SigPhi · Kurt Koffka

Die Grundlagen der psychischen Entwicklung

German

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erfordern positive Grundlageii, nach Th. feste Verbindungen, gerade so gut wie das Niesen selbst. Man darf auch nicht sagen, viele Reaktionen, die alle mit keiner besondem Situation verbunden sind, sind unter dem Gresichtspunkt der Plastizität besser, als ebensoviele oder noch viel mehr, die jede ffir sich an ihre spezifische Situation geknüpft sind. Denn jede Verbindung muß Verbindung mit etwas Bestimmtem sein. Der Mangel an festen Verbindungen kann also nicht der Grund für die Plastizität sein. Plastizität, d. i. fOr Th. die Möglichkeit der vielfachen Reaktion gegenüber der gleichen Situ- ation (multiple response to a Single sUualion)^ beruht vielmehr auf dem Reichtum an ungelernten Verbindungen, so daß eine Reaktion, die nicht zum Erfolg führt, abgelöst werden kann durch andere und wieder andere, bis der Erfolg schließlich erreicht ist.

Damit fällt die Trennung von festen und plastischen Anlagen, sie wäre allen&lls zu ersetzen durch die von einfach und mehrfach verknüpften Systemen. Das ist nur konsequent von dem Standpunkt, den Th« vertritt, und der alle Anlagen als Verbindungen auffaßt. Die Frage nach der Plastizität heißt für ihn ausgesprochenermaßen nichts anderes als: was für vererbte Verbindungen hat der Mensch, die den Tieren fehlen, oder entbehrt der Mensch, die die Tiere be- sitzen, die es bewirken, daß er soviel mehr lernt als sie.

Für uns freilich, die wir die Grund-Annahme Thorndikes ab- gelehnt haben, sieht das Problem ganz anders aus. Wir &nden keine Veranlassung, das System fester Verbindungen als Apparat der un- gelernten Funktionen anzusehen, wir sind also gewiß nicht ver- pflichtet, in ihm auch den Apparat der gelernten zu erblicken. Das freilich ist ein Problem, das uns erst im nächsten Kapitel be- schäftigen wird. Aber soviel mag schon gesagt werden: wenn wir die Ansicht anheben sollten, nach der alles Lernen nur ein Neu- Kombinieren von schon vorhandenem ist, dann kann es Plastizität im strengen Sinn geben, wohl noch in schärferer Ausprägung als der von Bühlers Bestimmung. Wir stoßen hier zum ersten Mal auf die Frage: Kann im Verhalten des Individuums im prägnanten Sinn Neues entstehen, nicht bloße Kombination alter Elemente? SoUte diese Frage bejaht werden müssen, dann besteht aber der schroffe Gegensatz zwischen Wesen, denen solche Neuschöpfungen möglich, und denen sie versagt sind, bzw. zwischen solchen mit geringer und mit großer Fähigkeit dazu^^'). Dann gibt es Plastizität, die mehr ist als Gedächtnis, als Aufbewahren einer einmal erfolgreichen Neu- Kombination alter Reaklions* Bahnen. Und dann ist es richtig, daß der Mensch durch seine Plastizität von allen Lebewesen ausgezeichnet iet. Aber ein weiteres folgt daraus, das uns einen Ausblick auf den Google . Die Phänomene des Neugeborenen g^ Fortgang unserer Uatersuchiing gibt: die allgemein verbreiieie Scheidung alles Verhaltens, von den Reflexen abgesehen, in Instinkt- und Gewohnheits-Handlungen muß dann unvollständig sein. Eine Handlung, die noch nicht Gewohnheits-Handlung ist, aber nicht auf ererbter Grundlage erfolgt, keinem Instinkt entstanunt, eine solche zum ersten Mal auftretende Handlung wäre eine neue Form der Hand-^ lung, und zwar eine ungeheuer wichtige.

