entbehren muß, weil er nicht ſagen kann: ich glaube, wo er nicht glaubet; nicht mit dem Munde Muſelmann, und im Herzen Chriſt ſeyn will, dem bringet dieſe Diſtinktion nur leidigen Troſt. Und welches ſind die Graͤnzen der Vorrechte auf der einen, und der Einſchraͤn⸗ kung auf der andern Seite? Mit einer maͤßi⸗ gen Gabe von Dialektik erweitert man dieſe Be⸗ griffe, und dehnet ſie ſo lange aus, bis ſie auf der einen Seite buͤrgerliche Gluͤckſeligkeit, auf der andern Unterdruͤckung, Verbannung und Elend werden ).
Furcht ») Ein Collegium von gelehrten und angeſehenen . in einem uͤbrigens ziemlich duldſamen eee.
Furcht und Hoffnung wirken auf den Be⸗ Fee der Menſchen; Vernunftgruͤnde auf ſein Erkenntnißvermoͤgen. Ihr ergreifet die unrechten Mittel, wenn ihr die Menſchen durch Furcht und Hoffnung zur Annahme oder zur Verwerfung gewiſſer Lehrſaͤtze fuͤhren wollt. Ja, wenn auch dieſes gradezu eure Abſicht nicht iſt; ſo hindert ihr ſelbſt doch eure beſ⸗ ſern Abſichten, wenn ihr Furcht und Hoffnung nicht ſo weit zu entfernen ſucht, als nur immer moͤglich iſt. Ihr beſtechet und verfuͤhret euer eigenes Herz, oder euer Herz hat euch ver⸗ führt, wenn ihr glaubet, Prüfung der Wahr heit koͤnne beſtehen, Frepheit der Unterſuchung bleibe ungekraͤnkt, wenn hier Stand und Wuͤr⸗ den, dort Verachtung und Duͤrftigkeit die un? ‚ E 2 ter⸗ Staate, ließ vor einiger Zeit gewiſſe Diſſiden⸗ ten für die Approbation gedoppelte Gebühren ber zahlen, und als ſie von der Obrigkeit deswegen zur Rede geſtellt wurden, war die Entſchuldi⸗ gung, jene waͤren doch uͤberall im buͤrgerlichen Leben deterioris Conditionis. Das Sonderbarſte iſt, daß es bis auf den heutigen Tag bey der Er⸗ hoͤhung der Gebühren geblieben ſeyn fol, terſuchenden erwarten. Vorſtellung des Guten und Boͤſen ſind Werkzeug für den Willen; der Wahrheit und Unwahrheit fuͤr den Verſtand. Wer auf den Verſtand wirken will, lege ienes Werkzeug zuvoͤrderſt aus der Hand; ſonſt iſt er in Gefahr, wider feinen eigenen Vorſatz, aus zu⸗ glätten, wo er durchſchneiden; su befeftigen, wo | er einreiſſen ſoll.
Was wird alſo der Kirche fuͤr eine Regie⸗ rungsform anzurathen ſeyn? — keine! — Wer ſoll entſcheiden, wenn in Religionsſachen Strei⸗ tigkeiten entſtehen? — Wem Gott die Faͤhig⸗ keit gegeben, zu überzeugen. Was ſoll Regie⸗ rungsform, wo nichts zu regieren iſt; Obrig⸗ keit, wo niemand Unterthan ſeyn darf; Richter⸗ amt, wo keine Rechte und Anſpruͤche zu ent⸗ ſcheiden vorkommen? Weder Staat noch Kirche find in Religionsſachen befugte Richter; denn. die Glieder der Geſellſchaft haben ihnen durch keinen Vertrag dieſes Recht einraͤumen koͤnnen. Der Staat hat zwar von Ferne darauf zu ſe⸗ hen, daß keine Lehren ausgebreitet werden, mit denen der oͤffentliche Wohlſtand nicht beſtehen kann; die wie Atheiſterey und Epikurismus den Grund untergraben, auf welchem die Gluͤckſelig⸗ keit keit des geſellſchaftlichen Lebens beruhet. Plu⸗ tarch und Bayle moͤgen immer unterſuchen: ob ein Staat bey der Atheiſterey nicht beſſer beſte⸗ hen koͤnne, als beym Aberglauben? mögen ims mer die Plagen berechnen, und vergleichen, die dem menſchlichen Geſchlechte aus dieſen verſchie⸗ denen Quellen des Elends bisher entſtanden find, und noch zu entſtehen drohen. Im Grun⸗ de heißt dieſes nichts anders, als unterſuchen: ob ein ſchleichendes oder ein hitziges Fieber toͤd⸗ licher ſey? Seinen Freunden wird man gleich⸗ wohl keines von beiden anwuͤnſchen. So wird eine jede buͤrgerliche Geſellſchaft wohl thun, wenn ſie keines von beiden, weder Fanatismus, noch Atheiſterey Wurzel ſchlagen und ſich aus⸗ breiten laͤßt. Der Staatskoͤrper ſiecht und iſt elend, er mag vom Krebsſchaden aufgerieben, oder von Fieberhitze verzehrt werden.
