längsten getrieben haben. Die Welt *erscheint* uns logisch, weil *wir* sie erst logisiert *haben*.
330.
Die fortwährenden Übergänge erlauben nicht, von „Individuum“ usw. zu reden; die „Zahl“ der Wesen ist selber im Fluß. Wir würden nichts von Zeit und nichts von Bewegung wissen, wenn wir nicht, in grober Weise, „Ruhendes“ neben Bewegtem zu sehen glaubten. Ebensowenig von Ursache und Wirkung, und ohne die irrtümliche Konzeption des „leeren Raumes“ wären wir gar nicht zur Konzeption des Raums gekommen. Der Satz von der Identität hat als Hintergrund den „Augenschein“, daß es gleiche Dinge gibt. Eine werdende Welt könnte im strengen Sinne nicht „begriffen“, nicht „erkannt“ werden; nur insofern der „begreifende“ und „erkennende“ Intellekt eine schon geschaffene grobe Welt vorfindet, gezimmert aus lauter Scheinbarkeiten, aber fest geworden, insofern diese Art Schein das Leben erhalten hat -- nur insofern gibt es etwas wie „Erkenntnis“: das heißt ein Messen der früheren und der jüngeren Irrtümer aneinander.
331.
In einer Welt, die wesentlich falsch ist, wäre Wahrhaftigkeit eine *widernatürliche Tendenz*: eine solche könnte nur Sinn haben als Mittel zu einer besonderen *höheren Potenz von Falschheit*. Damit eine Welt des Wahren, Seienden fingiert werden konnte, mußte zuerst der Wahrhaftige geschaffen sein (eingerechnet, daß ein solcher sich „wahrhaftig“ glaubt).
Einfach, durchsichtig, mit sich nicht im Widerspruch, dauerhaft, sich gleichbleibend, ohne Falte, Volte, Vorhang, Form: ein Mensch derart konzipiert eine Welt des Seins als „*Gott*“ nach seinem Bilde.
Damit Wahrhaftigkeit möglich ist, muß die ganze Sphäre des Menschen sehr sauber, klein und achtbar sein: es muß der Vorteil in jedem Sinne auf Seiten des Wahrhaftigen sein. -- Lüge, Tücke, Verstellung müssen Erstaunen erregen...332.
Wenn der Charakter des Daseins falsch sein sollte -- das wäre nämlich möglich --, was wäre dann die Wahrheit, alle unsere Wahrheit?...Eine gewissenlose Umfälschung des Falschen? Eine höhere Potenz des Falschen?...333.
Von der *Vielartigkeit* der Erkenntnis. *Seine* Relation zu vielem anderen spüren (oder die Relation der Art) -- wie sollte das „Erkenntnis“ des *andern* sein! Die Art zu kennen und zu erkennen ist selber schon unter den Existenzbedingungen: dabei ist der Schluß, daß es keine anderen Intellektarten geben könne (für uns selber) als die, welche uns erhält, eine Übereilung: diese *tatsächliche* Existenzbedingung ist vielleicht nur zufällig und vielleicht keineswegs notwendig.
Unser Erkenntnisapparat nicht auf „Erkenntnis“ *eingerichtet*.
334.
Überschriften über einem modernen Narrenhaus.
*Herbert Spencer.* „Der letzte Prüfstein für die Wahrheit eines Satzes ist die Unbegreiflichkeit ihrer Verneinung.“ *Herbert Spencer.* 335.
Es könnte scheinen, als ob ich der Frage nach der „Gewißheit“ ausgewichen sei. Das Gegenteil ist wahr: aber indem ich nach dem Kriterium der Gewißheit fragte, prüfte ich, nach welchem Schwergewichte überhaupt bisher gewogen worden ist -- und daß die Frage nach der Gewißheit selbst schon eine *abhängige* Frage sei, eine Frage *zweiten* Ranges.
b. Logik und Wissenschaft.
336.
Das Begierdenerdreich, aus dem die *Logik* herausgewachsen ist: Herdeninstinkt im Hintergrunde. Die Annahme der gleichen Fälle setzt die „gleiche Seele“ voraus. *Zum Zweck der Verständigung und Herrschaft.* 337.
Zur *Entstehung der Logik*. Der fundamentale Hang, *gleichzusetzen*, *gleichzusehen* wird modifiziert, im Zaum gehalten durch Nutzen und Schaden, durch den *Erfolg*: es bildet sich eine Anpassung aus, ein milderer Grad, in dem er sich befriedigen kann, ohne zugleich das Leben zu verneinen und in Gefahr zu bringen. Dieser ganze Prozeß ist ganz entsprechend jenem äußeren, mechanischen (der sein Symbol ist), daß das *Plasma* fortwährend, was es sich aneignet, sich gleich macht und in seine Formen und Reihen einordnet.
338.
Die *Annahme des Seienden* ist nötig, um denken und schließen zu können: die Logik handhabt nur Formeln für Gleichbleibendes. Deshalb wäre diese Annahme noch ohne Beweiskraft für die Realität: „das Seiende“ gehört zu unsrer Optik. Das „Ich“ als seiend (-- durch Werden und Entwicklung nicht berührt).
