SigPhi · Moses Mendelssohn

Jerusalem oder über religiöse Macht und Judentum

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4% Jeruſal em f 1 oder über religidfe Macht - = und Judentum. Von Moſes Mendelsohn. j 3 ie Mit allergnädigſten Frepbeiten. N ö . Berlin, bey Friedrich Maurer, 1783.

* * 8 und Religion — buͤrgerliche und geiſt⸗ liche Verfaſſung — weltliches und kirchliches Anſehen — dieſe Stuͤtzen des geſellſchaftlichen Lebens fo gegen einander zu ftellen, daß fie ſich die Wage halten, daß ſie nicht vielmehr Laſten des geſellſchaftlichen Lebens werden, und den Grund deſſelben ſtaͤrker druͤcken, als was ſie tragen helfen — dieſes iſt in der Politik eine der ſchwerſten Aufgaben, die man ſeit Jahrhun⸗ derten ſchon aufzuloͤſen bemuͤhet iſt, und hie und da vielleicht gluͤcklicher praktiſch beygelegt, als theoretiſch aufgelöfet hat. Man hat für gut befunden, dieſe verſchiedene Verhaͤltniſſe des geſelligen Menſchen in moraliſche We⸗ ſen abzuſondern, und jedem derſelben ein eignes Gebiet, beſondere Rechte, Pflichten A2 Gewalt 4 Gewalt und Eigenthum zuzuſchreiben. Aber der Bezirk dieſer verſchiedenen Gebiete, und die Graͤnzen, die ſie trennen, ſind noch bis itzt nicht genau beſtimmt. Man ſiehet bald die Kirche das Markmal weit in das Gebiet des Staats hin⸗ übertragen, bald den Staat ſich Eingriffe er lauben, die den angenommenen Begriffen zufolge, eben ſo gewaltſam ſcheinen. Und unermeßlich ſind die Uebel, die aus der Mißhelligkeit dieſer moraliſchen Weſen bisher entſtanden ſind, und noch zu entſtehen drohen. Liegen ſie gegen ein⸗ ander zu Felde, ſo iſt das menſchliche Geſchlecht das Opfer ihrer Zwietracht; und vertragen ſie ſich, fo ift es gethan, um das edelſte Kleinod der menſchlichen Gluͤckſeligkeit; denn ſie vertragen ſich ſelten anders, als um ein drittes moraliſches Weſen, die Freyheit des Gewiſſens, die von ihrer Uneinigkeit einigen Vortheil zu ziehen weis, aus ihrem Reiche zu verbannen. | Der Deſpotismus hat den Vorzug, daß er buͤndig iſt. So laͤſtig ſeine Forderungen auch dem geſunden Menſchenverſtande ſind, ſo ſind fie doch unter ſich zufammenhängend und ſyſte⸗ matiſch. Er hat auf jede Frage ſeine beſtimmte Antwort. Ihr duͤrft euch weiter um die Graͤnzen nicht — nicht bekuͤmmern; denn wer alles hat, fragt > nicht weiter, wie viel? — So auch nach roͤmiſch⸗ katholiſchen Grundſaͤtzen die kirchliche Verfaſſung.

Sie iſt auf jeden Umſtand ausfuhrlich, und gleichſam aus einem Stuͤcke. Raͤumet ihr alle ihre Forderungen ein; ſo wiſſet ihr wenigſtens, woran ihr euch zu halten habet. Euer Gebaͤude iſt aufgefuͤhrt, und in allen Theilen deſſelben herrſcht vollkommene Ruhe. Freylich nur jene fuͤrchterliche Ruhe, wie Monteſquieu ſagt, die Abends in einer Feſtung iſt, welche des Nachts mit Sturm uͤbergehen ſoll. Wer aber Ruhe in Lehr und Leben für Gluͤckſeligkeit halt, findet ſie dennoch nirgend geſicherter, als unter einem roͤmiſchkatholiſchen Deſpoten; oder weil auch hier die Macht noch zu ſehr vertheilt iſt, unter der deſpotiſchen Herrſchaft der Kirche ſelbſt.

