SigPhi · Max Wertheimer

Experimentelle Studien über das Sehen von Bewegung

German

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t Anordnung von Sukzessivobjekten im Sinne des Nahelegens einfacher Gestaltauffassung ist in gewissen Grenzen nicht ohne Einflufs auf die Art des Zustandekommens von Bewegungserscheinungen; der Einflufs des Ge- staltfaktors, sowie verschiedener anderer Faktoren, ist in bestimmter Weise quantitativer Messung zugänglich. — In anderer Weise war schon einmal, 8. 211, ein Entgegenwirken des Gestaltfaktors gegen das Zustande- kommen von g-Phänomenen erwähnt. — Schliefslich sei noch eine z. T. hierhergehörige, komplexe Tatsache verzeichnet: hat man im Stroboskop auf den Streifen zwei oder mehrere Objekte angebracht und beobachtet nun bei Veränderung der Geschwindigkeit die sich ergebenden Gestalten, so ist merkwürdig, dafs nicht etwa durchgehend die verschiedenen geometri- schen Möglichkeiten sich sukzessiv entwickeln, sondern vorzüglich einfache Konfigurationen, die oft ziemlich abrupt, plötzlich ineinander übergehen. Bei komplizierteren Objektzeichnungen am Stroboskopstreifen gehört einige experimentelle Erfahrung dazu, die Art (oder die Arten) der vorwiegenden Gesamtgestalt vorherzusagen. Dabei scheint es, dafs, sofern mehrere Arten im Stadienverlaufe vorkommen, diese nicht in geometrischer Annäherung ineinander übergehen, sondern zuerst die eine herrscht, dann plötzlich die 252 Max Wertheimer.

252 Max Wertheimer.

Es wäre denkbar, hierin nun eine einfache Konsequenz des 8. 248 Ge- sagten zu sehen: bei einer günstigen zeitlichen Aufeinanderfolge des Ein- tritte der beiden Umkreiswirkungen von a und db, ergäbe sich der Hinüber- gang einer Erregung; ist t aber sehr kurz, so träten die Umkreiswirkungen zu gleichzeitig auf, um den gerichteten Kurzschlufs zu ermöglichen: wohl aber wäre hiermit zunächst für bestimmte Wirkungen eine Art physiologischen Verbundenseins und wohl ein einheitlicher, aus den physiologischen Einzelerregungen als Ganzes? resultierender Gesamt- proze[s gegeben: eine Simultan-g-Funktion.* * Hier nochmal ein kurzer Rückblick: In $ 16 stand das Wort „Phänomene“ im Sinne des psychisch spezifischen, beobachtbar Gegebeneun (dem nun hier $ 21 eine zentrale Zuordnung zuschrieb). Die Beobachtung ohne Postu- lierung ergab inhaltliche Bestimmtheit charakteristisch dynamischer Natur im Gegensatz zu „statischen Inhalten“ der sonstigen op- — andere (oft ohne geometrischen Übergang) gegeben ist (,„siegt“ ähnlich wie bei dem Siegen einer Figur in haploskopischen Experimenten). — Diese er- wähnten, noch komplexen Erscheinungen stellen bestimmte Aufgaben einer eingehenderen experimentellen Untersuchung bez. des „Gestaltfaktors“.

®* Es wird öfters einseitig die „Beliebigkeit* bezüglich des Ge- staltsehens hervorgehoben; es gibt schlechthin zwingende Gestalt- anregungen; e8 gibt Objekte, die zwei oder mehrere Auffassüngen ermög- lichen; die experimentelle Forschung wird auch die Bedingungen zwingender Gestalteindrücke zu untersuchen haben. [Beispiele kom- plexer Art hiezu: Man wird die gefundene Figur im Vexierbild nicht los. Simultane Gestaltsanregung in „unvollständigen Zeichnungen“, „Skizzen“; usw.) Z.B. sukzessiv- und auch simultan wirkende Einstellung. (Übrigens ist selbst bei sehr beliebigen Auffassungen von vieldeutigen Mustern nicht einfach beliebiges Wollen in Frage, sondern wohl greifbare psychische Ver- haltungsweisen.)