Die *fingierte* Welt von Subjekt, Substanz, „Vernunft“ usw. ist *nötig* --: eine ordnende, vereinfachende, fälschende, künstlich-trennende Macht ist in uns. „Wahrheit“ ist Wille, Herr zu werden über das Vielerlei der Sensationen: -- die Phänomene *aufreihen* auf bestimmte Kategorien. Hierbei gehen wir vom Glauben an das „An-sich“ der Dinge aus (wir nehmen die Phänomene als *wirklich*).
Der Charakter der werdenden Welt als *unformulierbar*, als „falsch“, als „sich-widersprechend“. *Erkenntnis* und *Werden* schließen sich aus. *Folglich* muß „*Erkenntnis*“ etwas anderes sein: es muß ein Wille zum Erkennbarmachen vorangehen, eine Art Werden selbst muß die *Täuschung des Seienden* schaffen.
339.
Ein- und dasselbe zu bejahen und zu verneinen mißlingt uns: das ist ein subjektiver Erfahrungssatz, darin drückt sich keine „Notwendigkeit“ aus, *sondern nur ein Nichtvermögen*.
Wenn, nach Aristoteles, der *Satz vom Widerspruch* der gewisseste aller Grundsätze ist, wenn er der letzte und unterste ist, auf den alle Beweisführungen zurückgehen, wenn in ihm das Prinzip aller anderen Axiome liegt: um so strenger sollte man erwägen, was er im Grunde schon an Behauptungen *voraussetzt*. Entweder wird mit ihm etwas in betreff des Wirklichen, Seienden behauptet, wie als ob man es anderswoher bereits kennte; nämlich, daß ihm nicht entgegengesetzte Prädikate zugesprochen werden *können*. Oder der Satz will sagen: daß ihm entgegengesetzte Prädikate nicht zugesprochen werden *sollen*. Dann wäre Logik ein Imperativ, nicht zur Erkenntnis des Wahren, sondern zur Setzung und Zurechtmachung einer Welt, *die uns wahr heißen soll*.
Kurz, die Frage steht offen: sind die logischen Axiome dem Wirklichen adäquat, oder sind sie Maßstäbe und Mittel, um Wirkliches, den Begriff „Wirklichkeit“, für uns erst zu *schaffen*?...Um das Erste bejahen zu können, müßte man aber, wie gesagt, das Seiende bereits kennen; was schlechterdings nicht der Fall ist. Der Satz enthält also kein *Kriterium der Wahrheit*, sondern einen *Imperativ* über das, was als wahr gelten *soll*.
Gesetzt, es gäbe ein solches sich-selbst-identisches ~A~ gar nicht, wie es jeder Satz der Logik (auch der Mathematik) voraussetzt, das ~A~ wäre bereits eine *Scheinbarkeit*, so hätte die Logik eine bloß *scheinbare* Welt zur Voraussetzung. In der Tat glauben wir an jenen Satz unter dem Eindruck der unendlichen Empirie, welche ihn fortwährend zu *bestätigen* scheint. Das „Ding“ -- das ist das eigentliche Substrat zu ~A~; *unser Glaube an Dinge* ist die Voraussetzung für den Glauben an die Logik. Das ~A~ der Logik ist wie das Atom eine Nachkonstruktion des „Dinges“...Indem wir das nicht begreifen und aus der Logik ein Kriterium des *wahren Seins* machen, sind wir bereits auf dem Wege, alle jene Hypostasen: Substanz, Prädikat, Objekt, Subjekt, Aktion usw. als Realitäten zu setzen: das heißt eine metaphysische Welt zu konzipieren, das heißt eine „wahre Welt“ (-- *diese ist aber die scheinbare Welt noch einmal*...).
Die ursprünglichsten Denkakte, das Bejahen und Verneinen, das Für-wahr-halten und das Nicht-für-wahr-halten, sind, insofern sie nicht nur eine Gewohnheit, sondern ein Recht voraussetzen, überhaupt für wahr zu halten oder für unwahr zu halten, bereits von einem Glauben beherrscht, *daß es für uns Erkenntnis gibt*, daß *Urteilen wirklich die Wahrheit treffen könne*: -- kurz, die Logik zweifelt nicht, etwas vom An-sich-Wahren aussagen zu können (nämlich, daß ihm nicht entgegengesetzte Prädikate zukommen *können*).
Hier *regiert* das sensualistische grobe Vorurteil, daß die Empfindungen uns *Wahrheiten* über die Dinge lehren, -- daß ich nicht zu gleicher Zeit von ein und demselben Ding sagen kann, es ist *hart* und es ist *weich*. (Der instinktive Beweis, „ich kann nicht zwei entgegengesetzte Empfindungen zugleich haben“ -- *ganz grob* und *falsch*.)
Das begriffliche Widerspruchsverbot geht von dem Glauben aus, daß wir Begriffe bilden *können*, daß ein Begriff das Wesen eines Dinges nicht nur bezeichnet, sondern *faßt*.. Tatsächlich gilt die *Logik* (wie die Geometrie und Arithmetik) nur von *fingierten Wesenheiten, die wir geschaffen haben*. Logik ist der Versuch, *nach einem von uns gesetzten Seinsschema die wirkliche Welt zu begreifen, richtiger: uns formulierbar, berechenbar zu machen*...340.
Gleichheit und Ähnlichkeit.
