eine neue Bewegung auslöst Wir entnehmen ^ies Beispiel der lebendige!) Darstellung von W. James, welcher unter den Psycho- logen ein Haupt- Vertreter dieser Anschauung war ^7- ^^^ Schöpfer dieser Jlieorie ist Herbert Spencer. In der vergleichenden Psycho- logie wird sie heute von der uns schon bekannten Richtung der „Yerhaltens-Psychologen^ vertreten. „Ein Instinkt ist eine Serie verketteter Reflexe^, so lesen wir in einer Darstellung der ver- gleichenden Psychologie von Watson^*).
Besonders konsequent finde ich diesen Standpunkt bei Thorn- dike vertreten, der ihn gerade für die Psychologie der menschlichen Entwicklung verwertet. Unsere Betrachtung soll sich darum an diesen Forscher anschließen. Jedes Verhalten, so lehrt Thorndike und ebenso die Schule der Verhaltens-Psychologen, ist eine Reaktion auf eine Situation, zum Verhalten gehören also stets drei Kompo- nenten, die Situation, d. h. Natur- Vorgänge — außerhalb aber auch innerhalb des Körpers —, die auf das Individuum einwirken, die Reaktion, d. h. ein Vorgang im Individuum, der eine Folge dieser Einwirkung ist, und eine Verknüpfung, die den Zusammenhang zwischen Situation und Reaktion erst ermöglicht. Das ist aber nichts anderes als das Reflex* Schema, das wir schon kennen (s. oben S. 49), und das also eine ungeheuere Erweiterung seines Anwendungs-Be- reichs erfährt, z. B. auch auf alle Intelligenz-Handlungen ausgedehnt vnrd ^"). Damit werden wir uns später zu beschäftigen haben, jetzt handelt es sich um ererbte Verhaltens-Weisen, diese sind dadurch ausgezeichnet, da& die Verknüpfung zwischen Situation und Reaktion in der Anlage durch Anordnung und Verbindung der Neuronen ein- deutig festgelegt ist. Man sieht schon, es kann nach dieser An- schauung keine wesentlich andere Form ererbten Verhaltens geben als die der Reflexe. Es ist von diesem Standpunkt aus mindestens schief, die Instinkte nach ihrem Erfolg zu benennen; statt dessen soll man sie durch die Reize, die sie auslösen, kennzeichnen. Wenn man einem Tier den Instinkt zur Selbst-Erhaltung beilegt, so sei das eine ebenso schlechte Beschreibung des Tieres, wie es eine schlechte Beschreibung des SauerstofEs wäre, wenn man ihm einen Instinkt zur Rost-Erzeugung zuschriebe.
Der Apparat des Instinkts wäre also ein System von Reflex- Bögen (s. oben S. 49). Damit ist aber noch nicht erklärt, warum die Instinkt-Handlungen in so enger Beziehung zum Erfolg stehen. Hierin gerade hatten wir ja eins der Haupt-Merkmale gesehen, die sie von den Reflex-Bewegungen unterscheiden. Wir fügen dem oben Oesagten noch einige Worte hinzu: Vergleichen wir die verschiedenen Situationen, die die gleiche Instinkt-Handlung auslösen, so zeigt sich Koffka, Kinderpsychologie. 5 Google ^ Vom Neugeborenen und den primitiven Verhaltungsweieen folgendes: die YerftnderuDgen im Verbalten, die den Unterschieden in der Situation entsprechen, sind dadurch außgezeichnet, da& sie den verftnderten Bedingungen gemäfi zum gleichen Erfolg führen. Ein großes schweres Stück Bau-Material zum Nest zu tragen, erjordert andere Bewegungen, als ein kleines leichtes Stück. Solche Änderung im Verhalten kann sehr leicht und sofort erfolgen, es kann aber auch so sein, daß zunächst die ursprüngliche Bewegung ausgeführt wird; wenn nun diese in der neuen Situation nicht zum Erfolg führt, so wird sie verftndert, und das so lange, bis der Erfolg erreicht ist, so- fern dies nicht außerhalb des Bereichs der Möglichkeit liegt Ein Beispiel aus dem Verhalten des Säuglings: ist die Saug- Flasche ver- stopft, so wird das Saugen stärker, energischer ausgeführt. Diese Eigentümlichkeit der Instinkt-Bewegungen ist äußerst wichtig. Lloyd Morgan bat sie als „Beharrung mit