SigPhi · Ludwig Feuerbach

Grundsätze der Philosophie der Zukunft

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nur formales, subjektives Kriterium, welches nicht darüber entscheidet, ob die gedachte Wahrheit auch eine wirk- liche Wahrheit ist. Das Kriterium, welches hierüber ent- scheidet, ist einzig die Anschauung. Man soll ja immer auch den Gegner hören. Aber eben die sinnliche Anschauung ist die Gegenpartei des Denkens. Die Anschauung nimmt die Dinge in einem weiten, das Denken im engsten Sinne; die Anschauung läßt die Dinge in ihrer unbeschränkten Freiheit, das Denken gibt ihnen Gesetze, aber sie sind nur zu oft despotische; die Anschauung klärt den Kopf auf, aber bestimmt und entscheidet nichts; das Denken determiniert, aber borniert auch oft den Kopf; die Anschauung für sich hat keine Grundsätze, das Denken für sich kein Leben; die Regel ist die Sache des Denkens, die Ausnahme von der Regel die Sache derAnschauung. Wie daher nur die durch das Denken determinierte Anschauung die wahre ist, so ist auch umgekehrt nur das durch die An- schauung erweiterte und aufgeschlossene Denken das wahre, dem Wesen, der Wirklichkeit entsprechende Denken. Das mit sich identische, kontinuierliche Denken läßt im Widerspruch mit derWirklichkeit die Welt sich im Kreise um ihren Mittelpunkt drehen; aber das durdi die Beobachtung von der Ungleichförmig- keit dieser Bewegung, also durch die Anomalie der Anschauung unterbrochene Denken verwandelt der Wahrheit gemäß diesen Kreis in eine Ellipse. Der Kreis ist das Symbol, das Wappen der spekulativen Philosophie, des nur auf sich selbst sich stützenden Denkens — auch die Hegelsdie Philosophie ist bekannt- lich ein Kreis von Kreisen, ob sie gleich in Beziehung auf die Planeten, aber nur durch die Empirie hiezu be- stimmt, die Kreisbahn für „die Bahn einer schlecht- gleichförmigen Bewegung" erklärt, — die Ellipse dagegen ist das Symbol, das Wappen der sinnlichen Philosophie, des auf die Anschauung sich stützenden Denkens.

84 Die neue Philosophie Diewirkliche Erkenntnis gewährenden Bestimmungen sind immer nur die, welche den Gegenstand durch den Gegenstand selbst bestimmen — seine eigenen, individuellen Bestimmungen — also nicht allgemeine, wie die logisch-metaphysischen Bestimmungen sind, welche keinen Gegenstand bestimmen, weil sie sich auf alle Gegenstände ohne Unterschied erstrecken.

Ganz richtig hat daher Hegel die logisch-metaphysischen Bestimmungen aus Bestimmungen von Gegenständen in selbständige Bestimmungen — Selbstbestimmungen des Begriffs — verwandelt; sie aus Prädikaten, was sie in der alten Metaphysik waren, zu Subjekten gemacht, und dadurch der Metaphysik oder Logik die Bedeutung des selbstgenugsamen, göttlichen Wissens gegeben. Aber ein Widerspruch ist es, daß dann doch wieder in den kon- kreten Wissenschaften, gerade wie in der alten Meta- physik, diese logisch-metaphysischen Schatten zu Be- stimmungen der wirklichen Dinge gemacht werden, was natürlich nur dadurch möglich ist, daß entweder mit den logisch-metaphysisdien Bestimmungen immer zugleich konkrete, aus dem Gegenstand selbst geschöpfte, darum treffende Bestimmungen verbunden werden, oder der Gegenstand auf ganze abstrakte Bestimmungen, in welchen er gar nicht mehr kenntlich ist, redu- ziert wird.

