SigPhi · Kurt Koffka

Die Grundlagen der psychischen Entwicklung

German

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Wir treffen hier wieder auf die Macht der optischen Faktoren, und wir sehen an ihrem Einfluß, was beim Stock-Gebrauch die wirkliche Leistung des Tieres ist: ein Gegenstand, Stock, mufi nicht nur gesehen oder beachtet werden, sondern er muß für das Tier aufhören ein isoliertes, gleichgültiges Ding zu sein, er muß zum Bestandteil der vorliegenden Situation^ er muß zum „Werkzeug'* werden. Wir haben hier als notwendige Bedingung für das richtige Verhalten die Veränderung eines Wahrnehmungs-Gegen- stands; was im Anfang den Charakter: „gleichgültig'', oder „zum beißen",« oder sonstwie, besaßt bekommt den Charakter „Ding zum holen der Frucht". Man versteht leicht, warum die räuodiche Ent- fernung diesen Vorgang erschwert, es ist uns unmittelbar verständlich, daß ein isoliertes Ding in einen Komplex, mit dem es gleichzeitig überschaut wird, leichter hineinspringt, als in einen räumlich ent- fernten und von ihm getrennten Komplex.

Das verschiedene Verhalten von Hund und Schimpanse im Versuch (Nr. 2) sieht danach so aus: für diesen gehört das Seil in den Ziel-Komplex mit hinein, für jenen ist es ein isoliertes Stück, das in den Ziel-Komplex überhaupt nicht eingehen kann.

Google Binsichtiges Lernen von Tieren |x^ Die Leistung des Stock-Gebrauchs erschien uns als eine be- stimmte Einbeziehung eines zunächst gleichgültigen Dinges in die Situation. Was das Tier dabei gelernt hat, ist nun wirklich dies^ und nicht etwa die äufierliche Verbindung eines bestimmten Stockes mit einem bestimmten Wahrnehmungs Feld einerseits und einer Bewegungs-Folge andrerseits. Denn wenn in der Situation, die eineo^ Stock erfordert, gerade kein solcher vorhanden ist, so werden ganz andere Dinge als Stock benutzt. Ein StOck Draht, die Krempe eines alten Strohhuts, Stroh-Halme, kurz «alles, was beweglich und womöglich langgestreckt aussieht, wird in der Situation zum »Stock« in der rein funktionellen Bedeutung von »Qreif Werkzeug« ''^'^^), ein Tier holt sogar einmal aus dem Schlaf-Raum seine Decke, zwAngt sie durch das Gitter hindurch und peitscht damit die Frucht heran.

Wir finden hier also Leistungen, die wir früher (s. o. S. 121) als Übertragungen bezeichnet haben und können in den jetzt ge- schilderten Fällen mit Sidierheit sagen, da6 diese Übertragungea nicht so zu erklären sind, wie dies Thomdike bei seinen Experimenten' ▼ersuchte. Die Wahrnehmung der Situation für den Schimpansen ist nicht so unklar, daß rein optisch eine Hand voll Strohhalme oder gar seine Decke — die ja im übrigen erst aus einem andern Raum geholt werden mufite, also ursprünglich gar nicht zur Situation ge- hörte — mit dem zuerst verwandten Stock identisch oder ununter» scheidbar ähnlich ist Hier ist nur noch eine Auffassung des Sach- verhalts möglich: das Tier hat die Leistung erworben, Dinge als „Greif- Werkzeuge'* in die Situation einzubeziehen, und diese Leistung ist nicht auf das Ding beschränkt, an dem sie erworben ist, sondern stellt einen Erwerb sehr viel allgemeinerer Natur dar. Oder, wie es Köhler ausdrückt, der Stock im Gesichtsfeld hat einen bestimmten* Funktions-Wert für gewisse Situationen gewonnen» und diese Wirkung dringt nun von selbst in alle anderen Gegenstände ein,, die mit dem Stock gewisse allgemeinste Eigenschaften gemein haben^ sie mögen sonst aussehen, wie sie wollen. Was da in der phänomenalen Welt des Schimpansen vorgehen mag, das macht Köhler durch eine eigene Beobachtung sehr anschaulich. Wenn der Beobachter sieht^ wie sich ein Tier quält, seine Frucht zu bekommen, ehe es auf die Verwendung eines Stocks oder Stock-Ersatzes verfällt, „so gebt in- folge der Spannung ein Wechsel im Gesichtsfeld vor sidh; längliche und bewegliche Gegenstände sieht man nicht mehr indifferent und streng statisch an ihrem Orte, sondern wie mit einem «Vektor», wie unter einem Druck nach der kritischen Stelle hin.''