wechselnder Anstrengung^ (persiatency with varied effort) bezeichnet Thorndike versucht nun, seine Theorie so auszugestalten, daß sie auch diese Seite des instinktiven Verhaltens erklären kann. Die Haupt-Aufgabe für ihn besteht darin, abzuleiten, warum bei der gleichen Situation die Reaktionen wechseln und erst dann, wenn der Erfolg da ist, zum Abschluß konunen. Das sind vom Stand- punkt der Beflex-Bogen-Theorie zwei verschiedene Probleme. Man köimte das Wechseln allein noch dadurch erklären, und diese Hypothese wird auch von Thorndike verwendet, daß der Beflex-Bogen nicht einfach ist, daß vielmehr der zentripetale Ast mit zahlreichen zentrifu- galen in verschieden starker Verbindung steht, sodaß nacheinander die verschiedenen, den verschiedenen Verbindungen entsprechenden Reaktionen in Funktion treten; freilich sind dann noch Annahmen nötig, die die Aufeinanderfolge der verschiedenen Bewegungen er- klären. Aber davon abgesehen, diese Annahme erklärt noch nicht vollkommen, warum der Wechsel der Bewegungen in der Richtung auf den Erfolg vor sich geht An diesem Punkt setzt die iieue Hypothese Thomdikes ein. Zunächst könnte man sich die Sache einfach so denken: so lange der Erfolg noch nicht erreicht ist, bleibt der Reiz bestehen und wirkt nun immer von neuem, es muß aber erklärt werden, warum der Reiz nicht immer dieselbe Reaktion bis zur Erschöpfung aus- löst, sondern schließlich zu solchen Reaktionen führt, die erfolgreich sind. Er nimmt an, es gehöre zur Erb- Anlage der Lebewesen, daß sie gewisse Zustände ohne Widerstand ertragen oder sogar aktiv herbeizuführen und zu erhalten suchen, andre vermeiden oder ver* ändern^'). Jene Zustände nennt er „ursprünglich befriedigende", diese „ursprünghch störende'' (original satisfiers und original Google annoyers). Als Beispiele für die ursprünglich befriedigenden nennt er: «Lieber mit andern Menschen als allein sein'', „ausruhen, wenn man müde ist**,,|Sich bewegen, wenn man frisch ist**; als Beispiel für die störenden: „Bittere Gegenstände im Mund", „in der Be- wegung durch ein Hindernis aufgehalten werden", „von andern Menschen verächtlich angesehen werden".
Eine Sammlung von Beispielen, und sei sie noch so vollständig leistet für unser Verständnis weniger als ein Gesetz, aus dem sich alle Beispiele ableiten lassen. Solch Gesetz gibt Thomdike an: ein ererbter BewegungSr Ablauf sei in Gang gesetzt; läßt er sich mit Erfolg zu Ende führen, so sind die beteiligten Tätigkeiten be- friedigend und ebenso die Situationen, zu denen sie führen; führt er nicht zum Erfolg, so ist das „störend". Damit sind wir wieder beim Problem angelangt, der Erfolg sollte ja erklärt werden, und kommt nun selbst in der Erklärung vor. Thorndike mufi also weiter gehen, und definieren, was er unter Erfolg versteht. Dies sei ohne 2iirkel nur möglich, wenn man auf das Verhalten der Neuronen zu« rückgreift Eine Situation kann Beweguogs- Abläufe auslösen, die völlig durch die Erb- Anlage bestinmit sind. Dazu gehört aber nicht nur, dafi die nervöse Erregung über bestimmte Bahnen bis zur Auslösung von Bewegungen geleitet wird, sondern auch, daß schon andere Bahnen in Bereitschaft gesetzt werden, sodafi sie^ wenn ihre Zeit gekommen ist, leicht ansprechen. Wir hätten das Löwen- Beispiel von James (s. S. 64) dann noch zu ergänzen: wenn der Löwe durch die Witterung des Tieres zum heranschleichen gereizt wird, dann werden schon die Neuronen-Ketten, die später das Springen auf die Beute zu regulieren haben, in Bereitschaft gesetzt, aber auch die Systeme, von denen die noch Gfpäteren Bewegungen des Zerrei£ens und Verzehrens abhängen, befinden sich beim Beginn der Jagd schon in einem vom Ruhe-Zustande abweichenden