63 haß 102 Phaͤdon haß nehmlich entſtehet insgemein, wenn man Anfangs ein blindes Vertrauen in Jemanden ſezet, und ihn in allen Stuͤcken fuͤr einen getreuen, aufrichtigen, und rechtſchaffenen Menſchen Hält, ſodann aber erfaͤhret, daß er weder aufrichtig noch rechtſchaffen ſey; beſonders wenn uns dieſes zu wiederholten malen, und ſo gar in Anſehung derer begegnet, die wir fuͤr unſere beſten und vertrauteſten Freunde gehalten. Alsdann wird man mißvergnuͤgt, wirft feinen Haß auf alle Menſchen ohne Unterſchied, und trauet Niemanden mehr die mindeſte Recht. ſchaffenheit zu. Haſt du nicht bemerkt, daß es alſo zu gehen pflegt? Sehr oft, antwortete ich. Iſt dieſes aber nicht ſchaͤndlich? und heißt es nicht, ohne die geringſte Einſicht in die menſchliche Natur, von der menſchlichen Geſellſchaft Nutzen haben wollen? Wer nicht ganz ohne Nachdenken iſt, findet hierinn gar leicht die Mittelſtraße, die in der That auch die Wahrheit fuͤr ſich hat. Der vollkommen guten oder boͤſen Menſchen find nur ſehr we⸗ nige. Die mehreſten halten ungefaͤhr das Mittel zwiſchen beyden Grenzen: — Wie ſagſt du? fragte ich. — So wie etwa, ſprach er, in Anſehung der Groͤßten und Kleinſten, oder der uͤbrigen Eigenſchaften. Was iſt ſelt⸗ ner ner / als ein Menſch, Hund oder anderes Ge⸗ ſchoͤpf das ſehr groß oder ſehr klein, ſehr ſchnell oder ſehr langſam, außerordentlich ſchoͤn, haͤßlich, ſchwarz / weiß/ u. ſ. w.? Und haſt du nicht auch bemerkt, daß in allen dieſen Dingen das Aeuſſer⸗ ſte an beyden Seiten wenig und ſelten, das Mit⸗ telmaͤßige hingegen am allerhaͤuſigſten angetroffen wird? Mich duͤnkt es, ſprach ich. Meyneſt du nicht / verſetzte er, wenn auf die aͤuſſerſte Nichts⸗ wuͤrdigkeit ein Preis geſetzt würde, daß ſehr we⸗ nige Menſchen denſelben verdienen wuͤrden? Wahr⸗ ſcheinlicher Weife, antwortete ich. Hoͤchſt wahrſcheinlicher Weiſe, fuhr er fort. Jedoch in dieſem Punkte findet: ſich zwiſchen der Ver. nunft und zwiſchen dem menſchlichen Geſchlech⸗ te vielmehr eine Unaͤhnlichkeit, als eine Aehn. lichkeit: und ich bin durch deine Fragen auf dieſen Abweg verleitet worden. Die Aehnlich⸗ keit iſt aber alsdann zu ſehen, wann Jemand, ohne gehoͤrige Unterſuchung, und ohne Ein⸗ ſicht in die Natur der menſchlichen Vernunft, irgend einen Schluß fuͤr wahr und bindig hält, und kurz darauf ihn wiederum unwahr zu finden glaubt, er möchte es nun an und für ſich ſelbſt ſeyn, oder nicht: — vor⸗ nehmlich wenn dieſes, ſo wie vorhin in Anſe⸗ hung der Freundſchaft, ſich oͤfters zugetragen.
104 Phaͤdon 104 Phaͤdon Alsdann ergehet es ihm, wie jenen beruͤch⸗ tigten Tauſendkuͤnſtlern, die ſo lange, was man nur will, verfechten und widerlegen, bis ſie ſich einbilden, die Weiſeſten unter den Sterblichen, ja die einzigen zu ſeyn, die da wahrgenommen, daß die Vernunft, ſo wie alle uͤbrigen Dinge auf Erden, nichts Sicheres und Zuverlaͤßiges habe; ſondern daß alles, wie auf dem Euripus, im Meerſtrudel auf und nieder ſchwanke, und keinen Augenblick an ſeiner vorigen Stelle bleibe. Es iſt wahr, ſagte ich. Wie aber, mein lieber Phaͤdon! fuhr er fort: geſetzt, die Wahrheit ſey an und für ſich nicht nur zuverlaͤßig und unveraͤnder⸗ lich, ſondern auch dem Menſchen nicht ganz unerforſchlich: und es lieſſe ſich jemand von dergleichen Vorſpiegelungen von Gruͤnden und Gegengruͤnden, die ſich einander aufheben, dahin verleiten, daß er nicht ſich und ſeiner Unfähigkeit die Schuld gaͤbe, ſondern aus Unwillen ſie lieber der Vernunft ſelbſt zur Laſt legte, und die uͤbrige Zeit ſeines Lebens alle Vernunftgruͤnde Haffete und verabſcheuete, alle Wahrheit und alle Erkenntniß ferne von ſich ſeyn lieſſe: waͤre das Ungluͤck dieſes Men⸗ ſchen nicht beiammernswerth? Beym Jupi⸗ ter! antwortete ich, ſehr / belammernswerth. Wir muͤſſen alſo fuͤrs erſte dieſen Irrthum zu N In ver⸗ \ \ Zweytes Gefpräch, 105 vermeiden, und uns zu (überzeugen ſuchen, daß nicht die Wahrheit ſelbſt ungewiß und ſchwan⸗ Zend, ſondern unſer Verſtand öfters zu ſchwach fen / dieſelbe feſte zu halten, und ſich ihrer zu bemeiſtern; damit wir unſere Kräfte und unſern Muth verdoppeln und immer neue An⸗ griffe wagen muͤſſen. Wir alle ſind dazu ver⸗ pflichtet, meine Freunde! Ihr des bevorſtehen⸗ den Lebens, und ich des Todes halber; ja, ich habe ſogar einen Bewegungsgrund dazu, der ziemlich, nach gemeiner unwiſſender Leute Denkungsart, mehr rechtſuͤchtig, als wahrlie⸗ bend ſcheinen dürfte, Wenn dieſe etwas Zwei⸗ felhaftes zu unterſuchen haben, ſo bekuͤmmern ſie ſich wenig, wie die Sache an ſich ſelber beſchaffen ſey, wenn ſie nur Recht und ihre Meynungen von den Anweſenden Beyfall er⸗ halten. Ich werde von dieſen Leuten nur in einem Puncte unterſchieden ſeyn. Denn da ich die Anweſenden von meiner Meynung uͤberfuͤhre, iſt bey mir nur eine Nebenab⸗ ſicht; meine vornehmſte Sorge gehet dahin, mich felbſt zu bereden, daß fie der Wahr: heit gemaͤß ſey, weil ich gar zu großen Vortheil dabey finde. Denn ſiehe, liebſter Freund! ich mache folgenden Schluß: Iſt die Lehre, die ieh vortrage, gegruͤndet, ſo thue ich wohl, daß ich Wr davon uͤberzeugs; iſt aber 6 3 den 106...