Zu dem gleichen Schlüsse nöthigt eine Kritik des christlichen Gottesbegriffs. — Ein Volk, das noch an sich selbst glaubt, hat auch noch seinen eignen Gott. In ihm verehrt es die Bedingungen, durch die es oben- auf ist, seine Tugenden, — es projicirt seine Lust an sich, sein Machtgefühl in ein Wesen, dem man dafür danken kann. Wer reich ist, will abgeben; ein stolzes Volk braucht einen Gott^ um zu opfern...Religion, inner- halb solcher Voraussetzungen, ist eine Form der Dank- barkeit. Man ist für sich selber dankbar: dazu braucht man einen Gott. — Ein solcher Gott muss nützen und schaden können, muss Freund und Feind sein können, — man bewundert ihn im Guten wie im Schlimmen. Die widernatürliche Castration eines Gottes zu einem Gotte bloss des Guten läge hier ausserhalb aller Wünschbarkeit. Man hat den bösen Gott so nöthig als den guten: man verdankt ja die eigne Existenz nicht gerade der Toleranz, der Menschenfreundlichkeit...Was läge an einem Gotte, der nicht Zorn, Rache, Neid, Hohn, List, Gewaltthat kennte? dem vielleicht nicht einmal die entzückenden ardeurs des Siegs und der Vernichtung bekannt wären? Man würde einen solchen Gott nicht verstehn: wozu sollte man ihn haben? — Freilich: wenn ein Volk zu Grunde geht; wenn es den Glauben an Zukunft, seine Hoffnung auf Freiheit endgültig schwinden fühlt; wenn ihm die Unterwerfung als erste Nützlichkeit, die Tugenden der Unterworfenen als Erhaltungsbedingungen in's Be- wusstsein treten, dann muss sich auch sein Gott verändern. Er wird jetzt Duckmäuser, furchtsam, bescheiden, räth zum „Frieden der Seele", zum Nicht -mehr-hassen, zur Nachsicht, zur „Liebe" selbst gegen Freund und Feind. Er moralisirt beständig, er kriecht in die Höhle jeder Privattugend, wird Gott für Jedermann, wird Privat- mann, wird Kosmopolit...Ehemals stellte er ein Volk, die Stärke eines Volkes, alles Aggressive und Macht- durstige aus der Seele eines Volkes dar: jetzt ist er bloss noch der gute Gott...In der That, es giebt keine andre Alternative für Götter: entweder sind sie der Wille zur Macht — und so lange werden sie Volksgötter sein —, oder aber die Ohnmacht zur Macht — * und dann werden sie noth wendig gut...
Wo in irgend welcher Form der Wille zur Macht niedergeht, giebt es jedes Mal auch einen physiologischen Rückgang, eine däcadence. Die Gottheit der dtcadence, beschnitten an ihren männlichsten Tugenden und Trieben, wird nunmehr nothwendig zum Gott der physiologisch- Zurückgegangenen, der Schwachen. Sie heissen sich selbst nicht die Schwachen, sie heissen sich „die Guten"...Man versteht, ohne dass ein Wink noch noth thäte, in welchen Augenblicken der Geschichte erst die dualistische Fiktion eines guten und eines bösen Gottes möglich wird. Mit demselben Instinkte, mit dem die Unterworfhen ihren Gott zum „Guten an sich" herunterbringen, streichen sie aus dem Gotte ihrer Überwinder die guten Eigenschaften aus; sie nehmen Rache an ihren Herren, dadurch dass sie deren Gott verteufeln. — Der gute Gott, ebenso wie der Teufel: Beide Ausgeburten der decadence. — Wie kann man heute noch der Einfalt christlicher Theologen so viel nachgeben, um mit ihnen zu dekretiren, die Fortentwicklung des Gottesbegriffs vom „Gotte Is- raels", vom Volksgotte, zum christlichen Gotte, zum In- begriff alles Guten, sei ein Fortschritt? — Aber selbst Renan thut es. Als ob Renan ein Recht auf Einfalt hätte! Das Gegentheil springt doch in die Augen. Wenn die Voraussetzungen des