SigPhi · Nietzsche

Der Antichrist (German)

German

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kleine Superlativ-Juden, reif für jede Art Irrenhaus, drehten die Werthe überhaupt nach sich um, wie als ob erst der Christ der Sinn, das Salz, das Maass, auch das letzte Gericht vom ganzen Rest wäre...Das ganze Ver- hängniss wurde dadurch allein ermöglicht, dass schon eine verwandte, rassenverwandte Art von Grössen wahn in der Welt war, der jüdische: sobald einmal die Kluft zwischen Juden und Judenchristen sich aufriss, blieb letzteren gar keine Wahl, als dieselben Prozeduren der Selbsterhaltung, die der jüdische Instinkt anrieth, gegen die Juden selber anzuwenden, während die Juden sie bisher bloss gegen alles Nicht- Jüdische angewendet hatten. Der Christ ist nur ein Jude „freieren" Bekennt- nisses. — ■ — Ich gebe ein paar Proben von dem, was sich diese kleinen Leute in den Kopf gesetzt, was sie ihrem Meister in den Mund gelegt haben: lauter Bekennt- nisse „schöner Seelen". — „Und welche euch nicht aufnehmen noch hören, da gehet von dannen hinaus und schüttelt den Staub ab von euren Füssen, zu einem Zeugniss über sie. Ich sage euch: Wahrlich, es wird Sodom und Gomorrha am jüngsten Gericht erträglicher ergehn, denn solcher Stadt" (Marcus 6, 11). — Wie evangelisch!...

„Und wer der Kleinen Einen ärgert, die an mich glauben, dem wäre es besser, dass ihm ein Mühlstein an seinen Hals gehängt würde und er in das Meer ge- worfen würde" (Marcus 9, 42). — Wie evangelisch!...„Ärgert dich dein Auge, so wirf es, von dir. Es ist dir besser, dass du einäugig in das' Reich Gottes gehest, denn dass du zwei Augen habest und werdest in das höllische Feuer geworfen; da ihr Wurm nicht stirbt und ihr Feuer nicht erlischt" (Marcus 9, 47). — Es ist nicht gerade das Auge gemeint...„Wahrlich, ich sage euch, es stehen Etliche hier, die werden den Tod nicht schmecken, bis dass sie sehen das Reich Gottes mit Kraft kommen" (Marcus 9, 1). — Gut gelogen, Löwe...„Wer mir will nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Denn..." (Anmerkung eines Psychologen. Die christliche Moral wird durch ihre Denn's widerlegt: ihre „Gründe" widerlegen, — so ist es christlich.) Mar- „Richtet nicht, auf dass ihr nicht gerichtet werdet. Mit welcherlei Maass ihr messet, wird euch gemessen werden" (Matthäus 7, 1). — Welcher Begriff von Gerechtig- keit, von einem „gerechten" Richter!...„Denn so ihr liebet, die euch lieben, was werdet ihr für Lohn haben? Thun nicht dasselbe auch die Zöllner? Und so ihr nur zu euren Brüdern freundlich thut, was thut ihr Sonderliches? Thun nicht die Zöllner auch also?" (Matthäus 5, 46.) — Princip der „christlichen Liebe": sie will zuletzt gut bezahlt sein...„Wo ihr aber den Menschen ihre Fehler nicht ver- gebet, so wird euch euer Vater eure Fehler auch nicht vergeben" (Matthäus 6, 15). — Sehr compromittirend für den genannten „Vater"...„Trachtet am ersten nach dem Reiche Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch solches Alles zufallen" (Matthäus 6, 33). — Solches Alles: nämlich Nahrung, Kleidung, die ganze Nothdurft des Lebens. Ein Irrthum, bescheiden ausgedrückt...Kurz vorher erscheint Gott als Schneider, wenigstens in gewissen Fällen...„Freuet euch alsdann und hüpfet: denn siehe, euer Lohn ist gross im Himmel. Desgleichen thaten ihre Väter den Propheten auch" (Lucas 6, 23). — Unverschämtes Gesindel! Es vergleicht sich bereits mit den Propheten...„Wisset ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid, und der Geist Gottes in euch wohnet? So jemand den Tempel Gottes verderbet, den wird Gott verderben: denn der Tempel Gottes ist heilig, der seid ihr" (Paulus 1 Korinther 3, 16). — Dergleichen kann man nicht genug verachten...„Wisset ihr nicht, dass die Heiligen die Welt richten werden? So denn nun die Welt soll von euch gerichtet werden: seid ihr denn nicht gut genug, geringere Sachen zu richten?" (Paulus 1 Korinther 6, 2.) — Leider nicht bloss die Rede eines Irrenhäuslers...Dieser fürchterliche Betrüger fährt wörtlich fort: „Wisset ihr nicht, dass wir über die Engel richten werden? Wie vielmehr über die zeitlichen Güter!"...

