}on den zwei Problem-Gebieten des Lernens haben wir das eine, das Erfolg-Problem, zu klären gesucht. Ehe wir nun die Erwerbungen des Kindes im Einzelnen betrachten, wollen wir auch noch das eigentliche Gedächtnis-Problem betrachten.
Wenn man im gewöhnlichen Leben von Gedächt- nis spricht, so denkt man im allgemeinen an die Erinnerung, d. h. die Tatsache, daß man sich vergangene Vorgänge, nicht mehr gegenwärtige Dinge, wieder lebendig machen, sie „vorstellen" kann. Man „denkt" z. B. an einen früh gestorbenen Freund, sieht ihn „im geistigen Auge" vor sich, erlebt noch einmal die Gespräche, die man mit ihm gefdbrt hat. Das Charakteristiche dieser Erinnerung ist, daß ein Phänomen auftritt, versehen mit einem Index von Vergangenheit. Das Er- lebnis, das ich mir hier vorstelle, erscheint mit dem Zeichen der Zeit, in der es sich wirklich abgespielt hat, als ein längst vergangenes, in die Jünglings-Zeit fallendes und dgl. imd auch mit einer räumlichen Bestimmtheit, im Waid bei N., auf dem See bei Z., oder etwa in Berlin, in den Alpen o. ä. Diese Beschreibungen, die ich hier ange- deutet habe, zeigen schon, daß diese Zeit* und Orts-Zeichen sehr ver- schieden bestimmt sein können, sie können relativ genau festgelegt sein — z. B. am Tage meines Examens vor dem Prüf ungs- Lokal — oder nur recht imgefähr — in meinen Studien-Jahren in J. —. Aber immer bleibt diese Bestimmtheit noch bestehen, sie weist rückwärts, auf ein schon erlebtes hin. Wir sprechen aber im ge- wöhnlichen Sprach* Gebrauch von Erinnerung auch wo diese Zeit- und Orts-Zeichen fehlen. Auf die Frage: wie heißen die Kepler'schen Gesetze? wird man oft die Antwort hören: daran kann ich mich nicht mehr erinnern, und umgekehrt erinnert man sich noch an die Lösung einer Aufgabe. Das braucht dann aber nur zu heißen: ich bin jetzt in der Lage, die Aufgabe zu lösen, ohne mir die Sache überlegen zu müssen, ich kann die Kepler'schen Gesetze nennen, brauche dabei aber keineswegs daran zu denken, wann und wo ich Google Die Leistungen des Qedäclitnisses * Ihr erstes Auftreten |^{ sie gelernt habe. Auch hier sprechen wir von Erinnerung, wir sind auf Grund früherer Erlebnisse in der Lage, über die in der Wahr- nehmung vorliegende Situation hinauszugehen, wir können die Auf- gabe selbst lösen, die Gesetze nennen, ohne sie abzulesen.
Aber die Erinnerung ist nicht die einzige Art^ wie das Ge- dächtnis uns über die Gegenwart hinausführen kann. Nicht nur Vergangenes, auch Zukünftiges kann lebendig werden: ich sehe einen Blitz, dann erwarte ich den Donner, ich höre das Klingel- Zeichen im Theater und erwarte das Aufgehen des Vorhangs. In der Erwartung, der Richtung auf die Zukunft haben wir also eine weitere Leistung des Gedächtnisses zu erblicken. Daß wir aber den Satz nicht umkehren, daß nicht alle Erwartung auf Ge- dächtnis beruhen muß, das haben wir schon im dritten Kapitel bei der Analyse der Instinkt-Handlung besprochen (vgl. S. 71 f.), es gilt gerade so natürlich für die Intelligenz-Handlung: die Strukturierung, auf die wir diese zurückführten, ergab ja zeitlich ausgedehnte Strukturen: wenn das Tier eine Kiste unter einen Stock schleppt, so liegt darin schon der Fortschritt der Handlung: Holen des Stocks und damit des verlockenden Ziels, ohne daß dazu Erfahrungen nötig sind. Denn schon in der ersten Lösung wird ja jede Teil-Handlung als solche, also im Hinblick auf die Gesamtlösung ausgeführt. Und in der Wahr- nehmung gibt es auch genügend Beispiele; wenn wir eine gänzlich neue Melodie hören, so erwarten wir auch bald,' wie es weiter gehen wird.
