Denn von Grund aus liebt man nur sein Kind und Werk; und wo grosse Liebe zu sich selber ist, da ist sie der Schwangerschaft Wahrzeichen: so fand ich’s.
Noch grünen mir meine Kinder in ihrem ersten Frühlinge, nahe bei einander stehend und gemeinsam von Winden geschüttelt, die Bäume meines Gartens und besten Erdreichs.
Und wahrlich! Wo solche Bäume bei einander stehn, da _sind_ glückselige Inseln!
Aber einstmals will ich sie ausheben und einen jeden für sich allein stellen: dass er Einsamkeit lerne und Trotz und Vorsicht.
Knorrig und gekrümmt und mit biegsamer Härte soll er mir dann am Meere dastehn, ein lebendiger Leuchtthurm unbesiegbaren Lebens.
Dort, wo die Stürme hinab in’s Meer stürzen, und des Gebirgs Rüssel Wasser trinkt, da soll ein jeder einmal seine Tag- und Nachtwachen haben, zu _seiner_ Prüfung und Erkenntniss.
Erkannt und geprüft soll er werden, darauf, ob er meiner Art und Abkunft ist,—ob er eines langen Willens Herr sei, schweigsam, auch wenn er redet, und nachgebend also, dass er im Geben _nimmt_:— —dass er einst mein Gefährte werde und ein Mitschaffender und Mitfeiernder Zarathustra’s—: ein Solcher, der mir meinen Willen auf meine Tafeln schreibt: zu aller Dinge vollerer Vollendung.
Und um seinetwillen und seines Gleichen muss ich selber _mich_ vollenden: darum weiche ich jetzt meinem Glücke aus und biete mich allem Unglücke an—zu _meiner_ letzten Prüfung und Erkenntniss.
Und wahrlich, Zeit war’s, dass ich gierig; und des Wanderers Schatten und die längste Weile und die stillste Stunde—alle redeten mir zu: „es ist höchste Zeit!“ Der Wind blies mir durch’s Schlüsselloch und sagte „Komm!“ Die Thür sprang mir listig auf und sagte „Geh!“ Aber ich lag angekettet an die Liebe zu meinen Kindern: das Begehren legte mir diese Schlinge, das Begehren nach Liebe, dass ich meiner Kinder Beute würde und mich an sie verlöre.
Begehren—das heisst mir schon: mich verloren haben. Ich habe euch, meine Kinder! In diesem Haben soll Alles Sicherheit und Nichts Begehren sein.
Aber brütend lag die Sonne meiner Liebe auf mir, im eignen Safte kochte Zarathustra,—da flogen Schatten und Zweifel über mich weg.
Nach Frost und Winter gelüstete mich schon: „oh dass Frost und Winter mich wieder knacken und knirschen machten!“ seufzte ich:—da stiegen eisige Nebel aus mir auf.
Meine Vergangenheit brach ihm Gräber, manch lebendig begrabner Schmerz wachte auf—: ausgeschlafen hatte er sich nur, versteckt in Leichen-Gewänder.
Also rief mir Alles in Zeichen zu: „es ist Zeit!“—Aber ich—hörte nicht: bis endlich mein Abgrund sich rührte und mein Gedanke mich biss.
Ach, abgründlicher Gedanke, der du _mein_ Gedanke bist! Wann finde ich die Stärke, dich graben zu hören und nicht mehr zu zittern?
Bis zur Kehle hinauf klopft mir das Herz, wenn ich dich graben höre!
Dein Schweigen noch will mich würgen, du abgründlich Schweigender!
Noch wagte ich niemals, dich _herauf_ zu rufen: genug schon, dass ich dich mit mir—trug! Noch war ich nicht stark genug zum letzten Genug des Furchtbaren war mir immer schon deine Schwere: aber einst soll ich noch die Stärke finden und die Löwen-Stimme, die dich herauf ruft!
Wenn ich mich dessen erst überwunden habe, dann will ich mich auch des Grösseren noch überwinden; und ein _Sieg_ soll meiner Vollendung Siegel sein!— Inzwischen treibe ich noch auf ungewissen Meeren; der Zufall schmeichelt mir, der glattzüngige; vorwärts und rückwärts schaue ich—, noch schaue ich kein Ende.
Noch kam mir die Stunde meines letzten Kampfes nicht,—oder kommt sie wohl mir eben? Wahrlich, mit tückischer Schönheit schaut mich rings Meer und Leben an!
Oh Nachmittag meines Lebens! Oh Glück vor Abend! Oh Hafen auf hoher See! Oh Friede im Ungewissen! Wie misstraue ich euch Allen!
Wahrlich, misstrauisch bin ich gegen eure tückische Schönheit! Dem Liebenden gleiche ich, der allzusammtenem Lächeln misstraut.
Wie er die Geliebteste vor sich her stösst, zärtlich noch in seiner Härte, der Eifersüchtige—, also stosse ich diese selige Stunde vor mir her.
Hinweg mit dir, du selige Stunde! Mit dir kam mir eine Seligkeit wider Willen! Willig zu meinem tiefsten Schmerze stehe ich hier:—zur Unzeit kamst du!
Hinweg mit dir, du selige Stunde! Lieber nimm Herberge dort—bei meinen Kindern! Eile! und segne sie vor Abend noch mit _meinem_ Glücke!