„Hat nicht Gott die Weisheit dieser Welt zur Thor- heit gemacht? Denn dieweil die Welt durch ihre Weis- heit Gott in seiner Weisheit nicht erkannte, gefiel es Gott wohl, durch thörichte Predigt selig zu machen die, so daran glauben..; nicht viel Weise nach dem Fleisch, nicht viel Gewaltige, nicht viel Edle sind berufen. Son- dern was thöricht ist vor der Welt, das hat Gott er- wählet, dass er die Weisen zu Schanden mache; und was schwach ist vor der Welt, das hat Gott erwählet, dass er zu Schanden mache, was stark ist; und das Unedle vor der Welt und das Verachtete hat Gott er- wählet, und das da Nichts ist, dass er zu Nichte mache, was Etwas ist. Auf dass sich vor ihm kein Fleisch rühme" (Paulus 1. Korinther 1, 20 ff.). — Um diese Stelle, ein Zeugniss allerersten Ranges für die Psychologie jeder Tschandala - Moral, zu verstehn, lese man die erste Abhandlung meiner Genealogie der Moral: in ihr wurde zum ersten Mal der Gegensatz einer vornehmen und einer aus ressentiment und ohnmächtiger Rache gebornen Tschandala - Moral an's Licht gestellt. Paulus war der grösste aller Apostel der Rache...

— Was folgt daraus? Dass man gut thut, Hand- schuhe anzuziehn, wenn man das neue Testament liest. Die Nähe von so viel Unreinlichkeit zwingt beinahe da- zu. Wir würden uns „erste Christen" so wenig wie pol- nische Juden zum Umgang wählen: nicht dass man gegen sie auch nur einen Einwand nöthig hätte...Sie riechen beide nicht gut. — Ich habe vergebens im neuen Testamente auch nur nach Einem sympathischen Zuge ausgespäht; Nichts ist darin, was frei, gütig, offenherzig, rechtschaffen wäre. Die Menschlichkeit hat hier noch nicht ihren ersten Anfang gemacht, — die Instinkte der Reinlichkeit fehlen...Es giebt nur schlechte In- stinkte im neuen Testament, es giebt keinen Muth selbst zu diesen schlechten Instinkten. Alles ist Feigheit, Alles ist Augen-Schliessen und Selbstbetrug darin. Jedes Buch wird reinlich, wenn man eben das neue Testament ge- lesen hat: ich las, um ein Beispiel zu geben, mit Ent- zücken unmittelbar nach Paulus jenen anmuthigsten, übermüthigsten Spötter Petronius, von dem man sagen könnte, was Domenico Boccaccio über Cesare Borgia an den Herzog von Parma schrieb: „ä tutto festo" — un- sterblich gesund, unsterblich heiter und wohlgerathen...Diese kleinen Mucker verrechnen sich nämlich in der Hauptsache. Sie greifen an, aber Alles, was von ihnen angegriffen wird, ist damit ausgezeichnet. Wen ein „erster Christ" angreift, den besudelt er nicht.. r Um- gekehrt: es ist eine Ehre, „erste Christen" gegen sich zu haben. Man liest das neue Testament nicht ohne eine Vorliebe für das, was darin misshandelt wird, — nicht zu reden von der „Weisheit dieser Welt", welche ein frecher Windmacher „durch thörichte Predigt" umsonst zu Schanden zu machen sucht.. - Aber