Kehren wir zum Gedächtnis zurück, Erinnerung und Erwartung sind in der bisher erläuterten Form immer noch nicht seine einzigen Leistungen. Bisher sahen wir die Funktion des Gedächtnisses in einer gewissen Unabhängigkeit von der Wahrnehmung, zur Wahr- nehmungs-Welt treten als eigene Bestandteile die „Vorstellungen'', oder wie man die Gedächtnis-Phänomene sonst nennen will, hinzu. £me andere nicht minder wichtige Leistung des Gedächtnisses offen- bart sich in der Wahrnehmung selbst. Ich gehe auf der Straße, dann treffe ich Menschen, die mir fremd sind, jenes Gesicht aber kommt mir bekannt vor, dort sehe ich meinen Freund X, und hier eine Dame, neben der ich gestern auf der Trambahn gestanden habe. Das Gedächtnis wirkt in diesen Fällen also dadurch, daß Gegenstände einen B ekannth ei ts -Charakter erhalten, der wieder sehr verschieden bestimmt sein kann, von der bloßen Bekannt- heits-Qualität im ersten Beispiel bis zur völligen Vertraut- heit im zweiten oder der Bekanntheit mit Erinnerungs- oder Erwartungs-Charakter.
Aber diese Leistung braucht nicht auf ein individuelles Er- kennen beschränkt zu sein, das man auch als Wiedererkennen be- Google 1^2 ^^® speziellen Tatsachen der psychischen Entwicklung zeichnet. Auch wenn ich eine Rose als Rose/ ein Stück Kreide als Kreide erkenne, so sind mir Wahrnehmungs-Phftnomene gegeben, die ein gut Teil ihrer Eigenart dem Gedfichtnis verdanken. Man beobachte nur, um das zu verstehen, wie ein Gegenstand, den wir zum ersten Mal sehen, etwa ein neuer Apparat, im tfiglichen Um- gang sein Aussehen, ich möchte sagen seine Physiognomie, ändert. So steckt Gedächtnis in unserer ganzen Wahrnehmung drin, das ist eine ^unbestreitbare Tatsache. Fragen entstehen erst, wenn man diese Wirkung näher bestimmen will. Jedenfalls ist sie, im Gegen- satz zu der anfangs besprochenen, hier eine gebundene.
Die Leistungen des Gedächtnisses sind damit immer noch nicht er* schöpft. Wir haben uns ja bisher nur an die innere Seite unseres Ver- haltens, an die Phänomene, gehalten, aber auch unser äußeres Verhalten ist vom Gedächtnis durchsetzt. Ich brauche nur an ein schon im vorigen Kapitel gebrauchtes Beispiel zu erinnern: wenn ich heute im tiefen Wasser nicht ertrinke, so liegt das daran, daß ich in der Jugend schwimmen gelernt habe. Hier arbeitet mein Gedächtnis ganz ohne Erlebnisse, lange ehe ich denken oder wollen kann, machen meine Arme und Beine i^bon die richtigen Beweigungen. Wenn es mir freilich so gelungen ist, wieder an die Oberfläche zu kommen und Luft zu schnappen, so mag mir auch einfallen, diese oder jene besondere Bewegung sei besonders zweckmäßig oder besonders elegant gewesen, und ich kann nun meine Schwimm-Bewegungen daraufhin regulieren. Also auch bei motorischen Leistungen können phänomenale Gedächtnis- Wirkungen mitspielen. So ergeben sich uns drei Gesichtspunkte fOr die Betrachtung der Gedächtnis-Leistungen: A. Die Beteiligung des Bewußtseins, die mehf oder weniger stark sein kann; B. das Verhältnis zur Wahrnehmung: frei oder gebunden; C. die Arten und Grade der örtlichen und zeitlichen Bestinuntheit. Mit Hilfe dieser drei Gesichtspunkte können wir nun auch die Entwicklung der Gedächtnis-Leistung im individuellen Leben be- stimmen. Am Anfang stehen Leistungen, an denen das Bewußtsein wenig beteiligt ist, die an die Wahrnehmung gebunden und ohne zeitlich-örtliche Bestimmung sind. Das erste ist ja die Vervoll. kommnung der äußeren