1. Das gröbere Organ sieht viel scheinbare Gleichheit; 2. der Geist *will* Gleichheit, das heißt einen Sinneneindruck subsummieren unter eine vorhandene Reihe: ebenso wie der Körper Unorganisches sich *assimiliert*.
Zum Verständnis der *Logik*: *der Wille zur Gleichheit ist der Wille zur Macht* -- der Glaube, daß etwas so und so *sei* (das Wesen des *Urteils*), ist die Folge eines Willens, es *soll* so viel als möglich gleich sein.
341.
Die Logik ist geknüpft an die Bedingung: *gesetzt, es gibt identische Fälle*. Tatsächlich, damit logisch gedacht und geschlossen werde, *muß diese* Bedingung erst als erfüllt fingiert werden. Das heißt: der Wille zur *logischen Wahrheit* kann erst sich vollziehen, nachdem eine grundsätzliche *Fälschung* alles Geschehens angenommen ist. Woraus sich ergibt, daß hier ein Trieb waltet, der beider Mittel fähig ist, zuerst der Fälschung und dann der Durchführung seines Gesichtspunktes: die Logik stammt nicht aus dem Willen zur Wahrheit.
342.
Die logische Bestimmtheit, Durchsichtigkeit als Kriterium der Wahrheit („~omne illud verum est, quod clare et distincte percipitur~“ Descartes): damit ist die mechanische Welthypothese erwünscht und glaublich.
Aber das ist eine grobe Verwechslung: wie ~simplex sigillum veri~.
Woher weiß man das, daß die wahre Beschaffenheit der Dinge in *diesem* Verhältnis zu unserm Intellekt steht? -- Wäre es nicht anders? daß die ihm am meisten das Gefühl von Macht und Sicherheit gebende Hypothese am meisten von ihm *bevorzugt, geschätzt und folglich* als *wahr* bezeichnet wird? -- Der Intellekt setzt sein *freiestes* und *stärkstes Vermögen* und *Können* als Kriterium der Wertvollsten, folglich *Wahren*...„Wahr“: von seiten des Gefühls aus --: was das Gefühl am stärksten erregt („Ich“); von seiten des Denkens aus --: was dem Denken das größte Gefühl von Kraft gibt; von seiten des Tastens, Sehens, Hörens aus --: wobei am stärksten Widerstand zu leisten ist.
Also die *höchsten Grade in der Leistung* erwecken für das *Objekt* den Glauben an dessen „Wahrheit“, das heißt *Wirklichkeit*. Das Gefühl der Kraft, des Kampfes, des Widerstandes überredet dazu, daß es etwas *gibt*, dem hier widerstanden wird.
343.
Das *Urteil* -- das ist der Glaube: „dies und dies ist so.“ Also steckt im Urteil das Geständnis, einem „identischen Fall“ begegnet zu sein: es setzt also Vergleichung voraus, mit Hilfe des Gedächtnisses. Das Urteil schafft es *nicht*, daß ein identischer Fall da zu sein scheint.
Vielmehr es glaubt einen solchen wahrzunehmen; es arbeitet unter der Voraussetzung, daß es überhaupt identische Fälle gibt. Wie heißt nun jene Funktion, die viel *älter*, früher arbeitend sein muß, welche an sich ungleiche Fälle ausgleicht und verähnlicht? Wie heißt jene zweite, welche auf Grund dieser ersten usw. „Was gleiche Empfindungen erregt, ist gleich“: wie aber heißt das, was Empfindungen gleich macht, als gleich „nimmt“? -- Es könnte gar keine Urteile geben, wenn nicht erst innerhalb der Empfindungen eine Art Ausgleichung geübt wäre: Gedächtnis ist nur möglich mit einem beständigen Unterstreichen des schon Gewohnten, Erlebten. -- *Bevor* geurteilt wird, *muß der Prozeß der Assimilation schon getan sein*: also liegt auch hier eine intellektuelle Tätigkeit vor, die nicht ins Bewußtsein fällt, wie beim Schmerz infolge einer Verwundung. Wahrscheinlich entspricht allen organischen Funktionen ein inneres Geschehen, also ein Assimilieren, Ausscheiden, Wachsen usw.
Wesentlich: vom *Leib* ausgehen und ihn als Leitfaden zu benutzen. Er ist das viel reichere Phänomen, welches deutlichere Beobachtung zuläßt.
Der Glaube an den Leib ist besser festgestellt, als der Glaube an den Geist.
„Eine Sache mag noch so stark geglaubt werden: darin liegt kein Kriterium der Wahrheit.“ Aber was ist Wahrheit? Vielleicht eine Art Glaube, welche zur Lebensbedingung geworden ist? Dann freilich wäre die *Stärke* ein Kriterium, zum Beispiel in betreff der Kausalität.
344.
*Grundlösung.* -- Wir glauben an die Vernunft: diese aber ist die Philosophie der grauen *Begriffe*. Die Sprache ist auf die allernaivsten Vorurteile hin gebaut.
Nun lesen wir Disharmonien und Probleme in die Dinge hinein, weil wir *nur* in der sprachlichen Form *denken*, -- somit die „ewige Wahrheit“ der „Vernunft“ glauben (zum Beispiel Subjekt, Prädikat usw.).
*Wir hören auf zu denken, wenn wir es nicht in dem sprachlichen Zwange tun wollen*, wir langen gerade noch bei dem Zweifel an, hier eine Grenze als Grenze zu sehen.
