SigPhi · Moses Mendelssohn

Phädon oder über die Unsterblichkeit der Seele

Page 8 of 10

tung? und was elender, als ein Menſch, der Be mit ſtarken Schritten auf ſich zukommen fies het, und in der troſtloſen Furcht, mit der er ſie erwartet, ſie ſchon vorher zu empfinden glau⸗ bet? Im Glüuͤcke ſchleicht ſich der entſetzliche Ges danke vom Richtſeyn zwiſchen die wollüͤſtigſten Vorſtellungen, wie eine Schlange zwiſchen Blu⸗ men, und vergiftet den Genuß des Lebens; und im ungluͤcke ſchlaͤgt er den Menſchen ganz hof⸗ nungslos zu Boden, indem er ihm den einzigen Troſt verkuͤmmert, der das Elend verſuſſen kann, die Hofnung einer beſſern Zukunft. Ja der Be— griff von einer bevorſtehenden Zernichtung ſtreitet fo ſehr wider die Natur der menschlichen Seele, daß wir ihn mit ſeinen naͤchſten Folgen nicht zuſammen reimen koͤnnen, und wohin wir uns wenden, auf tauſend Ungereimtheiten und Wi⸗ derſpruͤche ſtoſſen. Was iſt dieſes Leben mit al⸗ len ſeinen Muͤhſeligkeiten, beſonders wenn die angenehmen Augenblicke deſſelben von der Angſt für eine unvermeidliche Zernichtung vergaͤllt wer, den? Was iſt eine Dauer von geſtern und heu⸗ te / die morgen nicht mehr ſeyn wird? eine hoͤchſt veraͤchtliche Kleinigkeit, die uns die Muͤhe, Ar⸗ beit, Sorgen und Beſchwerlichkeiten, mit wel⸗ chen ſie erhalten wird ſehr „ belohnet. Phaͤdon. | Und 162 Phaͤdon 162 Phaͤdon Und gleichwohl iſt dem, der nichts Beſſeres zu hoffen hat, dieſe Kleinigkeit alles. Seiner Leh⸗ re zu Folge, muͤßte ihm das gegenwärtige Da⸗ ſeyn das hoͤchſte Gut ſeyn, dem nichts in der Welt die Waage halten kann; muͤßte das ſchmerz⸗ lichte, das gequaͤlteſte Leben dem Tode, als der völligen Zernichtung ſeines Weſens, unendlich vorzuziehen ſeyn; ſeine Liebe zum Leben muͤßte ſchlechterdings von nichts uͤberwunden werden koͤnnen. Welcher Bewegungsgrund, welche Be⸗ trachtung wuͤrde maͤchtig genug ſeyn, ihn in die geringſte Lebensgefahr zu fuͤhren? Ebre und Nachruhm! dieſe Schatten verſchwinden, wenn von wirklichen Guͤtern die Rede iſt, die mit ih⸗ nen in Vergleichung kommen ſollen. Es betrift das Wohl ſeiner Kinder, ſeiner Freunde, f ſel⸗ nes Vaterlandes? — und wenn es das? Wohl des ganzen menfchlichen Geſchlechts waͤre; ihm iſt der armſeligſte Genuß weniger Augenblicke alles, was er ſich zu getroͤſten hat, und daher von unendlicher Wichtigkeit: wie kann er ſie in die Schanze ſchlagen? Was er wagt, iſt mit dem, was er zu erhalten hoffet, gar nicht in Verglei⸗ chung zu bringen; denn das Leben iſt, nach den Gedanken dieſer Sophiſten, in Vergleichung mit alen andern Gütern, unendlich groß. PM Ä Hat Hat es aber keine Heldengeiſter gegeben, die, ohne von ihrer Unſterblichkeit uͤberfuͤhrt zu ſeyn, fuͤr die Rechte der Menſchlichkeit, Freyheit, Tu⸗ gend, und Wahrheit ihr Leben hingegeben? O ja! und auch ſolche, die es um weit minder loͤb⸗ licher Urſachen willen auf das Spiel geſetzt. Aber gewiß hat fie das Herz und nicht der Vers ſtand dahin gebracht. Sie haben, ohne es zu wiſſen, durch dieſe That ihre eigene Grundfäge verlaͤugnet. Wer ein kuͤnftiges Leben hoffet und das Ziel ſeines Daſeyns in der Fortſchreitung zur Vollkommenheit ſetzet, der kann zu ſich ſel⸗ ber ſagen: Siehe! du biſt hieher geſendet wor⸗ den, durch Beförderung des Guten dich ſelbſt vollkommener zu machen: du darfſt alſo das Gute, wenn es nicht anders erhalten werden kann, ſelbſt auf Unkoſten deines Lebens befoͤr⸗ dern. Drohet die Tyranney deinem Vaterlan⸗ de den Untergang, iſt die Gerechtigkeit in Ge⸗ fahr unterdruͤckt, die Tugend gekraͤnkt, und Religion und Wahrheit verfolgt zu werden: — ſo mache von deinem Leben den Gebrauch, zu welchem es dir verliehen worden, ſtirb, um dem menſchlichen Geſchlechte dieſe theuren Mittel zur Gluͤckſeligkeit zu erhalten! Das Verdienſt, mit ſo vieler Selbſtverlaͤugnung das Gute befördert Ä L 2 zu 164 Phaͤdon SE 164 Phaͤdon SE zu haben, gibt deinem Weſen einen unaus⸗ ſprechlichen Werth, der zugleich von unendli⸗ cher Dauer ſeyn wird. So bald mir der Tod das gewaͤhret, was das Leben nicht gewaͤhren kann, ſo iſt es meine Pflicht, mein Beruf, mei⸗ ner Beſtimmung gemaͤß zu ſterben. Nur als⸗ dann laͤßt ſich der Werth dieſes Lebens angeben, und mit andern Guͤtern in Vergleichung brin⸗ gen, wann wir es als ein Mittel zur Gluͤckſe⸗ ligkeit betrachten. So bald wir aber mit dem Leben auch unſer Daſeyn verlieren, ſo hoͤrt es auf ein bloſſes Mittel zu ſeyn, es wird der End⸗ zweck, das letzte Ziel unſerer Wuͤnſche, das hoͤchſte Gut, wornach wir ſtreben koͤnnen, das um ſein ſelbſt willen geſucht, geliebt und ver⸗ langt wird, und kein Gut in der Welt kann mit ihm in Vergleichung kommen, vielweniger ihm vorgezogen werden, denn es uͤbertrift alle andere Betrachtungen an Wichtigkeit. Ich kann daher unmoͤglich glauben, daß ein Menſch, dem mit dieſem Leben alles aus iſt, ſich, nach ſeinen Grundſaͤtzen, dem Wohl des Vaterlandes, oder des ganzen menſchlichen Geſchlechts aufopfern koͤnne. Ich bin vielmehr der Meynung, daß, fo oft die Erhaltung des Vaterlandes z. B. unum⸗ gaͤnglich erfodert, daß ein Buͤrger das Leben verliere, oder auch nur in Gefahr kamme es zu verlieren, nach dieſer Vorausſetzung, ein Krieg zwiſchen dem Vaterlande und dieſem Buͤr⸗ ger entſtehen muß, und was das feltfamfte iſt, Krieg, der auf beiden Seiten gerecht iſt. Denn hat das Vaterland nicht ein Recht, von jedem Buͤrger zu verlangen, daß er ſich dem Wohl des Ganzen aufopfere? Wer wird dieſes leugnen? Allein dieſer Buͤrger hat das gerade entgegengeſetzte Recht, ſo bald das Leben ſein hoͤchſtes Gut iſt. Er kann, er darf, ja er iſt dieſen Grundſaͤtzen nach verbunden es zu thun, den Untergang ſeines Vaterlandes zu ſuchen, um ſein allertheuerſtes Leben einige Tage zu ver⸗ laͤngern. Jedem moraliſchen Weſen koͤmmt, nach dieſer Vorausſetzung, ein entſchiedenes Recht zu, den Untergang der ganzen Welt zu verurſachen, wenn es fein Leben, das heißt ſein Daſeyn, nur friſten kann. Ebendaſſelbe Recht haben alle ſeine Nebenweſen. Welch ein all⸗ gemeiner Aufſtand! welche Zerruͤttung, welche Verwirrung in der fittlichen Welt! Ein Krieg, der auf beiden Seiten gerecht iſt, ein allgemei⸗ ner Krieg aller moraliſchen Weſen, wo jedes in Wahrheit das Recht auf ſeiner Seite hat; ein . der an und fuͤr ſich feld, auch von 83 dem 166 Phaͤdon dem allergerechteſten Richter der Welt, nicht nach Recht und Billigkeit entſchieden werden kann: 1 kann ungereimter ſeyn?