Leistungen, die jedenfalls sehr bald auch eine richtige Lern-Komponente besitzt, zu der der geringste Grad von Bewußtsein nötig ist. Auf der phänomenalen Seite zeigt sich die Gedächtnisleistung in Bekanntheits-, vielleicht noch früher in Fremdheits- Qualität: bringt man einen Säugling, vor Vollendung des ersten Halbjahres^ in ein ihm fremdes Zimmer, so ändert sich sein Verhalten, er blickt „erstaunf* mit weitgeöfheten Augen im Die Leistungen des Gedäclitnisses • Ihr erstes Auftreten |jx Zimmer umher, und dies EIrstaunen schwindet, sobald er in den gewohnten Raum zurückkonmit. Die Gedächtnis - Wirkung der üblichen Umgebung äußert sich also hier als Fremdheits-Eindruck, aber sie mu6 schon vorher existiert haben; hätte man das Kind nicht in das fremde Zimmer gebracht, so wäre doch sein Gedächt- nis das gleiche gewesen. Wenn wir uns fragen, wie wir uns diese Gedächtnis- Wirkung vorzustellen haben, so werden wir sie am besten folgendermaßen beschreiben: Wir haben früher schon in den primi- tiven Phänomenen den Unterschied von Hintergrund und Qualität gefunden. Die Gedächtnis- Wirkung des gewohnten Zimmers wird dann darin bestehen, daß es als „Hintergrund** einen besonderen Charakter erwirbt, es wird das relativ feste Niveau, auf dem die einzelnen Phänomene erscheinen, das Erstaunen beruht dann auf einer Niveau-Änderung. Der Begriff des Niveaus scheint mir ganz allgemein von sehr hoher Bedeutung für die Psychologie zu sein, es ist nie gleichgültig, ob eine Veränderung der Umgebung dies Niveau oder die daraus abgehobenen Qualitäten betrifft.
Etwa um dieselbe Zeit beobachtet man aber auch, daß der Säugling beim Anblick der Mutter oder anderer vertrauter Personen ein zufriedenes Lächeln zeigt, dagegen Abwehr und Unlust, wenn sich ihm fremde Personen nähern. Hier ist die Bewußtseins- Beteiligung augenscheinlich stärker, es handelt sich ja nicht mehr um den Hinter- grund, und hier tritt außer der negativen Reaktion gegenüber dem Fremden auch eine positive gegenüber dem Bekannten auf.
Der nächste Fortschritt scheint mir nun der zu sein, daß der Bekanntheits-Charakter, der zuerst sicher gar keine zeitliche Bestinmit- heit besitzt, eine solche bekonmit, und zwar als Erwartung, in Richtung auf die Zukunft. Daß die Bezugnahme auf die Zukunft früher ist als die auf die Vergangenheit, betont schon Stern mit allem Nachdruck'^'), aber mir scheint, er schließt zu leicht auf eine Befreiung des Gedächtnisses von der Wahrnehmung, wenn er schon bei den ersten Erwartungen von Vorstellungen spricht. Nehmen wir irgend ein Beispiel: Schon im 5. Monat spitzte Sterns Tochter Hilde den Mund, wenn der Löffel, mit dem ihr ein Süppchen eingeflößt vnirde, in ihre Nähe kam, nachdem es im Anfang nicht geringe Mühe gekostet hatte, das Kind an diese neue Art der Ernährung zu gewöhnen. Ich glaube, statt von Erwartungsvorstellungen zu sprechen, sollte man den Tatbestand lieber so beschreiben: das Kind hat den Vorgang des Gefüttertwerdens als Struktur erfaßt, in dieser Struktur hat der Löffel seine bestimmte Stelle, er ist darin ein „Durchgangs- Phänomen'', wie wir das schon mehrfach beschrieben haben, d. h* der Löffel als Phänomen hat an sich den Charakter, über sich hinaus- Google 17^ Die speziellen Tatsachen der psychischen Entwicklung zuweisen, so wie uns eine schwarze Wolke nicht nur schwarz sondern „drohend'' erscheint, ohne daß wir uns das kommende Gewitter wirklich vorzustellen brauchen.