Übertragungen sind darnach sinngemäße Anwendungen eines Struktur- Prinzips. Stöcke, und dann auch andere Dinge,, Google izg Die speziellen Tatsaclieii der psycliisclien Entwicklung bekommen einen Platz in der Situation, gehen in diese Struktur als Glieder ein. Die Deutung, die wir Mher (o. S. 123) im Gegen- satz zu Thomdike für die primitiven Übertragungen vorschlugen, gewinnt durch die letzten Überlegungen nur an Wahrscheinlichkeit. Das ist aber etwas anderes als eine bloile Sache der Aufmerksam- keit. Wie mir scheint will Bühl er diese Übertragungen der Eöhler'schen Tiere allein durch solche erklären. Wenn wir einen Gegenstand suchen, dann bildet sich, so meint er, eine Beachtungs- Disposition in uns aus. Sitzt nun der Affe „am Gitter, vor dem draußen ein lockender Bissen liegt, so wird...das bekannte Heranholen mit einem Ast die Vorstellung, und sei es auch noch so undeutlich, beschäftigen...Trottet er darauf, von motorischer Unruhe gepackt und noch voll des Zieles, im Raum herum, dann fallen ihm...Stöcke, mit denen man Früchte hereinholen kann, auf""'). Das entspräche auch der Meinung Eöhler's, dem, was dieser Übertragung des Funktions- Wertes nenne. Dem muß ich widersprechen. Mir scheint gerade das WesentUche der Eöhler'schen Theorie in der Bühler'schen Erklärung zu fehlen. Nicht „Dinge, mit denen man Früchte holen kann^, fallen auf, wenn mit dem in An- fQhrungs-Zeichen gesetzten Ausdruck eine Beobachtung der Dinge vom Tier aus gemeint sein soll, sondern Dinge, die zwar objektiv, vom Beobachter aus gesehen, die fragliche Eigenschaft schon haben, für das Tier aber doch bisher stets nur Stroh-Halme oder Decke oder sonst etwas gewesen sind, solche Dinge bekommen für das Tier nun auf einmal und zum ersten Mal diese Eigenschaft als etwas neues. Das Beachten ist ein sekundärer Erfolg, das „Suchen'* ist natürlich eine Bedingung fQr diesen Vorgang, die Situation ist ungelöst und drängt nach Lösung, die Leistung besteht aber gerade darin, da]& die Eigenschaft, „Greif- Werkzeug" zu sein, auf Dinge übergeht, die sie vorher nicht besaßen.

Versuch (Nr. 4): Verwendung einer Kiste, um ein zu hoch hängendes Ziel zu erreichen, soll uns einen Einblick gewähren in die Leistung, wenn sie einmal nicht glatt verläuft. Es handelt sich um das jüngste Tier der Station Eoko. Zuerst springt und schlägt «r nach dem Ziel, geht dann von der Wand fort, an der es auf- gehängt ist, kehrt aber schUeßlich doch immer wieder zu ihr zurück. „Nach einiger Zeit — er ist gerade wieder von der Wand fort — tritt er an die Eiste heran, blickt zum Ziel hinüber und gibt der Eiste einen kurzen Stoß, ohne sie dabei vom Fleck zu bewegen, seine Bewegungen sind viel langsamer geworden als zuvor; er läßt die Eiste stehen, macht ein paar Schritte von ihr fort, kehrt aber Sogleich wieder und stößt sie nochmals an, wieder nach einem Google Einsichtiges Lernen von Tieren,jzg « Blick zum Ziel, aber wieder ganz schwach, und nicht, als ob er die Eiste schon wirklich transportieren wollte^; der Vorgang wiederholt sich, die Eiste ist um etwa 10 cm auf das Ziel hin verschoben, da wird dies um ein Stück Apfelsine „verbessert'' und wenige Augen- blicke danach steht Eoko wieder an der Eiste, packt sie plötzlich, zerrt sie in einem Zuge...bis fast genau unter das Ziel...steigt sofort hinauf und reiM das Ziel von der' Wand.'' Die Ziel-Verbesserung hat den Impuls d^s Tieres verstärkt, und dadurch das Zustande- kommen der Lösung bewirkt. Das Tier war nicht etwa vorher zu träge, eine Lösung, die es schon kannte, anzuwenden, denn, wenige Minuten später wird der Versuch mit der Modifikation wiederholt, daß das Ziel an einer andern, über 3 m von der alten Stelle ent* fernten Stelle der Wand angehängt wird, und das Tier versagt. Die ersten schwachen Stöße, die Eoko der Eiste erteilt, sind also Vorstadien der eigentlichen Lösung, die Eiste tendiert in die Situation hinein, es ist nur noch nicht heraus, wie sie hineinkommen soll; „es gibt nur ein (vulgäres) Wort, das wirklich gut zu seinem Verhalten in dieser Periode paßt. «Bei ihm dämmerts»."

