SigPhi · Nietzsche

Der Antichrist (German)

German

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— Unser Zeitalter ist stolz auf seinen historischen Sinn: wie hat es sich den Unsinn glaublich machen können, dass an dem Anfange des Christenthums die grobe Wunderthäter- und Erlöser-Fabel steht, — ■ und dass alles Spirituale und Symbolische erst eine spä- tere Entwicklung ist? Umgekehrt: die Geschichte des Christenthums — und zwar vom Tode am Kreuze an — ist die Geschichte des schrittweise immer gröberen Miss- verstehns eines ursprünglichen Symbolismus. Mit jeder Ausbreitung des Christenthums über noch breitere, noch rohere Massen, denen die Voraussetzungen immer mehr abgiengen, aus denen es geboren ist, wurde es nöthiger, das Christenthum zu vulgarisiren, zu barbarisiren, — es hat Lehren und Riten aller unterirdischen Culte des Imperium Romanum, es hat den Unsinn aller Arten kranker Vernunft in sich eingeschluckt. Das Schicksal des Christenthums liegt in der N othwendigkeit, dass sein Glaube selbst so krank, so niedrig und vulgär werden musste, als die Bedürfnisse krank, niedrig und vulgär waren, die mit ihm befriedigt werden sollten. Als Kirche summirt sich endlich die kranke Barbarei selbst zur Macht, — die Kirche, diese Todfeindschafts- form zu jeder RechtschafFenheit, zu jeder Höhe der Seele, zu jeder Zucht des Geistes, zu jeder freimüthigen und gütigen Menschlichkeit. — Die christlichen — die vornehmen Werthe: erst wir, wir freigewordnen Geister, haben diesen grössten Werth -Gegensatz, den es giebt, wieder hergestellt!

— Ich unterdrücke an dieser Stelle einen Seufzer nicht. Es giebt Tage, wo mich ein Gefühl heimsucht, schwärzer als die schwärzeste Melancholie — die Men- schen-Verachtung. Und damit ich keinen Zweifel darüber lasse, was ich verachte, wen ich verachte: der Mensch von Heute ist es, der Mensch, mit dem ich ver- hängnissvoll gleichzeitig bin. Der Mensch von Heute — ich ersticke an seinem unreinen Athem.. Gegen das Vergangne bin ich, gleich allen Erkennenden, von einer grossen Toleranz, das heisst grossmüthigen Selbstbe- zwingung: ich gehe durch die Irrenhaus -Welt ganzer Jahrtausende, heisse sie nun „Christenthum", „christlicher Glaube", „christliche Kirche", mit einer düsteren Vorsicht hindurch, — ich hüte mich, die Menschheit für ihre Geisteskrankheiten verantwortlich zu machen. Aber mein Gefühl schlägt um, bricht heraus, sobald ich in die neuere Zeit, in unsre Zeit eintrete. Unsre Zeit ist wissend.. Was ehemals bloss krank war, heute ward es unanständig, — es ist unanständig, heute Christ zu sein. Und hier beginnt mein Ekel. — Ich sehe mich um: es ist kein Wort von dem mehr übrig geblieben, was ehemals „Wahrheit" hiess, wir halten es nicht mehr aus, wenn ein Priester das Wort „Wahrheit" auch nur in den Mund nimmt. Selbst bei dem beschei- densten Anspruch auf Rechtschaffenheit muss man heute wissen, dass ein Theologe, ein Priester, ein Papst mit je- dem Satz, den er spricht, nicht nur irrt, sondern lügt, — dass es ihm nicht mehr freisteht, aus „Unschuld", aus „Unwissenheit" zu lügen. Auch der Priester weiss, so gut es Jedermann weiss, dass es keinen „Gott" mehr giebt, keinen „Sünder", keinen „Erlöser", — dass „freier Wille", „sittliche Weltordnung" Lügen sind: — der Ernst, die