Aut Pr Hrn: nr 2 „ . — 7 Al Hellen, Sr pad sh FR 7 5 . ä z Bhadon oder über die Unſterblichkeit der Seele, in drey Geſpraͤchen Moſes Mendelsſohn.
Neueſte Auflage.
Reuttlingen, bey Johann Georg Fleiſchhauer.
HRSG IE * RR ene Vorrede.
Fron Geſpraͤche des Sokrates mit ſeinen Freunden, uͤber die Unſterblich⸗ keit der Seele, ſollten meinem Freunde Abbt gewiedmet werden. Er war es ‚ der mich aufgemuntert hatte, dieſe vor eini⸗ gen Jahren angefangene und weggelegte Arbeit wieder vorzunehmen. Als er noch zu Rinteln Profeſſor war, gab er mir, in ei⸗ hem von feinen freundſchaftlichen Briefen, kine Gedanken uͤber Spaldings Beſtim⸗ mung des Menſchen zu erkennen. Aus unſerm Briefwechſel über dieſe Materie ſind die kleinen Auffäge genommen, die in dem teunzehnten Theil der Litteraturbrieſe, un fr dem Titel: Zweifel und Orakul, die Beſtimmung des Menſchen bes treffend, vorgekommen. Ich hatte das Vergnügen, über einige der wichtigſten Punkte meines Freundes Einſtimmung zu erhalten, ob ich ihm gleich nicht in allen Genüge leiſten konnte. Mit der Offen⸗ 3 herzig⸗ Vorrede.
3 herzig⸗ Vorrede.
herzigkeit eines wahren Freundes goß er die geheimſten Empfindungen ſeiner Seele, ſein ganzes Herz in meinen Buſen aus. Seine philoſophiſchen Betrachtungen er⸗ hielten durch die ſanften Empfindungen des guten Herzens einen eignen Schwung, ein reges Feuer, wodurch ſie die Liebe zur Wahrheit in der kaͤlteſten Bruſt wuͤrden entzündet haben, und ſeine Zweifel ſelbſt unterließen niemals neue Ausſichten zu ent⸗ decken, und die Wahrheit von einer noch un⸗ bemerkten Seite zu zeigen. Unſerer Abrede gemäß, ſollte ich folgende Geſpraͤche ausar⸗ beiten, und darinn die vornehmſten Lehrſaͤtze, worinn wir uͤbereinkamen, auseinanderſe⸗ tzen; und dieſe ſollten in der Folge zur Grundlage unſers Briefwechſels dienen. Allein es hat der Vorſehung gefallen, die⸗ ſes aufbluͤhende Genie vor der Zeit der Er⸗ de zu entziehen. Kurz und ruͤhmlich war die Laufbahn, die er hienieden vollendet hat. Sein Werk vom Verdienſte wird den Deutſchen ein unvergeßliches Denkmaal ſeiner Vorrede.
ſeiner eigenen Verdienſte bleiben: mit ſei⸗ nen Jahren verglichen, verdienet dieſes Werk die Bewunderung der Nachkom⸗ menſchaft. Was für Fruͤchte konnte man nicht von einem Baume hoffen, deſſen Bluͤ⸗ the ſo vortreflich war? Er hatte noch an⸗ dere Werke unter der Feder, die an Voll⸗ kommenheit, wie er an Erfahrenheit und Kraͤften des Geiſtes, zugenommen haben würden. Alle dieſe ſchoͤnen Hoffnungen ſind dahin! Deutſchland verliert an ihm einen treflichen Schriftſteller, die Menſch⸗ lichkeit einen liebreichen Weiſen, deſſen Ge⸗ fühl fo edel, als fein Verſtand aufgeheitert war; ſeine Freunde den zaͤrtlichſten Freund, und ich einen Gefaͤhrten auf dem Wege zur Wahrheit, der mich vor Fehltritten war⸗ nete. — Nach dem Beyſpiel des Plato habe ich den Sokrates in ſeinen letzten Stunden die Gründe fuͤr die Unſterblichkeit der menſchli⸗ chen Seele feinen Schülern vortragen laſ⸗ ſen. Das Geſpraͤch des sriehifhen Schrift⸗ 33 ſtellers, Vorrede.
ſtellers, das den Namen Phaͤdon führer, hat eine Menge ungemeiner Schoͤnheiten, die, zum Beſten der Lehre von der Unſterb⸗ lichkeit, genuzt zu werden verdienten. Ich habe mir die Einkleidung, Anordnung, und Beredtſamkeit deſſelben zu Nutze gemacht, und nur die metaphyſiſchen Beweisthuͤmer nach dem Geſchmacke unſerer Zeiten ein⸗ zurichten geſucht. In dem erſten Ge⸗ ſpraͤche konnte ich mich etwas naͤher an mein Muſter halten. Verſchiedene Be⸗ weisgruͤnde deſſelben ſchienen nur einer ges ringen Veraͤnderung des Zuſchnittes, und andere einer Entwickelung aus ihren erſten Gruͤnden zu beduͤrfen, um die Ueberzeu⸗ gungskraft zu erlangen, die ein neuerer Le⸗ ſer in dem Geſpraͤche des Plato vermiſſet. Die lange und heftige Deklamation wider den menſchlichen Koͤrper und ſeine Beduͤrf⸗ niffe ) die Plato mehr in dem Geiſte des Pythagoras, als ſeines Lehrers geſchrie⸗ ben zu haben ſcheinet, mußte, nach unſern Ä beſſern Vorrede.