Noch eine rückwärts gerichtete Bemerkung. Vergleichen wir die Art wie Thorndike — den wir als besonders konsequenten Vertreter einer ganz allgemein verbreiteten Denk* Richtung nennen — Verhalten erklärte, mit der, die sich uns ergab, so zeigt sich ein ganz prinzipieller Unterschied in der Methode: Th. fragt stets und ausschließlich: wo geschieht etwas? das Geschehen selbst ist für ihn immer das gleiche, es kommt nur auf die Verbindungen der einzelnen Neuronen an: wir sahen uns dagegen auf die Frage geführt: was geschieht? Nicht die Bahn, auf der eine immer gleichartige Erregung sich ausbreitet, sondern die spezifische Form dieser Erregung selbst muß nach unserer Ansicht zur Erklärung führen.

13. Die Phänomene des Neugeborenen. Hethodisehes zur Bewußtseins Frage. Die Struktur-Phänomene. Wir konunen zum letzten Problem dieses Kapitels. Wir haben bisher den Neugeborenen lediglich so geschildert, wie er der natur- wissenschaftlichen Beobachtung erscheint, wir haben dargestellt, was er tut, und was für Reize es sind, die sein Handeln bewirken. Es bleibt die Frage: wie sieht dies Verhalten vom Neugeb<»renen selbst betrachtet aus, und weiß der Neugeborene von diesem seinem Ver- halten, hat er Erlebnisse, wenn er gereizt wird und reagiert, gibt es für ihn eine „deskriptive Seite** des Verhaltens; in der üblichen Terminologie: wie eteht es mit dem Bewußtsein des Säuglings? Die Frage zerfällt in zwei Teile. 1. Hat der Neugeborene überhaupt Bewußtsein und 2., wie ist das erste Bewußtsein beschaffen? Die erste Frage ist kurz zu erledigen und von relativ geringer Bedeutung. Denn da ja der Neugeborene über kurz oder lang sicher Bewußtsein bekommt, so ist es relativ gleichgültig, ob wir diesen Termin etwas früher oder später ansetzen, da wir ja ein absolutes Kriterium nicht haben. Man hat oft gemeint, dem Menschen unmittelbar nach der Geburt das Bewußtsein absprechen zu müssen, weil man ja der Ansicht war, der Neugeborene sei ein rein palaeencephales Wesen. Das eben geborene Kind würde also überhaupt keine Erlebnisse haben, es würde leben, wie eine Pflanze lebt, aber selbst Lust und oo Vom Neugeborenen und den primitiven Verhaltungsweisen Schmerz, Hunger und Sättigung wären ihm versagt. Nachdem wir auf Grund des großhimlosen Kindes im FaltEdinger- Fischer zur Ansicht gekommen sind, daß normale Kinder sich doch schon von der Stunde der Geburt an von großhirnlosen unterscheiden, daß wir demnach die Theorie von der vöUigen Ausschaltung des Großhirns kurz nach der Geburt nicht als bewiesen ansehen dürfen, werden wir auch nicht mehr genötigt sein, dem Neugeborenen jede Form von Bewußtsein abzusprechen. Dagegen sprechen vor £dlem auch •die schon ganz früh vorhandenen Ausdrucks-Bewegungeu, und die Tatsache, daß das Gesicht des Neugeborenen überhaupt schon „Aus- druck'' haben kann. Preyer^^') erwähnt ausdrücklich, daß schon am ersten Tage die zufriedene Physiognomie von der unzufriedenen verschieden ist. Dagegen betonen Edinger und Fischer, daß bei dem von ihnen beobachteten Anencephalen jede Spur von Ausdruck fehlte. Wir können uns also zu unserer zweiten Frage wenden, wie sind die Erlebnisse des Neugeborenen?

