SigPhi · Moses Mendelssohn

Phädon oder über die Unsterblichkeit der Seele

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Ich war zugegen, Freund! aber mir war wuͤn⸗ derbar zu Muthe. Ich fühlte kein Mitleiden, kein ſolches Beklemmen, als wir zu empfinden pflegen, wann ein Freund in unſern Armen erblaſſet. Der Mann ſchien mir gluͤckſelig, beneidenswerth, Echekrates! ſo fanft, ſo ruhig war fein Betragen in der Todesſtunde, ſo gelaſſen waren ſeine lezten Worte. Sein Thun duͤnkte mich / nicht wie eines Menſchen, der vor ſeiner Zeit zu den Schatten des Orkus hinunter wandelt; ſondern wie eines Un⸗ ſterblichen, der verſichert ift, da, wo er hinkommt, fo gluͤckſelig zu ſeyn, als ie einer gemaſen. Wiekonn te ich alſo die bangen Empfindungen haben, mit welchen der Anblick eines gemeinen Sterbenden un⸗ fer Gemüth zu verwunden pflegt? Gleichwohl hat⸗ ten die philofophifchen Unterredungen unſers Lehr rers damals die reine Wolluſt nicht, die wir an ih⸗ nen gewohnt waren. Wir empfanden eine ſeltſa⸗ me, nie gefuͤhlte Miſchung von Luſt und Bitterkeit; denn das Vergnügen, ward befländig von der na⸗ genden Empfindung unterbrochen: „Bald wer⸗ „den wir ihn auftewig verlieren. „ Wir Anweſenben befanden uns ale in dieſem ſonderbaren Glmüthszuſande, und die entgegen geſezten W deſſelben zeigten ſich gar bald eben ſo ſonderbar auf unſern, Geſichtern. Man ſah uns izt lachen, izt Thraͤnen vergieſſen, und öfters zeigte ſich ein Laͤcheln um die Lippen, und heiße Zaͤhren in den Augen. Jedoch uͤbertraf Apollodorus hierinnen uns alle. Du fenneſt ihn, und ſein wn Weſen. s - iEchefrates. Wie folte ich ihn nicht kennen? pbadon.

Dieſer machte die ſeltſamſten 1 Er empfand alles weit feuriger, war entzuͤkt, wenn wir laͤchelten, und wo uns die Augen wie bethauet waren, da ſchwamm er in Zaͤhren. Wir wur⸗ den durch ihn faſt mehr geruͤhrt, als durch den Andi unſers ſterbenden Freundes. —: Echekrates. Wer waren denn die Anweſenden ale?

Von den hieſigen Stadleuten: Apollodorus, Kritobulus und fein Vater Krito, Bermoge⸗ nes, Epigenes, Aeſchines, Antiſthenes / Rte.

ſip⸗ Erſtes Geſpraͤch. 9 fppus Menexrenus und noch einige andere. Diaio, ö glaube ich war krank.

ATchekrates. Waren auch Fremde da? 5 Phaͤdon Ja!: aus Theben: Simmias, Cebes und phaͤdondes 5 und aus ee Euklides und Terpfion. - 0 Wie 2 waren denn Ariſtppus und Rleom⸗ brotus nicht da? | .. Dhädom,.

0 nein! Dieſe ſollen ſich damals zu. aufgehalten haben.

Eechekrates. Soonſt war alſo niemand dabey? Phaͤdon. Ich weiß mich auf keinen mehr zu beſinnen. Eeaghekrates. = Nun, mein Lieber! was für Unterredungen find dabey vorgefalen? e A 5 Phaͤ⸗ sc 1e ene pbeden.

Ich werde bie alles vom Anfange bis 72 Ende erzaͤhlen..

Wir waren gewohnt / ſo lange Sokrates im Gefaͤngniſſe ſaß. ihn täglich. zu beſuchen. Wir pfegten zu dieſem Ende in der Gerichtsſtube zu⸗ ſammen zu kommen, in welcher das Urtheil über ihn geſprochen worden (denn dieſe iſt ſehr nahe am Gefaͤngniſſe) un und allda uns fo lange mit Geſpraͤchen zu, unterhalten. bis die Kerkerthuͤr aufgethan ward, welches denn nicht ſehr fruͤh zu geſchehen pflegt. So bald dieſe aufgieng, begaben wir uns zum Sokrates, und brachten mehrentheils den ganzen Tag bey ihm zu. Den lezten Morgen fanden wir uns fruͤher als ge wohnlich ein, denn wir erfuhren Abends vorher, als wir nach Hauſe giengen, daß das Schiff von Delos angekommen ſey / und beſchloſſen, das leztemal uns ſo fruͤh als moͤglich einzuftellen, Als wir zuſammen waren, kam uns der Schlieſ⸗ fer, der die Kerkerthuͤr zu öffnen pflegte, entge⸗ gen, bath uns, zu verziehen, und nicht hinein zu gehen, bis er rufen wuͤrde. Denn die eilf Maͤn⸗ ner, l Erſtes Gefptäch. 11 ner) ſprach er, nehmen ißt dem Sokrates die Feſſel ub / und melden ihm / daß er heute ſterben muͤſſe. Nicht lange hernach kam er, uns zu rufen. Als wir hinein giengen, fänden wir den fo eben losgebundenen Sokrates auf dem Bette liegend. Tantippe, du kennieſt fie, ſaß neben ihm in ſtiller Betruͤbniß und hielt ihr Kind auf dem Schooſe. Als fie uns erblickte, ſieng ſie an, nach Weiberart, uͤberlaut zu jammern. Ach! Sokrates! dich ſehen heute deine Freunde, und du ſie zum leztenmale! und ein Strom von Thraͤnen folgte auf dieſe Worte. Sokrates wandte ſich zum Krito / und ſprach: Freund! laß fie nach Haufe bringen.