Zustand. Bei einer erfolgreichen Handlung kommen nun die in Bereitschaft gesetzten Neuronen-Systeme auch wirklich in Funktion, bei einer erfolglosen bleiben stets solche fertigen Neuronen ohne Tätigkeit. Also kann man schließen: Funktion eines in Bereitschaft gesetzten l^eurons (bezw. Neuronen-Systems^ oder wie Th. sagt: einer Leitungs- Einheit) ist befriedigend, au&er Funktion bleiben störend. Nun gibt es aber auch das Gegenteil vom „in Bereitschaft setzen", eine Bahn kann auch gerade ungeeignet zum Leiten sein, sich im Refraktär- Zustand befinden, der Leitung erhöhten Widerstand entg^ensetzen. Wird solche Bahn zum Leiten gezwungen, so ist auch das störend. Th. hat nun die Aufgabe, alle ursprünglich befriedigenden und störenden Zustände aus diesen Gesetzen abzuleiten. Wir wollen 6* gg Vom Neugeborenen und den primitiven Verhaltungsweisen ihm auf diesem Weg, der mit Hypothesen bedeckt ist, nicht folgen, sondern gleich zusehen^ was jetzt fOr das Instinkt-Problem erreicht ist, wie jetzt das „Beharren bei wechsehider Anstrengmig** erklärt werden kann. Bier kommt das Prinzip zu Hilfe, das wir oben schon erwähnt haben: Die Situation kann nicht nur eine einzige, sondern eine Beihe verschiedener Reaktionen auslösen. Führt die erste nicht zum Erfolg, wird sie zur „Störung'^, so wird eine andere der möglichen Reaktionen, durch diesen Mißerfolg und den Rest der ursprünglichen Situation, ausgelöst, bis schließlich die Befriedigung ^rreir:ht ist, wenn nicht das Tier aus Erschöpfung vorher den Ver- such au^bt. Jetzt kann das Prinzip zur Erklärung verwendet werden, weil durch die störenden Zustände der Grund für den Wechsel der Reaktion und durch die befriedigenden der Grund für das Aufhören gegeben ist.
An diesem Versuch das Instinkt-Problem zu lösen, wollen Wir gleich zweierlei hervorheben. Ein negatives: Der Erfolg soll dadurch zu Stande kommen, dafi so lange erfolglose Bewegungen aus- geführt, diese auf Grund der Zustände und Verknüpfungen der Keuronen immer wieder von andern abgelöst werden, bis schließlich der Erfolg eintritt. Die Ersetzung einer Bewegung durch eine andere wird aber nicht vom Ziel aus bestimmt, sondern von den im Organismus festgelegten Neuronen -Yerküpfungen. Diese Theorie ist also eine mechanistische, im oben (S. 50) erklärten Sinn. Da erhebt sich nun sofort die Frage, wie geht aus einer erfolglosen Bewegung eine andere hervor? Die Antwort im Sinne Th.'s lautet: die aus dieser Handlung hervorgegangene eigentümliche Störung in Verbindung mit dem Rest der alten Situation stellt selbst eine be- stimmte Situation dar, die mit Reaktionen verknüpft ist und solche auslöst. Hier entsteht aber die Schwierigkeit, ob es dann nicht unendlich viele Verbindungen geben müßte, die gleiche, die sich früher bei der Betrachtung der Augen-Bewegungen ergab. Hören wir, wie Tb. selbst das Verhalten eines Kätzchens schildert, das hungrig allein in einen schmalen Käfig gesperrt wird, das Futter drauf^en wahrnimmt imd noch nie in einer solchen Situation ge- wesen ist: „Es versucht, sich durch irgendwelche ÖfiEnungen zu quetschen; es schlägt mit den Klauen oder beiM an den Stäben oder dem Draht; es streckt seine Pfoten durch jede Öffnung nnd schlägt mit ihnen nach allem, was es erreichen kann; es setzt seine Bemühungen fort, wenn es auf irgend etwas loses oder wackliges trifft; es kann auch nach Gegenständen im Käfig schlagen. Es ist nicht sehr auf das Futter draußen gerichtet, sondern scheint einfach instinktiv nach der Befreiung aus der Einsperrung zu streben. Die Google Zur Theorie der Instinkte 69 Energie, mit der es arbeitet, ist au£erordentlicb. 8 bis 10 Minuten lang schlägt es, beiM es und drängt es sich ohne Unterlaß'' ^^).