*Das vernünftige Denken ist ein Interpretieren nach einem Schema, welches wir nicht abwerfen können.* 345.
Der ganze Erkenntnisapparat ist ein Abstraktions- und Simplifikationsapparat -- nicht auf Erkenntnis gerichtet, sondern auf *Bemächtigung* der Dinge: „Zweck“ und „Mittel“ sind so fern vom Wesen wie die „Begriffe“. Mit „Zweck“ und „Mittel“ bemächtigt man sich des Prozesses (-- man *erfindet* einen Prozeß, der faßbar ist), mit „Begriffen“ aber der „Dinge“, welche den Prozeß machen.
346.
Die erfinderische Kraft, welche Kategorien erdichtet hat, arbeitete im Dienst des Bedürfnisses, nämlich von Sicherheit, von schneller Verständlichkeit auf Grund von Zeichen und Klängen, von Abkürzungsmitteln: -- es handelt sich nicht um metaphysische Wahrheiten sind es, welche die Namen der Dinge zum Gesetz gemacht haben, und unter den Mächtigen sind es die größten Abstraktionskünstler, die die Kategorien geschaffen haben.
347.
Nicht „erkennen“, sondern schematisieren, -- dem Chaos so viel Regularität und Formen auflegen, als es unserm praktischen Bedürfnis genugtut.
In der Bildung der Vernunft, der Logik, der Kategorien ist das *Bedürfnis* maßgebend gewesen: das Bedürfnis, nicht zu „erkennen“, sondern zu subsummieren, zu schematisieren, zum Zweck der Verständigung, der Berechnung...(Das Zurechtmachen, das Ausdichten zum Ähnlichen, Gleichen, -- derselbe Prozeß, den jeder Sinneseindruck durchmacht, ist die Entwicklung der Vernunft!) Hier hat nicht eine präexistente „Idee“ gearbeitet: sondern die Nützlichkeit, daß nur, wenn wir grob und gleichgemacht die Dinge sehen, sie für uns berechenbar und handlich werden...Die *Finalität* in der Vernunft ist eine Wirkung, keine Ursache: bei jeder anderen Art Vernunft, zu der es fortwährend Ansätze gibt, mißrät das Leben, -- es wird unübersichtlich --, zu ungleich -- Die Kategorien sind „Wahrheiten“ nur in dem Sinne, als sie lebenbedingend für uns sind: wie der Euklidische Raum eine solche bedingte „Wahrheit“ ist. (An sich geredet: da niemand die Notwendigkeit, daß es gerade Menschen gibt, aufrecht erhalten wird, ist die Vernunft, so wie der Euklidische Raum, eine bloße Idiosynkrasie bestimmter Tierarten, und eine neben vielen anderen...)
Die subjektive Nötigung, hier nicht widersprechen zu können, ist eine biologische Nötigung: der Instinkt der Nützlichkeit, so zu schließen wie wir schließen, steckt uns im Leibe, wir sind beinahe dieser Instinkt...Welche Naivität aber, daraus einen Beweis zu ziehen, daß wir damit eine „Wahrheit an sich“ besäßen!...Das Nicht-widersprechen-können beweist ein Unvermögen, nicht eine „Wahrheit“.
348.
„Erkennen“ ist ein *Zurückbeziehen*: seinem Wesen nach ein ~regressus in infinitum~. Was Halt macht (bei einer angeblichen ~causa prima~, bei einem Unbedingten usw.) ist die *Faulheit*, die Ermüdung -- -- 349.
Wissenschaft -- Umwandlung der Natur in Begriffe zum Zweck der Beherrschung der Natur -- das gehört in die Rubrik „*Mittel*“.
Aber der *Zweck* und *Wille* des Menschen muß ebenso *wachsen*, die Absicht in Hinsicht auf das Ganze.
350.
Die Wissenschaft -- das war bisher die Beseitigung der vollkommenen Verworrenheit der Dinge durch Hypothesen, welche alles „erklären“, -- also aus dem Widerwillen des Intellekts an dem Chaos. -- Dieser selbe Widerwille ergreift mich bei der Betrachtung *meiner selber*: die innere Welt möchte ich auch durch ein Schema mir bildlich vorstellen und über die intellektuelle Verworrenheit hinauskommen. Die Moral war eine solche *Vereinfachung*: sie lehrte den Menschen als *erkannt*, als *bekannt*. -- Nun haben wir die Moral vernichtet -- wir selber sind uns wieder *völlig dunkel* geworden! Ich weiß, daß ich *von mir* nichts weiß. Die *Physik* ergibt sich als eine *Wohltat* für das Gemüt: die Wissenschaft (als der Weg zur *Kenntnis*) bekommt einen neuen Zauber nach der Beseitigung der Moral -- und *weil* wir hier *allein* Konsequenz finden, so müssen wir unser Leben darauf *einrichten*, sie uns zu *erhalten*. Dies ergibt eine Art *praktischen Nachdenkens* über *unsre Existenzbedingungen* als Erkennenden.
351.
Wir finden als das Stärkste und fortwährend Geübte auf allen Stufen des Lebens das *Denken*, -- in jedem Perzipieren und scheinbaren Erleiden auch noch! Offenbar wird es dadurch am *mächtigsten* und *anspruchsvollsten*, und auf die Dauer tyrannisiert es alle anderen Kräfte. Es wird endlich die „Leidenschaft an sich“.