Die Lösung, die das Tier dann zustande bringt, geht sofort wieder verloren. Er wird am gleichen und darauffolgenden Tage, dann noch an 4 verschiedenen Tagen mit größeren Abständen geprüft, ohne zum Erfolg zu kommen. Einmal steht die Eiste schon so nähe an der Wand und am Ziel, daß dies vom auf ihr stehenden Tier fast zu erreichen ist. Das Tier besteigt auch sofort die Eiste und reckt sich auf ihr so sehr es kann, bringt aber die kleine Verschiebung noch nicht zustande. Man sieht hier: nicht, daß die Eiste überhaupt in die Situation mit einbezogen wird, genügt, sondern wie das geschieht, darauf kommt es noch an.

Die ergebnislosen Versuche enden damit, daß Eoko die Eiste in der gröbsten Weise mißhandelt, sie werden unterbrochen und nach einer Pause von 9 Tagen, 19 Tage nach dem ersten Versuch wieder aufgenommen. Jetzt kommt die Lösung ziemlich prompt zustande und geht nicht wieder verloren, während von der ersten Lösung in den auf sie folgenden Versuchen keine andere Nach- wirkung zu beobachten gewesen war „als etwa ein Äquivalent des Satzes: *Mit der Eiste ist es etwas«""*). Wir haben den Versuch so ausführlich wiedergegeben, weil wir hier einen Einblick tun können in das Stadium zwischen Ratlosigkeit und voller Lösung. Wie vor dem ersten Erfolg die Richtung der Lösung sich anbahnt, wie nachher nur etwas übrig bleibt, was an die „Orts- Analyse" der Rugerschen Versuche (s. o. S. 126) erinnert.

Google I40 ^^^ speziellen Tatsachen der psyehischen Entwicklung Aas einer anderen Beobachtung über Eisten- Verwendung, die einem späteren und komplisderteren Versuch entstammt, wollen wir ent* nehmen, was alles in dieser Leistung drinsteckt Man kann das ambesten dann erkennen, wenn ein Tier eine ihm schon geläufige Lösung nicht an- wenden kann; dann zeigen die Umstände^ die die Lösung verhindern, was für sie charakteristisch ist Chica, ein anderes Tier, strebt mit aller fijraft nach einem an der Decke angebrachten Ziel, ohne eine mitten im Räume stehende Kiste als Tritt zu benutzen, obwohl es die Eisten- Verwendung durchaus beherrscht Die Eiste wird nicht etwa übersehen, das Tier hockt wiederholt auf ihr nieder, wenn ihm der Atem ausgeht, macht aber nicht die mindeste Bewegung, als wolle es sie unter das Ziel ziehen. Während der ganzen Zeit liegt nämlich ein arderes Tier, Tercera, auf der Eiste, und als dies zu* fällig heruntersteigt, greift Chica sofort zu, schleppt die Eiste unter das Ziel und reißt es herunter^*^). Daraus ist zu entnehmen: die Eiste, auf der Tercera liegt, ist nicht ein „Gegenstand zum herunter- holen eines Ziels'' sondern eben nur ein „Gegenstand zum drauf- liegen''. Die Eiste kommt unter diesen Bedingungen überhaupt nicht in Zusammenhang mit dem Ziel, sie sitzt in einer Struktur (Sitz) fest drin und kann darum nicht in die andere als VITerkzeug eingehen. Die Loslösung eines Dinges aus einer bestehenden Struktur, seine Hineinversetzung in eine andere, neu zu bildende, das erscheint demnacn als eine besonders hohe Leistung. Die Schwierigkeit, die hier besteht, existiert nun nicht etwa nur für den Schimpansen. Auch für unser Denken spielt die gleiche Schwierigkeit eine be- deutsame Rolle: man braucht etwa eine flache Schale, konunt aber nicht darauf, einen Topf-Deckel zu benutzen, weil er im Augenblick Deckel-Funktion hat, während man ihn ohne weiteres ergreifen würde, wenn er emfach auf dem Tische läge.

