SigPhi · Nietzsche

Der Antichrist (German)

German

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— Dass Märtyrer Etwas für die Wahrheit einer Sache beweisen, ist so wenig wahr, dass ich leugnen möchte, es habe je ein Märtyrer überhaupt Etwas mit der Wahrheit zu thun gehabt. In dem Tone, mit dem ein Märtyrer sein Für -wahr -halten der Welt an den Kopf wirft, drückt sich bereits ein so niedriger Grad intellek- tueller Rechtschaffenheit, eine solche Stumpfheit für die Frage „Wahrheit" aus, dass man einen Märtyrer nie zu widerlegen braucht. Die Wahrheit ist Nichts, was Einer hätte und ein Andrer nicnt hätte: so können höchstens Bauern oder Bauern- Apostel nach Art Luther's über die Wahrheit denken. Man darf sicher sein, dass je nach dem Grade der Gewissenhaftigkeit in Dingen des Geistes die Bescheidenheit, die Bescheidung in diesem Punkte immer grösser wird. In fünf Sachen wissen, und mit zarter Hand es ablehnen, sonst zu wissen...„Wahrheit", wie das Wort jeder Prophet, jeder Sektirer, jeder Freigeist, jeder Socialist, jeder Kirchenmann versteht, ist ein vollkommner Beweis dafür, dass auch noch nicht einmal der Anfang mit jener Zucht des Geistes und Selbstüberwindung gemacht ist, die zum Finden irgend einer kleinen, noch so kleinen Wahrheit noth thut. — Die Märtyrer-Tode, anbei gesagt, sind ein grosses Unglück in der Geschichte gewesen: sie ver- führten...Der Schluss aller Idioten, Weib und Volk eingerechnet, dass es mit einer Sache, für die Jemand in den Tod geht (oder die gar, wie das erste Christenthum, todsüchtige Epidemien erzeugt), Etwas auf sich habe, — dieser Schluss ist der Prüfung, dem Geist der Prüfung und Vorsicht unsäglich zum Hemmschuh geworden. Die Märtyrer schadeten der Wahrheit...Auch heute noch bedarf es nur einer Crudität der Verfolgung, um einer an sich noch so gleichgültigen Sektirerei einen ehren- haften Namen zu schaffen. — Wie? ändert es am Werthe einer Sache Etwas, dass Jemand für sie sein Leben lässt? — Ein Irrthum, der ehrenhaft wird, ist ein Irrthum, der einen Verführungsreiz mehr besitzt: glaubt ihr, dass wir euch Anlass geben würden, ihr Herrn Theologen, für eure Lüge die Märtyrer zu machen? — Man widerlegt eine Sache, indem man sie achtungsvoll aufs Eis legt, — ebenso widerlegt man auch Theologen...Gerade das war die* welthistorische Dummheit aller Verfolger, dass sie der gegnerischen Sache den Anschein des Ehren- haften gaben, — dass sie ihr die Fascination des Mar- tyriums zum Geschenk machten.,. Das Weib liegt heute noch auf den Knien vor einem Irrthum, weil man ihm gesagt hat, dass Jemand dafür am Kreuze starb. Ist denn das Kreuz ein Argument? Aber über alle diese Dinge hat Einer allein das Wort gesagt, das man seit Jahrtausenden nöthig gehabt hätte, — Zara- thustra.

Blutzeichen schrieben sie auf den Weg, den sie giengen, und ihre Thorheit lehrte, dass man mit Blut Wahrheit beweise.

Aber Blut ist der schlechteste Zeuge der Wahrheit; Blut vergiftet die reinste Lehre noch zu Wahn und Hass der Herzen.

