentalen Idealisten ihn oft etwas respectwidrig behandelt. Fichte hatte das einzige Mal, da er seiner erwähnt, ihn als die ^seufzende Creatur^ charakterisirt; Schelling hatte ihn einmal ^einen alten Californier^, und ein andermal ^einen alten Geck^ gescholten; Niethammer hatte gar die -- zwar ungegründete, und tiefer unten zu widerlegende Hypothese geäussert: Nicolai sey nun wirklich übergeschnappt, und er sey der Gott Vater zu Bedlam, der gegen seinen Nachbar Jesus Christus, -- etwa den Ritter Zimmermann, die Zähne fletsche. Dennoch hat Nicolai, so oft er auch hinterher veranlasst worden, diesen Männern ihr übriges Unrecht hart zu verweisen, dieser ihm selbst widerfahrenen Beleidigungen nie auch nur erwähnen mögen. Er hat vielmehr immer standhaft vorausgesetzt, dass jene Männer seiner Weisungen allerdings achteten, und lehrbegierig darauf hörten, und durch dieselben schon noch zur Besinnung gebracht werden würden. Tieck hatte ihn beinahe in allen seinen Schriften auf eine sehr empfindliche Weise durch wahren, tief eingreifenden Witz angezapft; besonders aber erschien im ersten Hefte seines poetischen Journals ein alter Mann, der unserm Helden wie aus den Augen geschnitten war; auch stellte im jüngsten Gerichte desselben Hefts Nicolai namentlich sich in einer höchst possirlichen Gestalt dar. Dadurch wurde unser Held so wenig beleidigt, dass er Kaltblütigkeit genug beibehielt, in eigner Person jenes Heft zu recensiren[12]. Zwar konnte er es nicht verbergen, dass die beiden Aufsätze, in denen er angegriffen war, nichts taugten; war aber schonend genug, den eigentlichen faulen Fleck in denselben nur ganz leise, wie wir unten sehen werden, zu berühren.
War aber der Verstoss in zu grosser und guter Gesellschaft gemacht, und liess sich nicht annehmen, dass er auf die Erde gefallen sey, so wusste unser Held immer gut nachzuweisen, warum die Gegner so sprechen müssten, wie sie sprachen. Es fand sich immer, dass er sie schon früher angegriffen, und ihre Eigenliebe gekränkt habe, dass sie nur dafür sich rächen wollten, und deswegen Dinge vorbrächten, denen ihre wahre Herzensmeinung widerspräche. So war in den bekannten Xenien der Spass mit unserm Nicolai wirklich weit gegangen, auch liess sich die Kunde davon nicht gut abläugnen. Unser Held aber zeigte, dass die Verfasser jene Gedichte nur deswegen publicirt hätten, um die tiefen Wunden, die er ihnen durch den 11. Band seiner Reisen geschlagen, zu rächen.
»Freilich höre niemand gern die Wahrheiten, die er ihnen dort sage, es sey ihnen eben nicht zu verdenken, dass sie sich rächten, so gut sie vermöchten.« Uebrigens wusste er, dass sie ihn im Herzen doch verehrten, ihn für einen Meister anerkannten, und gewaltige Furcht vor ihm hatten[13].
So sagte er von den transscendentalen Idealisten, dass sie die D. B. zu verachten nur affectirten[14]. Freilich waren sie eine rohe, ungeschlachte Rotte, jene Idealisten, die für manches Geachtete wenig Achtung bezeigten. Aber die Bibliothek, dieses grösste Werk unsers Helden, wirklich und in der That nicht zu achten -- diese Verkehrtheit konnte selbst ihnen Nicolai nicht zutrauen. Nein, sie stellten sich nur so, sie affectirten nur Nichtachtung, weil ihnen die Trauben des schmackhaften Lobes jener Bibliothek zu hoch hingen.
So setzte er bei der oben erwähnten Recension des Tieckschen Journals hinzu: »Tieck äussere da sein Misfallen an einigen Personen, denen er selbst und seine Verse wohl auch nicht gefallen haben möchten.« -- Mochte doch diese Stelle denjenigen, die dieses Journal nicht gelesen hatten, dunkel bleiben. Was sollte doch er selbst durch seine Bibliothek das leider erhobene Skandal weiter verbreiten? Waren aber welche unter den Lesern, die jenes Journal gesehen hatten, so konnten diese nur glauben, Nicolai möchte Herrn Tieck früher etwas zu Leide gethan haben, dieser habe dafür sein Müthchen an ihm kühlen wollen; nicht, als ob er im Herzen nicht voller Achtung und Respect für ihn sey, sondern lediglich aus dem boshaften Grunde, sich an ihm zu rächen.
