Sinne, daß es das Profane, das auf platter Hand Lie— gende, das Gedankenloſe, das ſich von ſelbſt Verſtehende ſei. Die unmittelbare, ſinnliche Anſchauung iſt vielmehr ſpäter als die Vorſtellung und Phantaſie. Die erſte Anſchauung des Menſchen iſt ſelber nur die Anſchauung der Vorſtellung und Phantaſie. Die Aufgabe der Philoſophie, der Wiſſen⸗ ſchaft überhaupt beſteht daher nicht darin, von den ſinnlichen, d. i. wirklichen Dingen weg, ſondern zu ihnen hin zu kom⸗ men — nicht darin, die Gegenſtände in Gedanken und Vorſtellungen zu verwandeln, ſondern darin, das den gemeinen Augen Unſichtbare ſichtbar, d. i. gegenſtändlich zu machen.
Die Menſchen ſehen zuerſt die Dinge nur ſo, wie ſie ihnen erſcheinen, nicht, wie ſie ſind, ſehen in den Dingen nicht ſie ſelbſt, ſondern nur ihre Einbildungen von ihnen, legen ihr eigenes Weſen in ſie hinein, unterſcheiden nicht den Gegenſtand und die Vorſtellung von ihm. Die Vorſtellung liegt dem ungebildeten, ſubjectiven Menſchen ı näher, als die Anſchauung, denn in der Anſchauung wird er aus ſich herausgeriſſen; in der Vorſtellung bleibt er bei ſich. In der Anſchauung iſt der Gegenſtand die handelnde und redende Perſon, ich mache nur den Zuſchauer oder Zuhörer; in der Vorſtellung dagegen fühle ich das Wort. Die Anſchauung widerſpricht mir, die Vorſtellung aber gibt mir immer Recht; in der Vorſtellung bin ich judex in propria causa. Aber wie mit der Vorſtellung, iſt es mit dem Gedanken. Eher und weit länger beſchäftigen ſich die Menſchen mit den himmliſchen, göttlichen, als mit den irdiſchen, menſchlichen Dingen, d. h. eher und weit länger mit den in den Gedanken über ſetzten Dingen, als mit den Dingen im Original, in der Urſprache. Erſt in neuerer Zeit iſt die Menſchheit wieder, wie einſt in Griechenland nach Vorausgang der orientaliſchen Traum- ER De SE — welt, zur ſinnlichen, d. i. unverfälfchten, objectiven An⸗ ſchauung des Sinnlichen, d. i. Wirklichen, aber eben damit auch erſt zu ſich ſelbſt gekommen; denn ein Menſch, der ſich nur mit Weſen der Einbildung oder des abſtracten Gedankens abgibt, iſt ſelbſt nur ein abſtractes oder phantaſtiſches, kein wirkliches, kein wahrhaft menſchliches Weſen. Die Realität des Menſchen hängt nur von der Realität ſeines Gegenſtandes ab. Haſt Du nichts, ſo biſt Du nichts.
Raum und Zeit ſind keine bloßen Erſcheinungs⸗ formen — ſie ſind Weſensbedingungen, Vernunftformen, Geſetze des Seins, wie des Denkens. Daſein iſt das erſte Sein, das erſte Beſtimmtſein. Hier bin ich — das iſt das erſte Zeichen eines wirklichen, lebens digen Weſens. Der Zeigefinger iſt der Wegweiſer vom Nichts zum Sein. Hier iſt die erſte Gränze, die erſte Scheidung. Hier bin ich, dort Du; wir ſind außer einander; darum können wir beide ſein, ohne uns zu beeinträchtigen; es iſt Platz genug. Die Sonne iſt nicht da, wo der Merkur, der Merkur nicht da, wo die Venus, das Auge nicht da, wo das Ohr u. ſ. w. Wo kein Raum, da hat auch kein Syſtem Platz. Die Ortsbeſtim⸗ mung iſt die erſte Vernunftsbeſtimmung, auf der jede weitere Beſtimmung Fuß faßt. Mit der Vertheilung an verſchie⸗ dene Orte — aber mit dem Raume ſind unmittelbar verſchiedene Orte geſetzt — beginnt die organiſirende Natur. Nur im Raume orientirt ſich die Vernunft. Wo bin ich? iſt die Frage des er- wachenden Bewußtſeins, die erſte Frage der Lebensweisheit. Beſchränkung in Raum und Zeit iſt die erſte Tugend, die Orts⸗ differenz die erſte Differenz des Schicklichen vom Unſchicklichen, die wir dem Kinde, dem rohen Menſchen beibringen. Dem rohen Wenſcen iſt der Ort gleichgültig, er thut Alles an jedem Orte er ohne Unterſchied; der Narr deßgleichen. Narren kommen darum zu Vernunft, wenn ſie ſich wieder an Zeit und Ort binden. Verſchiedenes an verſchiedene Orte zu ſtellen, raumlich zu ſcheiden, was qualitativ verſchieden, das iſt Bedingung jeder Oekonomie, ſelber der geiſtigen. Nicht in den Tert zu ſetzen, was in die Anmer⸗ kung, nicht an den Anfang, was erſt an das Ende gehört, kurz räumliche Sonderung und Begränzung gehört auch zur Weisheit des Schriftſtellers. Selbſt im Denken iſt die logiſche Ordnung der Gedanken zugleich räumliche Ordnung.