-Phäden den Verſtorbenen keine Hoffnung mehr- übrig, ſo gewinne ich wenigſtens dieſes, daß ich mei⸗ nen Freunden noch vor meinem Tode nicht durch Klagen beſchwerlich falle. Ich ergötze mich zuweilen an dem Gedanken, daß alles, was dem geſammten menſchlichen Geſchlech⸗ te wirklichen Troſt und Vortheil bringen wuͤrde, wenn es wahr waͤre, ſchon deswe⸗ gen ſehr viel Wahrſcheinlichkeit fuͤr ſich habe, daß es wahr ſey. Wenn die Zweifelſuͤchti⸗ gen wider die Lehre von Gott und der Tu⸗ gend vorwenden, ſie ſey eine bloße politiſche Erfindung, die zum Beſten der menſchlichen Geſellſchaft erdacht worden: ſo moͤchte ich ihnen allezeit zurufen: O! meine Freunde! erdenket einen Lehrbegriff? welcher der menſch⸗ lichen Geſellſchaft ſo unentbehrlich iſt, und ich wette, daß es wahr ſey. Das menſchliche Geſchlecht iſt zur Geſelligkeit, ſo wie jedes Glied zur Gluͤckſeligkeit, berufen. Alles, was auf eine allgemeine, ſichere und beſtaͤndige Weis ſe zu dieſem Endzwecke fuͤhren kann, iſt un⸗ ſtreitig von dem weiſeſten Urheber aller Din⸗ ge als ein Mittel gewaͤhlt, und hervorgebracht worden. Dieſe ſchmeichelhafte Vorſtellungen haben ungemein viel troͤſtliches, und zeigen uns das Verhaͤltniß zwiſchen dem Schoͤpfer und dem Menſchen in dem erquickendſten Lich, 5 Es te: \ Zweytes Gesprach. 107 te: daher ich nichts fo ſehr wuͤnſche, als mich don der Wahrheit derſelben zu überzeugen. Je. doch, es waͤre nicht gut, wenn meine Unwiß ſenheit hieruͤber noch lange dauren ſollte. Nein! ich werde bald davon befreyet werden. — In dieſer Verfaͤſſung, Simmias und Cebes! wen⸗ de ich mich zu euren Einwuͤrfen, Ihr, meine Freunde! wenn ihr meinem Rathe folgen wol⸗ let, ſo ſehet mehr auf die Wahrheit, als auf den Sokrates. Findet ihr, daß ich der Wahr⸗ heit getreu bleibe, fo gebt mir Beyfall; wo nicht, ſo widerſetzet euch ohne die geringſte Nachſicht: damit ich nicht, aus gar zu guter Meynung, euch und mich ſelbſt hintergehe, und wie eine Biene, die ihren Stach zuruͤck laͤßt, don euch 9 — Wohlan, meine Freunde! merket auf, und erinnert mich, wo ich etwas von euren Gruͤn⸗ den auslaſſen, oder unrichtig vortragen wuͤr⸗ de. Simmias raͤumet ein, daß unſer Den⸗ kungsvermoͤgen entweder für ſich geſchaffen ſeyn, oder durch die Zuſammenſezung und Bildung des Koͤrpers hervorgebracht werden muß: Nicht? — Richtig! — In dem erſten Falle, wenn die Seele nehmlich als ein fuͤr ſich ge⸗ ſchaffenes unkoͤrperliches Ding zu betrachten iſt, bil⸗ A 103 Phaͤdon billiget er ferner die Reihe von Vernunſtſchluͤf⸗ fen, durch welche wir dewieſen, daß fie. nicht mit dem Körper aufhoͤren, durchaus nicht an⸗ ders vergehen koͤnne, als durch den allmaͤch⸗ tigen Wink ihres Urhebers. Wird dieſes noch zugegeben, oder ſtehet unter euch je⸗ mand noch an? — Wir ſtimmten alle wil⸗ lig ein. — Und daß dieſer allguͤtige Urhe⸗ ber kein Werk ſeiner Haͤnde jemals zernichte: ſo viel ich mich erinnere, hat auch hieran Niemand gezweifelt. — Niemand. — Aber dieſes befürchtet Simmias: Vielleicht iſt un⸗ ſer Vermoͤgen zu empfinden und zu denken kein fuͤr ſich erſchaffenes Weſen; ſondern, wie die Harmonie, wie die Geſundheit, oder wie das Leben der Pflanzen und der Thiere, die Eigenſchaft eines kuͤnſtlich gebildeten Koͤrpers; war es nicht dieſes, was du beſorgteſt? — Eben dieſes, mein Sokrates! — Wir wol⸗ len ſehen, ſprach er, ob dasjenige, was wir von unſerer Seele wiſſen, und, ſo oft wir wollen, erfahren koͤnnen, nicht deine Beſorg⸗ niß unmoͤglich machet. Was geſchiehet bey der kuͤnſtlichſten Bildung oder Zuſammenſezung der Dinge? werden da nicht gewiſſe Dinge naͤher zuſammengebracht, die vorhin von ein⸗ ander entfernet waren? — Allerdings! — Sie ſind vorhin mit andern in Verbindung ge⸗ we⸗ % weſen, und nunmehr werden ſie unter ſich ver⸗ bunden) und machen die Beſtandtheile des Ganzen aus, das wir ein FJuſammengeſetz⸗ des nennen. — Gut! — Durch dieſe Verbin dung der Theile entſtehet erſtlich in der Art und Weiſe, wie dieſe Beſtandtheile neben einander ſind, eine gewiſſe Ordnung, die mehr oder we⸗ niger vollkommen iſt. “. Richtig! — Sodann