Inhaltsverzeichnis.
Zeitschrift für Psychologie 61. 11 162 Max Wertheiner.
$ 20. Anwendung der Ergebnisse auf vorliegende Theorien...239 bezüglich der Aufmerksamkeit...ee a $ 21. Skizzierung einer Sage as nenn. 46 Rückblick...er et de en BDA Be Man sieht eine Bewegung: ein Gegenstand bewegte sich von einer Lage in eine andere. Man beschreibt den physikalischen Sachverhalt: bis zum Zeitpunkt #, hat sich der Gegenstand in der Lage }, (am Orte 0,) befunden; vom Zeitpunkt z, an in der Lage!, (am Orte 0,); in der Zwischenzeit, zwischen #, und z,, hat sich der Gegenstand sukzessiv, zeit- und raumkontinuier- lich, in den Zwischenlagen zwischen /, und /!„ befunden und ist durch sie nach /„ gelangt.
Man sieht diese Bewegung; nicht etwa: mıan sieht blofs, dafs der Gegenstand nun anderswo als früher sei und weils so, dafs er sich bewegt habe (ähnlich beim langsamen Uhrzeiger; dafs er sich in Bewegung befinde);! sondern: man sah die Bewegung. Was ist da psychisch gegeben?
Es liegt nahe, in einfacher Analogie zum physikalischen Sachverhalt zu sagen: das Sehen von Bewegung bestehe darin, dafs auch das Seh-Ding, das psychisch visuelle Objekt, von der Seh-Lage /, durch die räumlichen Zwischenlagen im Kontinuum nach /„ hingelangt sei; darin, dafs solche Folge von Zwischen- lagen psychisch gegeben sei, sei das Sehen der Bewegung ge- geben.
War dieses Sehen von Bewegung als „Täuschung“ erlangt, d. h. physikalisch etwa wirklich blofs eine ruhende Lage und nachher, in deutlichem Abstand von der ersten eine andere ruhende Lage gegeben, so wäre auf Grund der beiden Empfin- dungen ruhender Objekte, im Anschlufs an sie, irgendwie subjek- tive Ergänzung eingetreten: das Durchgehen, das Eingenommen- haben der Zwischenlagen sei irgendwie subjektiv ergänzt.
In der folgenden Untersuchung wird von Bewegungsein- Die prinzipielle Konstatierung des direkten Bewegungseindruckes im liinweise auf periphere Wahrnehmung, quantitive Verhältnisse usw. voll- zog 8. Exner (Über das Sehen von Bewegungen. Wiener Sitz.-Ber. 72, Abt.
2) Experimentelle Studien über das Sehen von Bewegung. 163 drücken gehandelt, die sich bei Darbietung zweier solcher suk- zessiver Lagen, auch bei beträchtlichem räumlichen Abstand der beiden voneinander, erzielen lassen.
%* Dafls durch sukzessive Darbietung ruhender Einzellagen in tauglichen Expositionsverhältnissen „Bewegungstäuschungen“ ent- stehen, ist bekannt; so erzielt der Kinematograph Be- wegung'! (ähnlich wie das ältere Stroboskop,! bei dem sich die Verhältnisse durch die Rotation der Objektstreifen kompli- zieren); Exner? hatte Bewegung u. a. bei sukzessivem Auf- leuchten zweier Funken erzielt; MarBE? bei Experimenten mit ruhigen, sukzessiv aufleuchtenden Lämpchen; ScHumann* hat bei tachistoskopischer, sukzessiver Darbietung einer vertikalen und nachher einer horizontalen Linie einen Herumruck, eine Drehung konstatiert.
Über weitere, andersartige Bewegungstäuschungen liegt eine grolse Anzahl verstreuter Arbeiten vor.° Über Bedingungen des Sehens von Bewegung sind elementare quantitative Untersuchungen angestellt worden. ® Theoretischer Ansichten über das Bewegungssehen liegt eine Anzahl vor; im besonderen eine ausgedehnte Diskussion der Frage, ob Bewegungssehen sich „aus einer Art Vereinigung der Raum- und Zeitanschauung ohne Rest ableiten und deduzieren I Ich verweise auf die zahlreiche Literatur bezüglich der „strobosko- pischen Täuschung“; sie ist grofsenteils zusammengestellt z. B. in EBBIng- Haus, Psychologie III. Aufl. S. ö3lf. usw., in Einzelarbeiten z. B. Fischer, Philos. Studien Bd. III, u. a.; Like, Psychol. Studien, Bd. III. — Vgl. MARBE, Theorie der kinematogr. Projektionen. Leipzig 1910.
