die Eigenschaften des. frtth-kindlicben Gresichts-Raumes auch beim Erwachsenen wieder: die seitlichen Teile des Gesichts-Feldes und die fernen des Gesichts-Raumes sind dem nahen gegenüber benach- teiligt, und das sowohl was Farben* wie was Form« und Größen- Wahrnehmung betrifft, und analog dem Befunde bei Kindern ist der Grad der Benachteiligung von der Art der zur Prüfung verwendeten Objekte abhängig'"). Gerade auch dieser letzte Umstand spricht gegen die allzu primitive erste Deutung. Die Entwicklung haben wir uns als einen Reifungs-Yorgang zu denken, demzufolge Gebiete die Fähig- keit zu festen Strukturen gewinnen, die sie früher nicht gehabt haben, als einen Reifunga- Vorgang, der vom Gebrauch der Funktion ab- hängig ist. Wir wissen aus zahlreichen pathologischen Beobachtungen, daß auch Erwachsene diese Fähigkeit üben können, wenn solche Übung für sie nötig wird. Das biologisch Wichtige ist zunächst ja nur das aller Nächste, große Femen zu sehen, ist für die meisten Lebewesen überhaupt ohne jede Bedeutung. Da& etwa ein Hund die Berge, die den Schluß eines Tals bilden, sieht, ist mir nach eigenen Beobachtungen höchst unwahrscheinlich.
Mit der Ausweitung des Gesichts-Raumes hängt, wie ich ver- mute, eine andere Gesetzmäßigkeit des Seh-Raums zusammen. Bei uns Erwachsenen besteht eine relative Unabhängigkeit der „schein- baren Größe" eines Gegenstandes, davon, wie groß ein Ding „aus- sieht**, von der Größe seines Netzhautbildes. Ein Mensch, der sich aus einer Entfernung von 1 m auf eine solche von 4 m von uns ent- fernt, sieht nicht plötzlich nur ein Viertel so groß aus wie am An- fang, obwohl er sich im Auge jetzt in 4facher Verkleinerung abbildet; wir sehen dabei überhaupt keine Größen-Änderung. So verwechseln wir auch innerhalb eines gewissen Abstandes nie einen nahen kleinen mit einem großen fernen Gegenstand. Aber diese Unabhängigkeit von der Netzhaut Größe ist nicht absolut, entferne ich mich von einem Menschen ein sehr großes Stück, so sieht er plötzlich winzig klein aus, von einem Berg aus sieht man ein Dorf wie ein Spielzeug aus einer Schachtel, und selbst ein ganz hoher Berg kann aus sehr großer Entfernung, von einem anderen Gipfel aus gesehen, wie eine winzige Zacke aussehen. Umgekehrt gibt es nun auch eine adäquate Ent- fernung, eine Zone, innerhalb derer wir die ^eigentliche Größe^ eines Gegenstandes am besten erfassen, und diese ist für einen Fingerhut anders als für einen Menschen, und für diesen wieder anders als für einen Berg'*').
Bisher wird dies allgemein nach dem Vorgang von Helmholtz durch die Erfahrung erklärt. Stern spricht von einer verwickelten Assoziation zwischen Entfernungs- und Größen-Eindruck und auch Google Die räumlichen Faktoren 205 B ü h 1 e r betont, da& die relatiye Unabhängigkeit der scheinbaren Gröfie von der Netzhaut „vom Kinde einmal erworben und geübt \rerden muß"'"^.
Leider wissen wir nun über diese Erwerbung und Übung bei Kindern so gut wie gar nichts. Helmholtz teilt eine undatierte Jugend- Erinnerung mit, ihm seien als Kind die Menschen auf einem Pots- damer Kirchturm Vie Püppchen erschienen. Ich kann mich sehr gut an ein ähnliches Erlebnis erinnern: an der Berliner Sieges-Säule sind in verschiedenen Höhen Kanonen-Rohre angebracht. Ich weiß nun, wie ich das meinem Vater, mit dem ich oft an der Sieges-Säule vorbeigefahren bin, kaum glauben wollte, denn die untersten sahen mir allenfalls wie kurze Grewehr-, die obersten wie winzige Pistolen- Läufe aus. Heute ist es anders, aber auch heute sehen die obersten kleiner aus als die untersten und alles Wissen vermag diesen sinn- lichen Eindruck nicht zu ändern. Schon dies spricht gegen die Helmholtz'sche Erklärung aus der Erfahrung, d. i. der Verknüpfung von Empfindungen mit Vorstellungen und Urteilen.