So bald aber die Freyheit an dieſem ſyſte⸗ matiſchen Gebaͤude etwas zu verruͤcken wagt, ſo drohet Zerrüttung von allen Seiten, und man weis am Ende nicht mehr, was davon ſtehen bleiben ö kann. Daher die auſſerordentliche Verwirrung, die buͤrgerlichen ſowohl als kirchlichen Unruhen in den erſten Zeiten der Reformation? und die auffallende Verlegenheit der Lehrer und Verbeſ⸗ Ä A 3 ſerer — — zus ferer ſelbſt, fo oft fie in dem Fall waren, in Ab⸗ ſicht auf Gerechtſame, das wie weit? feſt zu ſe⸗ tzen. Nicht nur praktiſch war es ſchwer, den großen, ſeiner Feſſel entbundenen Haufen inner⸗ halb geziemender Schranken zu halten; ſondern auch in der Theorie ſelbſt findet man die Schrif⸗ ten jener Zeiten voller unbeſtimmten und ſchwan⸗ kenden Begriffe, ſo oft von Feſtſetzung der kirch⸗ lichen Gewalt die Rede iſt. Der Deſpotismus der roͤmiſchen Kirche war aufgehoben, aber — welche andre Form ſoll an ihrer Stelle einge⸗ fuͤhrt werden? — Noch itzt in unſern aufgeklaͤr⸗ tern Zeiten haben die Lehrbuͤcher des Kir⸗ chenrechts von dieſer Unbeſtimmtheit nicht be⸗ freyet werden koͤnnen. Allen Anſpruch auf Vers faſſung will oder kann die Geiſtlichkeit nicht auf⸗ geben, und gleichwohl weis niemand recht, wor⸗ in ſolche beſtehe? Man will Streitigkeiten in der Lehre entſcheiden, ohne einen oberſten Richter zu erkennen. Man beruft ſich noch immer auf eine unabhängige Kirche, ohne zu wiſſen, wo fie anzutreffen ſey. Man macht Anſpruch auf Macht und Recht, und kann doch nicht angeben, wer ſie handhaben ſoll? 5 U Tho: Thomas Sobbes lebte zu einer Zeit, da der Fanatismus, mit einem unordentlichen Gefuͤhle von Freyheit verbunden, keine Schranken mehr kannte, und im Begriffe war, wie ihm auch am Ende gelang, die koͤnigliche Gewalt unter den Fuß zu bringen, und die ganze Landes verfaſſung um zu ſtuͤrzen. Der buͤrgerlichen Unruhen uͤber⸗ druͤßig, und von Natur zum ſtillen, ſpekulati⸗ ven Leben geneigt, ſetzte er die hoͤchſte Gluͤckſe⸗ ligkeit in Ruhe und Sicherheit, ſie mochte kom⸗ men, woher ſie wollte; und dieſe fand er nir⸗ gend, als in der Einheit und Unzertrennlichkeit der hoͤchſten Gewalt im Staate. Der oͤffentli⸗ chen Wohlfarth, glaubte er alſo, ſey am beſten gerathen, wenn alles, ſogar unſer Urtheil uͤber Recht und Unrecht, der hoͤchſten Gewalt der buͤr⸗ gerlichen Obrigkeit unterworfen wuͤrde. Um dieſes deſto fuͤglicher thun zu koͤnnen, ſetzte er zun voraus, der Menſch habe von Natur die Befugniß zu allem, wozu er von ihr das Ver⸗ mögen erhalten hat. Stand der Natur ſey Stand des allgemeinen Aufruhrs, des Krieges aller wider alle, in welchem jeder mag, was er kann; alles Recht iſt, wozu man Macht hat. Dieſer unglückfelige Zuſtand habe fo lange ges A 4 dauert, dauert, bis die Menfchen übereingefommen, ihrem Elende ein Ende zu machen, auf Recht und Macht, in ſo weit es die oͤffentliche Sicher⸗ heit betrift, Verzicht zu thun, ſolche einer feſt⸗ geſetzten Obrigkeit in die Haͤnde zu liefern, und nunmehr ſey dasjenige Recht, was dieſe Obrig⸗ = keit befielt.

Fuͤr buͤrgerliche Freyheit hatte er enthichen | keinen Sinn, oder wollte er fie lieber vernichtet, als ſo gemißbraucht ſehen. Um ſich aber die Frey⸗ heit zu denken aus zu ſparen, davon er ſelbſt mehr als irgend jemand Gebrauch machte, nam er ſeine Zuflucht zu einer feinen Wendung. Alles Recht gruͤndet ſich, nach feinem Syſtem, auf Macht, und alle Verbindlichkeit auf Furcht; da nun Gott der Obrigkeit an Macht unendlich uͤberlegen iſt; ſo ſey auch das Recht Gottes un⸗ endlich uͤber das Recht der Obrigkeit erhaben, und die Furcht vor Gott verbinde uns zu Pflich⸗ ten, die keiner Furcht vor der Obrigkeit weichen duͤrfen. Jedoch ſey dieſes nur von der innern Religion zu verſtehen, um die allein es dem Weltweiſen zu thun war. Den äuffern Gottes⸗ dienſt unterwarf er völlig dem Befehle der buͤr⸗ beriihen Obrigkeit, und jede Neuerung in kirch⸗ lichen lichen cs» lichen Sachen, ohne derſelben Autoritaͤt, ſey nicht nur Hochverrath, ſondern auch Läfterung. Die Colliſionen, die zwiſchen dem innern und aͤuſ⸗ fern Gottes dienſte entſtehen muͤſſen, ſucht er durch die feinſten Unterſcheidungen zu heben, und ob⸗ gleich noch fo manche Lücken zuͤruͤckbleiben die die Schwaͤche der Vereinigung ſichtbar machen; ſo iſt doch der Scharfſinn zu bewundern, mit welchem er ſein Syſtem hat 5 zu machen geſucht. Im Grunde liegt in allen 8 des Sobbes viel Wahrheit, und die ungereim⸗ ten Folgen, zu welchen ſie fuͤhren, fließen blos aus der Uebertreibung, mit welcher er ſie, aus Liebe zur Paradoxie, oder den Beduͤrfniſſen ſeiner Zeiten gemaͤß, vorgetragen hat. Zum Theil waren auch die Begriffe des Naturrechts zu ſeiner Zeit noch nicht aufgeklaͤrt genug, und Hobbes hat das Verdienſt um die Moral philoſo⸗ phie, das Spinoza um die Metaphyſik hat. Sein ſcharfſinniger Irrthum hat Unterſuchung veranlaſſet. Man hat die Ideen von Recht und pflicht, Macht und Verbindlichkeit beſſer ent⸗ wickelt; man hat phyſiſches Vermögen von ſitt⸗ lichem. Gewalt von Befugniß richtiger A 5 unter; 1 unterſcheiden gelernt, und dieſe Unterſcheidungen ſo innigſt mit der Sprache verbunden, daß nun⸗ mehr die Widerlegung des hobbeſiſchen Syſtems ſchon in dem geſunden Menſchenverſtande, und fo zu ſagen, in der Sprache zu liegen ſcheinet.

Dieſes iſt die Eigenſchaft aller ſittlichen Wahr⸗ heiten. Sobald ſie ins Licht geſetzt ſind, ver⸗ einigen fie ſich fo ſehr mit der Sprache des Um⸗ gangs und verbinden ſich mit den alltaͤglichen Begriffen der Menſchen, daß ſie dem gemeinen Menſchenverſtande einleuchten, und nunmehr wundern wir uns, wie man vormals auf einem ſo ebnen Wege habe ſtraucheln koͤnnen. Wir bedenken aber den Aufwand nicht, den es ge⸗ koſtet, dieſen Steig durch die Wildniß ſo zu ebnen.