Wie der Bekanntheit die Fremdheit, so entspricht der Er- wartung das Vermissen, und wir brauchen hierbei ebensowenig an freie Vorstellungen zu denken wie in dem letzten Beispiel. Mi& Shinn berichtet von ihrer 0;3 alten Nichte: „Eine hell gekleidete Dame hatte mit dem Kind gescherzt, war aber dann...plötzlich dem Gesichtskreis des Kindes entrückt worden. Da suchte das Kind einige Augenblicke nach dem plötzlich verschwundenen Gesichtsein- druck'', „der denmach, so erläutert Stern dies Zitat, in der matteren Form einer Vorstellung noch angedauert haben muß" "^^). Die Er- klärung Sterns möchte ich wieder bezweifeln. Gerade im Hinblick auf das sehr frühe Lebens- Alter, von dem diese Beobachtung stammt, scheint mir wieder die Existenz von Vorstellungen, also doch schon aus der Wahrnehmung gelöster Phänomene, sehr unwahrscheinlich. Der Tatbestand läßt sich m. £. adäquater so beschreiben: Die sehr lebendige Situation verschwindet plötzlich, an ihre Stelle tritt eine andere, die nun phänomenal das Haupt-Merkmal hat, eine „leere", „ergänzungsbedürftige" zu sein.
Wann wir mit Bestimmtheit die ersten freien Vorstellungen annehmen dürfen, ist nicht sicher. Im Beginn des zweiten Lebens- Jahres treten jedenfalls Erinnerungen auf, also die ersten Beziehungen auf die Vergangenheit. Ob auch diese, was mir wahrscheinlich vorkommt, zunäch$t noch an die Wahrnehmung gebunden sind, kann man aus dem vorliegenden Material noch nicht entnehmen '^^), ebensowenig, ob etwa die ersten freien Vorstellungen „Erwartungs- VorstelluDgen" sind. Jedenfalls sind die ersten Vergangenheits- Beziehungen aber äußerst unbestimmt, und das ändert sich auch nur sehr langsam, selbst für das 4jährige Kind ist die Bestimmung einer Erinnerung auf gestern sehr schwer, auf vorgestern unmöglich. Es existiert in diesem Alter der unbestimmte Eindruck des lange Her- Seins, auch die grobe Scheidung zwischen früher und später, gelegent- lich auch von heute und heute-nicht. Besser als der Zeit-Charakter ist der Orts- Charakter der Erinnerungen entwickelt, „das war in Berlin", „das in Schreiberhau" usw. Die Erinnerungen sind eben Glieder größerer Komplexe und tragen diesen Teil Charakter an sich.
Vorstellungen ohne zeitliche und räumliche Beziehungen, wie wir sie zur Unterstützung unseres Denkens verwenden, dürften sehr spät auftreten. Ich möchte die sogen. Phantasie- Vorstellungen noch nicht hierher rechnen. Wenn ein Kind ein Märchen versteht und wiedererzählt, und das eigentliche „Märchen- Alter" beginnt mit dem Google Google Die Leistungen des Gedächtnisses • Ihr erstes Auftreten ijtr 4. Lebensjahre*"), so sind die dabei auftretenden Vorstellungen kaum als ganz zeitlos anzusprechen. Es wird mit ihnen nicht viel anders bestellt sein als mit denen, die sich auf die ferne Vergangen- heit des Kindes selbst beziehen. Diese Phantasie- Vorstellungen sind aber schon insofern ein Fortschritt, als sie nicht auf individuelle Erlebnisse zurückgehen, wenn sie solchen auch ihrem Wesen nach sehr ähnlich sein dOrften, sondern eben durch die Erzfthlung erst hervorgerufen werden.