Daß aber hier die Verhältnisse ähnlich liegen wie bei den Farben - Transformationen, mit denen die relative Konstanz der scheinbaren Größe schon äußerlich große Verwandtschaft besitzt, das haben wieder Wahl-Dressuren gezeigt, die Köhler an Schimpansen ausgeführt hat'*'). Er dressiert die Tiere, von 2 Kästen mit verschieden großen Front-Brettern den größeren zu wählen, wenn die Kästen in der gleichen Entfernung vom Tier stehen. Dann wird der große Kasten so weit entfernt; daß sein Netzhaut-Bild kleiner wird, als das des kleinen Kastens, unter Beachtung aller nötigen Vorsichts-Maßregeln, und die Dressur bleibt erhalten. Also schon ein 4jahriger Schim- panse hat in einem gewissen Abstands- Bereich diese Konstanz der scheinbaren Größe, und das macht die üblichen Erfahrungs-Hjrpothesen doch sehr unwahrscheinlich, wenn nicht unmöglich. Alle Tatsachen, die wir sonst noch über das Verhalten der scheinbaren Größe kennen, ihr Zusammenhang mit der Deutlichkeit, Ausgeprägtheit, Gestaltet- heit des Gesehenen — eine je kleinere scheinbare Größe, ceteris paribus, einem bestimmten Netzhautbild entspricht, eine so größere Deutlichkeit entspricht ihm'*^') — - weisen darauf hin, daß es sich auch hier um Gesetzmäßigkeiten der Gesamt-Struktur handelt Es dürfte sich aber auch hier bei der Entwicklung, und eine solche könnte man, wie Köhler betont, mit Hilfe solcher Wahl- Dressuren auch schon bei sehr kleinen Kindern untersuchen, um eine Reifung, nicht um ein Lernen, handeln, aber freilich wieder um einen Prozeß, der von dem Gebrauch des Organs nicht unabhängig ist"'). Dies ist der Grund, warum ich oben einen Zusammenhang Google 2o6 ^^ speziellen Tatsachen der psychischen Entwicklung zwischen der Entwicklung der Gröfien-Konstanz und der der Baum- Ausweitung vermutete. Daß diese EntwidUung auch in relativ später Zeit noch nicht abgeschlossen ist, das allein beweist die oben ange- führte Beobachtimg von Helmholtz und die gleichartige von mir selbst; die sicher bis ins 6. wenn nicht ins 7. Lebensjahr hineinreicht. Dia Beobachtungen beweisen aber gar nichts dafür, da& nicht in kleineren Entfernungen die Größen-Konstanz schOn bestand.
Auch die folgende Beobachtung von Stern vermag für unser Problem nichts zu leisten: seinem Sohn wurde einmal im 8. Monal^ als er seine Saugflasche erwartete, aus Scherz eine 15 mal kleinere Puppen-Flasche gezeigt. „Da geriet er in größte Aufregung und schnappte nach der Flasche, als ob sie die wirkliche wäre." Das beweist nui, eine wie geringe Rolle die Größe für die Erkennung der Dioge in dieser Zeit spielt, worauf Stern auch richtig hinweist» aber nicht, was Stern doch auch daraus entnehmen will, ein Fehlen der GrOßen-Eonstanz im obigen Sinn*")* Die Hypothese, die Paula Busse, gestützt auf ihre Versuche mit Anschauungs-Bildern (s. o. S. 175 f.) aufstellt, um eine, selbst noch unerforschte Entwicklung der Größen-Konstanz zu erklären, erscheint mir daher auch nicht richtig. Das Anschauungs-Bild eines zunächst aus der Nähe betrachteten Gegenstandes soll mit dem Wahrnehmungs- Komplex des sich entfernenden Dinges verschmelzen, und so die Größen-Konstanz bewirken'*'). An den Beob- achtungen ist nicht zu zweifeln, und sie sind interessant und wichtig genug. Aber wie sie zur Größen-Konstanz und deren Entwicklung stehen, das müßte ersi näher untersucht werden, zumal in einer De- monstration, die Jaensch gelegentlich der Nauheimer Naturforscher- Versammlung 1920 veranstaltete, die Beeinflussung eines entfernten Dinges durch das Anschauungs-Bild so beschaffen war, daß das entferntere Ding vergrößert wurde, es reichte scheinbar über seine wirklichen durch Zirkel-Spitzen festgelegten Grenzen hinaus. Der Sach- Verhalt ist in diesen Fällen äußerst kompliziert, die Struktur- Faktoren, von denen die scheinbare Größe abhängt, mögen bei An- schauungs-Bildem mit anderer Kraft wirksam werden als bei den Wahrnehmungen, wieder anders bei den eigentlichen Nahbildern. Es liegt aber kein Grund vor, eine dieser Gesetzlichkeiten den andern gegenüber für primär zu halten, die andern aus ihr abzuleiten.