tiefe Selbstüberwindung des Geistes erlaubt Niemandem mehr, hierüber nicht zu wissen...Alle Begriffe der Kirche sind erkannt als das, was sie sind, als die bösartigste Falschmünzerei, die es giebt, zum Zweck, die Natur, die Natur- Werthe zu entwerthen; der Priester selbst ist erkannt als das, was er ist, als die gefährlichste Art Parasit, als die eigentliche Gift- spinne des Lebens...Wir wissen, unser Gewissen weiss es heute —, was überhaupt jene unheimlichen Erfindungen der Priester und der Kirche werth sind, wozu sie dienten, mit denen jener Zustand von Selbst- schändung der Menschheit erreicht worden ist, der Ekel vor ihrem Anblick machen kann — die Begriffe „Jen- seits", „jüngstes Gericht", „Unsterblichkeit der Seele", die „Seele" selbst; es sind Folter- Instrumente, es sind Systeme von Grausamkeiten, vermöge deren der Priester Herr wurde, Herr blieb...Jedermann weiss das: und trotzdem bleibt Alles beim Alten. Wohin kam das letzte Gefühl von Anstand, von Achtung vor sich selbst, wenn unsere Staatsmänner sogar, eine sonst sehr unbefangne Art Mensch und Antichristen der That durch und durch, sich heute noch Christen nennen und zum Abendmahl gehn?...Ein Fürst an der Spitze seiner Regimenter, prachtvoll als Ausdruck der Selbstsucht und Selbstüberhebung seines Volks, — aber, ohne jede Scham, sich als Christen bekennend!...Wen verneint denn das Christenthum? was heisst es „Welt"? Dass man Soldat, dass man Richter, dass man Patriot ist; dass man sich wehrt; dass man auf seine Ehre hält; dass man seinen Vortheil will; dass man stolz ist...Jede Prak- tik jedes Augenblicks, jeder Instinkt, jede zur That werdende Werthschätzung ist heute antichristlich: was für eine Missgeburt von Falschheit muss der mo- derne Mensch sein, dass er sich trotzdem nicht schämt, Christ noch zu heissen!

■ — Ich kehre zurück, ich erzähle die echte Geschichte des Christenthums. — Das- Wort schon „Christenthum'* ist ein Missverständniss —, im Grunde gab es nur Einen Christen, und der starb am Kreuz. Das „Evangelium" starb am Kreuz. Was von diesem Augenblick an „Evangelium" heisst, war bereits der Gegensatz dessen, was er gelebt: eine „schlimme Botschaft", ein Dys- angelium. Es ist falsch bis zum Unsinn, wenn man in einem „Glauben", etwa im Glauben an die Erlösung durch Christus das Abzeichen des Christen sieht: bloss die christliche Praktik, ein Leben so wie der, der am Kreuze starb, es lebte, ist christlich...Heute noch ist ein solches Leben möglich, für gewisse Menschen sogar nothwendig: das echte, das ursprüngliche Christen- thum wird zu allen Zeiten möglich sein...Nicht ein Glauben, sondern ein Thun, ein Vieles -ni cht- thun vor Allem, ein andres Sein...Bewusstseins-Zustände, irgend ein Glauben, ein Für-wahr-halten zum Beispiel — jeder Psycholog weiss das — sind ja vollkommen gleichgültig und fünften Ranges gegen den Werth der Instinkte: strenger geredet, der ganze Begriff geistiger Ursächlich- keit ist falsch. Das Christ-sein, die Christlichkeit auf ein Für-wahr-halten, auf eine blosse Bewusstseins-Phänomena- lität reduciren, heisst die Christlichkeit negiren. In der That gab es gar keine Christen. Der „Christ", das was seit zwei Jahrtausenden Christ heisst, ist bloss ein psychologisches Selbst-Missverständniss. Genauer