Aber nur von Ferne her muß der Staat hierauf Ruͤckſicht nehmen, und ſelbſt die Lehren nur mit weiſer Maͤßigung beguͤnſtigen, auf wel⸗ chen ſeine wahre Gluͤckſeligkeit beruhet, ohne ſich unmittelbar in irgend eine Streitigkeit zu miſchen, und durch Autorität entſcheiden zu wol⸗ E33 ĩ len: Ir Ten; denn er handelt offenbar wider feinen eige⸗ nen Endzweck, wenn er geradezu Unterſuchung verbietet, oder Streitigkeiten anders, als durch Vernunftgruͤnde entſcheiden läßt. Auch hat er ſich nicht um alle Grundfäge zu bekuͤmmern, die eine herrſchende oder beherrſchte Dogmatik annimmt oder verwirft. Die Rede iſt nur von jenen Hauptgrundſaͤtzen, in welchen alle Reli⸗ gionen uͤbereinkommen, und ohne welche die Gluͤckſeligkeit ein Traum, und die Tugend ſelbſt keine Tugend mehr iſt. Ohne Gott und Vorſe⸗ hung und kuͤnftiges Leben iſt Menſchenliebe eine angeborne Schwachheit, und Wohlwollen wenig mehr als eine Geckerey, die wir uns einan⸗ der einzuſchwatzen ſuchen, damit der Thor ſich placke, und der Kluge ſich guͤtlich thun und auf jenes Unkoſten ſich luſtig machen koͤnne. | Kaum wird es noͤthig ſeyn, noch die Frage zu beruͤhren: ob es erlaubt ſey, die Lehrer und Prieſter auf gewiſſe Glaubenslehren zu beeidi⸗ gen? Auf welche ſollte dieſes geſchehen? Jene Grundartikel aller Religionen, davon vorhin geſprochen worden, koͤnnen durch keine Eid⸗ ſchwuͤre bekraͤftiget werden. Ihr muͤſſet dem e auf fein Wort glauben, daß er fie annimmt; Ma) annimmt; ober fein Eid iſt ein leerer Schall; Worte, die er in die Luft ſtoͤßt, ohne daß fie ihn mehr Ueberwindung koſten, als eine bloße Verſicherung; denn alles Zutrauen zu Eidſchwuͤ⸗ ren, und das ganze Anſehen derſelben beruhet ja blos auf dieſen Grundlehren der Sittlich⸗ keit. Sind es aber beſondere Artikel dieſer oder jener Religion, die ich beſchwoͤren oder ab⸗ ſchwoͤren ſoll; ſind es Grundſaͤtze, ohne welche Tugend und Wohlſtand unter den Menſchen be⸗ ſtehen koͤnnen, und wenn ſie auch nach der Meinung des Staats, oder der Perſonen, die den Staat vorſtellen, zu meinem ewigen Heile noch ſo nothwendig ſind; ſo frage ich: was hat der Staat fuͤr Recht in das Innerſte der Men⸗ ſchen fo zu wuͤhlen, und fie zu Geſtaͤndniſſen zu zwingen, die der Geſellſchaft weder Troſt noch Frommen bringen? Eingeraͤumt hat ihm dieſes nicht werden koͤnnen; denn hier fehlen alle Bedingniſſe des Vertrags, die im vorher⸗ gehenden ausgefuͤhrt worden. Es betrift keines von meinen entbehrlichen Guͤtern, das ich mei⸗ nem Naͤchſten überlaffen ſoll; es betrift keinen Gegenſtand des Wohlwollens; und Colliſions⸗ fälle koͤnnen dabei zur Entſcheidung nicht vor⸗ i ME; kom⸗ * kommen. Wie kann ſich aber der Staat ein Befugniß anmaßen, die durch keinen Ders trag eingeraͤumt, durch keine Willenserklaͤ⸗ rung von Perſon zu Perſon wandern und uͤber⸗ tragen werden kann? Laſſet uns indeſſen zum Ueberfluſſe unterſuchen: ob überall Beeidigung über Glauben und Nichtglauben ein reeller Ber griff ſey? ob die Meinungen der Menſchen uͤber⸗ haupt, ihr Beyſtimmen und Nichtbeyſtimmen in Abſicht auf Vernunftſaͤtze, ein Gegenſtand ſind, uͤber welche ſie beeidiget werden koͤnnen?
Eidſchwuͤre erzeugen keine neuen Pflichten. Die feyerlichſte Anrufung Gottes zum Zeugen der Wahrheit giebt und nimmt kein Recht, das nicht ohne dieſelbe ſchon da geweſen; legt dem Anrufenden auch keine Verbindlichkeit auf, die ihm nicht auch ohne dieſelbe obliegt. Sie die⸗ nen blos, das Gewiſſen der Menſchen, wenn es etwa eingeſchlaͤfert ſeyn follte, aufzuwecken; und auf das aufmerkſam zu machen, was der Wille des Weltrichters ſchon fo von ihm for⸗ dert. Die Eidſchwuͤre ſind alſo eigentlich weder fuͤr den gewiſſenhaften Mann, noch fuͤr den ent⸗ ſchloſſenen Taugenichts. Jener muß ohnehin 8 wiſſen, wiſſen, muß ohne Eid und Fluch von der Wahr⸗ heit innigſt durchdrungen ſeyn, daß Gott Zeu⸗ ge ſey, nicht nur aller Worte und Ausſagen, ſondern aller Gedanken und geheimſten Ne; gungen des Menſchen, und daß er die Ueber⸗ tretung ſeines allerheiligſten Willens nicht ungeahndet laſſe; — und der entſchloſſene, ge⸗ wiſſenloſe Boͤſewicht?
Der fuͤrchtet keine Goͤtter, Der keines Menſchen ſchont.