Solchem Verhalten gegenüber scheint die Frage völlig inadäquat: welche gerade vorhandene Gesamt- Lage — Situation plus Neuronen- Zustand — ist der Beiz für die darauf einsetzende Bewegung, Reiz, der auf fester ererbter Bahn diese Bewegung auslöst?
Dazu kommt folgende, von £. Becher^®) in den Vordergrund gestellte Überlegung. Die den Instinkt auslösende Situation ist häufig so, dafi sie, in reizfähige Elemente aufgelöst, zu verschiedenen Zeiten ganz verschieden sein und doch in derselben Weise wirken kann. Was das heißt, wird das folgende Beispiel deutlich machen. Spinnen bestinmiter Art besitzen den Instinkt, vor Bienen zu flüchten» sie tun dies also schon beim ersten Anblick einer Biene. Dahl hat nun gezeigt, daß nicht etwa gewisse Farben oder Gerüche oder die Größe der Insekten "" die Reize für die Flucht-Bewegungen der Spinne waren. Die Biene ist als reales Ding eindeutig bestimmt, als Reiz, etwa als Bild im Äuge, in keiner Weise; sie sieht anders von vorn und von hinten und von der Seite, von oben und unten aus, es sind ganz andere Reiz- Elemente, die wirksam werden, je nach der Lage, in der sich die Biene zur Spinne befindet Die Flucht-Bewegung wird aber ausgeslöst, auch wenn sich die Biene in den ungewöhnlichsten Lagen befindet. Hier ist beim gleichen Reiz-Gegenstand schon eine unendliche Menge von Reiz-Möglichkeiten gegeben, es müßte also wieder eine unendliche Fülle von Bahnen geben, wenn der Apparat des Instinkts ein System fester Bahnen wäre. Wie sich dies Problem positiv lösen läßt, das kann freilich hier noch nicht erörtert werden, als Einwand gegen die Spencersche Instinkt-Theorie ist es kaum zu widerlegen.
Andererseits ist in der Th.'schen Theorie ein positiver Gedanke; die Lehre von den befriedigenden und störenden Zuständen ist der Kern der Lösung, und damit ist als Prinzip etwas gefordert, was wir in unsern Worten so ausdrücken können: es gibt abge- schlossenes und nicht abgeschlossenes physiologisches Ge- schehen. Dies Prinzip tritt bei Th. nur in ganz spezieller Form auf, verknüpft mit all seinen andern Annahmen. Aber als Prinzip ist es von ihnen unabhängig, und jedenfalls von größter Wichtigkeit für die Erklärung der Handlungen überhaupt, nicht nur der instinktiven.
8. Beitrag zur Theorie der Instinkte durch Überwindung der meehanistiseh-vitalistisehen Alternative. Instinkte und Reflexe.
