SigPhi · Moses Mendelssohn

Phädon oder über die Unsterblichkeit der Seele

Page 10 of 10

Anhang. 221 vbenehmen, uns Künftig wieder zu beleidigen: „das andere gehet auch auf alle übrige Perſo⸗ vnen der Geſellſchaft, die uns nicht beleidiget „haben, fie von dem Verbrechen, durch die „Erfahrung der phyſiſchen Uebel, die ſie daraus „zu erwarten haben, abzuſchrecken; das erſte „gründet ſich lediglich auf das Recht ſich zu „vertheidigen, oder iſt vielmehr mit demſelben veinerley; bey dieſem aber bleibt dem Beleidi⸗ „ger ſelbſt das Recht, ſich auch unſrer Rache ventgegen zu ſetzen; das andere gruͤndet ſich vauf die freywillige Uebertragung aller feiner „bollkommenen Rechte an die Geſellſchaft; „wodurch alſo auf Seiten des Beleidigers daͤs „Recht aufgehoben wird, ſich gegen die Rache „zu vertheidigen, die von der ganzen Geſell⸗ »ſchaft herkommt u. ſ. w.“ Allein ich ſehe nicht ein, wie ihm dieſe Unterſcheidungen einge⸗ raͤumt werden koͤnnen. Das Recht der Wieder⸗ vergeltung in dem natuͤrlichen Zuſtande? Ich kenne kein Recht der bloſen Vergeltung, oder der Rache / in der menſchlichen Natur, das Boͤſes thut, weil Boͤſes geſchehen iſt, wodurch das phyſiſche Uebel vermehret wird, ohne mo⸗ raliſch Gutes zu befoͤrdern. Und warum ſoll der Menſch im Stande der Natur nicht die Ab⸗ ſicht 222 Anhang.

ſicht 222 Anhang.

ſicht haben dürfen, andere von Beleidigungen abzuſchrecken? Gehört etwa hiezu ein geſellſchaft⸗ licher Vertrag? Muß der Menſch erſt einen Theil ſeiner Rechte an die Geſellſchaft uͤbertra⸗ gen haben, bevor er andern zeiget, daß er eine Beleidigung zuruͤckgeben kann? — Endlich hebet das Gegenrecht, das den Beleidigern zus kommen ſoll / ſich der Rache zu widerſetzen, of fenbar die Harmonie der moraliſchen Wahrhei⸗ ten auf, und ſetzt einen Fall feſt, wo das Recht auf beyden Seiten gleich ſeyn kann, wo die Staͤrke alſo nothwendig entſcheiden muß, einen netürlichen Zweykampf. Einen Satz, der in dem Syſtem der moraliſchen Wahrheiten Unordnung anrichtet, halte ich fuͤr nicht min⸗ der ungereimt, als wenn die Harmonie meta⸗ phyſiſcher Wahrheiten dadurch geſtoͤrt werden. ſollte. Dieſe Diſſonanz zu vermeiden, muͤſſen wir auch im Stande der Natur von Seiten des Beleidigers eine Pficht annehmen, die Ahndung zu dulden. — Kaͤme dem Beleidiger im Stande der Natur ein Recht der Vertheidi⸗ gung zu; fo würde es auch in der Gefelichaft nicht ohne Wirkung bleiben können. Denn wenn der Beleidigte ſein Recht der Vergeltung und der Beleidiger ſein Recht der Vertheidi⸗ gung gung an die Geſellſchaft uͤbertruͤge; fo wuͤrde fie ſich einander aufheben, und es konnte keine Strafe erfolgen. Es iſt alfo nicht möglich, die moraliſche Welt von Widerſpruͤchen zu befreyen, wenn man kein * Leben geſtatten will. go 3 Daß es aber Faͤlle gebe, wo die Todesſtrafe das einzige Mittel iſt, kuͤnftige Beleidigungen zu verhuͤten, hat Beccaria ſelbſ nicht in Zwei⸗ fel gezogen, wiewohl er mit Recht ſie fuͤr ſo häufig nicht haͤlt, als in den eingeführten pein⸗ lichen Rechten angenommen wird. Ueberhaupt haͤlt die Strafe mit dem Verbrechen gleiche Schritte. Wie dieſes keine Grenzen kennet, ſo auch jene, und es iſt kein Grad ſo hoch, den fie nicht erreichen koͤnne. Es gibt auch zii ſchen Marter und Tod keine beſtimmte Schran— ken, die man der Strafgerechtigkeit anweiſen konnte: daher wenn in einigen Faͤllen erlaubt iſt, jemanden zur Strafe zu peinigen; ſo muß es auch Faͤlle geben, in welchen es erlaubt iſt, zur Strafe zu toͤdten, weil von Marter zum Tode ein allmaͤliger Uebergang iſt, der nirgend durch beſtimmte Grenzen unterbrochen wird.

224 Anhang.

wird. — Was der Recenſent in der Folge noch erinnert, das zwar aus der Natur der Dinge auf das Recht, nicht aber aus dem Rechte auf die Natur der Dinge geſchloſſen werden koͤnne, ſcheinet mir ſo nothwendig nicht. Wenn der Ruͤckgang in einem Zirkel geſchiehet; ‚ fo iſt er verboten. Wenn aber in der Einrich⸗ tung der Natur von meinem Gegner manches zugegeben, und manches gelaͤugnet wird, ſoll ich nicht von dem Zugegebenen auf das Recht, und von dem Rechte auf den Theil der Natur⸗ einrichtung ſchlieſſen koͤnnen, der nicht hat zugegeben werden wollen?

RN};