Die Gedächtnis-Leistungen der Kinder entwickeln sich auch in der Richtung, daß allmählich immer größere Zeitspannen überbrückt werden. Dies Problem haben vor allem Cl. u. W. Stern gründlich untersucht. Der Fortschritt zeigt sich beim Wiedererkennen wie bei der eigentlichen Erinnerung. Jenes hat den Vortritt, auch hierin offenbart sich also, daß das Erkennen eine primitivere Leistung ist^ als das Erinnern '^'). Und schließlich hat man auch festgestellt, daß die Auslösung der Erinnerung einer Entwicklung unterliegt: zuerst knüpfen sich Erinnerungen niu: an Wahrnehmungen an, dann auch an „Vorstellungen''. Im Anfang ist das Kind seinen Erinnerungen gegenüber passiv, erst allmählich kann es sie beherrschen, sich will- kQrlich und auf Fragen bestimmte Geschehnisse zurückrufen*^'). Endlich sei noch auf eine Eigentümlichkeit des jugendlichen Gedächtnisses hingewiesen, die Jaensch und seine Schüler zum Aus- gangs-Punkt umfangreicher und fruchtbarer Studien gemacht haben'^^). Jugendliche haben oft die Fähigkeit zu optischen, seltener zu akustischen, Anschauungs-Bildern, d. h. sie können willkürlich einen Sinnes-Eindruck nach kürzerer oder längerer Zwischenzeit mit sinnlicher Deutlichkeit reproduzieren. Von 205 Knaben zwischen 10 und 16 Jahren konnte diese Fähigkeit bei 76, d. h. bei 87 V» nachgewiesen werden. In welchem Lebensalter diese Fähigkeit beginnt, wissen wir noch nicht, die Untersuchungen von Jaensch geben aber sehr viel Anregung für künftige Untersuchungen an sehr jungen Kindern. Von den vielen Einzel-Resultaten wollen wir hier nur einige wenige wieder» geben: „Auch das Sinnen-Gedächtnis hält das dargebotene Material nicht wahllos fest, ist bei seinen Leistimgen auch nicht etwa nur von der Häufigkeit der Darbietungen und der Eindringlichkeit des Objekts abhängig, sondern vollzieht eine von Gesichtspunkten geleitete Selektion. ** Und zwar ist diese Auswahl vom Gesichts- punkt der Gegenständlichkeit geleitet, bei manchen Individuen so stark, „daß wir hier bei Farbenuntersuchungen auf die gewöhnlichen Hilfsmittel der wissenschaftlichen Optik verzichten und zu Blumen unsere Zuflucht nehmen mußten. Sie, nicht aber homogene Papiere von gleicher Farbe gaben deutliche Anschauungs- Bilder'' "•). Femer Google gj^ Die spezielleii Tatoacfaen der psychischen BntwicUiiiig zeigte eicfa, da6 Amduumngs-Bflder und Wahmehmnngg-Phfaomene flniteinander YenchiDelzen können, so dafi ein im Wahmehmungs- Aepekt erscheinendes Fbfinomen sieb als Resultante aua Wahmdunungs- ond Bild-Gt^gebenheiten erweist Aber auch dann, wenn keine Yer- «cfamelzong antritt, wenn Wahmehmnngs- und Bild-GegenstSnde nebeneinander sichtbar sind, findet eine gegenseitige Beeinflossong im Sinn der Angleichung statt, die um so gröAer ist, je ähnlicher Wahrnehmung und Bild einander sind*^*).
Noch einige Worte über die Gesetze des Gedächtnisses. Wir können ja das allgemeine Assoziations-Gesetz nicht anerkennen, •da wir die Assoziation, als äuäeres Band zwischen selbständigen Stocken leugneten. Das Gesetz wurde etwa so ausgesprochen: sind Phänomene ABC...gleichzeitig oder unmittelbar nacheinander mehrmals im Bewußtsein gewesen, und tritt eins von ihnen wieder au( so hat es die Tendenz, die übrigen zu reproduzieren. Besondere •Gesetze regeln die Stärke der von einem Glied zu jedem andern führenden Tendenzen. Dies Gesetz müssen wir durch ein anderes ersetzen: sind Phänomene ABC •.. einmal, oder mehrere Male, «Is Glieder einer Struktur dagewesen, und tritt eins von ihnen mit diesem »Glied-Charakter^ versehen wieder auf, so hat es die Tendenz, von sich aus die gesamte Struktur mehr oder weniger voll- ständig und scharf zu ergänzen. Was mit der Einschränkung gemeint ist, die sich auf das Wiederauftreten bezieht, möge folgendes Beispiel verdeutlichen. Fragt man nach dem Namen eines Tieres, der mit ^^^ual** anfängt, so ist die Antwort „QuaUe*^ sehr leicht Unter •andern Bedingungen wird man aber schwerfich vom Worte jyQual'' auf das Wort „Qualle'^ kommen. Im ersten Fall hat die Silbe „QubI*^ eben den Charakter als Anfangs-Silbe, im zweiten dag^en als ein- silbiges vollständiges Wort.