352.
Es ist nicht genug, daß du einsiehst, in welcher Unwissenheit Mensch und Tier lebt: du mußt auch noch den *Willen* zur Unwissenheit haben und hinzulernen. Es ist dir nötig, zu begreifen, daß ohne diese Art Unwissenheit das Leben selber unmöglich wäre, daß sie eine Bedingung ist, unter welcher das Lebendige allein sich erhält und gedeiht: eine große, feste Glocke von Unwissenheit muß um dich stehen.
353.
Wir wissen, daß die Zerstörung einer Illusion noch keine Wahrheit ergibt, sondern nur ein *Stück Unwissenheit* mehr, eine Erweiterung unseres „leeren Raumes“, einen Zuwachs unserer „Öde“ -- 354.
Die Entwicklung der Wissenschaft löst das „Bekannte“ immer mehr in ein Unbekanntes auf: -- sie *will* aber gerade das *Umgekehrte* und geht von dem Instinkt aus, das Unbekannte auf das Bekannte zurückzuführen.
~In summa~ bereitet die Wissenschaft eine *souveräne Unwissenheit* vor, ein Gefühl, daß „Erkennen“ gar nicht vorkommt, daß es eine Art Hochmut war, davon zu träumen, mehr noch, daß wir nicht den geringsten Begriff übrig behalten, um auch nur „Erkennen“ als eine *Möglichkeit* gelten zu lassen, -- daß „Erkennen“ selbst eine widerspruchsvolle Vorstellung ist. Wir *übersetzen* eine uralte Mythologie und Eitelkeit des Menschen in die harte Tatsache: so wenig „Ding an sich“, so wenig ist „Erkenntnis an sich“ noch *erlaubt* als Begriff. Die Verführung durch „Zahl und Logik“, die Verführung durch die „Gesetze“.
„*Weisheit*“ als Versuch, über die perspektivischen Schätzungen (das heißt über den „Willen zur Macht“) *hinweg* zu kommen: ein lebensfeindliches und auflösendes Prinzip, Symptom wie bei den Indern usw., *Schwächung* der Aneignungskraft.
355.
Das Recht auf den großen *Affekt* -- für den Erkennenden wieder zurückzugewinnen! nachdem die Entselbstung und der Kultus des „Objektiven“ eine falsche Rangordnung auch in dieser Sphäre geschaffen haben. Der Irrtum kam auf die Spitze, als Schopenhauer lehrte: *eben im Loskommen vom Affekt*, vom Willen liege der einzige Zugang zum „Wahren“, zur Erkenntnis; der willensfreie Intellekt *könne gar nicht anders*, als das wahre, eigentliche Wesen der Dinge sehen.
Derselbe Irrtum ~in arte~: als ob alles *schön* wäre, sobald es ohne Willen angeschaut wird.
356.
Keine „*moralische* Erziehung“ des Menschengeschlechts: sondern die *Zwangsschule der wissenschaftlichen Irrtümer* ist nötig, weil die „Wahrheit“ degoutiert und das Leben verleidet, -- vorausgesetzt, daß der Mensch nicht schon unentrinnbar in seine *Bahn* gestoßen ist und seine redliche *Einsicht* mit einem tragischen Stolze auf sich nimmt.
357.
Die wertvollsten Einsichten werden am spätesten gefunden: aber die wertvollsten Einsichten sind die *Methoden*.
Alle Methoden, alle Voraussetzungen unsrer jetzigen Wissenschaft haben jahrtausendelang die tiefste Verachtung gegen sich gehabt: auf sie hin ist man aus dem Verkehr mit *honetten* Menschen ausgeschlossen worden, -- man galt als „*Feind Gottes*“, als Verächter des höchsten Ideals, als „Besessener“.
Wir haben das ganze *Pathos* der Menschheit gegen uns gehabt, -- unser Begriff von dem, was die „Wahrheit“ sein soll, was der Dienst der Wahrheit sein soll, unsre Objektivität, unsre Methode, unsre stille, vorsichtige, mißtrauische Art war vollkommen *verächtlich*...Im Grunde war es ein ästhetischer Geschmack, was die Menschheit am längsten gehindert hat: sie glaubte an den pittoresken Effekt der Wahrheit, sie verlangte vom Erkennenden, daß er stark auf die Phantasie wirke.
Das sieht aus, als ob ein *Gegensatz* erreicht, ein *Sprung* gemacht worden sei: in Wahrheit hat jene Schulung durch die Moralhyperbeln Schritt für Schritt jenes *Pathos milderer Art* vorbereitet, das als wissenschaftlicher Charakter leibhaft wurde...Die *Gewissenhaftigkeit im Kleinen*, die Selbstkontrolle des religiösen Menschen war eine Vorschule zum wissenschaftlichen Charakter: vor allem die Gesinnung, welche *Probleme ernst nimmt*, noch abgesehen davon, was persönlich dabei für einen herauskommt...358.
Nicht der Sieg der *Wissenschaft* ist das, was unser 19. Jahrhundert auszeichnet, sondern der Sieg der wissenschaftlichen *Methode* über die Wissenschaft.
c. Ursache und Wirkung.
359.