Kritons Bedienten fuͤhrten ſie hinweg: ſie gieng und heulete, und zerſchlug ſich jaͤmmerlich die Bruſt. Wir ſtunden wie betaͤubt. Endlich rich⸗ : tete ſich Sokrates im Bette auf kruͤmmete das Bein, das vorhin gefeſſelt war, und indem er daſſelbe mit der Hand rieb, ſprach er: O0 meine Freunde! welch ein ſeltſames Ding ſcheinet das zu ſeyn, was die Menſchen angenehm nennen! wie wunderbar! Dem erſten Anblicke nach iſt. es dem Unangenehmen entgegen geſezt, indem keine Sache dem Menſthen zu gleicher Zeit angenehm und 12 Phaͤdon und 12 Phaͤdon und unangenehm ſeyn kann; und dennoch kann niemand eine von dieſen Empfindungen durch die Sinne erlangen, ohne unmittelbar darauf die ent gegengeſezte zu fühlen, als wenn fie an beiden En⸗ den an einander befeſtigt wären, Hätte: Aeſopus dieſes bemerkt, fuhr er fort, ſo haͤtte er vielleicht folgende Fabel erdichtet. „Die Goͤtter wollten „die ſtreitenden Empfindungen mit einander verei⸗ vnigen; als aber dieſes ſich nicht thun ließ, knuͤpf⸗ „ten fie dieſelben an beiden Enden zuſammen, vund ſeit der Zeit folgen fie ſich einander beſtaͤndig „auf dem Fuße nach. „ So ergehet es mir auch izt. Die Feſſel hatten mir Schmerzen verurſacht, und izt, da fie hinweg find, folgt die angenehme Empfindung * Beym Jupiter! Nergrif Cebes das Wort, gut, daß du mich erinnerſt, Sokrates! Du ſollſt, wie man ſagt, hier im Gefaͤngniſſe einige Gedichte verfertiget, nehmlich Aeſopiſche Fabeln poetiſch ausgefuͤhret, und eine Hymne an den Apollo aufgeſezet haben. Nun fragen mich viele, und vornehmlich der Dichter Ev enus, was dich hier auf die Gedanken gebracht, Ge⸗ dichte zu berfertigen, da du doch ſolches vorher niemals gethan? Soll ich dem Evenus Beſcheid ge⸗ geben wenn er mich wieder fragt (und fra⸗ gen wird er gewiß, fo. ſage mir, n id ihm Sage ihm, v cebes! erwiederte Sokrates, nichts als die Wahrheit: daß ich Diefe Gedichte kei neswe ges in der Abſicht verfertiget, ihm in der Dichtkunſt den Rang abzulauffen; denn ich weiß/ wie ſchwer dieſes iſt: ſondern blos um eines Trau mes willen, dem ich mir vorgenommen in alen möglichen Bedeutungen nachzuleben, und daher auch in dieſer 9 Art von Muſi 7 in der Dichtkunst, meine Kräfte zu verſuchen. Die Sache verhaͤlt fich aber, „folgender Gefalt, Ich Hatte in vergan- genen Zeiten ſehr oft einen Traum, der mir un: ter vielerley Geſtalten erſchien, aber immer eben denſe ben Fade gab: Sokrates! befleiſſe dich der Muſit und uͤbe ſie aus! Bisher hielt ich dire ſe Ermahnung, blos für eine Aufmunterung und Anfriſchung / wie man ſie den Wettlaͤuffern nach⸗ zurufen pflegt. Der Traum, dachte ich, will mit nichts neues iu thun befehlen;; denn die Weltweis⸗ heit iſt ja die vorttrſichſte Muff und dieſtt habe ich mich ſtets beſtiſfen; er will alſo blos menien Ei⸗ fer meine Liebe zur Weisheit anfeuern damit fie nicht eee aber / nachdem das ur⸗ theil 14 „ Phaͤdon theil 14 „ Phaͤdon theil uͤber mich geſprochen worden, und das Feſt des Apollo meinen Tod eine Zeitlang aufze⸗ ſchoben, kam mir der Gedanke ein, ob man mir nicht vielleicht der gemeinen Muſik obzuliegen befohlen, und ich hatte Muße genug, dieſen Ge: danken nicht fruchtlos verſchwinden zu laſſen. Ich machte den Aufang mit einem Lobgeſange auf den Gott, deffen Feſt damals gefeyert ward. Allein mir fiel nachher bey, daß, wer Poet ſeyn will, Erdichtungen, aber nicht Vernunftſaͤze be⸗ handeln müffe; daß aber ein Lobgeſang keine Er⸗ dichtungen enthielte. Da ich nun ſelbſt keine Ga⸗ be zu dichten befike, ſo bediente ich mich ande⸗ rer Leute Erfindungen und brachte einige Fa⸗ beln des Aeſops/ die mir zuerſt vor die Hand | kamen, in Verſe. — Dieſes kannt du, mein Ce⸗ bes! dem Evenus antworten. Entbiete ihm auch meinen Gruß, und wenn er weiſe iſt, fo mag er. mir bald folgen, | ch werde, allem Auſehen nach,” auf, Au 5 PER noch A wen * Al) hr) rd 33 nd dieſes wünscheſt du dem Evenus? fragte Simmias. Ich kenne dieſen Mann ſehr gut, und ſo viel ich von ihm urtheilen kann, duͤrfte er dir 6 Ban, Wunſch ſchlechten Dank willen. — Wie?

Erſtes Gefpräch. 15 Wie? verſezte jener, iſt denn venus kein Weltweiſer? Mich duͤnkt, ja ſprach Sim,. mias. — Nun ſo wird er mir gewiß gerne ſol⸗ gen, erwiederte Sokrates, er, und jedermann der dieſen Namen verdienet. Ern wird zwar nicht ſelbſt Hand an ſich legen; denn diefes iſt unerlaubt, wie einem jeden bekannt. iſt.— Inden mer dieſes ſagte, ließ er beide Füße vom Bette auf die Erde herab, um in dieſer Stel, lung die Unterredung fortzuſetzen. Cebes frag) te: Wie iſt dieſes zu verſtehen? Sobrates! Ed iſt nicht erlaubt, ſagſt du, ſich ſelbſt zu entlei⸗ ben, und dennoch ſoll jeder Weltweiſe einem RN - ang.