selbst die Phari- säer und Schriftgelehrten haben ihren Vortheil von einer solchen Gegnerschaft: sie müssen schon etwas werth ge- wesen sein, um auf eine so unanständige Weise gehasst zu werden. Heuchelei — das wäre ein Vorwurf, den „erste Christen" machen dürften! — Zuletzt waren es die Privilegirten: dies genügt, der Tschandala-Hass braucht keine Gründe mehr. Der „erste Christ" — ich fürchte, auch der „letzte Christ", den ich vielleicht noch erleben werde — ist Rebell gegen alles Privi- legirte aus unterstem Instinkte, — er lebt, er kämpft immer für „gleiche Rechte"!...Genauer zugesehn, hat er keine Wahl. Will man, für seine Person, ein „Aus- erwählter Gottes" sein — oder ein „Tempel Gottes", oder ein „Richter der Engel" —, so ist jedes andre Princip der Auswahl, zum Beispiel nach Rechtschaffenheit, nach Geist, nach Männlichkeit und Stolz, nach Schönheit und Freiheit des Herzens, einfach „Welt", — das Böse an sich...Moral: jedes Wort im Munde eines „ersten Christen" ist eine Lüge, jede Handlung, die er thut, eine Instinkt-Falschheit, — alle seine Werthe, alle seine Ziele sind schädlich, aber wen er hasst, was er hasst, das hat Werth...Der Christ, der Priester-Christ in Son- derheit, ist ein Kriterium für Werthe Habe ich noch zu sagen, dass im ganzen neuen Testament bloss eine einzige Figur vorkommt, die man ehren muss?

Pilatus, der römische Statthalter. Einen Judenhandel ernst zu nehmen — dazu überredet er sich nicht. Ein Jude mehr oder weniger — was liegt daran?...Der vornehme Hohn eines Römers, vor dem ein unver- schämter Missbrauch mit dem Wort „Wahrheit" getrieben wird, hat das neue Testament mit dem einzigen Wort bereichert, das Werth hat, — das seine Kritik, seine Vernichtung selbst ist: „was ist Wahrheit 1".. « — Das ist es nicht, was uns abscheidet, dass wir keinen Gott wiederfinden, weder in der Geschichte, noch in der Natur, noch hinter der Natur, — sondern dass wir, was als Gott verehrt wurde, nicht als „göttlich", son- dern als erbarmungswürdig, als absurd, als schädlich emp- finden, nicht nur als Irrthum, sondern als Verbrechen am Leben...Wir leugnen Gott als Gott...Wenn man uns diesen Gott der Christen bewiese, wir würden ihn noch weniger zu glauben wissen. — In Formel: deus qualem Paulus creavit, dei negatio. — Eine Reli- gion, wie das Christenthum, die sich an keinem Punkte mit der Wirklichkeit berührt, die sofort dahinfällt, sobald die Wirklichkeit auch nur an Einem Punkte zu Rechte kommt, muss billiger Weise der „Weisheit der Welt", will sagen der Wissenschaft, todfeind sein, — sie wird alle Mittel gut heissen, mit denen die Zucht des Geistes, die Lauterkeit und Strenge in Ge- wissenssachen des Geistes, die vornehme Kühle und Frei- heit des Geistes vergiftet, verleumdet, verrufen ge- macht werden kann. Der „Glaube" als