Die Reproduktion kann noch auf einem ganz anderen Weg er- folgen: in unserm Beispiel kann mir „Qualle'^ nicht nur dadurch ein- fallen, daä „Qual'' als An&ngs-Silbe sich zum ganzen Wort.von selbst'' ergänzt, sondern auch dadurch, daß man etwa aus „Qual'' in einer der Sprache entsprechenden Form ein Wort zu bilden versucht Hier ist also die Reproduktion so, daft die Ganz-Struktur selbst von ihrem Anfangs-Glied aus hergestellt wird, und hierzu ist es nicht mehr erforderlich, daß die neue, so reproduzierte Form in dieser Weise schon je erlebt worden ist. So kommen im Anfang des Sprechens zahllose „falsche^ d. h. nicht zum Bestand der Sprache gehörende Bildungen vor, die das Kind also nicht gehört haben kann, sondern Google nach gel&ufigen Struktur-Prinzipien frei gebildet hat. Aus der großen Sammlung des Ehepaares Stern nur ein paar Beispiele: H. St. 3;8: vergürtelt =3 mit' Hilfe des Gürtels befestigt, dslb. 3; 9: meiem s= mit Zentimetermafi messen, G. St. 3; 10: maschiner =a Lokomotiv- fOhrer, dslb. 4; 4: dieben => stehlen, S« S. 2; 6: es glockt = die Glocken lAuten'"')- Diese Art der Reproduktion, die mit dem alten Prinzip noch weniger gemein hat als die erste, ist überhaupt für die Entwicklung und den Fortschritt des Denkens von sehr großer Bedeutung.
Das Verdienst, die Beproduktions-Gesetze in einer der hier gegebenen ähnlichen Form ausgesprochen zu haben, gebührt O. Selz. Er hat an eigenen Versuchen wie an den bekannten Tatsachen dar- gelegt, daß die Erklärung durch Zusammenwirken zahlreicher vonein- ander unabhängiger Assoziationen durch „Konstellation'* versagt '^^).
Die herkömmliche Lehre kannte neben dem schon besprochenen Assoziations-Gesetz noch ein anderes, das der Reproduktion durch Ähnlichkeit. Ja man sprach von Ähnlichkeits-Assoziation und stellte ihr dann die Berührungs-Assoziation gegenüber, indem man früher nicht nur das Band zwischen den Vorstellungen sondern auch den Vorgang der Wiedererweckung selbst Assoziation nannte. Seit man aber hierfür das Wort Reproduktion verwendet, sollte man auch nicht mehr von ÄhnUcbkeits- Assoziation reden, denn dies Prinzip behauptet: eine Vorstellung A könne eine andere A' ohne je durch Assoziation mit ihr verbunden gewesen zu sein, hervorrufen, wenn A' d^n A genügend ähnlich sei. Dies Prinzip paßt im Grunde nicht recht in die Assoziations-Theorie hinein, denn Ähnlichkeit ist kein äußerer, sondern ein innerer, sachlicher Zusammenhang und das Prinzip, alle inneren Zusammenhänge durch bloß äußere zu er- setzen, wird dadurch durchbrochen. Es hat denn auch nicht an Ver- suchen gefehlt, die Reproduktion durch Ähnlichkeit aus der Erklärung auszuschließen und alles auf die Berührungs- Assoziation zurückzuführen. Die Tatsachen haben das aber nicht zugelassen, und L. Schlüter"'), die im Göttinger Institut von G. E. Müller, dem Haupt- Vertreter der Assoziations-Psjrchologie, gearbeitet hat, bringt selbst Beweise ftür das Bestehen der Ähnlichkeits- Wirkung. Dazu kommt, daß eine dem gleichen Institut entstammende Arbeit von R. Heine***) bewiesen bat, daß auch das Wiedererkennen nicht auf die Wirksamkeit von Assoziationen zurückgeführt werden kann. Schon lange hat man vermutet, daß zwischen dem Wiedererkennen und der Reproduktion durch Ähnlichkeit ein Zusammenhang bestehen muß, ich selbst habe die beiden Leistungen als Spezial-FäUe einer allgemeineren Gesetz- mäßigkeit angesehen'*^).
l^g Die speziellen Tatsachen der psychischen Entwicklang Diese Gesetzmäßigkeit dürfte für die Assoziations - Theorie ungeheuer schwer zu erklftren sein» besonders wenn man an ihr physiologisches Rüstzeug denkt. Wir sahen ja» dai schon andere Ahnlichkeits- Wirkungen y. Kries zu einem Haupt-Einwand gegen diese Theorie geführt haben. Für die Struktur-Theorie dürfte die Schwierigkeit geringer sein. „Ähnliche Strukturen'' gibt es auch in der Physik; das Ähnlichkeits-Gesetz würde dann besagen, daß eine schon dagewesene Struktur günstige Bedingungen schafft für das Auftreten einer gleichen oder ähnlichen.