Wenn alle Meynungen, wechben die Mens ſchen jemals geftritten und in Zweifel geweſen, dor den Thron der Wahrheit gebracht werden ſollten: was duͤnkt euch, meine Freunde! wuͤr⸗ de dieſe Gottheit nicht alſofort entſcheiden, und unwiederruſuch feſtſetzen koͤnnen, welcher Satz wahr, und welcher irrig ſey? Ganz unſtreitig! denn in dem Reiche der Wahrheit gibt es kei⸗ nen Zweifel „keinen Schein, kein Dünken und Meynen; ſondern alles iſt entſchieden wahr, oder entſchieden irrig und falſch. Jedermann wird mir auch dieſes einraͤumen, daß eine Leh⸗ re, die nicht beſtehen kann, wenn wir nicht in dem Reiche der Wahrheiten ſelbſt Widerſpruͤche, unauflösliche Zweifel oder nicht zu entſcheidende Ungewißheiten annehmen, nothwendig falſch ſeyn muͤſſe: denn in dieſem Reiche herrſchet die allervollkommenſte Harmonie, die durch ꝛichts unterbrochen oder geſtoͤrt werden kann. Nun aber hat es mit der Gerechtigkeit die nehmliche Beſchaffenheit: vor ihrem Throne werden alle Zwiſte und Streitigkeiten über Recht und Un⸗ recht Ä recht durch ewige und unveraͤnderliche Regeln entſchieden. Da iſt kein Rechtsfall ſtreitig und ungewiß / da find keine Gerechtſame zweifelhaft, da finden ſich niemals zwey moraliſche Weſen, die auf eine und eben dieſelbe Sache ein glei⸗ ches Recht haͤtten. Alle dieſe Schwachheiten ſind ein Erbtheil des kurzſichtigen Menſchen, der die Gruͤnde und Gegengruͤnde nicht gehoͤrig tinſiehet, oder nicht gegeneinander abwiegen kann; in dem Verſtande des gllerhoͤchſten Gei⸗ ſtes fichen alle Pfichten und Rechte moraliſcher Weſen, fo wie alle Wahrheiten, in der voll⸗ kommenſten Harmonje. Aller Streit der Ob⸗ liegenheiten, alle Kolliſion der Pflichten, die ein eingeſchraͤnktes Weſen in Zweifel und Un, gewißbeit ſetzen können, finden hier ihre unwi⸗ derrufliche Entſcheidung, und ein gleiches Recht und Gegenrecht iſt in den Augen Gottes nicht we⸗ niger ungereimt, als ein Satz und Gegenſatz, Seyn und Nichtſeyn, welche beide in eben der Zeit dem Gegenſtande zukommen ſollen. Was ſollen wir alſo zu einer Meynung ſagen die uns durch die bindigſten Folgerungen auf fü übel zuſammenhaͤngende und unſtatthafte Be⸗ griffe fuͤhret? Kann ſie vor dem Throne der e genehmiget werden?