Das Wirkliche in seiner Wirklichkeit und Totalität, der Gegenstand der neuen Philosophie, ist auch nur einem wirklichen und ganzen Wesen Gegenstand. Die neue Philosophie hat daher zu ihrem Erkenntnisprinzip, zu ihrem Subjekt nicht das Ich, nicht den absoluten, d. i. abstrakten Geist, kurz nicht dieVernunft fürsichallein, sondern das wirkliche und ganze Wesen des Menschen. Die Realität, das Subjekt der Vernunft ist nur 85 Feuerbach: Philosophie der Zukunft der Mensch. Der Mensch denkt, nicht das Ich, nicht die Vernunft. Die neue Philosophie stützt sich also nidit auf die Gottheit, d. i. Wahrheit, der Vernunft allein für sich, sie stützt sich auf die Gottheit, d. i. Wahrheit, des ganzen Menschen. Oder: sie stützt sich wohl auch auf die Vernunft, aber auf die Vernunft, deren Wesen das menschliche Wesen; also nicht auf eine wesen-, färb- und namenlose Vernunft, sondern auf die mit dem Blute des Menschen ge- tränkte Vernunft. Wenn daher die alte Philosophie sagte: nur das Vernünftige ist das Wahre und Wirkliche, so sagt dagegen die neue Philosophie; nur das Menschliche ist das Wahre und Wirk- liche; denn das Menschliche nur ist das Vernünftige; der Mensch das Maß der Vernunft.

Die Einheit von Denken und Sein hat nur Sinn und Wahrheit, wenn der Mensch als der Grund, das Subjekt dieser Einheit gefaßt wird. Nur ein reales Wesen erkennt reale Dinge; nur wo das Denken nicht Subjekt für sich selbst, sondern Prädikat eines wirklichen Wesens ist, nur da ist auch der Gedanke nicht vom Sein getrennt. Die Einheit von Denken und Sein ist daher keine formelle, so daß dem Denken an und für sich das Sein als eine Bestimmtheit zukäme; sie hängt nur ab von dem Gegenstand, dem Inhalt des Denkens.

Hieraus ergibt sich folgender kategorischer Imperativ. Wolle nicht Philosoph sein im Unterschied vom Menschen; sei nichts weiter als ein denkender Mensch; denke nicht als Denker, d. h. in einer aus der Totalität des wirklichen Menschenwesens heraus- gerissenen und für sich isolierten Fakultät; denke als lebendiges, wirkliches Wesen, als welches Du den belebenden und erfrischenden Wogen des Welt- meeres ausgesetzt bist; denke in der Existenz, in der 86 Die neue Philosophie Welt als ein Mitglied derselben, nicht im Vakuum der Abstraktion, als eine vereinzelte Monade, als ein absoluter Monarch, als ein teilnamloser, außerweltlicher Gott — dann kannst Du darauf rechnen, daß Deine Gedanken Einheiten sind vom Sein und Denken. Wie sollte das Denken als Tätigkeit eines wirklichen Wesens nicht die wirklichen Dinge und Wesen erfassen? Nur, wenn man das Denken vom Menschen absondert, für sich selbst fixiert, entstehen die peinlichen, unfruchtbaren und für diesen Standpunkt unauflöslichen Fragen: wie das Denken zum Sein, zum Objekt komme? Denn fürsich selbst fixiert, d. h. außer den Menschen gesetzt, ist das Denken außer allem Verbände und Zusammenhang mit der Welt. Zum Objekt erhebst Du Dich nur dadurch, daß Du Dich dazu erniedrigst, selbst Objekt für Anderes zu sein. Du denkst nur, weil Deine Gedanken selbst gedacht werden können, und sie sind nur wahr, wenn sie die Probe der Objektivität bestehen, wenn sie der Andere außer Dir, dem sie Objekt sind, auch an- erkennt. Du siehst nur als ein selbst sichtbares, fühlst nur als ein selbst fühlbares Wesen. Offen steht die Welt nur dem offenen Kopf und die Oeffnungen des Kopfes sind nur die Sinne. Aber das für sich isolierte, in sich verschlossene Denken, das Denken ohne Sinne, ohne den Menschen, außer dem Menschen istabsolutesSubjekt, das für Anderes nicht Objekt sein kann und sein soll, aber eben deswegen auch trotz aller Anstrengungen nun und nimmermehr einen Uebergang zum Objekt, zum Sein findet; so wenig als ein Kopf, der vom Rumpf abgetrennt ist, einen Uebergang findet zur Besitzergreifung eines Gegen- standes, weil die Mittel, die Organe des Ergreifens fehlen.