2 Exner, Über das Sehen von Bewegungen. Wiener Sitz.-Ber. 72, Abt. 3.
* Schuuann im II. Kongref[s für exp. Psychologie. Bericht, Leipzig 1%7, 5 Literatur z. B. in EuBinanaus, Psychologie III. Aufl. 8. 534, HeLMHoLTz- Krıes, Handb. der physiol. Optik, 8. 226f.; u. a. Vgl. neuerdings die zu- sammenfassende Darstellung: H. HAnseLMann, Über optische Bewegungs- wahrnehmung, Zürich, Diss. 1911.
6 Auzert, Die Bewegungsempfindung, Pflügers Archiv 39, 40.
Weiteres sub Anm. 5.
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lasse“,! oder eine „unmittelbare und eigenartige sinnliche An- schauung“! sei, auf einer besonderen Art von Empfindung? oder auf einem höheren psychischen Vorgang beruhe?; indem man versuchte, das Sehen von Bewegung theoretisch zu analv- sieren, wobei die Aufgabe der Erklärung von Bewegungs- täuschungen naturgemäls eine Rolle spielt.‘ Überblickt man die aufgestellten Theorien, so ist zu nennen: aufser der Empfindungs- theorie? die Nachbildtheorie®, die das Wesentliche des Be- wegungssehens von Verhältnissen des An- und Abklingens der Erregung in benachbarten Netzhautstellen aus zu fassen sucht; die Augenbewegungstheorie,® die für das Zustandekommen von Be- wegungseindrücken auf die Rolle von Augenbewegungs-Empfin- dungen rekurriert; die Veränderungsempfindungstheorie’?, die den Eindruck von Bewegung aus einem Elementareren, einer spezi- fischen Empfindung für Veränderung von Sinneseindrücken al)- leitet; die Verschmelzungstheorie ®, nach der hier eine Art apper- zeptiver Verschmelzung vorliege; schliefslich die Gestalt- resp. Komplexqualitätstheorie.? So wurden einerseits prinzipiell peri- phere Verhältnisse zur Erklärung herangezogen, andererseits jen- seits der Peripherie liegende höhere Prozesse. Dafls man bei Er- klärung bestimmter Bewegungseindrücke zentrale Vorgänge zuı S. EsBınacHuaus, Grundzüge der Psychologie. Leipzig 1102. S. 466f. — Vgl. Düse in der Neuauflage der Essıinsuausschen Psychologie (III. Aufl.)
®2 Exner, Entwurf zu einer physiologischen Erklärung der psychischen Erscheinungen, Leipzig-Wien. — Stern, Psychologie der Veränderungsauf- fassung, Breslau 1906. — CorneLius, Psychologie, S. 132.
* Vgl. die zahlreichen Arbeiten von S. Exner; Macu, Analyse der Empfindungen, Leipzig; Haman, Die psychologischen Grundlagen des Be- wegungsbegriffes, Zeitschr. f. Psychol. 45, 8. 231 u. 341, usw. — Vgl. Anm. b voriger Seite.
% Vgl. Wunpt, Physiol. Psychologie II, S. 577.
? Vgl. Steen, a.a.O. sub Anm. 2; vgl. 8. Exner, Zentralbl. f. Physiol. 24, ® EHRENFELS, Über Gestaltqualitäten, Vierteljahrsschr. f. wiss. Philosophie 15, S. 263f. CornzLıus, über Verschmelzung und Analyse, daselbst 17, S. döf.; sodann, wie ich nach Abschluls der Arbeit fand, Wırasek, Psychologie der Raumwahrnehmung des Auges, Heidelberg 1910, in besonderer Vorstel- lungs-Produktionstheorie.
Experimentelle Studien über das Sehen von Bewegung. 165 vrundelegen müsse, hat ExnER! ausgeführt, ferner MuARBE?; LınkE®; ScHumann* hat die Auffassung vertreten, dafs man es hier mit einem zentral erzeugten Bewulstseinsinhalt zu tun habe, mag man ihn mit Exner als Bewegungsempfindung oder ınit EHRENFELS als Gestaltqualität bezeichnen.
8 1. Man zeichne auf den ÖObjektstreifen eines Stroboskops zwei Objekte einfacher Art. Z. B. eine 3cm lange Horizon- tale am Anfang des Streifens, eine zweite in der Mitte des Streifens etwa 2cm tiefer. Bei relativ sehr langsamer Rota- tion des Stroboskops erscheint zuerst die eine Horizontale, dann die andere; die beiden treten klar sukzessiv und dualiter auf. Bei sehr schneller Rotation sieht man sie simultan übereinander; sie sind gleichzeitig, zusammen da. Bei einer mittleren Geschwindigkeit sieht man bestimmte Bewegung: ein Strich bewegt sich klar und deutlich von einer oberen Lage in eine untere und zurück.