beſſern Begriffen von dem Werthe dieſes göttlichen Geſchoͤpfes, ſehr gemildert wer⸗ den; und dennoch wird ſie den Ohren man⸗ ches jetzigen Leſers fremde klingen. Ich ge⸗ ſtehe es, daß ich bloß der ſiegenden Beredt⸗ ſamkeit des Plato zu gefallen, dieſe Stelle beybehalten habe. s In der Folge ſahe ich mich ſchon genoͤthi⸗ get, meinen Fuͤhrer zu verlaſſen. Seine Be⸗ weiſe für Die Jcmaterialitaͤt der Seele ſchei⸗ nen, uns wenigſtens, ſo ſeichte und grillen⸗ haft, daß ſie kaum eine ernſthafte Widerle⸗ gung verdienen. Ob dieſes von unſerer beſ⸗ ſern Einſicht in die Weltweisheit, oder von unferer ſchlechten Einſicht in die philoſophi⸗ Ihe Sprache der Alten herrühret, vermag ich nicht zu entſcheiden. Ich habe in dem zweyten Geſpraͤche einen Beweis fuͤr die Immaterialitaͤt der Seele gewaͤhlet, den die Schuler des Plato gegeben, und einige neue⸗ le Weltweiſen von ihnen angenommen. Er (dien mir nicht nur uͤberzeugend, ſondern “4 auch Vorrede.
auch am bequemſten, nach der Sokratiſchen Methode vorgetragen zu werden.
In dem dritten Geſpraͤche mußte ich voͤllig zu den Neuern meine Zuflucht neh⸗ men, und meinen Sokrates faſt wie einen Weltweiſen aus dem ſiebenzehnten oder achtzehnten Jahrhunderte ſprechen laſſen.
Meine Abſicht war nicht, die Gruͤnde an⸗ zuzeigen, die der griechiſche Weltweiſe zu ſeiner Zeit gehabt, die Unſterblichkeit der Seele zu glauben; ſondern was ein Mann, wie Sokrates, der ſeinen Glauben gern auf Vernunft gründet, in unſern Tagen, nach den Bemuͤhungen ſo vieler großen Koͤpfe, fuͤr Gruͤnde finden wuͤrde, ſeine Seele für | unſterblich zu halten.
Auf ſolche Weiſe iſt folgendes nenn zwiſchen einer Ueberſetzung und eigenen Aus⸗ arbeitung entſtanden. Ob ich auch etwas Neues habe, oder nur das ſo oft geſagte an⸗ ders vorbringe, moͤgen andere entſcheiden. Es iſt ſchwer, in einer Materie, über welche Vorrede.
fd viel große Köpfe nachgedacht haben, durchgehends neu zu ſeyn, und es iſt laͤ⸗ cherlich, Neuheit affektiren zu wollen. wenn ich hätte, Schriftſteller anführen mögen, ſo waͤren die Namen Plotinus, Cartes, Leibnitz, Wolf, Baumgar⸗ ten, Reimarus u. a. oft vorgekommen. Vielleicht waͤre dem Leſer auch alsdenn deutlicher in die Augen gefallen, was ich von dem Meinigen hinzu gethan habe. Allein dem bloßen Liebhaber iſt es einer⸗ ley, ob er einen Beweisgrund dieſem oder jenem zu verdanken hat; und der Gelehrte weiß das Mein und Dein in ſo wichtigen Materien doch wohl zu unterſcheiden. Ich bitte gleichwohl meine Leſer, auf die Gruͤn⸗ de, die ich von der Harmonie der morali⸗ ſchen Wahrheiten, und insbefondere *) von dem Syſtem unſerer Rechte und Obliegen⸗ heiten herhole, aufmerkſam zu ſeyn. Ich erinnere mich nicht, ſie bey irgend einem n.. geleſen zu haben, und ſie (einen Vorrede.
ſch. ren mir fte denjenigen, der in die Grund⸗ ſaͤtze einſtimmet, vollkommen überzeugend zu ſeyn. Die Art des Vortrags hat mich genoͤthiget, ſie als bloße Ueberredungsgrüns de anzubringen: ich halte fie aber für fähig, nach der Schaͤrfe der ſtrengſten Logik aus⸗ gefuͤhret zu werden.
Den Charakter des Sokrates, habe ich fuͤr dienlich erachtet, voraus zu ſchicken, um bey meinen Leſirn das Andenken des Weltweiſen aufzufriſchen, der in den Ge⸗ ſpraͤchen die Hauptperſon ausmachet. Cbovers Life of Socrates *) hat mir dabey zum Leitfaden gedienet; jedoch ſind auch die Quellen zu Rathe gezogen worden.
) London 1750.
Leben Leben und 1 Charakter . des 1 Sokrates.
Charakter des Sokrates.
Scales, Sohn des Bildhauers Sophro⸗ niskus und der Hebamme HPhaͤnareta, der weiſeſte und tugendhafteſte unter den Grie⸗ chen, ward in dem vierten Jahre der ſieben und ſiebzigſten Olympiade, zu Athen, in der alopeciſchen Zunft daſelbſt geboren. Der Va⸗ ter hielt ihn in ſeiner Jugend zur Bildhauer⸗ kunſt an, in welcher er es ziemlich weit gebracht haben muß wenn die bekleideten Grazien, die auf der Mauer zu Athen hinter der Bild⸗ fäule der Minerva ſtanden wie verſchiedene ver⸗ ſchern, von ſeiner Arbeit geweſen. Zeiten in welchen ein Phidias, Zeuxis und Myron leb⸗ ten, konnen keiner mittelmaͤßigen Arbeit eine ſo 8 Stelle eingeräumt haben.
Etwa in ſeinem dreyßigſten Jahre, als ſein Vater laͤngſt todt war, und er, ohne ſonderliche Neigung, aber aus Noth, die Bildhauerkunſt wc immer hieb, lernte ihn Krito, ein vor⸗ a 2 neh⸗ 4 3 Charakter nehmer Athenienſer kennen, bemerkte ſeine er⸗ habenen Talente, und urtheilte, daß er dem menſchlichen Geſchlechte durch ſein Nachdenken weit nuͤtzlicher werden koͤnnte, als durch ſeine Handarbeit. Er nahm ihn aus der Schule der Kunſt, und brachte ihn zu den Weiſen der das maligen Zeit, um ihm Schönheiten einer Höhen Ordnung zur Betrachtung und Nachahmung vorhalten zu laſſen. Lehret die Kunſt, das Lea ben im Leblbfen nachzuahmen, den Stein dem Menſchen ahnlich zu machen; fo ſuchet die Weide heit hingegen ) das Unendliche im Endlichen nach⸗ zuahmen, die Seele des Menſchen jener ur⸗ ſpruͤnglichen Schoͤnheit und Vollkommenhelt fo nahe zu bringen, als es in dieſem Leben moͤglich iſt. Sokrates genoß den unterricht und den Umgang der beruͤhmteſten Leute in allen -Wiſſenſchaſten und Kuͤnſten, von welchen ſeine Schuͤler den Archelaus, Anaxagoras, Pros dikus, Evenus /, Iſi maus, Theovorus und andere nennen.