zu- gesehn, herrschten in ihm, trotz allem „Glauben", bloss die Instinkte — und was für Instinkte! — Der „Glaube" war zu allen Zeiten, beispielsweise bei Luther, nur ein Mantel, ein Vorwand, ein Vorhang, hinter dem die Instinkte ihr Spiel spielten, — eine kluge Blindheit über die Herrschaft gewisser Instinkte...Der „Glaube" — ich nannte ihn schon die eigentliche christliche Klug- heit, — man sprach immer vom „Glauben", man that immer nur vom Instinkte...In der Vorstellungswelt des Christen kommt Nichts vor, was die Wirklichkeit auch nur anrührte: dagegen erkannten wir im Instinkt- Hass gegen jede Wirklichkeit das treibende, das einzig treibende Element in der Wurzel des Christenthums. Was folgt daraus? Dass auch in psychologicis hier der Irrthum radikal, das heisst wesen-bestimmend, das heisst Substanz ist. Ein Begriff hier weg, eine einzige Realität an dessen Stelle — und das ganze Christenthum rollt in's Nichts! — Aus der Höhe gesehn, bleibt diese fremdartigste aller Thatsachen, eine durch Irrthümer nicht nur bedingte, sondern nur in schädlichen, nur in leben- und herzvergiftenden Irrthümern erfinderische und selbst geniale Religion ein Schauspiel für Götter — für jene Gottheiten, welche zugleich Philosophen sind, und denen ich zum Beispiel bei jenen berühmten Zwiege- sprächen auf Naxos begegnet bin. Im Augenblick, wo der Ekel von ihnen weicht (—und von uns!), werden sie dankbar für das Schauspiel des Christen: das erbärm- liche kleine Gestirn, das Erde heisst, verdient vielleicht allein um dieses curiosen Falles willen einen göttlichen Blick, eine göttliche Antheilnahme...Unterschätzen wir nämlich den Christen nicht: der Christ, falsch bis zur Unschuld, ist weit über dem Affen, — in Hinsicht auf Christen wird eine bekannte Herkunfts-Theorie zur blossen Artigkeit...

— Das Verhängniss des Evangeliums entschied sich mit dem Tode, — es hieng am „Kreuz"...Erst der Tod, dieser unerwartete schmähliche Tod, erst das Kreuz, das im Allgemeinen bloss für die canaille aufgespart blieb, — erst diese schauerlichste Paradoxie brachte die Jünger vor das eigentliche Räthsel: „wer war das? was war das?" — Das erschütterte und im Tiefsten beleidigte Gefühl, der Argwohn, es möchte ein solcher Tod die Widerlegung ihrer Sache sein, das schreck- liche Fragezeichen „warum gerade so?" — dieser Zu- stand begreift sich nur zu gut. Hier musste Alles nothwendig sein, Sinn, Vernunft, höchste Vernunft haben; die Liebe eines Jüngers kennt keinen Zufall. Erst jetzt trat die Kluft auseinander: „wer hat ihn getödtet? wer war sein natürlicher Feind?" — diese Frage sprang wie ein Blitz hervor. Antwort: das herrschende Juden- thum, sein oberster Stand. Man empfand sich von diesem Augenblick im Aufruhr gegen die Ordnung, man ver- stand hinterdrein Jesus als im Aufruhr gegen die Ordnung. Bis dahin fehlte dieser kriegerische, dieser Nein -sagende, Nein-thuende Zug in seinem Bilde; mehr noch, er war dessen Widerspruch. Offenbar hat die kleine Gemeinde gerade die Hauptsache nicht verstanden, das Vorbildliche in dieser Art zu sterben, die Freiheit, die Überlegenheit über jedes Gefühl von ressentiment: — ein Zeichen dafür, wie wenig überhaupt sie von ihm verstand! An sich konnte Jesus mit seinem Tode nichts wollen, als öffentlich die stärkste Probe, den