Imperativ ist das Veto gegen die Wissenschaft, — in praxi die Lüge um jeden Preis...Paulus begriff, dass die Lüge — dass „der Glaube" noth that; die Kirche begriff später wieder Paulus. — Jener „Gott", den Paulus sich erfand, ein Gott, der „die Weisheit der Welt" (im engern Sinn die beiden grossen Gegnerinnen alles Aberglaubens, Philo- logie und Medizin) „zu Schanden macht", ist in Wahrheit nur der resolute Entschluss des Paulus selbst dazu: „Gott" seinen eignen Willen zu nennen, thora, das ist urjüdisch. Paulus will „die Weisheit der Welt" zu Schanden machen: seine Feinde sind die guten Philo- logen und Ärzte alexandrinischer Schulung —, ihnen macht er den Krieg. In der That, man ist nicht Philolog und Arzt, ohne nicht zugleich auch Antichrist zu sein. Als Philolog schaut man nämlich hinter die „heiligen Bücher", als Arzt hinter die physiologische Verkommenheit des typischen Christen. Der Arzt sagt „unheilbar", der Philolog „Schwindel".., — Hat man eigentlich die berühmte Geschichte ver- standen, die am Anfang der Bibel steht, — von der Höllenangst Gottes vor der Wissenschaft?...Man iiat sie nicht verstanden. Dies Priesterbuch par excellence beginnt, wie billig, mit der grossen inneren Schwierig- keit des Priesters: er hat nur Eine grosse Gefahr, folg- lich hat „Gott" nur Eine grosse Gefahr. — Der alte Gott, ganz „Geist", ganz Hoherpriester, ganz Vollkommenheit, lustwandelt in seinem Garten: nur dass er sich langweilt. Gegen die Langeweile kämpfen Götter selbst vergebens. Was thut er? Er erfindet den Men- schen, — der Mensch ist unterhaltend...Aber siehe da, auch der Mensch langweilt sich. Das Erbarmen Gottes mit der einzigen Noth, die alle Paradiese an sich haben,'kennt keine Grenzen: er schuf alsbald noch andre Thiere. Erster Fehlgriff Gottes: der Mensch fand die Thiere nicht unterhaltend, — er herrschte über sie, er wollte nicht einmal „Thier" sein. — Folglich schuf Gott das Weib. Und in der That, mit der Langenweile hatte es nun ein Ende, — aber auch mit Anderem noch! Das Weib war der zweite Fehlgriff Gottes. — „Das Weib ist seinem Wesen nach Schlange, Heva" — das weiss jeder Priester: „vom Weib kommt jedes Unheil in der Welt" — das weiss ebenfalls jeder Priester. „Folglich kommt von ihm auch die Wissenschaft".. Erst durch das Weib lernte der Mensch vom Baume der Er- kenntniss kosten. — Was war geschehn? Den alten Gott ergriff eine Höllenangst. Der Mensch selbst war sein grösster Fehlgriff geworden, er hatte sich einen Rivalen geschaffen, die Wissenschaft macht gottgleich, — es ist mit Priestern und Göttern zu Ende, wenn der Mensch wissenschaftlich wird! — Moral: die Wissen- schaft ist das Verbotene an sich, — sie allein ist ver- boten. Die Wissenschaft ist die erste Sünde, der Keim aller Sünde, die Erbsünde. Dies allein ist Moral.