aufsteigenden Lebens, wenn alles Starke, Tapfere, Herrische, Stolze aus dem Gottes- begriffe eliminirt werden, wenn er Schritt für Schritt zum Symbol eines Stabs für Müde, eines Rettungs- ankers für alle Ertrinkenden heruntersinkt, wenn er Arme -Leute -Gott, Sünder -Gott, Kranken-Gott fiar ex- cellence wird, und das Prädikat „Heiland", „Erlöser" gleichsam übrig bleibt als göttliches Prädikat überhaupt: wovon redet eine solche Verwandlung? eine solche Re- duktion des Göttlichen? — Freilich: „das Reich Gottes" ist damit grösser geworden. Ehemals hatte er nur sein Volk, sein „auserwähltes" Volk. Inzwischen gieng er, ganz wie sein Volk selber, in die Fremde, auf Wander- schaft, er sass seitdem nirgendswo mehr still: bis er endlich überall heimisch wurde, der grosse Kosmopolit, — bis er „die grosse Zahl" und die halbe Erde auf seine Seite bekam. Aber der Gott der „grossen Zahl", der Demokrat unter den Göttern, wurde trotzdem kein stolzer Heidengott: er blieb Jude, er blieb der Gott der Winkel, der Gott aller dunklen Ecken und Stellen, aller unge- sunden Quartiere der ganzen Welt!...Sein Weltreich ist nach wie vor ein Unterwelts-Reich, ein Hospital, ein souterrain-'R.eich, ein Ghetto-Reich...Und er selbst, so blass, so schwach, so dtcadent...Selbst die Blassesten der Blassen wurden noch über ihn Herr, die Herrn Meta- physiker, die Begriffs -Albinos. Diese spannen so lange um ihn herum, bis er, hypnotisirt durch ihre Bewegungen, selbst Spinne, selbst Metaphysicus wurde. Nun- mehr spann er wieder die Welt aus sich heraus — sub specie Spinozae —, -nunmehr transfigurirte er sich in's immer Dünnere und Blässere, ward „Ideal", ward „reiner Geist*', ward „absolutum", ward „Ding an sich"...Ver- fall eines Gottes: Gott ward „Ding an sich"...Der christliche Gottesbegriff — Gott als Kranken- gott, Gott als Spinne, Gott als Geist — ist einer der cor- ruptesten Gottesbegriffe, die auf Erden erreicht worden sind; er stellt vielleicht selbst den Pegel des Tiefstands in der absteigenden Entwicklung des Götter -Typus dar. Gott zum Widerspruch des Lebens abgeartet, statt dessen Verklärung und ewiges Ja zu sein! In Gott dem Leben, der Natur, dem Willen zum Leben die Feind- schaft angesagt! Gott die Formel für jede Verleumdung des „Diesseits", für jede Lüge vom „Jenseits"! In Gott das Nichts vergöttlicht, der Wille zum Nichts heilig ge- sprochen!...
Dass die starken Rassen des nördlichen Europa den christlichen Gott nicht von sich gestossen haben, macht ihrer religiösen Begabung wahrlich keine Ehre, um nicht vom Geschmacke zu reden. Mit einer solchen krank- haften und altersschwachen Ausgeburt der dicadence hätten sie fertig werden müssen. Aber es liegt ein Fluch dafür auf ihnen, dass sie nicht mit ihm fertig ge- worden sind: sie haben die Krankheit, das Alter, den Widerspruch in alle ihre Instinkte aufgenommen, — sie haben seitdem keinen Gott mehr geschaffen! Zwei Jahrtausende beinahe und nicht ein einziger neuer Gott! Sondern immer noch und wie zu Recht bestehend, wie ein Ultimatum und maximum der gottbildenden Kraft, des creator Spiritus im Menschen, dieser erbarmungs- würdige Gott des christlichen Monotono-Theismus! Dies hybride Verfalls - Gebilde aus Null, Begriff und Wider- spruch, in dem alle decadence- Instinkte, alle Feigheiten und Müdigkeiten der Seele ihre Sanktion haben! — — Mit meiner Verurtheilung des Christenthums möchte ich kein Unrecht gegen eine verwandte Religion begangen haben, die der