3 Käme es so auf einen physiologischen Gesamtproze[s an, dessen charakteristische Art als Ganzes für weitere Wirksamkeiten entscheidend wäre, nicht aber die Summe der betr. Einzelerregungen, — eine Möglichkeit, die bestimmte experimentell zu behandelinde Fragen stellt —, so ergüben sich vielfache Konsequenzen; z.B. bei Reproduk- tion, beim Wiedererkennen usw wäre einZustandekommen der dagewesenen physiologischen Gesamtform des einheitlichen Prozesses wesentlich, nicht Reproduktion bestimmter Einzelerregungen.

* Obige Bemerkungen bezüglich eines Simultan-y wollen blofs ein Hinweis auf eine sich ergebende Möglichkeit sein; im Sinn einer Anregung zu bestimmten Aufgaben der experimentellen Forschung: den Be- dingungen und Wirksamkeiten des Gestaltfaktors in experi- menteller Forschung näherzukommen.

Experinentelle Studien über das Sehen von Bewegung. 953 tischen Gegebenheiten, Bestimmtheit nach Raum und Richtung, eine Art Intensität, Eindringlichkeit, gegenständliche Gerichtet- heit (als nicht „subjektivisches*). Bei dem Zustandekommen sind in gewissen Bereichen verschiedene subjektive Faktoren gesetz- mälsigerweise von bestimmter Relevanz.

Zeigten sich so spezifische optische g-Phänomene, so sei er- wähnt, dafs es in manchem Bezuge analoge Problemgebiete auch auf anderen Sinnesgebieten gibt. So zeigt — z. B. — bei prinzipieller Verschiedenheit im akustischen Bereiche die schon einmal erwähnte Erscheinung des „lebenden Intervallschritts“,! die „Ionbewegung“ als charakteristisches, gerichtetes Erlebnis, nicht statischer Art, einiges Verwandte. — Anhang. $ 22. Wir befinden uns normaliter in einer bestimmten Raumorientierungslage; der Sehraum ist [in bezug auf die Vertikalrichtung, die Horizontalstreckung, das Niveau (s. u.)] in bestimmter Weise orientiert, und bleibt es im allgemeinen, trotzdem Bewegungen der Sehobjekte, Augenbe- wegungen, Bewegungen des Kopfes, des Körpers stattfinden: die Sehobjekte werden i. a. trotzdem innerhalb ruhig bleibender Raumorientiertheitslage erlebt.

Die Experimente $ 17 führten im Verfolg zu Tangierungen dieses Zustands ruhig bleibender Raumlage, auf rein opti- schem Wege, und es stellte sich ein wesentlicher Faktor für den Zustand des „sich in fester Raumorientiertheitslage Befindens“ heraus: der Faktor der psychischen Verankerung; bestimmte Momente leisten eine Verankerung und Einstellung auf eine be- stimmte Raumorientiertheitslage; durch stärkere Veränderungen dieser Momente, oder durch längeres Fehlen solcher Verankerungs- momente kann der Zustand des Verankertseins gelöst werden.

Die Tatsache der Verankerung ist biologisch wichtig; es gehören, wenn man in einer bestimmten Raumorientiertheitslage eingestellt ist, relativ starke „Reize“ dazu sie, zu lösen, die Raumlage labil zu machen, zwangsweise anders zu orientieren oder in Bewegung geraten zu lassen.

Dafls durch Tangierungen des Labyrinths solche Wirkungen erzielt werden können, ist bekannt; bei den hier folgenden Tatrel!) Al’); elle) Alle); ehe) Al!) eh).

254 Max Wertheiner.

sachen handelt es sich um Tangierungen auf rein optischem Wege.!

L Bei den Experimenten S. 230£.. bei dauernd aneinander- gereihten Sukzessivexpositionen, ergab sich dauernd kontinuier- liches „Sinken“ (oder „Steigen“, „Drehen“ usw.) im Felde.