— „Du sollst nicht erkennen": — der Rest folgt daraus. — Die Höllenangst Gottes verhinderte ihn nicht, klug zu sein. Wie wehrt man sich gegen die Wissen- schaft? Das wurde für lange sein Hauptproblem. Ant- wort: fort mit dem Menschen aus dem Paradiese! Das Glück, der Müssiggang bringt auf Gedanken, — alle Gedanken sind schlechte Gedanken...Der Mensch soll nicht denken. — Und der „Priester an sich" erfindet die Noth, den Tod, die Lebensgefahr der Schwanger- schaft, jede Art von Elend, Alter, Mühsal, die Krank- heit vor Allem, — lauter Mittel im Kampfe mit der Wissenschaft! Die Noth erlaubt dem Menschen nicht zu denken...Und trotzdem! entsetzlich! Das Werk der Erkenntniss thürmt sich auf, himmelstürmend, götter- andämmernd, — was thun! — Der alte Gott erfindet den Krieg, er trennt die Völker, er macht, dass die Menschen sich gegenseitig vernichten ( — die Priester haben immer den Krieg nöthig gehabt...). Der Krieg — unter Anderem ein grosser Störenfried der Wissen- schaft! — Unglaublich! Die Erkenntniss, die Eman- cipation vom Priester, nimmt selbst trotz Kriegen zu. — Und ein letzter Entschluss kommt dem alten Gotte: „der Mensch ward wissenschaftlich, es hilft Nichts, man muss ihn ersäufen!"...— Man hat mich verstanden. Der Anfang der Bibel enthält die ganze Psychologie des Priesters. — Der Priester kennt nur Eine grosse Gefahr: das ist die Wissenschaft, — der gesunde Begriff von Ursache und Wirkung. Aber die Wissenschaft gedeiht im Ganzen nur unter glücklichen Verhältnissen, — man muss Zeit, man muss Geist überflüssig haben, um zu „erkennen"...„Folg- lich muss man den Menschen unglücklich machen", — dies war zu jeder Zeit die Logik des Priesters. — Man erräth bereits, was, dieser Logik gemäss, damit erst in die Welt gekommen ist: — die „Sünde"...Der Schuld- und Strafbegriff, die ganze „sittliche Weltordnung" ist erfunden gegen die Wissenschaft, — gegen die Ab- lösung des Menschen vom Priester...Der. Mensch soll nicht hinaus, er soll in sich hinein sehn; er soll nicht klug und vorsichtig, als Lernender, in die Dinge sehn, er soll überhaupt gar nicht sehn: er soll leiden...Und er soll so leiden, dass er jeder Zeit den Priester nöthig hat. — Weg mit den Ärzten! Man hat einen Heiland nöthig. — Der Schuld- und Straf - Begriff, eingerechnet die Lehre von der „Gnade", von der „Er- lösung", von der „Vergebung" — Lügen durch und durch und ohne jede psychologische Realität — sind erfunden, um den Ursachen-Sinn des Menschen zu zerstören: sie sind das Attentat gegen den Begriff Ursache und Wirkung! — Und nicht ein Attentat mit der Faust, mit dem Messer, mit der Ehrlichkeit in Hass und Liebe! Sondern aus den feigsten, listigsten, niedrigsten Instinkten heraus! Ein Priester >- Attentat! Ein Parasiten- Attentat! Ein Vampyrismus bleicher unterirdischer Blut- sauger!...Wenn die natürlichen Folgen einer That nicht mehr „natürlich" sind, sondern durch Begriffs- Ge- spenster des Aberglaubens, durch „Gott", durch „Geister", durch „Seelen" bewirkt gedacht werden, als bloss „mora- lische" Consequenzen, als Lohn, Strafe, Wink, Erziehungs- mittel, so ist die Voraussetzung zur Erkenntniss zerstört, — so hat man das grösste Verbrechen an der Menschheit begangen. — Die Sünde, nochmals ge- sagt, diese Selbstschändungs- Form des Menschen par excellence, ist erfunden, um Wissenschaft, um Cultur, um jede Erhöhung und Vornehmheit des Menschen unmög- lich zu machen; der Priester herrscht durch die