Zahl der Bekenner nach sogar überwiegt: gegen den Buddhismus. Beide gehören als nihilistische Religionen zusammen — sie sind däcadence-Keligionen —, beide sind von einander in der merkwürdigsten Weise getrennt. Dass man sie jetzt vergleichen kann, dafür ist der Kritiker des Christenthums den indischen Gelehrten tief dankbar. — Der Buddhismus ist hundert Mal realistischer als das Christenthum, — er hat die Erbschaft des objek- tiven und kühlen Probleme-Stellens im Leibe, er kommt nach einer hunderte von Jahren dauernden philosophischen Bewegung; der Begriff „Gott" ist bereits abgethan, als er kommt. Der Buddhismus ist die einzige eigentlich positivistische Religion, die uns die Geschichte zeigt, auch noch in seiner Erkenntnisstheorie (einem strengen Phänomenalismus — ), er sagt nicht mehr „Kampf gegen die Sünde sondern, ganz der Wirklichkeit das Recht gebend, „Kampf gegen das Leiden". Er hat — dies unterscheidet ihn tief vom Christenthum — die Selbst- Betrügerei der Moral-Begriffe bereits hinter sich, — er steht, in meiner Sprache geredet, jenseits von Gut und Böse. — Die zwei physiologischen Thatsachen, auf denen er ruht und die er in's Auge fasst, sind: einmal eine übergrosse Reizbarkeit der Sensibilität, welche sich als raffinirte Schmerzfähigkeit ausdrückt, sodann eine Über- geistigung, ein allzulanges Leben in Begriffen und lo- gischen Prozeduren, unter dem der Person-Instinkt zum Vortheil des „Unpersönlichen" Schaden genommen hat ( — Beides Zustände, die wenigstens Einige meiner Leser, die „Objektiven", gleich mir selbst, aus Erfahrung kennen werden). Auf Grund dieser physiologischen Bedingungen ist eine Depression entstanden: gegen diese geht Buddha hygienisch vor. Er wendet dagegen das Leben im Freien an, das Wanderleben; die Mässigung und die Wahl in der Kost; die Vorsicht gegen alle Spirituosen die Vorsicht insgleichen gegen alle Affekte, die Galle machen, die das Blut erhitzen: keine Sorge, weder für sich, noch für Andre. Er fordert Vorstellungen, die ent- weder Ruhe geben oder erheitern — er erfindet Mittel, die andren sich abzugewöhnen. Er versteht die Güte, das Gütig-sein als gesundheit-fördernd. Gebet ist aus- geschlossen, ebenso wie die Askese; kein kategorischer Imperativ, kein Zwang überhaupt, selbst nicht inner- halb der Klostergemeinschaft ( — man kann wieder hinaus — ). Das Alles wären Mittel, um jene übergrosse Reizbarkeit zu verstärken. Eben darum fordert er auch keinen Kampf gegen Andersdenkende; seine Lehre wehrt sich gegen nichts mehr als gegen das Gefühl der Rache, der Abneigung, des ressentiment ( — „nicht durch Feind- schaft kommt Feindschaft zu Ende": der rührende Re- frain des ganzen Buddhismus...). Und das mit Recht: gerade diese Affekte wären vollkommen ungesund in Hinsicht auf die diätetische Hauptabsicht. Die geistige Ermüdung, die er vorfindet, und die sich in einer allzugrossen „Objektivität" (das heisst Schwächung des Indivi- dualinteresses, Verlust an Schwergewicht, an „Egois- mus") ausdrückt, bekämpft er mit einer strengen Zurück- führung auch der geistigsten Interessen auf die Person. In der Lehre Buddha's wird der Egoismus Pflicht: das „Eins ist Noth", das „wie kommst du vom Leiden los" regulirt und begrenzt die ganze geistige Diät ( — man darf sich vielleicht an jenen Athener erinnern, der der reinen „Wissenschaftlichkeit" gleichfalls den Krieg machte, an Sokrates, der den Personal-Egoismus auch im Reich der Probleme zur Moral erhob).