werden auch die Kraͤfte und Wirkſamkeiten der Beſtandtheile durch die Zuſammenſetzung mehr oder weniger verwandelt, nachdem ſie durch Wirkung und Gegenwirkung bald gehemmet, bald befoͤrdert, und bald in ihrer Richtung veraͤndert werden. Nicht? — Es feheinet, — Der Urheber einer ſolchen Zuſammenſetzung ſie⸗ het bald einzig und allein auf das Rebeneinan⸗ derſeyn der Theile: z. B. bey der Wohlgereimt⸗ heit und dem Ebenmaaß in der Baukunſt, wo nichts als dieſe Ordnung der Nebeneinan⸗ derſeyenden in Betrachtung koͤmmt; bald hinge⸗ gen gehet ſeine Abſicht auf die veraͤnderte Wirk⸗ ſamkeit der Beſtandtheile, und die daraus er⸗ folgte Kraft des Zuſammengeſetzten, wie bey ei⸗ nigen Triebwerken und Maſchinen; ja es giebt dergleichen, wo man deutlich ſiehet, daß der Kuͤnſtler ſein Abſehen auf beydes, auf die Ord⸗ nung der Theile und auf die Abaͤnderung ihrer Wirkſamkeit, zugleich gerichtet hat. — Der menſch⸗ r 110 | Phaͤdon menſchliche Kuͤnſtler / ſprach Simmias. vie K leicht etwas ſelten, aber der Urheber der are tur ſcheinet dieſe Abſichten allezeit auf das ale lervollkommenſte verbunden zu haben. — Vos treſich, verſetzte Sokrates; jedoch ich ver⸗ folge dieſe Nebenbetrachtung nicht weiter. Sage mir nur dieſes, mein Simmias! kann durch die Zuſammenſezung. eine Kraft im Gan⸗ zen entſtehen, die nicht in der Wirkſam keit der Beſtandtheile ihren Grund hat? — Wie meyneſt du? mein Sokrates! — Wenn alle Theile der Materie ohne Wirkung und Wi⸗ derſtand in einer todten Ruhe neben einander lagen, wuͤrde die kuͤnſtlichſte Ordnung und Verſezung derſelben, im Ganzen irgend eine Bewegung, einen Widerſtand überhaupt eis ne Kraft hervorbringen können? — Es ſchei⸗ net nicht / antwortete Simmias; aus un⸗ wirkſamen Theilen kann wohl kein wirkſames Ganzes zuſammengeſezt werden. — Gut! ſprach er wir konnen dieſen Grundſatz alſo annehmen. Allein wir bemerken gleichwohl, daß in dem Ganzen Uebereinſtimmung und Ebenmaas angetroffen werden kann, obgleich je⸗ der Beſtandtheil für ſich weder Harmonie, noch Ebenmaas hat: wie gehet dieſes zu? Kein ein⸗ zelner Laut iſt harmoniſch: und gleichwohl ma⸗ chen viele zuſammen eine Harmonie aus. Ein wohl⸗ wohlgeordnekes Gebaͤude kann aus Steinen be⸗ ſtehen, die weder Ebenmaas noch Regelmaͤßig⸗ keit haben. Warum kann ich hier aus unhar⸗ moniſchen Theilen ein harmoniſches Ganzes. aus regelloſen Theilen ein hoͤchſt regelmaͤßiges Ganzes zuſammenſezen? — O! dieſer Unterſchied iſt handgreiſtich, verſetzte Simmias, Eben⸗ maas, Harmonie, Regelmaͤßigkeit, Ordnung, u. ſ. w. koͤnnen, ohne Mannigfaltigkeit, nicht ges dacht werden: denn ſie bedeuten das Verhaͤlt⸗ niß verſchiedener Eindrücke, wie ſie ſich uns, zuſammengenommen, und in Vergleichung gegen einander, darſtellen. Es gehoͤrt alſo zu dieſen Begriffen ein Zuſammennehmen, ei⸗ ne Vergleichung mannigfaltiger Eindruͤcke, die zuſammen ein Ganzes ausmachen, und ſie koͤnnen daher den einzelnen Theilen unmoͤglich zukommen. — Fahre fort, mein lieber Sim⸗ mias! rief Sokrates mit einem innern Wohl⸗ gefallen uͤber die Scharfiinnigkeit ſeines Freun des; ſage uns auch dieſes: Wenn jeder einzelne Laut nicht einen Eindruck in das Ge⸗ hoͤr machen ſollte, wuͤrde aus vielen wohl eine Harmonie entſtehen koͤnnen? — Unmoͤglich! So auch mit dem Ebenmaaſe: Jeder Theil muß in das Auge wirken, wenn aus vielen das, was wir Ebenmaas nennen, entſtehen ſoll.— ene ae. — Wir ſehen alſo auth hier, 112 Phaͤdon 112 Phaͤdon hier, daß im Ganzen keine Wirkſamkeit entſt e⸗ hen kann, wovon der Grund nicht in den Be⸗ ſtandtheilen anzutreffen, und daß alles übrige » was aus den Eigenſchaften der Elemente und Beſtandtheile nicht fließt, wie die Ordnung, Symmetrie, u. ſ. w. einzig und allein in der Art der Zuſammenſezung zu ſuchen ſey. Sind wir von dieſem Satze uͤberzeugt r meine Freunde! — Vollkommen. — Es kommt alſo bey jeder, auch der allerkuͤnſtlich⸗ ſten Zuſammenſezung der Dinge, zweyerlen zu betrachten vor: erſtlich, die Folge und Ordnung der Beſtandtheile in der Zeit oder im Raume; ſodann die Verbindung der ur⸗ ſpruͤnglichen Krafte, und die Art und Weiſe, wie fie ſich im Zuſammengeſetzten aͤuſſern. Durch die Anordnung und Lage der Theile werden zwar die Wirkungen der einfachen Kraͤf⸗ te eingeſchraͤnkt, beſtimmt und abgeändert: aber niemals kann durch die Zuſammenſezung eine Kraft oder Wirkſamkeit erhalten werden, deren Urſprung nicht in den Grundtheilen zu ſuchen iſt. Ich verweile mich hier ein wenig bey dieſen ſubtilen Grundbetrachtungen, mei⸗ ne Freunde! wie ein Wettlaͤufer, der zu ver ſchiedenen malen anſetzt, um alsdann mit vermehrtem Triebe fortzueilen, ſich um das Ziel mn zu ſchwenken / * wenn ihm die Sit ter ter Gluͤck und Ruhm befchieden, den Sieg da von zu tragen. Erwuͤge es mit mir, mein lies der Simmias! wenn unſer Vermögen zu em⸗ pfinden und zu denken kein für ſich erſchaffe⸗ nes Weſen, ſondern eine Eigenſchaft des Zu⸗ ſamimengeſetzten ſeyn ſoll: muß es nicht entwe⸗ der, wie Harmonie und Ebenmaas, aus ei⸗ ner gewiſſen Lage und Ordnung der Theile er⸗ folgen, oder wie die Kraft des Zuſammen⸗ geſetzten, feinen Urſprung in der Wirkfamkeit der Beſtandtheile haben? — Allerdings, da, wie wir gefehen, kein Drittes ſich gedenken laͤßkt.