Auf diese Weise entging unser Held dem, was in jedem andern Falle sicher zu erwarten gewesen wäre, dem sichtbar erscheinenden und im bürgerlichen Leben sich äussernden Wahnsinne. Mit dem Ritter Zimmermann, welchem Nicolai seine Eitelkeit nicht verzeihen konnte, ohnerachtet er selbst daran einen grössern Antheil hatte, und mit demselben Wohlgefallen von seinem Schachspielen mit dem Minister Wöllner, und von der witzigen Abfertigung, die er ihm gegeben, erzählte, als jener von seinen Unterredungen mit Friedrich dem Zweiten erzählt hatte -- mit dem armen Ritter endete es traurig, und auch dem unglücklichen Wetzel bekam seine Göttlichkeit übel. Es glaubten deswegen viele, dass es auch mit unserm Helden auf dieselbe Weise enden würde; und der oben angeführte Gelehrte glaubte sogar einstmals, dass dieser Fall wirklich eingetreten sey.
Diesen Männern entging nur folgendes, dass man, um wahnsinnig werden zu können, doch noch irgend einen wahren und richtigen Gedanken unaustilgbar in sich haben muss, welcher mit den ebenso fest eingewurzelten unrichtigen und falschen in einen nie zu entscheidenden Widerstreit geräth, und dadurch das Phänomen der Geistesverwirrung erzeugt. Totale und radicale Verkehrtheit aber, mit welcher auch nicht Ein richtiger Gedanke verbunden ist, stimmt mit sich selbst innig zusammen, und macht das Verfahren ebenso fest und unerschütterlich und gleichmässig, als die Wahrheit. Ein solcher ist in seinem Ideenkreise beschlossen, und kein Gott würde einen Gedanken in denselben hineinbringen, der nicht darein passte. -- Hierzu kommt, dass besonders diejenige Art der Verrücktheit, welche aus Eigendünkel entsteht, und in welcher die Menschen sich für ganz etwas Anderes halten, als sie sind, eigentlich nur durch den Widerspruch anderer erhitzt, erbittert, und zu den wilden Aeusserungen, in die sie öfters ausbricht, bewogen wird. Bete man nur jenen Gott Vater zu Bedlam, und seinen Sohn Jesus Christus gläubig an; lasse man sie nur ruhig bei der Meinung, dass sie die Welt regieren und alle Tage das Wetter machen, und sie werden sehr sanfte wohlthätige Gottheiten bleiben. Nur der Widerspruch reizt sie. Gegen diese Reizung war unser Gott Vater durch ein in seiner Narrheit selbst liegendes Mittel gesichert: er glaubte nie, dass der Widerspruch ernstlich gemeint sey. Die Schnippchen, die man gegen seinen papiernen Olymp heraufschlug, hielt er für eigen gestaltete Dämpfe des Weihrauchs.
Handelten die Sterblichen unter ihm nicht nach seinem Sinne, so griff er zu etwas, das er treuherzig für seinen Donnerkeil hielt, schleuderte es, und war nun fest überzeugt, dass alles um ihn herum zerschmettert und vernichtet wäre.
Ein Narr war er freilich; denn es ist ohne Zweifel ebenso närrisch, wenn ein einfältiger unstudirter Buchhändler, der nie eines systematischen Unterrichts genossen, und nie die entfernteste Idee davon gehabt, was eine Wissenschaft sey, sich für den ersten aller Gelehrten, ein geborner stumpfer Kopf, der es nie dahin bringen können, auch nur einen Perioden sprachrichtig und logisch zu schreiben, sich für einen Mann von allgemeinem und ausserordentlichem Talent, und ein ausgemachter Berliner Badaud[15] und ungezogener tölpelhafter Schwätzer sich für einen grossen Weltkenner und Weltmann hält: als es närrisch ist, wenn ein armer Schuhflicker sich für den König von Jerusalem ansieht. Aber in dieser Verrücktheit blieb er sich so unerschütterlich gleich und alles sein Handeln, Glauben und Denken stimmte mit ihr, und unter sich so wohl überein, dass, wenn man bloss seine Aeusserungen unter einander verglich, und mit der ungeheuren Falschheit der ersten Voraussetzung nicht bekannt war, man bis an sein Ende nicht die geringste Spur einer Verstandesverwirrung an ihm entdecken konnte.