Allerdings iſt hier immer die Rede von einem beſtimmten Orte, aber es kommt hier doch nichts weiter in Betracht als die Ortsbeſtimmtheit. Und ich kann nicht vom Raum den Ort ab⸗ ſondern, wenn ich den Raum in ſeiner Wirklichkeit erfaſſen will. Mit dem Wo entſteht mir erſt der Begriff des Raumes. Wo? iſt allgemein, gilt von jedem Drte ahne Unterfäi, und doch ift Wo beſtimmt. Mit dieſem Wo iſt zugleich jenes Wo, mit der Beſtimmtheit des Orts daher zugleich die Allgemeinheit des Raums geſetzt; aber eben deßwegen iſt der allgemeine Begriff des Raums nur in der Verbindung mit der Beſtimmtheit des Orts ein realer, concreter Begriff. Hegel gibt vom Raume, wie überhaupt von der Natur nur eine negative Beſtimmung. Allein Hier⸗ ſein iſt poſitiv. Ich bin nicht dort, weil ich hier bin — dieſes nicht dort ſein iſt alſo nur eine Folge von dem poſitiven, aus⸗ drucksvollen Hierſein. Es iſt nur eine Schranke für Deine Vor⸗ ſtellung, aber keine Schranke an ſich, daß Hier nicht Dort, daß Eines außer dem Andern iſt. Es iſt ein Außereinander, das ſein ſoll, das der Vernunft nicht wider-, ſondern entſpricht. 2 Be 3 aber iſt den Außereinanderſein eine wegatine Beftim- I ZB ’— mit ſich, für die Wahrheit gilt — der Raum geradezu die Nega⸗ tion der Idee, der Vernunft, in welche daher auch nur dadurch wie⸗ der Vernunft gebracht werden kann, daß ſie negirt wird. Allein geſchweige, daß der Raum die Negation der Vernunft iſt — im Raume wird vielmehr der Idee, der Vernunft nur Platz gemacht — iſt der Raum die erſte Sphäre der Vernunft. Wo kein raͤum⸗ * liches Außereinander, iſt auch kein logiſches. Oder umgekehrt: 15 — wenn wir, wie Hegel, von der Logik aus zum Raume übergehen er wollen — wo fein Unterſchied, ift auch kein Raum. Die Unterſchiede * im Denken müſſen verwirklicht werden als Unterſchiedene; Unter⸗ ſchiedene treten aber räumlich außereinander. Das räumliche Mubereiiinher ein ift daher erft die Wahrheit der logiſchen Uns . Aber was außereinander iſt, das kann auch nur nach 2 eina der gedacht werden. Wirkliches Denken iſt Denken in Raum 1. Zeit. Die Negation von Raum und Zeit (Zeitlänge) fällt immer innerhalb des Raumes und der Zeit ſelbſt. Wir wollen nur Raum und Zeit ſparen, um Raum und Zeit zu gewinnen. Die Dinge dürfen nicht anders gedacht werden, als wie fie in der Wirklichkeit vorkommen. Was in der Wirk . lichkeit getrennt iſt, ſoll auch im Gedanken nicht identiſch ſein. Die Ausnahme des Denkens, der Idee — der Intellec⸗ . tualwelt bei den Neuplatonikern — von den Geſetzen der Wirk— den lichkeit ift das Privilegium theologiſcher Willkür. Die . Geſetze der Wirklichkeit ſind auch Geſetze des Denkens. mungen iſt nur in der Abſtraction möglich und gültig. In 7 der Wirklichkeit find die Gegenfäge ſtets nur durch einen ö ER Zur: * Die unmittelbare Einheit entgegengeſetzter Beſtim⸗ Terminus medius verbunden. Dieſer Terminus medius ift der Gegenſtand, das Subject der Gegenſätze.