Krito verſahe ihn mit Nothwendigkeiten des Lebens und Sokrates legte ſich anfangs mit vie⸗ lem Fleiße auf die Naturlehre, die zur damali⸗ gen Zeit ſehr im Schwange war. Er merkte aber gar bald, daß es Zeit ſey, die Weisheit von Bes trachtung der * auf die Betrachtung des Men⸗ — Menſchen zuruckzufuhren. Dieſes iſt der Weg, den die Weltweishzit allezeit nehmen ſollte. Sie muß mit Unterſuchung der außerlichen Gegen⸗ ſtaͤnde anfangen / aber bey jedem Schritte, den ſie thut, einen Blick auf den Menſchen zuruͤck⸗ werfen, auf deſſen wahre Gluͤckſeligkeit alle ihre Bemuͤhungen abzielen ſollten. Wenn die Bewe⸗ gung der Planeten, die Beſchaffenheit der himm⸗ liſchen Körper, die Natur der Elemente u. ſ. w. nicht wenigſtens mittelbar einen Einſſuß in unſre Gluͤckſeligkeit haben; ſo iſt der Menſch gar nicht beſtimmt, fie. zu unterſuchen. Sokrates war der erſte, wie Cicero ſagt, der die Philoſo⸗ phie vom Himmel herunter gerufen, in die Städte. eingeſezt in die Wobnungen der Menſchen gefuͤhret, und uͤber ihr Chun und Laſſen Betrachtungen anzuſtellen genoͤthiget hat. Indeſſen gieng er, wie überhaupt die Neue⸗ rungsſtifter zu thun pfegen, auf der andern Seite etwas zu weit, und ſprach zuweilen von den er⸗ habenſten Wiſſenſchaften) mit einer Art von Geringſchaͤtzung, die dem weiſen eee der Dinge nicht geziemet.
Damals ſtand in Griechenland 7 wie zu alen Zeiten bey dem Poͤbel, die Art von Gelehrten in groſſem Anſehen, die fich angelegen ſeyn laſſen, ingewurzelte Vorurtheile, und W Aber⸗ a ga. 3 gilau⸗ 4% Charakter glauben dürch allerhand Scheingruͤnde und: Spitzfindigkeiten zu beguͤnſtigen. Sie gaben ſich den Ehrennamen Sophiſten / den ihre Auf⸗⸗ fuͤhrung in einen Ekelnamen verwandelte. Sie!
beſorgten die Erziehung der Jugend, und un⸗ terrichteten auf offentlichen Schulen ſowohl, als: in Privathaͤuſern, in Kuͤnſten, Wiſſenſchaften, Sittenlehre und Religion, mit allgemeinem Bey⸗ falle. Sie wußten, daß in demokratiſchen Re⸗ gierungsverfaſſungen die Beredſarnikeit über al⸗ les geſchaͤzt wird, daß ein freyer Mann gerne von Politzk“iſchwatzen hoͤret, und daß die Wiſ⸗ ſensbegierde ſchaaler Koͤpfe am liebſten durch Maͤhrchen: beſpiediget ſeyn will? daher unterlieſ⸗ gen ſie niemals; in ihrem Vortrage gleißende Beredſamkeit; falſche Politik und ungereimte Fabeln ſo kuͤnſtlich durch einander zu fechten, daß das Volk fie mit Verwunderung anhörtel und mit Verſchwendung belohnte. Mit der Prieſterſchaft ſtanden ſie in gutem Vernehmen; denn fie hatten beyderſeits die weiſe Maxime: leben und leben laſſen. Wenn die Tyranney der Heuchler den freyen Geiſt der Menſchen nicht laͤnger unter dem Joche halten konnte: ſo waren * Scheinfreunde der Wahrheit be⸗ 9 ſtellt, | ” Re ler welchen Bedeutung nach, Weis⸗ or ter 2 4 des Sokrates. 2 2 8 ſtellt, ihn auf falſche Wege zu verleiten; die natuͤrlichen Begriffe durcheinander zu werfen, und allen Unterſchied zwiſchen Wahrheit und Irrthum, Recht und Unrecht, Gutem und Boͤ⸗ ſem, durch blendende Trugſchluͤſſe aufzuheben. In der Theorie war ihr Hauptgrundſatz: Man kann alles beweiſen und alles widerlegen; und in der Ausuͤbung: Man muß von der Thorheit anderer und feiner eigenen Ueber⸗ legenheit, ſo viel Vortheil ziehen, als man nur kann. Dieſe leztere Maxime hielten ſie zwar, wie leicht zu erachten, vor dem Volke geheim, und vertrauten dieſelbe nur ihren Lieb⸗ lingen, die an ihrem Gewerbe Theil nehmen ſollten; allein die Moral, die ſie oͤffentlich lehr⸗ ten, war nichts deſtoweniger fuͤr das Herz dend Menſchen eben ſo verderblich, als ihre Politik für die Rechte, Freyheit und ä des menſchlichen We Da ſie liſtig genug waren, FR 6 Religionsſyſtem mit ihrem Intereſſe zu verwi⸗ ckeln; ſo gehoͤrte nicht nur Entſchloſſenheit und Heldenmuth dazu, ihren Betruͤgereyen Einhalt zu thun, ſondern ein wahrer Tugendfreund durfte es ohne die behutſamſte Vorſichtigkeit nicht wagen. Es iſt kein Religionsſyſtem ſo a 4 ver⸗ 8 | Chersher verderbt / bos nicht wenigſtens einigen Pachten der Menſchheit eine gewiſſe Heiligung giebt, die der Menſchenfreund verehren, und der Sit⸗ tenverbeſſerer, wenn er nicht ſeiner eigenen Ab⸗ ficht zuwider handeln will, unangetaſtet laſſen muß. Von Zweifel in Religionsſachen zur Leichtſinnigkeit, von Vernachlaͤßigung des aͤuſ⸗ ſerlichen Gottesdienſtes zur Geringſchaͤtzung al⸗ les Gottesdienſtes uͤberhaupt, pfegt der Weber; gang ſehr leicht zu ſeyn, beſonders für Gemuͤ⸗ ther, die nicht unter der Herrſchaft der Ver⸗ nunft ſtehen / ſondern von Geitz, Ehrſucht oder Wolluſt regieret werden. Die Prieſter des Aber⸗ glaubens verlaſſen ſich nur allzuſehr auf dieſen Hinterhalt, und nehmen zu demſelben, wie zu einem unverletzlichen Heiligthum, ihre Zuflucht, ſo oſt ein Angrif auf ſie geſchiehet.
