SigPhi · Nietzsche

Der Antichrist (German)

German

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männlich -vornehmen Naturen, die in der Sache Rom's ihre eigne Sache, ihren eigenen Ernst, ihren eignen Stolz empfanden. Die Mucker -Schleicherei, die Conventikel- Heimlichkeit, düstere Begriffe wie Hölle, wie Opfer des Unschuldigen, wie unio mystica im Bluttrinken, vor Allem das langsam aufgeschürte Feuer der Rache, der Tschan- dala-Rache — das wurde Herr über Rom, dieselbe Art von Religion, der in ihrer Präexistenz -Form schon Epikur den Krieg gemacht hatte. Man lese Lucrez, um zu begreifen, was Epikur bekämpft hat, nicht das Heidenthum, sondern „das Christenthum", will sagen die Verderbniss der Seelen durch den Schuld-, durch den Straf- und Unsterblichkeits-Begriff. — Er bekämpfte die unterirdischen Culte, das ganze latente Christenthum, — die Unsterblichkeit zu leugnen war damals schon eine wirkliche Erlösung. — Und Epikur hätte gesiegt, jeder achtbare Geist im römischen Reich war Epikureer: da erschien Paulus...Paulus, der Fleisch-, der Genie- gewordne Tschandala-Hass gegen Rom, gegen „die Welt", der Jude, der ewige Jude fiar excellence...Was er er- rieth, das war, wie man mit Hülfe der kleinen sektirer- ischen Christen-Bewegung abseits des Judenthums einen „Weltbrand" entzünden könne, wie man mit dem Symbol „Gott am Kreuze" alles Unten-Liegende, alles Heimlich- Aufrührerische, die ganze Erbschaft anarchistischer Um- triebe im Reich, zu einer ungeheuren Macht aufsummiren könne. „Das Heil kommt von den Juden". — Das Christen- thum als Formel, um die unterirdischen Culte aller Art, die des Osiris, der grossen Mutter, des Mithras zum Beispiel, zu überbieten — und zu summiren: in dieser Einsicht besteht das Genie des Paulus. Sein Instinkt war darin so sicher, dass er die Vorstellungen, mit denen jene Tschandala- Religionen fascinirten, mit schonungsloser Gewalttätigkeit an der Wahrheit dem „Heilande" seiner Erfindung in den Mund legte, und nicht nur in den Mund — dass er aus ihm Etwas machte, das auch ein Mithras- Priester verstehn konnte...Dies war sein Augenblick von Damaskus: er begriff, dass er den Unsterblichkeits- Glauben nöthig hatte, um „die Welt" zu entwerthen, dass der Begriff „Hölle" über Rom noch Herr wird, — dass man mit dem „Jenseits" das Leben tödtet...Nihilist und Christ: das reimt sich, das reimt sich nicht Die ganze Arbeit der antiken Welt umsonst: ich habe kein Wort dafür, das mein Gefühl über etwas so Ungeheures ausdrückt. — Und in Anbetracht, dass ihre Arbeit eine Vorarbeit war, dass eben erst der Unterbau • zu einer Arbeit von Jahrtausenden mit granitnem Selbst- bewusstsein gelegt war, der ganze Sinn der antiken Welt umsonst!...Wozu Griechen? wozu Römer? — Alle Voraussetzungen zu einer gelehrten Cultur, alle wissenschaftlichen Methoden waren bereits da, man hatte die grosse, die unvergleichliche Kunst, gut zu lesen, bereits festgestellt — diese Voraussetzung zur Tradition der Cultur, zur Einheit der Wissenschaft; die Natur- wissenschaft, im Bunde mit Mathematik und Mechanik, war auf dem allerbesten Wege, — der Thatsachen- Sinn, der letzte und werth vollste aller Sinne, hatte seine Schulen, seine bereits Jahrhunderte alte Tradition! Ver- steht man das? Alles Wesentliche war gefunden, um an die Arbeit gehn zu können: — die Methoden, man muss es zehnmal sagen, sind das Wesentliche, auch das Schwierigste, auch Das, was am längsten die Gewohn- heiten und Faulheiten gegen sich hat. Was wii heute, mit unsäglicher Selbstbezwingung — denn wir haben Alle die schlechten Instinkte, die christlichen, irgendwie noch im Leibe — uns zurückerobert haben, den freien Blick vor der Realität, die vorsichtige Hand, die Geduld und den Ernst im Kleinsten, die ganze Rechtschaffen- heit der Erkenntniss — sie war bereits da! vor mehr als zwei Jahrtausenden bereits! Und, dazu gerechnet, der gute, der feine