Projiziert man ein starkes Bewegungsnachbild solcher Be- wegung auf eine Fläche, so kann zweierlei eintreten: es sind Verankerungsmomente peripher da, z. B. der Rahmen der Tafel, auf deren Fläche das Nachbild projiziert wird oder noch besser Gegenstände, ein Stuhl darunter usw. und man sieht an dem Orte der Tafel das „Steigen“ innerhalb sonst ruhig blei- benden Objektfeldes, ruhig bleibender Raumlage; oder es fehlen solche Verankerungsmomente (oder das Nachbild ist über das ganze Sehfeld hin vorhanden) und es ist ein „Steigen“ schlechthin gegeben, nun nicht innerhalb ruhig bleibenden Rahmens, sondern den Sehraum selbst erfassend. Ähnlich bei einer Bewegung dauernd von rechts nach links usw.: sind dauernd genügende Verankerungsmomente vorhanden, so sieht man, in ruhig bleibender Raumorientiertheit, z. B. in der — an sich ruhig feststehenden — Tafel die Feldbewegung; fehlen genügende Verankerungsmomente, so ist schlechthin „Bewegung nach links“ da: ganz analog zu den bekannten Erscheinungen im Dreh- zylinder u. ähnl., bei denen „nun dreht sich der ganze Raum um mich“ resultiert u. ähnl.

Gewöhnlich ist das so, dafs zuerst noch die Bewegung inner- halb ruhender Raumlage da ist; dann wird diese „labil“, „un- sicher“ — dabei tritt öfters ein „Sich nicht sicher fühlen in bezug auf die Raumlage“ mit der bekannten „Peinlichkeit“ auf —, und die Raumlage selbst gerät in Bewegung.

[Vgl. bezüglich der zwei Formen: „es ist Drehen um mich da“ und anderrrseits „ich gedrehtin...“ die Anmerkung $. 255; auch das ist nicht beliebig, sondern, abgesehen von Fixation und Aufmerksamkeitsverhalten, von Verankerungsfragen abhängig.]

Es kann bei diesen Experimenten so vorgegangen werden, dafs nichts tangiert wird aufser rein Optischem; Körper, Kopf, Auge bleibt dauernd ruhig, es wird ruhig ein Punkt fixiert: am schlagendsten bei dem bekannten Spiraleversuch? (s. S. 232).

I Bei Prüfung mit ruhender Fixation und unveränderter Kopflage. ” Welcher Nystagmus sollte bei dem Spiraleversuch mitspielen?

Experimentelle Studien über das Sehen von Bewegung. 255 Projiziert man das starke Nachbild z. B. auf die Mitte einer grolsen Wandtafel, indem man einen Punkt derselben — z. B. einen von mehreren auf der Tafel gezeichneten Buchstaben — fixiert, so kann es leicht zu dem paradoxen Eindruck kommen, dafs einerseits (z. B.) das starke „Sich-ausdehnen“ von der Mitte aus (radiär nach allen Seiten) da ist, andererseits die Tafel aber, deren Rahmen peripher im Gesichtsfelde ist (besser noch auch ein Stuhl, ein Türpfosten daneben), „doch völlig ruhig bleibt“ („die Tafel dehnt sich nicht aus“); es ist die Bewegung innerhalb ruhigbleibendem Felde da; spielt aber Verankerung keine Rolle — sei es dadurch, dafs keine Verankerung leistende Objekte da sind, sei es, dafs sie zu sehr aufmerksamkeitsperipher sind —, so ist kein Ausdehnen in ruhigem Rahmen, sondern ein Ausdehnen schlechthin da, ein dauerndes Auseinanderziehen von der Mitte aus im Sehfelde (das immerhin bei dauernd sicht- baren Buchstaben ein kompliziertes Erlebnis bildet).]

Anmerkung. Hierbei sei ein Prinzipielles erwähnt; von der tatsächlichen psychischen Erfahrung aus erscheint die übliche dogmatische These, dafs „Bewegung“ psychisch etwas schlechthin Relatives sei, falsch. Meint man, es sei „nur eine relative Ortsänderung“ gegeben und das Gesehene eben nur gleicherweise deutbar als z. B. Bewegung des Eisenbahnzugs oder der Gegen- stände draufsen (entgegengesetzter Richtung) und ähnlich in anderen Fällen — (diese These hat ja sogar zur An- nahme der Fundierung gewisser sichtbarer Bewegungen als „relativ zum Rande des Gesichtsfelds“ geführt),! — so stehen dem die Tatsachen geradezu entgegen. Meint man, die These sei schlüssig, weil ja wirklich einmal das eine, einmal das andere — bei demselben physikalischen Tatbestande — erscheine, so steht dem entgegen, dafs es in Wirklichkeit gar nicht so schlechthin beliebig ist, „den Sachverhalt in einer und der anderen Weise aufzufassen“, eine Reihe von Faktoren spielt da eine Rolle: kommt die eigene Körperlage in Betracht [es ist z. B. in einfacher Weise möglich, nach Art der S. 221 ge- schilderten haploskopischen Spiegelversuche auch bei ruhiger Kopflage scheinbares Hin- und Herbewegen des Bildes des 256 Max Wertheimer.