L 4; Mein 168 | Phaͤdon Mein Freund Kriton war vor einigen Tagen nicht geneigt mir einzuraͤumen, daß ich es der Republik und den Geſetzen ſchuldig ſey / mich der Strafe zu unterwerfen, die mir auferleget worden. Wenn mir ſeine Denkungsart nicht ganz unbekannt iſt, fo fchien er nur deswegen Bedenken zu tragen, weil er das urtheil, wel⸗ ches uͤber mich ausgeſprochen worden, fuͤr un⸗ gerecht hielt. Wenn er wüßte, daß ich mich wirklich der Verbrechen ſchuldig gemacht, die wider mich eingeklaget worden ſind; ſo wuͤrde er nicht zweifeln, daß die Republik berechtiget ſey / mich am Leben zu ſtrafen, und daß mir obliege dieſe Strafe zu leiden. Dem Rechte zu thun entſpricht allezeit eine Verbindlichkeit zu leiden. Hat die Republik, wie jede andere ſitt⸗ liche Perſon, ein Recht, denjenigen zu ſtrafen, * ſie beleidiget und wenn es leichtere Stra⸗ fen ) Das Recht der Ahndung, oder eine Beleidigung dbdiurch Zufuͤgung pbyſikaliſcher Uebel zu vergelten, findet auch im Stande der Natur ſtatt, und . gründet ſich nicht, wie einige Weltweiſen behau⸗ pten, auf den geſellſchaftlichen Vertrag, if auch von dem eingefuͤhrten Eigenthumsrechte un⸗ abhängig. Der Menſch iſt auch im Stande der Natur verbunden, fuͤr ſeine Erhaltung, Geſund⸗ beit und Vollkommenheit zu ſorgen, und bat ein Drittes Geſpräch. 169 fen nicht thun, ihn fo gar am Leben zu ffra⸗ fen: fo muß der Beleidiger auch nach der Stren⸗ — L 5 ge ein Recht, ſich der erlaubten Mittel hierzu zu bedienen. Mithin darf er auch andere abhalten, daß ſie ihm in unſchuldiger Ausuͤbung dieſes Rechts nicht hinderlich ſeyen. Er har alſo ein vollkommen es Recht, yon jedem andern zu ſordern, daß er ihn nicht beleidige, und endlich zu Abhaltung fernerer Beleidigung, ſich der Ahn⸗ dung oder Strafe zu bedienen. Die Grade der Strafen richten ſich nach Maasgebung der Be⸗ leidigung, und vornehmlich nach der Wahrſchein⸗ lichkeit, daß ſie hinreichen werden, fuͤr kuͤnfti⸗ ges Unrecht zu beſchuͤtzen. Daher auch Todes⸗ ſtrafen Rechtens ſind, wenn geringere Strafen nicht hinreichen wollen. Wer mir, im Stande der ungeſelligen Natur, meine Huͤtte nieder⸗ reißt, mein Waſſer truͤbe macht, oder mir gar einen Stein nachwirft, um mich zu beſchaͤdigen, den kann ich mit Recht firafen, obgleich kein Ei⸗ genthumsrecht noch eingefuͤhret, kein geſell⸗ ſchaftlicher Vertrag zwiſchen uns geſchloſſen iſt.

Es wird auch niemand in Abrede ſeyn, daß je⸗ der Staat das Recht habe, einen Auswaͤrtigen, der ihn beleidiget, zu beſtrafen, ob derſelbe gleich in keinem geſellſchaftlichen Vertrage mit dieſem Staate ſtehet. Ja die Staaten unter ſich raͤumen ſich einander ein Recht zu ſtrafen ein, ob fie gleich ſehr ofte noch im Stande der Natur unter ſich leben.

170 Phaͤdon 170 Phaͤdon ge der Gerechtigkeit verbunden ſeyn, dieſe Strafe zu dulden. Ohne dieſe leidende Verbindlichkeit waͤre jenes Recht ein leerer Ton, Worte ohne Sinn und Bedeutung. So wenig es in der phy⸗ ſiſchen Welt ein Wirken ohne ein Leiden gibt: eben ſo wenig kann in der ſittlichen Welt ein Recht auf eine Perſon ohne eine Verbindlichkeit von Seiten dieſer * gedacht worden ).

* br Das Geſetz des enten tann in nn Reiche der Wahrheit keinen Rechtsfall entſcheiden. Ge» walt und Recht find Begriffe von fo verſchiede⸗ ner Natur, daß die Gewalt fo wenig ein Recht, als das Recht eine Gewalt erzeugen kann. Ein Recht an der einen, ohne Obliegenheit an der andern Seite, mußte durch die Gewalt entſchie⸗ den werden, und dieſes iſt ungereimt. Wenn Eltern das vollkommene Recht haben, von ihren Kindern Gehorſam zu fordern; ſo muͤſſen dieſe an ibrer Seite verbunden ſeyn, Gehorſam zu lleiſten. Sind die Kinder berechtiget, ſo lange ſtie ſich nicht ſeldſt pflegen koͤnnen, ihre Verpfle⸗ gung von den Eltern zu fordern; ſo muß den Eltern obliegen, dafuͤr zu ſorgen. Dem un⸗ vollkommenen Rechte entſpricht von der andern Seite eine unvollkommene Verbindlichkeit. Wer in 2m Aufangsgründen des Naturrechts kein Sn, Dei Geſpraͤch. 171 Ich steif nicht, meine Freunde! das Kriton und ihr alle hierinn mit mir einſtimmet. Aber ſo koͤnnten wir nicht denken, wenn das Leben uns alles waͤre. Dieſer irrigen Meynung zu Folge, kaͤme dem abſcheulichſten Verbrecher nicht die Obliegenheit zu, die wohlverdiente Strafe zu leiden; ſondern wenn er bey der Republik ſein Leben verwirkt hat, ſo iſt er befugt, das Vaterland, das ſeinen Untergang will, zu Grun⸗ de zu richten. Das Geſchehene iſt nicht mehr zu andern, das Leben iſt fein hoͤchſtes Gut: wie kann er ihm das Wohl der Republik vorziehen? wie kann ihm die Natur eine Pficht vorſchrei⸗ ben, die nicht auf fein hoͤchſtes Gut abzielet? wie kann er verbunden ſeyn, etwas zu thun, oder zu leiden, das mit feiner ganzen Gluͤckſe⸗ ligkeit ſtreitet Lu Es wird alſo ihm nicht um er⸗ Fremdling if, kann an diele Saͤtzen unmöglich zweifeln.