Bobbes ſelbſt mußte die unflatthaften Fol⸗ gen auf mehr als eine Weiſe empfinden, zu welchen ſeine uͤbertriebenen Saͤtze unmittelbar führen. Sind die Menſchen von Natur an keine Pflicht gebunden, ſo liegt ihnen auch nicht einmal die Pflicht ob, ihre Vertraͤge zu halten. Findet im Stande der Natur keine andre Ver⸗ bindlichkeit Statt, als die ſich auf Furcht und Ohnmacht gründet; ſo dauert die Gultigkeit der Ver⸗ Ver⸗ Vertraͤge auch nur fo lange, als fie von Furcht und Ohnmacht unterſtuͤtzt wird; ſo haben die Menſchen durch Vertraͤge keinen Schritt naͤher zu ihrer Sicherheit gethan, und befinden ſich noch immer in ihrem primitiven Zuſtande des allgemeinen Krieges. Sollten aber Vertraͤge guͤltig ſeyn; ſo muß der Menſch von Natur, ohne Vertrag und Verabredung, an und fuͤr ſich ſelbſt nicht befugt ſeyn, wider ein Paktum zu handeln, das er gutwillig eingegangen; das heißt, es muß ihm nicht erlaubt ſeyn, wenn er auch kann: er muß das ſittliche Vermoͤgen nicht haben, wenn er auch das phyſiſche dazu haͤtte. Macht und Kecht ſind alſo verſchiedene Dinge, und waren auch im Stande der Natur hetero⸗ gene Begriffe. —— Ferner, der hoͤchſten Ges walt im Staate ſchreibt Hobbes ſtrenge Geſetze vor, nichts zu befehlen, das der Wohlfarth ihrer Unterthanen zuwider ſey. Wenn ſie auch keinem Menſchen Rechenſchaft zu geben ſchuldig ſeyen; fo haben ſie dieſe doch vor dem allerhoͤch⸗ ſten Richter abzulegen; wenn ſie auch nach ſeinen Grundſaͤtzen keine Furcht vor irgend einer menſch⸗ lichen Macht binde; ſo binde ſie doch die Furcht vor der Allmacht, die ihren Willen hierüber hin⸗ laͤnglich zu erkennen gegeben. Hobbes iſt hier⸗ über ſehr ausführlich, und hat im Grunde weit weniger Nachſicht fuͤr die Goͤtter der Erde, als man ſeinem Syſtem zutrauen ſollte. Allein eben dieſe Furcht vor der Allmacht, welche die Koͤ⸗ nige und Fuͤrſten an gewiſſe Pflichten gegen ihre Unterthanen binden ſoll, kann doch auch im Stande der Natur fuͤr jeden einzelnen Menſchen eine Quelle der Obliegenheiten werden, und ſo haͤtten wir abermals ein ſolennes Recht der Na⸗ tur, das Sobbes doch nicht zugeben will. — Auf ſolche Weiſe kan ſich in unſern Tagen jeder Schuͤler des Naturrechts einen Triumph uͤber Thomas Hobbes erwerben, den er im Grunde doch ihm zu verdanken hat. | Lode, der in denſelben verwirungsvollen Zeitlaͤuften lebte, ſuchte die Gewiſſensfreyheit auf eine andre Weiſe zu ſchirmen. In ſeinen Briefen uͤber die Toleranz legt er die Definition zum Grunde: Ein Staat ſey eine Geſellſchaft von Menſchen, die ſich vereinigen, um ihre zeitliche wohlfarth gemeinſchaftlich zu be⸗ foͤrdern. Hieraus folgt alsdann ganz natürlich, daß der Staat ſich um die Geſinnungen der Buͤrger, ihre ewige Gluͤckſeligkeit betreffend, a Ä 2 gar a Ä 2 gar gar nicht zu bekuͤmmern, fondern jeden zu dul⸗ den habe, der ſich buͤrgerlich gut auffuͤhrt, das beißt feinen Mitbuͤrgern, in Abſicht ihrer zeit⸗ lichen Gluͤckſeligkeit, nicht hinderlich iſt. Der Staat, als Staat, hat auf keine Verſchiedenheit der Religionen zu ſehen; denn Religion hat an und für ſich auf das Zeitliche keinen nothwen⸗ digen Einfluß, und fiehet blos durch die Will; kuͤhr der Menſchen mit demſelben in Verbindung. Sehr wohl! Ließe ſich der Zwiſt durch eine Worterklaͤrung entſcheiden; ſo wuͤßte ich keine bequemere, und wenn ſich die unruhigen Koͤpfe ſieiner Zeit hiemit hätten die Intoleranz ausreden laſſen; ſo wuͤrde der gute Locke nicht noͤthig ge⸗ habt haben, ſo oft ins Elend zu wandern. Allein was hindert uns, fragen jene, daß wir nicht auch unſere ewige Wohlfarth gemeinſchaftlich zu befoͤrdern ſuchen ſollten? Und in der That, was fuͤr Grund haben wir, die Abſicht der Geſellſchaft blos auf das Feitliche einzuſchraͤnken? Wenn die Menſchen ihre ewige Seligkeit durch öffents liche Vorkehrungen befoͤrdern koͤnnen; ſo iſt es ja ihre natuͤrliche Pflicht es zu thun; ihre ver⸗ nunftmaͤßige Schuldigkeit, daß ſie ſich auch in dieſer Abſicht zuſammenthun, und in geſellſchaft⸗ liche — — liche Verbindung treten. Iſt aber dieſes, und der Staat, als Staat, will ſich blos mit dem Zeitlichen abgeben; fo entſtehet die Frage: wem ſollen wir die Sorge fuͤr das Ewige antrauen? — Der Kirche 2 Nun ſind wir auf einmal wie⸗ der da, wo wir ausgegangen waren. Staat und Kirche. — Sorge fuͤr das Zeitliche und Sorge für, das Ewige — bürgerliche und kirchliche Autoritaͤt. Jene verhaͤlt ſich zu dieſer, wie die Wichtigkeit des Zeitlichen zur Wichtigkeit des Ewigen. Der Staat iſt alſo der Religion un⸗ tergeordnet; muß weichen, wenn eine Colliſion entſtehet. Nun widerſtehe, wer da kann, dem Cardinal Bellarmin, mit dem fuͤrchterlichen Ge⸗ folge ſeiner Argumente, daß das Oberhaupt der Kirche, zum Behuf bes Ewigen, uͤber alles Zeit⸗ liche zu befehlen, und alſo wenigſtens indirecte *) ein Hoͤheitsrecht habe, über alle Güter und Ges muͤther der Welt; daß alle weltliche Reiche in⸗ directe „ Bellarmin ſelbſt ward beinahe von dem Pabſte Sixtus V verfegert, weil er ihm blos eine in directe Macht uͤber das Zeitliche der Koͤnige und Fuͤrſten zuſchrieb. Sein Werk ward in das Ver⸗ zeichnis der Inquiſition geſetzt.