Die neue Philosophie ist die vollständige, die absolute, die widerspruchslose Auflösung der Theologie in die Anthropologie; denn sie ist die Auflösung derselben nicht nur, wie die alte Philo- 87 Feuerbach: Philosophie der Zukunft Sophie, in der Vernunft sondern audi im Herzen, kurz im ganzen, wirklichen Wesen des Menschen. Sie ist in dieser Beziehung nur das notwendige Resultat der alten Philosophie, — denn was einmal im Verstände aufgelöst ist, muß sich endlich auch im Leben, im Herzen, im Blute des Mensdien auflösen — aber auch zugleich erst die Wahrheit derselben, und zwar als eine neue, selbständige Wahrheit; denn erst die Fleisch und Blut gewordene Wahrheit ist Wahrheit. Die alte Philosophie fiel notwendig wieder in die Theologie zurück; was nur imVerstande, nur im Begriffe aufgehoben ist, das hat noch einen Gegen- satz am Herzen; die neue Philosphie dagegen kann nicht mehr rückfällig werden: was an Leib und Seele zugleich tot ist, das kann auch nicht einmal als Gespenst wiederkehren.

Der Mensch unterscheidet sich keineswegs nur durch das Denken von dem Tiere. Sein ganzes Wesen ist vielmehr sein Unterschied vom Tiere. Allerdings ist der, weldier nicht denkt, kein Mensch; aber nicht, weil das Denken die Ursache, sondern nur weil es eine notwendige Folge und Eigenschaft des menschlichen Wesens ist.

Wir brauchen daher auch hier nicht über das Gebiet der Sinnlichkeit hinauszugehen, um den Menschen als ein über den Tieren stehendes Wesen zu erkennen. Der Mensch ist kein partikuläres Wesen, wie das Tier, sondern ein universelles, darum kein beschränktes und un- freies, sondern uneingeschränktes, freies Wesen; denn Universalität, Unbesdiränktheit, Freiheit sind unzertrenn- lich. Und diese Freiheit existiert nicht etwa in einem besonderen Vermögen, dem Willen, ebensowenig diese Universalität in einem besonderen Vermögen der Denkkraft, der Vernunft — diese Freiheit, diese Universalität erstreckt sich über sein ganzes Wesen. Die tierischen Sinne sind wohl schärfer als die mensch- Die neue Philosophie liehen, aber nur in Beziehung auf bestimmte, mit den Bedürfnissen des Tieres in notwendigem Zusammenhang stehende Dinge, und sie sind schärfer eben wegen dieser Determination, dieser ausschließlichen Besdiränkung auf Bestimmtes. Der Mensch hat nicht den Geruch eines Jagd- hundes, eines Raben; aber nurweil sein Geruch ein alle Arten von Gerüchen umfassender, darum freier, gegen besondere Gerüche indifferenter Sinn ist. Wo sich aber ein Sinn erhebt über die Schranke der Partikularität und seine Gebunden- heit an das Bedürfnis, da erhebt er sich zu selbständiger, zu theoretischer Bedeutung und Würde: univer- seller Sinn ist Verstand, universelle Sinnlichkeit Geistigkeit. Selbst die untersten Sinne, Gerudi und Gesdimack, erheben sich im Menschen zu geistigen, zu wissenschaftlichen Akten. Geruch und Geschmack der Dinge sind Gegenstände der Naturwissenschaft. Ja selbst der Magen des Menschen, so verächtlich wir auf ihn herabblicken, ist kein tierisches, sondern menschliches, weil universales, nicht auf bestimmte Arten von Nahrungs- mitteln eingeschränktes Wesen. Eben darum ist der Mensch frei von der Wut der Freßbegierde, mit welcher das Tier über seine Beute herfällt. Laß einem Menschen seinen Kopf, gib ihm aber den Magen eines Löwen oder Pferdes — er hört sicherlich auf, ein Mensch zu sein.