Anmerkungen.
Bibliothek.]
[Fußnote 13: M. s. Nicolai's Schrift gegen die Xenien.]
[Fußnote 14: M. s. das 2. Heft des oben angeführten Stücks der N. D. B.]
[Fußnote 15: Wir erklären uns über diese Benennung in der 4ten Beilage.]
Zehntes Capitel.
Ein Grundzug des Geistescharakters unsers Helden, der aus jenem höchsten Grundsatze natürlich folgte.
Wer bei aller Geistesthätigkeit keinen andern Zweck hat, als den, sich geltend zu machen und sein Uebergewicht zu zeigen, weil er ein solches Uebergewicht zu haben vermeint, der verliert sehr bald durchaus allen Sinn für jeden möglichen andern Zweck der Geistesthätigkeit. Ihm ist alles Forschen und Nachdenken lediglich Mittel zum Disputiren, keinesweges aber zur Auffindung einer bleibenden Wahrheit, die allem weitern Disput ein Ende mache. Eine solche Wahrheit, die da nun wahr sey und bleibe, ist ihm ein Greuel, er hasst sie und wüthet gegen ihre Idee; denn wenn sie gefunden würde, so müsste ja auch er sich ihr unterwerfen und dürfte nichts gegen sie sagen.
Dieser Hass gegen alle positive bleibende Wahrheit musste also ein Grundzug unsers Helden seyn, der von dem nun sattsam beschriebenen Princip ausging. Gab er ja eine für sich bestehende und bleibende Wahrheit zu, so war es die der Anekdote; und sogar das ist zweifelhaft, ob er auch diese zugab. In allem, was über diesen Standpunct hinauslag, und ganz besonders in philosophischen und religiösen Materien, erblickte er nichts weiter, als einen Gegenstand des Disputs, wo jede Meinung so viel werth wäre, als jede andere, und der überall keinen Gebrauch hätte, als den, den Scharfsinn zu üben. Seine Maxime war: man müsse jedem, was über dergleichen Gegenstände zuletzt vorgebracht wäre, widersprechen, damit es nicht etwa dabei sein Bewenden behielte, und die einzige wahre Bestimmung des menschlichen Geistes, der Disput, ins Stocken geriethe.
seine beständigen Stichworte. Sein ^Protestantismus^ nemlich war die Protestation gegen alle Wahrheit, die da Wahrheit bleiben wollte; gegen alles Uebersinnliche und alle Religion, die durch Glauben dem Dispute ein Ende machte. Nach ihm war das eben der Zweck der Kirchenverbesserung, jeden Laien in den Stand zu setzen, über religiöse Gegenstände ins unbedingte hin und her zu disputiren, wie ein allgemeiner Bibliothekar, keinesweges aber irgend etwas gläubig zu ergreifen und in diesem Glauben zu handeln. Ihm war alle Religion nur Bildungsmittel des Kopfs zum unversiegbaren Geschwätz, keinesweges aber Sache des Herzens und des Wandels. Seine ^Denkfreiheit^ war die Befreiung von allem ^Gedachten^; die Ungezähmtheit des leeren Denkens, ohne Inhalt und Ziel. ^Freiheit des Urtheils^ war ihm die Berechtigung für jeden Stümper und Ignoranten, über alles sein Urtheil abzugeben, er mochte etwas davon verstehen oder nicht, und was er vorbrachte, mochte gehauen seyn oder gestochen. So fragt er in jener berühmten Acte Schelling, der sich über die Aufnahme zweier ungeschickten Recensionen einer seiner naturphilosophischen Schriften in die Jenaische gelehrte Zeitung beschwerte: »ob denn der Mann gar keinen Begriff von der Freiheit des Urtheils der Gelehrten habe?« Wohl mochte Schelling und alle seines Gleichen keinen Begriff haben von der Unverschämtheit, mit welcher jeder Stümper in Dinge hineintappte, von denen er recht wohl wusste, dass er sie nie gelernt hätte, und jeder Esel seinen Mund zur Antwort öffnete, ohne gefragt zu seyn.