Die Beseitigung des Hindernisses ist ein Beweis dafür, dafi man vom Standpunkt des erwachsenen Menschen aus nicht in der Lage ist, zu beurteilen, ob eine Aufgabe für die Tiere leicht oder schwer ist Uns kommt der einfache Hindernis- Versuch (Nr. 6) leichter vor, als die Verwendung von Stock oder Kiste als Werkzeug, dem Schimpansen war die Lösung dieser Aufgabe aber eher schwerer. Nicht alle Tiere brachten sie selbständig zustande. Und ganz all- gemein bezieht der Schimpanse eher die femliegendsten Werkzeuge in die Situation ein, als daß er ein ganz leicht zu beseitigendes einfaches Hindernis aus ihr ausschaltet. Wir treffen wieder auf die Schwierigkeit, die in der Zerstörung einer bestehenden Struktur liegt.

Die Werkzeug-Herstellung bringt nun Beispiele, in denen dies „Umstrukturieren'' gelingt Im Versuch (Nr. 7) besteht die Leistung Google Einsichtiges Lernen von Tieren 1^1 •darin, den Ast aus dem Baume „loszusehen'', also ein Ding, das 4i\s Ast erscheint, als Stock zu sehen, eine Leistung, die den vreniger begabten Tieren große Schwierigkeiten machte. Hierbei zeigte sich, daß die Tiere, ehe sie die dürren Äste abbrachen, an festen Eisenstangen sich abmühten, eben weil die Eisenstange optisch ein selbständiger Gegenstand ist, der Ast nicht.

Versuch (Nr. 8) lehrt uns eine neue Schwierigkeit und damit eine neue Seite der Leistungen kennen. Versuch (Nr. 5) ist mit Erfolg ausgeführt worden. Nun wird die Prüfung unter den Be- dingungen von (Nr. 8) wiederholt und es ergibt sich: Elarerweise will jedes Tier das Seil vom Balken herab in die normale Lage bringen, in der es als Schwung Seil benutzt werden kann, aber kein Tier löst diese Aufgabe in der richtigen Weise, in dem es die Schlingen abwickelt, sondern die Tiere packen irgendwo an und ziehen nach unten^ was nur in seltenen Fällen und besonders guten Turnern Erfolg bringt. Die Art des Verhaltens gegenüber den Seil- Windungen 1^ den Gedanken nahe, die Tiere sähen diese ordent- lichen einfachen Schlingen nicht so wie wir, sondern so, wie wir ein Faden-Gewirr sehen, das wir auch gern so behandeln, daß wir irgendwohin hingreifen und planlos ziehen. Diese objektiv einfache Struktur würde also für den Schimpansen nicht mehr eine klare faßbarjß optische Gestalt ergeben, sondern ein mehr oder weniger chaotisches Gebilde. Wir kämen hier also an eine Grenze für die Leistungen des Schimpansen. Es muß aber bemerkt werden, daß diese Grenze nicht unverrückbar ist. Zwei der Tiere wurden zwei Jahre später noch einmal vor die gleiche Aufgabe gestellt. Das eine, Ghica, löste sie jetzt in vollkommen adäquater Weise, indem es das Seil, ganz wie ein Mensch es tun würde, abwickelte, das andere, Rana, benahm sich auch wesentlich sicherer als früher. Eine Entwicklung der Fähigkeit, optisch zu gestalten, durchzustrukturieren, war also erfolgt, doch schätzt Köhler das Ausmaß der Entwicklungsfähigkeit sehr gering ein.