Und wenn Einer durch's Feuer gienge für seine Lehre, — was beweist dies! Mehr ist's wahrlich, dass aus eignem Brande die eigne Lehre kommt. (VI, 134.) Man lasse sich nicht irreführen: grosse Geister sind Skeptiker. Zarathustra ist ein Skeptiker. Die Stärke die Freiheit aus der Kraft und Überkraft des Geistes beweist sich durch Skepsis. Menschen der Über- zeugung kommen für alles Grundsätzliche von Werth und Unwerth gar nicht in Betracht. Überzeugungen sind Gefängnisse. Das sieht nicht weit genug, das sieht nicht unter sich: aber um über Werth und Unwerth mit- reden zu dürfen, muss man fünfhundert Überzeugungen unter sich sehn, — hinter sich sehn...Ein Geist, der Grosses will, der auch die Mittel dazu will, ist mit Nothwendigkeit Skeptiker. Die Freiheit von jeder Art Überzeugungen gehört zur Stärke, das Frei-Blicken- können...Die grosse Leidenschaft, der Grund und die Macht seines Seins, noch aufgeklärter, noch despotischer, als er selbst es ist, nimmt seinen ganzen Intellekt in Dienst; sie macht unbedenklich; sie giebt ihm Muth so- gar zu unheiligen Mitteln; sie gönnt ihm unter Um- ständen Überzeugungen. Die Übefzeugung als Mittel: Vieles erreicht man nur mittelst einer Überzeugung. Die grosse Leidenschaft braucht, verbraucht Überzeugungen, sie unterwirft sich ihnen nicht, — sie weiss sich souverain. — Umgekehrt: das Bedürfniss nach Glauben, nach irgend etwas Unbedingtem von Ja und Nein, der Carlylismus, wenn man mir dies Wort nachsehn will, ist ein Be- dürfniss der Schwäche. Der Mensch des Glaubens, der „Gläubige" jeder Art ist nothwendig ein abhängiger Mensch, — ein Solcher, der sich nicht als Zweck, der von sich aus überhaupt nicht Zwecke ansetzen kann. Der „Gläubige" gehört sich nicht, er kann nur Mittel sein, er muss verbraucht werden, er hat Jemand nöthig, der ihn verbraucht. Sein Instinkt giebt einer Moral der Entselbstung die höchste Ehre: zu ihr überredet ihn Alles, seine Klugheit, seine Erfahrung, seine Eitelkeit. Jede Art Glaube ist selbst ein Ausdruck von Entselbstung, von Selbst-Entfremdung.. Erwägt man, wie nothwendig den Allermeisten ein Regulativ ist, das sie von aussen her bindet und fest macht, wie der Zwang, in einem höheren Sinn die Sklaverei, die einzige und letzte Bedingung ist, unter der der willensschwächere Mensch, zumal das Weib, gedeiht: so versteht man auch die Überzeugung, den „Glauben". Der Mensch der Über- zeugung hat in ihr sein Rückgrat. Viele Dinge nicht sehn, in keinem Punkte unbefangen sein, Partei sein durch und durch, eine strenge und nothwendige Optik in allen Werthen haben — das allein bedingt es, dass eine solche Art Mensch überhaupt besteht. Aber damit ist sie der Gegensatz, der Antagonist des Wahr- haftigen, — der Wahrheit...Dem Gläubigen steht es nicht frei, für die Frage „wahr" und „unwahr" überhaupt ein Gewissen zu haben: rechtschaffen sein an dieser Stelle wäre sofort sein Untergang. Die pathologische Bedingt- heit seiner Optik macht aus dem Überzeugten den Fa- natiker — Savonarola, Luther, Rousseau, Robespierre, Saint-Simon —, den Gegensatz -Typus des starken, des fr ei gewordnen Geistes. Aber die grosse Attitüde dieser kranken Geister, dieser Epileptiker des Begriffs, wirkt auf die grosse Masse, — die Fanatiker sind pittoresk, die Menschheit sieht Gebärden lieber, als dass sie Gründe hört...