Alſo blos fuͤr den gemeinen Mittelſchlag von Menſchen, oder im Grunde fuͤr jeden von uns, in ſo weit wir alle, ſo viel unſerer find, in fo manchen Fällen zu dieſer Klaſſe zu zahlen find; für die ſchwachen, unſchluͤſſi⸗ gen und ſchwankenden Menſchen, die Grund⸗ ſaͤtze haben und fie nicht immer befolgen; die träge und laͤſſig find zum Guten, das fie erken nen und einſehen; die ihrer Laune nachgeben, einer Schwachheit zu gefallen, aufſchieben, be⸗ maͤnteln, Entſchuldigung ſuchen, und mehren⸗ theils zu finden glauben. Sie wollen, und haben die Feſtigkeit nicht, ihrem Willen treu zu bleiben. Diefen muß der Wille geſtaͤhlt, E 5 das CAT das Gewiſſen rege gemacht werden. Der itzt vor Gericht laͤugnet, beſitzet vielleicht fremdes Gut, ohne die entſchloſſene Bosheit, unge⸗ recht ſeyn zu wollen. Er kann ſolches ver⸗ zehrt, oder haben von Haͤnden kommen laſ⸗ ſen, und will voritzt durch das Ablaͤugnen nur Zeit gewinnen; und ſo wird vielleicht der gute Geiſt, der fuͤr die Gerechtigkeit in ihm kaͤmpft, von Tag zu Tag abgewieſen, bis er ermuͤdet, und unterliegt. Man muß ihm alſo zu Huͤlfe eilen, und erſtlich den Fall, der Aufſchub leidet, in eine Handlung ver⸗ wandeln, die itzt geſchiehet, wo der Augen⸗ blick entſcheidend iſt, und alle Entſchuldigung wegfaͤllt; ſodann aber auch alle Feyerlichkeit aufbieten, alle die Kraft und den Nachdruck zuſammennehmen, mit welchen die Erinnerung an Gott, den allgerechten Raͤcher und Vergel⸗ ter, auf das Gemuͤth wirken kann. j Dieſes ift die Beſtimmung des Eides, und hieraus, duͤnkt mich, ſey offenbar, daß man die Menſchen nur uͤber Dinge beſchwoͤren muͤſſe, die in die äufferen Sinne fallen; davon ſie mit der Ueberzeugung, welche die Evidenz der 7 — 7 — der aͤuſſern Sinne mit ſich fuͤhret, die Wahr⸗ heit behaupten und ausſagen koͤnnen: ich habe gehoͤrt, geſehen, geſprochen, empfangen, ge⸗ geben, oder nicht gehoͤrt u. ſ. w. Man brin⸗ get aber ihr Gewiſſen auf eine grauſame Fol ter, wenn man ſie uͤber Dinge befragt, die blos fuͤr den innern Sinn gehoͤren. Glaubſt du? Biſt du überführt? überredet? duͤnkt es dir? Iſt irgend in einem Winkel deines Gei⸗ ſtes oder deines Herzens noch einiger Zweifel zuriick; fo zeige an, oder Gott wird den Mi; brauch ſeines Namens raͤchen. — Um des Himmels willen, ſchonet der zarten, gewiſſen⸗ haften Unſchuld! Und wenn ſie einen Satz aus dem erſten Buche des Euklides zu be⸗ haupten hätte; fo müßte fie in dieſem Augen⸗ blicke zagen, und unausſprechliche Marter leiden. 1 4 i 1 Die Wahrnehmungen des innern Sinnes find an und für ſich ſelbſt felten fo handgreif⸗ lich, daß der Geift fie mit Sicherheit fefte hal⸗ ten, und ſo oft es verlangt wird, von ſich ge⸗ ben koͤnne. Sie entſchluͤpfen ihm zuweilen, in⸗ dem er ſie zu faſſen glaubt. Wovon ich itzt ver⸗ rs verſichert zu ſeyn glaube, daruͤber ſchleichet oder ſtielt ſich in dem naͤchſten Augenblicke ein kleiner Zweifel ein, und lauret in einer Falte meiner Seele, ohne daß ich ihn gewahr wor⸗ den. Viele Behauptungen, uͤber die ich heute gen vielleicht problematiſch vorkommen. Soll ich dieſe innern Wahrnehmungen gar durch Worte und Zeichen von mir geben, oder auf Worte und Zeichen ſchwoͤren, die andere Men⸗ ſchen mir vorlegen; ſo iſt die Unſicherheit noch weit groͤßer. Ich und mein Naͤchſter, wir koͤnnen unmoͤglich mit eben denſelben Worten eben dieſelben innern Empfindungen verbin⸗ den; denn wir koͤnnen dieſe nicht anders ges gen einanderhalten, mit einander vergleichen und berichtigen, als wiederum durch Worte. Wir koͤnnen die Worte nicht durch Sachen erlaͤu⸗ tern; ſondern muͤſſen wiederum zu Zeichen und Worten unſere Zuflucht nehmen, und am Ende zu Metaphern, weil wir, durch Huͤlfe dieſes Kunſtgriffs, die Begriffe des innern Sinnes auf aͤuſſere ſinnliche Wahrnehmungen gleichſam zuruͤckfuͤhren. Was fuͤr Verwirrung und Undeutlichkeit muß aber nicht auf ſolche Weiſe TE) Ä Weiſe in der Bedeutung der Worte zuruͤck— bleiben, und wie ſehr muͤſſen die Ideen vers. ſchieden ſeyn, die verſchiedene Menſchen, in verſchiedenen Zeiten und Jahrhunderten, mit denſelben aͤuſſerlichen Zeichen und Worten ver⸗ binden! 2 Wer du auch ſeyeſt, lieber Leſer! ſo be⸗ ſchuldige mich hier nicht der Zweifelſucht, oder der boͤſen Liſt, dich zum Skepticiſten ma⸗ chen zu wollen. Ich bin vielleicht einer von denjenigen, die am weiteſten von dieſer Krank⸗ heit der Seele entfernt ſind, und ſie an allen ihren Nebenmenſchen kuriren zu koͤnnen, am ſehnlichſten wuͤnſchen. Aber eben deswegen, weil ich dieſe Kur ſo oft an mir ſelbſt verrich⸗ tet, und an andern verſucht habe, bin ich ge⸗ wahr worden, wie ſchwer ſie ſey, und wie wenig man den Erfolg in Händen habe. Mit meis nem beſten Freunde, mit dem ich noch fo ein⸗ hellig zu denken glaubte, konnte ich mich ſehr oft über Wahrheiten der Philoſophie und Reliz gion nicht vereinigen. Nach langem Streit und Wortwechſel ergab ſich zuweilen, daß wir mit denselben Worten, jeder andere Begriffe ver⸗ bun⸗ 24 7 bunden hatten. Nicht ſelten dachten wir einer⸗ ley, und druͤckten uns nur verſchiedentlich aus; aber eben ſo oft glaubten wir uͤberein zu ſtim⸗ men, und waren in Gedanken noch weit von einander entfernt. Gleichwohl waren wir bey⸗ derſeits im Denken nicht ungeuͤbt, gewohnt, mit abgeſonderten Begriffen umzugehen, und beiden ſchien es um die Wahrheit im Ernſt, mehr um ſie, als ums Rechthaben zu thun zu ſeyn. Demohngeachtet mußten ſich unſere Begriffe lange Zeit an einander reiben, bevor ſie in einander ſich wollten fuͤgen laſſen; bevor wir mit einiger Zuverlaͤſſigkeit ſagen konnten: hierin kommen wir uͤberein! O! wer dieſe Erz.