Damit haben wir die aller allgemeinste Wirkung, die das Ge- dächtnis nach unserer Auffassung besitzt, gekennzeichnet. Ist einmal unter bestimmten äußeren Bedingungen eine neue Struktur ent- standen, so bleibt diese Leistung dem Organismus irgendwie er- halten. Die Struktur wird sich bei Wiederholung der äußeren Um- stände yiel leichter und schneUer einstellen als das erste Mal, sie wird auch dann entstehen, wenn die äußeren Umstände verändert und nicht mehr ebenso günstig sind wie das erste Mal, oder wenn sie unvollständig sind, so daß sie von sich aus nur eine Teil-Struktur bedingen würden.
8. Das motorische Lernen: Das Gtohen, seine Beifungs- und Lera- Komponente. Wir wollen nun, nachdem wir die theoretischen Vorfragen ge- klärt haben, dio Entwicklung des Kindes selbst ins Auge fassen und uns an Beispielen aus den vier Gebieten vergegenwärtigen, die wir am Anfang des vorigen Kapitels (S. 102 ff.) geschieden haben.
. a) Motorisches Lernen. Wir wiederholen nicht, was wir oben allgemein über das Lernen von Bewegungen gesagt haben (S. 103 f.). Wir beginnen mit dem Lernen des Gehens. Beginn der ersten Geh-Versuche und ihr Erfolg, der sich im freien Grehen zeigt, sind zeitlich sehr großen Schwuikungen unterworfen. Der achte Monat ist aber jedenfalls früh und das vierte Halbjahr für die ersten Anfänge sehr spät Man sagt: das Kind lernt gehen, und ganz gewiß lernt es bei seinen Geh-Yersuchen auch so mancherlei. Aber lernt es wirklich das Gehen? Würde ein Kind, das man, wie James vorschlägt, wenn es seine ersten Geh-Versuche machen wUl, noch einige Wochen am Gehen hinderte, sich am Ende dieser Zeit bei seinen dann erlaubten ersten Versuchen ebenso ungeschickt be- nehmen, wie es sich am An&ng benahm? Das ist äußerst unwahr- scheinlidi, wenn sich auch der psychologisch interessierte Witwer, auf den James seine Hoffnung setzte, noch nicht gefunden hat, um den Versuch zu machen. Diese Überlegenheit könnte dann aber Google Das Gehen, seine Reifungs- und Lem-Eomponente j^g nur auf Reifung beruhen, und die Ungeschicklichkeit der ersten Versuche läge daran, dafi die Zentren, von denen die 6eh-Be« weguDgen aus geleitet werden, noch nicht ihre volle Reife erlangt haben, freilich auch an der noch ungenügenden Entwicklung der kind- lichen Knochen und Muskeln. Das Gehen erscheint uns also als eine ererbte Leistung und dazu pa&t die Tatsache, dafi auch Vögel, wenn sie das erste. Mal das Nest verlassen, schon recht gut und sicher fli^en können. Freilich eine VervoUkonmmung gibf s auch hier, und wir dürfen nicht annehmen, da& ein Mensch, den man etwa bis zu seinem sechsten Jahre am gehen gehindert hätte, ohne dabei eine Schädigung der beteiligten Muskeln eintreten zu lassen, da& solch ein Mensch nun bei seinem ersten Versuch gleich ebensogut laufen könnte wie seine Alters-Genossen. Aber auch daraus dürfen wir nicht auf eine reine Lern-Eomponente schließen. Auch die Reifung selbst bedarf einer Anregung durch die Tätigkeit.
Das zeigt eine Untersuchung von Breed über die Entwicklung des Pickend bei Hühnern. Versteht man unter Picken die ganze Leistung der Nahrungs- Aufnahme: das Zuschlagen, Ergreifen und Verschlucken der Nahrung, so zeigt sich In den ersten Tagen eine sehr starke Entwicklung dieser komplizierten Tätigkeit Dem Küken werden vom zweiten Tage an Kömer vorgeworfen, es wird von Tag zu Tag beobachtet, wie viele Pick- Versuche erfolgreich sind. Von 60 Versuchen waren in einer Gruppe im Durchschnitt erfolgreich am 1. Tage 10,3, am 2.: 2^3, am 3.: 30, am 6.: 38,3 und am 15.: 43,2. Zum Vergleich wurden nun andere Küken geprüft, die man aber einige Tage künstlich fütterte und erst dann in die Pick-Situation brachte. Der Erfolg war der, da6 die Leistungen des ersten Pick-Tages um nichts besser waren als die der zuerst geprüften Tiere, dafi aber die Verbesserung der Leistung sehr viel schneller ging. Ein Tier, das 4 Tage später begann als die normale Gruppe, hatte deren Leistung schon am nächsten Tage übertroffen. Mir scheint daraus zu folgen, dai die Reifung ohne Anregung keine hohen Leistungen erzielt, da& aber ein gut Teil der Verbesserung doch auf Reifung kommt, da ja vom 6. Pick-Tage an alle Tiere ungefähr gleich gut picken, obwohl sie sehr verschieden viel geübt haben. Nur braucht eben die Reifung, um wirksam zu werden, eine Anregung durch die Funktion selbst"').