Oder: man bringe am Anfange des Objektstreifens eine schräge Linie an _/, in der Mitte wieder eine Horizontale —. Im extremen Sukzessivstadium erscheint zuerst die Schräge dann die Horizon- tale. Im extremen Simultanstadium sind sie zusammen gegeben, man sieht einen Winkel /. Im Bewegungsstadium, zwischen den beiden Extremstadien, dreht sich eine Linie aus der Schräglage (um ihren Endpunkt als Scheitel) in Horizontallage und um- gekehrt. Und analog bei anderen Objekten, Formen und Lagen.
Man kann dabei tauglich durch ein Diaphragma sehen, das so gestellt ist, dals gleichzeitig immer nur ein Schlitz des Strobo- skops sichtbar ist.
Von der Frage des Sehens des Vorüberziehens der Objekte ist hier leicht abzusehen; es handelt sich hier um die Frage der gesehenen Auf- und Abbewegung, Drehung oder Ruhe in bezug auf die Richtung, die durch die gegenseitige Lage der beiden Objekte gegeben ist; bei dem Stroboskop kommen hier kompli- zierende Umstände hinzu; die drei „ausgezeichneten Stadien® — das der Sukzession, der optimalen Bewegung, das der Simultaneität — liefsen sich ebenso bei anderen Versuchsanordnungen beobachten, I ExnErR, &. a. OÖ. sub Anm. 2 voriger Seite.
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bei denen keinerlei Vorüberziehen der Objekte vorhanden ist; so ın den Hauptversuchen: bei tachistoskopischer Exposition zweier suk- zessiver ruhender Reize mittels des Schumannschen Tachistoskops (s. S. 175 f.) [ferner bei Projektion unter Verwendung eines Brenn- punkttachistokops bei den S.168f. geschilderten Schieberversuchen mit und ohne Projektion usw. (s. S. 180).
Dieser sinnlich klar und deutlich gegebene Eindruck der Be- wegung eines Identischen ist psychologisch rätselhaft. Was ist psychisch gegeben, wenn man hier Bewegung sieht?
Ist es möglich, durch vorschreitende experimentelle Frage- stellungen vorwärts zu kommen in der Erforschung des Problems: was da psychisch vorhanden sei; was diese Eindrücke konstituiere?
Die Beobachtungen am Stroboskop legten mir als erste experimentell-technische Frage nahe: Wie entsteht das optimale Bewegungsstadium? (wie entwickelt es sich aus dem simultanen, aus dem sukzessiven? Wie zerfällt es in diese? Was ist auf deın Wege zwischen diesen drei Stadien gegeben? Gibt es viel- leicht qualitativ besondere, spezifisch charakterisierte Zwischen- stadieneindrücke, — durch die auf die qualitative Entwicklung und die psychologische Eigenart des optimalen Bewegungsein- druckes Licht fiele?)
Ferner: was geht im „Bewegungsfelde“ vor?! Ist es mög- lich festzustellen, was da in dem Raum zwischen der ersten und der zweiten Lage (im Winkelexperiment z. B. im Winkelraume zwischen den beiden Schenkellagen) „gegeben“ sei?
Dabei: sind periphere Verhältnisse oder Augenbewegungen etwa konstitutiv fundierend?
Sınd Verhältnisse der Aufmerksamkeit, des Erfassens kon- stitutiv von Wichtigkeit? Kommt verschiedenen Aufmerksam- keitsstellungen? eine Rolle zu? Welche?
Welches sind die Erscheinungsweisen und Wirkungen des Vorgangs? usf.
Unter dem Gesichtspunkt solcher Fragestellungen war lleran- Auf diese Frage weist schon die Angabe Scnunanns a. a. O0. S. 218.
®? Vgl. über die Rolle des verschiedenen Verhaltens der Aufmerksanı- keit Schumann, Beiträge zur Analyse der Gesichtswahrnehmungen, Heft 1; v. Aster Zeitschr. f. Psychol. 48, S. 161; Kaprınska Zeitschr. f. Psychol. 57, S. 1; Jaenscı Erg.-Bd. IV. Zeitschr. f. Psychol.; u. a.
Experimentelle Studien über das Sehen von Bewegung. 167 ziehung spezieller Variationen in den Versuchsbedingungen ge- geben: 1. Beobachtungen im Übergange von einem der drei Haupt- stadien zu einem anderen, unter Variation der Zwischenzeit t zwischen den Expositionen der beiden Objekte; Variation der Expositionszeiten.
2. Taugliche Variation in der Anordnung der beiden Objekte, der Lage, gegenseitigen Entfernung (Abstand), der Gestalt, Farbe usw. und Verwendung von in bestimmter Weise ver- schiedenen Objekten.