Es iſt daher nichts leichter, als die Einheit entgegengeſetzter Prädicate aufzuzeigen; man braucht nur von dem Gegenſtande oder Subject derſelben zu abſtrahiren. Mit dem Gegenſtande ſchwindet die Gränze zwiſchen den Gegenfägen; fie find nun boden⸗ und haltlos, fallen alſo unmittelbar zuſammen. Betrachte ich z. B.
das Sein nur in abstracto, abſtrahire ich von aller Beſtimmtheit, die iſt, ſo habe ich natürlich Sein gleich Nichts. Der Unterſchied, die Gränze zwiſchen Sein und Nichts iſt ja allein die Beſtimmt⸗ heit. Wenn ich Das, was iſt, weglaſſe, was iſt noch dieſes bloße Iſt? Aber was von dieſem Gegenſatz und ſeiner Identi⸗ tät, gilt auch von der Identität der übrigen Gegenfäge 8 ſpeculativen Pöitofopbie.
Das Mittel, entgegengeſetzte oder widerſprechende Beſtim mungen ohne Widerſpruch in einem und demſelben Weſen zu vereinigen, iſt nur — die Zeit. So iſt es wenigſtens im lebendigen Weſen. So nur kommt hier z. B. im Menſchen der Widerſpruch zum Vorſchein, daß jetzt dieſe Beſtimmung — dieſe Empfindung, dieſer Vorſatz — jetzt eine 12 andere, eine geradezu entgegengeſetzte Beſtimmung mich erfüllt und a beherrſcht. Nur da, wo eine Vorftellung die andere, eine Em pfindung die andere verdrängt, wo es zu keiner Entſcheidung, keiner bleibenden Beſtimmtheit kommt, die Seele ſich in einem fortwährenden Wechſel entgegengeſetzter Zuſtände befindet, nur da befindet ſie ſich in der Höllenpein des Widerſpruchs. Würde ich die entgegengeſetzten Beſtimmungen zugleich in mir vereinigen, ſo würden fie ſich neutralifiren, abſtumpfen, gleichwie die Gegenſätze des chemischen Proceſſes, welche zugleich da ſind, ihre Differenz in * * .
ER “ einem neutralen Product verlieren. Aber eben gerade darin beſteht der Schmerz des Widerſpruchs, daß ich jetzt mit Leidenſchaft will und bin, was ich den nächſten Augenblick darauf eben ſo energiſch nicht will und nicht bin, daß Poſition und Negation auf einander folgen, beide Gegenfäge, aber jeder mit Ausſchluß des andern, jeder alſo in feiner vollen Beſtimmtheit und Schärfe mich afficirt.
Das Wirkliche iſt im Denken nicht in ganzen Zah— len, ſondern nur in Brüchen darſtellbar. Dieſe Differenz iſt eine normale — fie beruht auf der Natur des Denkens, deſſen Weſen die Allgemeinheit iſt, im Unterſchiede von der Wirklichkeit, deſſen Weſen die Individualität. Daß aber dieſe Differenz nicht zu einem förmlichen Widerſpruch zwiſchen dem Gedachten und dem Wirklichen kommt, dieß wird nur dadurch verhindert, daß das Denken nicht in gerader Linie, in der Identität mit ſich fortläuft, ſondern ſich durch die ſinnliche An— ſchauung unterbricht. Nur das durch die ſinnliche An— ſchauung ſich beſtimmende und ratificirende Denken iſt reales, objectives Denken — Denken objectiver Wahrheit.
E iſt das Wichtigſte, zu erkennen, daß das abſolute, d. h. das iflite, von der Sinnlichkeit abgeſonderte Denken nicht über 2 formale Idealität — die Idealität des Denkens mit ſich ſelbſt hinauskommt; denn wenn gleich das Denken oder der Begriff beftimmt wird als die Einheit entgegengeſetzter Beſtim⸗ mungen, ſo ſind doch dieſe Beſtimmungen ſelbſt wieder nur Ab⸗ ſtractionen, Gedankenbeſtimmungen — alſo immer wieder Identi⸗ täten des Denkens mit ſich, nur Multipla der Identität, von welcher als der abſoluten Wahrheit ausgegangen wird. Das Andere, was ſich die Idee gegenüberſetzt, iſt als ein von ihr Geſetztes, nicht wahrhaft, realiter von ihr unterſchieden, nicht de .