Außerordentlich eindrucksvoll ist Versuch (Nr. 11), der Doppel- Stock. Geprüft ymrde das klügste Tier, Sultan, und auch bei ihm mußte der Zufall helfen. Über eine Stunde hat sich Sultan vergeblich gequält, und dabei auch folgendes Verfahren eingeschlagen: der eine Stock wird so weit hinausgelegt wie möglich, dann mit dem andern Stock vorsichtig weiter geschoben, bis er das Ziel berührt. Sultan hat nun eine Brücke zum Ziel, nur nützt sie ihm nichts. Es ist ein durchgeführter Lösungs- Versuch, es wird eine einheitliche Gestalt hergestellt, die vom Tier bis zur Frucht reicht. — Der Versuch wird abgebrochen, Köhler entfernt sich, Sultan behält Google 142 ^^^ speziellen Tatsachen der psychischen Entwicklung aber die beiden Bohre und der Wftrter bleibt als Posten zurück. Der beobachtet nun, wie Sultan erst auf eine in der Nähe des Gitters stehenden Kiste hockt, dann aufsteht, die Rohre ergreift, sich wieder auf die Eiste setzt und mit den Rohren achtlos zu spielen beginnt. „Dabei kommt es zufällig dazu, daß er vor sich in jeder Hand ein Rohr hält, und zwar so, daß sie in einer Linie liegen; er steckt das dünnere ein wenig in die Öffnung des dickeren, springt auch schon auf ans Gitter, dem er bisher halb den Rücken zukehrte, und beginnt eine Banane mit dem Doppelrohr heranzuziehen. Ich rufe den Herrn; inzwischen fällt dem Tier das eine Rohr vom andern ab, da es sie sehr wenig ineinander geschoben hat, und so- gleich setzt er sie wieder zusammen'', so heißt es im Bericht des Wärters, und Köhler konnte den letzten Teil des Versuchs vom Abfallen des einen Rohrs an noch selbst sehen ^'''). Sultan wieder- holt das Verfahren mehrmals, ohne zu fressen holt er auf diese Weise alle Früchte in den Käfig und dann auch noch ganz gleich- gültige Dinge. Die Sache scheint ihm zu gefallen. Die Lösung bleibt erhalten, am folgenden Tage wird sogar schon aus drei Rohren ein langer Stock zusammengesetzt. Sie verdankt einer Zufalls-Hülfe ihre Entstehung, aber wie anders wirkt der Zufall hier als in den Versuchen von Thorndike. Der Zu&U führt ihn nicht ans Ziel, gibt ihm auch nicht das fertige Werkzeug, sondern der Zufall bringt eine Situation zustande, in der die richtige Lösung besonders leicht eintreten kann, die beiden Rohre in einer Linie. Die Lösung als solche ist echt, wie schon durch das spätere Verhalten bewiesen wird, im Augenblick, als er die zwei Rohre als eines sehen kann, sieht er auch schon das fehlende Werkzeug, der Zufall hat geholfen» aber es ist keine Zufalls-Lösung geworden. Um diese Hilfe richtig einzuschätzen, müssen wir an uns selbst denken: es ist gewiß die größere Leistung, ein Problem zunächst rein gedanklich zu lösen, aber es ist oft schwer genug, vom uneinsichtigen Verhalten zum einsichtigen überzugehen, wenn der Zufall die Einsicht in ähnlicher Weise nahelegt, wie er es in diesem Versuch Sultans tat. Zufall und Einsicht sind nicht unter allen Umständen Gegensätze, sondern die Einsicht kann darin bestehen, den Zufall zu benutzen.

Das Bauen, Versuch (Nr. 12), bringt wieder einen neuen Einblick: wie aus dem Verhalten der Tiere mit aller Deutlichkeit hervorgeht, sind in dieser Leistung zwei verschiedene Angaben enthalten. Die eine: eine Kiste auf eine andere zu bringen, ist für die Tiere, die die Kisten- Verwendung schon kennen, keine große Anforderung, die andere: „»eine Kiste an der andern anbringen, so daß sie erhöht festbleibt«, ist äußerst schwer. ** Diese Aufgabe verlangt, daß ein Google Einsichtiges Lernen von Tieren l^x Körper besonderer Forin mit einem andern gleichartigen so zusammen gebracht werden soll, daß sich ein bestimmtes Resultat ergibt. Sie wird vom Schimpansen nie einsichtig, sondern stets rein probierend gelöst, er benutzt Bauten, die so wackelig fQr uns aussehen, daß wir sie kaum mit dem Finger berühren würden, um hinaufzusteigen^ und hat oft genug bei seiner großen körperlichen Gewandtheit noch den Erfolg, daß er das Ziel erreicht, ehe der ganze Bau zusammen- stürzt. Hier stoßen wir wieder an eine Grenze optischer Einsicht"*).

Versuch (Nr. 13) wird von den begabteren Tieren einsichtig gelöst. Worauf es bei der Lösung ankommt, zeigt wieder das Ver- halten der weniger begabten Tiere. Der kurze Stock kann aus der Gestalt: Gitter-Ziel nicht herausgebracht werden, die kompliziertere Struktur, kurzer Stock — langer Stock — Elndziel also nicht her- gestellt werden.