3. Variationen bezüglich des subjektiven Verhaltens; der Fixa- tion, der Aufmerksamkeitsstellung, der Einstellung.
4. Einführung dritter und weiterer Objekte in das Expositions- feld, wobei komplizierende Faktoren durch taugliche Gegen- experimente auszuschliefsen waren.
. Untersuchung von Nachwirkungen.
Si * Hier haben wir es mit dem Zustandekommen des Eindrucks der Be- wegung eines Objekts bei Darbietung zweier sukzessiver ruhender Reize zu tun; der spezifische Bewegungseindruck ist nicht nur hier psychologisch rätselhaft, sondern auch beim Sehen wirklicher Bewegung. Wäre es nun nicht, will man seinem Wesen näherkommen, ein verkehrtes Unternehmen, von „Scheinbewegung“ auszugehen?
Man sagt: ich weifs, wie es aussieht, wenn ein Ding sich bewegt; und werde nun getäuscht darüber; was ja nur dadurch geschehen kann, dafs ich eben nur glaube, Bewegung zu sehen resp. das Fehlende — das Durchgehen durch die Zwischenlagen — aus bekannter Erfahrung subjek- tiv ergänze?! Es wird auf Grund und im Sinn früherer direkter Erfah- rungen wahrgenommener wirklicher Bewegung subjektiv ergänzt: die Scheinbewegung ist etwas schlechthin Sekundäres, Komplizierteres; man kann nur umgekehrt vom Studium der Wahrnehmung wirklicher Bewegung zum Begreifen des Entstehens der Scheinbewegung gelangen.
Wenn das nun auch sicher so wäre, dafs das Wesen der Scheinbewe- gung nur eben im subjektiven Ergänzen der Zwischenlagen von direkten Er- fahrungen her bestehe; so wäre es doch schon an sich wichtig, die Er- scheinungsweise und die Gesetzmäfsigkeiten dieser so eindringlichen „Täu- schungen“ zu studieren. Aber wie? Wenn es sich herausstellen sollte, dafs von hier aus experimentelle Ergebnisse vorwärts brächten bezüg- lich des Verständnisses des Bewegungssehens überhaupt? Dafs unter diesen technisch einfachsten Verhältnissen konstitutive Elemente experimentell herausgelöst werden könnten, vielleicht das konstitutive Element, das dem wirklichen, eindringlich gegebenen Sehen von Bewegung zugrundeliegt?
[Dabei mufs das Wort „Täuschung“ in einem Sinn gleich hier abge- 168 Max Wertheimer.
wiesen werden; um Täuschung über den wirklichen physikalischen Sach- verhalt darf es sich hier zunächst nicht handeln; die Untersuchung muls das psychisch Gegebene zu beschreiben und zu erforschen suchen.]
— Wie sich das auch verhalten mag — wirkliche Entscheidung kann erst der Fortgang bringen —: ich handle im folgenden von Bewegungs- eindrücken, die sich bei Sukzessivexposition zweier ruhender Tagen, bei räumlichem Abstand der Lagen voneinander, ergeben.
Es soll darangegangen werden, unter diesen einfachen und exakt vari- ablen Bedingungen die Erscheinungen und ihre Konstituenten zu studieren und experimentell Bausteine zu theoretischen Entscheidungen zu gewinnen, in dem Sinne, dafs das Experiment auf vorschreitende spezielle Fragen, die selbst sich am Beobachtungsmaterial ergeben, eindeutige Antwort geben möchte; wenn möglich: das Konstitutive des Eindrucks an sich experi- mentell herauszulösen.
$ 2. Vor dem Bericht über die Hauptversuche sei in diesem Paragraphen noch eine Frage vorangestellt: Ist durch Darbietung zweier sukzessiv auftretender, durch einen Abstand räumlich getrennter Lagen der psychische Ein- druck der Bewegung in völlig optimalem Sinn zu erzielen mög- lich? d. h. ganz im Sinn gesehener Bewegung eines Objekts, das sich von einer Anfangslage in eine andere wirklich bewege?
In der unten beschriebenen Versuchsanordnung werden wech- selnd, sukzessiv, zwei ruhende Reize bestimmten Abstands in bestimmter Zwischenzeit einerseits, entsprechende wirkliche Be- wegung andererseits dargeboten. In einer Versuchsvariation wirk- liche Bewegung und Sukzessivdarbietung zweier ruhender Lagen gleichzeitig, d. i. neben, untereinander statt nacheinander. Die Beobachter, die nicht wulsten, welche von den gegebenen Ex- positionen Expositionen wirklicher Bewegung sein würden, welche aber blofs Exposition zweier sukzessiver Reize, sollten angeben, was sie sehen; wo Bewegung gegeben ist; wo wirkliche Be- wegung vorliegt.