eigenen Kopfes im Spiegelbild zu erzeugen], so Faktoren derselben; aber auch in rein optischen Fällen, abgesehen vom Fixationsorte, noch das Verhalten der Auf- merksamkeit, und hauptsächlich kommt es darauf an, woran Verankerung stattfindet — und diese ist nicht durch blofse Gedanken ganz beliebig und momentan wechsel- bar, hängt nicht einfach vom Belieben ab. Es ist ent- scheidend, dafs es, auch bei bestem Willen nicht immer möglich ist, etwa beliebigerweise sofort aus einer „Betrachtungsart“ in die andere überzugehen; entgegengesetzt, man ist in der einen eingestellt und kann nicht beliebig nun die andere haben; bis etwa die Lage — ziemlich gegen den Willen — umkippt und nun die andere Erscheinungsweise, wieder zwingend, da ist. So im Erlebnis. Allgemein: Kommt r und y in Betracht, bezüglich deren eine physikalisch relative Ortsveränderung vor sich geht, so ist die gesehene Bewegung nichts weniger als relativ in dem Sinne der Physik: welch letzterer die Tatsache a ruhig, 5 bewegt gleichbedeutend ist mit a bewegt, db ruhig. — Im Grunde entscheidet schon die Erscheinungsweise der oben besprochenen -Phänomene gegen solche These.

I. Das oben erwähnte „Sich labil fühlen“, in Labilität ge- raten bezüglich der „Raumlage“, das Unsjcherwerden, „man ist nicht, wie sonst immer, in einem fest verankerten Raum“ zeigte eich ähnlich bei Versuchen bei Konzentrierung auf ruhig Sicht- bares, bei denen einfach längere Zeit hindurch keine Ver- ankerungsmomente gegeben waren; es kommt dabei — ähnlich wie in den sub III unten besprochenen Versuchen — zu Veränderungen, zum „Schwanken“ des Gesehenen, ja zu Scheinbewegungen manchmal bedeutenden Betrags. In ganz starkem Malse — gespenstische aber klare Bewegungen ganz un- geheuerlichen Betrags (sog. autokinetische Bewegungen) zeigen sich bei Experimenten der bekannten Art der dauernden Fixation eines kleinen leuchtenden Punktes im Dunkelzimmer, der nach einiger Zeit ruhiger Betrachtung anfängt sehr beträchtliche Be- wegungen! zu vollführen (seitlich oder grolse partielle Kreisı die nach neueren Untersuchungen nicht auf Fixations- schwankungen u. ä. zurückgeführt werden können.

Experimentelle Studien über das Sehen von Bewegung. 257 drehungen usw.). Auch bei diesen autokinetischen Bewegungen klagten die Vpn. spontan über die „Labilität“ der Raumlage.

Aber auch gelegentlich anderer Versuche zeigte sich: treten bei verschiedentlichen psychologischen Raumexperimenten Ver- ankerungsmomente dauernd zurück, so ergibt sich leicht Labilität, Schwanken und Veränderung der Raumlage; die meisten vor- liegenden psychologischen Raumexperimente geben wohl deshalb eindeutige Resultate bezüglich der Raumlage, weilsie im Zustande der Einstellung, Ver- ankerung in der normalen Raumorientierungslage angestellt werden: wird diese Einstellung beseitigt, so zeigte sich (auch bei Horopterexperimenten u. ähnl.) öfters das räumliche Schwanken und die Unsicherheit.