Takt und Geschmack! Nicht als Gehirn-Dressur! Nicht als „deutsche" Bildung mit Rüpel- Manieren! Sondern als Leib, als Gebärde, als Instinkt, — als Realität mit Einem Wort...Alles umsonst! Über Nacht bloss noch eine Erinnerung! — Griechen! Römer! Die Vornehmheit des Instinkts, der Geschmack, die me- thodische Forschung, das Genie der Organisation und Verwaltung, der Glaube, der Wille zur Menschen- Zukunft, das grosse Ja zu allen Dingen als Imperium Romanum sichtbar, für alle Sinne sichtbar, der grosse Stil nicht mehr bloss Kunst, sondern Realität, Wahrheit, Leben geworden...— Und nicht durch ein Natur- Ereigniss über Nacht verschüttet! Nicht durch Germanen und andre Schwerfüssler niedergetreten! Sondern von listigen, heimlichen, unsichtbaren, blutarmen Vampyren zu Schanden gemacht! Nicht besiegt, — nur aus- gesogen!...Die versteckte Rachsucht, der kleine Neid Herr geworden! Alles Erbärmliche, An-sich-Leidende, Von-schlechten-Gefühlen-Heim gesuchte, die ganze Ghetto- Welt der Seele mit Einem Male obenauf! Man lese nur irgend einen christlichen Agitator, den heiligen Augustin zum Beispiel, um zu begreifen, um zu riechen, was für unsaubere Gesellen damit obenauf gekommen sind. Man würde sich ganz und gar betrügen, wenn man irgend welchen Mangel an Verstand bei den Führern der christlichen Bewegung voraussetzte: — oh sie sind klug, klug bis zur Heiligkeit, diese Herrn Kirchenväter! Was ihnen abgeht, ist etwas ganz Anderes. Die Natur hat sie vernachlässigt, — sie vergass, ihnen eine be- scheidene Mitgift von achtbaren, von anständigen, von reinlichen Instinkten mitzugeben...Unter uns, es sind nicht einmal Männer...Wenn der Islam das Christenthum verachtet, so hat er tausendmal Recht dazu: der Islam hat Männer zur Voraussetzung...

Das Christenthum hat uns um die Ernte der antiken Cultur gebracht, es hat uns später wieder um die Ernte der Islam -Cultur gebracht. Die wunderbare maurische Cultur -Welt Spaniens, uns im Grunde verwandter, zu Sinn und Geschmack redender als Rom und Griechen- land, wurde niedergetreten ( — ich sage nicht von was für Füssen — ), warum? weil sie vornehmen, weil sie Männer -Instinkten ihre Entstehung verdankte, weil sie zum Leben Ja sagte auch noch mit den seltnen und raffinirten Kostbarkeiten des maurischen Lebens!...Die Kreuzritter bekämpften später Etwas, vor dem sich in den Staub zu legen ihnen besser angestanden hätte, — eine Cultur, gegen die sich selbst unser neunzehntes Jahrhundert sehr arm, sehr „spät" vorkommen dürfte. — Freilich, sie wollten Beute machen: der Orient war reich...Man sei doch unbefangen! Kreuzzüge — die höhere Seeräuberei, weiter nichts! Der deutsche Adel, Wikinger - Adel im Grunde, war damit in seinem Ele- mente: die Kirche wusste nur zu gut, womit man deutschen Adel hat...Der deutsche Adel, immer die „Schweizer" der Kirche, immer im Dienste aller schlechten Instinkte der Kirche, aber gut bezahlt...Dass die Kirche ge- rade mit Hülfe deutscher Schwerter, deutschen Blutes und Muthes ihren Todfeindschafts- Krieg gegen alles Vor- nehme auf Erden durchgeführt hat! Es giebt an dieser Stelle eine Menge schmerzlicher Fragen. Der deutsche Adel fehlt beinahe in der Geschichte der höheren Cultur: man erräth den Grund...Christenthum, Alkohol — die beiden grossen Mittel der Corruption...An sich sollte es ja keine Wahl geben, Angesichts von Islam und Christen thum, so wenig als Angesichts eines Arabers und eines Juden. Die Entscheidung ist gegeben; es steht Niemandem frei, hier noch zu wählen. Entweder ist man ein Tschandala, oder man ist es nicht.'.. „Krieg mit Rom auf's Messer! Friede, Freundschaft mit dem Islam": so empfand, so that jener grosse Freigeist, das Genie unter den deutschen Kaisern, Friedrich der Zweite. Wie? muss ein Deutscher erst Genie, erst Freigeist sein, um anständig zu empfinden? Ich begreife nicht, wie ein Deutscher je christlich empfinden konnte...