Er- findung der Sünde. — — Ich erlasse mir an dieser Stelle eine Psychologie des „Glaubens", der „Gläubigen" nicht, zum Nutzen, wie billig, gerade der „Gläubigen". Wenn es heute noch an solchen nicht fehlt, die es nicht wissen, inwiefern es unanständig ist, „gläubig" zu sein — oder ein Ab- zeichen von dtcadence, von gebrochnem Willen zum Leben —, morgen schon werden sie es wissen. Meine Stimme erreicht auch die Harthörigen. — Es scheint, wenn anders ich mich nicht verhört habe, dass es unter Christen eine Art Kriterium der Wahrheit giebt, das man „den Beweis der Kraft" nennt. „Der Glaube macht selig: also ist er wahr." — Man dürfte hier zunächst ein- wenden, dass gerade das Seligmachen nicht bewiesen, sondern nur versprochen ist: die Seligkeit an die Be- dingung des „Glaubens" geknüpft, — man soll selig werden, weil man glaubt...Aber dass thatsächlich eintritt, was der Priester dem Gläubigen für das jeder Controle unzugängliche „Jenseits" verspricht, womit be- wiese sich das? — Der angebliche „Beweis der Kraft" ist also im Grunde wieder nur ein Glaube daran, dass die Wirkung nicht ausbleibt, welche man sich vom Glauben verspricht. In Formel: „ich glaube, dass der Glaube selig macht; — folglich ist er wahr." — Aber damit sind* wir schon am Ende. Dies „folglich" wäre das absurdum selbst als Kriterium der Wahrheit. — Setzen wir aber, mit einiger Nachgiebigkeit, dass das Seligmachen durch den Glauben bewiesen sei ( — nicht nur gewünscht, nicht nur durch den etwas verdächtigen Mund eines Priesters versprochen): wäre Seligkeit — technischer geredet, Lust — jemals ein Beweis der Wahrheit? So wenig, dass es beinahe den Gegenbeweis, jedenfalls den höchsten Argwohn gegen „Wahrheit" ab- giebt, wenn Lustempfindungen über die Frage „was ist wahr?" mitreden. Der Beweis der „Lust" ist ein Beweis für „Lust", — nichts mehr; woher um Alles in der Welt stünde es fest, dass gerade wahre Urtheile mehr Ver- gnügen machten als falsche und, gemäss einer prästa- bilirten Harmonie, angenehme Gefühle mit Nothwendig- keit hinter sich drein zögen? — Die Erfahrung aller strengen, aller tief gearteten Geister lehrt das Umgekehrte. Man hat jeden Schritt breit Wahrheit sich ab- ringen müssen, man hat fast Alles dagegen preisgeben müssen, woran sonst das Herz, woran unsre Liebe, unser Vertrauen zum Leben hängt. Es bedarf Grösse der Seele dazu: der Dienst der Wahrheit ist der härteste Dienst. — Was heisst denn rechtschaffen sein in geistigen Dingen? Dass man streng gegen sein Herz ist, dass man die „schönen Gefühle" verachtet, dass man sich aus jedem Ja und Nein ein Gewissen macht!

Der Glaube macht selig: folglich lügt er...Dass der Glaube unter Umständen selig macht, dass Seligkeit aus einer fixen Idee noch nicht eine wahre Idee macht, dass der Glaube keine Berge versetzt, wohl aber Berge hinsetzt, wo es keine giebt: ein flüchtiger Gang durch ein Irrenhaus klärt zur Genüge darüber auf. Nicht freilich einen Priester: denn der leugnet aus Instinkt, dass Krankheit Krankheit, dass Irrenhaus Irren- haus ist. Das Christenthum hat die Krankheit nöthig, ungefähr wie das Griechenthum einen Überschuss von Gesundheit nöthig hat, — krank -machen ist die eigent- liche Hinterabsicht des ganzen Heilsprozeduren -Systems der Kirche. Und die Kirche selbst — ist sie nicht das katholische Irrenhaus als letztes Ideal? — Die Erde über- haupt als Irrenhaus? — Der religiöse Mensch, wie ihn die Kirche will, ist ein typischer