»Scolche Schwierigkeiten und Hinderniſſe ſtanden dem Sokrates im Wege, als er den großen Entſchluß faßte, Tugend und Weisheit unter ſeinen Nebenmenſchen zu verbreiten. Er hatte, von der einen Seite, ſeine eignen Vor⸗ urtheile der Erziehung zu beſiegen, die Unwiſ⸗ ſenheit andrer zu beleuchten, Sophiſterey zu be⸗ ſtreiten, Bosheit, Neid, Verleumdung und Be⸗ ſchimpfung von * feiner Gegner auszuhal. ten, des Sokrates. 9 des Sokrates. 9 ten, Armuth zu ertragen, feſtgeſezte Macht zu bekaͤmpfen, und, was das ſchwerſte war, die ſinſtern Schreckniſſe des Aberglaubens zu ver⸗ eiten. Von der andern Seite waren die ſchwachen Gemuͤther ſeiner Mitbuͤrger zu ſcho⸗ nen, Aergerniſſe zu vermeiden, und der gute Einfluß, den ſelbſt die albernſte Religion auf die Sitten der Einfaͤltigen hat, nicht zu ver⸗ ſcherzen. Alle dieſe Schwierigkeiten uͤberſtand te mit der Weisheit eines wahren Philoſophen, mit der Geduld eines Heiligen, mit der un⸗ tigennützigen Tugend eines Menſchenfreundes, mit der Entſchloſſenheit eines Helden, auf Un⸗ toten und mit Verluſt aller weltlichen Güter und Vergnuͤgungen. Geſundheit, Macht, Be guemlichkeit, Leumund, Ruhe und zulezt das Leben ſelbſt, gab er auf die liebreichſte Weiſe für das Wohl ſeiner Nebenmenſchen hin. So maͤchtig wirkte in ihm die Liebe zur Tugend und Rechtſchaffenheit, und die Unverleglichkeit der Pflichten gegen den Schöpfer und Erhal⸗ ter der Dinge, den er durch das unverfaͤlſchte Licht der 9 u eine e Icbenbige Art en kannte. f.
Dieſe böhern Ausſchten des Weltbürgers hieb en ihn indeſſen nicht ab, die gemeinen Pflichten 5 a 5 gegen 10° Charakter | gegen fin Vaterland zu erfüllen. In ſeinem ſechs und dreyßigſten Jahre that er Kriegs⸗ dienſte wider die Potidaͤer, die Einwohner eis ner Stadt in Thrazien, die ſich wider ihre Tri⸗ butherren, die Athenienſer empoͤrt hatten. Als hier verſaͤumete er die Gelegenheit nicht, ſeinen Koͤrper wider alle Beſchwerlichkeiten des Kriegs und Rauhigkeit der Jahreszeit abzuhaͤrten, und ſeine Seele in Unerſchrockenheit und Verachtung der Gefahr zu uͤben. Er trug, durch die all⸗ gemeine Einſtimmung ſeiner Mitwerber ſelbſt, den Preis der Tapferkeit davon, uͤberließ aber denſelben dem Alcibiades, den er liebte, und hierdurch aufmuntern wollte, ſolche Ehrenbe⸗ zeigungen von feinem Vaterlande kuͤnftighin durch eigene Thaten zu verdienen. Kurz vorher hatte er ihm in einem Gefechte das Leben geret⸗ tet. — Man belagerte die Stadt Potidaͤa in der ſtrengſten Kaͤlte. Andere verwahrten ſich wider den Froſt, er blieb bey feiner gewoͤhn⸗ lichen Kleidung, und ging mit bloßen Fuͤßen uͤber das Eis. Die Peſt wuͤtete in dem La⸗ ger und in Athen ſelbſt. Es iſt faſt nicht zu glauben, was Diogenes Laertius und Ae. lian verſichern: Sokrates ſoll der einzige ge⸗ weſen ſeyn, den ſie gar nicht angegriffen. Oh⸗ ne aus dieſem 1. der allenfalls ein bloßer Zufall des Sokrates. | 11 Zufall hat ſeyn koͤnnen ), etwas zu ſchließen, kann man überhaupt mit Zuverlaͤßtgkeit ſagen, daß er von einer ſtarken und dauerhaften Lei⸗ besbeſchaffenheit geweſen, und ſolche durch Maͤſ⸗ ſigkeit, uebung und Entfernung von aller Weich⸗ lichkeit ſo zu erhalten gewußt hat, daß er wider alle Zufaͤlle und Beſchwerlichkeiten des Lebens abgehaͤrtet war. Gleichwohl hat er auch im Felde nicht unterlaſſen, ſeine Seelenkraͤfte nicht nur zu üben, ſondern aͤuſſerſt anzuſtrengen. Man ſahe ihn zuweilen vier und zwanzig Stun. den auf eben der Stelle, mit unverwandten Blicken, in Gedanken vertieft ſtehen, als wenn der Geiſt von feinem Aörper abweſend wäre, ſagt Aulus Gelllus. Man kann nicht laͤugnen, daß dieſe Entzuͤckungen eine, wenig⸗ ſtens entfernte, Anlage zur Schwaͤrmerey ge: weſen, und man findet in feinem Leben, meh⸗ rere Spuren, daß er nicht voͤllig davon befreyet geblieben. Indeſſen war es eine unſchaͤdliche Schwaͤrmerey, die weder Hochmuth noch Men⸗ ſchenhaß zum Grunde hatte, und die in der Verfaſſung, in welcher er ſich befand, ihm ſehr nuͤklich geweſen ſeyn mag. Die gemeinen . | - Kräfte 9 Die Arzneyverſtaͤndigen wollen aus der Erfah⸗ rung wiſſen, daß die Peſt die ſtaͤrkſte Leibes⸗ beſchaffenheit gerade am wenigſten verſchone.