Dai beim Gehenlemen auch wirklich etwas gelernt wird, zeigt eine Beobachtung von Bin et, dafi von 2 Schwestern die ältere und schwächlichere, ein erstes Kind, schneller frei gehen konnte als die Jüngere. Die Ältere war mit ihrer ganzen Aufmerksamkeit bei der Sache, sie wählte sich Direktions- Objekte und marschierte mit l8o ^^® speziellen TatsacheH der psychischen Entwicklung dem gröMen Ernst von einem zum andern. Die Jüngere war sehr lebhaft und lief ohne Überlegung und Aufmerksamkeit drauf los^*'). Diese Beobachtung vom Einfluß der Aufmerksamkeit auf das Gehen- Lernen spricht dafQr, daß hier wirklich etwas gelernt wird« Nur ist nicht daraus zu erkennen, worauf sich dieses Lernen bezieht. Wir werden wohl annehmen müssen ^ dai es weniger die Greh- Bewegungen selbst sind, als ihre Lenkung, Anpassung an die Ziele und dgl.
4. Fortsetzung: Greifen und Tasten« Die motorlsehen Strukturen.
Früher als das Gehen wird der Bewegungs-Eomplex gelernt, zu dem wir uns jetzt wenden, das Greifen und Tasten. Sehr genaue Beobachtungen über die Entwicklung dieser Leistung ver- danken wir neben Frey er ^^or allem Miss Shinn"^). Die Ent- wicklung nimmt einen sehr komplizierten Verlauf und passiert zahl- reiche Stadien. Das ursprünghche Tast-Organ des Säuglings ist nicht die Hand, sondern der M u n d. Von der 4. Woche ab wird an allem, was an den Mund kommt, nicht nur gesogen, sondern es wird auch mit Lippen und Zunge bearbeitet. Diese Bewegungen stehen nicht mehr im unmittelbaren Zusannuenhang mit der Nahrungs- Aufhahme: denn wenn man seine Wange an den Mund des Säug- lings legt, so beginnt er zwar sofort zu saugen, wenn er hungrig ist, sonst aber beleckt er sie mit der Zunge. Das Mund-Tasten erhält eine immer größere Bedeutung, indem später alle möghchen Dinge von der Hand in den Mund gebracht werden. Aber das geht nicht so schnell. Vorher liegt das Stadium, in dem der Säugling nur seine Hände selbst in den Mund führt (Anfang des 3. Monats nach Shinn). Es ist nun interessant, daß diese Bewegung im Anfang nicht von den Händen allein ausgeführt wird, sondern indem die Hand ge- hoben wird, wird der Kopf gesenkt, die Bewegung ist also sichtlich auf das „Zusammenkommen'' von Hand und Mund angelegt, was das Kind jetzt macht, sind nicht feste bestinunte Hand- und Arm- Bewegungen, sondern Vereinigung von Hand und Mund.
In der 12. Woche beobachtete Miss Shinn den Anfang von Greif-Bewegungen mit der Hand. Dinge, die zufällig irgendwie mit der Hand in Berührung kommen, werden gefa&t und hochgehoben, dann nach einiger Zeit wieder fallen gelassen. Dabei ist die Art des Fassens abhängig von der Stelle, an der die Hand berührt wird. Das Auge spielt dabei noch gar keine Rolle, das Kind sieht nicht etwa das berührende Ding oder seine Hand an. Die Entwicklung spielt sich vielmehr zunächst rein auf dem taktilen Gebiet ab. Bei diesen Bewegungen konunen nun auch oft genug zufällig in der Google Greifen und Tasten lgl