9 Alle Pflichten, die die Natur dem Menſchen vorſchreibt, muͤſſen das hoͤchſte Gut zum Ziele haben. Iſt unſer hoͤchſtes Gut die Gluͤckſeligkeit; fo kann die Pflicht befehlen, das Leben der Gluͤck⸗ ſeligkeit nachzuſetzen. Iſt aber das Leben ſelbſt das hoͤchſte Gut; ſo kann es keine pflicht geben, das Leben ſelbſt zu verlieren.

172 ” Phaͤdon erlaubt ſeyn, ja ſogar obliegen, den Staat durch Feuer und Schwerd zu verwirren, wenn er fein Leben dadurch retten kann. Wodurch aber haͤt⸗ te der Boͤſewicht dieſe Befugniß erlangt? Be⸗ vor er das zu beſtrafende Verbrechen begangen, war er, als Menſch, verbunden, das Wohl der Menſchen, als Buͤrger, das Wohl ſeiner ‚Mitbürger zu befor dern. Was kann ihn nun⸗ mehr von dieſer Verbindlichkeit befreyet, und ihm dagegen das entgegengeſetzte Recht gegeben haben, alles neben ſich zu vernichten? Was hat dieſe Veranderung in ſeinen Pflichten ver⸗ urſacht? Wer unterſtehet ſich zu antworten: Das begangene Verbrechen ſelbſt!

Eine andere ungluͤckſelige Folge von dieſer Meynung iſt, daß ihre Anhänger auch endlich genoͤthiget find, die Vorſehung Gottes zu laͤug⸗ nen. Da, nach ihren Gedanken, das Leben der Menſchen zwiſchen die engen Grenzen von Geburt und Tod eingeſchraͤnkt iſt: ſo koͤnnen ſie den Lauf deſſelben mit ihren Augen verfolgen und ganz uͤberſehen. Sie haben alſo Kenntniß der Sache genug, die Wege der Vorſehung, wenn es eine gibt, zu beurtheilen. Nun be⸗ merken f ie in den Begebenheiten dieſer Welt .

Drittes Scfpräh, 173 nichts, das offenbar mit dem Begriffe, den wir uns von den Eigenfchaften Gottes machen muͤſ⸗ fen, nicht übereintommt, Manches widerſpricht ſeiner Guͤte, manches feiner Gerechtigkeit, und bisweilen ſollte man glauben, das Schickſal der Menſchen ſey von einer Urſache angeordnet wor⸗ den, die am Boͤſen Vergnügen gefunden. In dem phyſiſchen Theile des Menſchen entdecken fie lauter Ordnung Schoͤnheit und Harmonie Die allerweiſeſten Abſichten, und die vollkom⸗ menſte llebereinſtimmung zwiſchen Mittel und Endzweck: lauter ſichtbare Beweiſe der goͤttli⸗ chen Weisheit und Guͤte. Aber in dem geſell. ſchaftlichen und ſittlichen Leben der Menſchen, ſo viel wir allhier davon uͤberſehen koͤnnen, ſind die Spuren dieſer göttlichen Eigenſchaften ganz unkenntlich. Triumphirende Laſter, gekroͤnte Uebelthaten, verfolgte Unſchuld, unterdruͤckte Tugend find wenigſtens nicht ſelten; die Unſchul⸗ digen und Gerechten leiden nicht ſeltener, als die Uebelthaͤter; Meuterey gelingt ſo oft, als die weiſeſte Geſetzgebung, und ein ungerechter Krieg ſo gut, als die Vertilgung der Ungeheuer, oder jede andere wohlthätige Unternehmung, die zum Beſten des menſchlichen Geſchlechts gereicht; Glück und Unglück trift Gute und Boͤſe, ohne f merk.

174 Phaͤdon 174 Phaͤdon merklichen Unterſchied, und muͤſſen in den Aus gen dieſer Sophiſten wenigſtens, ganz ohne Ab⸗ ſicht auf Tugend und Verdienſt, unter die Men⸗ ſchen vertheilt zu ſeyn ſcheinen. Wenn ſich ein weiſes, guͤtiges und gerechtes Weſen um das Schickſal der Menſchen bekuͤmmerte, und es nach ſeinem Wohlgefallen ordnete: wuͤrde nicht in der ſittlichen Welt eben die weiſe Ordnung berrſchen / die wir in der phpſiſchen bewundern (2 Zwar dürſte mancher ſagen: „Diele Pe „rühren blos von unzufriedenen Gemuͤthern her, „denen es weder Goͤtter noch Menſchen jemals „recht machen koͤnnen. Erfülllet ihnen alle ihre „Wuͤnſche, ſetzet fie auf den Gipfel der Gluͤck⸗ „ſeligkeit: ſie finden in den duͤſtern Winkeln ih⸗ „red Herzens noch allemal Eigenſinn und üble „Laune genug / ſich uͤber ihre Wohlthaͤter ſelbſt wozu beklagen. In den Augen eines maͤßigen bund genuͤhſamen Menſchen ſind die Güter die⸗ zſer Welt ſo ungleich nicht ausgetheilt, als Iman glaubt. Die Tugend har mehrentheils „eine innere Selbſtberuhigung zur Gefaͤhrtinn, „welche eine füffere Belohnung fuͤr fie iſt, als „Gluͤck / Ehre und Reichthum. Die unterlie⸗ vgende Unſchuld wuͤrde ſich vielleicht ſelten an DI „die Stelle des Wuͤtrichs wuͤnſchen, der ihr den „Fuß in den Nacken ſetzet; ſie wuͤrde das in die „Algen fallende Gluͤck nur allzutheuer durch ine „nere Unruhen erkaufen muͤſſen. Ueberhaupt, „wer mehr auf die Empfindungen der Menſchen „Achtung gibt, als auf ihre Urtheile, der wird stören Zuſtand lange fo beklagenswerth nicht inden, als fie ihn in ihren gemeinen Reden „und Unterhaltungen machen.“ Go dürfte mancher vorgeben, um die Wege einer weiſen Vorſehung in der Natur zu retten. Allein alle dieſe Gruͤnde haben nur alsdann ein Gewicht, wann mit dieſem Leben nicht nur alles für uns aus iſt, wann ſich die Hoffnungen vor uns hin ins Unendliche erſtrecken. In dieſem Falle kann es, ja es muß fuͤr unſere Gluͤckſeligkeit weit wichtiger ſehn, wenn wir hienieden mit dem Un⸗ glück ringen, wenn wir Geduld, Standhaftig⸗ keit und Ergebung in den goͤttlichen Willen ler⸗ nen und üben, als wenn wir uns im Gluck und Ueberfſuß vergeſſen. Wenn ich auch das Leben unter tauſend Martern endige, was thut die⸗ ſes? Hat nur meine Seele dadurch die Schoͤn⸗ heit der leidenden Unſchuld erworben, ſo it fie für alle ihre Pein mit Wucher bezahlt. Die Qual iſt vergänglich, und der Lohn von ewiger Dauer.