Wie cebes! fine Sörratest Du u Simmias / ihr habet beide den Weltweiſen Phu lolaus gehort, hat er euch eri niemals r don etwas geſabt? =; 1 „ 10 ace uiid, m men Sema: 2 „ Nun gut! a GAB PVerER BEA b binder Sa che gehoͤret, und wl deuch ſolches gerne mittheil⸗ len. Mich duͤnkt, wer reiſen will, habe Urſach, ſich dach der Beſchaffenheit des Landes, dahin * 12 kommen gedenkt / wohl z pi erkundigen, ihn ſich 16 J. Phuͤdon 33 ſich einen richtigen Begriff davon zu machen. Dieſe Unterredung iſt alſo meinen jetzigen Umſtaͤn⸗ den angemeſſen / und was koͤnnte man auch den heutigen Dag bis Ser, Untergang Wichtige⸗ res egen n in Bla BEAT. ti C u Get — Wodurch beveltt a fragte Cebes/ daß | der Selbſtmord unerlaubt ſey? Philolaus und andre Lehrer haben mir zwar, vielfaͤltig einge⸗ ſchaͤrſt d 3 ſey/ n mehr er mir . t 8 ER en Weben li La und selbe wir nicht da Mh davon herausbringen koͤnnen. Was meyneſt du? Cebes! Ich dehaupte, daß der Selbſtmord. ſchlechterdings in allen möglichen Umſtaͤnden unerlaubt ſey⸗ Wir wiſſen, es giebt Leute, für welche es beſſer ware, geſtorben zu ſeyn⸗ als zu leben. Nun duͤrfte es dich befremden, daß die Heiligkeit der Sitten auch von dieſen Ungluͤck⸗ lichen fordern pollte, ſich nicht ſelhſt wohl zu thun, ſondern eine andere wohlthaͤtige Hand abzuwar⸗ ten. = Das mag eine imme wom, e er 0 Und gleichwohl if, 757 0 Türe 4 Diefe am ſcheinende Unggreimtbeit, durch Gruͤnde zu =.

. eh x j Erſtes Seite, 17 Was man in den Geheijmniſſeu zu ſagen pflegt, daß wir Menſchen hienieden wie die Schild⸗ wachen ausgeſtellet waͤren, und alſo Unſere N Poſten nicht verlaſſen dürften, bis wir ubge⸗ löſet würden, iſt war nicht one Glut, dürfte: aber fo leicht nicht begriffen werden. Allein ich habe einige Vernunftigruͤnde, die nicht ſchwer zu faſſen ſind. Ich glaube als ausgemacht voraus⸗ ſetzen zü können / die Götte (laßt wich etzt far gen Gott, denn wen habe ich zu ſcheuen?) Gott iſt unſer Eigenthumsherr, wir find ſein Et⸗ gentbum / und feine Vorſthung beſorgt im ker Beſtes. Sind dieſe Saͤtze nicht deutlich?

Sch. deutlich, ſprach Cebes. 5 9 Ein Lelbeigner, der unter der Yorfbin eines 5 1 Herrn ſtehet, handelt ſträßſch, wenn er ſich den Abſichten deſſelben. wr gift wenn ein Funken bon an Seel | fenheit in feinen Buſen glimmet/ muß es ihn eine wahre Freude ſeyn, die Wünſche ſeines Ge bieters durch ſich erfüllet zu ſehen, und um fo vielmehr, wenn er von der Geſinnung feines Herrn uͤberzeugt iſt, daß ſein eigenes ef an dieſen Wünſchen Theil nimmt.

Phaͤdon. 3 Unpet⸗ U Aber wie? Cebeß! als der unerſchaffne. Werk meiſter den kuͤnſtlichen Bau des menſchlichen a Leibes gewirkt / und ein ‚vernünftiges Weſen hin⸗ eingefegt, hatte er da böfe oder gute Aöſchten?

Obne Zweifel gute.

Denn er müßte ſein Weſen, die ſelbſtandige Güte, verleugnen, wenn er mit ſeinem Thun und Laſſen boͤſe Abſi chten verknuͤpfen konnte;. und, was iſt ein Gott, der ſein ee lug nen, kann? oo Ein unding, Sokrates! ein kabeihafter € Got, dem das leichtglaͤubige Volk wandelbare Geſtal⸗ ten andichtet. Ich erinnere mich der Gruͤnde gar wohl, mit welchen du bey einer andern Gelegen⸗ heit dieſen laſterlichen Irrthum beſtritten.