Die Voraussetzung für den Buddhismus ist ein sehr mildes Klima, eine grosse Sanftmuth und Liberalität in den Sitten, kein Militarismus; und dass es die höheren und selbst gelehrten Stände sind, in denen die Bewegung ihren Heerd hat Man will die Heiterkeit, die Stille, die Wunschlosigkeit als höchstes Ziel, und man erreicht sein Ziel. Der Buddhismus ist keine Religion, in der man bloss auf Vollkommenheit aspirirt: das Vollkommne ist der normale Fall. — Im Christenthume kommen die Instinkte Unter- worfner und Unterdrückter in den Vordergrund: es sind die niedersten Stände, die in ihm ihr Heil suchen. Hier wird als Beschäftigung, als Mittel gegen die Lange- weile die Casuistik der Sünde, die Selbstkritik, die Ge- wissens-Inquisition geübt; hier wird der Affekt gegen einen Mächtigen, „Gott" genannt, beständig aufrecht erhalten (durch das Gebet); hier gilt das Höchste als uner- reichbar, als Geschenk, als „Gnade". Hier fehlt auch die Öffentlichkeit; der Versteck, der dunkle Raum ist christlieh. Hier wird der Leib verachtet, die Hygiene als Sinnlichkeit abgelehnt; die Kirche wehrt sich selbst gegen die Reinlichkeit ( — die erste christliche Maassregel nach Vertreibung der Mauren war die Schliessung der öffentlichen Bäder, von denen Cordova allein 270 besass). Christlich ist ein gewisser Sinn der Grausamkeit, gegen sich und Andre; der Hass gegen die Andersdenkenden; der Wille, zu verfolgen. Düstere und aufregende Vor- stellungen sind im Vordergrunde; die höchstbegehrten, mit den höchsten Namen bezeichneten Zustände sind Epi- lepsoi'den; die Diät wird so gewählt, dass sie morbide Er- scheinungen begünstigt und die Nerven überreizt. Christ- lich ist die Todfeindschaft gegen die Herren der Erde, gegen die „Vornehmen" — und zugleich ein versteckter heimlicher Wettbewerb ( — man lässt ihnen den „Leib", man will nur die „Seele"...). Christlich ist der Hass gegen den Geist, gegen Stolz, Muth, Freiheit, libertinage des Geistes; christlich ist der Hass gegen die Sinne, gegen die Freuden der Sinne, gegen die Freude überhaupt.., Das Christenthum, als es seinen ersten Boden ver- liess, die niedrigsten Stände, die Unterwelt der an- tiken Welt, als es unter Barbaren -Völkern nach Macht ausgieng, hatte hier nicht jnehr müde Menschen zur Voraussetzung, sondern innerlich verwilderte und sich zerreissende, — den starken Menschen, aber den miss- rathnen. Die Unzufriedenheit mit sich, das Leiden an sich ist hier nicht wie bei dem Buddhisten eine über- mässige Reizbarkeit und Schmerzfähigkeit, vielmehr um- gekehrt ein übermächtiges Verlangen nach Wehe-thun, nach Auslassung der inneren Spannung in feindseligen Handlungen und Vorstellungen. Das Christenthum hatte barbarische Begriffe und Werthe nöthig, um über Bar- baren Herr zu werden: solche sind das Erstlingsopfer, das Bluttrinken im Abendmahl, die Verachtung des Geistes und der Cultur; die Folterung in allen Formen, sinnlich und unsinnlich; der grosse Pomp des Cultus. Der Buddhismus ist eine Religion für späte Menschen, für gütige, sanfte, übergeistig gewordne Rassen, die zu leicht Schmerz empfinden ( — Europa ist noch lange nicht reif für ihn — ): er ist eine Rückführung derselben zu Frieden und Heiterkeit, zur Diät im Geistigen, zu einer gewissen Abhärtung im Leiblichen. Das Christen- thum will über Raubthiere Herr werden; sein Mittel ist, sie krank zu machen, — die Schwächung ist das christliche Recept zur Zähmung, zur „Civilisation". Der Buddhismus ist eine Religion für den Schluss und die Müdigkeit der Civilisation, das Christenthum findet sie noch nicht einmal vor, — es begründet sie unter Um- ständen.