— In Anſehung der Harmonie haben wir geſe⸗ hen, daß z. B. jeder einzelne Laut nichts Harmoniſches hat, und die Uebereinſtimmung blos in Gegeneinanderhaltung und Verglei⸗ chung verſchiedener Laute beſtehe: Nicht? — Richtig! — Eine gleiche Bewandniß hat es mit der Symmetrie und Regelmaͤßigkeit eines Gebaͤudes: ſie beſtehet in der Zu ſammenfaſſung und Vergleichung vieler einzelnen und unregel⸗ mäßigen Theile. Dieſes iſt nicht zu leugnen. Ader dieſe Vergleichung und Gegeneinander⸗ haltung, iſt ſie wohl etwas anders, als die Wirkung des Denkungsvermöͤgens? und wird fie, auſſer dem denkenden Weſen, irgendwo in der Natur anzutreffen ſeyn? — Sim⸗ mias wußte nicht, was er hierauf antworten Phaͤdon. H ſoll⸗ 114 Phaͤdon ſollte. — In der undenkenden Natur, fuhr Sokrates fort, ſolgen einzelne Laute, einzelne Steine auf und neben einander. Wo iſt hier Harmonie, Symmetrie, oder Regelmaͤßigkeit? Wenn kein denkendes Weſen hinzukoͤmmt, das die mannigfaltigen Theile zuſammennimmt, gegeneinander haͤlt, und in dieſer Verglei⸗ chung eine Uehereinſtimmung wahrnimmt, ſo weiß ich ‚fie nirgend zu finden;. oder weißt du, mein lieber Simmias! in der ſeelen⸗ loſen Natur ihre Spur aufzuſuchen? — Ich muß mein Unvermoͤgen bekennen, war ſei⸗ ne Antwort, ob ich gleich merke, wohin dieſes abzielet. — Eine gluͤckliche Vorbe⸗ deutung! rief Sokrates, wenn den Gegner ſelbſt ſeine Niederlage ahndet. Antworte mir indeſſen unverdroſſen, mein Freund! denn du haſt keinen geringen Theil an dem Siege, den wir uͤber dich ſelbſt zu erhalten hoffen: Kann der Urſprung einer Sache gus ihren eige⸗ nen Wirkungen erklaͤret werden? Kan der Schat⸗ ten, den ein Baum wirft, fuͤr die Erzeugungs⸗ urſache dieſes Baumes, oder der wohlriechende Duft fuͤr die Urſache der Blume angegeben wer⸗ den? — Auf keinerley Weiſe. — Ordnung, Ebenmaas, Harmonie, Regelmaͤßigkeit, übers haupt alle Verhaͤltniſſe, die ein Zuſammenneh⸗ men und Gegeneinanderhalten des Mannigfal⸗ . tigen tigen erfordern, ſind Wirkungen des Denkungs⸗ vermoͤgens. Ohne Hinzuthun des denkenden Weſens, ohne Vergleichung und Gegeneinan⸗ derhaltung der mannigfaltigen Theile iſt das regelmäßige Gebäude ein bloßer Sandhauf -.
fen, und die Stimme der Nachtigall nicht harmoniſcher, als das Aechzen der Nachts eule. Ja ohne dieſe Wirkung gibt es in der Natur kein Ganzes, das aus vielen auſſer einander ſeyenden Theilen beſtehet: denn dieſe Theile haben ein jedes ſein eigenes Da⸗ ſeyn, und ſie muͤſſen gegen einander gehal⸗ ten, verglichen, und in Verbindung betrachtet werden, wenn ſie ein Ganzes ausmachen ſollen. Das denkende Vermoͤgen, und dieſes allein in der ganzen Natur, iſt faͤhig, durch eine inner⸗ liche Thaͤtigkeit, Vergleichungen, Verbindungen und Gegeneinanderhaltungen wirklich zu machen: daher der Urſprung alles Zuſammengeſetz ten, der Zahlen, Groͤßen, Symmetrie, Harmonie u. ſ. w. in fo weit fie ein Vers gleichen und Gegeneinanderhalten erfordern, einzig und allein in dem denkenden Ver⸗ moͤgen zu ſuchen ſeyn muß. Und da die⸗ ſes zugegeben wird, ſo kan ja dieſes Den⸗ kungsvermoͤgen ſelbſt, die Urſache aller Verglei⸗ chung und Gegeneinanderhaltung, unmoͤglich aus dieſen ihren eigenen Verrichtungen entſprin⸗ Ha gen, 116 Phaͤdon 116 Phaͤdon gen, unmoͤglich in einer Verhaͤltniß / Harmo⸗ nie, Symmetrie, unmöglich in einem Ganzen beſtehen, das aus auſſereinander ſeyenden Theilen zuſammengeſetzt iſt: denn alle dieſe Dinge ſetzen die Wirkungen und Verrichtun⸗ gen des denkenden Weſens voraus, und koͤn⸗ nen nicht anders, als durch dieſelben, wirklich werden. — Dieſes iſt ſehr deutlich, verſetzte Simmias. — Da ein jedes Ganzes, das aus Theilen, die auſſer einander ſind, beſte⸗ het, ein Zuſammennehmen und Vergleichen dieſer Theile zum voraus ſetzet, dieſes Zuſam⸗ mennehmen und Vergleichen aber die Verrich⸗ tung eines Vorſtellungsvermoͤgens ſeyn muß: fo kann ich den Urſprung dieſes Vorſtellunge⸗ vermoͤgens ſelbſt nicht in ein Ganzes ſetzen, das aus ſolchen auseinanderſeyenden Theilen beftchet, ohne eine Sache durch ihre eigenen Verrichtungen entſtehen zu laſſen. Und eine ſolche Ungereimtheit haben die Fabeldichter ſelbſt, ſo viel ich weiß, noch niemals gewagt. Niemand hat noch den Urſprung einer Floͤte in das Zuſammenſtimmen ihrer Toͤne, oder den Urſprung des Sonnenlichts in den Re⸗ genbogen geſetzt. — Wie ich vermerke, mein lieber Sokrates! iſt nunmehro auch der Ueber⸗ reſt unſers Zweifels dahin. — Er verdienet indeſſen defender erwogen zu werden, erwie⸗ derte — Biventes Sefpräh. 