* außer die Idee entlaſſen, höchſtens nur pro forma, zum Scheine, um ihre Liberalität zu zeigen; denn dieſes Andre der Idee iſt ſelbſt wieder die Idee, nur noch nicht in der Form der Idee, noch nicht geſetzt, verwirklicht als Idee. So bringt es das Den⸗ ken für ſich ſelbſt allein zu keinem poſitiven Unterſchiede und Gegenſatze von ſich, hat aber eben deßwegen auch kein anderes Kriterium der Wahrheit, als daß Etwas nicht der Idee, nicht dem Denken widerſpricht — alſo ein nur formales, ſubjecti⸗ ves Kriterium, welches nicht darüber entſcheidet, ob die gedachte Wahrheit auch eine wirkliche Wahrheit iſt. Das Kriterium, welches hierüber entſcheidet, ift einzig die Anſchauung. Audia- tur et altera pars. Aber eben die ſinnliche Anſchauung iſt die Gegenpartei des Denkens. Die Anſchauung nimmt die Dinge in einem weitern, das Denken im engſten Sinne; die Anſchauung laßt die Dinge in ihrer unbeſchränkten Freiheit, das Denken gibt ihnen Geſetze, aber ſie ſind nur zu oft despo— tiſche; die Anſchauung klärt den Kopf auf, aber beſtimmt und entſcheidet nichts; das Denken determinirt, aber bor— nirt auch oft den Kopf; die Anſchauung für ſich hat keine Grundſätze, das Denken für ſich kein Leben; die Regel iſt die Sache des Denkens; die Ausnahme von der Regel die Sache der Anſchauung. Wie daher nur die durch das Denen beſchränkte Anſchauung die wahre iſt, ſo iſt auch ungelehrt! nur das durch die Anſchauung erweiterte und aufgeſchloſſene Denken das wahre, dem Weſen der Wirklichkeit entſprechende Denken. Das mit ſich identiſche, continuirliche Denken läßt im Widerſpruch mit der Wirklichkeit die Welt ſich im Kreiſe um ihren Mittelpunkt drehen; aber das durch die Beobachtung von der Ungleichförmigkeit dieſer Bewegung, alfo durch die A no⸗ malie der Anſchauung unterbrochene Denken verwandelt der Wahrheit gemäß dieſen Kreis in eine Ellipſe. Der Kreis iſt — das Symbol, das Wappen der ſpeculativen Philoſophie, des nur auf ſich ſelbſt ſich ſtützenden Denkens — auch die Hegel'ſche Philoſophie iſt bekanntlich ein Kreis von Kreiſen, ob ſie gleich in Beziehung auf die Planeten, aber nur durch die Empirie hiezu beſtimmt, die Kreisbahn für „die Bahn einer ſchlechtgleich— förmigen Bewegung“ erklärt — die Ellipſe dagegen iſt das Symbol, das Wappen der ſinnlichen Philoſophie, des auf die Anſchauung ſich ſtützenden Denkens.
Die, wirkliche Erkenntniß gewährenden Beſtimmungen ſind immer nur die, welche den Gegenſtand durch den Gegen— ſtand ſelbſt beſtimmen — ſeine eigenen, individuellen Beſtimmungen — alſo nicht allgemeine, wie die logiſch-me⸗ taphyſiſchen Beſtimmungen ſind, welche keinen Gegenſtand beſtimmen, weil fie ſich auf alle Gegenſtände ohne Unter— ſchied erſtrecken.