— Einen Schritt weiter in der Psychologie der Über- zeugung, des „Glaubens". Es ist schon lange von mir zur Erwägung anheimgegeben worden, ob nicht die Über- zeugungen gefährlichere Feinde der Wahrheit sind als die Lügen (Menschliches, Allzumenschliches I, Aph. 54 und 483). Dies Mal möchte ich die entscheidende Frage thun: be- steht zwischen Lüge und Überzeugung überhaupt ein Gegensatz? — Alle Welt glaubt es; aber was glaubt nicht alle Weltl — Eine jede Überzeugung hat ihre Geschichte, ihre Vorformen, ihre Tentativen und Fehlgriffe: sie wird Überzeugung, nachdem sie es lange nicht ist, nachdem sie es noch länger kaum ist. Wie? könnte unter diesen Embryonal -Formen der Überzeugung nicht auch die Lüge sein? — Mitunter bedarf es bloss eines Personen -Wechsels: im Sohn wird Überzeugung, was im Vater noch Lüge war. — Ich nenne Lüge: Etwas nicht sehn wollen, das man sieht, Etwas nicht so sehn wollen, wie man es sieht: ob die Lüge vor Zeugen oder ohne Zeugen statt hat, kommt nicht in Betracht. Die gewöhn- lichste Lüge ist die, mit der man sich selbst belügt; das Belügen Andrer ist relativ der Ausnahmefall. — Nun ist dies Nicht -sehn -wollen, was man sieht, dies Nicht -so - sehn -wollen, wie man es sieht, beinahe die erste Be- dingung für Alle, die Partei sind, in irgend welchem Sinne: der Parteimensch wird mit Nothwendigkeit Lüg- ner. Die deutsche Geschichtsschreibung zum Beispiel ist überzeugt, dass Rom der Despotismus war, dass die Germanen den Geist der Freiheit in die Welt gebracht haben: welcher Unterschied ist zwischen dieser Über- zeugung und einer Lüge? Darf man sich noch darüber wundern, wenn, aus Instinkt, alle Parteien, auch die deutschen Historiker, die grossen Worte der Moral im Munde haben, — dass die Moral beinahe dadurch fort- besteht, dass der Parteimensch jeder Art jeden Augen- blick sie nöthig hat? — „Dies ist unsre Überzeugung: wir bekennen sie vor aller Welt, wir leben und sterben für sie, — Respekt vor Allem, was Überzeugungen hat!" — Dergleichen habe ich sogar aus dem Mund von Antisemiten gehört. Im Gegentheil, meine Herrn! Ein Antisemit wird dadurch durchaus nicht anständiger, dass er aus Grundsatz lügt...Die Priester, die in solchen Dingen feiner sind und den Einwand sehr gut verstehn, der im Begriff einer Überzeugung, das heisst einer grund- sätzlichen, weil zweckdienlichen Verlogenheit liegt, haben von den Juden her die Klugheit überkommen, an dieser Stelle den Begriff „Gott", „Wille Gottes", „Offenbarung Gottes" einzuschieben. Auch Kant, mit seinem kate- gorischen Imperativ, war auf dem gleichen Wege: seine Vernunft wurde hierin praktisch. — Es giebt Fragen, wo über Wahrheit und Unwahrheit dem Menschen die Entscheidung nicht zusteht; alle obersten Fragen, alle obersten Werth-Probleme sind jenseits der menschlichen Vernunft...Die Grenzen der Vernunft begreifen, — das erst ist wahrhaft Philosophie...Wozu gab Gott dem Menschen die Offenbarung? Würde Gott etwas Überflüssiges gethan haben? Der Mensch kann von sich nicht selber wissen, was gut und böse ist, darum lehrte ihn Gott seinen Willen...Moral: der Priester lügt nicht, — die Fragen „wahr" oder „unwahr" giebt es nicht in solchen Dingen, von denen Priester reden; diese Dinge erlauben gar nicht zu lügen. Denn um zu lügen, müsste man ent- scheiden können, was hier wahr ist. Aber das kann eben der Mensch nicht; der Priester ist damit nur das