Im Extrem ist solches ja von den Versuchen der Ein- stellung der Vertikalen usw. im Dunkelzimmer (bei dauerndem Ausschlu[s von Verankerungsmomenten) bekannt (vgl.unten). Auch bei den AuBerTschen Versuchen, die in elementarer Weise die Bewegungswahrnehmung untersuchen sollten, hatte sich das sonder- bare Resultat gezeigt, dals im Dunkelzimmer bei 50 Proz. „Fehler“ resultierten, d. h. von „Bewegung“ gesprochen wurde, wo objektiv Ruhe vorlag und umgekehrt.

Hier zeigt sich nun, dafs die Außertschen Bewegungs- versuche nicht elementarer Natur waren: bei ihnen sind zwei einander kreuzende Faktoren im Spiel, einzelne Bewegungswahr- nehmungen einerseits, Tangierungen, Vorgänge bezüglich der „Raumlage“ andererseits, die in seinen Resultaten zusammen- fliefsen.

III. Ich erinnere an die bekannten Experimente bez. der „scheinbaren Vertikale“; bei schräger Kopflage! wird die schein- bare Vertikale krafs schräg eingestellt; wieder ist hierbei oft? jener Zustand der „Labilität“ vorhanden, manchmal geradezu ein sichtbares Schwanken, Sichdrehen der (objektiv ruhen- den) Linie. Bei den betreffenden Experimenten ist der Laby- rinthfaktor tangiert; dieselben Resultate liefsen sich aber nun auf rein optischem Wege, durch „Einstellung“, erzielen.

Ich stellte einen Spiegel schräg so auf, dafs der Beobachter, 258 Max Wertheimer.

in den Spiegel sehend, das Zimmer mit recht vielen „Veranke- rungs-*Gegenständen (Tür, Schrank, Stuhl, Apparate, Fenster) im Winkel von ca. 45° geneigt sah. Zuerst ist da ein deutlich schräges Bild vorhanden, das recht seltsam wirkt, sonderlich, wenn der Beobachter im Spiegelzimmer sieht, wie ein Mensch in diesem schräg stehenden Zimmer umhergeht, hantiert, sich setzt, und etwa im Türrahmen ein breites Objekt langsam fallen gelassen wird — eine breite Pappröhre, die vom oberen Tür- rahmen, parallel bleibend, in der Tür zur Erde fällt. Zunächst erscheint dieses Fallen als sehr seltsames schräges Fallen, in wunderlichem Widerspruch zur gewohnten Richtung der Verti- kale. Aber schon nach einigen Minuten, während deren der Beobachter dauernd in den Spiegel sah und der Mensch im Spiegelzimmer herumging und hantierte, war starke Abänderung eingetreten: wurde nun das Papprohr in der Türe wieder fallen gelassen, so sah der Beobachter es nicht mehr schräg, son- dern richtig vertikal fallen; die Raumorientierungslage hatte sich schon geändert: das schräge Zimmer war nicht mehrschräg, sondern normal da! und die durch Verankerungs- momente („Vertikale*“ und „Horizontale“ des Schrankes, der Türe usw.) determinierten ausgezeichneten Lagen waren schon die Vertikale, die Horizontale der Raumlage für den Beobachter geworden.

Dieses selbe — schon im Erlebnis klar — nun in exakt fest- stellbarer, objektiverer Form: der Beobachter hat im ersten An- fang des Versuches an einem Schnurapparat die „scheinbare Vertikale“ einzustellen und ebenso nach dem längeren Hinein- sehen in den Spiegel.

Der Beobachter sitzt vor einer breiten Röhre (die Spiegelrahmen und periphere Gegenstände abdeckt) und sieht in fixierter Kopflage in den Spiegel; in dem Spiegel- zimmer ist ein bestimmter Punkt als Fixationspunkt aus- gezeichnet; es wird die Anordnung so getroffen, dals dieser Fixationspunkt optisch zugleich der ausgezeichnete Mittel- punkt einer Schnurlinie ist, die, über einer schwarzen Fläche, von einem Gehilfen von rückwärts aus in verschie- dene Neigungen gebracht werden kann; in exakter Weise I Analoge Brillenexperimente usw. sind bekannt.

Experimentelle Studien über das Sehen von Bewegung. 259 z. B. so, dafs bei momentanem Wegziehen des Spiegels blofs die Schnur auf schwarzem Felde sichtbar ist.