Werden solche Aufgaben, die Umwege über selbständige Zwischen- ziele erfordern, richtig gelöst» so gehört zur Struktur, daß Haupt- und Neben-Ziel für das Tier sehr verschiedene Wertigkeit besitzen. Das offenbart sich wieder an charakteristischen Fehlem. Eoko ist im Versudi (Nr. 14) dabei, die Eiste an die Wand zu schleppen^ in der der zur Erlangung der Frucht nötige Stock hängt. Auf diesem Weg muß er an der Frucht vorbeigehen, und als er in der Nähe der Frucht angekommen ist, „biegt er plötzlich von seiner geraden und gar nicht mißzuverstehenden Bahn ab, auf das Ziel zu und benutzt die Eiste als eine Art Stock.'' Eoko imterliegt also der übergroßen Wirkung des nahen End-Ziels, die schon vorhandene richtige Lösungs-Struktur ynrd wieder zerstört.

Das Umweg-Brett (Nr. 15), bei dem ein Umweg mit dem Werkzeug gemacht werden muß, ist in mehrfacher Hinsicht besonders lehrreich. Einmal dadurch, daß diese Aufgabe so ungeheuer schwierig ist, selbst von Sultan nicht in vollkommener Weise gelöst werden kann; nur ein Tier, Nueva, bringt plötzlich, nachdem sie mehrmals ver- geblich die Frucht auf sich zugezogen hat, die richtige Lösung hervor, sie schiebt die Frucht auf das offene Ende, also von sich weg, im Winkel von 180 ^ Aber auch ihr passiert es, daß plötzlich, als das Ziel schon fast am offenen Ende angekommen ist, ein Umschlag eintritt, das Ziel wird wieder in der falschen Richtung etwa 6 cm herangeholt, dann erst wird die Lösung vollendet. Und solche Um- sc&läge kommen auch bei späteren Versuchen immer wieder vor, ein Beweis, wie schwer die Aufgabe, wie stark die entgegengesetzte Tendenz ist. Und doch könnte man meinen, für ein Tier, das selbst so leicht und selbstverständlich Umwege macht, müßte das Umweg- Machen mit dem Werkzeug eine Eleinigkeit sein. Aber: „selbst Google ^44 ^^® speziellen Tatsachen der psychischen Bntwicklung das einsichtige Verhalten, die Intelligenzleistung wehrt sich geg^ »intellektualistische Deutungen«^ ^'^^).

Von den andern Tieren gelang nur Sultan und nur durch Zufalls-Hilfen, über die das gleiche gilt, was wir oben darüber gesagt haben ^"), der Umweg in der um 180^ gegen das Tier ge- drehten Richtung. Bei allen andern Tieren mußte man den Versuch leichter machen. Dazu war nun dieser Versuch besonders geeignet, weil man hier die Erleichterung ganz eigentlich messen kann. Man dreht einfach das Brett um einen bestimmten Winkel. Dann wird der «Umweg-V^inkel^ kleiner, und man erreicht, da6 Tiere, die beim größeren Winkel versagen, beim kleineren die Lösung zustande- rbringen. So kann der Winkel^ unter dem die Lösung erstmals erfolgt, direkt als Mafi für die Leistung und damit die Intelligenz bei dieser .Angabe angesehen werden. Lag das Brett parallel zum Gitter, war der Umweg- Winkel also 90 ^ so brachten alle Tiere die Lösung zustande. Die Bang- Ordnung, in die die Tiere nach dieser Prüfung geordnet werden müssen, entsprach aber genau derjenigen, die. Köhler schon vorher Iftngst aufgestellt hatte, das Umw^-Brett wäre ^so ein vorzüglicher Intelligenz-Test.

Versuch Nr. 16 bringt uns wieder an die Grenze, an die wir schon so oft gelangt sind. Das Abheben des Ringes vom Nagel ist eine Leistung, die nur von den klügsten Tieren und nur in ihren besten Momenten, dann aber nicht zufällig, 43ondem einsichtig zuwege gebracht wurde. „Der Bing über •dem Nagel...scheint für den Schimpansen einen optischen Komplex darzustellen, der eben noch vollständig »bewältigt« werden kann, falls die Aufmerksamkeitsbedingungen momentan günstig sind, der aber eine starke Neigung hat, in weniger klarer Weise gesehen zu werden, sobald nämlich das Tier es an geeigneter Anspannung von sich aus fehlen läßt""').