176 Phädon Dauer.

176 Phädon Dauer. Aber was hält den ſchadlos / der un⸗ ter diefen Qualen fein ganzes Daſeyn aufgibt? und mit dem letzten Odem auch alle Schoͤnhei⸗ ten feines. Geiſtes fahren läßt, die er durch die⸗ fen Kampf erworben 7 Iſt das Schickſal eines ſolchen Menſchen nicht grauſam? kann der ge⸗ recht und gütig ſeyn, der es fo geordnet? — und geſetzt das Bewußtſeyn der Unſchuld hiel⸗ te allen ſchmerzhaften Empfindungen, der To⸗ desqual ſelbſt, die der Unſchuldige von den Haͤn⸗ den ſeines Verfolgers leidet, das Gleichgewicht: ſoll jener Gewaltthaͤter, jener Beleidiger der göttlichen und menſchlichen Rechte fo dahin fah⸗ ren ohne jemals aus der blinden Verſtocktheit, in welcher er gelebt, geriſſen zu werden, und vom Guten und Boͤſen richtigere Begriffe zu erlangen? ohne jeinals gewahr zu werden, daß dieſe Welt von einem Weſen regieret wird, wel⸗ ches an der Tugend Wohlgefallen findet? Wenn kein zukuͤnftiges Leben zu hoffen iſt, fo iſt die Vorſehung gegen den Verfolger ſo wenig zu rechtfertigen, als gegen den Versie.

unglücklicher Weiſe werden viele duch pen anſcheinende Schwierigkeiten verführt, die Vor⸗ ſehung zu leugnen. Das allerhoͤchſte Weſen, „ waͤh⸗ wähnen fie, bekümmerg ſich um das Schickſal der Menſchen gar nicht, ſo ſehr es ſich auch die Vollkommenheit ſeiner phyſiſchen Natur hat zangelegen ſeyn laſſen. Tugend und Laſter, Uns ſchuld und Verbrechen, wer ihm dienet, und wer ihn laͤſtert, ſprechen fie, ſeyn dem allgemei⸗ nen Weltgeiſte vollkommen gleich, und was der⸗ gleichen ſo laͤcherlicher als ſtrafbarer Meynun⸗ gen mehr ſind, auf die man nothwendig gera⸗ then muß, ſo bald man den Weg zur Wahrheit verfehlt. Ich halte es für uͤberfluͤßig, meine Freunde! von dem Ungrunde Diefer: Meynungen viele Worte zu machen, da wir alle verſichert find, daß wir unter der göttlichen. Obhut fie hen, und das Gute von feinen Haͤnden / fo wie das Boͤſe nicht anders als mit feiner Zulaffung, empfangen. 8., Hingegen wiſſen wir einen ſichern und leich⸗ tern Weg, uns aus dieſem Labyrinthe zu ſinden.

In unſern Augen verlaͤugnet das Sittliche ſo we⸗ nig, als das Phyſiſche dieſer Welt, die Voll⸗ kommenheit ihres Urhebers. So wie ſich in der phyſiſchen Welt Unordnungen in den Theilen, Stuͤrme, Ungewitter, Erdbeben, Ueberſchwem⸗ mungen, Peſt, u. ſ. w. in Vollkommenheiten des unermeßlichen Ganzen auföfen:: eben alſo dienen in der fistlichen Welt, in dem Schickſale Phaͤdon. M und — x 178 Phaͤdon und den Begegniſſen des geſelligen Menſchen, alle zeitliche Maͤngel zu ewigen Vollkommenhei⸗ ten, vergaͤngliches Ungemach zu dauerhafter Verbeſſerung, und die Leiden ſelbſt verwandeln ſich in bloſſe Uebungen, die zur Seligkeit unent⸗ behrlich ſind. Das Schickſal eines einzigen Menſchen in ſeinem gehoͤrigen Lichte zu betrach⸗ ten, muͤßten wir es in ſeiner ganzen Ewigkeit uͤberſehen koͤnnen. Alsdann erſt konnten wir die Wege der Vorſehung unterſuchen und beur⸗ theilen, wann wir die ewige Fortdauer eines vernünftigen Weſens unter einen einzigen, un⸗ ſerer Schwachheit angemeſſenen, Geſichts punkt dringen koͤnnten: aber alsdann ſeyd verſichert, meine Lieben! wuͤrden wir weder tadeln, noch murren, noch unzufrieden ſeyn; ſondern voller Verwunderung die Weisheit und Guͤte des Welt⸗ deberrſchers verehren und anbeten.