Ein beschränkter Magen verträgt sich auch nur mit einem beschränkten, d. i. tierischen Sinne. Das sittliche und ver- nünftige Verhältnis des Menschen zum Magen besteht daher auch nur darin, denselben nicht als ein viehisches, sondern menschliches Wesen zu behandeln. Wer mit dem Magen die Menschheit abschließt, den Magen in die Klasse der Tiere versetzt, der autorisiert den Menschen im Essen zur Bestialität.

Die neue Philosophie macht den Menschen mit Einschluß der Natur, als der Basis des Menschen, zum alleinigen, universalen und höchsten Gegenstand der Philosophie — die Anthropologie 89 Feuerbach: Philosophie der Zukunft also, mit Einschluß der Physiologie, zur Uni- versalwissenschaft.

Kunst, Religion, Philosophie oder Wissen- schaft sind nur die Erscheinungen oder Offenbarungen des wahren menschlichen Wesens. Mensch, voll- kommener, wahrer Mensch ist nur, wer ästhetischen oder künstlerischen, religiösen oder sittlichen und philosophischen oder wissenschaftlichen Sinn hat — Mensch überhaupt nur der, welcher nichts wesentlich Menschliches von sich ausschließt. Homo sum, humani nihil a me alienum puto — dieser Satz, in seiner universellsten und höchsten Be- deutung genommen, ist der Wahlspruch des neuen Philosophen.

Die absolute Identitätsphilosophie hat den Standpunkt der Wahrheit gänzlich verrückt. Der natürliche Standpunkt des Menschen, der Standpunkt der Unterscheidung in Ich und Du, Subjekt und Objekt, ist der wahre, der absolute Standpunkt, folglich auch der Standpunkt der Philosophie.

Die der Wahrheit gemäße Einheit von Kopf und Herz besteht nicht in der Auslösdiung oder Ver- tuschung ihrer Differenz, sondern vielmehr nur darin, daß derwesentliche Gegenstand des Herzens auch der wesentliche Gegenstand des Kopfes ist — also nur in der Identität des Gegenstandes. Die neue Philosophie, welche den wesentlichen und höchsten Gegenstand des Herzens, den Menschen, auch zum wesent- lichsten und höchsten Gegenstand des Verstandes macht, begründet daher eine vernünftige Einheit von Kopf und Herz, von Denken und Leben.

90 Die neue Philosophie Die Wahrheit existiert nicht im Denken, nidit im Wissen für sich selbst. Die Wahrheit ist nur die Totalität des menschlichen Lebens und Wesens.

Der einzelne Mensch für sich hat das Wesen des Menschen weder in sich als moralischem, nodi in sich als denkendem Wesen. Das Wesen des Menschen ist nur in der Gemeinsdiaft, in der Einheit des Menschen mit dem Menschen enthalten — eine Einheit, die sidi aber nur auf die Realität des Unterschieds von Ich und Du stützt.

Einsamkeit ist Endlichkeit und Beschränkt- heit, Gemeinschaftlichkeit ist Freiheit und Unendlichkeit. Der Mensch für sich ist Mensch (im gewöhnlichen Sinn); Mensch mit Mensch — die Einheit von Ich und Du — ist Gott.