Der Beobachter stellte zunächst innerhalb des Schrägzimmers (oder in obiger Anordnung nach einiger Exposition des Spiegel- zimmers) die Vertikale objektiv richtig ein; nicht die „Vertikale“ des Schrägzimmers, sondern die normale. Nach einiger Zeit, während der Beobachter das Schrägzimmer sah, in welchem eine Reihe (schräger) Verankerungsmomente in oben geschil- derter Weise sichtbar waren, ein Mensch herumging usw., wurde der Versuch wiederholt, der Beobachter hatte wieder die „Ver- tikale“ einzustellen — und nun zeigte sich Analoges wie bei den erwähnten Experimenten mit veränderter Kopflage, hier bei ruhiger unveränderter Kopflage und Fixation: Labilität, Schräg- einstellung (die Vertikale des Schrägzimmers wurde, mehr minder vollkommen eingestellt) und jenes Schwanken: bei objektiver Ruhelage der Einstellungsschnur erschien diese mehr- fach leicht schwankend, ja, sich drehend — erschien z. B. zuerst in einer Lage „vertikal“ und „drehte sich nun in seltsamer Weise aus dieser Lage bis scheinbar um 30° oben nach rechts geneigt“ usw.

Diese Vertikaleinstellung wurde in obiger Anordnung nicht mehr bei Sichtbarkeit des Schrägzimmers gemacht — analog dem Naaeuschen Experimente —: es war nichts im Gesichtsfelde als die einzustellende Linie in schwarzem Felde, in deren Mitte der Fixationspunkt war: die ein- stellende Nachwirkung des Schrägzimmers ergab aber die charakteristischen Resultate.

* Exkurs.

Ich sagte: man ist in einer bestimmten Auffassungs- lage eingestellt und es braucht i. a. starke „Reize“, um den Zustand der „Verankerung in bestimmter Lage“ zu lösen, und die „Lösung“ bringt oft jene „Labilität“, jenen Zustand des Schwankens, verwandt mit den Vorboten des Seh-Schwindels. Das ist nun nicht blofs bezüglich der Raumorientierungslage so. Es gibt ein Eingestelltsein auf normale Tiefenauffassung:! eine plötzliche, sehr starke ı Man ist in ähnlicher Weise eingestellt auf eine bestimmte Entfer- nung, bestimmte scheinbare Gröfse usw.

Max Wertheimer.

Veränderung, die nach dauernder Einstellung auf normale Tiefen Anregung, Zwang zu abnorm grofser Veränderung der Tiefenerfassung bringt, erzeugt bei manchen Menschen ähnliche momentane Labilität und sogar Schwindel. — In anderer Weise deuten aber noch diese Tatsachen auf All- gemeineres:! Man ist auf eine bestimmte Niveaulage ein- gestellt: eine Veränderung, ein Vorgang kann als blofser Vorgang innerhalb bleibenden Niveaus wirken oder anderer- seits als Niveauveränderung.? [Es sei auf in gewisser Weise Analoges hingewiesen: in der Musik scheint solches eine sehr prinzipielle Rolle zu spielen; zwar, es gibt geradezu Kompositionen, die durch Unstabilität, durch die Unmög- lichkeit, sich in einer Lage zu „verankern“, durch fort- währende Änderung der Grundlage, Schwanken von einem zum anderem geben — und vielen Menschen ganz pein- liche Gefühle der Labilität in recht unerfreulicher Inten- sität verursachen; aber allgemeiner: das sich Abspielen einer Tonbewegungsgestalt in bestimmter „Niveaulage“, das Geben von bestimmten Verankerungsmomenten für die Auffassung von Tonschritten als innerhalb eines bleibenden Niveaus vor sich gehend u. ä. gehört zu den wichtigsten Mitteln der Musik; eine ganze Reihe von technischen Mitteln der Kompositionslehre stellt einfach Momente, tauglich, eine solche „Verankerung“ zu bewirken; und andererseits geben die Gesetze der Modulation Mittel zur Bewirkung ruhiger und klarer Veränderung des Niveaus [vielleicht ist es die modernste Errungenschaft der Musik, ein ruhiges Fest- und Klarbleiben der Niveaulage trotz der Verwendung frem- der Töne und Harmonien erreichen zu können: die Strenge des „tonischen Charakters“ läfst auch sehr fremde Harmo- nien als innerhalb des klar gegebenen tonischen Charakters des „kolossal Schweren‘, des „Federleichten“ weist in seinem Zustande- kommen auf ähnliche Zusammenhänge der Einstellung.