directe unter der Botmaͤßigkeit des geiſtlichen Einzelherren ſtuͤnden, und von ihm Befehle an⸗ nehmen muͤßten, wenn ſie ihre Regierungsform verändern, ihre Könige abſetzen, und andere an ih⸗ rer Stelle einſetzen muͤßten; weil ſehr oft das ewi⸗ ge Heil des Staats auf keine andere Weiſe erhal ten werden koͤnne — und wie die Maximen ſeines Ordens alle heißen, die Bellarmin in ſeinem Werke de Romano Pontifice mit fo vielem Scharfſinne feſtſetzet. Alles, was man den Trugſchluͤſſen des Cardinals in fehr weitlaͤuftigen Werken ent⸗ gegen geſetzt hat, ſcheint nicht zum Ziel zu treffen, ſobald der Staat die Sorge fuͤr die Ewigkeit ganz aus den Haͤnden giebt. Von einer andern Seite iſt es im genauſten Verſtande weder der Wahrheit gemaͤß, noch dem Beſten der Menſchen zutraͤglich, daß man das Zeitliche von dem Ewigen ſo ſcharf abſchneide. Dem Menſchen wird im Grunde nie eine Ewig⸗ keit zu Theile werden: Sein Ewiges iſt blos ein unaufhoͤrliches Feitliche. Sein Zeitliches nimmt nie ein Ende, iſt alfo ein weſentlicher Theil feiner Fortdauer, und mit derſelben aus einem Stücke. Man verwirret die Begriffe, wenn man ſeine zeitliche Wohlfarth der ewigen Gluͤckſelig⸗ keit keit entgegen ſetzet. Und dieſe Verwirrung der Begriffe bleibt nicht ohne praktiſche Folgen. Sie verruͤckt den Wirkungskreis der menſchlichen Faͤ⸗ higkeiten, und ſpannet ſeine Kraͤfte uͤber das Ziel hinaus, das ihm von der Vorſehung mit ſo vieler Weisheit geſetzt worden. „Auf dem „dunkeln Pfade, man erlaube, daß ich meine „eigenen Worte *) hier anführe, auf dem dun⸗ „keln Pfade, den der Menſch hier zu wandeln z, hat, iſt ihm gerade fo viel Licht beſchieden, „als zu den naͤchſten Schritten, die er zu v thun hat, noͤthig iſt. Ein mehreres wuͤrde „ihn nur blenden, und jedes Seitenlicht nur „verwirren., Es iſt noͤthig, daß der Menſch unaufhoͤrlich erinnert werde, mit dieſem Leben ſey nicht alles aus fuͤr ihn; es ſtehe ihm eine endloſe Zukunft bevor, zu welcher ſein Leben hie⸗ nieden eine Vorbereitung ſey, ſo wie in der gan⸗ zen Schoͤpfung jedes Gegenwaͤrtige eine Vorbe⸗ reitung aufs Kuͤnftige iſt. Dieſes Leben, ſagen die Rabbinen, iſt ein Vorgemach, in welchem man ſich ſo anſchicken muß, wie man im innern Zim⸗ 5 6. Anmerk. zu Abbts ſemnendance Cor reſpondenz. S. 28.

Zimmer erſcheinen will. Aber nun huͤtet euch auch, dieſes Leben mit der Zukunft weiter in Gegenſatz zu bringen, und die Menſchen auf die Gedanken zu fuͤhren: ihre wahre Wohlfarth in dieſem Leben ſey nicht einerley mit ihrer ewigen Gluͤckſeligkeit in der Zukunft; ein anderes waͤre es fuͤr ihr zeitliches, ein anderes fuͤr ihr ewiges Wohl ſorgen, und es ſey moͤglich, eines zu erhalten, und das andre zu vernachlaͤßigen. Dem Bloͤdſichtigen, der auf ſchmalem Steige wandeln ſoll, werden durch dergleichen Vorſpie⸗ gelungen Standpunkt und Geſichtskreis verruͤckt, und er iſt in Gefahr ſchwindlicht zu werden, und auf ebenem Wege zu ſtolpern. So mancher ge⸗ traut ſich nicht, die gegenwaͤrtigen Wohlthaten der Vorſehung zu genießen, aus Beſorgniß eben ſo viel von denſelben dort zu verlieren, und mancher iſt ein ſchlechter Buͤrger auf Erden ge⸗ worden, in Hoffnung dadurch ein deſto —. im Himmel zu werden.