Das Experiment ist übrigens mit Hilfe des Schiebers (z. B. S.263 Nr. IV) jederzeit auch ohne besondere Hilfsmittel in ein- facher Weise anstellbar.
Ich verwendete hier zunächst einen der bekannten Holz- schieberahmen, die bei Projektionsapparaten dazu dienen, zwei Diapositive aufzunehmen; will man nach Exposition des Diapositivs zum zweiten übergehen, so braucht man blofs den Diapositiv- rahmen im Gestell weiterzuschieben. (Es mufs das ein Schieber sein, der glatt läuft, d. h. nicht nebenbei selbstätiges Herausheben Experimentelle Studien über das Sehen von Bewegung. 169 der Diapositive bewirkt.) Statt eines Diapositivs war in den einen Rahmen des Schiebers eine Blechscheibe gestellt, in deren Mitte ein oblongum (vertikal ca. 3—4 cm, horizontal ca. 7 mm) ausgeschnitten war. An dem äulseren, festen Gestell war ein Stück Pappe befestigt, das den Rahmen bedeckte und in das zwei recht dünne, etwas kürzere Vertikalschlitze in bestimmtem Ab- stande voneinander (1, 1,5, 2 cm) geschnitten waren; so zwar, dals wenn der Schieberahmen ganz eingeschoben war, das oblongum nur Licht durchliefs für den einen der beiden Schlitze; nur für den anderen, wenn der Rahmen im Gestell um ein bestimmtes Stück (hier im Abstand der Schlitze etwa) herausgeschoben war [s. Schieber-Figur I, S. 262]. An der Stelle der seitlichen Schiene, bis zu welcher der Schieberahmen zu dem Zwecke herausgeschoben werden muls, hält man am einfachsten einen Finger fest und hat so die beiden Expositionslagen mechanisch fixiert: die eine durch das Gestell selbst (die Stelle, bis zu der der Rahmen über- haupt beim Einschieben geschoben werden kann), die andere durch den festbaltenden Finger (der sich natürlich obneweiters durch mechanische Widerstände ersetzen lälst).
Den so gearteten Schieberahmen kann man nun in den Strahlengang eines Projektionsapparates stellen.
Die Schlitze müssen schmal sein; dann erreicht man bald bei stolsweisem Bewegen des Schiebers zwischen den beiden fixierten Stellungen, dafs zureichend Momentanerhellung des Schlitzbildes stattfindet, ohne dafs irgend am Bilde gesehen werden kann, von welcher Seite der Schlitz aufgedeckt wurde, resp. ohne dals die Richtung der Schiebebewegung erraten werden könnte. [Dafs die Richtung der Aufdeckung nicht konstitutiv wirkt, liefs sich übrigens einfach erweisen (s. S. 170)].
Man findet bald bei stolsweisem, rhythmischem Hin- und Her- bewegen des Schiebers eine günstige Zeit (t, die Zeit der Auf- einanderfolge der beiden Expositionen und «, #, die Haltepausen = den Expositionszeiten), bei der der Beobachter, bei dauernder oder bei einmaliger Beobachtung, nicht zwei ruhende Projektions- bilder sieht, sondern einen Strich, der sich von der einen Stel- lung in die andere bewegt. (Der manuelle Betrieb genügt bei einiger Übung des Experimentators für dieses Experiment voll- kommen; über die Bestimmung und die Gröfse der Zeiten vgl.
Man kann in ähnlicher Weise einen wirklich bewegten Schlitz 170 Max Wertheimer.
projizieren; am einfachsten wieder so, dafs man in den zweiten Teil-Rahmen des Schiebers entsprechend der vorhin am festen Gestell angebrachten Pappscheibe mit zwei Schlitzen eine solche Scheibe mit einem Schlitz stell. Man bewegt nun den Schieber (vor dem diesmal keine fixe Scheibe angebracht ist) in ähnlicher Art wie oben von einer fixierten Lage zur anderen und damit den Expositionsschlitz selbst; wodurch das Schlitzbild im Pro- jektionsfelde in wirklicher Bewegung gegeben ist.
Zur Ermöglichung eines Vergleichs bei simultanem Gegeben- sein beider Arten von Exposition (wirklicher Bewegung und suk- zessiver Reize) diente folgende Anordnung der Expositions- und Strichschlitze: die unbewegliche Pappscheibe, die am äulseren Ge- stell befestigt ist, enthält z. B. in ihrer unteren Hälfte die beiden Vertikalschlitze (der Sukzessivexposition), in ihrer oberen Hälfte einen grölseren Ausschnitt; die bewegliche Scheibe (im Schieber) oben einen Strichschlitz, unten das Expositionsoblongum (siehe Schieber Nr. II S. 262); so dafs oben ein Strich in wirklicher Bewegung exponiert wird, unten sukzessiv die beiden Striche. Analog bei Nebeneinanderstellung usw. (s. Schieber Nr. IV S. 263).