Beweis seiner Lehre zu geben...Aber seine Jünger waren ferne davon, diesen Tod zu verzeihen — was evangelisch im höchsten Sinne gewesen wäre; oder gar sich zu einem gleichen Tode in sanfter und lieblicher Ruhe des Herzens anzubieten...Gerade das am meisten unevangelische Gefühl, die Rache, kam wieder obenauf. Unmöglich konnte die Sache mit diesem Tode zu Ende sein: man brauchte „Vergeltung", „Gericht" ( — und doch, was kann noch unevangelischer sein, als „Vergeltung", „Strafe", „Gericht-halten"!). Noch einmal kam die populäre Er- wartung eines Messias in den Vordergrund; ein histo- rischer Augenblick wurde in's Auge gefasst: das „Reich Gottes" kommt zum Gericht über seine Feinde.. Aber damit ist Alles missverstanden: das „Reich Gottes" als Schlussakt, als Verheissung! Das Evangelium war doch gerade das Dasein, das Erfülltsein, die Wirklichkeit dieses „Reichs" gewesen. Gerade ein solcher Tod war eben dieses „Reich Gottes". Jetzt erst trug man die ganze Verachtung und Bitterkeit gegen Pharisäer und Theologen in den Typus des Meisters ein, — man machte damit aus ihm einen Pharisäer und Theologen! Andrerseits hielt die wildgewordne Verehrung dieser ganz aus den Fugen gerathenen Seelen jene evangelische Gleichberechtigung von Jedermann zum Kind Gottes, die Jesus gelehrt hatte, nicht mehr aus: ihre Rache war, auf eine ausschweifende Weise Jesus emporzuheben, von sich abzulösen: ganz so, wie ehedem die Juden aus Rache an ihren Feinden ihren Gott von sich losgetrennt und in die Höhe gehoben haben. Der Eine Gott und der Eine Sohn Gottes: Beides Erzeugnisse des ressentzment.., — Und von nun an tauchte ein absurdes Problem auf: „wie konnte Gott das zulassen!" Darauf fand die gestörte Vernunft der kleinen Gemeinschaft eine geradezu schrecklich absurde Antwort: Gott gab seinen Sohn zur Vergebung der Sünden, als Opfer: Wie war es mit Einem Male zu Ende mit dem Evangelium! Das Schuld- opfer, und zwar in seiner widerlichsten, barbarischsten Form, das Opfer des Unschuldigen für die Sünden der Schuldigen! Welches schauderhafte Heidenthum! — Jesus hatte ja den Begriff „Schuld" selbst abgeschafft, — er hat jede Kluft zwischen Gott und Mensch geleugnet, er lebte diese Einheit von Gott und Mensch als seine „frohe Botschaft"...Und nicht als Vorrecht! — Von nun an tritt schrittweise in den Typus des Erlösers hin- ein: die Lehre vom Gericht und von der Wiederkunft, die Lehre vom Tod als einem Opfertode, die Lehre von der Auferstehung, mit der der ganze Begriff „Selig- keit", die ganze und einzige Realität des Evangeliums, eskamotirt ist — zu Gunsten eines Zustandes nach dem Tode!...Paulus hat diese Auffassung, diese Unzucht von Auffassung mit jener rabbinerhaften Frechheit, die ihn in allen Stücken auszeichnet, dahin logisirt: „wenn Christus nicht auferstanden ist von den Todten, so ist unser Glaube eitel". — Und mit Einem Male wurde aus dem Evangelium die verächtlichste aller unerfüllbaren Versprechungen, die unverschämte Lehre von der Personal-Unsterblichkeit...Paulus selbst lehrte sie noch Man sieht, was mit dem Tode am Kreuz zu Ende war: ein neuer, ein durchaus ursprünglicher Ansatz zu einer buddhistischen Friedensbewegung, zu einem that- sächlichen, nicht bloss verheissenen Glück auf Erden. Denn dies bleibt — ich hob es