Ich habe mir die Begriffe von Oase und Religion, von ihren Graͤnzen und wechſelweiſem Einfluß auf einander, ſowohl, als auf die Gluͤck⸗ feligfeit des bürgerlichen Lebens, durch folgende Betrachtungen deutlich zu machen geſucht. So Erſter Abſchnitt. 3 bald — 3 bald der Menſch zur Erkenntnis koͤmmt, daß er, auſſerhalb der Geſellſchaft, ſo wenig die Pflichten gegen fi ſich ſelbſt und gegen den Urheber ſeines Daſeyns, als die Pflichten gegen feinen Naͤch⸗ ſten erfuͤllen, und alſo ohne Gefuͤhl ſeines Elends nicht länger in feinem einſamen Zuſtande bleiben kann; ſo iſt er verbunden, denſelben zu verlaſſen, mit ſeines gleichen in Geſellſchaft zu treten, um durch gegenfeitige Hülfe ihre Bedüͤrfniſſe zu bes friedigen, und durch gemeinſame Vorkehrungen, ihr gemeinſames Beſte zu befoͤrdern. Ihr ge⸗ meinſames Beſte aber begreift das Gegenwaͤrtige ſowohl als das Zukuͤnftige, das Geiſtliche ſowohl als das Irdiſche, in ſich. Eins iſt von dem an⸗ dern unzertrennlich. Ohne Erfuͤllung unſerer Obliegenheiten iſt fuͤr uns weder hier noch da; weder auf Erden, noch im Himmel, ein Gluͤck zu erwarten. Nun gehoͤret zur wahren Erfuͤl⸗ lung unſerer Pflichten, zweierlei: Handlung und Geſinnung. Durch die Handlung geſchieht das, was die Pflicht erfordert, und die Geſin⸗ nung macht, daß es aus der wahren Quelle komme, d. i. aus achten Bewegungsgruͤnden geſchehe.

Alſe N Alſe N Alſo Handlungen und Geſinnungen gehören zur Vollkommenheit des Menſchen, und die Ges ſellſchaft hat, ſo viel als moͤglich, durch gemein⸗ ſchaftliche Bemuͤhungen für beides zu ſorgen; d. i. die Handlungen der Mitglieder zum gemein⸗ ſchaftlichen Beſten zu lenken, und Geſinnungen zu veranlaſſen, die zu dieſen Handlungen fuͤh⸗ ren. Jenes iſt die Regierung, dieſes die Erzie⸗ hung des geſelligen Menſchen. Zu beiden wird der Menſch durch Gruͤnde geleitet, und zwar zu den Handlungen durch Bewegungsgruͤnde, und zu den Geſinnungen durch Wahrheits⸗ gruͤnde. Die Geſellſchaft hat alſo beide durch oͤffentliche Anſtalten ſo einzurichten, daß ſie zum allgemeinen Beſten uͤbereinſtimmen. Die Gruͤnde, welche den Menſchen zu ver⸗ nuͤnftigen Handlungen und Geſinnungen leiten, beruhen zum Theil auf Verhaͤltniſſen der Men⸗ ſchen gegen einander, zum Theil auf Verhaͤlt?

niſſen der Menſchen gegen ihren Urheber und Erhalter. Jene gehoͤren fuͤr den Staat, dieſe fuͤr die Religion. In ſo weit die Handlungen und Geſinnungen der Menſchen, durch Gründe, die aus ihren Verhaͤltniſſen gegen einander flie⸗ ßen, gemeinnuͤtzig gemacht werden koͤnnen, B 2 n ſind — ſind fie ein Gegenſtand der bürgerlichen Berfaſ⸗ j fung; in fo weit aber die Verhaͤltniſſe der Mens ſchen gegen Gott, als Quelle derſelben ange nommen werden, gehoͤren ſie fuͤr die Kirche, Synagoge oder Moſchee. Man lieſt in ſo man⸗ chen Lehrbuͤchern des ſogenannten Rirchenrcchts ernſthafte Unterſuchungen: ob auch Juden, Ketzer und Irrglaͤubige eine Kirche haben koͤnnen. Nach den unermeßlichen Vorrechten, die die ſoge⸗ nannte Kirche ſich anzumaßen pflegt, iſt die Frage ſo ungereimt nicht, als ſie einem unbefan⸗ genen Leſer ſcheinen muß. Mir koͤmmt es aber, wie leicht zu erachten, auf dieſen Unterſchied der Benennung nicht an. Oeffentliche Anſtalten zur Bildung des Menſchen, die ſich auf Verhaͤltniſſe des Menſchen zu Gott beziehen, nenne ich Kirn⸗ che; — zum Menſchen, Staat. Unter Bildung u des Menſchen verftehe ich die Bemuͤhung, beis des / Geſinnungen und Handlungen fo einzurich⸗ ten, daß fie zur Glückfeligfeit uͤbereinſtimmen; die Menſchen erziehen und regieren. Heil dem Staate, dem es gelinget, das Volk durch die Erziehung ſelbſt zu regieren; das heißt, ihm ſolche Sitten und Geſinnungen ein⸗ ziufloͤßen, die von ſelbſt zu gemeinnützigen Hand⸗ lungen lungen fuͤhren, und nicht immer durch den Sporn der Geſetze angetrieben zu werden brauchen. — Der Menſch im geſellſchaftlichen Leben muß auf manches von ſeinen Rechten zum allgemeinen Beſten Verzicht thun; oder wie man es nennen kann, ſehr oft ſeinen eigenen Nutzen dem Wohl⸗ wollen aufopfern. Nun iſt er gluͤcklich, wenn dieſe Aufopferung eigenes Triebes geſchiehet, und er jedes Mal wahrnimmt, daß ſie blos zum Behuf des Wohlwollens von ihm geſchehen ſey. Wohlwollen macht im Grunde gluͤcklicher, als Eigennutz; aber wir muͤſſen uns ſelbſt und die Aeſſerung unſerer Kraͤfte dabey empfinden. Nicht wie einige Sophiſten es auslegen, weil alles am Menſchen Eigenliebe iſt; ſondern weil Wohl⸗ wollen kein Wohlwollen mehr iſt, weder Werth noch Verdienſt mit ſich fuͤhret, wenn es nicht aus freyem Triebe des Wohlwollenden fließet.