Ohne dies Prinzip vom abgeschlossenen und nicht abgeschlossenen physiologisdien Geschehen ist die von Thomdike übernommene Google 70 Vom Neugeborenen und den primitiven Verhaltungsweisen Spencersche Theorie ganz unzulänglicb, aber auch in Verbindung mit ihm behAlt sie ihre unheilbaren Fehler. Wir müssen also versuchen, dem Verständnis der Instinkt-Handlungen näher zu kommen, ohne jene Theorie vorauszusetzen. Zu diesem Zweck wird es gut sein, den Unterschied von Instinkt- und Reflex-Handlungen noch genauer zu Btudiereu; der Reflex- Handlung schien ja der einfache Reflex-Apparat durchaus angepa&t. Im Anschluß an Stout können wir unsere früheren Ausführungen noch nach drei Seiten ergänzen: I. Ein Ketten-Reflex müßte aus einer Anzahl einzelner Hand- luDgaStÜcke bestehen, die rein äußerlich, durch die im Organismus fest angelegte Anordnung der Neuronen-Systeme bestimmt ist. Nennen wir diese einzelnen Stücke der Handlung a^ b, c...n, so wird b ausgeführt, weil es von a direkt oder von einem durch a zur Wirkung gebrachten Reiz ausgelöst wurde, c steht im gleichen Verhältnis zu b, Avie b zu a, kurz jedes spätere Stück steht in Beziehung nur zu dem unmittelbar vorangegangenen oder einer seiner Wirkungen, bzw., wenn man mit Thomdike das „in Bereitschaf tsetzen^ in die Hypo- these einbezieht, zu mehreren oder allen der vorangegangenen Stücke. Betrachten wir aber tyf>ische Instinkt-Handlungen, wie sie im natOrlichen Leben eines Tieres auftreten, so ist der Eindruck nicht der einer bloßen Summe von Stücken, die an und für sich gar nichts miteinander zu tun haben; solche Instinkt-Handlung zeigt vielmehr einen einheitlichen Verlauf, eine stetige Bewegungs- Abfolge. Sie sieht nicht aus wie eine Vielzahl von Einzel-Bewegungen, sondern wie dn einziges in sich gegliedertes Verhaltens-Ganzes, zu dessen Eigentümlichkeit der Abschluß ebenso gehört, wie der Anfang. Jedes Glied dieser Handlung erscheint bestinunt nicht nur durch seine Stellung zum vorangehenden, sondern zu allen andern, vornehmlich aber zum letzen, zu dem, das zum Erfolg führt. Im Gleichnis: eine Instinkt Handlung macht nicht den Eindruck wie eine Folge von Tönen, die etwa ein spielerisches Kind durch ungeregeltes sukzessives Niederdrücken irgendwelcher Klavier-Tasten hervorbringt, sondern den einer Melodie. Wir können das auch so beschreiben: die Reaktion ist beini Instinkt dem Reiz angepaßt, nicht nur durch ihn ausgelöst, und zwar die Reaktion selber, nicht nur ihr Erfolg. Wir wiesen darauf schon früher hin, wie die Instinkt- Handlung sLch. nach der Situation richtet; u. U. werden Hindemisse, die sich dem glatten Ablauf entgegenstellen, beseitigt: das Beharren bei wechselnder Anstrengung, die Variation der Handlung zum einheitlichen Ziel. Denken wir an den Nest-Bau. In einem bestimmten Stadium wird man nie sagen können, jetzt wird der Vogel diese oder jene Bewegung machen, wohl aber: jetzt wird er diese oder jene Aufgabe erfüllen.
Google Zur Theorie der Instinkte jl Ich betone, dies alles ist nur als unbefangene, noch theoriefreie Beschreibung gemeint, auch wer diese Beschreibimg anerkennt, kann immer noch sagen, es sieht zwar so aus, wie wir es hier schildern, ist aber in Wirklichkeit ganz anders. Das auffallende dieser Be- schreibung ist nun, da& sie durchaus nicht nur auf Instinkt- Hand- lungen pa&t, sondern in noch höherem Grad auf Handlungen, die wir Intelligenz-Handlungen nennen*'). Wir werden solche Beschreibungen daher noch öfter wieder antreffen. Da& dem so ist, darf aber nicht verschwiegen werden aus Furcht vor falschen theoretischen Konse- quenzen. Es ist nicht schlüssig, aus dieser Übereinstimmung zwischen Instinkt und Intelligenz-Handlungen zu folgern, dafi zur Instinkt- Handlung intelligentes Bewußtsein gehört, ein Schluß, den Stout zieht, aber es ist ebenso unzulässig, über diese Ähnlichkeit einfach zur Tagesordnung überzugehen.
2. Während die Reflexe typisch „passive" Verhaltungsweisen sind, ganz abhängig davon, daß die Reize auch wirklich eintreten, sind Instinkt-Handlungen prägnant aktiv, die Reize werden aufge- sucht; der Vogel sucht sein Material für das Nest, das Raubtier lauert auf seine Beute.
3. Die Instinkt-Handlung wird dauernd durch die Sinnes-Organe kontrolliert. Die Situation, wie sie sich nach der Bewegung den Sinnesorganen darstellt, ist entscheidend für die Fortsetzung der Bewegung, Erfolg und Mißerfolg wird unterschieden, so kommt die Variation der Handlung zum einheitlichen Ziel zustande.
Nach all dem sehen die Instinkt- Handlungen den Willens-Hand- lungen viel ähnlicher als den reinen Reflexen, jedenfalls kommt ihnen wie den Willens- Handlungen die Gerichte theit nach Vor- wärts zu.