117 derte jener, wem ich anders durch dieſe dor⸗ nigten Unterſuchungen eure Geduld nicht ermuͤ⸗ de. Wage es immer, Freund! rief ihm Ark ton zu, auch die Geduld dieſer auf die Probe zu ſezen. Du Haft der meinigen wenigſtens nicht geſchonet, als ich auf die Ausfuͤhrung ei⸗ nes Vorſchlags drang — Nichts von der Sache, fiel ihm Sokrates in das Wort, die nunmehr ihre zuverlaͤßige Richtigkeit hat. Wir haben hier Dinge zu unterſuchen, die noch dem Zwei⸗ fel unterworfen zu ſeyn ſcheinen. Zwar dieſes nicht mehr, daß unſer Vermögen zu empfin⸗ den und zu denken in der Lage, Bildung, Ordnung und Harmonie Toͤrperlicher Beſtand⸗ theile zu ſuchen ſeyn ſollte: dieſes haben wir, ohne weder der Allmacht noch der Weis⸗ heit Gottes zu nahe zu treten, als unmoͤg⸗ lich verworfen. Aber vielleicht iſt dieſes den⸗ kende Vermoͤgen eine von den Thaͤtigkeiten des Zuſammengeſezten, wie die Kraft der Be⸗ wegung, der Ausdehnung, des Zuſammen⸗ haͤngens u. ſ. w. die von der Lage und Bildung der Theile weſentlich unterſchieden, und den⸗ noch nirgend anders, als im Zuſammengeſetz⸗ ten, amzutreffen ind? Iſt dieſes nicht der einzige Ueberreſt des Zweifels, den wir beſtrei⸗ ten? mein werther Simmias! — Richtig! — Wir wollen alſo dieſen Fall ſetzen, fuhr Sokra⸗ g 3 tes g 3 tes tes fort) und annehmen, unſere Seele ſen eine Wirkſamkeit des Zuſammengeſetzten. Wir haben gefunden, daß alle Wirkſamkeiten des Zuſammengeſetzten aus den Kraͤften der Beſtandtheile fielen muͤſſen: werden alſo, nach unſerer Vorausſetzung, die Beſtandtheile des denkenden Körpers nicht Kräfte haben muͤſſen, aus denen im Zuſammengeſetzten das Vermögen: zu denken reſultiret? — Aller⸗ dings — Aber die Kräfte dieſer Beſtandthei⸗ le, von welcher Natur und Beſchaffenheit wol⸗ len wir fie. annehmen? ſollen fie der denken; den Thaͤtigkeit aͤhnlich oder unaͤhnlich ſeyn? Dieſe Frage begreiffe ich nicht recht, war Simmias Antwort. — Eine einzelne Syl⸗ be, ſprach Sokrates, hat mit der ganzen Re⸗ de dieſes gemein, daß ſie N iſt; aber die ganze Rede hat einen Verſtand, die Sylbe keinen: Nicht? — Richtig! — Indem alfg nur jede Sylbe ein zwar vernehmliches, Jaber verſtandleeres Gefühl erregt, fo entſpringt aus ihrem Innbegriffe dennoch ein verſtaͤn⸗ diger Sinn, der auf unſere Seele wirkt. All⸗ hier entſpringet die Wirkſamkeit des Ganzen aus den Kraͤften der Theile, die ihnen unaͤhn⸗ lich find, — Dieſes laͤßt ſich begreifen. — In Anſehung der Harmonie, Ordnung und Schoͤn⸗ heit haben wir ein sh wahrgenommen.
Das Zweytes Geſpraͤch. fig Das Wohlgefallen, das ſie in der Seele wire ken, entſpringet aus den Eindrücken der Be⸗ ſtandtheile, deren jeder weder Wohlgefallen noch Mißfallen erregen kann. — Gut! — Abermals ein Beyſpiel / daß die Thaͤtigkeit de Ganzen aus Kraͤften der Beſtandtheile, die ihnen unaͤhnlich ſind, entſpringen könne. — Ich gebe es zu. — Ich weiß nicht, ob ich nicht vieleicht zu weit gehe, mein Freünd! aber ich ſtelle mir vor, als’ le Thaͤtigkeiten körperlicher Dinge kdünen aus ſolchen Kräften des Urſtoffs entſpringen, die ih⸗ nen ganz unähnlich ſind. Die Farbe z. B. kann vielleicht in ſolche Eindruͤcke aufgelöfet werden, die nichts gefaͤrbteb haben / und die Bewegung. ſelbſt entſpringet bielleicht aus Heſrünglichen Kraͤften, die nichts weniger als Bewegung find. — Dieſes wuͤrde einen Beweis erfordern / ſprach Simmas. — Es iſt aber vorjetzt nicht nöthig / daß wir uns hierbeh aufhalten, ſprach jener; es iſt genug, daß ich durch Beyſpiele ers’ laͤutert, was ich unter den Worten verſtehe: die Wirkſamkeit des Ganzen könne aus Kräf⸗ ten der Beſtandtheile, die ihnen unähnlich fi nd, N entſpringen. Iſt dieſes nunmehro deutlich? Vollkommen! — Nach unſerer Vorausſetzung alſo wuͤrden die Kraͤfte der Beſtandtheile ent, weder ſelbſt Rorflelungsträfte / und alſo der 2 9 4 8 a Kraft — 120 Phaͤdon — 120 Phaͤdon Kraft des Ganzen, die aus ihnen entſpringen fol, aͤhnlich, oder von einer ganz andern zen und daher unaͤhnlich kon, worte mir aber auch auf dieſes, mein Lieber! Wenn aus