Die Form- Wahrnehmung wird uns die Fruchtbarkeit unseres allgetneinea ErklärungsPrinzips bestätigen. Wir wiesen aber früher (oben S, 95) darauf hin, daß nicht die geometrisch einfachsten, sondern die biologisch wichtigsten Formen zuerst eine nachweisbare Rolle in der kindlichen Wahrnehmung spielen. Vom 25. Tage an zeigte Shinn's Google Die räumlichen Faktoren ^ 207 Nichte nur fOr menschliche Gesichter Interesse, schon im 2. Viertel- jahr werden bekannte und fremde Gesichter unterschieden. „Ein* fache** Gestalten dem Kind beizubringen, gelingt erst viel später. Miss Shinn, der wir auch auf diesem Gebiete gute Beobachtungen verdanken, brachte ihrer Nichte den gedruckten Buchstaben im Anfang des 12. Monats bei. Vom 343. Tage an zeigte ihn das Kind stets korrekt und war in der Mitte des 13. Monats schon sehr stark von der absoluten Gr6£e dieses Buchstabens unabhängig, am 382. Tage fand sie das o schon aus PetiM)ruck heraus, es kamen dann aber gelegentlich Verwechslungen mit c vor. Das ist nun wieder sehr lehrreich: rein „empfindungsmä&ig** ist c von o recht verschieden, der Gestalt nach kann es aber als „unfertiges**, „unvollständiges** o gelten. — Am Ende des 21. Monats wurden Form-Namen, die das Kind an seinem Spiel-Zeug (verschieden geformten kleinen Tafeln) erlernt hatte, zum ersten Male auf Dinge der Umgebung angewendet. So vrird z. B. die heruntergeschlagene Ecke eines Herren-Kragens als Dreieck bezeichnet. Das ist nach unserer Auffassung nicht so zu verstehen, dafi etwa die Kragen-Ecke wegen ihrer Ähnlichkeit mit der dreieckigen Tafel einfach den Namen Dreieck reproduziert hätte, sondern so, daß jetzt beim Sehen des Menschen mit seinem Kragen die am Spielzeug erworbene Dreiecks-Struktur auftritt Der Fortschritt ist also nach unserer Auffassung nicht nur und nicht wesentlich einer der Benennung, sondern einer der Wahrnehmung selbst.
Am Ende des 22. Monats wurden Versuche mit einfachen stereo- metrischen Körpern angestellt, als das Kind schon eine erstaunliche Fertigkeit im Umgehen mit und Erkennen von ebenen Figuren besai. Die Körper machten ihm recht giroie Schwierigkeiten, vor allem wollte es das Wort Würfel (cube) nicht lernen und sagte immer Quadrat, während es für Kugeln das Wort Ball sehr leicht lernte. Auch dieses Verhalten des „Gedächtnisses** deutet auf eine Eigen- tümlichkeit der Wahrnehmung hin, die Würfel-Gestalt ist von Anfang an mit der Quadrat-Gestalt aufs engste verwandt.