Aus allen dieſen Beweisgruͤnden zuſumimtin⸗ genommen, meine Freunde! erwaͤchſt die zuver⸗ laͤßigſte Verſicherung von einem zukuͤnftigen Le⸗ ben, die unſer Gemuͤth vollkommen befriedigen kann. Das Vermoͤgen zu empfinden iſt keine Beſchaffenheit des Koͤrpers und ſeines feinen Baues; ſondern hat ſeine Beſtandheit fuͤr ſich. Das vu dieſer. iſt einfach, und folg — folglich unvergaͤnglich. Auch die Vollkommen⸗ heit, die dieſe einfache Subſtanz erworben, muß in Abſicht auf ſie ſelbſt von unaufhoͤrlichen Fol⸗ gen ſeyn, und fie, immer tuͤchtiger machen, die Abſichten Gottes in der Natur zu erfüllen, Insbeſondere gehört unſere Seele, als ein ver nuͤnftiges und nach der Vollkommenheit ſtreben⸗ des Weſen, zu dem Geſchlechte der Geiſter, die den Endzweck der Schoͤpfung enthalten, und niemals aufhoͤren, Beobachter und Bewunderer der goͤttlichen Werke zu ſeyn. Der Anfang ih⸗ res Daſeyns iſt / wie wir ſehen, ein Beſtreben und Fortgehen von einem Grade der Vollkom⸗ menheit zum andern; ihr Weſen iſt des unauf⸗ hoͤrlichen Wachsthums faͤhig; ihr Trieb hat die augenſcheinlichſte Anlage zur Unendlichkeit, und die Natur beut ihrem nie zu loͤſchenden Durſte eine unerfchöpfiche Quelle an. Ferner haben fie, als moralifche Wefen, ein Syſtem von Pfich⸗ ten und Rechten, das voller Ungereimtheiten und Widerſpruͤche ſeyn wuͤrde, wenn fie auf dem Wege der Vollkommenheit gehemmt und zuruͤckgeſtoſſen werden ſollten. Und endlich ver weiſet uns die anſcheinende Unordnung und Un⸗ gerechtigkeit in dem Schickſale der Menſchen auf * lange Reihe von Folgen, in welcher ſich M 2 alles 130 Phaͤdon alles aufoͤſet, was hier verſchlungen ſcheinet. Wer hier mit Standhaftigkeit, und gleichſam dem Ungluͤcke zu Trotz, feine Pflicht erfuͤllet, und die Widerwaͤrtigkeiten mit Ergebung in den göttlichen Willen erduldet, muß den Lohn feiner Tugenden endlich genieffen, und der Las ſterhafte kann nicht dahin fahren, ohne auf eis ne oder die andere Weiſe zur Erkenntniß ge⸗ bracht zu ſeyn, daß die Uebelthaten nicht der Weg zur Gluͤckſeligkeit ſind. Mit einem Wor⸗ te, allen Eigenſchaften Gottes, ſeiner Weis⸗ heit, ſeiner Guͤte, ſeiner Gerechtigkeit wuͤrde es widerſprechen, wenn er die Vernuͤnftigen und nach der Vollkommenheit ſtrebenden Weſen nur zu ei⸗ ner seitlichen. Dauer geſchaffen hätte, Es duͤrfte Jemand von Euch ſprechen: „Gut, „Sokrates! Du haft uns gezeigt, daß wir „uns eines kuͤnſtigen Lebens zu getroͤſten Has „ben: ſage uns aber auch, wo werden fich uns „fere abgeſchiedenen Geiſter aufhalten? welche „Gegend des Aethers werden ſie bewohnen? „womit werden ſie ſich beſchaͤftigen? auf wel⸗ sche Art werden die Tugendhaften belohnt, und vdie Laſterhaften zu beſſerer ER BER „werden 7 Wenn Wenn jemand mich dieſes fragt, ſo antwor⸗ te ich: Freund! du forderſt mehr, als meines Berufs iſt. Ich habe dich durch alle Kruͤmmun⸗ gen des Labyrinths hindurch gefuͤhrt, und zeige dir den Ausgang: hier endiget ſich mein Beruf. Andere Wegweiſer moͤgen dich weiter führen, Ob die Seelen der Gottloſen werden Froſt oder Hitze, Hunger oder Durſt zu leiden haben, ob ſie in dem Acheruſiſchen Moraſte ſich herumwaͤl⸗ zen, in dem duͤſtern Tartarus, oder in den Flammen des Pyriphlegetons ihre Zeit hinbrins gen muͤſſen, bis fie geläutert werden; ob die Seligen auf einer von lauter Gold und Edelge⸗ ſtein blitzenden Erde die reinſte Himmelsluft ein⸗ ſaugen, und ſich in dem Glanze der Morgenroͤ. the ſonnen, oder ob ſie in den Armen einer ewi⸗ gen Jugend ruhen und ſich mit Nektar und Am⸗ broſia füttern laſſen: alles dieſes, mein Freund! weiß ich nicht. Wiſſen es unſere Dichter und Fabellehrer beſſer: ſo moͤgen ſie andere da⸗ von verſichern. Es ſchadet vielleicht nicht, wenn gewiſſer Leute Einbildungskraft auf eine ſolche Weiſe beſchaͤftiget und angeſtrenget wird. Was mich betrifft, ſo beguuͤge ich mich mit der Ueberzeugung, daß ich ewig unter goͤttli⸗ * Oele ſtehen werde, daß ſeine heilige und M2 ge.

* 182 Phaͤdon gerechte Vorſehung in jenem Leben, fo wie in dieſem, uͤber mich walte, und daß meine wahre Gluͤckſeligkeit in den Schönheiten und Vollkom⸗ menheiten meines Geiſtes beſtehe: dieſe ſind Maͤßigkeit, Gerechtigkeit, Freyheit, Liebe, Wohlwollen, Erkenntniß Gottes, Befoͤrderung ſeiner Abſichten, und Ergebung in ſeinen hei⸗ ligen Willen. Dieſe Seligkeiten erwarten mei⸗ ner in jener Zukunft, dahin ich eile, und ein mehreres brauche ich nicht zu wiſſen, um mit getroſtem Muthe den Weg anzutreten, der mich dahin führe, Ihr, Simmias, Cebes, und übrigen Freunde! ihr werdet mir folgen, ein jeder zu ſeiner Zeit. Mir winkt jetzt ſchon das unbewegliche Schickſal, wie etwa ein Trauer⸗ ſpieldichter ſagen wuͤrde. Es iſt Zeit, daß ich ins Bad gehe; denn ich halte es fuͤr anſtaͤndiger, nach dem Bade erſt den Gift zu mir zu nehmen, damit ich den Weibern die Muͤhe erſpare, mei⸗ nen Leichnam zu waſchen.