Der Buddhismus, nochmals gesagt, ist hundert Mal kälter, wahrhafter, objektiver. Er hat nicht mehr nöthig, sich sein Leiden, seine Schmerzfähigkeit anständig zu machen durch die Interpretation der Sünde, — er sagt bloss, was er denkt, „ich leide". Dem Barbaren dagegen ist Leiden an sich nichts Anständiges: er braucht erst eine Auslegung, um es sich einzugestehn, dass er leidet (sein Instinkt weist ihn eher auf Verleugnung des Leidens, auf stilles Ertragen hin). Hier war das Wort „Teufel" eine Wohlthat: man hatte einen übermächtigen und furchtbaren Feind, — man brauchte sich nicht zu schämen, an einem solchen Feind zu leiden. — Das Christenthum hat einige Feinheiten auf dem Grunde, die zum Orient gehören. Vor allem weiss es, dass es an sich ganz gleichgültig ist, ob Etwas wahr ist, aber von höchster Wichtigkeit, sofern es als wahr ge- glaubt wird. Die Wahrheit und der Glaube, dass Etwas wahr sei: zwei ganz auseinanderliegende Interessen- Welten, fast Gegensatz -Welten, — man kommt zum Einen und zum Andren auf grundverschiednen Wegen. Hierüber wissend zu sein — das macht im Orient beinahe den Weisen: so verstehn es die Brahmanen, so versteht es Plato, so jeder Schüler esoterischer Weisheit. Wenn zum Beispiel ein Glück darin liegt, sich von der Sünde erlöst zu glauben, so thut als Voraussetzung dazu nicht noth, dass der Mensch sündig sei, sondern dass er sich sündig fühlt. Wenn aber überhaupt vor allem Glaube noth thut, so muss man die Vernunft, die Er- kenntniss, die Forschung in Misskredit bringen: der Weg zur Wahrheit wird zum verbot nen Weg. — Die starke Hoffnung ist ein viel grösseres Stimulans des Lebens, als irgend ein einzelnes wirklich eintretendes Glück. Man muss Leidende durch eine Hoffnung aufrecht erhalten, welcher durch keine Wirklichkeit widersprochen werden kann, — welche nicht durch eine Erfüllung abge- than wird: eine Jenseits-Hoffnung. (Gerade wegen dieser Fähigkeit, den Unglücklichen hinzuhalten, galt die Hoff- nung bei den Griechen als Übel der Übel, als das eigent- lich tückische Übel: es blieb im Fass des Übels zu- rück). — Damit Liebe möglich ist, muss Gott Person sein; damit die untersten Instinkte mitreden können, muss Gott jung sein. Man hat für die Inbrunst der Weiber einen schönen Heiligen, für die der Männer eine Maria in den Vordergrund zu rücken. Dies unter der Voraussetzung, dass das Christenthum auf einem Boden Herr werden will, Nietzsche, Werke Band VHX t.6 wo aphrodisische oder Adonis-Culte den Begriff des Cultus bereits bestimmt haben. Die Forderung der Keuschheit verstärkt die Vehemenz und Innerlichkeit des religiösen Instinkts — sie macht den Cultus wärmer, schwärmerischer, seelenvoller. — Die Liebe ist der Zu- stand, wo der Mensch die Dinge am meisten so sieht, wie sie nicht sind. Die illusorische Kraft ist da auf ihrer Höhe, ebenso die versüssende, die verklärende Kraft. Man erträgt in der Liebe mehr als sonst, man duldet Alles. Es galt eine Religion zu erfinden, in der ge- liebt werden kann: damit ist man über das Schlimmste am Leben hinaus — man sieht es gar nicht mehr. — So viel über die drei christlichen Tugenden Glaube, Liebe, Hoffnung: ich nenne sie die drei christlichen Klug- heiten. — Der Buddhismus ist zu spät, zu positivistisch dazu, um noch auf diese Weise klug zu sein. — Ich berühre hier nur das Problem der Entstehung des Christenthums. Der erste Satz zu dessen Lösung heisst: das Christenthum ist einzig aus dem Boden zu verstehn, aus dem es gewachsen ist, — es ist nicht eine Gegenbewegung gegen den jüdischen Instinkt, es ist dessen Folgerichtigkeit selbst, ein Schluss weiter in dessen furchteinflössender Logik. In der Formel des Erlösers: „das Heil kommt von -den Juden". — Der zweite Satz heisst: der psychologische Typus des Gali- läers ist noch erkennbar, aber erst in seiner vollständigen Entartung (die zugleich Verstümmlung und Überladung mit fremden Zügen ist — ) hat er dazu dienen können, wozu er gebraucht worden ist, zum Typus eines Er- lösers der Menschheit. — Die Juden sind das merkwürdigste Volk der Welt- geschichte, weil sie, vor die Frage von Sein und Nicht- sein gestellt, mit einer vollkommen unheimlichen Be- wusstheit das Sein um jeden Preis vorgezogen haben: dieser Preis war die radikale Fälschung aller Natur, aller Natürlichkeit, aller Realität, der ganzen inneren Welt so gut als der äusseren. Sie grenzten sich ab gegen alle Bedingungen, unter denen bisher ein Volk leben konnte, leben durfte; sie schufen aus sich einen Gegensatz -Begriff zu natürlichen Bedingungen, — sie haben, der Reihe nach, die Religion, den Cultus, die Moral, die Geschichte, die Psychologie auf eine unheil- bare Weise in den Widerspruch zu deren Natur- Werth en umgedreht. Wir begegnen demselben Phä- nomene noch einmal und in unsäglich vergrösserten Proportionen, trotzdem nur als Copie: — die christliche Kirche entbehrt, im Vergleich zum „Volk der Heiligen", jedes Anspruchs auf Originalität. Die Juden sind, eben- damit, das verhängnissvollste Volk der Weltgeschichte: in ihrer Nachwirkung haben sie die Menschheit dermaassen falsch gemacht, dass heute noch der Christ antijüdisch fühlen kann, ohne sich als die letzte jüdische Con- sequenz zu verstehn.