dtcadent; der Zeit- punkt, wo eine religiöse Krisis über ein Volk Herr wird, ist jedes Mal durch Nerven -Epidemien gekenn- zeichnet; die „innere Welt" des religiösen Menschen sieht der „inneren Welt" der Überreizten und Erschöpften zum Verwechseln ähnlich; 'die „höchsten" Zustände, welche das Christenthum als Werth aller Werthe über der Mensch- heit aufgehängt hat, sind epileptoide Formen, — die Kirche hat nur Verrückte oder grosse Betrüger in ma- jorem dei honorem heilig gesprochen...Ich habe mir einmal erlaubt, den ganzen christlichen Buss- und Er- lösungs-traintng (den man heute am besten in England studiert) als eine methodisch erzeugte folie circulaire zu bezeichnen, wie billig, auf einem bereits dazu vor- bereiteten, das heisst gründlich morbiden Boden. Es steht Niemandem frei, Christ zu werden: man wird zum Christenthum nicht „bekehrt", — man.muss krank genug dazu sein...Wir Andern, die wir den Muth zur Ge- sundheit und auch zur Verachtung haben, wie dürfen wir eine Religion verachten, die den Leib missverstehn lehrte! die den Seelen- Aberglauben nicht loswerden will! die aus der unzureichenden Ernährung ein „Ver- dienst" macht! die in der Gesundheit eine Art Feind, Teufel, Versuchung bekämpft! die sich einredete, • man könne eine „vollkommne Seele" in einem Cadaver von Leib herumtragen, und dazu nöthig hatte, einen neuen Begriff der »Vollkommenheit" sich zurecht zu machen, ein bleiches, krankhaftes, idiotisch-schwärmerisches Wesen, die sogenannte „Heiligkeit", — Heiligkeit, selbst bloss eine Symptomen-Reihe des verarmten, entnervten, unheilbar verdorbnen Leibes!...Die christliche Bewegung, als eine europäische Bewegung, ist von vornherein eine Ge- sammt-Bewegung der Ausschuss- und Abfalls-Elemente aller Art ( — diese wollen mit dem Christenthum zur Macht). Sie drückt nicht den Niedergang einer Rasse aus, sie ist eine Aggregat-Bildung sich zusammendrängender und sich suchender de'cadence-F ormen von Überall. Es ist nicht, wie man glaubt, die Corruption des Alterthums selbst, des vornehmen Alterthums, was das Christenthum ermöglichte: man kann dem gelehrten Idiotismus, der auch heute noch so Etwas aufrecht erhält, nicht hart genug widersprechen. In der Zeit, wo die kranken, ver- dorbenen Tschandala-Schichten im ganzen Imperium sich christianisirten, war gerade der Gegentypus, die Vor- nehmheit, in ihrer schönsten und reifsten Gestalt vor- handen. Die grosse Zahl wurde Herr; der Demokratismus der christlichen Instinkte siegte...Das Christen thum war nicht „national", nicht rassebedingt, — es wendete sich an jede Art von Enterbten des Lebens, es hatte seine Verbündeten überall. Das Christenthum hat die rancune der Kranken auf dem Grunde, den Instinkt gegen die Gesunden, gegen die Gesundheit gerichtet. Alles Wohlgerathene, Stolze, Übermüthige, die Schönheit vor Allem thut ihm in Ohren und Augen weh. Noch- mals erinnre ich an das unschätzbare Wort des Paulus: „Was schwach ist vor der Welt, was thö rieht ist vor der Welt, das Unedle und Verachtete vor der Welt hat Gott erwählet": das war die Formel, in hoc signo siegte die dteadence. — Gott am Kreuze — versteht man immer noch die furchtbare Hintergedanklichkeit dieses Symbols nicht? — Alles was leidet, Alles was am Kreuze hängt, ist göttlich...Wir Alle hängen am Kreuze, folglich sind wir göttlich...Wir allein sind göttlich...Das Christenthum war ein Sieg, eine vor- nehmere Gesinnung gieng an ihm zu Grunde, — das Christenthum