Diese Leistungen sind aber doch recht spät, wenn wir an das früher gesagte denken. Dazu kommt nun, dag Kinder Bilder von Personen schon sehr früh erkennen, und zwar zunächst als wirk* hche Dinge, vor denen sie sich richtig fürchten (Shinn's Nichte am 293. Tage vor dem Bild einer Katze) und die sie ebenso behandeln, sie fassen ein Personen-Porträt gerade so in die Augen, wie sie es bei lebenden Menschen tun. Schon im 10. Monat erkennt Shinn's Nichte groBe Porträts als Menschen, die individuelle Wiedererkennung als „Vater**, „Mutter** usw. findet sich aber auch schon zu Beginn Google 2oS ^® speziellen Tatsachen der psychischen Entwicklung des 2. Jahres, und zwar werden schon kleine Photographien erkannt, und der Vater etwa aus einer ganzen Gruppe herausgefunden. Das */4 jährige Kind hat auch schon Freude an seinem Bilderbuch, dessen Bilder es wirklich kennt. Nach Stern spielt fOr die Erkennung der grobe Umriß, demnächst die gröbere Flächen- AusfOllung die Haupt- Rolle für die Bild-Erkennung, während die feinere Flächen- Ausfüllung eistlangsam an Gewicht gewinnt. Er prüfte die Bedeutung des Umrisses mit einer hübschen Methode, die er als „Entstehungs'^-Methode be- zeichnet, und die darin besteht, dai „man vor den Augen des Edndes eine Zeichnung entstehen läßt und in dem Moment zu zeichnen auf- hört, in welchem das Kind eine Benennung ausspricht'' *'*). Die hier wiedergegebenen Proben zeigen, was für grobe Formen im Alter von 1; 10 erkannt ¥rurden. (Figur 11).
<r a^l) WciuMOu 5trumpf Hut RoTdx« (Figur 11. Aus Stern: Psychologie der frühen Kindheit) Diese Versuche beweisen, daß die Gestalten der früh-kindlichen Wahrnehmung zwar sehr leicht entstehen können, aber noch sehr grob sind, wenig innere Struktur besitzen. Die Struktur wird mit der fort- schreitenden Entwicklung immer schärfer, und so kann es kommen, daä Figuren, die das Kind im früheren Alter erkannt hat^ ihm später unbekannt vorkommen. So erkennt Hilde Stern die hier abgebildete Flasche, die sie mit 1; 10 erkannt hat, 2V* Jahre später nicht mehr. Versuche mit einfachen Umrii-Zeichnungen hat auch Bin et an einem 1; 9 alten Mädchen angestellt, aus denen wir noch folgendes wiedergeben: bei Gesichtern konnte das Kind den Ausdruck des Lachens und Weinens und die Blick-Richtung erkennen, eine grofie Leistung, wenn man von der Geometrie der Zeichnung ausgeht, da die deutliche Ausdrucks- Ver- schiedenheit von sehr feinen Unterschieden der inneren Struktur be- stimmt wird. Insofern zeigt sich hier ein Widerspruch zu den Beob- achtungen Stern's, diese Tatsachen passen aber gut zu dem frühen Datum für das Wiedererkennen von Photographien. Hier hebt Stern auch selbst den Widerspruch hervor. Binet's Versuche sprechen aber direkt gegen die an und für sich schon unwahrscheinliche Erklärung von Stern, die Erinnerungs- Vorstellungen, die das Kind von seinen Eltern habe, müßten sehr viel detaillierter sein als von anderen Objekten, denn auch bei ganz unbekannten Gesichtern kann ein Kind feine Ausdrucks- Ifuancen unterscheiden. Zu erklären ist dies nur dadurch, daä, wie wir schon früher betont haben, der Ausdruck als solcher zu den Google Die räumlichen Faktoren ganz frühen Phänomen gehört, und dafi dieser Ausdruck, nicht aber die Strukturierung der Flächen, von dem Kind im Bilde wieder- erkannt wird. Was das Kind am Gesicht des Vaters kennt, das ist nicht Farbe, Grö^e, Abstand der Augen, Form von Nase, Mund und Kinn, Haar usw. sondern das eigentliche,! letzte, was für uns eine gute Photographie von einer schlechten aber ebenso „natui^etreuen'', d. h. projektiv, geometrisch ebenso korrekten unterscheidet, das,. wofür unsere Sprache freilich keine Namen mehr hat.
Nicht weniger interessant ist ein anderes Ergebnis von Binet; das Kind erkannte einzelne Teile von Gegenständen, wenn sie allein gezeichnet wurden, nicht, die sie in ihrem natürlichen Zusammenhang ohne weiteres erkannte, also ein Ohr, ein Mund, ein Finger, wurde nicht erkannt, und das auch noch nicht, als die Prüfung nach fast drei Jahren (mit 4; 4) wiederholt wurde. Das zeigt deutlich, wie einem objektiv vorhandenem Ding (z. B. der Zeichnung eines Ohres) ganz verschiedene Phänomene entsprechen können. So kann solch einem Ding ein bekannter „Ganz-Teil'' aber ein völlig unbekanntes, fremdes „Teil-Ganzes^ entsprechen, um zwei von Wertheimer ge- prägte Ausdrücke zu verwenden. Ganz grob kann man den Tat- bestand, wie er sich in unsern Beispielen findet, auch so ausdrücken: phänomenal und schon für das Ejnd besteht nicht der Mensch aus seinen Gliedern, sondern die Glieder sind am Menschen. Dafür gibt es nun enge ethnologische Parallelen. In vielen Sprachen kann man gar nicht sagen „Hand" schlechthin, Hand ist stets die Hand von jemand bestimmtem. Wenn z. B. ein Indianer einen amputierten Arm finden würde, so könnte er nicht sagen: „ich habe einen Arm gefunden'', sondern er müMe sagen: „ich habe von jemandem seinen Arm gefunden"*").