12 Charakter Kräfte der Natur reichen vielleicht nicht hin, den Menſchen zu ſo großen Gedanken und ſtand⸗ haften Entſchlieſſungen zu erheben Nach geendigtem Feldzug kehrte er in ſeine Vaterſtadt zuruck, und fing an mit Nachdruck Sophiſterey und Aberglauben zu bekaͤmpfen, und ſeine Mitbuͤrger in Tugend und Weisheit zu unt errichten. Auf oͤffentlichen Straſſen, Spa⸗ ziergaͤngen, in Bädern, Privathaͤuſern, Werke ſtaͤtten der Kuͤnſtler, wo er nur Menſchen fand, die er beſſern zu koͤnnen glaubte, da hielt er ſie an, ließ fich mit ihnen in Gefpräche ein ), 8 erklaͤr⸗ *) Mit dem KXenophon ward er auf folgende Weiſe bekannt. Er begegnete ihm in einem engen Durchgange. Der ſchoͤne und beſchei⸗ dene Anſtand des jungen Menſchen geſiel ihm ſo wohl, daß er ihm den Stock vorhielt, und ihn nicht weiter gehen laſſen wollte. Juͤng⸗ ling! ſprach er, weißt du, wo die Beduͤrf⸗ niſſe des Lebens zu bekommen find? — O ja! antwortete Renophon.— Weißt du aber auch, wo Tugend und Rechtſchaffenheit zu erhalten iſt? — Der junge Menſch ſtuzte und ſah ihn an. — So folge mir, fuhr Sokrates fort, ich will es dir zeigen. Er folgte ihm, ward ſein treueſter Schuͤler, und man weis, wie viel er ihm zu verdanken gehabt.
des Sokrates. 13 des Sokrates. 13 erklaͤrte ihnen, was recht und unrecht, gut und boͤſe, heilig und unheilig ſey; unterhielt ſie von der Vorſehung und Regierung Gottes, von den Mitteln ihm zu gefallen, von der Gluͤckſeligkeit des Menſchen, von den Pflichten eines Buͤr⸗ gers, eines Hausvaters, eines Ehemanns u. ſ. w. Alles dieſes niemals in dem aufdringenden Ton eines Lehrers, ſondern als ein Freund, der die Wahrheit ſelbſt erſt mit uns ſuchen will. Er wußte es aber durch die einfaͤltigſten Kinderfra⸗ gen ſo einzuleiten, daß man von Frage zu Frage, ohne ſonderliche Anſtrengung, ihm folgen konn⸗ te, ganz unvermerkt aber ſich am Ziele ſah, und die Wahrheit nicht gelernet, fondern ſelbſt erfunden zu haben glaubte. Ich ahme hierinn meiner Mutter nach, pflegte er im Scherze zu ſagen: Sie gebieret ſelbſt nicht mehr, aber Te beſitzet Kunſtgriffe, wodurch ſie andern ihre Geburten zur Welt bringen hilft. Auf eine aͤh nliche Weiſe verſehe ich bey meinen Freun⸗ den das Amt eines Geburtshelfers. Ich frage und forſche ſo lange, bis die verborgene Frucht ihres Verſtandes ans Licht koͤmmt.
Dieſe Methode, die Wahrheit zu erfragen, war auch die gluͤcklichſte, die Sophiſten zu widerlegen. Wenn es zu einem ausführlichen Vortrage kam, fo BT | a war 14 Charakter > war ihnen nicht beyzufommen. Denn da ſtan⸗ den ihnen ſo viel Ausſchweifungen, ſo viel Maͤhrchen, ſo viel Scheingruͤnde, und ſo viel redneriſche Figuren zu Gebote, daß die Zuhöoͤ⸗ rer verblendet wurden, und uͤberzeugt zu ſeyn glaubten. Ein allgemeines Haͤndeklatſchen pflegte ihnen ſelten zu entſtehen. Und man ſtelle ſich den triumphirenden Blick vor, mit welchem ſol⸗ che Lehrer alsdann auf ihre Schuͤler, oder wohl gar Widerſacher, herabſahen. Was that Sokrates bey einer ſolchen Gelegenheit? Er klatſchte mit; wagte aber einige gar leichte, von der Sache etwas entfernte, Fragen, die der phochgelehrte Mann fuͤr albern hielt, und aus Mitleiden beantwortete. Nach und nach ſchlich er ſich der Sache näher, immer mit Fragen, und immer indem er feinem Gegner dik Gelegenheit abſchnitt, in anhaltende Reden auszuſchweifen. Dadurch wurden ſie genoͤthigt / die Begrifft deut⸗ lich auseinander zu ſetzen, richtige Erklaͤrungen gelten, und aus ihren falſchen Vorausſetzungen ungereimte Folgen ziehen zu laſſen. Zulezt ſa⸗ hen ſie ſich ſo in die Enge getrieben, daß ſie ungeduldig wurden. Er aber ward es niemals, ſondern ertrug ihre Unart ſelbſt mit der größten Gelaſſenheit / fuhr fort die Begriffe zu entwickeln, bis endlich die Ungereimtheiten, die aus den er Grund⸗ des Sokrates. 