Überblicken wir die Prüfungen: wir fanden, die Tiere lösten in -echter Lösung neue Aufgaben, vor die sie gestellt wurden, und wir erblickten das Wesentliche dieser Lösungen nicht darin, daß Bewegungen, die jede für sich dem Tiere geläufig waren, in neue Kombinationen eingingen, sondern in einer „Neu-Strukturierung des ganzen Feldes ''. Die erste Annahme konnte nur aufrecht erhalten werden, wenn man den Zufall als Schöpfer dieser Neu- Verbindungen betrachten wollte, so wie wir das oben besprochen haben.,Dafi der Zufall diese Bolle in den Versuchen Köhlers gespielt haben kann, ist für jeden, der die Versuche verstanden hat, eine unmögliche An- nahme. Dies wird besonders deutlich, wenn wir die beiden Haupt- Argumente, die von Thorndike für die ZufallsHypothesen vorge- Google Binsichtiges Lernen von Tieren 1^^ bracht worden sind, noch kurz betrachten. Das erste, die Form der Zeit-Kurve, mu£ ganz fortfallen* Zeitmessungen der SchimpaDsen- Leistungen können über das Problem Zufall-Einsicht gar nichts ent- scheiden» denn die langen Zeiten, die gelegentlich in den Versuchen vergingen, ehe die Tiere die Lösung fanden, waren stets mit Tätig- keiten ausgefüllt, die mit der Lösung nichts zu tun hatten, oder es waren Ruhe-Pausen, und gerade diese Ruhe-Pausen, in denen z. B. Sultan „langsam seinen Kopf kratzte und übrigens nichts bewegte als die Augen und leise den Kopf, wUurend er die Situation ringsum auf das genaueste betrachtete^ ^*^), zeigen dem Beobachter be- sonders deutlich, was für eine Art von Verhalten hier allein in Betracht kam. Die eigentliche Lösung verlief typisch „in einem Zug^. Bei der nächsten Prüfung wird meist sofort und ohne Zaudern die richtige Handlung ausgeführt. Will man also überhaupt Zeit- Kurven verwendeq, dann sprechen auch sie ganz energisch gegen ZufiüL Das andere Argument waren die „törichten Fehler''. Dies Argument versagt hier genau so wie das erste; Köhler hat im ganzen überhaupt nur acht Fälle wirklich törichter Fehler beobachtet und diese sind stets „Nachwirkungen früherer echter Lösungen, die häufig wiederholt wurden und damit eine Tendenz erwarben, in späteren Versuchen sekundär ohne viel Bücksicht auf die spezielle Situation aufzutreten. Vorbedingung für solche Fehler schein^i Zustände wie Schläfirigkeit, Ermüdung, Verschnupftheit, aber auch Aufregung zu sein''^'^).

Neb^i solchen törichten traten aber auch andere Fehler auf, die für das Verständnis des Verhaltens von besonderer Bedeutung sind. Sie entstehen da, wo ein Teil des Lösungs*Prinzips richtig verstanden ist, daneben aber eine vom Tier nicht erblickte Schwierig- keit besteht. So wird eine Stock- Verlängerung vielfach dadurch ausgeführt, daß das Tier zwei Stöcke in der Hand aneinanderlegt und zusammenhält, womit zwar ein längerer Stock, nicht aber eine ver- wendbare gröilere Länge erreicht ist. Hierher gehört der Anfang des Doppel-Stock- Versuchs von Sultan (s. o. S. 141); und, um noch ein Beispiel zu geben, folgendes Verhalten beim Bauen: Ghica merkt, daß sie mit einer Kiste, auch wenn sie noch so hoch springt, nichts an&ngen kann. „Plötzlich packt sie die Kiste mit beiden Händen, stenunt sie mit großer Anstrengung bis zur Höhe ihres Kopfes und drückt sie nun an die Wand des Raumes, der das Ziel nahe hängt. Bliebe die Kiste hier an der Wand von selbst »stehen«, so wäre die Au^be gelöst; denn Ghica könnte leicht auf sie hinaufklettern und auf ihr stehend das Ziel erreichen** '«•).

Koffka, Kinderpaychologie. J^ j 146 ^^ speziellen Tatsaehen der psychischen Entwicklung Solche »guten'' Fehler sind von der Zufalls-Hypothese überhaupt nicht zu erklären, denn die Bewegungen, die wir als gute Fehler bezeichneten, kommen gar nicht in beliebigen Situationen vor, sondern nur dann, wenn sie eben »gute'' Fehler sind, d. h. wenn sie das Tier irgendwie dem Ziel näher bringen.