Ich habe in meiner „Genealogie der Moral" zum ersten Male den Gegensatz - Begriff einer vornehmen Moral und einer ressentiment -Morel psychologisch vor- geführt, letztere aus dem Nein gegen die erstere ent- sprungen: aber dies ist die jüdisch-christliche Moral ganz und gar. Um Nein sagen zu können zu Allem, was die aufsteigende Bewegung des Lebens, die Wohlgerathen- heifc, die Macht, die Schönheit, die Selbstbejahung auf Erden darstellt, musste hier sich der Genie gewordne Instinkt des ressentiment eine andre Welt erfinden, von wo aus jene Lebens-Bejahung als das Böse, als das Ver- werfliche an sich erschien. Psychologisch nachgerechnet, ist das jüdische Volk ein Volk der zähesten Lebenskraft, welches, unter unmögliche Bedingungen versetzt, freiwillig, aus der tiefsten Klugheit der Selbsterhaltung, die Partei aller decadence-Instinkte nimmt, — nicht als von ihnen beherrscht, sondern weil es in ihnen eine Macht errieth, mit der man sich gegen „die Welt" durchsetzen kann. Die Juden sind das Gegenstück aller decadents: sie haben sie darstellen müssen bis zur Illusion, sie haben sich, mit einem non plus ultra des schauspielerischen Genie's, an die Spitze aller de'cadence-Bewegungen zu stellen ge- wusst ( — als Christenthum des Paulus — ), um aus ihnen Etwas zu schaffen, das stärker ist als jede Ja-sagende Partei des Lebens. Die ddcadence ist, für die im Juden- und Christenthum zur Macht verlangende Art von Mensch, eine priesterliche Art, nur Mittel: diese Art von Mensch hat ein Lebens-Interesse daran, die Menschheit krank zu machen und die Begriffe „gut" und „böse", „wahr" und „falsch" in einen lebensgefährlichen und welt- verleumderischen Sinn umzudrehn. — Die Geschichte Israel's ist unschätzbar als typische Geschichte aller Entnatürlich ung der Natur -Werthe: ich deute fünf Thatsachen derselben an. Ursprünglich, vor allem in der Zeit des Königthums, stand auch Israel zu allen Dingen in der richtigen, das heisst der natür- lichen Beziehung. Sein Javeh war der Ausdruck des Macht -Bewusstseins, der Freude an sich, der Hoffhiyig auf sich: in ihm erwartete man Sieg und Heil, mit ihm vertraute man der Natur, dass sie giebt, was das Volk nöthig hat — vor allem Regen. Javeh ist der Gott Israel's und folglich Gott der Gerechtigkeit: die Logik jedes Volks, das in Macht ist und ein gutes Gewissen ( davon hat. Im Fest-Cultus drücken sich diese beiden Seiten der Selbstbejahung eines Volkes aus: es ist dank- bar für die grossen Schicksale, durch die es obenauf kam, es ist dankbar im Verhältniss zum Jahreskreislauf und allem Glück in Viehzucht und Ackerbau. — Dieser Zu- stand der Dinge blieb noch lange das Ideal, auch als er auf eine traurige Weise abgethan war: die Anarchie im Innern, der Assyrer von aussen. Aber das Volk hielt als höchste Wünschbarkeit jene Vision eines Königs fest, der ein guter Soldat und ein strenger Richter ist: vor allem jener typische Prophet (das heisst Kritiker und Satiriker des Augenblicks) Jesaia. — Aber jede Hoff- nung blieb unerfüllt. Der alte Gott konnte nichts mehr von dem, was er ehemals konnte. Man hätte ihn fahren lassen sollen. Was geschah? Man veränderte seinen Begriff, — man entnatürlichte seinen Begriff: um diesen Preis hielt man ihn fest. — Javeh der Gott der „Gerechtigkeit", — nicht mehr eine Einheit mit Israel, ein Ausdruck des Volks-Selbstgefühls: nur noch ein Gott unter Bedingungen.. Sein Begriff wird ein Werkzeug in den Händen