Da naht schon der Abend: die Sonne sinkt. Dahin—mein Glück!—“ Also sprach Zarathustra. Und er wartete auf sein Unglück die ganze Nacht: aber er wartete umsonst. Die Nacht blieb hell und still, und das Glück selber kam ihm immer näher und näher. Gegen Morgen aber lachte Zarathustra zu seinem Herzen und sagte spöttisch: „das Glück läuft mir nach. Das kommt davon, dass ich nicht den Weibern nachlaufe. Das Glück aber ist ein Weib.“ Vor Sonnen-Aufgang Oh Himmel über mir, du Reiner! Tiefer! Du Licht-Abgrund! Dich schauend schaudere ich vor göttlichen Begierden.
In deine Höhe mich zu werfen—das ist _meine_ Tiefe! In deine Reinheit mich zu bergen—das ist _meine_ Unschuld!
Den Gott verhüllt seine Schönheit: so verbirgst du deine Sterne. Du redest nicht: _so_ kündest du mir deine Weisheit.
Stumm über brausendem Meere bist du heut mir aufgegangen, deine Liebe und deine Scham redet Offenbarung zu meiner brausenden Seele.
Dass du schön zu mir kamst, verhüllt in deine Schönheit, dass du stumm zu mir sprichst, offenbar in deiner Weisheit: Oh wie erriethe ich nicht alles Schamhafte deiner Seele! _Vor_ der Sonne kamst du zu mir, dem Einsamsten.
Wir sind Freunde von Anbeginn: uns ist Gram und Grauen und Grund gemeinsam; noch die Sonne ist uns gemeinsam.
Wir reden nicht zu einander, weil wir zu Vieles wissen—: wir schweigen uns an, wir lächeln uns unser Wissen zu.
Bist du nicht das Licht zu meinem Feuer? Hast du nicht die Schwester-Seele zu meiner Einsicht?
Zusammen lernten wir Alles; zusammen lernten wir über uns zu uns selber aufsteigen und wolkenlos lächeln:— —wolkenlos hinab lächeln aus lichten Augen und aus meilenweiter Ferne, wenn unter uns Zwang und Zweck und Schuld wie Regen dampfen.
Und wanderte ich allein: _wes_ hungerte meine Seele in Nächten und Irr-Pfaden? Und stieg ich Berge, _wen_ suchte ich je, wenn nicht dich, auf Bergen?
Und all mein Wandern und Bergsteigen: eine Noth war’s nur und ein Behelf des Unbeholfenen:—_fliegen_ allein will mein ganzer Wille, in _dich_ hinein fliegen!
Und wen hasste ich mehr, als ziehende Wolken und Alles, was dich befleckt? Und meinen eignen Hass hasste ich noch, weil er dich befleckte!
Den ziehenden Wolken bin ich gram, diesen schleichenden Raub-Katzen: sie nehmen dir und mir, was uns gemein ist,—das ungeheure unbegrenzte Ja- und Amen-sagen.
Diesen Mittlern und Mischern sind wir gram, den ziehenden Wolken: diesen Halb- und Halben, welche weder segnen lernten, noch von Grund aus fluchen.
Lieber will ich noch unter verschlossnem Himmel in der Tonne sitzen, lieber ohne Himmel im Abgrund sitzen, als dich, Licht-Himmel, mit Zieh-Wolken befleckt sehn!
Und oft gelüstete mich, sie mit zackichten Blitz-Golddrähten festzuheften, dass ich, gleich dem Donner, auf ihrem Kessel-Bauche die Pauke schlüge:— —ein zorniger Paukenschläger, weil sie mir dein Ja! und Amen! rauben, du Himmel über mir, du Reiner! Lichter! Du Licht-Abgrund!—weil sie dir _mein_ Ja! und Amen! rauben.
Denn lieber noch will ich Lärm und Donner und Wetter-Flüche, als diese bedächtige zweifelnde Katzen-Ruhe; und auch unter Menschen hasse ich am besten alle Leisetreter und Halb- und Halben und zweifelnde, zögernde Zieh-Wolken.
Und „wer nicht segnen kann, der soll fluchen _lernen_!“—diese helle Lehre fiel mir aus hellem Himmel, dieser Stern steht auch noch in schwarzen Nächten an meinem Himmel.
Ich aber bin ein Segnender und ein Ja-sager, wenn du nur um mich bist, du Reiner! Lichter! Du Licht-Abgrund!—in alle Abgründe trage ich da noch mein segnendes Ja-sagen.
Zum Segnenden bin ich worden und zum Ja-sagenden: und dazu rang ich lange und war ein Ringer, dass ich einst die Hände frei bekäme zum Segnen.
Das aber ist mein Segnen: über jedwedem Ding als sein eigener Himmel stehn, als sein rundes Dach, seine azurne Glocke und ewige Sicherheit: und selig ist, wer also segnet!
Denn alle Dinge sind getauft am Borne der Ewigkeit und jenseits von Gut und Böse; Gut und Böse selber aber sind nur Zwischenschatten und feuchte Trübsale und Zieh-Wolken.
Wahrlich, ein Segnen ist es und kein Lästern, wenn ich lehre: „über allen Dingen steht der Himmel Zufall, der Himmel Unschuld, der Himmel Ohngefähr, der Himmel Übermuth.“ „Von Ohngefähr“—das ist der älteste Adel der Welt, den gab ich allen Dingen zurück, ich erlöste sie von der Knechtschaft unter dem Zwecke.
Diese Freiheit und Himmels-Heiterkeit stellte ich gleich azurner Glocke über alle Dinge, als ich lehrte, dass über ihnen und durch sie kein Diesen Übermuth und diese Narrheit stellte ich an die Stelle jenes Willens, als ich lehrte: „bei Allem ist Eins unmöglich—Vernünftigkeit!“ Ein _Wenig_ Vernunft zwar, ein Same der Weisheit zerstreut von Stern zu Stern,—dieser Sauerteig ist allen Dingen eingemischt: um der Narrheit willen ist Weisheit allen Dingen eingemischt!