Mundstück Gottes. — Ein solcher Priester -Syllogismus ist durchaus nicht bloss jüdisch und christlich; das Recht zur Lüge und die Klugheit der „Offenbarung" gehört dem Typus Priester an, den decadence- Priestern so gut als den Heidenthums-Priestern ( — Heiden sind Alle, die zum Leben Ja sagen, denen „Gott" das Wort für das grosse Ja zu allen Dingen ist). — Das „Gesetz", der „Wille Gottes", das „heilige Buch", die „Inspiration" — Alles nur Worte für die Bedingungen, unter denen der Priester zur Macht kommt, mit denen er seine Macht aufrecht erhält, — diese Begriffe finden sich auf dem Grunde aller Priester -Organisationen, aller priesterlichen oder philosophisch - priesterlichen Herrschaftsgebilde. Die „heilige Lüge" — dem Confucius, dem Gesetzbuch des Manu, dem Muhamed, der christlichen Kirche gemeinsam —: sie fehlt nicht bei Plato. „Die Wahrheit ist da": dies bedeutet, wo nur es laut wird, der Priester lügt.., — Zuletzt kommt es darauf an, zu welchem Zweck gelogen wird. Dass im Christenthum die „heiligen" Zwecke fehlen, ist mein Einwand gegen seine Mittel. Nur schlechte Zwecke: Vergiftung, Verleumdung, Ver- neinung des Lebens, die Verachtung des Leibes, die Herabwürdigung und Selbstschändung des Menschen durch den Begriff Sünde, — folglich sind auch seine Mittel schlecht. — Ich lese mit einem entgegengesetzten Gefühle das Gesetzbuch des Manu, ein unvergleichlich geistiges und überlegenes Werk, das mit der Bibel auch nur in Einem Athem nennen eine Sünde wider den Geist wäre. Man erräth sofort: es hat eine wirkliche Philosophie hinter sich, in sich, nicht bloss ein übel- riechendes Judain von Rabbinismus und Aberglauben, — es giebt selbst dem verwöhntesten Psychologen Etwas zu beissen. Nicht die Hauptsache zu vergessen, der Grundunterschied von jeder Art von Bibel: die vor- nehmen Stände, die Philosophen und die Krieger, halten mit ihm ihre Hand über der Menge; vornehme Werthe überall, ein Vollkommenheits- Gefühl, ein Jasagen zum Leben, ein triumphirendes Wohlgefühl an sich und am Leben, — die Sonne liegt auf dem ganzen Buch. — Alle die Dinge, an denen das Christenthum seine un- ergründliche Gemeinheit auslässt, die Zeugung zum Bei- spiel, das Weib, die Ehe, werden hier ernst, mit Ehrfurcht, mit Liebe und Zutrauen behandelt. Wie kann man eigentlich ein Buch in die Hände von Kindern und Frauen legen, das jenes niederträchtige Wort enthält: „um der Hurerei willen habe ein Jeglicher sein eignes Weib und eine Jegliche ihren eignen Mann...es ist besser freien denn Brunst leiden"? Und darf man Christ sein, so lange mit dem Begriff der Immaculata conceptio die Entstehung des Menschen verchristlicht, das heisst. be- schmutzt ist?...Ich kenne kein Buch, wo dem Weibe so viele zarte und gütige Dinge gesagt würden, wie im Gesetzbuch des Manu; diese alten Graubärte und Heiligen haben eine Art, gegen Frauen artig zu sein, die vielleicht nicht übertroffen ist. „Der Mund einer Frau — heisst es einmal —, der Busen eines Mädchens, das Gebet eines Kindes, der Rauch des Opfers sind immer rein". Eine andre Stelle: „es giebt gar nichts Reineres als das Licht der Sonne, den Schatten einer Kuh, die Luft, das Wasser, das Feuer und den Athem eines Mädchens." Eine letzte Stelle — vielleicht auch eine heilige Lüge —: „alle Öffnungen des Leibes ober- halb des Nabels sind rein, alle unterhalb sind unrein. Nur beim Mädchen ist der ganze Körper rein".