Auf eine weitere Eigentümlichkeit der kindlichen Wahrnehmung hat Stern '*'^) hingewiesen: die Form ist für ein Kind viel unab- hängiger von der absoluten Baumlage als bei uns. Kinder sehen oft ihre Bilder-Bücher verkehrt herum an, ohne dafi sie das im mindesten stört und erkennen, wie durch Versuche festgestellt, um Winkel von 90® oder 180*^ aus der Normallage gedrehte Bilder ebenso leicht wieder wie normal orientierte. Diese Eigentümlichkeit erhält sich sehr lange. Zu Beginn der Schulzeit ist sie noch daran zu erkennen, da6 viele Kinder die ihnen vorgezeichneten Buchstaben außer in der richtigen Lage auch in allen möglichen andern, z. B. in Spiegelschrift oder auf dem Kopf stehend nachmalen, auch können solche Kinder, wie mir Lehrer, durch meine Fragen zur Beobachtung angeregt, mit- teilten, im Anfang Spiegelschrift ebensogut lesen wie die gewöhnliche. An diesem Beispiel sieht man so recht den Unterschied uns £r- Koff ka, Einderpsycholo^ie. 14 210 ^^^ speziellen Tatsachen der psychischen Entwicklung wachsenen gegenüber, für die das Lesen von Spiegelschrift eine nicht leichte Aufgabe ist. Die Gestalt ist demnach ursprünglich in hohem Ma&e unabhängig von der Lage, während in unsem Gestalten die absolute Orientierung als ein mächtiger Faktor eingeht, rechts und links, oben und unten werden charakteristische Merkmale der ver- schiedenen Gestalt-Glieder, gehören damit als Eigenschaften zur Gesamt-Gestalt. Die Entwicklung des Lage-Faktors beim Kind näher zu untersuchen, wäre jedenfalls eine reizvolle und dankbare Au^be. So sollte man vermuten, da& für ein Kind, dessen Grestalten von der Raumlage noch unabhängig sind, die bekannte Überschätzung des auf der Spitze stehenden Quadrats gegenüber dem auf der Seite liegenden noch nicht vorhanden ist Die Unabhängigkeit der Gestalt von der Baumlage dürfte mit der schon erwähn- ten von der Grö^e zusammen- hängen. Die verschiedenen Möglichkeiten, die Wahmeh- mungs-Welt zu strukturieren, nach Form, Größe, Lage, Farbe, die bei uns Erwachsenen in einer vielseitig bestinunten Struktur zusammentreten, sind beim Kind noch mehr oder weniger unabhängig voneinander. Wir wollen aber nicht vergessen, da§ sie auch bei uns nicht so fest zusammenhängen, wie es einer rein intellektualistisch logischen Betrachtungsweise erscheint. Ja, daß wir alle die genannten Strukturierungen gleichzeitig in gleicher Schärfe vollziehen, ist eine groie Ausnahme. Im allgemeinen sehen auch wir an den Dingen vieles nicht, was wir sehen könnten, wir sehen etwas Großes, Dunkles, ohne seine Form und nähere Färb- Bestimmtheit angeben zu können, wir sehen, um nur noch ein ganz alltägliches Beispiel zu geben, einen Menschen mit sehr freundlichen kleinen Augen, ob die aber blau oder braun sind, davon haben wir oft keine Ahnung.