Derſelbe Gott, Cebes! der den Leib gebanet, hat ihn auch mit Kraͤften ausgeruͤſtet, die ihn ſtaͤrken „erhalten, und vor allzufruͤhem Unter⸗ gange bewahren. Wollen wir auch dieſen Er⸗ haltungskraͤften höchft guͤtige Abſichten dunn Zie⸗ le ſetzen? N | | Wie könnten wir anders? 8 5 2. Als Erſtes Geſpraͤc. ig Als treugeſinnten Leibeigenen alfo muß es 5 eine heilige Pflicht ſeyn, die Abſichten un⸗ ſas Eigenthumsherrn zu ihrer Reife gedeihen ju laſſen, ſie nicht gewaltſamer Weiſe in ihrem Lauffe zu hemmen; ſondern vielmehr alle unſere freywilligen Handlungen mit denſelben auf das em! übereinſtimmen zu le Darum 5 ich geſagt mein lieber Cebes! daß die Weltweisheit die vortreflichſte Muſik ſey: denn fie lehret uns, unſere Gedanken und Handlungen ſo einzurichten, daß ſie, ſo viel uns möglich ift, mit den Abſichten des aller⸗ hoͤchſten Eigenthumsherrn vollkommen uͤberein⸗ ſtimmen. Sf, nun die Muſik eine Wiſſenſchaft, das Schwache mit dem Starken, das Rauhe mit dem Sanften, und das Unangenehme mit dem Angenehmen in eine Harmonie zu bringen: ſo kann gewiß keine Muſtk herrlicher und vor⸗ treſicher ſeyn, als die Weltweisheit, die uns lehret, nicht nur unſere Gedanken und Hand⸗ lungen unter ſich, ſondern auch die Handlun⸗ gen des Endlichen mit den Abſichten des Unends “ lichen, und die Gedanken des Erdbewohners mit den Gedanken des Allwiſſenden in eine große und wundervolle Harmonie zu ſtimmen. — O . und (der verwegene Sterbliche ſollte B 2 ſich 20 Phaͤdon ſich erdreiſten, diese entzückende damen zn gerflören? | 3 * Fust Er würde den Abſchten d der ele und ml ſchen verdienen, mein lieber Sokrates; Ä. be Sage. In auch dieſenguwein Trauter! Sind die Kraͤſte der Natur nicht Diener der Gottheit, die 208 9 Bolt pa fe: Allerding! = i 2 3 „„ Willen und die Abſichten der Get weit rich⸗ Tiger verkuͤndigen, als die Eingewelde der Schlacht opfer; daun das iſt unſtreitig ein Rathſchluß des Allerhoͤchſten, wohin die von ihm erſchaffe⸗ ne Kraͤfte abzielen. Nicht? j | 71 Wer kann Dies ider: es 4) So lange uns alſo die 1 andel⸗ ten, daß die Erhaltung unſers Lebens zu den Abfichten Gottes gehoͤre, ſind wir verpſichtet unſere freyen Handlungen denſelben gemaͤß ein⸗ ziurichten, und haben weder Fug noch Recht / den Erhaltungskraͤſten unſerer Natur Gewalt; entgegen zu ſetzen, und die Diener der oberſten Weisheit in ihrer Verr ichtung zu ſtören. Sa Erſtes Gespräch. 21 Schuldig keit liegt uns ſo lange ob / bis Gott uns durch eben dieſelben Wahrſager den aus⸗ drücklichen Befehl zuſchickt, dieſes Leben zu ver⸗ läſſe, ſo wie er m heute mir üügeſchickt hat.

Ich bin vollig überzeugt, pprach Codes, Al lein nunmehr begreiffe ich um ſo viel weniger, mein lieber Sokrates! wie du vorhin haſt ſa⸗ gen koͤnnen, ein jeder Weltweiſer muͤſſe einem Sterbenden gerne folgen wollen. I dieſes wahr, was du atzt behaupteſt, daß wir ein Cie genthum Gottes find, und daß derſelbe unſer Beſtes beſorge! fo ſcheinet jener Satz ungereimt. Wie? ſoll ein vernünftiger Mann ſich nicht bes trüben, wenn er die Dienſte eines Oberherrn verlaſſen muß der fein beſter und guͤtigſter Bere forger iſt? Und wenn er auch hoffen koͤnnte, durch den Tod frey, und ſein eigener Herr zu werden, wie kann der unverſtaͤndige Muͤndel ſich ſchmeicheln unter ſeiney eigenen Anfuͤh⸗ rung, beſſer zu ſtehen, als unter der Anfuͤhrung des allerweiſeſten Vormundes? Ich ſollte mey⸗ nen, eß ſey vielmehr ein groſer Unperſtand, wenn man ſich durchaus in Freyheit ſetzen und: auch den beſten Oberherrn nicht uͤber ſich lei, Bin. with „Wer „ beſitzet,, wird ſich al⸗ di leieit . 22 a Phaͤdon lezeit mit a der Aufficht eines andern unterwerfen, dem er beſſere Einſichten zutrauet. als ſich ſelbſt. Ich würde alſo gerade das Ge⸗ gentheil von deiner Meynung herausbringen. Der Weiſe, würde ich ſagen, muͤſſe ſich betruͤ— ben, der Thor aber freuen, wenn er ſterben ſoll.

Sokrates hoͤrete ihm auſmerkſam zu, und ſchien ſich an ſeiner Scharfſinnigkeit zu erge⸗ tzen. Sodann kehrte er ſich zu uns, und ſprach: Erbes kann schen einem zu ſchaffen machen / der wider ihn etwas behaupten will. Er hat ee Ränig e | | Allein diesesmal, ſprach Simmias, ſcheinet Cohen nicht Unrecht zu haben, mein men krates-! In der That, wodurch kan ein Weiter bewogen werden, ſich ohne Misvergnuͤgen der guͤtigen Vorſorge des allerweiſeſten Aufſehers zu entziehen? — Und wo mir recht iſt, So⸗ krates! ſo zielet Cebes mit ſeinen Einwuͤrfen eigentlich wider deine itzige Auffuͤhrung, der du ſo gelaſſen, fo. willig, nicht nur uns alle vers laͤſſeſt, denen dein Tod fo ſchmerzlich fällt; ſon⸗ dern dich auch der Aufſicht und Vorſorge eines ſolchen Beherrſchers entaͤuſſerſt, den du als das wei⸗ ee und guͤtigſte ag, 15 verehren gelehret haſt. So?

So? ſprach Sokrates, man hat mich Alte geklaget, wie ich höre? Ich werde mich alſo. wohl foͤrmlich vertheidigen muͤſſen?

Allerdings 5 ſprach Simmias.