Man könnte nun einwenden, eine solche Richtung nach Vorwärts kann nur dann vorhanden sein, wenn das Tier schon weiß, welchem Ziel es zusteuert; so gut wir solch Gerichtetsein beim Willen ver- stehen, so wenig verstehen wir es beim Instinkt, denn das Tier ver- richtet ja diese Handlungen, ohne etwas vom Erfolg wissen zu können. Wie ist es möglich, so lautet dieser Einwand, daß ich nach einem Ziel strebe, das ich gar nicht kenne? Auf diesen Einwand gibt Stout die richtige Antwort: man kann sehr wohl nach vorwärts gerichtet sein, ohne daß man das Ziel weiß, zu dem man kommen wird. Man kann warten, und weiß doch nicht woran! Die g^enwärtige Situ- ation erscheint dabei nicht als die gerade jetzt so und sa beschaffene, sondern als eine sich verändernde, sie erscheint nicht als Zustand, sondern als Durchgang, nicht als seiende, sondern als werden sollende. Der Leser kann sich leicht solche Gegebenheiten zur An* j2 ^*>ni Neugeborenen und den primitiven Verhaltungsweisen scbauuDg bringeD, Im Drama kann man von der ersten Szene an fühlea, da& etwas furchtbares passieren muß, alles was geschieht, er- scJieint nur als Vorbereitung oder Verzögerung dieses Schrecklidien, und doch kann man noch nicht sagen, was das Schreckliche ist, das in der Luft liegt**). Ein einfacheres Beispiel: man läM sich ein Melodie, die man nicht kennte zum ersten Mal vorspielen, der Spieler bricht vor dem Schluß unvermittelt ab; ganz klarer Eindruck, daß es weiter^ gehen muß. Ein einfachstes: Man klopfe die folgenden Takte w n^ — ^^-^^-ww! Der letzte Schlag ist als Phänomen kein „letzter", kein Abschluß, es muß weitergehen. In diesem Falle ist die Er- wartung sogar recht bestimmt, auch im vorigen ist sie nicht völlig UQ bestimmt gewesen, wenn auch nicht völlig bestimmt, im ersten war die Unbestimmtheit u. U. noch größer, aber auch hier wohl nicht absolut. Und die Bestimmtheit der Erwartung besteht nicht nur darin, daß es eben eine bestimmte Situation ist, die sich ftndem soll und innerhalb dieser Situation wieder bestimmte Teile^ sondern die ßichtung der Änderung selbst ist, wenn auch in noch so geringer Bestimmtheit mitgegeben. Das liegt daran, daß in unsem Beispielen schon eine ganze Beiho von Vorgängen abgelaufen, und daß diese Reihe keine bloße äußere Folge, sondern ein innerlich einheitliches Geschehen ist^ das in sich das Gesetz seines Fortschreitens trägt. Mir scheint möglich^ und darin gehe ich freilich über Stout hinaus, auch noch dies auf die Instinkt-Handlung zu übertragen, je näher das Tier dem Erfolg kommt, um so bestimmter wtkrde sich dann schon die Veränderungs-Richtung der noch nicht fertigen Gegenwart ihm darstellen.
Wichtiger als das ist aber die Feststellung, daß wir, ohne von physiologischen Hypothesen auszugehen, auf Grund des Studiums des iostLoktiven Verhaltens selbst zur gleichen Folgerung gekommen sind, zu der Thorndike kam, zur Unterscheidung der abgeschlossenen oder End^ und der Durchgangs-Situation. Die Handlung war noch nicht erfolgreich heißt jetzt für uns: die neue Situation ist dem Tiere auch noch eine Durchgangs-Situation; das Tier hat sein Ziel erreicht, heißt: es ist in eine Situation gekommen, die ihm End-Situation ist.
Die Beispiele, die wir als Analoga heranzogen, haben gleichfalls nichts mit der Theorie von Thorndike zu tun, aus ihnen gerade ge- winnen wir Hinweise, wie und wo wir die Erklärung zu suchen haben.