*Kritik des Begriffs „Ursache“.* -- Wir haben absolut keine Erfahrung über eine *Ursache*; psychologisch nachgerechnet, kommt uns der ganze Begriff aus der subjektiven Überzeugung, daß *wir* Ursache sind, nämlich, daß der Arm sich bewegt...*Aber das ist ein Irrtum.* Wir unterscheiden uns, die Täter, vom Tun, und von diesem Schema machen wir überall Gebrauch, -- wir suchen nach einem Täter zu jedem Geschehen.
Was haben wir gemacht? Wir haben ein Gefühl von Kraft, Anspannung, Widerstand, ein Muskelgefühl, das schon der Beginn der Handlung ist, als Ursache *mißverstanden*, oder den *Willen*, das und das zu tun, weil auf ihn die Aktion folgt, als Ursache verstanden.
„Ursache“ kommt gar nicht vor: von einigen Fällen, wo sie uns gegeben schien, und wo wir aus uns sie projiziert haben zum *Verständnis des Geschehens*, ist die Selbsttäuschung nachgewiesen. Unser „Verständnis eines Geschehens“ bestand darin, daß wir ein Subjekt erfanden, welches verantwortlich wurde dafür, daß etwas geschah, und wie es geschah.
Wir haben unser Willensgefühl, unser „Freiheits“-gefühl, unser Verantwortlichkeitsgefühl und unsre Absicht zu einem Tun in den Begriff der Grundkonzeption eins.
Wir meinten, eine Wirkung sei erklärt, wenn ein Zustand aufgezeigt würde, dem sie bereits inhäriert. Tatsächlich erfinden wir alle Ursachen nach dem Schema der Wirkung: letztere ist uns bekannt...Umgekehrt sind wir außerstande, von irgendeinem Dinge vorauszusagen, was es „wirkt“. Das Ding, das Subjekt, der Wille, die Absicht -- alles inhäriert der Konzeption „Ursache“. Wir suchen nach Dingen, um zu erklären, weshalb sich etwas verändert hat. Selbst noch das Atom ist ein solches hinzugedachtes „Ding“ und „Ursubjekt“...Endlich begreifen wir, daß Dinge -- folglich auch Atome -- nichts wirken: *weil sie gar nicht da sind*, -- daß der Begriff Kausalität vollkommen unbrauchbar ist. -- Aus einer notwendigen Reihenfolge von Zuständen folgt *nicht* deren Kausalverhältnis (-- das hieße deren *wirkende Vermögen* von eins auf zwei, auf drei, auf vier, auf fünf springen machen). *Es gibt weder Ursachen noch Wirkungen.* Sprachlich wissen wir davon nicht loszukommen. Aber daran liegt nichts. Wenn ich den *Muskel* von seinen „Wirkungen“ getrennt denke, so habe ich ihn ~Causa~ ist ein *Vermögen zu wirken*, hinzu erfunden zum Geschehen...*Die Kausalitätsinterpretation eine Täuschung*...Ein „Ding“ ist die Summe seiner Wirkungen, synthetisch gebunden durch einen Begriff, Bild. Tatsächlich hat die Wissenschaft den Begriff Kausalität seines Inhalts entleert und ihn übrig behalten zu einer Gleichnisformel, bei der es im Grunde gleichgültig geworden ist, auf welcher Seite Ursache oder Wirkung. Es wird behauptet, daß in zwei Komplexzuständen (Kraftkonstellationen) die Quanten Kraft gleich blieben.
Die *Berechenbarkeit eines Geschehens* liegt nicht darin, daß eine Regel befolgt wurde, oder einer Notwendigkeit gehorcht wurde, oder ein Gesetz von Kausalität von uns in jedes Geschehen projiziert wurde --: sie liegt in der *Wiederkehr „identischer Fälle“*.
Es gibt nicht, wie Kant meint, einen *Kausalitätssinn*. Man wundert sich, man ist beunruhigt, man will etwas Bekanntes, woran man sich halten kann...Sobald im Neuen uns etwas Altes aufgezeigt wird, sind wir beruhigt. Der angebliche Kausalitätsinstinkt ist nur die *Furcht vor dem Ungewohnten* und der Versuch, in ihm etwas *Bekanntes* zu entdecken, -- ein Suchen nicht nach Ursachen, sondern nach Bekanntem.
360.
In jedem Urteile steckt der ganze, volle, tiefe Glaube an Subjekt und Prädikat oder an Ursache und Wirkung (nämlich als die Behauptung, daß jede Wirkung Tätigkeit sei und daß jede Tätigkeit einen Täter voraussetze); und dieser letztere Glaube ist sogar nur ein Einzelfall des ersteren, so daß als Grundglaube der Glaube übrig bleibt: es gibt Subjekte; alles, was geschieht, verhält sich prädikativ zu irgend welchem Subjekte.