Man ertappt die Unheiligkeit der christlichen Mittel in flagranti, wenn man den christlichen Zweck einmal an dem Zweck des Manu-Gesetzbuches misst, — wenn man diesen grössten Zweck-Gegensatz unter starkes Licht bringt. Es bleibt dem Kritiker des Christenthums nicht erspart, das Christen thum verächtlich zu machen. — Ein solches Gesetzbuch wie das des Manu entsteht wie jedes gute Gesetzbuch: es resümirt die Erfahrung, Klugheit und Experimental - Moral von langen Jahrminderten, es schliesst ab, es schafft Nichts mehr. Die Voraussetzung zu einer Codification seiner Art ist die Einsicht, dass die Mittel, einer langsam und kost- spielig erworbenen Wahrheit Autorität zu schaffen, grundverschieden von denen sind, mit denen man sie beweisen würde. Ein Gesetzbuch erzählt niemals den Nutzen, die Gründe, die Casuistik in der Vorgeschichte eines Gesetzes: eben damit würde es den imperativischen Ton einbüssen, das „du sollst", die Voraussetzung dafür, dass gehorcht wird. Das Problem liegt genau hierin. — An einem gewissen Punkte der Entwicklung eines Volks erklärt die umsichtigste, das heisst rück- und hinaus- blickendste Schicht desselben, die Erfahrung, nach der ge- lebt werden soll — das heisst kann —, für abgeschlossen. Ihr Ziel geht dahin, die Ernte möglichst reich und voll- ständig von den Zeiten des Experiments und der schlim- men Erfahrung heimzubringen. Was folglich vor Allem jetzt zu verhüten ist, das ist das Noch -Fort -Experimen- tiren, die Fortdauer des flüssigen Zustands der Werthe, das Prüfen, Wählen, Kritik-Üben der Werthe in infinitum. Dem stellt man eine doppelte Mauer entgegen: einmal die Offenbarung, das ist die Behauptung, die Vernunft jener Gesetze sei nicht menschlicher Herkunft, nicht langsam und unter Fehlgriffen gesucht und gefunden, sondern, als göttlichen Ursprungs, ganz, vollkommen, ohne Geschichte, ein Geschenk, ein Wunder, bloss mit- getheilt...Sodahn die Tradition, das ist die Be- hauptung, dass das Gesetz bereits seit uralten Zeiten bestanden habe, dass es pietätlos, ein Verbrechen an den Vorfahren sei, es in Zweifel zu ziehn. Die Autorität des Gesetzes begründet sich mit den Thesen: Gott gab es, die Vorfahren lebten es. — Die höhere Vernunft einer solchen Prozedur liegt in der Absicht, das Bewusstsein Schritt für Schritt von dem als richtig erkannten (das heisst durch eine ungeheure und scharf durchgesiebte Erfahrung bewiesenen) Leben zurückzudrängen: so dass der vollkommne Automatismus des Instinkts erreicht wird, — diese Voraussetzung zu jeder Art Meisterschaft, zu jeder Art Vollkommenheit in der Kunst des Lebens. Ein Gesetzbuch nach Art des Manu aufstellen heisst einem Volke fürderhin zugestehn, Meister zu werden, vollkommen zu werden, — die höchste Kunst des Lebens zu ambitioniren. Dazu muss es unbewusst ge- macht werden: dies der Zweck jeder heiligen Lüge. — Die Ordnung der Kasten, das oberste, das do- minirende Gesetz, ist nur die Sanktion einer Natur- Ordnung, Natur- Gesetzlichkeit ersten Ranges, über die keine Willkür, keine „moderne Idee" Gewalt hat. Es treten in jeder gesunden Gesellschaft, sich gegenseitig bedingend, drei physiologisch verschieden - gravitirende Typen auseinander, von denen jeder seine eigne Hygiene, sein eignes Reich von Arbeit, seine eigne Art Voll- kommenheits-Gefühl und Meisterschaft hat. Die Natur, nicht Manu, trennt die vorwiegend Geistigen, die vor- wiegend Muskel- und Temperaments -Starken, und die weder im Einen, noch im Andern ausgezeichneten Dritten, die Mittelmässigen, von einander ab, — die letzteren als die grosse Zahl, die ersteren als die Auswahl. Die oberste Kaste — ich nenne sie die Wenigsten — hat als die vollkommne