Hierdurch kann man vielleicht auf die be⸗ kannte Frage: Welche Regierungsform iſt die beſte? eine befriedigende Antwort geben. Eine Frage auf welche bisher ſich widerſprechende Antworten, mit gleichem Scheine der Wahr⸗ heit, gegeben worden ſind. Im Grunde iſt ſie zu unbeſtimmt, faſt ſo wie jene mediciniſche Frage * * von gleicher Art: welche Speiſe iſt die geſun⸗ deſte? Jede Complexion, jedes Clima, jedes Altet, Geſchlecht, Lebensart u. ſ. w. erfordert eine andere Antwort. Eben fo verhält. es ſich mit unſerm politiſchphiloſophiſchen Problem. Für jedes Volk, auf jeder Stufe der Cultur, auf welcher es ſtehet, iſt eine andere Regierungsform die beſte. Manche des potiſch regierte Nationen würden höchft elend ſeyn, wenn man fie ſich felbft - uͤberließe; ſo elend als manche freygeſinnten Republikaner, wenn man ſie einem Einzelherrn unterwerfen wollte. Ja manche Nation wird, ſo wie ſich Cultur, Lebensart und Geſinnung abändert, auch mit der Regierungsform aͤndern, und in einer Folge von Jahrhunderten den gan⸗ zen Zirkel der Regierungsformen, von Anarchie bis zum Despotismus, durch alle Schattierun⸗ gen und Vermiſchungen durchwandern, und doch iimmer die Form gewählt haben, die in ſolchen Umſtaͤnden fuͤr ſie die Beſte war. unter allen Umſtaͤnden und Bedingungen aber halte ich es fuͤr einen untruͤglichen Maaßſtab von der Guͤte der Regierungsform, je mehr in derſelben durch Sitten und Geſinnungen ge⸗ würkt, und alſo durch die Erziehung ſelbſt re⸗ ö — giert giert wied. Mit andern Worten, je mehr dem Buͤrger Anlaß gegeben wird, anſchauend zu er⸗ kennen, daß er auf einige ſeiner Rechte nur zum allgemeinen Beſten Verzicht zu thun, von ſeinem Eigennutzen nur zum Behuf des Wohl⸗ wollens aufzuopfern hat, und alſo von der einen Seite durch Aeuſſerung des Wohlwollens eben ſo viel gewinnet, als er durch die Aufopferung verliert. Ja, daß er durch die Aufopferung ſelbſt noch an innerer Gluͤckſeligkeit wuchere; indem dieſe das Verdienſt und die Würde der wohlthaͤtigen Handlung und alſo die 5 | kommenheit des Wohlwollenden vermehret. Es iſt z. B. nicht rathſam, daß der Staat alle Pflich⸗ ten der Menſchenliebe, bis auf die Almoſenpflege, übernehme, und in öffentliche Anſtalten verwan⸗ dele. Der Menſch fuͤhlt ſeinen Werth, wenn er Mildthaͤtigkeit ausuͤbt; wenn er anſchauend wahr⸗ nimmt, wie er durch ſeine Gabe die Noth ſei⸗ nes Nebenmenſchen erleichtert; wenn er giebt, weil er will. Giebt er aber, weil er muß; ſo fuͤhlt er nur ſeine Feſſeln. BE Co Eine Hauptbemuͤhung des Staats muß es alſo ſeyn, die Menſchen durch Sitten und Ge⸗ ſinnungen zu regieren. Nun giebt es kein Mit⸗ B 4 tel, tel, die Seſmnungen, und vermittelſt derſelben, die Sitten der Menſchen zu verbeſſern, als Ueberzeu⸗ gung. Geſetze veraͤndern keine Geſinnung, will⸗ kuͤrliche Strafen und Belohnung erzeugen keine Grundſaͤtze, veredeln keine Sitten. Furcht und Hoffnung ſind keine Kriterien der Wahrheit. Er⸗ 2. kenntniß, Vernunftgruͤnde, Ueberzeugung, biefe allein bringen Srundfäge hervor, die, durch un⸗ ſehen und Beyſpiel, in Sitten uͤbergehen koͤnnen. Und hier iſt es, wo die Religion dem Staat zu Huͤlfe kommen, und die Kirche eine Stuͤtze der buͤrgerlichen Gluͤckſeligkeit werden ſoll. She koͤmmt es zu, das Volk auf die nachdruͤcklichſte Weiſe von der Wahrheit edler Grundſaͤtze und Geſinnungen zu uͤberfuͤhren; ihnen zu zeigen, daß die Pflichten gegen Menſchen auch Pflichten gegen Gott ſeyen, die zu uͤbertreten, ſchon an und für ſich hoͤchſtes Elend ſeyy; daß dem Staate dienen ein wahrer Gottesdienſt, Recht und Ges rechtigkeit der Befehl Gottes, und Wohlthun fein allerheiligſter Wille ſey, und daß wahre Erz kenntniß des Schoͤpfers keinen Menſchenhaß in der Seele zuruͤcklaſſen koͤnne. Dieſes zu lehren, iſt Amt und Pflicht und Beruf der Religion; dieſes zu predigen a und Pflicht und Beruf ihrer — —— Fran ZU 1 7 ge ihrer Diener. Wie hat es den Menſchen beykom⸗ men koͤnnen, jene das Gegentheil lehren, biefe das Gegentheil predigen zu laffen?