einfachen. Kräften eine von ihnen verſchiedene Kraft im Zuſammengeſetzten ent⸗ ſpringen ſoll, wo kann dieſe neuentſtandene Kraft anzutreffen ſeyn? Auſſer dem denken⸗ den Weſen ſind die Krafte des Ganzen nichts anders, als die einzelnen Kräfte der einfa⸗ chen Beſtandtheile, wie ſie ſich durch Wir⸗ kungen und Gegenwirkungen einander abaͤn⸗ dern, und einſchraͤnken. Nun kann durch Wirkung und Gegenwirkung keine Kraft ent, ſpringen; die dieſen Wixkungs⸗ und Gegenwir⸗ kungskraͤften unaͤhnlich ſey. Wenn wir alſo etwas Unäpnliches im Ganzen erhalten wol⸗ len, ſo muͤſſen wir abermals unſere Zußucht zu dem denkenden Weſen nehmen, das die Kräfte in Verbindung und zuſammengenom⸗ men ſich anders vorſtellet, als fie dieſelben ein⸗ zeln und ohne Verbindung denken wuͤrde. Ein Beyſpiel hievon ſiehet man, auſſer der Harmo. nie, auch an den Farben. Bringet zwo ver⸗ ſchiedene Farben in einen ſo kleinen Raum zu⸗ ſammen, daß fie das Auge nicht unterſcheiden kann: ſo werden ſie auſſer uns noch immer ge⸗ tren wwennet, und eine jede für ſich bleiben; aber unſere Empfindung wird ſich gleichwohl aus derſelben eine Dritte zuſammenſezen, die mit jenen nichts gemein hat. Eine aͤhnliche Be⸗ ſchaffenheit hat es mit dem Geſchmack, und, wo ich nicht irre, mit allen unſern Fuͤhlungen und Empfindungen uͤberhaupt. Sie koͤnnen durch die Zuſammenſezung und Berbindung zwar an und fuͤr ſich nicht anders werden, als ſie einzeln ſind; wohl aber dem denkenden We⸗ fen, das fie nicht deutlich auseinander ſezen kann, anders ſcheinen, als fie ohne Verbindung ſcheinen würden. Dieſes kann zugegeben wer⸗ den ſprach Simnmias. — Kann alfo das denkende Weſen ſeinen Urſprung in einfachen Kraͤften haben, die nicht denkend ſind? — Un⸗ möglich! da wir vorhin geſehen, daß das Vers moͤgen zu denken in keinem Ganzen, das aus vielen beſtehet, feinen Urſprung haben könne, Ganz recht! erwiederte Sokrates: das Zuſam⸗ mennehmen der einfachen Kraͤfte, aus welchen eine unaͤhnliche Kraft des Zuſammengeſetzten entſpringen ſoll, ſetzet ein denkendes Weſen zum voraus, dem ſie in Verbindung anders ſcheinen, als fie find; daher kann aus dieſem Zuſammen⸗ nehmen, aus dieſer Verbindung unmoͤglich das denkende Weſen entſpringen. Wenn alſo das Empfinden und Denken, mit einem Worte das 122 Phaͤdoenn 122 Phaͤdoenn Vorſtellen eine Kraft des Zuſammengeſetzten ſeyn fol: muͤſſen die Kräfte der Beſtandtheile nicht der Kraft des Ganzen aͤhnlich und folg⸗ lich gleichfalls Vorſtellungskraͤfte ſeyn? — Wie waͤre es anders moͤglich, nachdem es kein Drit⸗ tes geben kann? — Und die Theile dieſer Be⸗ ſtandtheile, ſo weit nur immer die Theilbarkeit reichen kann, muͤſſen dieſe nicht auch dergleichen Vorſtellungsthaͤtigkeiten haben? — Unſtreitig! da jeder Beſtandtheil wieder ein Ganzes iſt, das aus kleinern Theilen beſtehet, und unſre Ver⸗ nunſtſchluͤſſe ſo lange fortgeſetzet werden koͤnnen, bis wir auf Grundtheile kommen, die einfach find und nicht aus vielen beſtehen.— Sage mir, mein lieber Simmias! finden wir nicht in unſrer Seele eine faſt unendliche Menge von Begriffen, Erkenntniſſen, Neigungen, Leiden⸗ ſchaften, die uns unaufhoͤrlich beſchaͤftigen? Allerdings! — Wo waͤren dieſe in den Theilen anzutreffen? Entweder zerſtreuet, einige in die⸗ ſem, andere in jenem, ohne jemals wiederholt zu werden; oder es gibt wenigſtens ein einzi⸗ ges unter ihnen, das alle dieſe Erkenntniſſe, Be⸗ gierden und Abneigungen, ſo viel ihrer in unſrer Seele anzutreffen, vereiniget und in ſich faſſet. Nothwendig eines von beiden, gab Simmias zur Antwort, und n wie wich duͤnkt, dürfte der f f 8 eerſte erſte Fall unmöglich ſeyn: denn alle Vorſtel⸗ lungen und Neigungen unſers Geiſtes ſind ſo innerlich verknuͤpft und vereiniget, daß fie nothwendig auch irgendwo unzertrennt zuge⸗ gen ſeyn muͤſſen! — Du eilſt; mir mit ſtar⸗ ken Schritten entgegen, mein lieber Simmias! Wir wuͤrden weder uns erinnern, noch uͤber⸗ legen, noch vergleichen, noch denken koͤnnen, ja wir würden micht einmal die Perſon ſeyn, die wir vor einem Augenblick geweſen; wenn unſere Begriffe unter vielen vertheilet und nicht irgendwo zuſammen in ihrer 3 Ver⸗ bindung anzutreffen wären...Wir muͤſſen alſo wenigſtens eine Subflang: annehmen, die alle Begriffe der Beſtandtheile vereini⸗ get, und dieſe Subſtanz wird ſie aus Thei⸗ len zuſammengeſetzt ſeyn koͤnnen? — Unmoͤg⸗ lich, ſonſt brauchen wir wieder ein Zuſammen⸗ nehmen und Gegeneinanderhalten, damit aus den Theilen ein Ganzes werde, und wir kommen wiederum dahin, wo wir ausgegan⸗ gen find, — Sie wird alſo einfach feyn? — Nothwendig! — Auch unausgedehnt? denn