15 Grundſaͤtzen der Sophiſten folgten, dem einfaͤl tigften Zuhörer handgreiſich wurden. Auf ſol⸗ che Weiſe wurden ſie ern eigenen Schütern zum Beikenier. a In Anſehung der Religion ſcheinet er oh gende Maxime vor Augen gehabt zu haben. ie falſche Lehre oder Meinung, die offenbar fr Unſittlichkeit führet, und. alfa der Glückſe⸗ igkeit des menſchlichen Geſchlechts entgegen iſt, wurde von ihm auf keinerley Weiſe veyſchont, ſondern oͤffentlich, im Beyſeyn der Heuchler, Sophiſten und des gemeinen Volks, beſtritten, lächerlich! gemacht, und in ihren ungereimten ind abſcheulichen Folgen gezeigt. Von dieſer Kt waren die Lehren der Fabeldichter von den Schwachheiten, Ungerechtigkeiten, ſchaͤndlichen Begierden und Leidenſchaften, die ſie ihren Goͤt⸗ ken zuſchrieben. Ueber dergleichen Saͤtze, fo vie aber unrichtige Begriffe von der Vorſehung nd Regierung Gottes, auch uͤber die Beloh⸗ nung des Guten und die Beſtrafung des Boͤſen, bar er niemals zuruͤckhaltend, niemals, ſelbſt um Scheine nicht / zweifelhaft; ſondern allezeit aatſchloſſen, die Sache der Wahrheit mit der hroͤßten Unerſchrockenheit zu verfechten, und, wie der Erfolg geniigt / ‚fein: Bekenntniß mit dem Tode x A 16 Charakter x A 16 Charakter Tode zu verſiegeln. Eine Lehre aber, die bloß theoretiſch falſch, und den Sitten ſo groſſen Schaden nicht bringen konnte, als von einer Neuerung zu befuͤrchten war, ließ er unange⸗ fochten, bekannte ſich vielmehr oͤffentlich zu der herrſchenden Meynung, beobachtete die darauf gegruͤndeten Ceremonien und Religionsgebraͤu⸗ che, vermied hingegen alle Gelegenheit zu einer entſcheidenden Erklärung; und wann ihr nicht auszuweichen war, fo hatte er eine Zuflucht in Bereitſchaft, die ihn niemals emſtehen Loautten er ane ſeine Unwiſſenheit vor. Hierunter begünſtigte ihn EBENEN die Me⸗ wode zu lehren, die er, wie wir geſehen / aus andern Abſichten gewaͤhlt hatte. Denn da er ſeine Lehre niemals mit dem Hochmuthe eines allwiſſenden Mannes ankuͤndigte / da er vielmehr nichts ſelbſt behauptete, ſondern allezeit die Wahr⸗ heit durch Fragen von feinen Zuhörern heraus⸗ zulocken ſuchte: fo war ihm erlaubt, das nitht zu wiſſen, was er nicht wiſſen konnte, oder dürfte. Die Eitelkeit, auf alle Fragen eine Antwort zu wiſſen, hat ſo manchen groſſen Geiſt verfuͤhrt, Dinge zu behaupten, die er in dem Munde eines andern getadelt haben wuͤrde. 3 war von dieſer Eitelkeit weit entfernt. 2 Von des Sokrates. 17 des Sokrates. 17 Von Dingen / die uͤber feinen Hortzont waren, geſtand er mit der naiveſten Freymuͤthigkeit: Dieſes weiß ich nicht; und wann er merkte, daß ihm Fallen gelegt wurden, und gewiſſe Ge⸗ ſtaͤndniſſe abgelockt werden wollten, ſo zog er ſich aus dem Spiele, und fagte: Wichts weiß ich! Das Orakel zu Delos erklaͤrte ihn fuͤr den weiſeſten unter allen Sterblichen. Wie es ſchei⸗ net, ſo hatte die Prieſterin die liſtige Abſicht / einen ihr ſo gefaͤhrlichen Mann durch dieſe Schmeicheley zu gewinnen, und in die Noth⸗ wendigkeit zu ſetzen, ihre Orakelſpruͤche für uns truͤglich zu erklaͤren, wann er fuͤr den weiſeſten Sterblichen gehalten werden wollte. Allein So. krates gab der Sache eine gar beſondere Wen⸗ dung: „Wift ihr, ſprach er, warum Apollo mich zfür den größten Weiſen auf Erden hält? Weil. „andere mehrentheils etwas zu wiſſen glauben, „das ‚fie nicht wiſſen; ich aber ſehe wohl ein. „und geſtehe, daß alles, was ich weiß, darauf zhinauslaͤuft, daß ich nichts weiß. ⸗ Der Ruhm des Sokrates verbreitete ſich in ganz Griechenland, und es kamen die angeſehen⸗ ſten und gelehrteſten Maͤnner von allen Gegen⸗ den zu ihm, um ſeines freundſchaftlichen um⸗ gangs und Unterrichts zu genießen. Die Begierde ihn zu e, war unter feinen Freunden ſo groß, b daß 18 Charakter 18 Charakter daß mancher ſein Leben wagte, um nur taͤg⸗ lich bey ihm zu ſeyn. Die Athenienſer hatten bey Lebensſtrafe verbotten, daß ſich kein Megarenſer auf ihrem Gebiete betreten laſſen ſollte. Euklides von Megara, ein Freund und Schuͤler des Sokrates, ließ ſich dadurch nicht abhalten, ſeinen Lehrer zu beſuchen. Des Nachts gieng er, in bunte Weiberkleider ge⸗ huͤllt, von Megara nach Athen, und des Mor⸗ gens, ehe es Tag war, gieng er wieder ſeine zwanzig tauſend Schritte zuruͤck nach Hauſe. Bey dem allen lebte Sokrates in der aͤußer⸗ ſten Armuth und Duͤrftigkeit, und wollte ſich nichts fuͤr ſeinen Unterricht bezahlen laſſen, ob⸗ gleich die Athenienſer ſo lehrbegierig waren, daß ſie ſichs große Summen wuͤrden haben koſten laſſen, wann er auf Belohnung gedrungen haͤtte. Die Sophiſten wußten von dieſer Be⸗ reitwilligkeit ſchon beſſern * zu.