— \an hätte meinen können, dafs das richtungsweise Aufhellen der einzelnen Schlitzbilder, das ja hier in der Richtung der ge- sehenen Bewegung erfolgt, zur Erzeugung des Bewegungseindruckes konstitutiv mitwirke: der erste Strich verschwindet beim Schieben z. B. von links nach rechts, der zweite wird von links nach rechts aufgehellt, die gesehene Bewegung hat dieselbe Richtung. Nun war — etwa bei Verdeckung des einen Strichs — bei Hin- und Herbewegung des Schiebers am Projektionsbilde nicht zu erraten, von wo die Aufdeckung stattfand, die Erhellung erfolgte subjektiv momentan. Aber das Bedenken entschied sich prin- zipieller durch eine technische Änderung: man kann die Auf- deckung resp. Schlielsung der Schlitze in entgegengesetzter Richtung erfolgen lassen als die Sukzession der Expositionen geht; auch dann ergibt sich optimale Bewegung; trotzdem die Richtung des Verschwindens resp. des Erhellens der gesehenen Bewegung entgegengesetzt ist. Statt eines Expositionsoblongums dienten nun zwei; deren Abstand etwas (und zwar um die Gröfse der Schiebeweite) grölser war als der Abstand der beiden Strich- schlitze voneinander; standen die Strichschlitze in der fixen Scheibe (bei 1 mm Breite, 3cm Länge) z. B. in einem Abstande von lcm voneinander, so waren die entsprechenden, etwas breiteren Erperimentelle Studien über das Sehen von Bewegung. 171 Expositionsoblonga im Schieber in einem Abstande von z.B. 2 cm voneinander angebracht (s. Fig. III S. 262). [Durch Vergröfserung dieses Abstandes der Expositionsoblonga resp. der Breite der Ex- posionsoblonga ist übrigens hier die Zwischenzeit? zwischen den beiden Expositionen auch unabhängig von der Geschwindigkeit des Schiebers variierbar (vgl. Schieber Nr. V S. 263, bei dem nebeneinander zwei Sukzessivexpositionen verschiedener Zwischen- zeit fungieren). ] Ist der Schieber ganz eingeschoben, so ist in der Anordnung Fig. I, S. 262 der linke Schlitz exponiert, der rechte nicht. Ist der Schieber mit den Expositionsoblongis um ein Stück nach links geschoben (um die Differenz der Abstände), so ist der rechte Strich exponiert, der linke nicht usf. Der linke ist hierbei von rechts nach links verdunkelt worden, der rechte von rechts nach links aufgehellt worden, die Sukzession und die gesehene Be- wegung geht aber von links nach rechts. Es ergab sich optimale Bewegung eines Striches (oft „energischer“ „stärker“ als bei gleich- gerichteter Aufhellung und Verdeckung).
Schieber Nr. IV, S. 263 vereinigt nebeneinander in gleich- zeitiger Exposition rechts oben im Expositionsfelde wirkliche Be- wegung, links oben, rechts unten Sukzessivreize in gleichgerich- teter, links unten in umgekehrter Aufdeckungsrichtung.
— Auch ohne Verwendung eines Projektionsapparates kann man die Schieberbeobachtungen anstellen; mit dem geschilderten Holzschieberahmen oder einer ähnlichen Schiebervorrichtung (es ist technisch vorteilhaft mit kleiner Entfernung zwischen der fixen und der beweglichen Scheibe zu arbeiten; man erreicht Bo die günstigen Abmessungen 0,5 ınım Schlitzbreite, 3mm Ab- stand der Schlitze voneinander am Schieber) oder am ein- fachsten mit dem handlichen Schieber Fig. Nr. VII, S. 263. Man stellt am besten den Schieber im Dunkel so vor sich hin, dafs man die beiden Expositionsschlitze, hinter denen die bewegliche gleichdunkle Scheibe ist, nicht sieht. Dahinter, z. B. 50 cm ent- fernt wird eine z. B. weilse Fläche aufgestellt, die von einer seit- lich dazwischen stehenden, nach vorn abgeblendeten Lampe be- leuchtet wird oder, transparent, von hinten Beleuchtung empfängt. Oder der Schieber wird in eine Türe zwischen einem hellen und einem dunkeln Zimmer gestellt oder am Fenster zum hellen Himmel zugerichtet usw. In je einer der fixierten Stellungen 172 Max Wertheiner.