Als letztes Problem der Form- Wahrnehmung sei auf folgendes hingewiesen. Wir sehen die Dinge unserer Umgebung von den ver- . schiedensten Standpunkten in den verschiedensten „Ansichten**, das- selbe Ding bildet sich in der mannigfachsten Weise auf unserer Netzhaut ab. Aber wieder, wie bei der Farbe und Größe, macht das wirkliche Phänomen des Naiven diese Wandlungen nicht mit^ sondern ein bestimmtes Ding erscheint immer mit den gleichen Gestalt-Merkmalen, die für es charakteristisch sind. Sehe ich etwa einen Stuhl so» daß vom Sitz nur eine Ecke sichtbar und daß diese Ecke perspektivisch richtig gezeichnet nicht rechtwinklig ist, so Google Die räumlichen Faktoren 2il ist mein WalirnehmuDgs- Phänomen keineswegs das eines schief- winkligen Dreiecks, sondern ich sehe die Ecke als Stück des rechteckigen Sitzes. Das gleiche gilt auch, wenn man Ver- suche mit irgendwelchen Figuren, die derVp. vor dem Versuch un- bekannt waren, anstellt Das WahrnehmungsPhänomen folgt auch dann nicht der „Ansichf", sondern zeigt eine starke Tendenz, so g^ehen zu werden, wie es wirklich ist, und wie es seiner ortho- gonen, d. h. senkrecht zur Blick* Linie orientierten Ansicht, ent- spricht. Die hier wirksame Gesetzmäßigkeit ist, gerade so wie die Farben- und Größen-Konstanz, für den Aufbau imseres Welt-Bildes geheuer wichtig, wir wollen sie als Gestalt-Konstanz be- zeichnen. Bühl er sieht, wie mir scheint mit Recht, in dieser wahmehmungsmäßigen Gestalt-Konstanz ein Analogen zu unsem Begriffen "•).
Daß das beim Kind sehr bald schon ebenso ist, wie bei uns, erkennen wir nun an den Kinder-Zeichnungen. Wenn ein Kind einen Würfel aus dem Gedächtnis, oder nach einem Modell> oder selbst nach einer perspektivischen Vorlage (Katz) zeichnen soll, so zeichnet es in der Begel mehrere zusammenhängende Quadrate. Daß bei nicht ganz so zeichnerisch geläufigen Dingen, etwa der Zeichnung eines Stuhls, manche Erwachsene, z. B. der Verfasser dieses Buches und seine Frau, sich genau so verhalten, das kann man aus dem eben erschienenen Buch von J. Wittmann'") ersehen. Immer wieder versucht man, Lehne und Sitz rechteckig zu zeichnen, da dabei nie ein richtiger Stuhl herauskommt, so verfällt man intellektuell auf allerhand Tricks, die richtige „Ansichf* zu sehen gelingt solchen Menschen nur mit der größten Anstrengung und Übung. Für alle zeichnerisch auch nur etwas Begabten ist das natürlich anders^ die lernen das relativ leicht, und manche vielleicht sogar ohne äußere Beeinflussung, aber das natürliche und ursprüngliche ist das sicher nicht. Zunächst hat jedes Ding wirklich nur eine phänomenale Ansicht, manchmal vielleicht einige wenige, die sich allen Ver- änderungen der perspektivischen Ansicht zum Trotz erhält. Diese Ansicht ist besonders „einfach**, und leicht überschaubar'^^). Die Frage ist nur, wie kommt es, daß sich diese ein&che Gestalt erhält, auch wenn vom Ding aus ihre Entstehung gar nicht nahegelegt ist? Auch hier beruft man sich auf das Gedächtnis: Bühler spricht davon, daß das Kind nicht imstande ist, seinen gegenwärtigen Gestaltsein- druck aus der Beeinflussung durch frühere Erfahrung zu lösen"*), D. h. also: ohne frühere Erfahrung würde das Kind ein Ding in der gerade vorliegenden Ansicht und nicht in der ortho- skopischen (Bühler) sehen. Und auch Wittmann meint, daß wir in y Google 2J2 ^^<^ speziellen Tatsachen der psychischen Entwicklung dieser Lage zunftchst auch die Ansichten von wirklichen Objekten aufoehmen*'®). Ich vermute aber, dai die Erklärung wieder nicht in (redächtnis-Tatsachen, oder doch nicht vorwiegend in solchen liegt, sondern in den Gesetzen der Struktur-Entstehung selbst. Es gibt schlechthin bevorzugte Grestalteu, und das sind solche, die auch geometrisch einfach, auch physikalisch ausgezeichnet sind*'^). Nur so kann man die orthoskopischen Gestalten wirklich erklären, deqn der Fall, dafi die perspektivische Ansicht auch nur einer Fläche eines Körpers mit der orthoskopisch^n genau übereinstimmt, ist unge- heuer selten, ja er hat streng genommen die Wahrscheinlichkeit 0, ein günstiger Fall gegenüber imendlicb vielen ungünstigen. Das Ding wird vermutlich dann zuerst erfaßt, bekommt im Phänomenalen überhaupt eine Struktur und dann gleich die orthoskopische, wenn es einmal in einer Ansicht vorliegt, die diese Struktur begünstigt^ also ein Würfel, wenn er etwa mit einer Fläche frontal-parallel, und nicht wenn eine Ecke irgendwie schief nach vom steht. Ist diese Struktur einmal zustande gekommen, dann bewährt sie sich auch gegenüber ganz neuen Ansichten, bei denen die Struktur-Auf- gabe erschwert ist. Aber auch das ist keine reine Gedächtnis- vnrkung, sondern die objektive Ansicht hat, zumal wenn sie stark von der orthoskopischen abweicht, doch auch einen Einfluß auf die phänomenale Struktur: entweder es wird dann die ortboskopische Gestalt eben in schiefer Lage gesehen, oder eine Gestalt, die zwischen der orthoskopischen imd der perspektivischen steht. Die Eonstanz ist dann, gerade wie bei der GrOie, keine absolute.