Ein Wenig Weisheit ist schon möglich; aber diese selige Sicherheit fand ich an allen Dingen: dass sie lieber noch auf den Füssen des Zufalls—_tanzen_.
Oh Himmel über mir, du Reiner! Hoher! Das ist mir nun deine Reinheit, dass es keine ewige Vernunft-Spinne und -Spinnennetze giebt:— —dass du mir ein Tanzboden bist für göttliche Zufälle, dass du mir ein Göttertisch bist für göttliche Würfel und Würfelspieler!— Doch du erröthest? Sprach ich Unaussprechbares? Lästerte ich, indem ich dich segnen wollte?
Oder ist es die Scham zu Zweien, welche dich erröthen machte?—Heissest du mich gehn und schweigen, weil nun—der _Tag_ kommt?
Die Welt ist tief—: und tiefer als je der Tag gedacht hat. Nicht Alles darf vor dem Tage Worte haben. Aber der Tag kommt: so scheiden wir nun!
Oh Himmel über mir, du Schamhafter! Glühender! Oh du mein Glück vor Sonnen-Aufgang! Der Tag kommt: so scheiden wir nun!— Also sprach Zarathustra.
Von der verkleinernden Tugend 1.
Als Zarathustra wieder auf dem festen Lande war, gieng er nicht stracks auf sein Gebirge und seine Höhle los, sondern that viele Wege und Fragen und erkundete diess und das, also, dass er von sich selber im Scherze sagte: „siehe einen Fluss, der in vielen Windungen zurück zur Quelle fliesst!“ Denn er wollte in Erfahrung bringen, was sich inzwischen _mit dem Menschen_ zugetragen habe: ob er grösser oder kleiner geworden sei. Und ein Mal sah er eine Reihe neuer Häuser; da wunderte er sich und sagte: „Was bedeuten diese Häuser? Wahrlich, keine grosse Seele stellte sie hin, sich zum Gleichnisse!
Nahm wohl ein blödes Kind sie aus seiner Spielschachtel? Dass doch ein anderes Kind sie wieder in seine Schachtel thäte!
Und diese Stuben und Kammern: können _Männer_ da aus- und eingehen?
Gemacht dünken sie mich für Seiden-Puppen; oder für Naschkatzen, die auch wohl an sich naschen lassen.“ Und Zarathustra blieb stehn und dachte nach. Endlich sagte er betrübt: „Es ist _Alles_ kleiner geworden!
Überall sehe ich niedrigere Thore: wer _meiner_ Art ist, geht da wohl noch hindurch, aber—er muss sich bücken!
Oh wann komme ich wieder in meine Heimat, wo ich mich nicht mehr bücken muss—nicht mehr bücken muss vor den Kleinen!“—Und Zarathustra seufzte und blickte in die Ferne.— Desselbigen Tages aber redete er seine Rede über die verkleinernde Tugend.
2.
Ich gehe durch diess Volk und halte meine Augen offen: sie vergeben mir es nicht, dass ich auf ihre Tugenden nicht neidisch bin.
Sie beissen nach mir, weil ich zu ihnen sage: für kleine Leute sind kleine Tugenden nöthig—und weil es mir hart eingeht, dass kleine Leute _nöthig_ sind!
Noch gleiche ich dem Hahn hier auf fremdem Gehöfte, nach dem auch die Hennen beissen; doch darob bin ich diesen Hennen nicht ungut.
Ich bin höflich gegen sie wie gegen alles kleine Ärgerniss; gegen das Kleine stachlicht zu sein dünkt mich eine Weisheit für Igel.
Sie reden Alle von mir, wenn sie Abends um’s Feuer sitzen,—sie reden von mir, aber Niemand denkt—an mich!
Diess ist die neue Stille, die ich lernte: ihr Lärm um mich breitet einen Mantel über meine Gedanken.
Sie lärmen unter einander: „was will uns diese düstere Wolke? sehen wir zu, dass sie uns nicht eine Seuche bringe!“ Und jüngst riss ein Weib sein Kind an sich, das zu mir wollte: „nehmt die Kinder weg! schrie es; solche Augen versengen Kinder-Seelen.“ Sie husten, wenn ich rede: sie meinen, Husten sei ein Einwand gegen starke Winde,—sie errathen Nichts vom Brausen meines Glückes!
„Wir haben noch keine Zeit für Zarathustra“—so wenden sie ein; aber was liegt an einer Zeit, die für Zarathustra „keine Zeit hat“?
Und wenn sie gar mich rühmen: wie könnte ich wohl auf _ihrem_ Ruhme einschlafen? Ein Stachel-Gürtel ist mir ihr Lob: es kratzt mich noch, wenn ich es von mir thue.
Und auch das lernte ich unter ihnen: der Lobende stellt sich, als gäbe er zurück, in Wahrheit aber will er mehr beschenkt sein!
Fragt meinen Fuss, ob ihm ihre Lob- und Lock-Weise gefällt! Wahrlich, nach solchem Takt und Tiktak mag er weder tanzen, noch stille stehn.
Zur kleinen Tugend möchten sie mich locken und loben; zum Tiktak des kleinen Glücks möchten sie meinen Fuss überreden.