priesterlicher Agitatoren, welche alles Glück nunmehr als Lohn, alles Unglück als Strafe für Ungehorsam gegen Gott, für „Sünde" interpretiren: jene verlogenste Interpretations- Manier einer angeblich „sitt- lichen Weltordnung", mit der, ein für alle Mal, der Natur- begriff „Ursache" und „Wirkung" auf den Kopf gestellt ist. Wenn man erst, mit Lohn und Strafe, die natürliche Causalität aus der Welt geschafft hat, bedarf man einer widernatürlichen Causalität: der ganze Rest von Un- natur folgt nunmehr. Ein Gott, der fordert, — an Stelle eines Gottes, der hilft, der Rath schafft, der im Grunde das Wort ist für jede glückliche Inspiration des Muths und des Selbstvertrauens...Die Moral nicht mehr der Ausdruck der Lebens- und Wachsthums- Bedingungen eines Volks, nicht mehr sein unterster In- stinkt des Lebens, sondern abstrakt geworden, Gegensatz zum Leben geworden, — Moral als grundsätzliche Ver- schlechterung der Phantasie, als „böser Blick" für alle Dinge. Was ist jüdische, was ist christliche Moral? Der Zufall um seine Unschuld gebracht; das Unglück mit dem Begriff „Sünde" beschmutzt; das Wohlbefinden als Gefahr, als „Versuchung"; das physiologische Übelbefinden mit dem Gewissens -Wurm vergiftet...
Der Gottesbegriff gefälscht; der Moralbegriff ge- fälscht: — die jüdische Priesterschaft blieb dabei nicht stehn. Man konnte die ganze Geschichte Israel's nicht brauchen: fort mit ihr! — Diese Priester haben jenes Wunderwerk von Fälschung zu Stande gebracht, als deren Dokument uns ein guter Theil der Bibel vorliegt: sie haben ihre eigne Volks -Vergangenheit mit einem Hohn ohne Gleichen gegen jede Überlieferung, gegen jede historische Realität in's Religiöse übersetzt, das heisst, aus ihr einen stupiden Heils - Mechanismus von Schuld gegen Javeh und Strafe, von Frömmigkeit gegen Javeh und Lohn gemacht. Wir würden diesen schmach- vollsten Akt der Geschichts-Fälschung viel schmerzhafter empfinden, wenn uns nicht die kirchliche Geschichts- interpretation von Jahrtausenden fast stumpf für die Forderungen der Rechtschaffenheit in historicis gemacht hätte. Und der Kirche sekundirten die Philosophen: die Lüge „der sittlichen Weltordnung" geht durch die ganze Entwicklung selbst der neueren Philosophie. Was bedeutet „sittliche Weltordnung"? Dass es, ein für alle Mal, einen Willen Gottes giebt, was der Mensch zu thun, was er zu lassen habe; dass der Werth eines Volkes, eines Einzelnen sich darnach bemesse, wie sehr oder wie wenig dem Willen Gottes gehorcht wird; dass in den Schicksalen eines Volkes, eines Einzelnen sich der Wille Gottes als herrschend, das heisst als strafend und be- lohnend, je nach dem Grade des Gehorsams, beweist. Die Realität an Stelle dieser erbarmungswürdigen Lüge heisst: eine parasitische Art Mensch, die nur auf Kosten aller gesunden Bildungen des Lebens gedeiht, der Priester, missbraucht den Namen Gottes: er nennt einen Zustand der Dinge, in dem der Priester den Werth der Dinge bestimmt, „das Reich Gottes"; er nennt die Mittel, vermöge deren ein solcher Zustand erreicht oder aufrecht erhalten wird, „den Willen Gottes"; er misst, mit einem kaltblütigen Cynismus, die Völker, die Zeiten, die Einzelnen darnach ab, ob sie der Priester-Übermacht nützten oder widerstrebten. Man sehe sie am Werk: unter den Händen der jüdischen Priester wurde die grosse Zeit in der Geschichte Israel's eine Verfalls-Zeit; das Exil, das lange Unglück verwandelte sich in eine