das Ausgedehnte iſt theilbar, und das Theilbare nicht einfach: — Richtig! — Es giebt alſo in un: ſerm Körper wenigſtens eine einzige Subſtanz / | die nicht ausgedehnt, nicht zuſammengeſetzt, W einfach iſt, eine Vorſtellungskraſt hat, und 124 Phaͤdon und 124 Phaͤdon und alle unſere Begriffe, Begierden und Neigungen in ſich vereiniget. Was hindert uns, dieſe Subſtanz Seele zu nenne? —— Es iſt gleichviel, vortreflicher Freund! erwie⸗ derte Simmias, welchen Namen wir ihr ge⸗ ben; genug daß mein Einwurf bey ihr nicht ſtatt findet, und alle deine Vernunftſchluͤſſe, die du fuͤr die Unvergaͤnglichkeit des denken⸗ den WMeſens vorgebracht nunmehro unum⸗ ſtoͤßlich find. — Laſſet uns noch dieſes in Er⸗ waͤgung ziehen, verſetzte jener: Wenn viele dergleichen Subſtanzen in einem menſchliehen Koͤrper zuſammen waͤren, ja wenn wir alle Grundelemente unſers Körpers für Subſtan⸗ zen von dieſer Natur halten wollten, würden meine Vernunftgründe für die Unvergaͤnglich⸗ keit dadurch etwas von ihrer Bindigkeit ver⸗ lieren? oder wuͤrde uns eine ſolche Voraus⸗ ſetzung nicht vielmehr noͤthigen, ſtatt Eines uns vergaͤnglichen Geiſtes viele zu geſtatten, und alſo mehr einzuraͤumen, als wir zu unſerm Vor⸗ haben verlangten? Denn eine jede von dieſen Subſtanzen wuͤrde, wie wir vorhin geſehen, den ganzen Innbegriff aller Vorſtellungen, Wuͤn⸗ ſche und Begierden, des ganzen Menſchen in ſich ſaſſen / und alſo, was den Umfang der Erkennt⸗ niß betrifft, wuͤrde ihre Kraft nicht eingeſchraͤnk⸗ ter fon konnen / als die Kraft des Ganzen. — Un⸗ Unmoͤglich eingeſchraͤnkter. — Und wie an Deutlichkeit, Wahrheit, Gewißheit und Leben der Erkenntniß? Setze viele derworrene, man. gelhafte und ſchwankende Begriffe neben ein ander, wird dadurch ein aufgeklaͤrter, vollſtaͤn⸗ diger und beſtimmter Begriff hervorgebracht Es ſcheinet nicht. — Wo nicht ein Geiſt Hits zu koͤmmt, der ſie vergleichet, und durch Nachdenken und Ueberlegen ſich eine vollkom menere Erkenniniß aus derſelben ſelbſt bil⸗ det! ſo hoͤren ſie in Ewigkeit nicht auf, viele derworrene, mangelhafte und ſchwankende Be⸗ griffe zu ſeyn. — Richtig. — Die Beſtand⸗ theile der denkenden Materie wuͤrden alſo Vor⸗ ſtellungen haben muͤſſen, die eben ſo deutlich, eben fo wahr, eben fo vollkommen find, als die Vorſtellungen des Ganzen; denn aus weni⸗ gen deutlichen, weniger wahren u. ſ. w. laͤßt ſich keine Erkenntniß durch Zuſammenſezen her, ausbringen, die einen größern Grad von dieſen Vollkommenheiten haben ſollte. — Dieſes iſt nicht zu leugnen. — Heißt aber dieſes nicht, ſtatt Eines vernuͤnftigen Geiſtes, den wir in jeden menſchlichen Körper ſezen wollten, ganz ohne Noth eine unzaͤhlige Menge derſelben anneh⸗ men? — Freylich! — und dieſe Menge der denkenden Subſtanzen ſelbſt wird ſich wahrſchein⸗ licher Weiſe an. einander nicht gleich 126 Phaͤdoenn gleich ſeyn; denn dergleichen unnuͤtze Verviel⸗ faͤltigungen finden in dieſem wohl geordneten Weltall nicht flat, — Die allerhoͤchſte Voll⸗ kommenheit ihres Schoͤpfers, antwortete Sim⸗ mias / läßt uns dieſes mit Zuverlaͤßigkeit ſchlieſ⸗ fen, — Alſo wird eine unter den denkenden Subſtanzen, die wir in den menſchlichen Koͤr⸗ per geſetzt, die vollkommenſte unter ihnen ſeyn, und folglich die deutlichſten und auß geklaͤrteſten Begriffe haben: Nicht? — Notzß⸗ wendiger Weiſe! Dieſe einfache Sub ſtanz, die unausgedehnt iſt, Vorſtellungsvermoͤgen beſitzt, die vollkommenſte unter den denkenden Sub ſtanzen iſt, die in mir wohnen, und alle Begriffe, deren ich mir bewußt bin, in eben der Deutlichkeit, Wahrheit, Gewißheit, u. ſ. w. in ſich faſſet, iſt dieſes nicht meine Seele? — Nicht anders, mein theurer Sokrates! — Mein lieber Simmias! nunmehr iſt es Zeit, einen Blick hinter uns auf den Weg zu werfen, den wir zuruͤck gelegt. Wir haben voraus geſetzt / das Denkungsvermoͤgen ſey ei⸗ ne Eigenſchaft des Zuſammengeſetzten, und/ wie wunderbar! aus dieſer Vorausſezung ſelbſt bringen wir, durch eine Reihe von Vernunft ſchluͤſſen, den ſchnurſtracks entgegengeſetzten Satz heraus, daß nemlich das Empfinden und Den⸗ ken nothwendig Eigenſchaſten des Einfachen 3 und / Zweytes Geſpraͤch. 127 Rund nicht Zuſammengeſetzten ſeyn müßten: iſt dieſes nicht ein hinlaͤnglicher Beweis, daß jene Voraus ſezung unmöglich, ſich ſelbſt widerſpre⸗ chend, und alſo zu verwerfen ſey? — Nie⸗ mand kan dieſes in Zweifel ziehen. — Aus⸗ dehnung und Bewegung / fuhr Sokrates fort, in dieſe Grundbegriffe laßt ſich, wie wir ge ſehen / alles aufoͤſen, was dem Zuſammen⸗ geſetzten zukommen kann; die Ausdehnung iſt der Stoff, und die Bewegung die