Und so brachte Nicolai sein Leben hin, gegen Papismus, ebenso wie gegen Kriticismus und Idealismus zu disputiren; denn gegen beides disputirte er aus demselben Grunde, -- als gegen eine fremde Autorität, die sich den Menschen aufdringen wollte, zum Nachtheil der unbegrenzten Disputirfreiheit, genannt Protestantismus, und seiner eigenen wohlerworbenen Autorität. Mit der eklektischen Philosophie hatte er sich wohl vertragen können; diese hatte auch sein protestantisches Princip, über alles hin und her zu meinen, nichts aber zu ergründen und auszumachen. Die neuere Philosophie aber wollte ergründen und ausmachen und entscheiden; es war ihr Ernst, das Zeitalter zum Redestehen und zur Entscheidung zwischen Ja oder Nein zu bringen, und dass es dabei sein Bewenden habe. Diese Anmuthung erschien unserem Helden als eine sträfliche Anmaassung. Dass jemand in allem Ernste an eine für sich bestehende Wahrheit glauben und überzeugt seyn könne, derselben auf die Spur gekommen zu seyn, setzte er nur nicht voraus. Diese Verkehrtheit selbst seinem verhasstesten Gegner zuzutrauen, war er doch zu grossmüthig. Er sahe sonach in den Sätzen jener Philosophen nichts als Meinungen, ihrem eigenen guten Bewusstseyn nach nur Meinungen, die nicht besser seyn wollen dürften, als andere Meinungen; und in dem Ernste und dem entscheidenden Tone, mit dem sie dieselben vortrugen, nichts, als die Bemühung, dem Publicum zu imponiren. Drum schrie er über Autorität.
Für den, der keine Kraft hat, selbstständig aus sich Wahrheit zu erzeugen, giebt es auch wirklich nirgend etwas Anderes als Autorität.
Eilftes Capitel.
Ein paar andere Grundzüge, welche aus dem ersten Grundzuge und höchsten Grundsatze unseres Helden erfolgt sind.
Wer die Rede des anderen hört, oder seine Schrift liest, lediglich um etwas daran auszusetzen und ihm zu widersprechen, und dem es, da er gar nichts Anderes zu thun hat, leid thun würde, jenen noch einen Augenblick fortreden zu lassen, nachdem er Gelegenheit zum Widerspruche gefunden, ergreift immer die nächste Gelegenheit. Diese aber kann jeder, dem es nur ernstlich um das Widersprechen zu thun ist, immer auf der Oberfläche finden. Da es ihm nun nur darum zu thun ist, so hat er nie ein Bedürfniss, über diese Oberfläche hinauszugehen; es wird ihm habituell, nie über sie hinauszugehen, und so entsteht in ihm und verwächst mit seinem Selbst das Phänomen ^der absoluten Oberflächlichkeit und totalen Seichtigkeit^. Dies war das Schicksal unseres Helden. Es war schlechterdings unmöglich, bei irgend einem Gegenstande ihn auch nur um eine Linie unter die Oberfläche in das Innere zu bringen.
Die absolute Oberfläche ist das nackte abgerissene Factum, als solches.
Daher war der Kreis, in welchen das Nicolaische Vermögen gebannt blieb, der der Anekdote und der Curiosität. Es war ihm Herzensfreude, wenn die Untersuchung sich dahin lenkte. Welch ein Fest für ihn, als Friedrich der zweite starb, und Anekdoten in Fülle über ihn erschienen! Da war er in seinem Felde; da gab es zu widerlegen, zu berichtigen, zu ergänzen.
Das blosse Wissen der geringfügigsten Anekdote war ihm Zweck an sich: durch dergleichen Wisserei erfüllte er, seiner Meinung nach, den Zweck des menschlichen Daseyns, und stillte sein unendliches Sehnen nach Wahrheit. Je seltener diese Wisserei war, desto lieber war sie ihm, denn dann konnte er am meisten damit prahlen; und diese Seltenheit der Wisserei war die einzige Art der Gründlichkeit, die er kannte. Daher sein Hang nach Curiositäten, nach Predigerüberschlägen, Perrücken und Haartouren, den leichtesten Angelhaken; -- und wer möchte die Kleinigkeiten alle aufzählen, mit denen er seinen Forschungsgeist nährte. -- Dass er die entfernteste Ahnung gehabt, wozu die genaue Erforschung dieser einzelnen an sich geringfügig erscheinenden Dinge im ^Ganzen^ gebraucht werden könnte; -- dass dieser Anekdotengeist sich je auch nur zum dunkelsten Begriffe von Geschichte erhoben habe, davon findet in seinen Schriften sich nicht die geringste Spur.