Gut! verſetzte Sokrates: Ich will mich be. muͤhen, meine jetzige Schutzrede beſſer einzu⸗ richten, als die, welche ich vor meinen Rich 5 fern grpatten habe, un Höre, Simmias! und du, Cebes! Hätte ich nicht Hoffnung, da, wo ich hinkomme, erſtlich immer noch unter demſelben gütigften Vorſorger zu ſtehen / und zweytens die Seelen der Verſtorbenen anzutreffen, deren Umgallg aller Freundſchaſt hienieden vorzuziehen iſt: ſo waͤre es freylich eine Thorheit, den Tod ſo we⸗ nig zu achten, und. ihm willig in die Arme zu rennen. So aber habe ich die allerkröſtlichſten⸗ Hoffnungen daß mir beides nicht, entſtehen wird. Das letztere zwar getraue ich mir nicht mit aller Gewißheit zu behaupten; aber daß die Vorſehung Gottes auch da noch über mich walten werde, dieſes Freunde! behaupte ich ſo zuversichtlich, ſo gewiß, als ich in, meine Leben etwas behauptet habe. Darum heiei B 4 Zr es — 24 Pähaͤdon es mich auch nicht, daft ich verſtheiden ſpll; denn ich weiß, daß mik dem Tode noch nicht alles fur uns aus iſt. Es folgt ein anderes Leben, und zwar ein. ſolches, das, wie die al te Sage verfi chert fuͤr Tugendhafte weit gluͤck⸗ a Rüge: la wird, als, für e, Wie da? foren Simmias, mein lieber So rates! Willſt du dieſe heilſame Verſi icherung | im Innerſten deiner Seele verſchloſſen mitneh⸗ men? oder auch uns eine Lehre gönnen, die ſo viel tröſtliches hat? Es iſt billig, feinen Freunden ein ſo herrliches Gut mitzutheilen, und. wenn du uns von deiner Meynung uͤher⸗ auge, b iſt güch dete Schutrede fertig.

Ich will es birſuchen / derfeite er. Doch la uns erſt den Kriton boͤren, der ſchon lunge et⸗ wa lagen i wollen ſcheinet. i Ich nichts ittein iter! erwiderte Kris ton. — Der Marin bite, © der dir den Gift bringen ſoll / laßt mir keine Ruhe: ich ſoll dich bitten nicht fo viel zl keden. Man erhitzt ſich ſo ſehr / ſpricht er und dann wirkt der Trank ſo gut nicht. Er hätte ſchon oͤfters einen zwey⸗ den oder bit Steine bereſten ug‘ für Ekel 7 Erſtes Geſprach. 28 geute / die ſich das Reden nicht hätten verweh, ren laſſen. e Laß ihn, im Namen der Götter! been er krates, hingehen und ſein Aut verſehen. halte den zweyten Gifttrunk ee ober vn dritten, won er mevnck- — Diefe Antwort hatte ich * bermuthet ö uns Kriton; dein aM Menſch will nicht ablaſſen.

O Igß ihn! v verſctzte Sokrates. Ich habe bier meinen Nichtern Rechenschaft zu gehen, warum ein Menſch, der in der Liebe zur Weis⸗ heit grau geworden, in den letzten Stunden froͤliches Muths ſeyn muͤſſe, indem er ſich nach dem Tode die groͤßte Seligkeit zu verſprechen hat. Mit welchem Grunde, Simmias und Ce⸗ bes] ich, Dieses behaupte, will ich 1 erklaͤren Das wiſen vielleicht die wenigſten, meine Freunde! daß, wer ſich der Liebe zur Weisheit wahrhaftig ergeben, ſeine ganze Lebenszeit dazu anwendet, mit dem Tode vertrauter zu werden, ſterben. zu lernen. Iſt aber dieſes! welch eine Ungereimtheit waͤre es nicht, in feinem ganzen Leben alle Wünſche, alle Bemühungen nach 8 5 tinem 26 Phaͤdon einem einzigen Ziele zu lenken, und ſich doe ju betruͤben, wenn dos laͤngſt enoünfhte gie En erreicht wird?

Simmias lachte. Beym Jupiter! ſprach er, Sokrates! ich muß lachen, ſo wenig ich auch dazu aufgelegt bin. Was du hier ſagſt, důrſte das Volk nicht jo ſehr befremden, als du mey⸗ niſt. Das hieſige insbeſondre koͤnnte dir fagen: wie ſie gar wohl wuͤßten, daß die Weltweiſen ſterben lernen wollten, daher fie ihnen auch das wied erfahren ließen, was fie verdienten, und wornach fie fi ch ſehneten. | u Ich würde ihnen alles einraͤumen, „ Simmias! 1 nur das nicht, daß ſie es einſehen. Sie wiſſen nicht, was der Tod iſt, nachdem die Weltwei⸗ fen ſich ſehnen, und in wie weit fie ihn verdienen. Doch was gehen uns jene an? Ich rede itzt mit meinen Freunden.

Iſt der Todt nicht etwas, das ch ö und erklaͤren laͤßt?

Freylich! verſetzte Simmias.

5 Iſt er aber etwas anders, als eine 8 des Leibes und der Seele? — Sterben nehmlich * die nicht, wenn die Seele den Leib, und der Leib leib die Seele dergeſtalt verlaͤßt, daß ſie keine Gemeinſchaft unter einander mehr haben, und jeder für fich bleibet? Oder weißt du deutlicher anzuzeigen, was der Tod fy? ö Nein! mein Lieber! Ueberlege einmal, Freund! ob es dir auch ſo dorkoͤmmt, wie mir. Was meyneſt du? Wird der wahre Liebhaber der Weisheit den ſogenann⸗ tn Wolluͤſten nachhaͤngen, und nach koͤſtlichen Speiſen und Getraͤnken ſo ſonderlich ſtreben?

* * Nichts weniger, antwortete Simmias. Wird er der Liebe ergeben feon? Eben ſo wenig!

Und in Anſehung der übrigen Leibesbequemlich⸗ keiten? Wird er in ſeinen Kleidern z. B. auf Pracht und Ueppigkeit ſehen, oder wird er ſich mit dem Nothwendigen begnuͤgen und das Ueber⸗ | Rüßige nicht achten?

Was man entbehren kann, prach jener, wacht N dem Weiſen keine Sorgen.

Wollen wir nicht überhaupt fagen, fuhr Sokra⸗ | tes fort, der Weltweiſe ſuchet ſich aller unnoͤthi⸗ gen Leibesſorgen zu entſchlagen, um mit mehrerer Achtſamteit der Seele warten zu koͤnnen? 4 Warum 3 PA Bar aG: 5 Er unterſcheidet fd als ſchon hierin von den 3 Menſchen, daß er ſein Gemuͤth. nicht gan; von den Leibes angelegenheiten feſſeln laͤßt / ſon⸗ u feine Seele zum Theil der Genteinſchaft des Es ſcheint fr > Der groͤßte Haufe der Menchen 0 Simmias! wird dir ſagen, daß der nicht zu leben verdiene, wer die Annehmlichkeiten! des Lebens nicht genieſ⸗ ſen will. Das nennen ſie, fü ch nach dem Tode ſehnen, wenn man dem ſinnlichen Wohlleben abs ſagt und ſich aller leiſchlichen Wolluſt enthält, Dieß iſt die Wahrheit / Sokrates!