Wir können hier auf die gemeinte Theorie nur hindeuten. Wir entnehmen dem bisher gesagten: es gibt Verbände von Phänomenen, die ihr eigenes Gesetz des Zusammenhangs in sich tragen, ftlr die daher der Unterschied abgeschlossen, nicht — abgeschlossen seine sehr reale Bedeutung hat. Um noch ein Beispiel zu geben: die Figur S. 73 Überwindung der mechanistisch-vitalistiscben Alternative ^z erscheint sofort als „offenes Dreieck '^y obwohl sie zwar offen ist^ aber nicht drei Ecken hat. Auch diese Figur erscheint, um die Ver- bindung mit unserer Terminologie herzustellen, als nicht abge- schlossene Situation, wobei diesmal die Richtung, in der der Ab» schlug liegt, mit relativ großer Bestimmtheit gegeben ist.
Bedenken wir nun, da& unsere Ph&nomene ja auch zu unserm Verhalten gehören, ebenso wie das ganze übrige Verhalten an be- stimmte Vorgänge im Zentral-Nervensystem gebunden ist, so wird man^ gerade im Hinblick auf Instinkt-Leistungen, folgern, die Eigen- schaft der inneren Geschlossenheit, wie wir die berOhrte Eigentüm- lichkeit der Phänomene kurz und vorläufig nennen wollen, komme nicht nur diesen zu, sondern dem Verhalten als Ganzem» mithin auch dem äußeren Verhalten. Instinkt-Handlungen wären also äußere Verhaltungsweisen, solchen Phänomenen analog wie Rhythmus,. Melodie, Figur.
Da erhebt sich die Frage: wie sollen wir uns den Apparat solcher Funktionen denken? Daß hierfür das Schema der verketteten Neu- ronen nicht in Frage kommt, das wird der heutigen Psychologie von Tag zu Tag klarer, wie wir in den späteren Kapiteln deutlich sehen werden. Unsere Argumente gegen solche Erklärung der Instinkt- Handlungen finden hier ihr Gegenstück. Es lag nahe, bei diesem Tatbestand die ganze Frage nach dem Apparat der Funktion zu ver- neinen und anzunehmen: die Lebens- Vorgänge lassen sich überhaupt nicht restlos auf die Gesetze zurückführen, die das anorganische Naturgeschehen beherrschen, in ihnen äußert sich die Wirksamkeit spezifischer „Lebenskräfte'', von Kräften, die man sich ihrem Wesen nach seelisch, oder dem Seelischen verwandt dachte.
Diese Anschauungen werden als Vitalismus, und soweit sie die Lebenskräfte mit Seelischem identifizieren, als Psychovitalis- mus bezeichnet. Mit Recht sagt Köhler®^): »Fragt man, welche Lebenserscheinungen die Vitalisten veranlassen, sich für diese An- sicht zu entscheiden, so erweist sich als das Motiv vieler eine Art «Geschlossenheit)» des Organismus und seines Verhaltens. ** Wir haben schon im ersten Kapitel unsere Bedenken gegen „psychologische Theorie^ begründet, aber soviel ist sicher: bestünde die Alternative, entweder mechanistische oder (psycho)-vitalistische Erklärung, so würde man, allen Bedenken zum Trotz zu dieser greifen Google -JA Vom Neugeborenen und den primitiven Verhaltungsweisen müssen, wollte man nicht eine gänzlich falsche Einstellung den Lebens- Vorgängen gegenüber erhalten. Da& diese. Alternative nicht besteht, das hat zuerst Wertheim er klar erkannt und für das Ge- schehen im nervösen Zentral-Organ ausgesprochen^*). Wenn über- haupt nervöses Geschehen solchen Phänomenen wie Rhythmus, Melodie, Figur entsprechen soll, -— und da& nervöses Greschehen an solchen Phänomenen irgendwie beteiligt ist, das lehren uns die patho- logischen Fälle, in d^nen durch Verletzung von flim-Teilen die Ent- stehung solcher Phänomene geschädigt oder gar unmöglich gemacht ist — dann muß es auch die wesentlichen Eigenschaften dieser Phä- nomene besitzen. W. Köhler hat nun gezeigt, daß auch dem anorga- nischen Geschehen ganz allgemein solche Eigenschaften zukommen, wie sie uns an den genannten Phänomenen sichtbar geworden sind.