Ganz richtig hat daher Hegel die logiſch-metaphyſiſchen Be⸗ ſtimmungen aus Beſtimmungen von Gegenſtänden in ſelbſtſtändige Beſtimmungen — Selbſtbeſtimmungen des Begriffs — verwandelt, ſie aus Prädicaten, was ſie in der alten Metaphyſik waren, zu Subjecten gemacht und dadurch der Metaphyſik oder Logik die Bedeutung des ſelbſt genügſamen, göttlichen Wiſſens gegeben. Aber ein Widerſpruch iſt es, daß denn doch wieder in den con⸗ creten Wiſſenſchaften, gerade wie in der alten Metaphyſik, dieſe logiſch-metaphyſiſchen Schatten zu Beſtimmungen der wirk⸗ lichen Dinge gemacht werden, was natürlich nur dadurch möglich iſt, daß entweder mit den logiſch-metaphyſiſchen Beſtimmungen immer zugleich concrete, aus dem Gegenſtand ſelbſt geſchöpfte, darum treffende Beſtimmungen verbunden werden, oder der Gegen⸗ F m ch * ſtand auf ganz abſtracte Beſtimmungen, in welchen er gar nicht mehr erkenntlich iſt, reducirt wird. Das Wirkliche in ſeiner Wirklichkeit und Letalust, der Gegenſtand der neuen Philoſophie, iſt auch nur einem wirklichen und ganzen Weſen Gegenftand. Die neue Philo⸗ ſophie hat daher zu ihrem Erkenntnißprincip, zu ihrem Sub⸗ ject nicht das Ich, nicht den abſoluten, d. i. abſtracten Geiſt, kurz nicht die Vernunft in abstracto, ſondern das wirf- liche und ganze Weſen des Menſchen. Die Realität, das Subject der Vernunft iſt nur der Menſch. Der Menſch denkt, nicht das Ich, nicht die Vernunft. Die neue Philoſophie ſtützt ſich alſo nicht auf die Gottheit, d. i. Wahrheit der Vernunft allein für ſich, fie ſtützt ſich auf die Gottheit, d. i. Wahrheit des ganzen Menſchen. Oder: ſie ſtützt ſich wohl auch auf die Vernunft, aber auf die Vernunft, deren Weſen das menſch⸗ liche Weſen, alſo nicht auf eine weſen-, farb- und namen⸗ loſe Vernunft, ſondern auf die mit dem Blute des Menſchen getränkte Vernunft. Wenn daher die alte Philoſophie ſagte: nur das Vernünftige iſt das Wahre und Wirkliche, ſo ſagt dagegen die neue Philoſophie: nur das Menſchliche iſt das Wahre und Wirkliche; denn das Menſchliche nur iſt das Vernünftige; der Menſch das Maaß der Vernunft.
Die Einheit von Denken und Sein hat nur Sinn und Wahrheit, wenn der Menſch als der Grund, das Subject dieſer Einheit gefaßt wird. Nur ein reales Weſen erkennt reale Dinge; nur wo das Denken nicht Subject für ſich ſelbſt, ſondern Prädicat eines wirklichen Weſens iſt, nur da iſt auch Sch * ** Eur der Gedanke nicht vom Sein getrennt. Die Einheit von Denken | und Sein ift daher keine formelle, fo daß dem Denken an und 4 für ſich das Sein als eine Beſtimmtheit zukäme; ſie hängt 8 nur ab von dem Gegenſtand, dem Inhalt des Denkens. N 0 Hieraus ergibt ſich folgender kategoriſcher Imperativ. Wolle nicht Philoſoph ſein, im Unterſchied vom Menſchen, ſei nichts weiter als ein denkender Menſch; denke nicht als Denker, d. h. in einer aus der Totalität des wirklichen Menſchenweſens herausgeriſſenen und für ſich iſolirten Facultätz denke als lebendiges, wirkliches Weſen, als welches du den belebenden * und erfriſchenden Wogen des Weltmeers ausgeſetzt biſt; denke in der Exiſtenz, in der Welt als ein Mitglied derſelben, nicht im Vacuum der Abſtraction, als eine vereinzelte Monade, als ein abſoluter re als ein theilnahmloſer, außerweltlicher Gott — dann k. du darauf rechnen, daß deine Gedanken Einheiten ſind von Sein und Denken. Wie ſollte das Denken als Thätigkeit eines wirklichen Weſens nicht die wirklichen Dinge und Weſen erfaſſen? Nur, wenn man das Denken vom Menſchen abſondert, für ſich ſelbſt firirt, entſtehen die peinlichen, unfruchtbaren und für dieſen Standpunkt unauflöslichen Fragen: wie das Denken