Ich gehe weiten. Ri Hindert der Körper nicht hen den weiepeitlilbenden im Nachdenken, und bird er ſich ſdnderlſchell Fortgang in der Weisheit verſprechen können, wenn er ſich nicht von den zünnlichen Gegenſtaͤnden zu erheben gelernet hat? — Ich erklaͤre mich — Die Eindruͤcke des 5 e Geſichts und des Gehoͤrs ſind, ſo, wie ſie uns von den Gegenftänden zugeſchickt werden, bloß einzelne Empffndungen, noch keine Wahrheiten; Fenn dieſe müſſen erſt mit dem Verſtande aus ide elögen werden. Nicht nen gelogen wer t Nicht 7. Ala : Auch als einzelnen et iſt * hicht völlig zu trauen, und die Dichter fingen mit Recht: die Sinne täuschen. und begriffen nichts deutlich. Was wir hoͤren und ſehen, ifk, voller Verwirrung und Dunkelheit. Koͤnnen uns aber dieſe bryden Sinne keine deutlichen Ein⸗ ſichten gewähren: ſo wird der uͤbrigen weit uns deutlichern Sinnen gar nicht zu bedenken ſeyn.

Richtig. 791 1.

Sie muß alſd nachdenken, urtheilen, ſchlieſſen, erfinden; um durch dieſe Mittel, ſo viel möglich, - in das wahre WILDE: Dinge; EN | Ja! e 7 eee e Aber wann geht das Nast am beſten don ſtatten? Mich duͤnkth wenn wir uns gleichſam nicht fuͤhlen, wenn weder Geſicht noch Gehör, weder angenehme noch unangenehme Empfin⸗ dungen uns an uns ſelbſt: erinnern. Alsdann üehet die Seele ihre guſmertſamteit von dem 30. Phaͤdon Körper ab, verläßt, fo viel fie kann, feine. Ges felifchaft, um in fich verfammelt,. nicht den Sins nenſchein, ſondern das Weſen, nicht die Ein⸗ druͤcke, wie ſie uns zugefuͤhret werden, ſondern das, was ſie wahres enthalten, zu betrachten.

Richtig! N | a Abermals eine Gelegenheit, bey welcher die Seele des Weiſen den Leib zu meiden, und ſich/! ſo viel ſie kann, von ihm zu entfernen ſuchen muß. 5 Allem Anſehen nach!

Um die Sache noch deutlicher zu machen: JR die allerhoͤchſte Vollkommenheit ein bloſer Ges danke, ohne aͤuſſerlichen Gegenſtand, oder bedeu⸗ tet es ein wirkliches Weſen, das auser uns vor⸗ handen iſt?

Freylich ein wirkliches, auſſer uns vorhande⸗ nes, ſchrankenloſes Weſen, dem das Daſeyn vor⸗ zugsweiſe zukommen s muß, mein Sokrates!

Und die allerhoͤchſte Guͤte, und die allerhoͤchſte Weisheit? Sind dieſe auch etwas Wirkliches?

Beym Jupiter! ja! Es ſind unzertrennliche Eigenſchaften des allervollkommenſten Weſens, ohne welche jenes nicht da ſeyn kann. | Wer Wer hat uns aber dieſes Weſen kennen ge lehret? Mit den Augen des Leibes * wir es doch nie geſehen?

Gewiß nicht!

Wir haben es auch nicht gehört, nicht def hn; kein aͤuſſerlicher Sinn hat uns je einen Begriff von Weisheit, Guͤte, Vollkommenheit, Schoͤnheit, Denkungsvermoͤgen, u. ſ. w. zugefuͤhret, und dennoch wiſſen wir, daß dieſe Dinge auſſer uns wirklich find, in dem allerhoͤchſten Grade wirk⸗ lich ſind. Kann uns niemand erklaͤren, wie wir auf dieſe Begriffe gekommen ſind?

Simmias ſprach, die Stimme Juptters, mein leber Sokrates! Ich werde mich abermals auf die ſelbe berufen.

Wie ꝛ, meine Freunde! wenn wir in jenem Zim⸗ mer eine vortreſiche Floͤtenſtimme hoͤreten, wür⸗ den wir nicht hinlauffen den Floͤtenſpieler zu ken⸗ nen, der unſer Ohr ſo ſehr zu entzuͤcken weiß?

Vielleicht jetzo nicht, laͤchelte Simmias da wir hier die vortreſſichſte Muſik hoͤren.

Wenn wir ein Gemaͤlde betrachten, fuhr So⸗ krates fort, ſo wuͤnſchen wir, die Meiſterhand i kennen, die es verfertiget hat. Nun ligt in „ | uns 32 Phaͤdon uns ſelbſt das allervortreftichſte Bid, das Goͤt⸗ teraugen und Menſchenaugen jemals geſehen, das Bild der allerhoͤchſten Vollkommenheit, Guͤ⸗ te, Weisheit, Schoͤnheit, u. ſ. f. und wir Has ben uns noch nie nach dem Maler e | der dieſe Bilder hineingezeichnet? | Cebes erwiederte; Ich erinnere mich einst be bom Philolaus eine Erklärung gehoͤrt zu haben, ‚die. der Sache vielleicht Genuͤge thut.

Will Cebes ſeine Freunde N derſetzte Sokra⸗ tes, nicht an dieſer Hinterlaſſenſchaft des zen feligen Pbilolaus Theil nehmen laſſen?