Für das Erfolg-Problem, dessen Untersuchung als Leit-Stem den Ausführungen dieses Kapitels vorschwebt, ergeben die Versuche Köhler's: Schimpansen finden sich in neuen Situationen zurecht, lösen ihnen neue Probleme dadurch, daß sie wirklich neue Ver- haltungs- Weisen hervorbringen; wie Köhler es ausdrückt ^*'), können die Richtungen, Kurven usw. dieser Lösimgen autochthon (nicht notwendig „aus Erfahrung hierüber") aus der ruhenden Situation entspringen. Damit wird unsere Theorie der amerikanischen Tier- Versuche auf's. beste gestützt, vnr sehen bei den Schimpansen- Leistungen solche Neu- Schöpfungen gleichsam in Reinkultur; dazu aber treten in den Köhler- Versuchen diese Neuschöpfungen frei von Zufall auf, die Lösung kommt nicht erst durch Zufall zustande und wird dann mehr oder weniger „verstanden", sondern das „Verständnis", die richtige Umbildung des Feldes geht der äußeren Lösung voran. Wir wollen solche Lösungen als Intelligenz- Leistungen ersten Grades bezeichnen. Ist die Lösung gefunden, so ist die Situation für das Tier so verändert, daß sie „sich schlieien" lä&t, dai die Lücke be- seitigt werden, die „fehlende" Frucht herangeholt werden kann. Wir treffen also hier wieder auf den Charakter der Geschlossenheit, der uns früher (o. S. 73 f) entgegengetreten ist. In der „gelösten" Situation hat jedes Ding seinen durch die Gesamt-Struktur bedingten Platz, jede Bewegung den ihren, die Struktur ist eindeutig bestimmt und vollständig geworden. Als dynamische, in der Zeit verlaufende Struktur -^ wir verstehen ja jetzt unter Struktur nicht nur das Wahmehmungs-Feld, sondern den ganzen Vorgang der Lösung bis zum Erlangen des Ziels — hat sie einen Anfang und ein Ende.

7. Andere Deutungs- Versuche.

Ehe wir nun die bisher gewonnenen Elrgebnisse verwerten, müssen wir sie gegen Einwände sichern, die dagegen erhoben worden sind. Die Auffassung der Schimpansen Leistungen als Neuschöpfungen, als sinnvolle Umstrukturierungen eines Feldes ist bestritten worden.

Sehr ausführlich beschäftigt sich Bühler mit Köhler's Versuchen, deren vorbildliche Methode und weittragende Ergebnisse er nach- drücklich anerkennt ^'^). EIrst wo es sich um die letzte Deutung handelt, bringt er kritische Einwendungen vor; sie beruhen, wie mir scheint, darauf, dag Bühler nicht bis ins letzte durchsichtig ge- Google Andere Deutungs- Versuche l^^ worden ist» was Eöhler's Anschauungen fOr die Erklärungs-Prinzipien der Psychologie überhaupt bedeuten. BOhler versucht die Leistungen der Tiere aus den herkömmlichen Prinzipien der Psychologie ver- ständlich zu machen, mir scheinen sie gerade fundamental zum Beweis, da& diese Prinzipien unzureichend sind, dafi sie durch andere ersetzt werden müssen. Die herkömmliche Psychologie besitzt, summarisch ausgedrückt^ die folgenden Erklärungs-Prinzipien: Empfindung und Vorstellung, Gedächtnis, das im wesentlichen mit dem Assoziations-Mechanismus zusammenfällt, und Aufmerksamkeit. Bühler gehört nun in die erste Reihe der Psychologen, die die Unzuläng- lichkeit dieses Rüstzeugs speziell zur Erklärung unseres Denkens erkannt haben. So hat er sie durch Hinzunahme anderer er- weitert, ohne aber die Prinzipien selbst in ihrem Kern anzutasten ^'')» Wir haben oben (S. 138) schon an einem Fall seine Auslegung der Schimpansen-Versuche ablehnen müssen. Dort verwendete er das Prinzip der Aufmerksamkeit zur Erklärung eines Verhaltens, das uns als Struktur-Gesetzb'chkeit erschien. Wir werden jetzt die Dar- legungen Bühlers in ihrem Kern zu prüfen haben, aus dieser Prüfung muß besonders deutlich werden, was Sinn und Wert der Struktur- Theorie ist.