Der absolute Philosoph sagte oder dachte wenigtsens, analog dem L'etat c'est moi des absoluten Monarchen und L'etre c'est moi des absoluten Gottes — von sich, als Denker natürlich, nicht als Menschen: la verite c'est moi. Der menschliche Philosoph sagt da- gegen: ich bin auch im Denken, auch als Philo- soph, Mensch mit Menschen.

Die wahre Dialektik ist kein Monolog des ein- samen Denkers mit sich selbst, sie ist ein Dialog zwischen Ich und Du.

91 Feuerbach: Philosophie der Zukunft Die Trinität war das höchste Mysterium, der Zentralpunkt der absoluten Philosophie und Religion. Aber das Geheimnis derselben ist, wie im Wesen des Christentums historisch und philosophisch bewiesen wurde, das Geheimnis des gemeinschaft- lichen, gesellschaftlichen Lebens — das Ge- heimnis der Notwendigkeit des Du für das Ich — die Wahrheit, daß kein Wesen, es sei und heiße nun Mensch oder Gott oder Geist oder Ich, für sich selbst allein ein wahres, ein vollkommenes, ein absolutes Wesen, daß die Wahrheit und Vollkommenheit nur die Verbindung, dieEin- heit von wesensgleichen Wesen ist. Das höchste und letzte Prinzip der Philosophie ist daher die Einheit des Menschen mit dem Menschen. Alle wesent- lichen Verhältnisse — die Prinzipien versdiiedener Wissen- schaften — sind nur verschiedene Arten und Weisen dieser Einheit.

Die alte Philosophie hat eine doppelteWahrheit — die Wahrheit für sich selbst, die sich nicht um den Menschen bekümmerte — die Philosophie — und die Wahrheit für den Menschen — die Re- ligion. Die neue Philosophie dagegen, als die Philo- sophie des Menschen, ist auch wesentlich die Philo- sophie für den Menschen — sie hat unbeschadet der Würde und Selbständigkeit der Theorie, ja im innig- sten Einklang mit derselben, wesentlich eine praktische und zwar im höchsten Sinne praktische Tendenz; sie tritt an die Stelle der Religion, sie hat das Wesen der Religion in sich, sie ist in Wahrheit selbst Religion.

Die bisherigen Reformversuche in der Philosophie unterscheiden sich mehr oder weniger nur der Art, 92 Schluß nicht der Gattung nach von der alten Philosophie. Die unerläßlichste Bedingung einer wirklich neuen, d. i. selbständigen, dem Bedürfnis der Menschheit und Zu- kunft entsprechenden Philosophie ist aber, daß sie sich dem Wesen nach von der alten Philosophie unter- scheide.

Es darf nunmehr noch ein Wort zu dem Verständnis von Feuerbachs g-eheimen Gedanken gesagt werden, wenn er sie auch an manchen Stellen entschieden genug ausg-esprochen hat. Das sind nicht nur seine Thesen über die Verwurzelung aller geistigen Ereig^nisse in denVerhältnissen zwischen den Menschen, seine Beg-ründung der Philosophie auf die lebensvolle Spannung- zwischen Ich und Du. Gewiß, das sind fundamentale Grund- legungen; aber Feuerbach ist noch weitergegangen; er hat den Bauplan und zum Bau selber die ersten Mauern zu errichten begonnen. Und hier ist ein abschließendes Wort über seinen Materialismus zu sagen.