Es scheint mir zweckmäßig, der Erörterung dieses Problems «inige allgemeine BetrachtuBgen voranzustellen. Wir haben hier das zu treiben, was wir im Anfang „Betrachtung von innen'' nannten, und zwar so, daß uns der betrachtete Gegenstand nicht direkt zu- gänglich ist. Wir können nicht die Welt des Neugeborenen für uns unmittelbar hervorzaubern, nicht mehr mit seinen Augen sehen, seinem Tast-Sinne fühlen, und auch nichts uns von ihm erzählen lassen. Wir müssen also konstruieren. Warum wir darauf nicht verzichten wollen, haben wir schon früher dargelegt (vgl. S. 12 £E.), wie sollen wir es aber anfangen? Da muß in erster Linie vor einem Fehler gewarnt werden. Der gewöhnliche Mensch, der von Psycho- logie nichts weiß, nimmt als selbstverständlich an, daß die Welt für alle in der gleichen Weise da ist, für das Neugeborene nur weniger vollkommen, weniger deutlich, weniger bekannt.wie für den Erwachsenen. Wenn er dem Säugling geistige Leistungen zuspricht, z. B. sagt, der Säugling denke nun schon, dann meint er, dies Denken sei im Wesen der gleiche Vorgang, den er auch bei sich selbst so nennt, wieder nur unvollkommener. Der psychologisch «twas mehr Gebildete, der vielleicht über diesen naiven Standpunkt die Nase rümpft, ist aber durchaus nicht immer über ihn erhaben. Er neigt dazu, die psychologische Theorie, die er aus der üblichen Psychologie kennt, auf den Säugling zu übertragen, und die „UnvoU- kommenheit" näher zu bestimmen; etwa: der Säugling hat noch weniger Empfindungen, ihm fehlen noch alle Assoziationen usw. Nach schon früher gesagtem braucht wohl kaum betont zu werden, daß dies nicht der Weg ist, den eine wahre Kinder- Psychologie ein- Google Methodisches zur, Bewußtseins- Präge oi zuschlagen hat. Wir haben früher darauf hingewiesen, da& es in der Entwicklung ein „spezifisches Anfangs-Stadium^ gibt, dies muß in seiner Eigenart erkannt werden. Diejenigen, denen psychologische Denkweise nicht so nahe liegt, mögen sich folgendes recht klar machen. Wenn zwei Menschen in derselben realen Welt sind, so brauchen sie doch nicht die gleichen Phänomene zu haben. Man sagt so oft: über den Geschmack läßt sich nicht streiten, und zwar darum, weil in der gleichen Situation der eine im höchsten Maße unbefriedigt, der andere entzückt ist. Die Aufgabe des Psychologen in solchen Fällen ist nun, der Verschiedenheit dieses Verhaltens auf den Grund zu gehen. Sehr oft wird sich feststellen lassen, daß, von allem fühlen und werten abgesehen, die beiden sich Streitenden ganz verschiedene Phänomene haben. Z. B. der eine sieht nichts als ein Wirrwar von Farbklexen, wo der andere ein wohlgelungenes eindrucksvolles Bild sieht, oder der eine hört ein Chaos von Klängen, der andere eine reich verzierte Thematik. Ich wähle die Beispiele so grob wie möglich, dem Leser soll klar werden, wie bei der gleichen äußeren Situation der phänomenale Gehalt sehr verschieden sein kann. In beiden Beispielen wird man sageu, die Phänomene des ersten sind unvollkommener als die des zweiten, aber man wird nicht sagen können, sie bestünden aus weniger Empfindungen oder aus weniger durch Assoziation hinzugebrachten Vorstellungen. Wir können jetzt die Nutzanwendung aus unseren Beispielen ziehen. Wenn wir fragen, wie spiegelt sich die Welt in den Phänomenen des Neu- geborenen, dann werden wir daran denken, daß sich die Welt schon in den Phänomenen verschiedener Erwachsener sehr verschieden spiegeln kann, und wir werden solche Unterschiede, wie sie uns unsere Beispiele vor Augen geführt haben, benutzen können, um die „UnvoUkommenheit^ des Neugeborenen richtig zu beschreiben.

Unser Argument, das eine negative Tendenz hatte, wurde zum Schluß ins positive gewendet. Wir wollten klar machen, daß die reale Welt nicht ausreicht, um das Phänomen eines Individuums zu bestimmen, daß dazu auch die Beschaffenheit des Individuums selbst gehört. Wie ein Unmusikalischer eine Symphonie wirklich anders hört als ein Musikalischer, so erlebt das Neugeborene die Welt anders als wir Erwachsene. Die Richtung dieses „anders'* zu bestimmen, das mußte als Problem erkannt werden, und wir können unsern Beispielen hierfür auch schon Hinweise entnehmen.