auch die Vorrechte der Wenigsten: dazu gehört es, das Glück, die Schönheit, die Güte auf Erden darzustellen. Nur die geistigsten Menschen haben die Erlaubniss zur Schönheit, zum Schönen: nur bei ihnen ist Güte nicht Schwäche. Pulchrum est paucorum homt- num: das Gute ist ein Vorrecht. Nichts kann ihnen da- gegen weniger zugestanden werden, als hässliche Manieren oder ein pessimistischer Blick, ein Auge, das verhäss- licht —, oder gar eine Entrüstung über den Gesammt- Aspekt der Dinge. Die Entrüstung ist das Vorrecht der Tschandala; der Pessimismus desgleichen. „Die Welt ist vollkommen — so redet der Instinkt der Geistig- sten, der Ja -sagende Instinkt —: die Un Vollkommenheit, das Unter- uns jeder Art, die Distanz, das Pathos der Distanz, der Tschandala selbst gehört noch zu dieser Vollkommenheit." Die geistigsten Menschen, als die Stärksten, finden ihr Glück, worin Andre ihren Un- tergang finden würden: im Labyrinth, in der Härte gegen sich und Andre, im Versuch; ihre Lust ist die Selbst- bezwingung: der Asketismus wird bei ihnen Natur, Be- dürfniss, Instinkt. Die schwere Aufgabe gilt ihnen als Vorrecht; mit Lasten zu spielen, die Andre erdrücken, eine Erholung...Erkenntniss — eine Form des As- ketismus. — Sie sind die ehrwürdigste Art Mensch: das schliesst nicht aus, dass sie die heiterste, die liebens- würdigste sind. Sie herrschen, nicht weil sie wollen, sondern weil sie sind; es steht ihnen nicht frei, die Zweiten zu sein. — Die Zweiten: das sind die Wächter des Rechts, die Pfleger der Ordnung und der Sicherheit, das sind die vornehmen Krieger, das ist der König vor Allem als die höchste Formel von Krieger, Richter und Aufrechterhalter des Gesetzes. Die Zweiten sind die Exekutive der Geistigsten, das Nächste, was zu ihnen ge- hört, das was ihnen alles Grobe in der Arbeit des Herrschens abnimmt, — ihr Gefolge, ihre rechte Hand, ihre beste Schülerschaft. — In dem Allem, nochmals ge- sagt, ist Nichts von Willkür, Nichts „gemacht'; was an- ders ist, ist gemacht, — die Natur ist dann zu Schanden gemacht...Die Ordnung der Kasten, die Rangord- nung, formulirt nur das oberste Gesetz des Lebens selbst; die Abscheidung der drei Typen ist nöthig zur Erhaltung der Gesellschaft, zur Ermöglichung höherer und höchster Typen, — die Ungleichheit der Rechte ist erst die Bedingung dafür, dass es überhaupt Rechte giebt. — Ein Recht ist ein Vorrecht. In seiner Art Sein hat Jeder auch sein Vorrecht. Unterschätzen wir die Vor- rechte der Mittelmässigen nicht. Das Leben nach der Höhe zu wird immer härter, — die Kälte nimmt zu, die Verantwortlichkeit nimmt zu. Eine hohe Cultur ist eine Pyramide: sie kann nur auf einem breiten Boden stehn, sie hat zu allererst eine stark und gesund con- solidirte Mittelmässigkeit zur Voraussetzung. Das Hand- werk, der Handel, der Ackerbau, die Wissenschaft, der grösste Theil der Kunst, der ganze Inbegriff der Be- rufstätigkeit mit Einem "Wort, verträgt sich durchaus nur mit einem Mittelmaass im Können und Begehren; dergleichen wäre deplacirt unter Ausnahmen, der dazu- gehörige Instinkt widerspräche sowohl dem Aristokratis- mus als dem Anarchismus. Dass man ein öffentlicher Nutzen ist, ein Rad, eine Funktion, dazu giebt es eine Naturbestimmung: nicht die Gesellschaft, die Art Glück, deren die Allermeisten bloss fähig sind, macht aus ihnen intelligente Maschinen. Für den Mittelmässigen ist mittelmässig sein ein Glück; die Meisterschaft in Einem, die Spezialität ein natürlicher Instinkt. Es würde eines tieferen Geistes vollkommen unwürdig sein, in der Mittelmässigkeit an sich schon einen Einwand zu sehn. Sie ist selbst die erste Nothwendigkeit dafür, dass es Ausnahmen geben