Wenn dieſe / ſprach Erbes, die nd | lieber von einem Sokrates hören möchten Doch es ſey! Alle Begriffe von unkoͤrperlichen Din⸗ gen, ſprach Philolaus, hat die Seele nicht aon den aͤuſſern Sinnen, fondern durch ich ſelbſt ers langt, indem ſie ihre eigenen Wirkungen beobach⸗ tet, nnd dadurch ihr eigenes Weſen und ihre Eis genſchaften kennen lernt. — Deeſes deutlicher zu machen, habe ich ihn oft eine Erdichtung hinzuſe⸗ ten hoͤren: Laßt uns vom Homer, pflegte er zu ſagen, die beiden Tonnen entlehnen, die in dem Vorſaale Jupiters liegen, aber zugleich uns die Freyheit gusbitten, fie nicht mit Gluͤck und Une a.

— Eiſtes Geſpräch.. 33 gluͤck, f ſondern die zur Rechten mit wahrem We⸗ ſen und die zur Linken mit Mangel und Unwe⸗ fen anzufuͤlen. — So oft die Allmacht Jupi⸗ ters einen Geiſt hervorbringen will, ſo ſchoͤpft er aus dieſen beiden Tonnen, wirft einen Blick auf das ewige Schickſal, und bereitet, nach deſ⸗ ſen Maßgebuͤng, eine Miſchung von Weſen und Mangel, welche die voͤllige Grundanlage des kuͤnftigen Geiſtes enthält. Daher findet ih zwiſchen allen Arten von geiſtigen Weſen eine ver⸗ wundernswuͤrdige Aehnlichkeit: denn ſie ſind al⸗ le aus eben den Tonnen geſchoͤpft, und nur an der Miſchung unterſchieden. Wenn alſo unſere Seele, welche gleichfalls nichts auders iſt, als ei⸗ ne ſolche Miſchung von Weſen und Mangel, ſich ſelbſt beobachtet: ſo erlanget ſie einen Be⸗ griff von dem Weſen der Geiſter und ihren Schran⸗ ken, von Vermögen und Unvermoͤgen, Vollkom⸗ menheit und Unvollkommenheit, von Verſtand, Weisheit, Kraft, Abſicht, Schönheit, Gerech. tigkeit und tauſend andern unkoͤrperlichen Din⸗ gen, über welche fie die aͤuſſern Sinne in der tief a ee Jaifen R N We unvergleichlich! berſchte Sokrates. Sie⸗ 12 Cebes! Du beſitzeſt einen ſolchen Schatz, und wollteſt mich ſterben laſſen; ohne mir denſelben Phaͤdon. C ein⸗ 34 Phaͤdon einmal zu zeigen! — Doch laß ſehen, wie wie ihn noch vor dem Tode genieſſen wollen. Phi⸗ lolaus ſagte alſo: Die Seele erkennet ihre Ne⸗ bengeiſter, indem ſie ſich ſelbſt beobachtet. * Ja!

Und ſie ing Begriffe von unkörperlichen Dingen, indem ſie ihre eigenen Faͤhigkeiten aus⸗ einander ſetzt, und jeder, um ſie deutlicher unter⸗ ſcheiden zu koͤnnen, einen beſondern Namen giebt. Allerdings. | Wenn ſie aber ein hoͤheres Weſen / als ſie ſelbſt iſt / einen Daͤmon z. B. ſich denken will, wer wird ihr die Begriffe dazu hergeben? I Cebes ſchwieg, und Sofrates fuhr fort: pi be ich die Meynung des Philolaus anders recht begriffen, ſo kann ſich die Seele zwar niemals von einem hoͤhern Weſen, als fie ſelbſt iſt / oder nur von einer hoͤhern Faͤhigkeit, als ſie ſelbſt beſitzet, einen der Sache gemaͤßen Begriff machen; allein fie kann gar wohl überhaupt die Möglichkeit eines Dinges begreiffen, dem mehr Weſen und weniger Maͤngel zu Theile worden, als ihr ſelbſt, das heißt, welches vollkommener iſt, als ſie; oder haſt du es vielleicht vom N anders ‚gehört?

Nein!

Nein!