Ich gehe durch diess Volk und halte die Augen offen: sie sind _kleiner_ geworden und werden immer kleiner:—das aber macht ihre Lehre von Glück und Tugend.
Sie sind nämlich auch in der Tugend bescheiden—denn sie wollen Behagen.
Mit Behagen aber verträgt sich nur die bescheidene Tugend.
Wohl lernen auch sie auf ihre Art Schreiten und Vorwärts-Schreiten: das heisse ich ihr _Humpeln_—. Damit werden sie jedem zum Anstosse, der Eile hat.
Und Mancher von ihnen geht vorwärts und blickt dabei zurück, mit versteiftem Nacken: dem renne ich gern wider den Leib.
Fuss und Augen sollen nicht lügen, noch sich einander Lügen strafen.
Aber es ist viel Lügnerei bei den kleinen Leuten.
Einige von ihnen wollen, aber die Meisten werden nur gewollt. Einige von ihnen sind ächt, aber die Meisten sind schlechte Schauspieler.
Es giebt Schauspieler wider Wissen unter ihnen und Schauspieler wider Willen—, die Ächten sind immer selten, sonderlich die ächten Schauspieler.
Des Mannes ist hier wenig: darum vermännlichen sich ihre Weiber. Denn nur wer Mannes genug ist, wird im Weibe _das Weib_—erlösen.
Und diese Heuchelei fand ich unter ihnen am schlimmsten: dass auch Die, welche befehlen, die Tugenden Derer heucheln, welche dienen.
„Ich diene, du dienst, wir dienen“ —so betet hier auch die Heuchelei der Herrschenden,—und wehe, wenn der erste Herr _nur_ der erste Diener ist!
Ach, auch in ihre Heucheleien verflog sich wohl meines Auges Neugier; und gut errieth ich all ihr Fliegen-Glück und ihr Summen um besonnte Fensterscheiben.
Soviel Güte, soviel Schwäche sehe ich. Soviel Gerechtigkeit und Mitleiden, soviel Schwäche.
Rund, rechtlich und gütig sind sie mit einander, wie Sandkörnchen rund, rechtlich und gütig mit Sandkörnchen sind.
Bescheiden ein kleines Glück umarmen—das heissen sie „Ergebung“! und dabei schielen sie bescheiden schon nach einem neuen kleinen Glücke aus.
Sie wollen im Grunde einfältiglich Eins am meisten: dass ihnen Niemand wehe thue. So kommen sie jedermann zuvor und thun ihm wohl.
Diess aber ist _Feigheit_: ob es schon „Tugend“ heisst.— Und wenn sie einmal rauh reden, diese kleinen Leute: _ich_ höre darin nur ihre Heiserkeit,—jeder Windzug nämlich macht sie heiser.
Klug sind sie, ihre Tugenden haben kluge Finger. Aber ihnen fehlen die Fäuste, ihre Finger wissen nicht, sich hinter Fäuste zu verkriechen.
Tugend ist ihnen das, was bescheiden und zahm macht: damit machten sie den Wolf zum Hunde und den Menschen selber zu des Menschen bestem Hausthiere.
„Wir setzten unsern Stuhl in die _Mitte_—das sagt mir ihr Schmunzeln—und ebenso weit weg von sterbenden Fechtern wie von vergnügten Säuen.“ Diess aber ist—_Mittelmässigkeit_: ob es schon Mässigkeit heisst.— 3.
Ich gehe durch diess Volk und lasse manches Wort fallen: aber sie wissen weder zu nehmen noch zu behalten.
Sie wundern sich, dass ich nicht kam, auf Lüste und Laster zu lästern; und wahrlich, ich kam auch nicht, dass ich vor Taschendieben warnte!
Sie wundern sich, dass ich nicht bereit bin, ihre Klugheit noch zu witzigen und zu spitzigen: als ob sie noch nicht genug der Klüglinge hätten, deren Stimme mir gleich Schieferstiften kritzelt!
Und wenn ich rufe: „Flucht allen feigen Teufeln in euch, die gerne winseln und Hände falten und anbeten möchten“: so rufen sie: Und sonderlich rufen es ihre Lehrer der Ergebung—; aber gerade ihnen liebe ich’s, in das Ohr zu schrein: Ja! Ich _bin_ Zarathustra, der Gottlose!
Diese Lehrer der Ergebung! Überall hin, wo es klein und krank und grindig ist, kriechen sie, gleich Läusen; und nur mein Ekel hindert mich, sie zu knacken.
Wohlan! Diess ist meine Predigt für _ihre_ Ohren: ich bin Zarathustra, der Gottlose, der da spricht „wer ist gottloser denn ich, dass ich mich seiner Unterweisung freue?“ Ich bin Zarathustra, der Gottlose: wo finde ich Meines-Gleichen? Und alle Die sind Meines-Gleichen, die sich selber ihren Willen geben und alle Ergebung von sich abthun.
Ich bin Zarathustra, der Gottlose: ich koche mir noch jeden Zufall in _meinem_ Topfe. Und erst, wenn er da gar gekocht ist, heisse ich ihn willkommen, als _meine_ Speise.
Und wahrlich, mancher Zufall kam herrisch zu mir: aber herrischer noch sprach zu ihm mein _Wille_,—da lag er schon bittend auf den Knieen— —bittend, dass er Herberge finde und Herz bei mir, und schmeichlerisch zuredend: „sieh doch; oh Zarathustra, wie nur Freund zu Freunde kommt!“— Doch was rede ich, wo Niemand _meine_ Ohren hat! Und so will ich es hinaus in alle Winde rufen: Ihr werdet immer kleiner, ihr kleinen Leute! Ihr bröckelt ab, ihr Behaglichen! Ihr geht mir noch zu Grunde— —an euren vielen kleinen Tugenden, an eurem vielen kleinen Unterlassen, an eurer vielen kleinen Ergebung!