schon hervor — der Grundunterschied zwischen den beiden decadence- Re- ligionen: der Buddhismus verspricht nicht, sondern hält, das Christenthum verspricht Alles, aber hält Nichts. — Der „frohen Botschaft" folgte auf dem Fuss die all er- schlimmste: die des Paulus. In Paulus verkörpert sich der Gegensatz-Typus zum „frohen Botschafter", das Genie im Hass, in der Vision des Hasses, in der unerbittlichen Logik des Hasses. Was hat dieser Dysangelist Alles dem Hasse zum Opfer gebracht! Vor allem den Er- löser: er schlug ihn an sein Kreuz. Das Leben, das Beispiel, die Lehre, der Tod, der Sinn und das Recht des ganzen Evangeliums — Nichts war mehr vorhanden, als dieser Falschmünzer aus Hass begriff, was allein er brauchen konnte. Nicht die Realität, nicht die histo- rische Wahrheit!...Und noch einmal verübte der Priester- Instinkt des Juden das gleiche, grosse Verbrechen an der Historie, — er strich das Gestern, das Vorgestern' des Christenthums einfach durch, er erfand sich eine Ge- schichte des ersten Christenthums. Mehr noch: er fälschte die Geschichte. Israels nochmals um, um als Vorgeschichte für seine That zu erscheinen: alle Pro- pheten haben von seinem „Erlöser" geredet...Die Kirche fälschte später sogar die Geschichte der Menschheit zur Vorgeschichte des Christenthums...Der Typus des Erlösers, die Lehre, die Praktik, der Tod, der Sinn des Todes, selbst das Nachher des Todes — Nichts blieb unangetastet, Nichts blieb auch nur ähnlich der Wirklich- keit. Paulus verlegte einfach das Schwergewicht jenes ganzen Daseins hinter dies Dasein, — in die Lüge vom „wiederauferstandenen" Jesus. Er konnte im Grunde das Leben des Erlösers überhaupt nicht brauchen, — er hatte den Tod am Kreuz nöthig und etwas mehr noch...Einen Paulus, der seine Heimath an dem Hauptsitz der stoischen Aufklärung hatte, für ehrlich halten, wenn er sich aus einer Hallucination den Beweis vom Noch- Leben des Erlösers zurecht macht, oder auch nur seiner Erzählung, dass er diese Hallucination gehabt hat, Glau- ben schenken, wäre eine wahre niaiserie seitens eines Psychologen: Paulus wollte den Zweck, folglich wollte er auch die Mittel...Was er selbst nicht glaubte, die Idioten, unter die er seine Lehre warf, glaubten es. — Sein Bedürfniss war die Macht; mit Paulus wollte noch- mals der Priester zur Macht, — er konnte nur Begriffe, Lehren, Symbole brauchen, mit denen man Massen tyrannisirt, Heerden bildet. Was allein entlehnte später Muhamed dem Christenthum? Die Erfindung des Paulus, sein Mittel zur Priester -Tyrannei, zur Heerden-Bildung: den Unsterblichkeits-Glauben — das heisst die Lehre vom „Gericht".. s Wenn man das Schwergewicht des Lebens nicht in's Leben, sondern in's „Jenseits" verlegt — in's Nichts —, so hat man dem Leben überhaupt das Schwergewicht genommen. Die grosse Lüge von der Personal-Unsterb- lichkeit zerstört jede Vernunft, jede Natur im Instinkte, — Alles, was wohlthätig, was lebenfördernd, was zu- kunftverbürgend in den Instinkten ist, erregt nunmehr Misstrauen. So zu leben, dass es keinen Sinn mehr hat zu leben, das wird jetzt zum Sinn des Lebens...Wozu Gemeinsinn, wozu Dankbarkeit noch für Herkunft und Vorfahren, wozu mitarbeiten, zutrauen, irgend ein Gesammtwohl fördern und im Auge haben?...Ebenso- viel „Versuchungen", ebensoviele