Es muß ihm deſto mehr Ucherwindung 96 koſtet haben, dieſe Duͤrftigkeit zu ertragen, da ſeine Frau/ die beruͤchtigte Xantippe, eben nicht die genuͤgſamſte Hausfrau geweſen, und er auch fuͤr Kinder zu ſorgen gehabt, die ihre Verpflegung von ſeiner Hand erwarteten. Es 11 zwar noch nicht ausgemacht, daß die Kana tippe des Sokrates. 19 tippe von fo boͤſer Gemuͤthsart geweſen, als man gemeiniglich glaubet. Die Maͤhrchen, die uu ihrer Beſchimpfung bekannt ſind. ruͤhren von ſpaͤtern Schriftstellern her, die ſie nur vom Hoͤ⸗ renſagen haben konnten. Plato und Kenophon, die am beſten davon unterrichtet ſeyn mußten, ſcheinen fie als eine mittelmäßige Frau gekannt u haben, von der ſich weder viel gutes noch viel boͤſes ſagen laͤßt. Ja man wird in fol⸗ gendem Geſpraͤche nach dem Plato finden, daß ſe / an dem lezten Tage des Sokrates, mit ih⸗ um Kinde bey ihm im Kerker geweſen, und hy; außerordentlich uͤber ſeinen Tod betruͤbt hat. Alles, was man ſonſt bey dieſen glaub⸗ wuͤrdigſten Schriftſtellern zu ihrem Nachtheile ſudet, iſt etwa eine Stelle in dem Tiſchge⸗ ſpraͤche Eenophons, wo jemand den Sokrates fragt, warum er ſich eine Frau genommen, die ſo wenig umgaͤnglich waͤre? worauf dieſer in ſeinem gewoͤhnlichen Tone antwortet: „Wer vmit Pferden umgehen lernen will, der waͤhlet sich zu ſeiner Uebung kein geduldiges Laſtthier, vſondern ein muthiges Roß, das ſchwer zu haͤn⸗ digen iſt. Ich, der ich mit Menſchen um⸗ „gehen lernen will, habe mir aus eben der Ira yſache eine Hausfrau gewaͤhlt, die unertraͤglich viſt, um die verſchiedene Laune der Menſchen Ä | b 2 udeſto 10 Charakter „deſto beſſer ertragen zu lernen An einer andern Stelle laßt eben dieſer Schriftfteller den Sohn des Sokrates, den Camproklus, ſich gegen feinen Vater uͤber die harte Begegnung, mürriſche Gemuͤthsart und unertraͤgliche Laune feiner Mutter beſchweren. Allein aus der Ant wort des Sokrates erhellet, zu ihrem Lobe, daß fie, bey ihrem zaͤnkiſchen Gemuͤthe, die Pfich⸗ ten einer Hausmutter gleichwohl ſorgfaͤltig be⸗ obachtet, und ihre Kinder geliebt, und gehoͤrig derpfſegt hat. Dieſes Zeugnis ihres Eheman⸗ nes widerlegt offenbar alle ſchimpfiche Hiſtoͤr. chen, die man auf ihre Unkoſten erſonnen und wodurch man ſie der Nachwelt als ein Bey⸗ ſpiel eines boͤſen Weibes aufgeftellet- hat. Man kan mit gutem Grunde glauben, daß Sokrates feine Kunſt, mit Menſchen umzugehen an feiner Ehegenoßinn nicht vergebens geuͤbt hat; daß er vielmehr durch unermuͤdete Geduld, Gefaͤllig⸗ keit, Sanftmuth, und durch ſeine unwiderſteh⸗ lichen Ermahnungen die Haͤrte ihres Tempera ments überwunden, ihre Liebe gewonnen, und ſie dergeſtalt gebeſſert haben wird, daß ſie aus einem umvertraͤglichen Weibe eine gute Haus⸗ mutter, und, wie ihre Auffuͤhrung vor ſeinem Ende ausweiſet, eine zaͤrtliche Ehefrau gewor⸗ den. Dem m * wie ihm wolle, ſo ces muͤſſen ces muͤſſen muͤſſen ihm ſeine haͤuslichen Umſtaͤnde die Ars muth weit beſchwehrlicher gemacht haben; da er nicht ſich allein, ſondern einer ganzen Fa⸗ milie, und vielleicht einer unzufriednen und über ſeine ſtrenge Genuͤgſamkeit ſich beklagen⸗ den Familie, von ſeinem Thun und Laſſen Rechenſchaft zu geben hatte. Niemand war deſſer von den Pfichten eines Hausvaters un⸗ kerrichtet, als Sokrates. Er wußte wohl, daß ihm obliege, ſo viel zu erwerben und an⸗ haften, als zum ehrlichen Auskommen fuͤr fine Familie nöthig fey und er hat dieſe naturliche Dicht feinen Freunden ſehr oft ein, geſchärft. Alles was ihn ſelbſt! bettaf, ſo ſtand ihm eine höhere Pflicht im Wege, die ihn verhinderte; ener Genüge zu leiſten. Das Verderbnis der Zeiten, da alles des felten Ge⸗ winnſtes halber geſchahe und -inabefondere die nidertraͤchtige & abſucht der Sophiſten, die ihre verderblichen Lehren um baares Geld verkatifteit, und die ſchaͤndliehſten Mittel anwendeten, ſich auf Unkoſten des betrogenen Volks zu Herei⸗ chern: dieſe legten ihm die Verbindlichkeit auß der niedrigen Gewinnſucht die aͤußerſte Uneigennüͤ⸗ ügkeit entgegen zu ſetzen, damit ſeine reinen und unbeßeckten Abſichten keiner uͤbeln Auslegung fähig ſeyn mochten. Er wollte lieber darben, und wenn ihn der Mangel zu 5 drückte von Allmoſen 22 Charakter geben, els buch Fein Beyſpier den ſchmuzlzert Geldgeiz dieſer falſchen Wagener nur eink⸗ germaßen rechtfertigen. 2 Er unterbrach dieſe woblthätigen Beichäftie gungen, und zog abermals freywillig mit zu Fel⸗ de wider. die Beotier. Die Athenienſer ver⸗ loren eine Schlacht bey Deltum, und wurden gufs Haupt geſchlagen. Sobrates zeigte ſeine Tapferkeit ſo wohl im, Treffen) als auf dent Ruͤckzuge. „Hatte jedermann ſeine Nicht fo. ges than, wie Sokrates, spricht der Feldherr „Caches beym Plato, fo wäre der Tag gewiß „nicht unglücklich für uns geweſen. „ Als alles floh, gieng er auch zuruck, aber Schritt vor Schritt, und indem er ſich öfters umkehrte, um einem Feinde der ihm etwa auf den Hals kä⸗ me, Widerſtand zu thun. Er fand den Teno⸗ phon, der vom Pferde gefallen und verwundet war, unterwegens liegend, nahm ihn auf ſeine Schi und brachte ihn in Sicherheit.