zum Sein, zum Object komme? Denn für ſich ſelbſt firirt, d. h. außer den Menſchen geſetzt iſt das Denken außer allem Verbande und Zuſammenhang mit der Welt. Zum Object erhebſt du dich nurn dadurch, daß du d dich dam erniedrigt, ſelbſt Object für Andres u 8 fein. Du denkſt nur, weil deine Gedanken ſelbſt gedacht werden können, und fie find nur wahr, wenn fie die Probe der Objectivität we = der Ande e außer dir, dem ſie Objekt ſind, auch anerkennt; du e s ein ſelbſt ſichtbares, fühlſt nur als ein ſelbſt fühlbares Weſen. Offen ſteht die Welt nur dem offnen Kopf, und bie Deffnungen des Kopfs find nur die Sinne. Aber das für ſich iſolirte, in ſich * Denken, das enten 1 EB. — ohne Sinne, ohne den Menſchen, außer dem Menſchen iſt abſolutes Subject, das für Andres nicht Object fein kann und ſein ſoll, aber eben deßwegen auch trotz aller Anſtrengungen nun und nimmermehr einen Uebergang zum Object, zum Sein findet; ſo wenig als ein Kopf, der vom Rumpf abgetrennt ißt, einen Uebergang findet zur Beſitzergreifung eines Gegenſtar weil die Mittel, die Organe des Ergreifens fehlen. 4 * Die neue Philoſophie iſt die vollftändige, die abſolute, die widerſpruchsloſe Auflöfung der Theologie in der Anthropologie; denn fie iſt die Auflöſung derſelben nicht nur, wie die alte Philoſophie, in der Vernunft, ſondern auch im Her⸗ zen, kurz im ganzen, wirklichen Weſen des Menſchen. Aber ſie iſt auch in dieſer Beziehung nur das nothwendige Reſul⸗ tat der alten Philoſophie, — denn was einmal im Verſtande auf⸗ gelöst iſt, muß ſich endlich auch im Leben, im Herzen, im Blute des Menſchen auflöſen — aber auch zugleich erſt die Wahrheit derſelben, und zwar als eine neue, ſelbſtſtändige Wahrheit; denn erſt die Fleiſch und Blut gewordne Wahr⸗ heit iſt Wahrheit. Die alte Philoſophie ſiel nothwendig wieder in die Theologie zurück: was nur im Verſtande, nur in abstracto aufgehoben iſt, das hat noch einen Gegenſatz am Herzen; die neue Philosophie dagegen kann nicht mehr rückfällig werden: was an Leib und Seele zugleich todt iſt, das kann auch nicht einmal als Geſpenſt wiederkehren. RA Der Menſch unterſcheibet ic feineomege nur durch das Denken von dem Thiere. Sein ganzes Weſen iſt viel⸗ mehr ſein Unterſchied vom Thiere. Allerdings iſt der, wel⸗ 8 .
co Si als die menſchlichen, aber nur in Beziehung auf beſtimmte, mit cher nich dem, kein Menſch, aber nicht weil das Denken die Urſache, ſondern nur weil es eine nothwendige Folge und Eigenſchaft des menſchlichen Weſens iſt.
Wir brauchen daher auch hier nicht über das Gebiet der Sinnlichkeit hinauszugehen, um den Menſchen als ein über den Thieren ſtehendes Weſen zu erkennen. Der Menfch ift kein par⸗ ticuläres Weſen, wie das Thier, ſondern ein univerſelles, darum kein beſchränktes und unfreies, ſondern uneingeſchränktes, freies Weſen, denn Univerſalität, Unbeſchränktheit, Freiheit ſind unzertrennlich. Und dieſe Freiheit eriſtirt nicht etwa in einem beſondern Vermögen, dem Willen, eben fo wenig dieſe Uni⸗ verſalität in einem beſondern Vermögen, der Denkkraft, der Vernunft — dieſe Freiheit, dieſe Univerſalität erſtreckt ſich über ſein ganzes Weſen. Die thieriſchen Sinne ſind wohl ſchärfer den Bedürfniſſen des Thiers in nothwendigem Zuſammenhang ſtehende Dinge, und ſie ſind ſchärfer eben wegen dieſer Deter⸗ mination, dieſer ausſchließlichen Beſchränkung auf Beſtimmtes. Der Menſch hat nicht den Geruchssinn eines Jagdhundes, eines Raben; aber nur weil ſein Geruchsſinn ein alle Arten IB chen umfaſſender, darum freier, gegen befondere Gerüche indiff⸗ renter Sinn iſt. Wo ſich aber ein Sinn erhebt über die Schranke der