Als Sokrates ausgeredet hatte, ergriff Ark ton das Wort und ſprach: Es ſey! Was haſt du aber dieſen Freunden oder mir zu hinterlaſ⸗ ſen, das deine Kinder oder haͤuslichen Angele⸗ genheiten angehet? womit koͤnnen wir dir zu Ge⸗ Gefallen leben? — Wenn ihr fo lebet, Kriton! ſprach er, wie ich euch laͤngſt empfohlen yabe, Ich habe nichts Neues hinzuzuthun. Wenn ihr fuͤr euch ſelbſt Achtung habet, ſo werdet ihr mir, den Meinigen und euch ſelbſt zu Gefallen leben, und wenn ihr es auch nicht verſprechet: vernachlaͤßiget ihr aber euch ſelbſt, und wollet. der Spur nicht folgen, die euch heute und in vorigen Zeiten vorgezeichnet worden; ſo wird es nichts helfen, wenn ihr auch jetzt noch ſo viel zufaget. — Kriton verſetzte: Wir werden mit allen Kräften ſtreben dir zu gehorchen, mein Sokrates! Wie ſollen wir aber nach dei⸗ nem Tode mit dir verfahren? — Wie ihr wol⸗ let, antwortete Sokrates, wenn ihr mich an⸗ ders habet, und ich euch nicht entwiſche? — Zu gleicher Zeit ſah er uns laͤchelnd an, und. ſprach: Ich kann den Kriton nicht bereden, meine Freunde! daß derjenige eigentlich Sokra⸗ tes fen, der jetzt redet, und euch eine Zeitlang, unterhalten hat; er glaubt immer noch, der Leichnam, den er bald wird zu ſehen bekom⸗ men, und der vorjezo nur meine Huͤlle iſt, das ſey Sokrates, und fragt, wie er mich begraben fol, Alle die Gruͤnde, die ich bisher angefuͤh⸗ ret, zu beweiſen, daß ich, ſo bald der Gift gewirket haben wird, nicht mehr bey euch blei⸗ N M 4 ben, N M 4 ben, \ 184 Phaͤdoen ben, ſondern in die Wohnungen der Gluͤck ſelt⸗ gen verſetzt. werde, ſcheinen ihm eine bloſe Erfindung, um euch und mich zu troͤſten. Seyd ſo gut, meine Freunde! und verbuͤrget nun beym Kriton das Gegentheil deſſen, was er bey den Richtern verbuͤrgt hat. Er iſt fuͤr mich gut geweſen, daß ich nicht entlauffen werde; ihr aber muͤſſet ihm dafuͤr ſtehen, daß ich mich, gleich nach meinem Tode, davon mache, damit er meinen Leichnam verbrennen, oder in die Erde ſenken ſehe, und ſich nicht fo ſehr betruͤbe, als wenn mir das groͤſte Ungluͤck wiederfuͤhre. Er ſpreche auch bey meinem Leichenbegaͤngniſſe nicht: man legt den Sokrates auf die Bahre, man traͤgt den Sokrates hinweg, man beerdiget den Sokra⸗ tes. Denn wiſſe / fuhr er fort, mein werther Kriton! dergleichen Reden find nicht nur der Wahrheit zuwider, ſondern auch eine Bellei⸗ digung fuͤr den abgeſchiedenen Geiſt. Sey vielmehr getroſtes Muths, und ſprich: mein Leichnam werde beerdiget. Im uͤbrigen magſt du ihn beerdigen, wie es dir gefaͤllt, und wie du glaubeſt, daß es die Geſetze mit ſich brin⸗ gen. Hierauf gieng er in ein benachbartes Gemach, um ſich zu waſchen. Kriton folg⸗ te ihm, und uns hieß er warten. Wir blic⸗ ben ben, und unterhielten uns eines Theils mit dem, was wir gehoͤret hatten, wiederholten, uͤberdachten, und erwogen einige Gruͤnde, um uns davon gehoͤrig zu uͤberzeugen: andern Theils aber beſchaͤftigte uns die troſtloſe Er⸗ wartung des großen Ungluͤcks, das uns bevor; ſtund. Denn es kam uns nicht anders vor, als wenn wir unſern Vater verlören,; und von nun an als Waiſen in der Welt leben muͤßten. Als er ſich gewaſchen hatte, brachte man ihm feine Kinder (er hat ihrer drey, zwey kleine und ein erwachſenes): und ſeine Hausweiber traten zu ihm hinein. Er unter⸗ hielt ſich mit ihnen in Gegenwart des Kris ton A ſagte ihnen, was er zu ſagen hatte, ließ die Weiber und Kinder hierauf weggehen, und kam wieder zu uns heraus. Es war ges gen Sonnenuntergang: denn er hatte ſich et⸗ was lange in dem Nebengemache verweilet. Er ſetzte ſich nieder, ſprach aber ſehr wenig; denn bald darauf kam' der Trabante der Eilf⸗ maͤnner, ſtellte ſich neben ihn, und ſprach: O Sokrates! ich werde an dir etwas ganz an⸗ ders gewahr, als an andern Verurtheilten. Sie pflegen ſich zu entruͤſten, und mir zu flu⸗ chen, wenn ich ihnen auf Befehl der Obrigkeit ae daß es Zeit ſey, den Gift zu trin⸗ M7 ‚es so Ppäden M7 ‚es so Ppäden ken; du aber ſchienſt mir ſchon fonft der ge laſſenſte und ſanftmuͤthigſte Mann zu ſeyn, der jemals dieſen Ort betreten, und jetzt ſcheinſt du mir vornehmlich alſo. Ich weiß gewiß, du biſt auch jezo uͤber mich nicht ungehalten, ſon⸗ dern über die / (du kenneſt ſie /) die daran Schuld ſind. Du merkeſt nun wohl, Sokrates! was fuͤr eine Botſchaft ich dir zu bringen habe. Ge⸗ hab dich wohl, und leide mit Geduld, was nicht zu aͤndern if. Er ſprach es, kehrte ſich herum, und weinte. Sokrates ſahe ſich nach ihm um, und ſprach: Lebe du wohl: Freund! wir werden thun, was du verlangeſt. Zu uns aber ſprach er: Was fuͤr ein rechtſchaffener Mann! er hat mich oft beſucht, auch ſich zu⸗ weilen mit mir unterhalten. Es iſt ein gar guter und ehrlicher Menſch: ſehet, wie aufrich⸗ tig er jezt um mich weinet! Allein, Kriton! wir muͤſſen ihm in der That gehorchen: laß den Gift herbringen / wenn er fertig iſt; wo nicht, fo mag ihn dieſer zu rechte machen.