Wir trafen bei der Untersuchung der Wahrnehmung auf die gleich- artigen Gesetzmäßigkeiten der Färb-, Größen- und Gestalt-Eonstanz. Für alle drei lehnten wir eine Erklärung durch individuelle Erfahrung in dem Sinne ab, daß es ganz bestimmte Verknüpfungen oder Be- einflussungen unserer Auffassung odor des Urteils sein könnten. Wir sahen vielmehr in diesen Sachverhalten Gesetze von Struktur- Funktionen, die sich sowohl durch bloße Reifung — wenn auch nicht ohne Anregung — entwickeln, wie auch umformen oder gar neubilden können. Dies Letztere kann man Erfohrung nennen, aber dann hat man einen Erfahrungs-Begriff, der jenseits des Streits: Empirismus-Nativismus steht. Die Struktur-Funktion des Erwachsenen ist in ihrer phänomenalen Seite ein vollgültiges Wahrnehmungs- Erlebnis, nicht ein bloßes Urteil, eine bloße Auffassung von ganz anders gearteten Empfindungen, die Entwicklung der Strukturen ist nicht als eine bloße Kombination, ein bloßes Äußeres auf der Wieder- holung beruhendes Zusammentreten ursprünglich schon vorhandener Gegebenheiten, Empfindungen, aufzufassen, sondern entweder als ein Google über Kategorien in der Wahrnehmung 215 Prozeß, der die Struktur in ihrem Aufbau verändert, verfeinert, um* zentriert, ausweitet, Vorgänge, an denen starke Beifungs-Eomponenten beteiligt sein können, oder als die Entstehung einer ganz neuen Struktur überhaupt, fCtr die aber die „Anlagen" im Individuum vor- handen sein müssen. Diese kurzen Hinweise mögen genügen, um die auf S. 68 angesponnenen Gedanken zu Ende zu führen.
7. Fortsetzung: Über Kategorien in der Wahrnehmung.
Zum Schluß wollen wir noch auf eine besonders wichtige Problem- Gruppe mehr hinweisen, als sie genauer erörtern: die kategoriale Formung der Wahrnehmung. Wir Erwachsene sehen vor uns zahl- reiche Dinge mit den verschiedensten Eigenschaften, die in mannig- faltigen Beziehungen zueinander stehen und aufeinander einwirken.. Wie ist das beim jungen Kinde? Wir wollen zunächst eine Art der Erklärung von vornherein ablehnen*'*). ^Das Ding mit seinen Merk- malen, das Geschehen nach Ursache und Wirkung ist nicht, wie das Hume wollte, aus bloßer Verknüpfung an sich unverbundener Empfindungen zu erklären. Wir haben ja diese unverbundenen Eknp- findungen aus unserer Psychologie gänzlich ausgeschaltet Es handelt sich vielmehr um die Entstehimg besonderer Arten von Strukturen, und es ist die Frage, die freilich noch nicht mit irgendwelcher Be- stimmtheit beantwortet werden kann, wie und wann diese Strukturen entstehen. Stern glaubt eine Entwicklung konstatieren zu können, die sich in drei Stadien abspielt. «Es werden die verschiedenen Gesichtspunkte, unter denen die Welt bewältigt wird, nicht gleich- zeitig vom Kind erworben, sondern sie treten sukzessiv und additiv auf, derart, daß die alten weiterbestehenden um neue bereichert werden.^ „Anfangs steht das Denken im »Substanzstadium«: aus dem Chaos des unreflektierten Erlebens arbeitet sich zuerst das Sub- stantielle, die selbständig existierenden Personen und Dinge, als gesonderter Denkinhalt heraus. Es folgt ein »Aktionsstadium«: die an den Personen und Dingen ablaufenden Tätigkeiten werden im Denken isoUert und ziehen das besondere Interesse auf sich. Erst an dritter Stelle entwickelt das Kind die Fähigkeit, von den Dingen die ihnen anhaftenden Eigenschaften und die zwischen ihnen be- stehenden wechselnden Beziehungen abzulösen: »Belations- und Merkmalsstadium»^*'*). Diese Stadien sollen bei jeder neuen Art intellektueller Leistung wiederkehren, so daß ein Kind gleich- zeitig bei einer früheren Leistung in einem höheren Stadium stehen kann als bei einer späteren; drei solche aufeinanderfolgende Leistungen, bei denen sich die gleiche Entwicklung zeigt, sind: Sprechen-Lernen, Bild-Beschreiben, Bild-Erinnem.