Ich bemerke etwas und suche nach einem *Grund* dafür: das heißt ursprünglich: ich suche nach einer *Absicht* darin, und vor allem nach einem, der Absicht hat, nach einem Subjekt, einem Täter: alles Geschehen ein Tun, -- ehemals sah man in *allem* Geschehen Absichten, dies ist unsere älteste Gewohnheit. Hat das Tier sie auch? Ist es, als Lebendiges, nicht auch auf die Interpretation nach sich angewiesen? Die Frage „warum?“ ist immer die Frage nach der ~causa finalis~, nach einem „Wozu?“ Von einem „Sinn der ~causa efficiens~“ haben wir nichts: hier hat *Hume* recht, die Gewohnheit (aber *nicht* nur die des Individuums!) läßt uns erwarten, daß ein gewisser, oft beobachteter Vorgang auf den andern folgt: weiter nichts! Was uns die außerordentliche Festigkeit des Glaubens an Kausalität gibt, ist *nicht* die große Gewohnheit des Hintereinanders von Vorgängen, sondern unsre *Unfähigkeit*, ein Geschehen anders *interpretieren* zu können denn als ein Geschehen aus *Absichten*. Es ist der *Glaube* an das Lebendige und Denkende als an das einzig *Wirkende* -- an den Willen, die Absicht --, es ist der Glaube, daß alles Geschehen ein Tun sei, daß alles Tun einen Täter voraussetze, es ist der Glaube an das „Subjekt“.
Sollte dieser Glaube an den Subjekt- und Prädikatbegriff nicht eine große Dummheit sein?
Frage: ist die Absicht Ursache eines Geschehens? Oder ist auch das Illusion? Ist sie nicht das Geschehen selbst?
361.
*Zur Bekämpfung des Determinismus und der Teleologie.* -- Daraus, daß etwas regelmäßig erfolgt und berechenbar erfolgt, ergibt sich nicht, daß es *notwendig* erfolgt. Daß ein Quantum Kraft sich in jedem bestimmten Falle auf eine einzige Art und Weise bestimmt und benimmt, macht es nicht zum „unfreien Willen“. Die „mechanische Notwendigkeit“ ist kein Tatbestand: *wir* erst haben sie in das Geschehen hineininterpretiert. Wir haben die *Formulierbarkeit* des Geschehens ausgedeutet als Folge einer über dem Geschehen waltenden Nezessität.
Aber daraus, daß ich etwas Bestimmtes tue, folgt keineswegs, daß ich es gezwungen tue. Der *Zwang* ist in den Dingen gar nicht nachweisbar: die Regel beweist nur, daß ein und dasselbe Geschehen nicht auch ein anderes Geschehen ist. Erst dadurch, daß wir Subjekte, „*Täter*“ in die Dinge hineingedeutet haben, entsteht der Anschein, daß alles Geschehen die Folge von einem auf Subjekte ausgeübten *Zwange* ist, -- ausgeübt von wem? wiederum von einem „Täter“. Ursache und Wirkung -- ein gefährlicher Begriff, solange man ein *Etwas* denkt, das *verursacht*, und ein Etwas, auf das *gewirkt* wird.
a) Die Notwendigkeit ist kein Tatbestand, sondern eine Interpretation.
b) Hat man begriffen, daß das „Subjekt“ nichts ist, was *wirkt*, sondern nur eine Fiktion, so folgt vielerlei.
Wir haben nur nach dem Vorbilde des Subjekts die *Dinglichkeit* erfunden und in den Sensationenwirrwarr hineininterpretiert. Glauben wir nicht mehr an das *wirkende* Subjekt, so fällt auch der Glaube an *wirkende* Dinge, an Wechselwirkung, Ursache und Wirkung zwischen jenen Phänomenen, die wir Dinge nennen.
Es fällt damit natürlich auch die Welt der *wirkenden Atome*: deren Annahme immer unter der Voraussetzung gemacht ist, daß man Subjekte braucht.
Es fällt endlich auch das „*Ding an sich*“: weil das im Grunde die Konzeption eines „Subjekts an sich“ ist. Aber wir begriffen, daß das Subjekt fingiert ist. Der Gegensatz „Ding an sich“ und „Erscheinung“ ist unhaltbar; damit aber fällt auch der Begriff „*Erscheinung*“ dahin.
c) Geben wir das wirkende *Subjekt* auf, so auch das *Objekt*, auf das gewirkt wird. Die Dauer, die Gleichheit mit sich selbst, das Sein inhäriert weder dem, was Subjekt, noch dem, was Objekt genannt wird: es sind Komplexe des Geschehens, in Hinsicht auf andere Komplexe scheinbar dauerhaft, -- also zum Beispiel durch eine Verschiedenheit im Tempo des Geschehens (Ruhe -- Bewegung, fest -- locker: alles Gegensätze, die nicht an sich existieren und mit denen tatsächlich nur *Gradverschiedenheiten* ausgedrückt werden, die für ein gewisses Maß von Optik sich als Gegensätze ausnehmen. Es gibt keine Gegensätze: nur von denen der Logik her haben wir den Begriff des Gegensatzes -- und von da aus fälschlich in die Dinge übertragen).
d) Geben wir den Begriff „Subjekt“ und „Objekt“ auf, dann auch den Begriff „*Substanz*“ -- und folglich auch dessen verschiedene Modifikationen, zum Beispiel, „Materie“, „Geist“ und andere hypothetische Wesen, „Ewigkeit und Unveränderlichkeit des Stoffs“ usw.
Wir sind die *Stofflichkeit* los.
Moralisch ausgedrückt, *ist die Welt falsch*. Aber insofern die Moral selbst ein Stück dieser Welt ist, so ist die Moral falsch.