darf: eine hohe Cultur ist durch sie bedingt. Wenn der Ausnahme-Mensch gerade die Mittel- mässigen mit zarteren Fingern handhabt als sich und seines Gleichen, so ist dies nicht bloss Höflichkeit des Herzens, — es ist einfach seine Pflicht...Wen hasse ich unter dem Gesindel von Heute am besten? Das Socialisten-Gesindel, die Tschandala-Apostel, die den In- stinkt, die Lust, das Genügsamkeits-Gefühl des Arbeiters mit seinem kleinen Sein untergraben, — die ihn neidisch machen, die ihn Rache lehren...Das Unrecht liegt niemals in ungleichen Rechten, es liegt im Anspruch auf „gleiche" Rechte...Was ist schlecht? Aber ich sagte es schon: Alles, was aus Schwäche, aus Neid, aus Räche stammt. — Der Anarchist und der Christ sind Einer Herkunft.. » In der That, es macht einen Unterschied, zu welchem Zweck man lügt: ob man damit erhält oder zerstört Man darf zwischen Christ und Anarchist eine voll- komm ne Gleichung aufstellen: ihr Zweck, ihr Instinkt geht nur auf Zerstörung. Den Beweis für diesen Satz hat man aus der Geschichte nur abzulesen: sie enthält ihn in entsetzlicher Deutlichkeit. Lernten wir eben eine religiöse Gesetzgebung kennen, deren Zweck war, die oberste Bedingung dafür, dass das Leben gedeiht, eine grosse Organisation der Gesellschaft zu „verewigen", — das Christenthum hat seine Mission darin gefunden, mit eben einer solchen Organisation, weil in ihr das Leben gedieh, ein Ende zu machen. Dort sollte der Vernunft- Ertrag von langen Zeiten des Experiments und der Un- sicherheit zum fernsten Nutzen angelegt und die Ernte so gross, so reichlich, so vollständig wie möglich heim- gebracht werden: hier wurde, umgekehrt, über Nacht die Ernte vergiftet...Das, was aere perennius dastand, das Imperium Romanum, die grossartigste Organisations- Form unter schwierigen Bedingungen, die bisher erreicht worden ist, im Vergleich zu der alles Vorher, alles Nachher Stückwerk, Stümperei, Dilettantismus ist, — jene heiligen Anarchisten haben sich eine „Frömmigkeit" dar- aus gemacht, „die Welt", das heisst das Imperium Ro~ manum zu zerstören, bis kein Stein auf dem andren blieb, — bis selbst Germanen und andre Rüpel darüber Herr werden konnten...Der Christ und der Anarchist: beide dtcadents, beide unfähig, anders als auflösend, ver- giftend, verkümmernd, blutaussaugend zu wirken, beide der Instinkt des Todhasses gegen Alles, was steht, was gross dasteht, was Dauer hat, was dem Leben Zukunft verspricht...Das Christenthum war der Vampyr * des Imperium Romanum, — es hat die ungeheure That der Römer, den Boden für eine grosse Cultur zu ge- winnen, die Zeit hat, über Nacht ungethan gemacht. — Versteht man es immer noch nicht? Das imperium Ro- manum, das wir kennen, das uns die Geschichte der römischen Provinz immer besser kennen lehrt, dies be- wunderungswürdigste Kunstwerk des grossen Stils, war ein Anfang, sein Bau war berechnet, sich mit Jahr- tausenden zu beweisen, — es ist bis heute nie so ge- baut, nie auch nur geträumt worden, in gleichem Maasse sub specie aeterni zu bauen! — Diese Organisation war fest genug, schlechte Kaiser auszuhalten: der Zufall von Personen darf nichts in solchen Dingen zu thun haben, — erstes Princip aller grossen Architektur. Aber sie war nicht fest genug gegen die corrupteste Art Cor- ruption, gegen den Christen...Dies heimliche Ge- würm, das sich in Nacht, Nebel und Zweideutigkeit an alle Einzelnen heranschlich und jedem Einzelnen den Ernst für wahre Dinge, den Instinkt überhaupt für Realitäten aussog, diese feige, femininische und zucker- süsse Bande hat Schritt für Schritt die „Seelen" diesem ungeheuren Bau entfremdet, — jene werthvollen, jene Nietzsche, Werke Band VIII. 20