Vor dieses ihm allein sichtbare Forum der Anekdote zog er nun alles andere, was ihm unter die Hände kam, und selbst die Philosophie. Die seinige, bei der es, ihm zufolge, eben sein Bewenden haben sollte, war selbst nichts Anderes, als eine Sammlung von Anekdoten über die Sprüche und Meinungen ehemaliger Philosophen. Und so widerlegte er denn auch die Speculation anderer durch Anekdoten, wahre oder erfundene Geschichte; und ein Sempronius Gundibert schlug eine Kritik der reinen Vernunft.
Gegen den kategorischen Imperativ erinnerte er, und erinnerte wieder, dass es nach demselben im Leben nicht herginge, und glaubte bis an sein Ende, jenem Imperativ dadurch den Garaus gemacht zu haben.
Dies ist die absolute Seichtigkeit, welche man die ^materiale^ nennen könnte. Ebenso innig mit unserem Helden verwachsen, und aus demselben Grundzuge hervorgegangen, war eine zweite, die wir die Seichtigkeit ^in der Form^ nennen wollen.
Wem es nur darum zu thun ist, den anderen in die Rede zu fallen, und mit seinem Widerspruche schnell anzukommen, dem ist jeder Gedanke, der ihm zuerst in den Sinn kommt, recht. In welchem Zusammenhange des Denkens der Andere seine Meinung vortrage, ^woraus^ er sie beweise, und ^was^ er hinwiederum aus ihr erweisen wolle, wie sie daher durch dieses Vorhergehende und Nachfolgende bestimmt, und dieser Bestimmung nach eigentlich zu verstehen sey, -- dies zu bedenken, hat er nicht Zeit; und wenn er überhaupt nur hört, und von jeher nur gehört hat, um zu widersprechen, kommt er nie zu dem Begriffe von einem solchen Zusammenhange. Ihm hängt absolut alles Denkbare unmittelbar zusammen, weil man mit jedem jedem widersprechen kann; und es entsteht ihm das schon oben beschriebene System des aus unmittelbar gewissen Körpern bestehenden grossen Sandhaufens; denn dieses ist das tauglichste zum eilfertigen Widerspruche.
So war es unserem Helden ein Leichtes, dem Princip des transscendentalen Idealismus ein halbes Dutzend Blutigel, eine Schweinskeule, eine ^chaise percée^ in den Weg zu werfen, sowie eins dieser Dinge ihm zuerst unter die Hände kam; ohne abzuwarten, wie es etwa jenes System machen würde, um den Blutigeln und den Schweinskeulen auszuweichen. Bei ihm entstand durchaus kein Zweifel, ob diese Einwürfe auch wohl passen möchten. Warum sollten sie denn nicht passen? Hatte er sie doch angepasst.
Aus dieser absoluten Seichtigkeit entsteht nun schon an und für sich ^Schiefheit^ für alles, was da höher liegt, als die blosse Anekdote, oder durch seinen Zusammenhang bestimmt wird. -- Aber zu dieser aus der Seichtigkeit natürlich erfolgenden Schiefheit hatte Nicolai noch eine andere durch Kunst sich erworben, und durch Uebung sich angebildet und zur zweiten Natur gemacht. Damit verhielt es sich so. Wer den anderen bloss darum anhört, um ihm zu widersprechen, dem ist es immer Hauptaugenmerk, die Dinge nicht in dem Lichte zu sehen, in welchem der andere sie zeigen will, denn dann dürfte er einig mit ihm seyn, sondern in dem, in welchem der andere sie nicht zeigen will; sonach alles zu verdrehen, aus seiner natürlichen Lage zu richten und auf den Kopf zu stellen. Wer dieses Handwerk eine Zeitlang treibt, dessen Sehorgane wird durch die beständige schiefe Richtung, die man ihm giebt, diese Richtung endlich natürlich: sein Auge wird zum Schalke. Er will nicht mehr verdrehen und schief sehen; es stellt sich ihm schon von selbst alles verkehrt, verdreht und auf dem Kopfe stehend dar. So war es unserem Helden ergangen, und daher entstanden die zusammengesetzten Schiefheiten, die Schiefheiten der Schiefen von den Schiefen, die sich in allen seinen Ansichten befanden. Die einfache und ihm natürliche: dass er die Dinge aus ihrem Standpuncte und dem Zusammenhange des Denkens riss; die zweite künstliche: dass er, sogar in dieser Lage, sie noch ein oder einige Male verrückte. Es lässt sich ihm nachweisen, dass er z. B. in seinen philosophischen Streiten weit plausiblere Dinge gegen die angegriffenen Systeme hätte vorbringen können, wenn er, wie andere seiner Zeitgenossen, sich mit dem ersten einfachen, jedem unphilosophischen Kopfe natürlichen und jedem anderen unphilosophischen Kopfe leicht mitzutheilenden Misverständnisse hätte begnügen wollen.