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des Schiebers ist nun ein Schlitz hell. Der Schieber kann hinter ein Diaphragma gestellt werden, das dem Beobachter die Aufsen- bewegungen verdeckt. (Will man sich die Erscheinungen in allereinfachster Weise vorführen, so genügt es den Schieber in der Form Nr. VII einfach gegen den hellen Himmel oder einen Lampenschirm zu halten und den beweglichen Teil rhythmisch zwischen den fixierten Stellungen hin und her zu stofsen.)
Ich habe hier diese Schieberanordnungen gewählt, da sie das Experiment in einfacher Weise ermöglichen und die Tat- sachen deutlich demonstrieren. [An die manuelle Übung des Experimentators (richtiges Schieben) stellen sie einige Anforde- rungen; für weiteres Experimentieren und für die Möglichkeit exakter Zeiteinstellungen sind sie mit rein mechanischem Betrieb zu versehen, was auf verschiedene Art leicht möglich ist.)
Man sucht zuerst eine taugliche rhythmische Geschwindigkeit auf, die sich als Optimum zwischen „unvollkommenen“*“ Ein- drücken bei zu langsamer oder zu schneller Schiebebewegung bald finden läfst, und läfst dann, im Rhythmus bleibend, die Vp. be- obachten; resp. während des Aufsuchens wird von einem Ge- hilfen der Zutritt der Strahlen zu dem, dem Beobachter sicht- baren Felde verdeckt.
Das Experiment kann auch so gemacht werden, dals nur einmalige Sukzession stattfindet; doch ist hierbei Treffen tauglicher Expositionszeiten jedes der Schlitze und der Zwischenzeit zwischen den Expositionen schwieriger; aufserdem erfordert die Beobach- tung da Konzentration der Aufmerksamkeit für den Augenblick der Exposition und Übung in tachistoskopischen Beobachtungen; denn es zeigt sich bald, dafs es selbst bei längerer, sorgfältiger, immer wiederholter Beobachtung eine recht schwierige Aufgabe ist, die Eindrücke, die von wirklicher Schlitzbewegung einerseits, von Sukzessionsexposition andererseits herrühren, als verschiedene unterscheiden zu wollen. Bequemer auch aus inneren Gründen (s. 87, S. 196) wird es so gemacht, dafs der Beobachter das Dar- gebotene in aller Ruhe beschauen kann: in dauernder Wechsel- exposition, die Hin- und Herbewegung der Streifen zeigt.
Über Abhängigkeiten der gesehenen Bewegung, ihres Zu- standekommens usw. von verschiedenen Faktoren vgl. bezüglich der Zwischenzeit $ 3, S. 178f., bezüglich subjektiver Faktoren S 195 und $ 11, bezüglich der Verhältnisse bei dauernder Wechsel- Experimentelle Studien über das Sehen von Bewegung. 173 exposition $ 7, 8.196; auch der Abstand der Striche voneinander (vgl. 8 3, 8.177 u. a.), die gewählte Helligkeit, die Länge der Ruhe- zeiten resp. der Schlitzexposition (z. B. sehr kurze Schlitzexposi- tionen bei extremer Helligkeit scheinen ungünstig), Verhältnisse der Akkommodation (in ungünstigen Verhältnissen kann eine nicht völlig adäquate Akkommodation begünstigend wirken), auch die Gestaltanordnung (vgl. S. 211) können u. U. in Betracht kommen. Hier, wo es sich überall um prinzipielle, qualitative Erforschung handelt, kam es darauf an, die zur Entscheidung tauglichen Verhältnisse zu treffen, siehe für das vorliegende Experiment die Grölsenverhältnisse und die Zeiten S. 181, welche die in Frage stehenden Probleme entscheiden konnten.
Bei den hier besprochenen „Vexierexperimenten“ ist es rat- sam darauf zu achten, dafs Versuchsfehler vermieden werden, weil ja bei der hier vorliegenden Fragestellung das Wissen um die Anordnung stören kann; ebenso sind möglichst optimale Verhältnisse der Exposition herzustellen, da, bei der Seltsam- keit mancher speziellen Arten der Phänomene (s. $ 7, 9, 16) aus irgendeiner qualitativen Verschiedenheit der Tatbestand erschlossen werden kann, bei sehr geübten Beobachtern auch cie Einstellung auf die Frage der Sichtbarkeit eines Objekts im Be- wegungsfelde, was sich als etwas ganz anderes herausstellt (s. $ 16) als der Eindruck der hier gesehenen Bewegung selbst, statt auf die Frage der gesehenen Bewegung, u. U. schlieisliche Konstatierung des Unterschieds herbeiführen kann.