war bisher das grösste Unglück der Menschheit. — — Das Christenthum steht auch im Gegensatz zu aller geistigen Wohlgerathenheit, — es kann nur die kranke Vernunft als christliche Vernunft brauchen, es nimmt die Nietzsche, Werke Band VIII. " IQ Partei alles Idiotischen, es spricht den Fluch aus gegen den „Geist", gegen die superbia des ges.unden Geistes. Weil die Krankheit zum Wesen des Christenthums ge- hört, muss auch der typisch -christliche Zustand, „der Glaube", eine Krankheitsform sein, müssen alle geraden, rechtschaffnen, wissenschaftlichen Wege zur Erkenntniss von der Kirche als verbotene Wege abgelehnt werden. Der Zweifel bereits ist eine Sünde...Der vollkommne Mangel an psychologischer Reinlichkeit beim Priester — im Blick sich verrathend — ist eine Folgeerscheinung der d£cadence> — man hat die hysterischen Frauenzimmer, andrerseits rhachitisch angelegte Kinder darauf hin zu beobachten, wie regelmässig Falschheit aus Instinkt, Lust zu lügen, um zu lügen, Unfähigkeit zu geraden Blicken und Schritten der Ausdruck von dtcadence ist. „Glaube" heisst Nicht- wissen- w ollen, was wahr ist. Der Pietist, der Priester beiderlei Geschlechts, ist falsch, weil er krank ist: sein Instinkt verlangt, dass die Wahrheit an keinem Punkt zu Rechte kommt. „Was krank macht, ist gut; was aus der Fülle, aus dem Überfluss, aus der Macht kommt, ist böse": so empfindet der Gläubige. Die Unfreiheit zur Lüge — daran errathe ich jeden vorherbestimmten Theologen. — Ein andres Abzeichen des Theologen ist sein Unvermögen zur Philologie. Unter Philologie soll hier, in einem sehr allgemeinen Sinne, die Kunst, gut zu lesen, verstanden werden, — Thatsachen ablesen können, ohne sie durch Interpretation zu fälschen, ohne im Verlangen nach Ver- ständniss die Vorsicht, die Geduld, die Feinheit zu ver- lieren. Philologie als Ephexis in der Interpretation: handle es sich nun um Bücher, um Zeitungs-Neuigkeiten, um Schicksale oder Wetter-Thatsachen, — nicht zu reden vom „Heil der Seele"...Die Art, wie ein Theolog, gleichgültig ob in Berlin oder -in Rom, ein „Schriftwort" auslegt oder ein Erlebniss, einen Sieg des vaterländischen Heers zum Beispiel unter der höheren Beleuchtung der Psalmen David's, ist immer dergestalt kühn, dass ein Philolog dabei an allen Wänden emporläuft. Und was soll er gar anfangen, wenn Pietisten und andre Kühe aus dem Schwabenlande den armseligen Alltag und Stubenrauch ihres Daseins mit dem „Finger Gottes" zu einem Wunder von „Gnade", von „Vorsehung", von „Heilserfahrungen" zurecht machen! Der bescheidenste Aufwand von Geist, um nicht zu sagen von Anstand, müsste diese Interpreten doch dazu bringen, sich des vollkommen Kindischen und Unwürdigen eines solchen Missbrauchs der göttlichen Fingerfertigkeit zu überfuhren. Mit einem noch so kleinen Maasse von Frömmigkeit im Leibe sollte uns ein Gott, der zur rechten Zeit vom Schnupfen kurirt, oder der uns in einem Augenblick in die Kutsche steigen heisst, wo gerade ein grosser Regen losbricht, ein so absurder Gott sein, dass man ihn ab- schaffen müsste, selbst wenn er existirte. Ein Gott als Dienstbote, als Briefträger, als Kalendermann, — im Grunde ein Wort für die dümmste Art aller Zufälle...Die „göttliche Vorsehung", wie sie heute noch ungefähr jeder dritte Mensch im „gebildeten Deutschland" glaubt, wäre ein Einwand gegen Gott, wie er stärker gar nicht gedacht werden könnte. Und in jedem Fall ist er ein Einwand gegen Deutsche!...