Damit sind wir wieder bei der Frage: wie sollen wir vorgehen, um die phänomenale Welt des Neugeborenen zu konstruieren? Die erste Antwort auf diese Frage muß, im Einklang mit schon gesagtem, lauten: Unsere Konstruktion muß zum beobachteten Digitizedby VjOOQIC 02 Vom Neugeborenen und den primitiven Verhaltungsweisen „äußeren'^ Verhalten ^passen", passen, so wie unsere phänomenale Welt zu unserm äußeren Verhalten paßt. Dadurch gewinnen wir die Möglichkeit, die Ergebnisse der experimentellen Psychologie für unsere Frage zu verwerten, ohne in den oben gerügten Fehler zu verfallen. Finden wir das Verhalten des Neugeborenen im Vergleich zu dem unseren äußerst wenig differenziert, so werden wir versuchen, auch in unserm eigenen Verhalten Handlungen zu finden, die im Vergleich zu den übrigen wenig differenziert sind, wir werden dann die Phänomene vergleichen, die bei uns mit mehr oder weniger differenzierten Handlungen verbünden zu sein pflegen, und wenn wir hier einen charakteristischen Unterschied finden, so werden wir ver- suchen, diesen auf die Phänomene des Neugeborenen zu übertragen. Im konkreten Fall werden wir also jedes Verhalten für sich prüfen, und seine typischen Unterschiede gogen das des Erwachsenen heraus- arbeiten müssen, ehe wir dann die phänomenale Seite konstruieren; es ist ja nicht so, da& „äu&eres'* und „inneres" Verhalten rein äußerlich aneinander gekettet sind ohne innerlich verbunden zu sein, wie etwa Vorder- und Rückseite einer Münze, deren Prägung ganz beliebig — sonst könnten wir getrost auf die Konstruktion der Pnänomene verzichten — sondern das Verhalten als Ganzes ist erst vollständig beschrieben, wenn wir seine beiden Seiten kennen, erst dann ist die Beschreibung so, da& wir zur Erklärung übergehen können. Das hier gesagte gilt nun nicht bloß für den Neugeborenen, sondern fQr die ganze Kinder-Psychologie, so weit sie sich mit den Phänomenen befaßt. Auch das ältere Kind ist nicht ein „kleiner Erwachsener"; so gut wie sein Verhalten anders ist, wie das eines Erwachsenen, so gut werden es auch seine Phänomene sein.

Wie sollen wir nun die Phänomene des Menschen in den ersten Tagen seines Lebens konstruieren? Was ist, so können wir zuerst fragen, für sein Verhalten am wichtigsten? Ganz augenscheinlich grobe organische Zustände, wie Hunger, Sättigung, Müdigkeit, Frische, dies alles jetzt noch rein objektiv verstanden. Denken wir nun an uns: wenn wir uns ^frisch fühlen'', so sind damit keine sehr differenzierten Reaktionen verknüpft (wie etwa dann, wenn wir einen Nagel in die Wand schlagen); wir bewegen uns irgendwie, als Ausdruck dieser Frische, nur da& wir uns überhaupt bewegen. Ähnlich steht's, wenn wir uns müde fühlen, und auch wenn wir Hunger haben ist die mit diesen Phänomen allein zusammenhängende Reaktion, daß vnr etwas unternehmen, um Nahrung zu bekommen; was wir da tun, ob wir uns ein Stück ßrot abschneiden, oder ins Gasthaus gehen oder sonst etwas tun, das hängt von tausend Dingen ab, diese Differen- ziertheit hat aber mit dem Hunger nichts mehr zu tun. Sind wir Google Methodisches zur Bewufitseins-Frage ^z satt, so hören wir auf zu essen. Beim Säugling sieht das äußere Verhalten aber in diesen Fällen fdr uns im wesentlichen sehr ähnlich aus: ist er frisch, so bewegt er sich, ist er made, so wird er ruhig, braucht er Nahrung, so schreit er, bis man ihm die Brust gibt, und hat er davon genug, so hört er auf zu saugen. Sein Verhalten ist wenig differenziert, aber das unsere auch, diese Handlungen sind aber von der größten biologischen Bedeutung, und so dürfen wir wohl schließen: solche Zustände, wie wir sie als Hunger usw. kennen, werden auch zu den ersten Phänomenen gehören, die der Säugling besitzt, und wohl in durchaus ähnlicher Form wie die unseren.