® Nicht blofs im Optischen. In gewisser Weise analog z. B. bei Experimenten mit Niveauveränderungen in einer bekannten Melodie. Es kommt geradezu öfters — ähnlich bei Optischem — zum Nichtbemerken einer Niveau-Veränderung, da die Vorgänge innerhalb des allgemeinen Niveaus alle Aufmerksamkeit auf sich ziehen.

Experimentelle Studien über das Sehen von Bewegung. 261 erscheinen (so in einigen extremen Fällen bei ResEr)!]. — Das eindeutige Geben von Verankerungsmomenten spielt auch bei Werken der bildenden Kunst eine wesentliche Rolle: es ist der Faktor des klaren und zwingenden Gebens einer bestimmten Auffassungslage und Gestaltenzentrierung; und es ergeben sich in solcher Hinsicht bei verschiedenen Werken spezielle Differenzen (selbst schon in der Wirkungs- weise gewisser Ornamente.)

In all diesen Bezügen gibt es — abgeselien von starken, zwangsmälsigen Wirkungen — beträchtliche individuelle Differenzen: es gibt Menschen, die Anregungen im Nahe- legen einer bestimmten Auffassungslage recht stumpf gegen- überstehen, oder die, in einer solchen „festgehakt“, nur schwer zu einer anderen gebracht werden können (ja Fehl- auffassungen oder Blindheit neuen Anregungen der Art gegenüber zeigen); andererseits im Extrem Menschen, die in diesem Betracht sehr leicht bestimmbar, ja labil gegen jede neue sind.| Ich resümiere bezüglich der „Raumorientierungslage“: Man ist in einer bestimmten solchen „Lage“ eingestellt; diese Ein- stellung kann gelöst werden; Einstellung auf andere Lagen kann zwangsweise erzielt werden. Bei der „Lösung“, resp. bei Er- schwerung einer dauernden Verankerung kann es zu Labilität, im Extrem zu Erscheinungen rein optischen Seh-Schwindels kommen. Zur „Lösung“ sind relativ starke „Reize“ er- forderlich: solche sind z. B. längeres Wirken von Bewegungsvor- gängen ohne Vorhandensein genügender Verankerungsmomente oder Einstellung durch Verankerungsmomente, die in Richtung einer neuen Orientierungslage wirken oder plötzliche enorme und eindringliche Veränderung in diesem Sinne oder schliefslich Be- obachtung von Sehdingen bei längerem Mangeln genügender Verankerungsmomente überhaupt.

Diese Tatsachen bedeuten für die Raumforschung besondere, experimentell zu behandelnde Aufgaben. Sie deuten daraufhin, dafs für das Vorhandensein einer bestimmten Raum- orientierungslage und für das Erfassen einzelner Sehı Vgl. Ernst Gros, Die Kunst Max Recers, Soc. Monatshefte 1910, I.

262 Max Wertheimer.

dinge! in bestimmter Lage zentrale Faktoren op- tischen Bereichs von wesentlichem Belange sind.?

Typen von Schieberanordnungen.

(Das obere Oblongum stellt die fixierte, das untere die bewegliche Scheibe dar.)

Fig. I. Fig. II. Fig. III.

zu In gewissem spezielleren, hier noch nicht näher zu erörternden Be- zuge hierzu stehen wohl die 8. 216 erwähnten Erscheinungen der „Ver- lagerung“; ferner z. B. die Erscheinung bei Fig. X 8. 263, bei der oft Drehung um einen am Orte bleibenden Punkt gesehen wurde (während die zwei in Betracht kommenden Punkte in Wirklichkeit einen Abstand von- einander haben); ferner, dafs u. U. kleine Lagenunterschiede von 2 Objekten nicht erfalst wurden, während im Bewegungsstadium sich sofort Bewegung ergab; und schliefslich sei eine starke Erscheinung erwähnt, die hier eben- falls in Betracht kommen könnte: ordnet man parallele Schieberschlitze mehrfach paarweise untereinander an, so zwar, dafs z. B. die geradzahligen der untereinander stehenden Schlitze gleichzeitig erleuchtet sind, während die ungeradzahligen verdeckt sind: «5b so ergibt sich oft sehr krafs verschiedene scheinbare Bewegungs- l da weite der Paare, z. B. die erste, dritte, fünfte Reihe ergibt zu- «ab sammen einen viel kleineren —Z Bewegungsexkurs als die zweite il da mit der Dritten; diese Erscheinung läfst sich durch Verdecken von l ab Paaren variieren.