Warum ſo eilig, mein Sokrates! verfete Kriton: ich glaube, daß die Sonne noch auf den Bergen ſcheinet, und noch nicht unterge⸗ gangen iſt. Andere pflegen nach der Ankuͤndi⸗ gung, noch * iu warten, bevor fie den Giſt⸗ Gifttrank zu ſich nehmen, und vorher ſich guͤt⸗ lich zu thun / zu eſſen, zu trinken, auch wohl gar der Liebe zu pflegen. Wir koͤnnen noch eis ne gute Weile verziehen. — Das mögen die thun, Kriton! antwortete Sokrates, welche jede Friſt fuͤr Gewinn halten; ich aber habe meine Gruͤnde, das Gegentheil zu thun. Ich | glaube nichts zu gewinnen, wenn ich verzoͤgere, und wuͤrde mir nur ſelbſt laͤcherlich vorkommen, wenn ich mit dem Leben jezt geizte und kargte, da es nicht mehr mein iſt. Thue mir immer meinen Willen, und halte mich nicht auf.

Hierauf winkte Kriton dem Knaben, der ne⸗ ben ihm ſtand. Der Knabe gieng heraus, ver⸗ weilte einige Zeit mit Zubereitung des Gifts, und brachte hierauf den Mann herein, der den Giſt⸗ becher in der Hand hatte, um ihn dem Sokra⸗ tes zu reichen. Sokrates ſah ihn kommen, und ſprach: Guter Mann, gieb her! Aber was muß ich dabey thun? du wirſt es wiſſen. Nichts anders, antwortete dieſer, als nach dem Trin⸗ ten auf und Reder gehen, bis dir die Fuͤſſe ſchwer werden; ſodann legſt du dich nieder: dieſes iſt alles. Und hiermit reichte er ihm den Becher. Sokrates nahm ihn, lieber Echekrates! mit ſolcher ä ohne Zittern, ohne Farbe . oder 188 Phaͤdon . oder 188 Phaͤdon oder Geſichtszuͤge im geringſten zu veraͤndern, ſahe den Menſchen mit ſeinen weit offenen Augen an, und ſprach: Was meyneſt du? darf man den Goͤttern davon einige Tropfen zum Dankopfer vergieſſen? Es iſt gerade ſo viel als noͤthig iſt, verſetzte dieſer. So mag es bleiben, erwiederte Sokrates: aber ein Gebet kann ich doch an ſie richten: Die ihr mir rufet, ihr Goͤtter! verleihet mir eine gluͤckliche Reife: Mit dieſen Worten ſetzte er den Becher an, und leerte * ruhig und gelaß N ſen aus.

Bisher konnten ſich viele von uns noch der Thraͤnen enthalten; als wir ihn aber anſetzen, trinken und ausleeren ſahen, da war es nicht moglich. Mr ſelbſt troͤpfelten die Thraͤnen nicht, ſondern ergoſſen ſich, wie in Stroͤmen herunter, und ich mußte mir das Geſicht in den Mantel huͤllen, um ungeſtoͤrt weinen zu koͤnnen, nicht uͤber ihn, ſondern uͤber mich felbit, daß ich das Ungluͤck hatte, einen ſolchen Freund zu verlieren. Kriton, Wer ſich noch vor mir der Thraͤnen nicht enthalten konnte, ſtand auf und irrete im Gefaͤngniſſe umher; und Apollo dorus, der die ganze Zeit meh⸗ rentheils geweint, ſieng damals an, uͤberlaut zu heu⸗ heulen und zu jammern, daß einem jeden das Herz davon brach. Nur Sokrates blieb unbe⸗ wegt, und rief uns zu: Was machet ihr? Kleinmuͤthigen! deswegen habe ich ſo eben die Weiber weggeſchickt, damit ſie hier nicht ſo kla⸗ gen und winſeln moͤchten; denn ich habe mir ſagen laſſen, man muͤſſe ſuchen unter Segnun⸗ gen und guten Wuͤnſchen den Geiſt aufzugeben. Seyd ruhig, und zeiget euch als Maͤnner! — Als wir dieſes vernommen, ſchaͤmeten wir uns, und hoͤrten auf zu weinen. Er gieng auf und nieder, bis ihm die Fuͤſſe ſchwer wurden, und legte ſich ſodann auf den Ruͤcken, wie der Sklave ihm gerathen hatte. Bald darauf be⸗ taſtete ihn der Mann, welcher ihm den Giſt gereicht, mit den Haͤnden, und beobachtete ſei⸗ ne Fuͤſſe und ein Hüften. Er druͤckte ihm den Fuß, und fragte, ob er es fuͤhlte? Nein, ſprach er. Er druͤckte ihm den Schenkel, ließ aber wieder los, und gab uns zu verſtehen, daß er kalt und ſteif ſey. Er betaſtete ihn wie⸗ der, und ſprach: So bald es ihm ans Herz kommt, wird er verſcheiden. Nun ſieng ihm der Unterleib ſchon an kalt zu werden. Er deckte ſich auf, denn man hatte ihn zugedeckt, und ſagte zum Kriton (dieſes waren ſeine letz⸗ ten ten Worte): Freund! vergiß nicht, dem Gott der Geneſung einen Zahn zu bringen, denn wir find ihm einen ſchuldig. Kri⸗ ton antwärtete: Es ſoll geſchehen. Haft du ſonſt nichts mehr zu hinterlaſſen? Hierauf er⸗ folgte keine Antwort. Einige Zeit hernach be⸗ kam er Zuckungen. Der Mann deckte ihn vollends auf, und ſeine Blicke blieben ſtarr. Als Kriton es ſahe, druͤckte er ihm Mund und Augen zu. | Dieſes war das Ende unſeres Freundes, o Echekrates! eines Mannes, der unter allen Menſchen, die wir kannten, unſtreitig der rechtſchaffenſte, weiſeſte, und gerechteſte geweſen.

ENDE des dritten Geſpraͤchs.

.

An⸗ 1 Einige Einwuͤrffe betreffend, die dem Verfaſſer gemacht worden find.

Dersieene Freunde der Wahrheit haben