Wenn aber der Charakter der Nation, der Grad der Cultur, auf welchen ſie geſtiegen, die mit dem Wohlſtande der Nation gewachſene Volksmenge, vervielfaͤltigte Verhaͤltniſſe und Verbindungen, uͤberhand genommene Ueppig⸗ keit und andere Urſachen es unmoͤglich machen, die Nation blos durch Geſinnungen zu regieren; ſo nimmt der Staat ſeine Zuflucht zu oͤffentlichen Anſtalten, Zwangsgeſetzen, Beſtrafungen des Verbrechens und Belohnung des Verdienſtes. Wenn der Buͤrger nicht aus innerm Gefuͤhl ſei⸗ ner Schuldigkeit das Vaterland vertheidigen will; ſo werde er durch Belohnung gelockt, oder durch Gewalt gezwungen. Haben die Menſchen keinen Sinn mehr fuͤr den innern Werth der Gerechtigkeit, erkennen ſie nicht mehr, daß Red⸗ lichkeit in Handel und Wandel wahre Gluͤckſe⸗ ligkeit fen; fo werde die Ungerechtigkeit gezuͤchti⸗ get, der Betrug beſtraft. Freylich erhaͤlt der Staat auf dieſe Weiſe den Endzweck der Geſell⸗ ſchaft nur zur Hälfte, + Aeußere Bewegungs⸗ gründe machen den, auf welchen fie auch wir⸗ B 5 ten, ken, nicht glücklich. Wer aus Liebe zur Recht?

ſchaffenheit den Betrug meidet, iſt glücklicher, als der nur die willkuͤhrlichen Strafen fuͤrchtet, N die der Staat mit dem Betruge verbunden. Allein ſeinem Nebenmenſchen kann es gleichviel gelten, aus welchen Bewegurſachen das Unrecht unkerbleibt, durch welche Mittel ihm ſein Recht und Eigentum geſichert wird. Das Vaterland iſt vertheidiget; die Buͤrger moͤgen aus Liebe, oder aus Furcht vor poſitiver Strafe, fuͤr daſſel⸗ be fechten; obgleich die Vertheidiger ſelbſt in jenem Falle gluͤcklich, in dieſem aber ungluͤcklich find. Wenn innere Gluͤckſeligkeit der Geſell⸗ Schafe nicht völlig zu erhalten ſtehet; fo werde wenigſtens aͤuſſere Ruhe und Sicherheit allens falls erzwungen.

Der Staat alſo begnuͤgt ſich allenfalls mit todten Handlungen, mit Werken ohne Geiſt, mit Uebereinſtimmung im Thun, ohne Uebereinſtim⸗ mung in Gedanken. Auch wer nicht an Geſetze glaubt, muß nach dem Geſetze thun, ſobald es Sanction erhalten hat. Er kann dem einzelnen Buͤrger das Recht laſſen, uͤber die Geſetze zu urtheilen; aber nicht nach ſeinem Urtheile zu handeln; denn hierauf hat er als Mitglied der < Geſell⸗ Geſellſchaft Verzicht thun muͤſſen, weil ohne dieſe Verzicht eine buͤrgerliche Geſellſchaft ein Unding iſt. — Nicht alſo die Religion! Dieſe kennet keine Handlung ohne Geſinnung, kein Werk ohne Geiſt, keine Uebereinſtimmung im Thun, ohne Uebereinſtimmung im Sinne. Re⸗ Ucgiäße Handlungen, ohne religiöſe Gedanken, iſt >.

leeres Puppenſpiel, kein Gottesdienſt. Dieſe muͤſſen alſo an und fuͤr ſich ſelbſt aus dem Geiſte kommen, und koͤnnen weder durch Be⸗ lohnung erkauft, noch durch Strafen erzwun⸗ gen werden. Aber auch von buͤrgerlichen Hand⸗ lungen ziehet die Religion ihre Hand ab, in ſo weit ſie nicht durch Geſinnung, ſondern durch Macht hervorgebracht werden. Der Staat hat ſich auch keine Huͤlfe mehr von der Religion zu verſprechen, ſobald er blos durch Belohnung und Beſtrafung wuͤrken kann; denn in ſo weit dieſes geſchiehet, kommen die Pflichten gegen Gott weiter in keine Betrachtung, ſind die Ver⸗ haͤltniſſe zwiſchen dem Menſchen und ſeinem Schoͤpfer ohne Wirkung. Aller Beyſtand, den die Religion dem Staate leiſten kann, iſt Be⸗ lehren und Troͤſten; durch ihre goͤttlichen Leh⸗ ren dem ars gemeinnuͤtzige Geſinnungen bey⸗ NT brin⸗ bringen, und durch ihre überierdifche Troſtgruͤn⸗ de den Elenden aufrichten, der als ein Opfer fuͤr das ri Beſte zum 20 verurtheilt worden.

Hier zeigt ſich alſo ſchon ein weſentlicher Un⸗ | teſchied zwiſchen Staat und Religion. Der Staat gebietet und zwinget; die Religion belehrt und uͤberredet; der Staat ertheilt Geſetze, die Religion Gebote. Der Staat hat phyſiſche Ge⸗ walt und bedient ſich derſelben, wo es noͤthig iſt; die Macht der Religion iſt Liebe und Wohl⸗ thun. Jener giebt den Ungehorſamen auf, und ſtoͤßt ihn aus; dieſe nimmt ihn in ihren Schoos, und ſucht ihn noch in dem letzten Augenblicke ſeines gegenwaͤrtigen Lebens, nicht ganz ohne Nutzen, zu belehren, oder doch wenigſtens zu troͤſten. Mit einem Worte: die buͤrgerliche Ge⸗ ſellſchaft kann, als moraliſche Perſon, Jwangs⸗ rechte haben, und hat dieſe auch durch den ge⸗ ſellſchaftlichen Vertrag wuͤrklich erhalten. Die religioͤſe Geſellſchaft macht keinen Anſpruch auf wangsrecht und kann durch alle Vertraͤge in der Welt kein Zwangsrecht erhalten. Der Staat beſitzet vollkommene, die Kirche blos unvollkommene Rechte. Um dieſes gehörig‘ ins — ins — ins Licht zu ſetzen, erlaube man mir zu den erſten Begriffen hinaufzuſteigen, und den Urſprung der Jwangsrechte und Guͤltig⸗ keit der Vertraͤge unter den Menſchen etwas genauer zu unterſuchen. Ich bin in Ge⸗ fahr, fuͤr manche Leſer zu ſpekulativ zu werden. Allein hat doch jeder die Freyheit das zu uͤber⸗ ſchlagen, was nicht nach ſeinem Geſchmacke iſt. Den Freunden des Naturrechts duͤrfte es nicht unangenehm ſeyn, zu ſehen, wie ich mir die erſten Grundſaͤtze deſſelben zu eroͤrtern geſucht habe. — | Die Befugniß (das ſittliche Vermögen ) ſich eines Dinges als Mittels zu feiner Gluͤckſeligkeit zu bedienen, heißt ein Recht. Das Vermoͤgen aber heißt ſittlich, wenn es mit den Geſetzen der Weisheit und Guͤte beſtehen kann, und die Dinge, die als Mit⸗ tel zur Gluͤckſeligkeit dienen koͤnnen, wer⸗ den Guͤter genannt. Der Menſch hat alſo ein Recht auf gewiſſe Guͤter oder Mittel zur Gluͤckſeligkeit, in ſo weit ſolches den Geſetzen der Weisheit und Guͤte nicht widerſpricht.