Die Prieſter, Sophiſten, Redner und andre, die dergleichen feile Kuͤnſte trieben, Leute de⸗ nen Sokrates ein Dorn in den Augen ſeyn mußte, machten ſich deſſelben Abweſenheit zu Nutz, und ſuchten die Wernüther wider ihn aufzubringen. Bey feine ‚BRARRU * er eine geſchloſſene Parten, des Sokrates. 23 Partey, der kein Mittel ihm zu ſchaden zu nie⸗ dertraͤchtig war. Sie mietheten, wie man zu glauben Urſach hat, den Komoͤdienſchreiber Ari⸗ ſtophanes / daß er durch ein Poſſenſpiel, das man damals Komoͤdie nannte, den Sokrates verhaßt und laͤcherlich zu machen ſuchte, um das gemeine Volk theils auszuholen, theils vor⸗ zubereiten, und wann der Streich gelaͤnge, ein mehreres zu wagen. Dieſe Fratze führte. den Namen die Wolken. Sokrates war die Hauptperſon; und die Fig die dieſe Rolle machte, gab sich Muͤhe, ihn nach dem Leben | zu conterfeyen. Kleidung, Gang, Geberde, Stimme, alles aͤffte try natürlich nach. Das Stuͤck ſelbſt hat ſich, zur Ehre des verfolgten Weltweiſen, bis auf unſre Zeiten erhalten. Man kann ſi 0 kaum etwas ana og- e * Sokrates pflegte: ſonſt niemals das Theater zu beſuchen, außer wann die Stücke des Euri⸗ pides, (daran er ſelbſt; wie einige wollen, An⸗ theil gehabt,) aufgefuͤhrt wurden. Den Tag⸗ da dieſes Pasquill aufgefuͤhrt werden ſollte / gieng er gleichwohl hinein. Er hörte, daß viele Fremde, die zugegen waren, ſich erkundigten, wer dieſer Sokrates im Originale ſey / der auf der Bühne ſo gehoͤhnt werde? Er trat mitten 24 Charakter im Schauſpiel hervor, und bleb, b bis ans Ende des Stuͤcks, auf einer Stelle ſtehn, wo ihn je⸗ dermann ſehen und mit der Kopey vergleichen konnte. Dieſer Streich war fuͤr den Dichter und feine Komoͤdie toͤdtlich. Die poſſenhafte⸗ ſten Einfaͤlle thaten keine Wuͤrkung mehr: denn das Anſehen des Sokrates erregte Hochachtung und eine Art von Erſtaunen uͤber ſeine Uner⸗ ſchrockenheit. Auch fand das Stuͤck keinen ran "Her Dichter veränderte es, und brach⸗ te es das folgende Jahr wieder auf die Bühne, aber mit eben ſo ſchlechtem Erfolge. Die Fein⸗ de des Weltweiſen ſahen fich genoͤthiget, die vorgehabte Verfolgung bis auf eine günſigere a zu verſchieben. | Kaum war der, Krieg mit den Gestern ge⸗ endiget, ſo mußten die Athenienſer ſchon ein neues Heer anwerben, um dem Lacedaͤmoni⸗ ſchen Feldherrn Braſidias Einhalt zu thun, der in Thrazien verſchiedene Städte, und fi ter andern die wichtige Stadt Amphipolis ih⸗ rer Herrſchaft entzogen hatte. Sokrates ließ ſich die Gefahr, in die ihn ſeine letzte Abwe⸗ ſenheit geſetzt / nicht abhalten, dem Vaterlande abermals zu dienen. Dieſes war das letztemal, daß er feine Vaterſtadt verlaſſen hatte. Nach — 4 der \ des Sokrates. 25 der Zeit kam er, bis an ſein Ende, nicht aus dem Gebiete der Athenienſer, und unterließ nie, nals, der Jugend, die ihn ſuchte, feinen freund⸗ ſchaftlichen Umgang zu goͤnnen, und ihr durch &ihren und gutes Exempel die Liebe zur Tugend imuflößen. = Wie er aber uͤberall ein großer send und Liebhaber der Schoͤnheit war, fo ſcien er in der Wahl feiner Freunde auch auf ürperliche Schoͤnheit zu ſehen. Ein ſchoͤner Kör. aer pflegte er zu ſagen, verſpricht eine ſchoͤne Seele und wenn fie der Erwartung nicht zu⸗ ſagt, fo muß fie verwahrloſt worden ſeyn. Da: he er ſich denn viele Mühe gab, das Innwendige dieſer Perſonen mit ihrem wohlgebildeten Aeußer⸗ chen uͤbereinſtimmend zu machen. Niemand | abe war ihm ſo angelegen, als Alcibiades, ein — ——