fahrung in feinem Leben gehabt hat, und noch intolerant ſeyn, noch ſeinen Naͤchſten haſſen kann, weil dieſer in Religionsſachen nicht denkt, oder ſich nicht fo ausdruͤckt wie er, den möchte ich nie zum Freunde haben; denn er 90 ade Menſch⸗ heit ausgezogen. 1 Und ihr, Mitmenſchen! ihr neßmeer e mit dem ihr euch vielleicht niemals uͤber der⸗ gleichen Dinge beſprochen habet, ihr leget ihm die ſubtilſten Saͤtze der Metaphyſik und Religion, wie 7 wie ſie vor Jahrhunderten in Worte eingeklei⸗. det worden fi ind, in fogenannten Symbolen vor; ihr laſſet ihm bey jenem allerheiligſten Na⸗ men betheuern, daß er bei dieſen Worten eben ſo denket, wie ihr, und beide eben ſo, wie jener, der ſie vor Jahrhunderten niederge⸗ ſchrieben hat; betheuern, daß er dieſe Saͤtze von ganzem Herzen annehme, und an keinem derſelben Zweifel hege; mit dieſer beſchwornen Uebereinſtimmung verbindet ihr Amt und Wuͤr⸗ den, Macht und Einfluß, deren Reizung gar wohl faͤhig iſt, ſo manchen Widerſpruch zu he⸗ ben, ſo manchen Zweifel zu unterdruͤcken, und wenn ſich denn am Ende hervorthut, daß es ſo nicht iſt mit des Mannes Ueberzeugung, wie er vorgegeben; ſo beſchuldiget ihr ihn des graͤßlichſten aller Verbrechen, ihr klaget ihn des Meineides an, und laſſet erfolgen, was auf dieſe Unthat erfolgen ſoll. Iſt hier die Schuld nicht, am gelindeſten davon zu urthei⸗ len, auf beiden Seiten gleich? s „Ja! ſprechen die billigſten unter euch: „ wir beeidigen nicht auf den Glauben. Wir 5 * dem Gewiſſen ſeine Freyheit, und be⸗ ſchwoͤ⸗ * ee, Ban en ee ne.. —— — „ſchwoͤren den Mitbuͤrger nur, den wir mit eis „nem Amte bekleiden, daß er dieſes Amt, wel⸗ „ches ihm, unter der Bedingung der Ueberein⸗ „ſtimmung anvertrauet wird, nicht ohne Ueber⸗ „einſtimmung annehme. Dieſes iſt ein Vers „trag, den wir mit ihm eingehen. Finden ſich „nachher Zweifel, die dieſe Uebereinſtimmung „aufheben; ſo ſtehet es ja bey ihm, feinem’ „Gewiſſen treu zu ſeyn, und das Amt nieder⸗ „zu legen. Welche Gewiſſensfreyheit, welche | „Rechte der Menſchheit erlauben, wider einen e zu DT | » Run wohl! ic will N Schein von Gerechtigkeit nicht alle die Gruͤnde entgegen ſetzen, die nach oben ausgefuͤhrten augenſchein⸗ lichen Grundſaͤtzen, entgegen geſetzt werden koͤn⸗ nen. Wozu unnöthige- Wiederholungen? aber um der Menſchlichkeit willen! bedenket den Erz folg, den dieſe Einrichtung bisher unter den geſitteſten Menſchenkindern gehabt hat. Zaͤhlet die Männer alle, die eure Lehrſtuͤhle und eure Kanzeln beſteigen, und ſo manchen Satz, den fie bey der Uebernehmung ihres Amts beſchwo⸗ ren, in Zweifel ziehen; die Biſchoͤffe alle, die * im Oberhauſe ſitzen; die wahrhaftig großen Männer alle, die in England Amt und Wuͤr⸗ den bekleiden, und jene 39 Artikel, die ſie bes fchtooren, nicht mehr fo unbedingt annehmen, als ſie ihnen vorgelegt worden; Zaͤhlet ſie, und ſaget alsdenn noch, man koͤnne meiner unter⸗ druͤckten Nation keine buͤrgerliche Freyheit ein⸗ räumen, weil fo viele unter ihnen die Eide ges ring achteten! — Ach! Gott bewahre mein Herz vor menſchenfeindlichen Gedanken! Sie koͤnnten bey dieſer traurigen Betrachtung gar lune uͤber Hand nehmen.