Zu viel schonend, zu viel nachgebend: so ist euer Erdreich! Aber dass ein Baum _gross_ werde, dazu will er um harte Felsen harte Wurzeln schlagen!
Auch was ihr unterlasse, webt am Gewebe aller Menschen-Zukunft; auch euer Nichts ist ein Spinnennetz und eine Spinne, die von der Zukunft Blute lebt.
Und wenn ihr nehmt, so ist es wie stehlen, ihr kleinen Tugendhaften; aber noch unter Schelmen spricht die _Ehre_: „man soll nur stehlen, wo man nicht rauben kann.“ „Es giebt sich“—das ist auch eine Lehre der Ergebung. Aber ich sage euch, ihr Behaglichen: _es nimmt sich_ und wird immer mehr noch von euch nehmen!
Ach, dass ihr alles _halbe_ Wollen von euch abthätet und entschlossen würdet zur Trägheit wie zur That!
Ach, dass ihr mein Wort verstündet: „thut immerhin, was ihr wollt,—aber seid erst Solche, die _wollen können_!“ „Liebt immerhin euren Nächsten gleich euch,—aber seid mir erst solche, die _sich selber lieben_— —mit der grossen Liebe lieben, mit der grossen Verachtung lieben!“ Also spricht Zarathustra, der Gottlose.— Doch was rede ich, wo Niemand _meine_ Ohren hat! Es ist hier noch eine Stunde zu früh für mich.
Mein eigner Vorläufer bin ich unter diesem Volke, mein eigner Hahnen-Ruf durch dunkle Gassen.
Aber _ihre_ Stunde kommt! Und es kommt auch die meine! Stündlich werden sie kleiner, ärmer, unfruchtbarer,—armes Kraut! armes Erdreich!
Und _bald_ sollen sie mir dastehn wie dürres Gras und Steppe, und wahrlich! ihrer selber müde—und mehr, als nach Wasser, nach _Feuer_ lechzend!
Oh gesegnete Stunde des Blitzes! Oh Geheimniss vor Mittag!—Laufende Feuer will ich einst noch aus ihnen machen und Verkünder mit Flammen-Zungen:— —verkünden sollen sie einst noch mit Flammen-Zungen: Er kommt, er ist nahe, der grosse Mittag!
Also sprach Zarathustra.
Auf dem Ölberge Der Winter, ein schlimmer Gast, sitzt bei mir zu Hause; blau sind meine Hände von seiner Freundschaft Händedruck.
Ich ehre ihn, diesen schlimmen Gast, aber lasse gerne ihn allein sitzen. Gerne laufe ich ihm davon; und, läuft man _gut_, so entläuft man ihm!
Mit warmen Füssen und warmen Gedanken laufe ich dorthin, wo der Wind stille steht,—zum Sonnen-Winkel meines Ölbergs.
Da lache ich meines gestrengen Gastes und bin ihm noch gut, dass er zu Hause mir die Fliegen wegfängt und vielen kleinen Lärm stille macht.
Er leidet es nämlich nicht, wenn eine Mücke singen will, oder gar zwei; noch die Gasse macht er einsam, dass der Mondschein drin Nachts sich fürchtet.
Ein harter Gast ist er,—aber ich ehre ihn, und nicht bete ich, gleich den Zärtlingen, zum dickbäuchichten Feuer-Götzen.
Lieber noch ein Wenig zähneklappern als Götzen anbeten!—so will’s meine Art. Und sonderlich bin ich allen brünstigen dampfenden dumpfigen Feuer-Götzen gram.
Wen ich liebe, den liebe ich Winters besser als Sommers; besser spotte ich jetzt meiner Feinde und herzhafter, seit der Winter mir im Hause sitzt.
Herzhaft wahrlich, selbst dann noch, wenn ich zu Bett _krieche_—: da lacht und muthwillt noch mein verkrochenes Glück; es lacht noch mein Lügen-Traum.
Ich—ein Kriecher? Niemals kroch ich im Leben vor Mächtigen; und log ich je, so log ich aus Liebe. Desshalb bin ich froh auch im Winter-Bette.
Ein geringes Bett wärmt mich mehr als ein reiches, denn ich bin eifersüchtig auf meine Armuth. Und im Winter ist sie mir am treuesten.
Mit einer Bosheit beginne ich jeden Tag, ich spotte des Winters mit einem kalten Bade: darob brummt mein gestrenger Hausfreund.
Auch kitzle ich ihn gerne mit einem Wachskerzlein: dass er mir endlich den Himmel herauslasse aus aschgrauer Dämmerung.
Sonderlich boshaft bin ich nämlich des Morgens: zur frühen Stunde, da der Eimer am Brunnen klirrt und die Rosse warm durch graue Gassen wiehern:— Ungeduldig warte ich da, dass mir endlich der lichte Himmel aufgehe, der schneebärtige Winter-Himmel, der Greis und Weisskopf,— —der Winter-Himmel, der schweigsame, der oft noch seine Sonne verschweigt!
Lernte ich wohl von ihm das lange lichte Schweigen? Oder lernte er’s von mir? Oder hat ein jeder von uns es selbst erfunden?
Aller guten Dinge Ursprung ist tausendfältig,—alle guten muthwilligen Dinge springen vor Lust in’s Dasein: wie sollten sie das immer nur—Ein Mal thun!