Wie aber kann es mit den Erlebnissen stehen, die uns mit der realen Welt in Beziehung setzen, wie kann die Wahrnehmung des Säuglings beschaffen sein? Wir fanden, daß der Neugeborene zu Bewegungen veranlaßt werden kann, wenn äußere Reize seine Sinne treffen, d. h.. wenn das Gleichgewicht seines Zustandes gestört wird. Im Gesichts- feld erscheint ein heller Gegenstand, die Augen werden bewegt, an eine Stelle der Hand wird eine Berührung gesetzt, die Finger schließen sich, usw. Immer ist es so, daß ein Ruhe-Zustand unter- brochen wird, daß in die bereits vorhandene Welt, in der das Kind in Ruhe war, ein neuer Faktor eintritt, der diese Ruhe unterbricht. Wenn wir das phänomenale Gegenstück dieses äußeren Verhaltens konstruieren wollen, dann heißt es, diesen Sachverhalt als ganzen berücksichtigen. Wir werden also nicht sagen: das Kind sieht einen leuchtenden Fleck, sondern das Kind sieht im gleichgültigen Grund einen leuchtenden Fleck, fühlt auf der Hand, die sonst unbetont daliegt, an einer Stelle einen Eingriff, kurz und allgemein: aus dem Grund als unbegrenztem und wenig bestimmtem hebt sich ein umgrenztes und mehr bestimmtes Phänomen, eine Qualität heraus. Ob der Grund als Phänomen schon immer dagewesen sein muß, ehe dies Neue aus ihm heraus- tritt, das wird später erörtert werden, hier muß nur darauf hingewiesen werden, daß der „gleichgültige** Grund, wenn die Qualität erscheint, auch als mehr oder weniger „gleichförmig** zu denken ist; wir setzen ja voraus, daß vor dem Auftreten des Reizes das Kind in Ruhe war, sich nicht bewegte. Schließen wir aus dem Verhalten auf das Phänomen, so muß dem absolut un- differenzierten Verhalten, der Ruhe, auch ein undifferenziertes Phänomen entsprechen. Der Leser darf nicht vergessen, daß wir vom allerersten Anfang des Bewußtseins sprechen, daß es die aller- ersten Phänomene sind, die wir hier zu charakterisieren versuchen. Unsere Charakteristik würde demnach heißen; die ersten Phänomene sind Qualitäten auf einem Grund, es sind, um einen neuen Google gA Vom Neugeborenen und den primitiven Verhaltungsweisen Begriff einzuführen, einfachste Strukturen, das phänomenal g^ebene scheidet sich in die maßgebende Qualität und den Grund, auf dem sie erscheint, das Niveau, von dem sie sich abhebt, es gehört aber zum Wesen der Qualität, daH sie auf einem Grund liegt, daß sie aus einem Niveau herausragt. Solch Zusammensein von Phänomenen, in dem jedes Glied „das andere trägt** ^^'), in dem jedes Glied seine Eigenart nur durch und mit dem andern besitzt, wollen wir fortan eine Struktur nennen. Nach dieser Ansicht wären also alier- primitivste Phänomene Struktur- Phänomene: wie sich der leuchtende Fleck vom gleichförmigen Grund abhebt, so auch etwa Kälte an einer Stelle der Haut gegen das übrige „angemessen temperierte'', die zu kalte oder zu warme Milch gegen das Temperatur-Niveau der Mund- höhle. Also auch solchen Reaktionen, wie das verweigern unrichtig temperierter Milch, schreiben wir als Phänomen eine Struktur zu: Milch zu Mund kann eine „adäquate** und eine „inadäquate** Struktur aufweisen.