Aber das war ihm zu einfach, zu wenig originell; es musste mannigfaltiger und künstlicher verdreht werden; und so arbeitete er oft selbst seinem Zwecke entgegen. -- Es gereicht vielleicht zur Ergötzung des Lesers, diese Grundschiefheit unseres Helden in einem Beispiele dargestellt zu sehen. Wir wählen das erste, das uns unter die Hände fällt.
Nicolai unternimmt in jener berühmten Acte, das Fichtesche System aus seinen Gründen zu prüfen und zu widerlegen. Wie mag er zuvörderst wohl bei der historischen Aufstellung des Inhalts dieses Systems zu Werke gegangen seyn? Nun, ohne Zweifel hat er eine speculative Schrift jenes Schriftstellers, in der dieser die Principien seiner Philosophie am deutlichsten vorzutragen behauptet, -- etwa die ersten §§. der Grundlage der Wissenschaftslehre, oder das erste Capitel einer neuen Darstellung dieser Wissenschaft im philosophischen Journale, angeführt und einen wörtlichen Auszug davon seiner Prüfung zu Grunde gelegt? -- Falsch gerathen! Aus abgerissenen Sätzen sehr vieler Schriften jenes Schriftstellers hat er seinen Bericht zusammengeflickt. -- Nun so wird er bei dieser Arbeit sich doch wenigstens auf eigentlich strenge scientifische Schriften des Mannes eingeschränkt haben? -- Wiederum falsch gerathen. Dann bliebe es ja bei der einfachen Schiefheit. -- Oder hat er die angeführten Stellen aus populären Schriften des Verfassers herausgerissen? -- Nun das wäre allerdings etwas; aber doch noch nicht genug für unseren Helden. Aus populären und scientifischen Schriften, aus abgerissenen Phrasen der Appellation, der Wissenschaftslehre, der Bestimmung des Menschen, des Naturrechts des Verfassers, im buntesten Gemisch nebeneinandergestellt, hat er seinen Bericht zusammengeflickt; und hat so wenig Ahnung, dass jemand gegen dieses Verfahren etwas haben könne, dass er höchst pünktlich über historische Wahrheit zu wachen glaubt, indem er bei jedem Citat hinzusetzt: es seyen Fichte's eigene Worte, und die Seitenzahl angiebt.
Und wie geht es mit der Prüfung und Widerlegung des Systems? -- Wir wollen unsere Leser nicht vergeblich mit Rathen auf die Folter spannen; indem wir sehr wohl wissen, dass schlechthin keiner, und sey er der wiedererwachte Oedipus, fähig ist zu errathen, wie es damit geht. Wer möchte auf den Grad der Schiefheit rathen, dass unser Held in einem Athemzuge die Wahrheit und Richtigkeit des Systems durchaus anerkennt, und in demselben Athemzuge sie wieder abläugnet? Und doch hat es sich wirklich also begeben. Er lässt sich vernehmen: -- »Das Ich ist Subject und Object zugleich; nun dies ist richtig und giebt eine gute Beschreibung des Bewusstseyns.« -- So? wenn dies richtig ist, so richtig ist, als F. es nahm, als ein absolut identischer Satz, so dass man ihn auch umkehren könne: Identität des Subjects und Objects = dem Ich, oder auf die gewöhnlichere Weise ausgedrückt, das Ich ist durchaus nichts anderes, als Identität des Subjects und Objects: so ist das ganze System richtig, denn dieses System besteht durchaus in nichts anderem, als in einer vollständigen Analyse des zugestandenen Satzes.