Ablenkungen vom „rechten Weg" — „Eins ist noth"...Dass Jeder als „unsterbliche Seele" mit Jedem gleichen Rang hat, dass in der Gesammtheit aller Wesen das „Heil" jedes Ein- zelnen eine ewige Wichtigkeit in Anspruch nehmen darf, dass kleine Mucker und Dreiviertels -Verrückte sich ein- bilden dürfen, dass um ihretwillen die Gesetze der Natur beständig durchbrochen werden, — eine solche Steiger- ung jeder Art Selbstsucht in's Unendliche, in's Unver- schämte kann man nicht mit genug Verachtung brand- marken. Und doch verdankt das Christenthum dieser erbarmungswürdigen Schmeichelei vor der Personal-Eitel- keit seinen Sieg, — gerade alles Missrathene, Auf- ständisch-Gesinnte, Schlecht- weg-gekommne, den ganzen Auswurf und Abhub der Menschheit hat es damit zu sich überredet. Das „Heil der Seele" — auf deutsch: „die Welt dreht sich um mich"...Das Gift der*Lehre „gleiche Rechte für Alle" — das Christenthum hat es am grundsätzlichsten ausgesät; das Christenthum hat jedem Ehrfurchts- und Distanz- Gefühl zwischen Mensch und Mensch, das heisst der Voraussetzung zu jeder Erhöhung, zu jedem Wachsthum der Cultur einen Tod- krieg aus den heimlichsten Winkeln schlechter Instinkte gemacht, — es hat aus dem ressentiment der Massen sich seine Hauptwaffe geschmiedet gegen uns, gegen alles Vornehme, Frohe, Hochherzige auf E|dert, gegen unser Glück auf Erden...Die „Unsterblichkeit" jedem Petrus und Paulus zugestanden, war bisher das grösste, das bösartigste Attentat auf die vornehme Menschlich- keit. — Und unterschätzen wir das Verhängniss nicht, das vom Christenthum aus sich bis in die Politik einge- schlichen hat! Niemand hat heute mehr, den Muth zu Sonderrechten, zu Herrschaftsrechten, zu einem Ehr- furchtsgefühl vor sich und seines Gleichen, — zu einem Pathos der Distanz...Unsre Politik ist krank an diesem Mangel an Muth! — Der Aristokratismus der Gesinnung wurde durch die Seelen - Gleichheits-Lüge am unterirdischsten untergraben; und wenn der Glaube an das „Vorrecht der Meisten" Revolutionen macht und machen wird, — das Christenthum ist es, man zweifle nicht daran, christliche Werthurtheile sind es, welche jede Revolution bloss in Blut und Verbrechen übersetzt! Das Christenthum ist ein Aufstand alles Am -Boden- Kriechenden gegen das, was Höhe hat: das Evangelium der „Niedrigen" macht niedrig...

~-sr Die Evangelien sind unschätzbar als Zeugniss für die bereits unaufhaltsame Corruption innerhalb der ersten Gemeinde. Was Paulus später mit dem Logiker- Cynismus eines Rabbiners zu Ende führte, war trotzdem bloss der Verfalls -Prozess, der mit dem Tode des Er- lösers begann. — Diese Evangelien kann man nicht be- hutsam genug lesen; sie haben ihre Schwierigkeiten hinter jedem Wort. Ich bekenne, man wird es mir zu Gute halten, dass sie ebendamit für einen Psychologen ein Vergnügen ersten Ranges sind, — als Gegensatz aller naiven Ver&erbniss, als das Raffinement par excellence, Nietzsche, Werke Band VIII. r8 als Künstlerschaft in der psychologischen Verderbniss. Die Evangelien stehn für sich. Die Bibel überhaupt ver- trägt keinen Vergleich. Man ist unter Juden: erster Gesichtspunkt, um hier nicht völlig den Faden zu ver- lieren. Die hier geradezu Genie werdende Selbstver- stellung in's „Heilige", unter Büchern und