Hier thut es noth, eine für Deutsche noch hundert Mal peinlichere Erinnerung zu berühren. Die Deutschen haben Europa um die letzte grosse Cultur-Ernte gebracht, die es für Europa heimzubringen gab, — um die der Renaissance. Versteht man endlich, will man ver- stehn, was die Renaissance war? Die Umwerthung der christlichen Werthe, der Versuch, mit allen Mitteln, mit allen Instinkten, mit allem Genie unter- nommen, die G e g e n -Werthe, die vornehmen Werthe zum Sieg zu bringen...Es gab bisher nur diesen grossen Krieg, es gab bisher keine entscheidendere Fragestellung als die der Renaissance, — meine Frage ist ihre Frage —: es gab auch nie eine grundsätzlichere, eine geradere, eine strenger in ganzer Front und auf das Centrum los geführte Form des Angriffs! An der ent- scheidenden Stelle, im Sitz des Christenthums selbst an- greifen, hier die vornehmen Werthe auf den Thron bringen, will sagen in die Instinkte, in die untersten Be- dürfnisse und Begierden der daselbst Sitzenden hinein bringen...Ich sehe eine Möglichkeit vor mir von einem vollkommen überirdischen Zauber und Farbenreiz: — es scheint mir, dass sie in allen Schaudern raffinirter Schönheit erglänzt, dass eine Kunst in ihr am Werke ist, so göttlich, so teufelsmässig- göttlich, dass man Jahr- tausende umsonst nach einer zweiten solchen Möglichkeit durchsucht; ich sehe ein Schauspiel, so sinnreich, so wunderbar paradox zugleich, dass alle Gottheiten des Olymps einen Anlass zu einem unsterblichen Gelächter gehabt hätten — Cesare Borgia als Papst...Ver- steht man mich?...Wohlan, das wäre der Sieg ge- wesen, nach dem ich heute allein verlange —: damit war das Christenthum abgeschafft! — Was geschah? Ein deutscher Mönch, Luther, kam nach Rom. Dieser Mönch, mit allen rachsüchtigen Instinkten eines verun- glückten Priesters im Leibe, empörte sich in Rom gegen die Renaissance...Statt mit tiefster Dankbarkeit das Ungeheure zu verstehn, das geschehen war, die Über- windung des Christenthums an seinem Sitz, — verstand sein Hass aus diesem Schauspiel nur seine Nahrung zu ziehn. Ein religiöser Mensch denkt nur an sich. — Luther sah die Verderbniss des Papstthums, während gerade das Gegehtheil mit Händen zu greifen war: die alte Verderbniss, das peccatum originale, das Christen- thum sass nicht mehr auf dem Stuhl des Papstes! Son- dern das Leben! Sondern der Triumph des Lebens! Sondern das grosse Ja zu allen hohen, schönen, ver- wegenen Dingen!...Und Luther stellte die Kirche wieder her: er griff sie an...Die Renaissance — ein Ereigniss ohne Sinn, ein grosses Umsonst! — Ah diese Deutschen, was sie uns schon gekostet haben! Umsonst — das war immer das Werk der Deutschen. — Die Re- formation; Leibniz; Kant und die sogenannte deutsche Philosophie; die „Freiheits"-Kriege; das Reich — jedes Mal ein Umsonst für Etwas, das bereits da war, für etwas Unwiederbringliches...Es sind meine Feinde, ich bekenne es, diese Deutschen: ich verachte in ihnen jede Art von Begriffs- und Werth -Unsauberkeit, von