"und von u m elterhöchfien u...an ber 40 lerhoͤchſten Vollkommenheit hat ſie auch nicht mehr, als dieſen Schimmer einer Vorſtellung. Sie kann das Weſen deſſelben nicht in ſeinem amen Hntanae begreiffn ) aber fie delt ihr „ % „% „% Cra geige⸗ i 2 Einige Weltwelken wollen uns mich die % Betrachtung demuͤthigen, daß wir von Gott nicht wiſſen, was er iſt, ſondern was er nicht iſt, und ſtellen durch eine unmerflis liche Verdrehung die Sache ſo vor, als wenn wir von Gott und ſeinen Eigen⸗ ſchaften gar nichts wuͤßten. Nun iſt es nicht zu laͤugnen, daß wir von dem wah- ren Begriffe einer Sache weit entfernt ſeyn konnen, wenn wir auch wiſſen, daß ſie dieſes oder jenes nicht ſey. Allein wie pft iſt nicht ſchon mit Grunde angemerkt worden, daß wir dem vollkommenſten Weſen * nur Mängel und Einſchraͤnkungen abſpre⸗ chen, und dieſe Att von Verneinungen den Wertb wahrer Bejahungen habe! Daß wir nen für gut finden, die Eigenſchaften Gottes verneinungsweiſe abzudruͤcken, iſt eigentlich dem Urſprung unſerer Begriffe von Sott zugufchreiben als welche die Vernei⸗ nung unſerer eigenen Maͤngel und e heiten zum Grunde haben. Das Wort uzokränderlich z. B. iſt die erikhuung Liner. und im Grunde v— — — on 1 35 „ Phaͤdon eigenes Weſen, das, was fie Wahres, Gutes, und Vollkommenes Hat, trennet es in Gedanken A von ein. Begriff, nehmlich immer sap ſelbe; aber wir drücken dieſen Begriff vernei⸗ Jinungsweiſe aus,“ weil wir durch die Vernei⸗ nung der uns beywohnenden veraͤnder lichkeit Darauf gekommen ſind. In dieſem Verſtande jiſt. alſo der angeführte Satz ungegruͤndet, denn unſere Begriffe von Gott zeigen nicht an, was Gott nicht iſt; ſondern was ihm nicht feh⸗ let. Will man aber nur ſo viel ſagen, daß wir von den poſitiven Eigenſchaften Gottes keine Anſchauung, keine ſelbſtgefuͤhlte Vorſtellung haben; ſo wird dieſes willig zugegeben, jedoch mit Verzicht auf die Folgen, die mancher aus dieſem an ſich unſchuldigen Satze hat ziehen wol⸗ len. Das wen ige, was uns von den zͤttlichen Eigenſchaften bekannt if, verliert dadurch we⸗ der ſeine Wahrheit noch Gewißheit, weder Le⸗ ben noch ueberzeu gung. Koͤnnen wir gleich die Unendlichkeit der göttlichen Vollkommenheiten „nie ſelbſt fühlen; fo haben wir doch durch die innere Anſchauung unſerer ſelbſt die Grundlage u zu dieſen Vollkommenheiten kennen lernen, und dieſe anſchauend erkannte Grundlage mit der 3 hinzugefuͤgten ſomboliſchen. Abänderung der Mängel und Einſchraͤnkungen geben einer Menge von Lehrſaͤtzen 5 e ihre aus, gemach⸗ Ei Geſpraͤch. 87 von dem, Mangel und Unweſen y omit welchem es in ihr vermiſcht iſt, z und geraͤth dadurch auf den Begriff eines Dinges, das lauter Weſen, lauter Wahrheit „lauter Güte, un Welke 85 Apollodorus, der bisher alle Worte des Sokrates leiſe nachgeſprochen hatte / gerieth hier in Entzuͤckung, und wiederholte laut: das lauter Weſen lauter Wahrheit, N Bus te, lauter ere 8 at. ent und Sokrates fuhr fort: Scher 2 Freunde 1 wie weit ſich der Weisheitliebende von den Sinnen und ihren Gegenſtaͤnden entfernen muß / wenn er das begreiffen will, was zu bes greiffen wahre Gluͤckſeligkeit iſt, das allerhoͤchſte und vollkommenſte Weſen? In dieſer Gedanken⸗ jagd * er Augen und Ohren berchüeſten, — C2 ‚same s TEL EN DE ACHT EI 1 2 g gemachte Gewißheit. 1 batte keine ſelbſigefuͤhlte Vorſtellung vom Lichte; aber dig allgemeine Aebnlichkeit des Geſſchts mit den übrigen. Sinnen machte es möglich, Ibm, eini bringen; und die ganze Theorie der Optik, die er feinen Zuhörern aus diefen Grundbegrifftt erklärte, war nichts defip weniger umunſto lich Merkmale der Lichtſtrablen durch Worte beyzu⸗ | 2 38 Lu Een 2 Schmerz und Sinnenluſt ferner bon ſemer Acht / ſamkeit ſeyn affen, und wenn es moglich waͤre / feines: Leibes ganz vergeſſen ) im deſto einſamer ſich ganz auf ſeine Seelenverinoͤgen und ihre mne; re Wirkſamkeit einzuſchraͤnken.

Der Leib iſt ſeinem Verſtande beo dicker Unter⸗ ee nicht nur ein unnuͤtzlicher, ſondern auch ein beſchwehrlicher Geſellſchafter: denn jetzt ſucht er weder Farbe noch Groͤße weder Töne noch Bes wegung, ſondern; ein Ding / das alle mögliche Farben, Größen, Töne und Bewegungen, und was noch writ mehr iſt, alle mogliche Geiſter ſich aufs deutlichſte vorſtellet, und in allen erſinnli⸗ chen Ordnungen hervorbringen kann. Welch ein bhälichen, 8 * Im re auf die⸗ Wie erhaben! nie Simmas, ii auch wie wahr! 123 Die wahren Weltweiſen, ſprach Sokrates / die dieſe Gruͤnde in Erwaͤgung ziehen, koͤnnen nicht anders als dieſe Meynung hegen, und einer zum andern ſprechen: Siehe! hier iſt ein Irr⸗ weg der uns immer vom Ziele weiter weg fuͤh⸗ ret und alle unſere Hoffnungen vereitelt. Wir An verfichert, daß die Erkenntniß. der Wahrheit . nnſer * unſer einziger Wunſch ſey. Aber ſo lange wir uns hier auf Erden mit dem Leibe ſchlepven; ſo lange unſere Seele noch mit dieſer irrdiſchen Seuche behaftet iſt: koͤnnen wir uns unmöglich ſchmeicheln, dieſen Wunſch ganz erfuͤllt zu ſehen. Wir ſollen die Wahrheit ſuchen. Leider! laßt uns der Körper wenig Muße zu dieſer wichtigen Unternehmung. Heute fordert fein Unterhalt unſere ganze Sorge; morgen fechten ihn Krank⸗ heiten an, die uns abermals ſtoͤren; ſodann fol⸗ den andere Leibesangelegenheiten, Liebe, Furcht, Begierden, Wuͤnſche, Grillen und Thorheiten, die uns unaufhoͤrlich zerſtreuen, die unſere Sins nen von einer Eitelkeit zur andern locken, und uns nach dem wahren Gegenſtande unſerer Wünſche, nach der Weisheit, vergebens ſchmach⸗ ten laſſen. Wer erregt Krieg, Aufruhr, Streit und Uneinigkeit unter den Menſchen? wer an⸗ ders, als der Koͤrper, und ſeine unerſaͤttlichen Begierden? Denn die Habſucht iſt die Mutter aller Unruhen, und unſere Seele wuͤrde niemals nach eigenthuͤmlichen Beſitzungen geizen, wenn ſie nicht für die hungrigen Begierden ihres Lei bes zu ſorgen haͤtte. Solchergeſtalt ſind wir die meiſte Zeit beſchaͤfftiget, und haben ſelten Muße zur Weltweisheit. Endlich, erzielet man auch C. 4 irgend — — 40. Ku u Phädon