Wie fängt es denn nun Nicolai an, um in demselben Athemzuge wieder zurückzunehmen, was er hier zugesteht? Auch hier sind wir sicher, dass kein Leser auf das räth, was sich wirklich zuträgt. Es trägt sich nemlich nichts geringeres zu, als dies, dass Nicolai den ^eigentlichen Inhalt^ dieser Philosophie, in dessen vollständigem und durchgeführtem Beweise eben jenes System bestand, für eine der ^Prämissen^ dieses Systems, und zwar für eine willkürlich und ohne allen Beweis vorgebrachte Prämisse ansieht; das Gebäude selbst für die Kelle, womit das Gebäude gemauert worden, die Erde für die Schildkröte, von welcher die Erde getragen wird. Denn so lässt er sich vernehmen: »^der Satz, dass das Ich die Intelligenz, und die Intelligenz das Ich sey, sey lediglich eine willkürliche Terminologie: es werde nichts für den Beweis dieses Satzes vorgebracht, auf welchen doch der ganze transscendentale Idealismus sich gründe^« -- schreibe: ^sich gründe^. -- Damit ja kein Zweifel übrig bleibe, wie dies zu nehmen sey, setzt er tiefer unten hinzu: ^man (nemlich Nicolai) wende gegen jenen Satz ein: mein Ich ist nicht blosse Intelligenz, sondern Vernunft, Sinnlichkeit, Denkkraft, körperliche Kraft gehört dazu^, Also: die lediglich auf eine willkürliche Terminologie sich gründende, durch nichts bewiesene Prämisse des Fichteschen Idealismus ist der Satz: Ich, ^oder^ Intelligenz, ^oder^ Vernunft, Sinnlichkeit, Denkkraft, körperliche Kraft sind durchaus identisch. -- Diesem Satze stellt Nicolai als unmittelbar gewissen Satz entgegen: ^Mein Ich ist freilich unter anderen auch Intelligenz^ (denn indem er sagt, dass es nicht ^blosse^ Intelligenz sey, sagt er ohne Zweifel, dass es diese doch auch mit sey); aber es gehören noch ausser der ^Intelligenz^ mit dazu, diese Gegensetzung nun hebt er jene Fichtesche Prämisse auf, und sprengt, da ganz allein auf diese sich der ganze transscendentale Idealismus gründet, diesen zugleich mit in die Luft; denn ^cessante fundamento cessat fundatum^.
Es ist zu beklagen, dass Nicolai nicht unmittelbar darauf, als er diese Widerlegung zu Ende gebracht hatte, aufgehenkt worden, damit er im Bewusstseyn dieses glorreichen Arguments seine speculative Laufbahn beschlossen hätte, und die Nachkommen hierbei seiner gedenken möchten.
Zuvörderst ist sehr merkwürdig, dass in jenem Gegensatze, ausser und neben der ^Intelligenz^, auch noch ^Vernunft^, ^Denkkraft^, ^Sinnlichkeit^ (denn die körperliche Kraft können wir ihm hier erlassen) aufgezählt wird. Hätte Nicolai seinen Fleiss auf eine Beschreibung der preussischen Armee gerichtet, so würde er bemerkt haben, dass der König ausser seiner Armee auch noch Infanterie gehalten hätte, und Husaren und Pfeifer.
Ferner stellt Nicolai, wie er immer thut, seinen Gegensatz so hin, als ob sich die Wahrheit desselben von selbst verstände. Also er führt ihn als eine Thatsache des unmittelbaren Bewusstseyns. Hatte denn Nicolai gar keinen philosophischen Freund -- er selbst freilich konnte dies nicht wissen, ohnerachtet er sich zum Richter in Sachen der Philosophie aufwarf -- der ihm gesagt hätte, dass es wohl etwa Thatsache genannt werden könne, dass man in einem bestimmten Falle vernehme, denke, empfinde, sinnlich wirke, dass aber Vernunft in Bausch und Bogen, und die Sinnlichkeit, und die Denk- oder körperliche Kraft, ^als Kraft^, für Thatsachen des Bewusstseyns auszugeben, in jenem Zeitalter nur noch einem durchaus unkritischen Ignoranten zu verzeihen war?