Trotz dieser mannigfachen Faktoren erwiesen sich die ge- wählten Versuchsverhältnisse als die tauglichen; erwies sich das Experiment als grob genug, um bei den Vpn. — es wurde auch Ungeübten, auch ohne Projektion vielfach vorgeführt — das bündige Resultat zu liefern.
Das Resultat war: In den meisten Fällen waren die wirkliche und die „Schein“- bewegung überhaupt nicht zu unterscheiden; auch nicht für Be- obachter, die durch die vielfachen tachistoskopischen Experi- mente in schärfster Beobachtung des Gegebenen bei momentaner Exposition Monate hindurch geübt waren. In einigen Fällen wurde (nach vielfacher Exposition einer solchen Tafel, nach langer Beobachtung der Bewegung) schlielslich richtig erkannt, dabei aber nicht etwa das eine als Bewegung, das andere als 174 Max Wertheiner.
Nichtbewegung bezeichnet, sondern ein qualitativer Unterschied der gesehenen Bewegungen konstatiert: es war ein anderer Be- wegungseindruck ($ 7) da, oder es wurde ein Unterschied bezüg- lich der Sichtbarkeit des Objekts (s. $ 16) konstatiert; sehr oft kam es zu Aussagen wie „die eine Bewegung unterschied sich dadurch von der anderen, dafs sie so stark, energisch war, es war die beste Bewegung von allen“ und das betraf gerade nicht die Exposition wirklicher Bewegung, sondern die zweier ruhender Reize.
(Wie stark die „Täuschung“ ist, ergab sich dabei gelegentlich auch an anderem. Die Lichtstrahlen, die bei der Projektion, wenn man im Dunkeln operiert, vom Projektionsobjektiv zum Projektionsfelde gehen, machen klar vollkommene Hin- und Her- bewegungen wie die Objekte; ebenso der kreisförmige Lichtschein, der auf der Objektivlinse bei Expositionen der Schlitze sichtbar ist: man mulste sich mehrfach durch ganz langsames Bewegen des Schiebers (so, dafs zuerst der eine Schlitz Licht durchliefs, dann kein Licht durchkam, dann der andere) anschaulich demon- strieren, dafs nicht wirkliche, objektive Bewegung gegeben war.)
Bei allen diesen Anordnungen kann in verschiedener Weise beobachtet werden. Der Beobachter kann der „Bewegung“ mit dem Auge zu folgen suchen oder der Blick kann an bestimmter Stelle fixiert sein; man kann bei Dauerexposition im Hin und Her die Beobachtungsart während der Expositionen wechseln; ın allen Fällen wurde gut optimaler Bewegungseindruck erzielt Analog zeigten sich andersgeartete Bewegungseindrücke, die bei anderer Objektanordnung resultieren: bei Anordnung der Schlitze in Schräglage zueinander (s. Fig. VI, VII S. 263) Winkel- drehungen, Kurvendrehungen (s. Fig. VIII, XI) usw.
— Bezüglich der Schnelligkeit der gesehenen Bewegung sei bemerkt: die objektiv vorliegenden Geschwindigkeiten in der Suk- zession der Lagen sind nicht so aulserordentlich schnelle, als man bei den Zeitgröfsen der Sukzession (s. $ 3, S. 181) z. B. {= 500 im ersten Augenblick vermuten könnte; analoge Geschwindig- keiten sind allenthalben beim Sehen wirklicher Bewegungen im Leben gegeben, sie entsprechen denen des rascheren Ganges, nicht Laufens, eines Menschen oder eines im Schritt gehenden Pferdesusw. Überdies aber zeigte sich (s.8 7), dafs unter Umständen Experimentelle Studien über das Sehen von Bewegung. 175 auch viel langsamere Bewegung („kolossal langsame, aber opti- male“) erzielt werden kann (vgl. S. 195).'
8 3. Ich hatte zunächst vielfache Beobachtungen des Über- gangs zwischen den drei Hauptstadien an einem einfachen Stroboskop betrieben; bei abnehmenden, zunehmenden Ge- schwindigkeiten und im Herausgreifen besonderer Geschwindig- keiten; mit Variationen: Einführung eines Diaphragmas; Fixa- tion des Blickes, Einstellung der Aufmerksamkeit auf spezielle Orte; bei verschiedenen einfachen Objekten, mit tauglichen Variationen derselben, Anbringen bestimmter dritter Objekte, Verwendung bestimmter Verschiedenheit der Objekte in Form, Farbe, Gröfse, Lage. Diese Beobachtungen führten zu speziellen Resultaten, die sich bei Beobachtungen des H. Dr. W. KÖRLER bestätigten.