Feuerbachs Materialismus bedeutet keine andere Metaphysik im Gegensatz zu der vorherigen; und insoweit er doch Meta- physiker ist, so ist das allerdings eine Schwäche. „Wir sehen nidit nur Spiegelflächen und Farbengespenster, wir blicken auch in das Auge des Menschen". Dazu setze man das epi- grammatisch knappe Wort, das als Motto diesem Bändchen gegeben ist: „Die Einheit von Ich und Du — ist Gott", dann öffnet sich ein bis dahin von geheimnisvoller Macht verschlossen gehaltenes Tor: das Sinnliche selber greift ins Uebersinnliche über, das ist das Tiefste dessen, was das Wirklichkeitsorgan dieses Philosophen erschlossen hat. Nietzsche sprach später von dem Mißverständnis des Körpers; Feuerbach verlangt nach einem greifbaren Gott und beruft sich — wider die christliche Theologie! — auf die Anschauungsweise des ältesten, unver- fälschten Christentums. So reformiert Feuerbach nicht nur die Philosophie, indem er sie in das Land des Gemeinschaftslebens einführt — „zwei Menschen gehören zur Erzeugung des Men- schen, des geistigen so gut wie des physischen: die Gemein- schaft des Menschen mit dem Menschen ist das erste Prinzip und Kriterium der Wahrheit und Allgemeinheit" — sondern es treten auch merklich die Linien einer künftigen Reform der Theologie hervor, die derjenigen der Philosophie folgen wird.

93 93 Schluß Für die Philosophie handelt es sich um die Entlassung aus den engen vier Wänden des einsamen Ich in die gemeinsdiafts- bildende Welt der Menschheit; für die Theologie dagegen um das durch eine „offenherzig sinnhche Philosophie" wieder zu gewinnende Paradies der Schöpfung, um das gute Gewissen gesunder und echter Leiblichkeit, um das Abstoßen spiritua- listischer Verblasenheit. Wäre nur Feuerbach nicht, als trotz allem getreues Kind seines Jahrhunderts, ein Niditkenner des Todes, zugleich ein Verkenner des Bösen gewesen, so hätte schon in ihm sein großes Wort eine ihm nun allerdings ver- wehrte Erfüllung erhalten: „Der Zeigefinger ist der Wegweiser vom Nichts zum Sein". Wahrlich, an Feuerbach selbst hat sich die glänzende Beobachtung, die er an der Geschichte des Den- kens machte, bewahrheitet: „Wir sind oft längst von einer Sache, einer Lehre, einer Idee der Tat nach frei, aber gleichwohl sind wir es noch nicht im Kopfe; sie ist keine Wahrheit mehr in unserem Wesen — sie war es vielleicht nie — aber sie ist noch eine theoretische Wahrheit, d. h. eine Sdiranke unseres Kopfes. Der Kopf, weil er die Dinge am gründlichsten nimmt, wird auch am spätesten frei".

94 Ludwig Feuerbachs sämtliche Werke Neu herausgegeben von Wilhelm Bolin und Friedrich Jodl.

Säkularausgabe in 10 Bänden.

Band II vergriffen.

Als Sonderausgabe erschien Band VI und VII: Das Wesen des Christentums Vorlesungen über das Wesen der Religion Ferner erschien: Ludwig Feuerbach Frommanns Klassiker der Philosophie. Bd. XVII. Mit Feuerbachs Von Professor Hans Ehrenberg sind ersdiienen: Die Eisenhüüentechnik und der deutsche Hüttenarbeiter.

Kritik der Psychologie als Wissenschaft. J. C. B. Mohr, 1910. Die Geschidite des Menschen unserer Zeit. Richard Weißbach, Die Parteiung der Philosophie. Studien wider Kant und Hegel.

Tragödie und Kreuz. Zwei Bände, Patmosverlag, Frankfurt a. M., Die Heimkehr des Ketzers. Patmosverlag, 1920, M. 12. —. Evangelisches Laienbüchlein. J. C. B. Mohr, 1922, in drei Stücken a M. 9. —.

I.Stück: Der schmale Weg zwischen Kirche und Politik.

2. Stück: Die Religion des Arbeiters.

3. Stück: Die Soldaten Christi.

Disputationen über Fichte, Schelling, Hegel. In drei Bänden, Fr. Frommann.

Im Herbst 1922 erscheinen Fichte und Schelling. Oestliches Christentum. Dokumente in zwei Bänden, C. H. Beck- sche Verlagsbuchhandlung.

Im Herbst 1922 erscheint der erste Band.