Google 214 ^^® speziellen Tatsachen der psychischen Entwicklung Wir wollen zunftchst zu den Zitaten bemerkeD, dafi nicht klar isty was Stern unter dem Chaos des unreflektierten Erlebens ver- steht, meint er damit ein Chaos von unverbundenen Empfindungen, so ist das eine Annahme, die wir früher mit guten Gründen abgelehnt haben. Weiter wollen wir betonen, dai diese Kategorien sich nicht nur auf das „Denken*^ beziehen, sondern zunftchst ganz gewii in der Wahrnehmung auftreten; wir glauben kaum, dai Stern hierin anderer Ansicht ist» wollten aber doch dies mögliche MLIverstftndnis beim Leser ausschließen.
Aber auch abgesehen hiervon lassen sich gegen die Auf- stellungen von Stern, die zweifellos auf einem groien Material von beobachteten Tatsachen basiert sind, Einwftnde erheben. B ü h 1 e r weist darauf hin, dai wir die Reihenfolge der Kategorien bei späteren Leistungen nicht ohne weiteres ebenso verstehen dürfen wie die bei der ersten*'*).
Femer ist zu bedenken, dai „Merkmal'^ und ^^Relation** zu ver- schiedenen Strukturen gehören. Das Merkmal ist eine Ausbildung der. Ding-Struktur, das aus dem Hintergrund abgehobene Gebilde bekommt seine innere Gliederung, ohne dabei seine Einheit und Ganzheit zu verlieren, die Relation dagegen bezieht sich im all- gemeinen auf mehrere schon relativ isolierte Ganze, oft geradezu auf mehrere Dinge. Auch hier entsteht ein gröieres, die einzelnen Dinge umfassendes Ganzes, und wir können die Relation im ge- wissen Sinne als die neuere Gliederung dieses gröieren Ganzen be* trachten, allein es bleibt doch die Frage bestehen, wieweit wirklich diese beiden Struktur-Prinzipien: Merkmal und Relation miteinander verwandt sind.
Schlieilich aber müssen wir bezweifeln, und dies tat auch schon Bühler, ob das Substanz-Stadium wirklich allen andern vorangeht. „So wissen wir, dai von Anfang an gerade Bewegung und Verände- rung die Aufmerksamkeit des Kindes fesseln...Sollte also wirk- lich die Auf£assung von Tätigkeiten in der Entwicklung zurückbleiben?'* schreibt Bühler"*). Ich möchte dem noch das folgende Argument hinzufügen. Zwar haben die ersten Sprachlaute des Kindes durch- weg auier der inteijektionalen die substantivische Form*^'), aber, wie GL und W. Stern selbst mit besonderem Nachdruck hervorheben: „Die Spracheinheiten des Kindes gehören überhaupt keiner Wort- klasse an, weil sie keine Einzelworte, sondern S ft t z e sind." Stern bezeichnete daher die erste Stufe des kindlichen Sprechens als die des „Einwort-Satzes^ „Das kindliche miwia Iftit.sich in die Vollsprache nicht übersetzen durch die Worteinheit »Mutter«, sondern nur durch Satz-Einheiten: »Mutter komm her«, »Mutter gib mir«, Google über Kategorien In der Wahrnehmung 215