Particularität und ſeine Gebundenheit an das Bedürfniß, da ebt er ſich zu ſelbſtſtändiger, zu theoretiſcher Bedeutung um Würde: — univerfeller Sinn ift Verſtand, univerſelle Sinnlichkeit Geiſtigkeit. Selbſt die unterſten Sinne, Geruch und Geſchmack, erheben ſich im Menſchen zu geiſtigen, zu wif- ſenſchaftlichen Akten. Geruch und Geſchmack der Dinge ſind Ge⸗ 4 1 fi u * Gm genftände der Naturwiſſenſchaft. Ja felbft der Magen des Men⸗ ce ſchen, fo verächtlich wir auch auf ihn herabblicken, ift kein thie⸗ 8 riſches, ſondern menſchliches, weil univerfales, nicht auf bes f % ftimmte Arten von Nahrungsmittel eingefehränftes Weſen Eben darum iſt der Menſch frei von der Wuth der Freßbegierde, mit welcher das Thier über ſeine Beute herfällt. Laß einem Menſchen ſeinen Kopf, gib ihm aber den Magen eines Löwen oder Pferdes — er hört ſicherlich auf, ein Menſch zu fein. Ein beſchraͤnkter Magen verträgt ſich auch nur mit einem beſchränkten, d. i. thie⸗ riſchen Sinne. Das ſittliche und vernünftige Verhältniß des Menſchen zum Magen beſteht daher auch nur darin, denſelben nicht als ein viehiſches, ſondern menſchliches Weſen zu behandeln. Wer mit dem Magen die Menſchheit abſchließt, den Magen in die Claſſe der Thiere verſetzt, der autoriſirt den Menſchen im 1 zur Beſtialität.
1 Die neue Philoſophie macht den Menſchen mit Einſchluß der Natur, als der Baſis des Menſchen, zum alleinigen, uni— verfalen und hoͤchſten Gegenſtand der Philoſophie — die Anthropologie alſo, mit Einſchluß der Phyſtslogie, zur Univerſalwiſſenſchaft.
Kunſt, Religion, Philoſophie oder Wiſſenſchaft ſind MR, — Erſcheinungen oder Offenbarungen des wahren menſch— lichen Weſens. Menſch, vollkommner, wahrer Menſch iſt nur, wer äſthetiſchen oder künſtleriſchen, religiöfen oder ſitt— lichen und philof hiſchen oder wiſſenſchaftlichen Sinn hat — Menſch überhaupt nur der, welcher nichts weſentlich Menſchliches von ſich ausſchließt. Homo sum, humani nihil a me alienum puto — dieſer Satz, in feiner univer- fellften und hödhften Bedeutung genommen, ift der Wahl ſpruch des neuen Philoſophen. * Die abſolute Identitätsphiloſophie hat den Stand— punkt der Wahrheit gänzlich verrückt. Der natürliche » Er ‘ae Standpunkt des Menſchen, der Standpunkt der Wen dung in Ich und Du, Subject und Object iſt der wahre, der abſolute Standpunkt, folglich auch der Standpunkt der Philoſophie.
Die Philoſophie iſt kein abſoluter Act, kein Actus purus ohne Subject — ſie iſt ein Act des menſchlichen Subjects. Folglich muß fie auch das Weſen dieſes Subjects unverſtümmelt enthalten und ausdrücken. Der Menſch iſt aber kein identiſches oder einfaches, ſondern weſentlich ein duali⸗ ſtiſches, ein thätiges und leidendes, felbftftändiges und abhängiges, ſelbſtgenugſames und geſellſchaftliches oder ſympathiſirendes, theoretiſches und praktiſches, in der Sprache der alten Philoſophie: idealiſtiſches und materiali⸗— ſtiſches Weſen, kurz er iſt weſentlich Kopf und Herz. Die Philoſophie als der Ausdruck des menſchlichen Weſens iſt daher — ihrem formalen Prinzip nach — weſentlich dualiſtiſch.
Die der Wahrheit gemäße Einheit von Kopf und Herz beſteht nicht in der Auslöſchung oder Vertuſchung ihrer Differenz, ſondern vielmehr nur darin, daß der weſentliche Ge⸗ genſtand des Herzens auch der weſentliche Gegenſtand des Kopfs iſt — alſo nur in der Identität des Gegenſtan⸗ des. Die neue Philoſophie, welche den weſentlichen und hödh- ſten Gegenſtand des Herzens, den Menſchen, auch zum weſent⸗ lichen und höchften Gegenſtand des Verſtandes macht, begründet daher eine vernünftige Einheit von Kopf und Herz, von Denken und Leben.