Rein! aus Achtung für de Menſchheit, bin ich vielmehr uͤberredet, alle dieſe Maͤnner erkennen das nicht fuͤr Meineid, was man ih⸗ nen unter dieſem Namen Schuld giebt. Die geſunde Vernunft ſagt ihnen vielleicht, daß nie⸗ mand, weder Staat noch Kirche, ein Recht ge⸗ habt, fie über Glaubensſachen zu beeidigen; weder Staat noch Kirche ein Recht gehabt, mit dem Glauben und Schwoͤren auf gewiſſe Saͤtze, Amt, Ehre und Würden zu verbinden, oder den Glauben an gewiſſe Saͤtze zur Bedingung zu machen, unter welchen dieſe verliehen werden.
Erſter Abſchnitt. F Eine Eine ſolche Bedingung, glauben ſie vielleicht, ſey an und für ſich null, weil fie niemanden zum BVeſten gereicht; weil keines Menſchen Recht und Eigentum darunter leidet, wenn ſie gebro⸗ chen wird. *) Wenn alſo, wie fie nicht in Ab⸗ rede ſeyn koͤnnen, Boͤſes gethan worden; ſo ſey es damals geſchehen, als ihnen die verſpro⸗ chenen Vortheile einen fo unzuläffigen Eid abge⸗ lockt haben. Dieſem Uebel ſey aber nunmehr nicht abzuhelfen; am wenigſten durch das Nie⸗ derlegen ihres auf dieſe Weiſe erlangten Amts abzuhelfen. Damals habe man, um erlaubte irdiſche Vortheile zu erhalten, freilich auf eine vor Gott unverantwortliche Weiſe, ſich ſeines allerheiligſten Namens bedient; allein dieſes Ge⸗ „) Eine Bedingung nämlich iſt gültig, und bins det den Vertrag, wenn eine Möglichkeit zu er⸗ denken, unter welcher ſie in Beſtimmung der Colliſions falle hat Einfluß haben koͤnnen. Mei⸗ nungen aber koͤnnen nicht anders, als durch ein irriges Gewiſſen mit aͤuſſerlichen Vortheilen in Verbindung gebracht werden, und ich zweifele, ob fie je eine rechtskraͤftige Bedingung machen koͤnnen. — Geſchehene wird dadurch nicht ungeſchehen, wenn ſie itzt auf die Fruͤchte Verzicht thun, die ſie davon genießen; ja die Unordnung, das Hergerfiß und andere böfe Folgen, die das Aufgeben ihres Amts, verbunden mit einem öffentlichen Bekenntniß ihrer Abweichung, nach ſich ziehen duͤrfte, koͤnnte das Uebel nur ver⸗ mehren. Es ſey alſo allen ihren Mitmenſchen, ſowohl als ihnen ſelbſt und den Ihrigen beffer gerathen, wenn ſie es dabey bewenden laſſen, und fortfahren, den Staaten und der Kirche die ‚Dienfte zu leiſten, zu welchen ihnen die Vorſe⸗ hung Trieb und Faͤhigkeit verliehen; Hierin liege ihr Beruf zur oͤffentlichen Bedienung, nicht in ihrer Geſinnung in Abſicht auf ewige Wahrheiten und Vernunftfäge, die im Grun⸗ de nur ſie ſelbſt und keinen ihrer Nebenmen⸗ ſchen angehet. — Wenn gleich mancher zu gewiſſenhaft iſt, ſein Gluͤck ſolchen uͤberfeinen Entſchuldigungsgruͤnden zu verdanken zu haben; fo find doch auch diejenigen nicht völlig zu ver⸗ dammen, die ſchwach genug find, ihnen nach⸗ zugeben; wenigſtens iſt es nicht Meineid, ſon⸗ dern menſchliche Schwachheit, die ich Maͤnnern m 52 von 4 von ihrem Werthe möchte zu Schulden kom⸗ men laſſen.
Zum Beſchluſſe dieſes Abſchnitts will ich das Reſultat wiederholen, auf das mich meine Betrachtungen geführt haben.
Staat und Kirche haben zur Abſicht, die menſchliche Gluͤckſeligkeit in dieſem und jenem Leben, durch oͤffentliche Vorkehrungen, zu bes fördern.
Beide wirken auf Geſinnung und Hand⸗ lung der Menſchen, auf Grundſaͤtze und Anz wendung: der Staat, vermittelſt ſolcher Gruͤnde, die auf Verhaͤltniſſen zwiſchen Menſch und Menſch, oder Menſch und Natur, und die Kirche, die Religion des Staats, vermittelſt ſolcher Grunde, die auf Verhältniffen zwiſchen Menſch und Gott beruhen. Der Staat be⸗ handelt den Menſchen als unſterblichen Sohn der Erde; die Religion. als Ebenbild ſeines Schoͤpfers.
Grundfäge find frey. Geſinnungen leiden ihrer Natur nach keinen Zwang, keine Be⸗ ſtechung. Sie gehoͤren fuͤr das Erkenntnißver⸗ moͤgen des Menſchen, und muͤſſen nach dem Richt⸗ Richtmaß von Wahrheit und Unwahrheit ent⸗ ſchieden werden. Gutes und Boͤſes wirkt auf fein Billigungs⸗ und Mißbilligungsvermoͤgen. | Furcht und Hoffnung, lenken ſeine Triebe. Belohnung und Strafe richten ſeinen Willen, ſpornen ſeine Thatkraft, ermuntern, locken, ſchrecken ab.