Was Was 0 Was nach den Geſetzen der Weisheit und der Guͤte geſchehn muß, oder deſſen Gegen⸗ theil den Geſetzen der Weisheit oder der Guͤte widerſprechen wuͤrde: heißt ſittlich nothwendig. Die ſittliche Nothwendigkeit Schuldigkeit) etwas zu thun, oder an- terlaſſen, iſt eine Pflicht. | Die Geſetze der Weisheit und Güte koͤn⸗ nen ſich nicht einander widerſprechen. Wenn ich alſo ein Recht habe etwas zu thun; ſo kann mein Nebenmenſch kein Recht haben, mich daran zu verhindern; ſonſt waͤre eben dieſelbe Handlung zu einerley Zeit ſittlich moͤglich und ſittlich unmöglich. “Einem jeden Rechte entſpricht alſo eine Pflicht; dem Rechte zu thun entſpricht die Pflicht zu lei⸗ den; dem Rechte zu fordern, die buche zu leiſten, u. ſ. w.) Weis⸗ Man macht den Einwurf: der Kriegs mann habe in waͤhrendem Kriege die Befugniß, den Feind um⸗ x zubringen, ohne daß dieſem die Pflicht obliege, ſolches zu leiden. Allein der Kriegsmann hat dieſe Befugniß nicht als menſch; ſondern als Mitglied, oder Soldner des Weis heit mit Guͤte verbunden heißt Ge⸗ rechtigkeit. — Das Geſetz der Gerechtig⸗ keit, auf welches ein Recht ſich gruͤndet, iſt entweder von der Beſchaffenheit, daß alle Bedingungen, unter welchen das Praͤdi⸗ kat dem Subiekte zukommt, dem Rechtha⸗ benden gegeben ſind, oder nicht. In dem erſten Falle iſt es ein vollkommenes, in dem andern ein unvollkommenes Recht. Bey dem unvollkommenen Rechte naͤmlich haͤngt ein Theil der Bedingungen, unter welchen das Recht zukoͤmmt, von dem Wiſſen und e des Pflichttraͤgers ab. Dur des trieg führenden Staats. Der Staat a iſt entweder wirklich beleidiget, oder giebt vor ber leidiget zu ſeyn, und ſeine Befriedigung nicht anders, als durch die Gewalt, erhalten zu koͤnnen. Das Gefecht iſt alſo eigentlich nicht zwiſchen Menſch und Menſch; ſondern zwiſchen Staat und Staat; und unter den beiden kriegfuͤhrenden Staaten hat doch offenbar nur einer das Recht auf feiner Seite. Dem Beleidiger liegt allerdings die Pflicht ob, den Beleidigten zu befriedigen, und alles zu lei⸗ den, ohne welches jener nicht iu feinem gekraͤnk⸗ den Rechte gelangen kann.

Dieſer iſt alfo auch in dem erſten Falle voll kommen, in dem andern aber nur un⸗ vollkommen zu der Pflicht verbunden, die jenem Rechte entſpricht. — Es giebt voll⸗ Fkommene und un vollkommene, ſowohl Pflichten, als Rechte. Jene heißen Zwangsrechte und Zwangspflichten; dieſe hingegen Anſpruͤche Bitten) und Gewiſ⸗ ſenspflichten. Jene ſind aͤuſſerlich, dieſe aber nur innerlich. Zwangsrechte duͤrfen mit Gewalt erpreßt; Bitten aber verwei⸗ gert werden. Unterlaſſung der Zwangs⸗ pflichten iſt Beleidigung, Ungerechtigkeit s der Gewiſſenspflichten aber blos Unbil⸗ ligkeit. | a Die Güter, auf welche der Menſch ein ausſchließendes Recht hat, find U) feine eigenen Fahigkeiten; 2) was er durch die⸗ ſelben hervorbringet, oder deſſen Fortkom⸗ men er befoͤrdert, was er anbauet, hegt, ſchuͤtzt u. ſ. w. (Produkte ſeines Fleißes); 3) Güter der Natur, die er mit den Pro⸗ dukten ſeines Fleißes ſo verbunden, daß ſie von denſelben ohne Zerſtoͤrung nicht mehr getrennt werden koͤnnen, die er ſich alfe alſo zu eigen gemacht. Hierin beſtehet alſo fein natürliches Eigentum, und dieſe Gů⸗ ter ſind auch im Stande der Natur, bevor noch irgend ein Vertrag unter den Menſchen Statt gefunden, von der urſpruͤnglichen Gemeinſchaft der Guͤterau sgeſchloſſen wor⸗ den. Die Menſchen beſitzen nämlich urſpruͤng⸗ lich nur diejenigen Guͤter gemeinfchaftlich, die von der Natur, ohne eines Menſchen Fleis und Beförderung, hervorgebracht wer⸗ den. — Nicht alles Eigentum iſt blos conventionell.