Der Wille zur Wahrheit ist ein Fest*machen*, ein Wahr-, Charakters, eine Umdeutung desselben ins *Seiende*. „Wahrheit“ ist somit nicht etwas, das da wäre und das aufzufinden, zu entdecken wäre, -- sondern etwas, *das zu schaffen ist* und das den Namen für einen *Prozeß abgibt*, mehr noch für einen Willen der Überwältigung, der an sich kein Ende hat: Wahrheit hineinlegen, als ein ~processus von etwas, das an sich fest und bestimmt wäre. Es ist ein Wort für den „Willen zur Macht“.
Das Leben ist auf die Voraussetzung eines Glaubens an Dauerndes und Regulär-Wiederkehrendes gegründet; je mächtiger das Leben, um so breiter muß die erratbare, gleichsam *seiend gemachte* Welt sein.
Logisierung, Rationalisierung, Systematisierung als Hilfsmittel des Lebens.
Der Mensch projiziert seinen Trieb zur Wahrheit, sein „Ziel“ in einem gewissen Sinne außer sich als *seiende* Welt, als metaphysische Welt, als „Ding an sich“, als bereits vorhandene Welt. Sein Bedürfnis als Schaffender *erdichtet* bereits die Welt, an der er arbeitet, nimmt sie vorweg; diese Vorwegnahme (dieser „Glaube“ an die Wahrheit) ist seine Stütze.
Alles Geschehen, alle Bewegung, alles Werden als ein Feststellen von Grad- und Kraftverhältnissen, als ein *Kampf*...Sobald wir uns jemanden *imaginieren*, der verantwortlich ist dafür, daß wir so und so sind usw. (Gott, Natur), ihm also unsre Existenz, unser Glück und Elend als *Absicht* zulegen, verderben wir uns die *Unschuld des Werdens*. Wir haben dann jemanden, der durch uns und mit uns etwas erreichen will.
Das „Wohl des Individuums“ ist ebenso imaginär als das „Wohl der Gattung“: das erstere wird nicht dem letzteren geopfert, Gattung ist, aus der Ferne betrachtet, etwas ebenso Flüssiges wie Individuum.
„*Erhaltung* der Gattung“ ist nur eine Folge des *Wachstums* der Gattung, das heißt der *Überwindung der Gattung* auf dem Wege zu einer stärkeren Art.
Thesen. -- Daß die anscheinende „*Zweckmäßigkeit*“ („die aller menschlichen Kunst unendlich überlegene Zweckmäßigkeit“) bloß die Folge jenes in allem Geschehen sich abspielenden *Willens zur Macht* ist --: daß das *Stärkerwerden* Ordnungen mit sich bringt, die einem Zweckmäßigkeitsentwurf ähnlich sehen --: daß die anscheinenden *Zwecke* nicht beabsichtigt sind, aber, sobald die Übermacht über eine geringere Macht erreicht ist und letztere als Funktion der größeren arbeitet, eine Ordnung des *Ranges*, der Organisation den Anschein einer Ordnung von Mittel und Zweck erwecken muß.
Gegen die anscheinende „*Notwendigkeit*“: -- diese nur ein *Ausdruck* dafür, daß eine Kraft nicht auch etwas anderes ist.
Gegen die anscheinende „*Zweckmäßigkeit*“: -- letztere nur ein *Ausdruck* für eine Ordnung von Machtsphären und deren Zusammenspiel.
362.
„Es mußte in der Ausbildung des Denkens der Punkt eintreten, wo es zum Bewußtsein kam, daß das, was man als *Eigenschaften der Dinge* bezeichnete, Empfindungen des empfindenden Subjekts seien: damit hörten die Eigenschaften auf, dem Dinge anzugehören.“ Es blieb „das Ding an sich“ übrig. Die Unterscheidung zwischen Ding an sich und des Dinges für uns basiert auf der älteren, naiven Wahrnehmung, die dem Dinge Energie beilegte: aber die Analyse ergab, daß auch die Kraft hineingedichtet worden ist, und ebenso -- die Substanz. „Das Ding affiziert ein Subjekt“? Wurzel der Substanzvorstellung in der Sprache, nicht im Außer-uns-Seienden! Das Ding an sich ist gar kein Problem!
Das Seiende wird als Empfindung zu denken sein, welcher nichts Empfindungsloses mehr zugrunde liegt.
In der Bewegung ist kein neuer *Inhalt* der Empfindung gegeben. Das Seiende kann nicht inhaltliche Bewegung sein: also *Form* des Seins.
Nebenbei: Die *Erklärung* des Geschehens kann versucht werden einmal: durch Vorstellung von Bildern des Geschehens, die ihm *voranlaufen* (Zwecke); zweitens: durch Vorstellung von Bildern, die ihm *nachlaufen* (die mathematisch-physikalische Erklärung).
Beide soll man nicht durcheinanderwerfen. Also: die physische Erklärung, welche die Verbildlichung der Welt ist aus Empfindung und Denken, kann nicht selber wieder das Empfinden und Denken ableiten und entstehen machen: vielmehr muß die Physik auch die empfindende Welt *konsequent als ohne Empfindung und Zweck* konstruieren -- bis hinauf zum höchsten Menschen. Und die teleologische ist nur eine *Geschichte der Zwecke* und *nie* physikalisch!
363.
Die Auslegung eines Geschehens als *entweder* Tun *oder* Leiden (--