Ein gutes muthwilliges Ding ist auch das lange Schweigen und gleich dem Winter-Himmel blicken aus lichtem rundäugichten Antlitze:— —gleich ihm seine Sonne verschweigen und seinen unbeugsamen Sonnen-Willen: wahrlich, diese Kunst und diesen Winter-Muthwillen lernte ich _gut_!
Meine liebste Bosheit und Kunst ist es, dass mein Schweigen lernte, sich nicht durch Schweigen zu verrathen.
Mit Worten und Würfeln klappernd überliste ich mir die feierlichen Warter: allen diesen gestrengen Aufpassern soll mein Wille und Zweck entschlüpfen.
Dass mir Niemand in meinen Grund und letzten Willen hinab sehe,—dazu erfand ich mir das lange lichte Schweigen.
So manchen Klugen fand ich: der verschleierte sein Antlitz und trübte sein Wasser, dass Niemand ihm hindurch und hinunter sehe.
Aber zu ihm gerade kamen die klügeren Misstrauer und Nussknacker: ihm gerade fischte man seinen verborgensten Fisch heraus!
Sondern die Hellen, die Wackern, die Durchsichtigen—das sind mir die klügsten Schweiger: denen so _tief_ ihr Grund ist, dass auch das hellste Wasser ihn nicht—verräth.— Du schneebärtiger schweigender Winter-Himmel, du rundäugichter Weisskopf über mir! Oh du himmlisches Gleichniss meiner Seele und ihres Muthwillens!
Und _muss_ ich mich nicht verbergen, gleich Einem, der Gold verschluckt hat,—dass man mir nicht die Seele aufschlitze?
_Muss_ ich nicht Stelzen tragen, dass sie meine langen Beine _übersehen_,—alle diese Neidbolde und Leidholde, die um mich sind?
Diese räucherigen, stubenwarmen, verbrauchten, vergrünten, vergrämelten Seelen —wie _könnte_ ihr Neid mein Glück ertragen!
So zeige ich ihnen nur das Eis und den Winter auf meinen Gipfeln—und _nicht_, dass mein Berg noch alle Sonnengürtel um sich schlingt!
Sie hören nur meine Winter-Stürme pfeifen: und _nicht_, dass ich auch über warme Meere fahre, gleich sehnsüchtigen, schweren, heissen Südwinden.
Sie erbarmen sich noch meiner Unfälle und Zufälle:—aber _mein_ Wort heisst: „lasst den Zufall zu mir kommen: unschuldig ist er, wie ein Kindlein!“ Wie _könnten_ sie mein Glück ertragen, wenn ich nicht Unfälle und Winter-Nöthe und Eisbären-Mützen und Schneehimmel-Hüllen um mein Glück legte!
—wenn ich mich nicht selbst ihres _Mitleids_ erbarmte—des Mitleids dieser Neidbolde und Leidholde!
—wenn ich nicht selber vor ihnen seufzte und frostklapperte und mich geduldsam in ihr Mitleid wickeln _liesse_!
Diess ist der weise Muthwille und Wohlwille meiner Seele, dass sie ihren Winter und ihre Froststürme _nicht verbirgt_; sie verbirgt auch ihre Frostbeulen nicht.
Des Einen Einsamkeit ist die Flucht des Kranken; des Andern Einsamkeit die Flucht _vor_ den Kranken.
Mögen sie mich klappern und seufzen _hören_ vor Winterkälte, alle diese armen scheelen Schelme um mich! Mit solchem Geseufz und Geklapper flüchte ich noch vor ihren geheizten Stuben.
Mögen sie mich bemitleiden und bemitseufzen ob meiner Frostbeulen: „am Eis der Erkenntniss _erfriert_ er uns noch!“—so klagen sie.
Inzwischen laufe ich mit warmen Füssen kreuz und quer auf meinem Ölberge: im Sonnen-Winkel meines Ölberges singe und spotte ich alles Mitleids.— Also sang Zarathustra.
Vom Vorübergehen Also, durch viel Volk und vielerlei Städte langsam hindurchschreitend, gierig Zarathustra auf Umwegen zurück zu seinem Gebirge und seiner Höhle. Und siehe, dabei kam er unversehens auch an das Stadtthor der _grossen Stadt_: hier aber sprang ein schäumender Narr mit ausgebreiteten Händen auf ihn zu und trat ihm in den Weg. Diess aber war der selbige Narr, welchen das Volk „den Affen Zarathustra’s“ hiess: denn er hatte ihm Etwas vom Satz und Fall der Rede abgemerkt und borgte wohl auch gerne vom Schatze seiner Weisheit. Der Narr aber redete also zu Zarathustra: „Oh Zarathustra, hier ist die grosse Stadt: hier hast du Nichts zu suchen und Alles zu verlieren.
Warum wolltest du durch diesen Schlamm waten? Habe doch Mitleiden mit deinem Fusse! Speie lieber auf das Stadtthor und—kehre um!
Hier ist die Hölle für Einsiedler-Gedanken: hier werden grosse Gedanken lebendig gesotten und klein gekocht.
Hier verwesen alle grossen Gefühle: hier dürfen nur klapperdürre Gefühlchen klappern!
Riechst du nicht schon die Schlachthäuser und Garküchen des Geistes?
Dampft nicht diese Stadt vom Dunst geschlachteten Geistes?
Siehst du nicht die Seelen hängen wie schlaffe schmutzige Lumpen?—Und sie machen noch Zeitungen aus diesen Lumpen!