Diese Ansicht von der Beschaffenheit der allerprimitivsten Phä* nomene wird manchem höchst absonderlich erscheinen, besagt sie doch, daß von vornherein unter den Erlebnissen eine gewisse Ordnung herrscht, während es dem heut üblichen Denken viel mehr entspricht anzunehmen, alle Ordnung käme erst durch die Elr&hrung zustande. Dazu paßt die Ansicht, das Bewußtsein des Neugeborenen sei nichts als ein ungeordneter Haufe von einzelnen Empfindungen, von denen manche, der Reifung der Zentren entsprechend, früher da sind als andre; der Gesichtssinn würde das Kind also mit einem Chaos von Licht- und Farben-Eündrücken beglücken, ähnlich der Palette eines Malers, aus dem sich erst durch Erfahrung eine geordnete Wahr- nehmungs-Welt herausbilde. Diese Lehre fußt auf einer der Grund* Voraussetzungen, mit denen lange Zeit die Psychologie gearbeitet hat: es gäbe einfachste psychische Gebilde, die in einfacher Weise von den Beizen ausgelöst werden, die Empfindungen, und aus diesen einfachsten Elementen müsse durch Verknüpfung alles andere hervor- gehen^^^), aber das Verhalten des Kindes legt von sich aus eine solche Ansicht von seinen Phänomenen durchaus nicht nahe. Wir führen einige Argumente an, die direkt gegen jene Auffassung sprechen und dadurch unsere Hypothese von der Strukturiertheit der ersten sinnlichen Phänomene unterstützen. 1. Unser Prinzip, die Phäno- mene so zu konstruieren, daß sie zum Verhalten passen, würde sicher nicht auf die Vermutung führen, der Neugeborene habe einen Überfluß an Phänomenen. Sein Verhalten sieht vielmehr so aus, als ob wenig Anstöße da wären, die ihn in Bewegung setzten ^^^i^). 2. Wäre die Theorie des ursprünglichen Chaos richtig, so müßte man Google erwarten, daß es zunäclist „einfache'' Reize sind, die das Handeln und das Interesse des Kindes wachrufen^ denn das einfache wird sich aus dem Chaos zuerst aussondern lassen, zuerst mit anderem Verknüpfungen eingehen. Dies widerspricht aller Erfahrung. Nicht solche Reize beeinflussen das Verbalten des Kindes am meisten, die dem Psychologen besonders einfach erscheinen müssen, weil ihnen einfache Empfindungen entsprechen. Die ersten differenzierten Schall-Reaktionen erfolgen gegenüber der menschlichen Stimme^ also auf sehr komplizierte Reize (und „Empfindungen''). Nicht an einfachen Farben hat der junge Säugling Interesse, sondern an menschlichen Gesichtern, wie dies Miss Shinn von ihrer Nichte für die Zeit vom 25. Tage an ausdrücklich berichtet. Und man denke, was für eine Erfahrung dazu gehören mü£te, aus der unend- lichen Fülle verschiedener chaotischer Gebilde, — denn die Emp- findungen ändern sich ja fortwährend — das Gesicht des Vaters und der Mutter und noch mehr, sogar ihre freundliche und unfreundliche Miene herauszusondern. Dagegen nun: „schon im zweiten Lebens- monat läßt sich zuweilen beobachten, daß das Kind gegen gewisse Eindrücke, die es öfter gehabt hat — insbesondere das Antlitz und die Stimme der Mutter — nicht gleichgültig bleibt, sondern durch sie zu einem leisen Lächeln veranlaßt- wird. Im zweiten Vierteljahr ist dies Erkennen sogar bis zu einem „Unterscheiden" vorge- schritten: das Kind benimmt sich zu bekannten Personen ganz anders als zu fremden" ^^*^), Und schon in der Mitte des ersten Lebensjahres läßt sich ein Einfluß des Gesichtsausdrucks der Eltern auf das Kind feststellen. Für die Chaos- Theorie ist das Phänomen, das einem menschlichen Gesicht entspricht, nichts als ein Gewühl der ver- schiedensten Hell-Dunkel- und Färb- Empfindungen, das noch dazu in stetigem Wechsel begriffen ist, sich bei jeder Bewegung, die der betr. Mensch oder die das Kind selbst macht, ändert, ebenso wie bei jeder Veränderung der Beleuchtung. Und doch ist dem Kind das Gesicht der Mutter schon im zweiten Monat bekannt, und doch reagiert es in der Mitte des ersten Jahres schon anders auf ein freundliches als auf ein „böses" Gesicht, und zwar so anders, daß wir sagen müssen, phänomenal war ihm wirklich das freundliche oder böse Gesicht gegeben und nicht irgendwelche Verteilung von Hell und Dunkel. Dies durch Erfahrung zu erklären, anzunehmen, diese Phänomene wären durch Verknüpfung von einfachen optischen Emp- findungen miteinander und mit angenehmen bezw. unangenehmen Folgen aus dem ursprünglichen Empfindungs-Ghaos entstanden, er- scheint unmöglich. Dieser Schluß wird bekräftigt durch die folgende Beobachtung Köhlers ^<'^): „Es ist nicht schwer, etwa alle Schimpansen Google .o5 Vom Neugeborenen und den primitiven Verhaltungsweisen der Station auf einmal genau auf die gleiche Stelle sehen zu machen, indem man plötzlich den heftigsten Schreck markiert und dabei wie gebannt auf den gewünschten Punkt starrt. Sofort fährt auch die schwarze Gesellschaft zusammen wie vom Blitz getroffen und starrt an die gleiche Stelle, selbst wenn da gamichts zu sehen ist. —Nach der üblichen Anschauung involviert das einen Analogieschlug auf ^>mein Bewu&tsein«.^ Die Tiere verstehen unmittelbar die „schreckhafte Gerichtetheit", der Analogie-Schluß auf K.s Bewußt- sein ist eine völlig absurde Erklärung.