Menschen nie annähernd sonst erreicht, diese Wort- und Gebärden- Falschmünzerei als Kunst ist nicht der Zufall irgend welcher Einzel -Begabung, irgend welcher Ausnahme- Natur. Hierzu gehört Rasse. Im Christenthum, als der Kunst heilig zu lügen, kommt das ganze Judenthum, eine mehrhundertjährige jüdische allerernsthafteste Vor- übung und Technik zur letzten Meisterschaft. Der Christ, diese ultima ratio der Lüge, ist der Jude noch einmal — drei Mal selbst...Der grundsätzliche Wille, nur Be- griffe, Symbole, Attitüden anzuwenden, welche aus der Praxis des Priesters bewiesen sind, die Instinkt- Ablehnung jeder andren Praxis, jeder andren Art Werth- und Nützlichkeits- Perspektive — das ist nicht nur Tradition, das ist Erbschaft: nur als Erbschaft wirkt es wie Na- tur. Die ganze Menschheit, die besten Köpfe der besten Zeiten sogar — (Einen ausgenommen, der vielleicht bloss ein Unmensch ist) — haben sich täuschen lassen. Man hat das Evangelium als Buch der Unschuld gelesen...kein kleiner Fingerzeig dafür, mit welcher Meisterschaft hier geschauspielert worden ist. — Freilich: bekämen wir sie zu sehen, auch nur im Vorübergehn, alle diese wunder- lichen Mucker und Kunst-Heiligen, so wäre es am Ende, — und genau deshalb, weil ich keine Worte lese, ohne Gebärden zu sehn, mache ich mit ihnen ein Ende...Ich halte eine gewisse Art, die Augen aufzuschlagen, an ihnen nicht aus. — Zum Glück sind Bücher für die Aller- meisten bloss Litteratur — — Man muss sich nicht irreführen lassen: „richtet nicht!" sagen sie, aber sie schicken Alles in die Hölle, was ihnen im Wege steht Indem sie Gott richten lassen, richten sie selber; indem sie Gott verherrlichen, verherrlichen sie sich selber; in- dem sie die Tugenden fordern, deren sie gerade fähig sind — mehr noch, die sie nöthig haben, um überhaupt oben zu bleiben —, geben sie sich den grossen Anschein eines Ringens um die Tugend, eines Kampfes um die Herrschaft der Tugend. „Wir leben, wir sterben, wir opfern uns für das Gute" ( — „die Wahrheit", „das Licht", das „Reich Gottes"): in Wahrheit thun sie, was sie nicht lassen können. Indem sie nach Art von Duck- mäusern sich durchdrücken, im Winkel sitzen, im Schatten schattenhaft dahinleben, machen sie sich eine Pflicht daraus: aus Pflicht erscheint ihr Leben als Demuth, als Demuth ist es ein Beweis mehr für Frömmigkeit...Ah diese demüthige, keusche, barmherzige Art von Verlogen- heit! „Für uns soll die Tugend selbst Zeugniss ablegen"...Man lese die Evangelien als Bücher der Verführung mit Moral: die Moral wird von diesen kleinen Leuten mit Beschlag belegt, — sie wissen, was es auf sich hat mit der Moral! Die Menschheit wird am besten genasführt mit der Moral! — Die Realität ist, dass hier der bewussteste Auserwählten -Dünkel die Bescheidenheit spielt: man hat sich, die „Gemeinde", die „Guten und Gerechten" ein für alle Mal auf die Eine Seite gestellt, auf die „der Wahrheit" — und den Rest, „die Welt" auf die andre...Das war die verhängnissvollste Art Grössen wahn, die bisher auf Erden dagewesen ist: kleine Missgeburten von Muckern und Lügnern fiengen an, die Begriffe „Gott" „Wahrheit" „Licht" „Geist" „Liebe" „Weisheit" „Leben" für sich in Anspruch zu nehmen, gleichsam als Synonyma von sich, um damit die „Welt" gegen sich abzugrenzen,