Hörst du nicht, wie der Geist hier zum Wortspiel wurde? Widriges Wort-Spülicht bricht er heraus!—Und sie machen noch Zeitungen aus diesem Wort-Spülicht.
Sie hetzen einander und wissen nicht, wohin? Sie erhitzen einander und wissen nicht, warum? Sie klimpern mit ihrem Bleche, sie klingeln mit ihrem Golde.
Sie sind kalt und suchen sich Wärme bei gebrannten Wassern; sie sind erhitzt und suchen Kühle bei gefrorenen Geistern; sie sind Alle siech und süchtig an öffentlichen Meinungen.
Alle Lüste und Laster sind hier zu Hause; aber es giebt hier auch Tugendhafte, es giebt viel anstellige angestellte Tugend:— Viel anstellige Tugend mit Schreibfingern und hartem Sitz- und Warte-Fleische, gesegnet mit kleinen Bruststernen und ausgestopften steisslosen Töchtern.
Es giebt hier auch viel Frömmigkeit und viel gläubige Speichel-Leckerei, Schmeichel-Bäckerei vor dem Gott der Heerschaaren.
„Von Oben“ her träufelt ja der Stern und der gnädige Speichel; nach Oben hin sehnt sich jeder sternenlose Busen.
Der Mond hat seinen Hof, und der Hof hat seine Mondkälber: zu Allem aber, was vom Hofe kommt, betet das Bettel-Volk und alle anstellige Bettel-Tugend.
„Ich diene, du dienst, wir dienen“—so betet alle anstellige Tugend hinauf zum Fürsten: dass der verdiente Stern sich endlich an den schmalen Busen hefte!
Aber der Mond dreht sich noch um alles Irdische: so dreht sich auch der Fürst noch um das Aller-Irdischste—: das aber ist das Gold der Krämer.
Der Gott der Heerschaaren ist kein Gott der Goldbarren; der Fürst denkt, aber der Krämer—lenkt!
Bei Allem, was licht und stark und gut in dir ist, oh Zarathustra!
Speie auf diese Stadt der Krämer und kehre um!
Hier fliesst alles Blut faulicht und lauicht und schaumicht durch alle Adern: speie auf die grosse Stadt, welche der grosse Abraum ist, wo aller Abschaum zusammenschäumt!
Speie auf die Stadt der eingedrückten Seelen und schmalen Brüste, der spitzen Augen, der klebrigen Finger— —auf die Stadt der Aufdringlinge, der Unverschämten, der Schreib- und Schreihälse, der überheizten Ehrgeizigen:— —wo alles Anbrüchige, Anrüchige, Lüsterne, Düsterne, Übermürbe, Geschwürige, Verschwörerische zusammenschwärt:— —speie auf die grosse Stadt und kehre um!“— Hier aber unterbrach Zarathustra den schäumenden Narren und hielt ihm den Mund zu.
„Höre endlich auf! rief Zarathustra, mich ekelt lange schon deiner Rede und deiner Art!
Warum wohntest du so lange am Sumpfe, dass du selber zum Frosch und zur Kröte werden musstest?
Fliesst dir nicht selber nun ein faulichtes schaumichtes Sumpf-Blut durch die Adern, dass du also quaken und lästern lerntest?
Warum giengst du nicht in den Wald? Oder pflügtest die Erde? Ist das Meer nicht voll von grünen Eilanden?
Ich verachte dein Verachten; und wenn du mich warntest,—warum warntest du dich nicht selber?
Aus der Liebe allein soll mir mein Verachten und mein warnender Vogel auffliegen: aber nicht aus dem Sumpfe!— Man heisst dich meinen Affen, du schäumender Narr: aber ich heisse dich mein Grunze-Schwein,—durch Grunzen verdirbst du mir noch mein Lob der Narrheit.
Was war es denn, was dich zuerst grunzen machte? Dass Niemand dir genug _geschmeichelt_ hat:—darum setztest du dich hin zu diesem Unrathe, dass du Grund hättest viel zu grunzen,— —dass du Grund hättest zu vieler _Rache_! Rache nämlich, du eitler Narr, ist all dein Schäumen, ich errieth dich wohl!
Aber dein Narren-Wort thut _mir_ Schaden, selbst, wo du Recht hast! Und wenn Zarathustra’s Wort sogar hundert Mal Recht _hätte_: du würdest mit meinem Wort immer—Unrecht _thun_!“ Also sprach Zarathustra; und er blickte die grosse Stadt an, seufzte und schwieg lange. Endlich redete er also: Mich ekelt auch dieser grossen Stadt und nicht nur dieses Narren. Hier und dort ist Nichts zu bessern, Nichts zu bösern.
Wehe dieser grossen Stadt!—Und ich wollte, ich sähe schon die Feuersäule, in der sie verbrannt wird!
Denn solche Feuersäulen müssen dem grossen Mittage vorangehn. Doch diess hat seine Zeit und sein eigenes Schicksal.— Diese Lehre aber gebe ich dir, du Narr, zum Abschiede: wo man nicht mehr lieben kann, da soll man—_vorübergehn_!— Also sprach Zarathustra und gieng an dem Narren und der grossen Stadt vorüber.
Von den Abtrünnigen 1.
Ach, liegt Alles schon welk und grau, was noch jüngst auf dieser Wiese grün und bunt stand? Und wie vielen Honig der Hoffnung trug ich von hier in meine Bienenkörbe!