Dann bliebe die Ansicht, Phänomene wie „Freundlichkeit^ und „Unfreundlichkeit" seien ganz primitiv, primitiver als etwa die eines blauen Flecks. Diese Ansicht mag einem psychologischen Denken absurd erscheinen, daß alles Bewußtsein aus letzten Elementen aui- bauen will, nicht aber, wenn man in der Psychologie biologisch denkt» wenn man stets im Auge behält, daß die IPhänomene mit dem äußeren Verhalten in engem Zusammenhang stehen. Freundlich- keit und Unfreundlichkeit können das Verhalten beeinflussen, wie aber ein primitives Lebewesen, wie der Neugeborene, sich in seinem Verhalten von einem blauen Fleck bestimmen lassen soll, das ist nicht einzusehen. Auf das Problem des Zusammenhangs zwischen dem phänomenalen Aspekt der Ausdrucks-Bewegungen und den durch sie ausgelösten Bewegungen sind wir schon einmal zu sprechen ge- kommen (o. S. 83 f.), wir konnten die Lösung weder in der üblichen Erfahrungs-Theorie noch in der Annahme fester Verbindungen er- ^blicken, und schlössen, daß es sich um einen Zusammenhang be- sonderer Art handeln müsse, ohne uns auf weitere Hypothesen ein- zulassen. Wir wollen nur noch eine Bemerkung hinzufügen: wenn wir Phänomene wie Freundlichkeit und Unfreundlichkeit als primitiv annehmen, so behaupten wir, daß die primitiven Phänomene nictvt geschieden sind in wahmehmungsmäßige (perzeptive) und gefühls- mäßige (affektive) Elemente, daß nicht das „subjektive^ Gefühl neben die „objektive** Wahrnehmung tritt, sondern daß die primitive Welt als Phänomen, gerade so affektive Bestimmungen an sich trägt, wie solche, die wir als objektiv zu bezeichnen pflegen. Damit befinden wir uns nun wieder durchaus im Einklang mit den maßgebenden Autoren*^*), und das gleiche lehrt uns die Völker-Psychologie: auch für Menschen primitiver Kulturen ist die Welt voll von Eigen- schaften, die wir als emotionale bezeichnen und als rein subjektive, ich-bezogene Zutaten aufzufassen pflegen ^^*). Aber allerdings möchten wir meinen, daß die ersten Wahmehmungs-Phönomene schon den Charakter der „Objektivität** an sich tragen, der den zuerst ge- nannten Phänomenen wie Frische, Hunger usw. fehlt. Natürlich Google Die Struktur-Phänomene qj mufi man unter „Objektivitftts-Charakter* nicht das verstehen, was der philosophisch gebildete Erwachsene darunter denkt. Wir meinen nur, dafi sich WahmebmungsPhänomene anders darstellen als jene GemeingefOhle, da6 die Scheidung Subjekt — Objekt nicht erst gelernt werden mufi, sondern schon, wenn auch in noch so primitiver Form, in den allerersten Phänomenen des Neugeborenen vorhanden ist.