Feig- heit vor jedem rechtschaffnen Ja und Nein. Sie haben, seit einem Jahrtausend beinahe, Alles verfilzt und ver- wirrt, woran sie mit ihren Fingern rührten, sie haben alle Halbheiten — Drei- Achtelsheiten! — auf dem Ge- wissen, an denen Europa krank ist, — sie haben auch die unsauberste Art Christenthum, die es giebt, die un- heilbarste, die unwiderlegbarste, den Protestantismus auf dem Gewissen...Wenn man nicht fertig wird mit dem Christenthum, die Deutschen werden daran schuld — Hiermit bin ich am Schluss und spreche mein Urtheil. Ich verurtheile das Christenthum, ich erhebe gegen die christliche Kirche die furchtbarste aller An- klagen, die je ein Ankläger in den Mund genommen hat. Sie ist mir die höchste aller denkbaren Corruptionen, sie hat den Willen zur letzten auch nur möglichen Corruption gehabt. Die christliche Kirche Hess Nichts mit ihrer Verderbniss unberührt, sie hat aus jedem Werth einen Unwerth, aus jeder Wahrheit eine Lüge, aus jeder Recht- schaffenheit eine Seelen-Niedertracht gemacht. Man wage es noch, mir von ihren „humanitären" Segnungen zu reden! Irgend einen Nothstand abschaffen gieng wider ihre tiefste Nützlichkeit, sie lebte von Nothständen, sie schuf Nothstände, um sich zu verewigen...Der Wurm der Sünde zum Beispiel: mit diesem Nothstände hat erst die Kirche die Menschheit bereichert! — Die „Gleichheit der Seelen vor Gott", diese Falschheit, dieser Vor wand für die rancunes aller Niedriggesinnten, dieser Sprengstoff von Begriff, der endlich Revolution, moderne Idee und Niedergangs-Princip der ganzen Gesellschafts-Ordnung ge- worden ist, — ist christlicher Dynamit...„Humanitäre" Segnungen des Christenthums! Aus der humanitas einen Selbst -Widerspruch, eine Kunst der Selbstschändung, einen Willen zur Lüge um jeden Preis, einen Wider- willen, eine Verachtung aller guten und rechtschaffnen Instinkte herauszuzüchten! Das wären mir Segnungen des Christenthums! — Der Parasitismus als einzige Praxis der Kirche; mit ihrem Bleichsuchts-, ihrem „Heiligkeits"-Ideale jedes Blut, jede Liebe, jede Hoff- nung zum Leben austrinkend; das Jenseits als Wille zur Verneinung jeder Realität; das Kreuz als Erkennungs- zeichen für die unterirdischste Verschwörung, die es je gegeben hat, — gegen Gesundheit, Schönheit, Wohl- gerathenheit, Tapferkeit, Geist, Güte der Seele, gegen das Leben selbst...

Diese ewige Anklage des Christenthums will ich an alle Wände schreiben, wo es nur Wände giebt, — ich habe Buchstaben, um auch Blinde sehend zu machen...Ich heisse das Christenthum den Einen grossen Fluch, die Eine grosse innerlichste Verdorbenheit, den Einen grossen Instinkt der Rache, dem kein Mittel giftig, heimlich, unterirdisch, klein genug ist, — ich heisse es den Einen unsterblichen Schandfleck der Menschheit...Und man rechnet die Zeit nach dem dies nefastus, mit dem dies Verhängniss anhob, — nach dem ersten Tag des Christenthums! — Warum nicht lieber nach seinem letzten? — Nach Heute? — Umwerthung aller Werthe!...