Auch hier muß ich mich auf einige wenige Andeutungen be- schränken. Vor uns liegen zwei getrennte Probleme: 1. gibt es im an- organischen Geschehen die „Geschlossenheit** und 2. wenn ja, tritt diese Geschlossenheit auch in der Form auf, wie wir sie als Analogen für unsern Unterschied von End- und Durchgangs-Situation brauchen können? Das erste Problem war das schwierigere, Köhler hat es zunächst für das von der Zeit unabhängige Geschehen gelöst. Zu- stände der Buhe und des stationären Geschehens, d. h. Vorgänge, die ihre Eigenschaften mit der Zeit nicht ändern, wie z. B. ein konstanter elektrischer Strom oder die Strömung einer Flüssigkeit in einem Rohr, haben die Eigenschaft der Geschlossenheit. Auch jetzt wird der Leser noch nicht Sinn und Bedeutung dieses Satzes richtig verstehen können. Es fehlt dazu vor allem eine genauere Be- stimmung dessen, was wir als Geschlossenheit bezeichnet haben. Aber gerade das wird im weiteren Verlauf zur Genüge geklärt werden. Dabei wird sich dann auch der Sinn dieses Satzes, den wir in diesem Zusammenhang schon brauchten, genügend aufhellen.
Die Lösung des ersten Problems führt uns von selbst zum zweiten. Stationäre oder Ruhe-Zustände stellen unter einer unendlichen Mannigfaltigkeit von anderen Vorgängen ausgezeichnete Fälle dar, in sie mündet schließlich alles Geschehen. Die Auszeichnung dieser Fälle kann nach doppelter Hinsicht charakterisiert werden: 1. er- füllen sie eine bestimmte Energie-Bedingung^') und 2. besitzen sie eine gewisse Einfachheit und Knappheit, die in einzelnen Fällen, wenn auch zurzeit noch nicht allgemein, auch mathematisch zu definieren ist. Ein konkretes Beispiel verdeutlicht am besten, was gemeint ist: Man erzeuge auf einem ebenen Draht-Rahmen ein Seifen-Häutchen und lege auf dies eine kleine geschlossene Faden-Schleife in irgend -einer Form; die Schleife bleibt, wenn man vorsichtig zu Werke geht, Google Instinkte und Reflexe je so wie sie hingelegt wurde, auf dem Häutchen liegen. „Sticht man aber mit einem Stift durch die Seifenhaut im Innern der Schleife, so springt diese Lamelle heraus und der Faden ist nur noch den Oberflächenkräften des äußeren Häutchens ausgesetzt, welche diesem die kleinstmögliche, also dem freien, vom Faden umfaßten Baum die größtmögliche Fläche zu geben suchen. Der Faden wird augenblick- lich zum Kreis/ Wir können in diesem Beispiel die Ereisform als die „End-Situation'^ die Durchstechung des Seifen-Häutchens als den die Bewegung auslösenden Reiz, und die Bewegung selbst als die „Durchgangs-Situationen" auffassen. Das gleiche gilt für alle Vor- gänge, die in stationäre oder Buhe-Zustände münden, besonders auch für solche, wie sie im Nerven-System vorkommen können. Wir sehen also im anorganischen Geschehen die Möglichkeit von Vor- gängen mit Geschlossenheit — freüich bisher nur von zeitunab- hängigen — und den Unterschied der End- und Durchgangs-Zustände. Das genügt noch nicht ganz, wenn man die Erklärung der Instinkte in Angriff nehmen will. Denn die Einheitlichkeit der Instinkt- Hand- lungen, auf die wir schon mehrfach hingewiesen haben, legt es nahe, dem ganzen in der Zeit ablaufenden Vorgang der Instinkt-Handhmg gerade diesen Charakter der Geschlossenheit zuzulegen, der für Vor- gänge, die von der Zeit abhängig sind^ noch nicht erörtert wurde. Prinzipiell liegt hier aber keine Schwierigkeit vor. Die gleichen Gesichtspunkt^, die sich auf das stationäre Geschehen anwenden ließen, werden sich, obschon mit weit größeren Schwierigkeiten, auch auf dynamische Verläufe übertragen, auch von solchen wird sich im Gebiet der Physik, zeigen lassen, daß sie den Charakter der Ge- schlossenheit haben. In der Psychologie sind sogar gerade dynamische Phänomene, die der gesehenen Bewegung, der Ausgangspunkt ge- wesen, von dem die neue Theorie entwickelt wurde.