Die Wahrheit eriftirt nicht im Denken, nicht im Wiſſen für ſich ſelbſt. Die Wahrheit iſt nur die Totalität des menſch— lichen Lebens und Weſens.
Au: a 1 Fi = ai Der einzelne Menſch für ſich hat das Weſen des Men⸗ ſchen nicht in ſich, weder in ſich als moraliſchem, noch in ſich als denkendem Weſen. Das Weſen des Menſchen iſt nur in der Gemeinſchaft, in der Einheit des Menſchen mit dem Menſchen enthalten — eine Einheit, die ſich aber nur auf die Realität des Unterſchieds von Ich und Du ftügt. Einſamkeit iſt Endlichkeit und Beſchränktheit, Gemein— ſchaftlichkeit iſt Freiheit und Unendlichkeit. Der Menſch für ſich iſt Menſch (im gewöhnlichen Sinn); der Menſch mit Menſch — die Einheit von Ich und Du iſt Gott.
Der abſolute Philoſoph fagte, oder dachte wenigſtens, ana⸗ log dem L’etat c'est moi des abſoluten Monarchen und dem L'elre c'est moi des abſoluten Gottes — von ſich, als Denker natür⸗ lich, nicht als Menſchen: la verité c'est moi. Der menſchliche Philoſoph ſagt dagegen: ich bin auch im Denken, auch als Philo ſoph Menſch mit Menſchen.
Die wahre Dialektik it kein Monolog des einſamen Denkers mit ſich ſelbſt, ſie iſt ein Dialog zwiſchen Ich und dn.
Die Trinität war das höchſte Myſterium, der Cen⸗ tralpunkt der abſoluten Philoſophie und Religion. Aber das Geheimniß derſelben iſt, wie im Weſen des Chriſtenthums hiſtoriſch und philoſophiſch bewieſen wurde, das Geheimniß des gemeinſchaftlichen geſellſchaftlichen Lebens — das Ge— heimniß der Nothwendigkeit des Du für das Ich — die Wahr— heit, daß kein Weſen, es ſei und heiße nun Menſch oder Gott oder Geiſt oder Ich, für ſich ſelbſt allein ein wah— ** & 0 2 * — = Be SE.
res, ein vollkommnes, ein abſolutes Weſen, daß die Wahr— heit und Vollkommenheit nur iſt die Verbindung, die Einheit von zwei ſich weſensgleichen Weſen. Das höchfte und letzte Prinzip der Philoſophie iſt daher die Einheit des Menſchen mit dem Menſchen. Alle weſentlichen Verhältniſſe — die Prinzipien verſchiedener Wiſſenſchaften — find nur verſchiedene Arten und Weiſen dieſer Einheit. Selbſt der Denk act kann nur aus dieſer Einheit begriffen und abgeleitet werden.
Die alte Philoſophie hat eine doppelte Wahrheit — die Wahrheit für ſich ſelbſt, die ſich nicht um den Menſchen bekümmerte — die Philoſophie — und die Wahrheit für den Menſchen — die Religion. Die neue Philoſophie dagegen, als die Philoſophie des Menſchen, iſt auch weſentlich die Phil o— ſophie für den Menſchen — ſie hat unbeſchadet der Würde und Selbſtſtändigkeit der Theorie, ja im innigſten Einklang mit derſelben, weſentlich eine prakt iſche und zwar im höchſten Sinne praktiſche Tendenz; ſie tritt an die Stelle der Religion, ſie hat das Weſen der Religion in ſich, fie iſt in Wahrheit ſelbſt Res ligion.
Die bisherigen Reformverſuche in der Philoſophie unter⸗ ſcheiden ſich mehr oder weniger nur der Art, nicht der Gat— tung nach von der alten Philoſophie. Die unerläßlichſte Bedin⸗ gung einer wirklich neuen, d. i. ſelbſtſtändigen, dem Bedürfniß der Menſchheit und Zukunft entſprechenden Philoſophie iſt aber, daß ſie ſich dem Weſen nach, daß fie ſich toto genere von der alten Philoſophie unterſcheide.
U WACENSIS# * [2 Se MDZ Seilen enn taatsBibliothel Digitale Bibliothek Feuerbach, Ludwig, Grundsätze der Philosophie der Zukunft Zürich [u.a.] 1843