Quelle, aus welchen die Veraͤnderungen entſpringen. Beide zeigen ſich in der Zuſammenſezung unter tauſend mannigfaltigen Geſtalten, und ſtel⸗ len in der koͤrperlichen Natur die unendliche Reihe wundervoller Bildungen dar, vom klein⸗ ‚Ken Sonnenſtaͤublein bis zu jener Herrlich⸗ keit der himmliſchen Sphaͤren, die von den Dichtern fuͤr den Sitz der Goͤtter gehalten werden. Alle kommen darinn uͤberein, daß ihr Stoff Ausdehnung; und ihre Wirkſam⸗ keit Bewegung iſt. Aber Wahrnehmen, Ver⸗ gleichen, Schlieſſen, Begehren, Wollen, Luſt und Unluſt empfinden, erfordern eine von Aus dehnung und Bewegung ganz verſchiedene Be⸗ ſtandheit, einen andern Grundſtoff, andere Quel⸗ len der Veraͤnderung. In einem einfachen Grundweſen muß hier vieles vorgeſtellet, das uſſereinanderſevende uuſammen begriffen, das m Mans €.
128 Phaͤdon Mannigfaltige gegen einander gehalten, und das verſchiedene in Vergleichung gebracht wer⸗ den. Was in dem weiten Raum der Koͤrper⸗ welt zerſtreuet iſt / draͤnget ſich hier, ein Gan⸗ zes auszumachen, wie in einem Punkt zuſam⸗ men, und was nicht mehr iſt, wird in dem gegenwaͤrtigen Augenblick mit dem, was noch werden ſoll, in Vergleichung gebracht. Allhier erkenne ich weder Ausdehnung noch Farbe, weder Ruhe noch Bewegung, weder Raum noch Zeit, ſondern ein innerlich wirkſames We⸗ fen; das Ausdehnung und Farbe / Ruhe und Bewegung, Raum und Zeit ſich vorſtellet, verbindet trennet; vergleichet / waͤhlet, und noch tauſend anderer Beſchaffenheiten fähig iſt, die mit Ausdehnung und Bewegung nicht die mindeſte Gemeinſchaft haben. Luſt und Un⸗ luſt, Begierden und Verabſcheuungen, Hoff⸗ nung und Furcht, Gluͤckſeligkeit und Elend) find keine Ortveraͤnderungen kleiner Erdſtaͤublein.
Beſcheidenheit, Menſchenliebe / Wohlwollen das Entzuͤcken der Freundſchaft und das ho⸗ he Gefühl der Gottesfurcht find etwas mehr, als die Wallungen des Geblütd, und das Schlagen der Pulsadern, von welchen ſie begleitet zu werden pflegen. Dinge von ſo ver⸗ ſchiedener Art / mein lieber Simmias! von ſo verſchiedenen Eigenſchaften koͤnnen, ohne die ; aͤuſ⸗ äuſſerſte Unachtſamkeit / nicht mit einander vers wechſelt werden. — Ich bin voͤllig befriediget, war Simmias Antwort. — Noch eine kleine Anmerkung, verſetzte jener, bevor ich mich zu dir wende, mein Cebes! Das erſte, was wir von dem Koͤrper und ſeinen Eigenſchaften wiſſen, iſt es etwas mehr, als die Art und Weiſe / wie er ſich unſern Sinnen darſtellet?
Etwas deutlicher, mein lieber Sokrates! Aus dehnung und Bewegung find Vorſtellungen des denkenden Weſens von dem, was auſſer ihm wirklich iſt? Nicht? — Zugegeben! — Wir moͤgen die zuverlaͤßigſten Gründe haben, verſichert zu ſeyn, daß die Dinge auſſer uns nicht anders find; als fie uns obne Hinderniß erſcheinen: gehet nicht aber dieſem ohngeachtet allezeit die Vorſtellung ſelbſt voran, und die Verſicherung / daß ihr Gegenſtand wirklich ifh folget nachher? — Wie iſt es anders moͤglich, verſetzte Simmias, da wir vom Daſeyn der Dinge auſſer uns nicht anders, als durch ihre Eindruͤcke benachrichtiget werden koͤnnen? — In der Reihe unſerer Erkenntniß gehet alſo allezeit das denkende Weſen voran, und das ausge⸗ dehnte Weſen folget; wir erfahren zuerſt, daß Begriffe, und folglich ein begreiffendes Weſen phadon. 5 wirk⸗ 130 Phaͤdon 130 Phaͤdon wirklich ſeyn, und von ihnen ſchlieſſen wir auf das wirkliche Daſeyn des Koͤrpers und ſeine Ei⸗ ‚genfchaften. Wir koͤnnen uns von dieſer Wahr⸗ heit auch dadurch uͤberzeugen, weil der Körper, wie wir vorhin geſehen, ohne Verrichtung des denkenden Weſens kein Ganzes ausmachen, und die Bewegung ſelbſt, ohne Zuſammenhalten des Vergangenen mit dem Gegenwaͤrtigen, keine Be⸗ wegung ſeyn wuͤrde. Wir moͤgen die Sache al⸗ ſo betrachten von welcher Seite wir wollen, fo ſtoͤßt uns allezeit die Seele mit ihren Verrich⸗ tungen zuerſt auf, und ſodann folget der Koͤr⸗ per mit feinen Veraͤnderungen. Das Begreif⸗ fende gehet allezeit vor dem blos Begreiflichen her. — Dieſer Begriff ſcheinet fruchtbar, mei⸗ ne Freunde! ſprach Cebes. — Wir koͤnnen die ganze Kette von Weſen, fuhr Sokratec fort, vom Unendlichen an bis auf das kleinſte Staͤub⸗ lein, in drey Glieder eintheilen. Das erſte Glied begreift, kann aber von andern nicht begriffen werden: dieſes iſt der Einzige, deſſen Vollkom⸗ menheit alle endlichen Begriffe uͤberſteiget. Die erſchaffenen Geiſter und Seelen machen das zwey⸗ te Glied: Dieſe begreiffen und koͤnnen von an⸗ dern begriffen werden. Die Koͤrperwelt iſt das letzte Glied, die nur von andern begriffen wer⸗ den, aber nicht begreiffen kann. Die Gegen