Aber wenn Grundſaͤtze gluͤckſelig machen ſollen; ſo muͤſſen ſie weder eingeſchreckt, noch eingeſchmeichelt, ſo muß blos das Urtheil der Verſtandeskraͤfte fin gültig angenommen wer⸗ den. Ideen vom Guten und Boͤſen mit ein⸗ miſchen, heißt die Sachen von einem unbe⸗ fugten Richter entſcheiden laſſen.
Weder Kirche noch Staat haben alſo ein Recht die Grundſaͤtze und Geſinnungen der Menſchen irgend einem Zwange zu unterwer⸗ fen. Weder Kirche noch Staat find berechtis get, mit Grundſaͤtzen und Geſinnungen Vorzuͤ ge, Rechte und Anſpruͤche auf Perſonen und Dinge zu verbinden, und den Einfluß, den die Wahrheitskraft auf das Erkentnißvermoͤ⸗ J 3 gen.
\ gen hat, durch fremde Einmiſchung zu ſchwaͤchen. „ Selbſt der geſellſchaftliche Vertrag hat weder dem Staate noch der Kirche ein ſolches Recht einräumen koͤnnen. Denn ein Vertrag über Dinge, die ihrer Natur nach unveraͤuſ⸗ ſerlich ſind, iſt an und fuͤr ſich unguͤltig, hebt ſich von ſelbſt auf. | Auch die heiligſten Eidſchwuͤre koͤnnen hier die Natur der Sachen nicht veraͤndern. Eid⸗ ſchwuͤre erzeugen keine neuen Pflichten, ſind blos feyerliche Bekraͤftigungen desjenigen, wo⸗ zu wir ohnehin, von Natur oder durch Ver⸗ trag, verpflichtet find. Ohne Pflicht iſt der Eidſchwur eine leere Anrufung Gottes, die laͤſterlich ſeyn kann, aber an und fuͤr ſich zu nichts verbindet.
Zu dem koͤnnen die Menſchen nur dasje⸗ nige beeidigen, was die Evidenz der aͤuſſern Sinne hat, was ſie geſehen, gehoͤrt, betaſtet haben. Wahrnehmungen des innern Sinnes find keine Gegenſtaͤnde der Eidesbekraͤftigung.
Alles Alles Beſchwoͤren und Abſchwoͤren in Ab⸗ ſicht auf Grundſätze und Lehrmeinungen ſind dieſemnach unzulaͤſſig, und wenn ſie geleiſtet worden, ſo verbinden ſie zu nichts, als zur Reue, über den ſtraͤflich begangenen Leichtſinn. Wenn ich itzt eine Meinung beſchwoͤre; ſo bin ich Augenblicks darauf nichts deſto weniger frey, ſie zu verwerfen. Die Unthat eines ver⸗ geblichen Eides iſt begangen, wenn ich ſie auch beybehalte; und Meineid iſt nicht geſchehen, wenn ich ſie verwerfe.
Man vergeſſe nicht, daß nach meinen Grundſaͤtzen der Staat nicht befugt ſey, mit gewiſſen beſtimmten Lehrmeinungen, Beſol⸗ dung, Ehrenamt und Vorzug zu verbinden. Was das Lehramt betrift; ſo iſt es ſeine Pflicht, Lehrer zu beſtellen, die Faͤhigkeit ha⸗ ben, Weisheit und Tugend zu lehren, und ſolche nuͤtzliche Wahrheiten zu verbreiten, auf denen die Gluͤckſeligkeit der menſchlichen Geſell⸗ ſchaft unmittelbar beruhet. Alle naͤhere Be⸗ ſtimmungen muͤſſen ihrem beſten Wiſſen und Ge⸗ wiſſen uͤberlaſſen werden, wo nicht unendliche F 4 | Ver⸗ Verwirrungen und Colliſionen der pfichten entſtehen ſollen, die am Ende den Tugend⸗ haften ſelbſt oft zur Heucheley oder Gewiſſen⸗ loſigkeit fuͤhren. Jede Vergehung wider die Vorſchrift der Pernunft. nicht unge⸗ rochen.
Wie aber? Wenn das Uebel nun einmal geſchehen iſt:: der Staat beſtellt und beſoldet einen Lehrer auf gewiſſe beſtimmte Lehrmei⸗ nungen. Der Mann findet nachher dieſo Lehrmeinungen ohne Grund; was hat er zu thun? Wie ſich zu verhalten, um den Fuß aus der Schlinge herauszuwinden, in welche ihn ein irriges Gewiſſen verwickelt hat?
Drey verſchiedene Wege ſtehen hier vor ihm offen. Er verſchließt die Warheit in ſei⸗ nem Herzen, und fuͤhret fort, wider fein beſ⸗ ſeres Wiſſen, die Unwahrheit zu lehren; oder er legt ſein Amt nieder, ohne die Urſachen cs warum dieſes geſchehe; oder end⸗ lich giebt er der Warheit ein lautes Zeugniß, und laͤßt es auf den Staat ankommen, was mit feinem Amte und mit der ihm aus geſetz⸗ 0 0 keen.