Diese jungen Herzen sind alle schon alt geworden,—und nicht alt einmal!
nur müde, gemein, bequem:—sie heissen es „Wir sind wieder fromm geworden.“ Noch jüngst sah ich sie in der Frühe auf tapferen Füssen hinauslaufen: aber ihre Füsse der Erkenntniss wurden müde, und nun verleumden sie auch noch ihre Morgen-Tapferkeit!
Wahrlich, Mancher von ihnen hob einst die Beine wie ein Tänzer, ihm winkte das Lachen in meiner Weisheit:—da besann er sich. Eben sah ich ihn krumm—zum Kreuze kriechen.
Um Licht und Freiheit flatterten sie einst gleich Mücken und jungen Dichtern. Ein Wenig älter, ein Wenig kälter: und schon sind sie Dunkler und Munkler und Ofenhocker.
Verzagte ihnen wohl das Herz darob, dass mich die Einsamkeit verschlang gleich einem Wallfische? Lauschte ihr Ohr wohl sehnsüchtig-lange _umsonst_ nach mir und meinen Trompeten- und Herolds-Rufen?
—Ach! Immer sind ihrer nur Wenige, deren Herz einen langen Muth und Übermuth hat; und solchen bleibt auch der Geist geduldsam. Der Rest aber ist _feige_.
Der Rest: das sind immer die Allermeisten, der Alltag, der Überfluss, die Viel-zu-Vielen—diese alle sind feige!— Wer meiner Art ist, dem werden auch die Erlebnisse meiner Art über den Weg laufen: also, dass seine ersten Gesellen Leichname und Possenreisser sein müssen.
Seine zweiten Gesellen aber—die werden sich seine _Gläubigen_ heissen: ein lebendiger Schwarm, viel Liebe, viel Thorheit, viel unbärtige Verehrung.
An diese Gläubigen soll Der nicht sein Herz binden, wer meiner Art unter Menschen ist; an diese Lenze und bunte Wiesen soll Der nicht glauben, wer die flüchtig-feige Menschenart kennt!
_Könnten_ sie anders, so würden sie auch anders _wollen_. Halb- und Halbe verderben alles Ganze. Dass Blätter welk werden,—was ist da zu klagen!
Lass sie fahren und fallen, oh Zarathustra, und klage nicht! Lieber noch blase mit raschelnden Winden unter sie,— —blase unter diese Blätter, oh Zarathustra: dass alles _Welke_ schneller noch von dir davonlaufen!— 2.
„Wir sind wieder fromm geworden“ —so bekennen diese Abtrünnigen; und Manche von ihnen sind noch zu feige, also zu bekennen.
Denen sehe ich in’s Auge,—denen sage ich es in’s Gesicht und in die Röthe ihrer Wangen: ihr seid Solche, welche wieder _beten_!
Es ist aber eine Schmach, zu beten! Nicht für Alle, aber für dich und mich und wer auch im Kopfe sein Gewissen hat. Für _dich_ ist es eine Schmach, zu beten!
Du weisst es wohl: dein feiger Teufel in dir, der gerne Hände-falten und Hände-in-den-Schooss-legen und es bequemer haben möchte:—dieser feige Teufel redet dir zu „es _giebt_ einen Gott!“ _Damit_ aber gehörst du zur lichtscheuen Art, denen Licht nimmer Ruhe lässt; nun musst du täglich deinen Kopf tiefer in Nacht und Dunst stecken!
Und wahrlich, du wähltest die Stunde gut: denn eben wieder fliegen die Nachtvögel aus. Die Stunde kam allem lichtscheuen Volke, die Abend- und Feierstunde, wo es nicht—„feiert.“ Ich höre und rieche es: es kam ihre Stunde für Jagd und Umzug, nicht zwar für eine wilde Jagd, sondern für eine zahme lahme schnüffelnde —für eine Jagd auf seelenvolle Duckmäuser: alle Herzens- Mausefallen sind jetzt wieder aufgestellt! Und wo ich einen Vorhang aufhebe, da kommt ein Nachtfalterchen herausgestürzt.
Hockte es da wohl zusammen mit einem andern Nachtfalterchen? Denn überall rieche ich kleine verkrochne Gemeinden; und wo es Kämmerlein giebt, da giebt es neue Bet-Brüder drin und den Dunst von Bet-Brüdern.
Sie sitzen lange Abende bei einander und sprechen: lasset uns wieder werden wie die Kindlein und „lieber Gott“ sagen!—an Mund und Magen verdorben durch die frommen Zuckerbäcker.
Oder sie sehen lange Abende einer listigen lauernden Kreuzspinne zu, welche den Spinnen selber Klugheit predigt und also lehrt: „unter Kreuzen ist gut spinnen!“ Oder sie sitzen Tags über mit Angelruthen an Sümpfen und glauben sich _tief_ damit; aber wer dort fischt, wo es keine Fische giebt, den heisse ich noch nicht einmal oberflächlich!
Oder sie lernen fromm-froh die Harfe schlagen bei einem Lieder-Dichter, der sich gern jungen Weibchen in’s Herz harfnen möchte:—denn er wurde der alten Weibchen müde und ihres Lobpreisens.
Oder sie lernen gruseln bei einem gelehrten Halb-Tollen, der in dunklen Zimmern wartet, dass ihm die Geister kommen—und der Geist ganz davonläuft!
Oder sie horchen einem alten umgetriebnen Schnurr- und Knurrpfeifer zu, der trüben Winden die Trübsal der Töne ablernte; nun pfeift er nach dem Winde und predigt in trüben Tönen Trübsal.
Und Einige von ihnen sind sogar Nachtwächter geworden: die verstehen