Ho zu BE Ho zu BE ® Es ist wohl allgemein zu sagen: Erregungsvorgänge, auch etwa ein- zelner Zellen, sind nicht isolierte Vorgänge innerhalb eines sonst toten Gebietes; sie werden von einem lebendigen Gesamt- zustande empfangen (und wirken auf ihn zurück), dessen charak- teristische Eigenart für das Resultierende in wesentlichen Bezügen entscheidend ist. — Allgemeineren Vorgängen bezüglich des charakteristischen Gesamtüberganges selbst, käme phänomenale Be- deutung zu: die „Labilität“, im Extrem: der „Seh-Schwindel‘. — Der für die Art der Erfassung einzelner Sehdinge resultierende Faktor ist durch Ein- stellungs- und Verankerungsexperimente prüfbar.

Experimentelle Studien über das Sehen von Bewegung. 263 I Fig. VOL. Fig. VIIlIa. Fig. VILIb.

Fig. XIII. Fig. XIV.

264 Max Wertheimer.

Es erübrigt sich, weitere aus den obigen Anordnungen einfach ableit- bare Anordnungen hier aufzuführen.

Beispiele der Anordnungen der Objekte auf den Ex- positionsfeldern des Tachistoskopes.

Fig. XV.

J Variationen: 1. der Sukzession: ab |) oder bat, 2. des Abstands, 3. der Gesamtlage (die beiden Parallelen als horizontale, vertikale, schräge), 4. seitliche Verschiebung der einen gegen die andere, 6. Variationen der Grölse, Form, Farbe, Helligkeit der Objekte.

Fig. XVla.

Winkelanordnung. L Variationen: 1. der Sukzession ab \;baN, 2. des Winkelabstands (spitzer, rehter, stumpfer Winkel- abstand), 3. der Gesamtlage (z. B. Pendelstellung, Schrägstellung, ver- schiedene Quadrantenstellung usw.)

4. seitliche Verschiebung 5. Variationen der Grölse, Form, Farbe, Helligkeit der Objekte, 6. der Scheitelverhältnisse: a) ab treffen sich im Scheitel, b) die Scheitelteile fehlen, c) anstelle des Scheitels ist ein kleiner Kreis angebracht (auf einem oder beiden Expositionsfeldern).

Fig. XVIb. Fig. XVIe. Fig. XVId. Fig. XVlIa. = fun nn zu m (1 7] VG = v DO DODOOO Die Streifen sind durch Quadratreihen (oder Kreisreihen) ersetzt; diese sind unter vollen Streifen so angebracht, dafs beliebig statt eines oder beider Vollstreifen (durch Wegnehmen des Streifens) die betr. Quad- ratreihe an derselben Stelle exponiert werden kann.

Experimentelle Studien über das Sehen von Bewegung. 265 Fig. XVIIb. Fig. XIXa. Fig. XIXb. Fig. XXa. Fig. XXb. 4 m: g oo ) Be I en | Fig. XVII.

An einem Orte des Gesichtsfeldes (innerhalb des Bewegungs- feldes oder aufserhalb) ist ein drittes Objekt c an einem der beiden Expositionsfelder (oder an beiden identisch) angebracht. Verschiedene Varianten $ 10.

Fig. XXI. / m und ähnliche gleichzeitige Sukzessivexpositionen.

Fig. XXI. Fig. XXUlI. ac, bd sind je auf demselben Expositionsfelde angebracht.

Fig. XXIV. Fig. XXV. a, die kürzere Linie ist um o drehbar angebracht und wird in verschiedenen << Winkelstellungen zu bb exponiert. Ähn- —b „ lich bei Verlängerung von a (Kreuzung zweier Streifen), bei anderen Lagerungen von bb usw.

Fig. XXVL. esa Mn cJF> un Do