ten Beſoldung werden, oder was er ſonſt für ſeine unuͤberwindliche Wahrheitsliebe leiden ſoll. Mich duͤnkt, keiner von dieſen Wegen ſey unter allen Umſtaͤnden ſchlechterdings zu ver⸗ werfen. Ich kann mir eine Verfaſſung denken, in welcher es vor dem Richterſtuhle des allge⸗ rechten Richters zu entſchuldigen iſt, wenn man fortfaͤhrt, ſeinem ſonſt heilſamen Vor⸗ trage gemeinnuͤtziger Warheiten, eine Unwahr⸗ heit mit einzumiſchen, die der Staat, vielleicht aus irrigem Gewiſſen geheiliget hat. Wenig⸗ ſtens wuͤrde ich mich huͤten, einen uͤbrigens rechtſchaffenen Lehrer dieſerhalb der Heucheley, oder des Jeſuitismus zu beſchuldigen, wenn mir nicht die Umſtaͤnde und die Verfaſſung des Mannes ſehr genau bekannt ſind; ſo ge⸗ nau, als vielleicht die Verfaſſung eines Men⸗ ſchen niemals ſeinem Naͤchſten bekannt ſeyn kann. Wer ſich ruͤhmt, nie in ſolchen Din⸗ gen anders geſprochen, als gedacht zu haben, hat entweder uͤberall nie gedacht, oder fin⸗ det vielleicht für gut, in dieſem Augenblicke ſelbſt, mit einer Unwahrheit zu pralen, der fein Herz widerſpricht. ME. u 85 Alſo Alſo in Abſicht auf Geſinnungen und Grundfäge kommen Religion und Staat übers ein, muͤſſen beide allen Schein des Zwanges und der Beſtechung vermeiden, und ſich auf Lehren, Vermahnen, Bereden und Zurechtwei⸗ ſen einſchraͤnken. Nicht alſo in Abſicht auf Handlung. Die Verhältniffe von Menſch zu Menſchen erfordern Handlung, als Handlung; die Verhaͤltniſſe zwiſchen Gott und Menſchen, blos in ſo weit ſie zu Geſinnungen fuͤhren. Eine gemeinnuͤtzige Handlung hoͤrt nicht auf, gemeinnügig zu ſeyn, wenn fie auch erzwun⸗ gen wird; eine religioͤſe Handlung hingegen iſt nur in dem Maße religioͤs, in welcher ſie aus frener Willkuͤhr und in gehoͤriger Abſicht geſchiehet. | Daher kann der Staat zu gemeinnuͤtzigen Handlungen zwingen; belohnen, beſtrafen; Amt und Ehren, Schande und Verweiſung austheilen, um die Menſchen zu Handlungen zu bewegen, deren innere Guͤte nicht kraͤftig genug auf ihre Gemuͤther wirken will. Daher hat dem Staate, durch den geſellſchaftlichen Ders Vertrag, auch das vollkommenſte Recht und das Vermoͤgen, dieſes zu thun, eingeräumt werden koͤnnen und muͤſſen. Daher iſt der Staat eine moraliſche Perſon, die ihre eigene Güter und Gerechtſame hat, und damit nach Gutfinden fi. kann. | Fern von allem diesen iſt die göttiche Re⸗ ligion. Sie verhaͤlt ſich gegen Handlung nicht anders, als gegen Geſinnung; weil ſie Hand⸗ lung blos als Zeichen der Gefinnung befielt. Sie iſt eine moraliſche Perſon; aber ihre Rechte kennen keinen Zwang; Sie treibet nicht mit eiſernem Staabe; ſondern leitet am Seile der Liebe. Sie zuckt kein Rachſchwerdt, ſpen⸗ det kein zeitliches Gut aus; maßet ſich auf kein irdiſches Gut ein Recht, auf kein Ge⸗ muͤth Aufferliche Gewalt an. Ihre Waffen ſind Gruͤnde und Ueberfuͤhrung; ihre Macht die göttliche Kraft der Warheit; die Strafen, die ſie androhet ſind, ſo wie die Belohnungen, Wirkungen der Liebe; heilſam und wohlthaͤ⸗ tig für die Perſon ſelbſt, die fie leidet. An dieſen Merkmalen erkenne ich dich, Tochter | ber — der Gottheit! Religion! die du in Wahrheit allein die ſeligmachende biſt, auf der Erde, ſo wie im Himmel.
Bann und Verweiſungsrecht, das ſich der Staat zuweilen erlauben darf, ſind dem | Geifte der Religion ſchnurſtracks zuwider. Ver⸗ bannen, ausſchließen, den Bruder abweiſen, der an meiner Erbauung Theil nehmen, und ſein Herz in wohlthaͤtiger Mittheilung, mit dem Meinigen zugleich zu Gott erheben will! — Wenn ſich die Religion keine willkuͤhrliche Stra⸗ fen erlaubt, am we ni jſten dieſe Seelenguaal, die ach! nur dem empfindlich iſt, der wirklich Religion hat. Gehet die Ungluͤcklichen alle durch, die von je her durch Bann und Ver⸗ dammniß haben gebeſſert werden ſollen; Leſer! welcher aͤuſſerlichen Kirche, Synagoge oder Moſchee du auch anhaͤngeſt! unterſuche, ob du nicht in dem Haufen der Verbannten mehr wah⸗ re Religion antreffen wirſt, als in dem ungleich groͤßern Haufen ihrer Verbanner?s — Nun hat die Verbannung entweder bürgerliche Folz gen, oder ſie hat keine. Ziehet ſie buͤrgerliches ö Elend U Elend nach ſich; fo fallt fie nur dem Edelmuͤtht⸗ gen zur Laſt, der dieſes Opfer der goͤttlichen Warheit ſchuldig zu ſeyn glaubt. Wer keine Religion hat, iſt ein Wahnwitziger, wenn er 5 ſich einer vermeinten Warheit zu gefallen, der mindeſten Gefahr ausſetzet. Soll fie aber, wie man ſich bereden will, blos geiſtige Folgen ha⸗ ben; fo drucken fie abermals nur denjenigen, der fuͤr dieſe Art von Empfindniß noch Gefuͤhl hat. Der Itreligioſe lacht ihrer und bleibt verſtockt. „ Und wo iſt die Moͤglichkeit ſie von allen buͤrgerlichen Folgen zu trennen? Kirchenzucht | einführen, habe ich an einem andern Orte, wie mich duͤnkt, mit Recht geſagt, Kirchenzucht ein⸗ fuͤhren, und die buͤrgerliche Gluͤckſeligkeit unge⸗ kraͤnkt erhalten, gleichet dem Beſcheide des aller⸗ hoͤchſten Richters an den Anklaͤger: Er ſey in deiner Hand, doch ſchone ſeines Lebens! Zerbrich das Faß, wie die Ausleger hinzuſetzen; doch laß den Wein nicht auslaufen! Welche keirchliche Ausſchließung, welcher Bann iſt ohne alle buͤrgerliche Folgen, ohne allen Einfluß auf die buͤrgerliche Achtung wenigſtens, auf den gu⸗ Ä ten H—. oe wm. U ten Leumund bes Ausgeſtoßenen und auf das Zu⸗ trauen bey ſeinen Mitbuͤrgern, ohne welches doch niemand ſeines Berufs warten, und ſeinen Mitmenſchen nuͤtzlich, das iſt, bürgerlich glück ſelig ſeyn kann? f Man beruft ſich immer noch auf das Na⸗ turgeſetz. Jede Geſellſchaft, ſpricht man, hat das Recht auszuſchließen: Warum nicht auch die religioſe?