3. Gegen die Annahme, daß das Ursprüngliche ein Mosaik zahl- reicher Empfindungen sei, bringen Brod und Weltsch^^^) folgendes Argument: es kommt vor, daß unsere entwickelten Phänomene „herab- geschraubt'', in der Richtung auf einen unentwickelten Urzustand hin verändert werden» sei es, daß wir diese Veränderung absichtlich herbeifQhren, sei es, daß sie durch hochgradige Unaufmerksamkmt oder Müdigkeit von selbst eintritt Jeder kennt wohl solche Zustände des Starrens. Dabei macht die Gresamtheit der Phänomene „eine Wandlung zur Einheit, zum Ungegliederten durch'*. Die Welt wird dabei nicht bunt sondern monoton. Auch von dieser Seite aus würde die Annahme einer ursprünglichen Vielheit unbegründet sein, wir stoßen hier auf das ungegliederte gleichförmige Phänomen, dem wir oben die sich von ihm abhebende Qualität entgegensetzten. Sollen wir nun diese Veränderung, die unsere Wabmehmungs-Welt u. U. erfahren kann, bis zur möglichen Grenze gesteigert denken, um dann zu den ersten und primitivsten Phänomenen zu ge- langen? Die Frage ist nur, wo haben wir die Grenze anzusetzen? Führt uns der Grenzübergang nicht schließlich zur Null, wird nicht absolute Eintönigkeit schließlich zum Nichts? Wir haben oben die Frage offen gelassen, ob der ungegliederte Grund, auf dem die Qualität erscheint, schon vorher da ist, oder erst mit ihr entsteht. Die Bejahung der eben gestellten Frage würde mit der zweiten Alternative zusammenfallen. Und das würde heißen, nicht ungegliederter Grund ist primitivstes Phänomen, sondern die Struktur: Qualität gegen gleichförmigen Grund. Diese Ansicht scheint mir die wahrscheinlichere zu sein; der gleichförmige Grund als Phänomen ist wieder für das Verhalten bedeutungslos, solch Phänomen wäre reiner Luxus, andererseits gibt es schwere Störungen der Wahrnehmung auf Grund organischer Veränderungen im Gehirn, die direkt für unsere Auffassung sprechen. Es kommt vor, daß Kranke komplizierte Figuren, die sie nicht gestaltlich erfassen können, überhaupt nicht sehen ^^*).

Grund und Qualität, die im Phänomen einander tragen (s.o.), würden also auch gemeinsam entstehen. Ein Teil der Welt hebt sich heraus, er erscheint als Qualität, das übrige, und es mag in WirkUchkeit recht mannigfaltig sein, erscheint gleichzeitig als einförmiger Grund.

Koff ka, Kinderpsycholofirie. 7 Ag Vom Neugeborenen und den primitiven Verhaltungsweisen