Endlich war der Satz, dass das Ich, inwiefern es Subject-Object sey, die Intelligenz selbst, also Vernunft, Denkkraft, Willensvermögen, sinnliche Anschauung, physische Kraft sey, so wenig eine Prämisse jenes Systems, dass er vielmehr das System selbst war; und dieses in seinem ganzen Umfange nichts anderes zu thun hatte, als zu zeigen, dass alle jene Erscheinungen im Gemüthe nichts wären, denn die verschieden gebrochene und sich zu einander verhaltende Subject-Objectivität selbst. Auf diese Beweise und Ableitungen musste sich ein Gegner dieses Systems einlassen, und sie zu entkräften, oder Lücken und Mängel in ihnen zu entdecken suchen. Statt dessen zu widersprechen, wie unser Held es that, war gerade so, als ob ein Physiker aufgetreten wäre, und gesagt hätte: mir ist es ausgemacht, dass alle mögliche Farben nichts sind, als verschiedene Brechungen des Einen farblosen Lichtstrahls; und Euch anderen will ich dieses durch eine Reihe von Experimenten beweisen, indem ich durch bestimmte Brechungen desselben farblosen Lichtstrahls alle andere Farben vor euren eigenen Augen entstehen lasse; und einer aus dem Pöbel, ohne nach seinen Experimenten nur zu sehen, die Zunge herausgesteckt, dem Physiker Esel gebohrt, und geschrien hätte: der Narr denkt, alle Kühe sind weiss, er weiss noch nicht, dass es auch schwarze und gefleckte Kühe giebt. So wurde beim Hindurchgehen durch das Sehorgan unseres Helden alles schief, verzerrt und gar wunderlich. Es ist ihm während seines Lebens sehr häufig vorgeworfen worden, dass er alles, was er unter die Hände bekäme, hämischerweise verdrehe, und schmutzigerweise besudle. Wir nehmen ihn gegen diese Beschuldigung in Schutz. Es war sehr wahr, dass aus seinen Händen alles beschmutzt und verdreht herausging; aber es war nicht wahr, dass er es beschmutzen und verdrehen wollte. Es ward ihm nur so durch die Eigenschaft seiner Natur. Wer möchte ein Stinkthier beschuldigen, dass es boshafterweise alles, was es zu sich nehme, in Gestank, -- oder die Natter, dass sie es in Gift verwandle.
Diese Thiere sind daran sehr unschuldig; sie folgen nur ihrer Natur.
Ebenso unser Held, der nun einmal zum literarischen Stinkthiere und der Natter des achtzehnten Jahrhunderts bestimmt war, verbreitete Stank um sich, und spritzte Gift, nicht aus Bosheit, sondern lediglich durch seine Bestimmung getrieben.
Zwölftes Capitel.
Wie es zugegangen, dass unser Held unter allen diesen Umständen dennoch einigen Einfluss auf sein Zeitalter gehabt.
Wir würden ein grosses Mistrauen in die Penetration unseres Lesers setzen, wenn wir nöthig fänden, nach allem Gesagten hinzuzusetzen, dass wir Friedrich Nicolai für den einfältigsten Menschen seines Zeitalters halten, und nicht glauben, dass irgend etwas recht Menschliches an ihm gewesen, ausser der Sprache.
Dass er nun von dieser seiner grossen Geistesgebrechlichkeit selbst durchaus nichts gespürt, und mit der Meinung aus der Welt gegangen, er, der allereinfältigste, sey gerade der allerklügste, ist kein Wunder; denn diese Meinung von sich selbst, und diese totale Unerschütterlichkeit durch irgend ein fremdes Urtheil, folgte aus seiner extremen Dummheit selbst, und er hätte um ein gutes Theil weniger dumm seyn können, ehe er begriffen hätte, dass er dumm sey.
Aber er hat auf seine Zeitgenossen gewirkt, und ist, zwar nicht öffentlich anerkannt, aber wie der unparteiische Forscher gestehen wird, wirklich und in der That, der Urheber eines grossen Theils des Meinungssystems gewesen, welches in seinem Zeitalter die Mittelmässigkeit zu dem ihrigen gemacht hatte. Wir geben wohl etwa in einer Beilage nähere Nachweisung über dieses Meinungssystem[16].
Wie in aller Welt ging es nun zu, dass diesmal die Armuth ihr Eigenthum beim Bettel, die Einfalt ihre Weisheit bei der Dummheit, die Schielenden ihre Einsichten beim Stockblinden holten, da sie doch dieses alles auf eigenem Boden, und durch ihre eigenen Augen weit besser hätten erzeugen können?
Den Menschenkenner kann dies sonderbare Phänomen nicht befremden, wenn er nur weiss, dass unser Held bei seiner extremen Dummheit zugleich einer der rührigsten und der allerunverschämteste unter seinen Zeitgenossen war. Er trug kein Bedenken, alles, was ihm durch den Kopf ging, sogleich auf allen Dächern zu predigen, und es unaufhörlich an