Allein ich erwiedere: grade hier N die religioſe Geſellſchaft eine Ausnahme; vermöge eines hoͤhern Geſetzes kann keine Geſellſchaft ein Recht ausuͤben, das der erſten Abſicht der Geſell⸗ ſchaft ſelbſt ſchnurſtracks entgegengeſetzt iſt. Einen Diſſidenten ausſchließen, ſagt ein wuͤrdiger Geiſtlicher aus dieſer Stadt, einen Diſſidenten aus der Kirche verweiſen, heißt einem Kranken die Apotheke verbieten. In der That, die we⸗ ſentlichſte Abſicht religioſer Geſellſchaften iſt ge⸗ N meinſchaftliche Erbauung. Man will durch die Zauberkraft der Sympathie, die Warheit aus dem Geiſte in das Herz übertragen, bie, zuweilen todte Vernunfterkenntniß durch Theil⸗ nehmung zu hohen Empfindniſſen beleben. Wenn a das das Herz allzuſehr an ſinnlichen Luͤſten klebt, um der Vernunft Gehoͤr zu geben; wenn es auf dem Punkte iſt, die Vernunft ſelbſt mit ins Garn zu locken; ſo werde es hier vom Schauer der Gottſeligkeit ergriffen, vom Feuer der An⸗ dacht entflammt, und lerne Freuden hoͤherer Art kennen, die auch hienieden ſchon den ſinnlichen Freuden die Wage halten. Und ihr wollt den Kranken vor der Thuͤr abweiſen, der dieſer Ar⸗ zeney am meiſten bedarf; deſtomehr bedarf, je weniger er dieſes Beduͤrfniß empfindet, und in feinem Irrſinne, ſich geſund zu ſeyn einbildet? Muß nicht vielmehr eure erſte Bemuͤhung ſeyn, ihm dieſe Empfindung wieder zu geben, und den gleichſam vom kalten Brande bedroheten Theil ſeiner Seele ins Leben zuruͤck zu rufen? Statt deſſen verweigert ihr ihm alle Huͤlfe, und laſſet den Ohnmaͤchtigen den moraliſchen Tod da⸗ hin ſterben, dem ihr ihn vielleicht wuͤrdet ent⸗ riſſen haben.
Weit edler und dem Zwecke ſeiner Schule gemaͤßer, handelte jener Weltweiſe zu Athen. Ein Epikurer kam von ſeinem Gelage, die Sinne Ä von e e m von nächtlicher Wolluſt benebelt, und das Haupt von Roſen umwunden. Er trat in den Hoͤrſal der Stoiker, um ſich in der Fruͤhſtunde noch das letzte Vergnügen entnervter Wolluͤſtlinge zu verſchaffen, das Vergnuͤgen zu ſpotten. Der Weltweiſe läßt ihn ungehindert, verdoppelt das Feuer ſeiner Beredſamkeit wider die Ver⸗ führung der Wolluſt, und ſchildert die Selig⸗ keit der Tugend mit unwiderſtehlicher Gewalt. Der Schuͤler Epikurs hoͤrt, wird aufmerkſam, ſchlaͤgt die Augen nieder, reißt die Kraͤnze von feinem Haupte, und wird ſelbſt ein Ans haͤnger der Stoa ⸗ Ende des erſten Abſchnitts.
Zweiter Abſchnitt.
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Das Weſentliche dieſer Behauptung, das eis nem ſonſt allgemein herrſchenden Grundſatze ſo ſchnurſtraks entgegenſtehet, habe ich bereits bey einer andern Gelegenheit auszuführen gefucht. Herrn Dohm vortrefliche Schrift Ueber die buͤrgerliche Verbeſſerung der Juden veran⸗ laßte die Unterſuchung: in wie weit einer aufgenommenen Kolonie eigene Geſetzver⸗ | wefung in kirchlichen und buͤrgerlichen Sa⸗ chen uͤberhaupt, und insbeſondre ein Bann⸗ und Ausſchließungsrecht nachzulaſſen ſey? — Geſetzliche Macht der Kirche — Bannrecht — Wenn die Kolonie dieſe haben ſoll; ſo muß ſie von dem Staate, oder von der Mutterkirche damit gleichſam belehnt werden. Jemand, der dieſes Recht, vermoͤge des geſellſchaftlichen Ver⸗ A 2 trages, |