Schwachen; die Pöbel-Ranküne als *Richterin* („in der Politik hat man seit hundert Jahren einen Kranken als Führer genommen“).
8.
Die *beiden großen Tentativen*, die gemacht worden sind, das 18.
Jahrhundert zu überwinden: *Napoleon*, indem er den Mann, den Soldaten und den großen Kampf um Macht wieder aufweckte -- Europa als politische Einheit konzipierend; *Goethe*, indem er eine europäische Kultur imaginierte, die die volle Erbschaft der schon *erreichten* Humanität macht.
Die deutsche Kultur dieses Jahrhunderts erweckt Mißtrauen -- in der Musik fehlt jenes volle, erlösende und bindende Element Goethe -- 9.
*Schopenhauer als Nachschlag (Zustand vor der Revolution)*: -- Mitleid, Sinnlichkeit, Kunst, Schwäche des Willens, Katholizismus der geistigsten Begierden -- das ist gutes achtzehntes Jahrhundert ~au fond~.
*Schopenhauers* Grundmißverständnis des *Willens* (wie als ob Begierde, Instinkt, Trieb das *Wesentliche* am Willen sei) ist typisch: Werterniedrigung des Willens bis zur Verkennung. Insgleichen Haß gegen das Wollen; Versuch, in dem Nicht-mehr-wollen, im „Subjektsein *ohne* Ziel und Absicht“ (im „reinen willensfreien Subjekt“) etwas Höheres, *ja das* Höhere, das Wertvolle zu sehen. Großes Symptom der *Ermüdung* oder der *Schwäche* des *Willens*: denn dieser ist ganz eigentlich das, was die Begierden als Herr behandelt, ihnen Weg und Maß weist...10.
Henrik Ibsen ist mir sehr deutlich geworden. Mit all seinem robusten Idealismus und „Willen zur Wahrheit“ hat er sich nicht von dem Moral-Illusionismus frei zu machen gewagt, welcher „Freiheit“ sagt und sich nicht eingestehen will, was Freiheit ist: die zweite Stufe in der Metamorphose des „Willens zur Macht“ seitens derer, denen sie fehlt.
Auf der ersten verlangt man Gerechtigkeit von Seiten derer, welche die Macht haben. Auf der zweiten sagt man „Freiheit“, das heißt, man will „loskommen“ von denen, welche die Macht haben. Auf der dritten sagt man „*gleiche Rechte*“, das heißt, man will, so lange man noch nicht das Übergewicht hat, auch die Mitbewerber hindern, in der Macht zu wachsen.
11.
*Kritik des modernen Menschen*: -- „der gute Mensch“, nur verdorben und verführt durch schlechte Institutionen (Tyrannen und Priester); -- die Vernunft als Autorität; -- die Geschichte als Überwindung von Irrtümern; -- die Zukunft als Fortschritt; -- der christliche Staat („der Gott der Heerscharen“); -- der christliche Geschlechtsbetrieb (oder die Ehe); -- das Reich der „Gerechtigkeit“ (der Kultus der Die *romantische* Attitüde des modernen Menschen: -- der edle Mensch (Byron, Victor Hugo, George Sand); -- die edle Entrüstung; -- die Heiligung durch die Leidenschaft (als wahre „Natur“); -- die Parteinahme für die Unterdrückten und Schlechtweggekommenen: Motto der Historiker und Romanziers; -- die Stoiker der Pflicht; -- die „Selbstlosigkeit“ als Kunst und Erkenntnis; -- der Altruismus als verlogenste Form des Egoismus (Utilitarismus), gefühlsamster Egoismus.
Dies alles ist achtzehntes Jahrhundert. Was dagegen *nicht* sich aus ihm vererbt hat: die ~insouciance~, die Heiterkeit, die Eleganz, die geistige Helligkeit. Das Tempo des Geistes hat sich verändert; der Genuß an der geistigen Feinheit und Klarheit ist dem Genuß an der Farbe, Harmonie, Masse, Realität usw. gewichen. Sensualismus im Geistigen. Kurz, es ist das achtzehnte Jahrhundert *Rousseaus*.
12.
Meine Freunde, wir haben es hart gehabt, als wir jung waren: wir haben an der Jugend selber gelitten wie an einer schweren Krankheit. Das macht die Zeit, in die wir geworfen sind -- die Zeit eines großen inneren Verfalles und Auseinanderfalles, welche mit allen ihren Schwächen und noch mit ihrer besten Stärke dem Geiste der Jugend entgegenwirkt. Das Auseinanderfallen, also die Ungewißheit, ist dieser Zeit eigen: nichts steht auf festen Füßen und hartem Glauben an sich: man lebt für morgen, denn das Übermorgen ist zweifelhaft. Es ist alles glatt und gefährlich auf unserer Bahn, und dabei ist das Eis, das uns noch trägt, so dünn geworden: wir fühlen alle den warmen, unheimlichen Atem des Tauwindes -- wo wir noch gehen, da wird bald niemand mehr gehen *können*!
13.
Zur Geschichte der modernen Verdüsterung.
Die Staatsnomaden (Beamte usw.): ohne „Heimat“ -- Der Niedergang der Familie.
Der „gute Mensch“ als Symptom der Erschöpfung.
Gerechtigkeit als Wille zur Macht (Züchtung).
Geilheit und Neurose.
Der Anarchist.
Menschenverachtung, Ekel.
Tiefste Unterscheidung: ob der Hunger oder der Überfluß schöpferisch wird? Ersterer erzeugt die *Ideale der Romantik*. -- Nordische Unnatürlichkeit.
Das Bedürfnis nach ~Alcoholica~: die Arbeiter-„Not“.
Der philosophische Nihilismus.
14.
Das langsame Hervortreten und Emporkommen der mittleren und niederen Stände (eingerechnet der niederen Art Geist und Leib), welches schon vor der französischen Revolution reichlich präludiert und ohne Revolution ebenfalls seinen Weg vorwärts gemacht hätte, -- im Ganzen also das Übergewicht der Herde über alle Hirten und Leithämmel -- bringt mit sich 1. Verdüsterung des Geistes (-- das Beieinander eines stoischen und frivolen *Anscheins* von Glück, wie es vornehmen Kulturen eigen ist, nimmt ab; man läßt viele Leiden *sehen* und *hören*, welche man früher ertrug und verbarg); 2. die *moralische* Hypokrisie (eine Art, sich durch Moral *auszeichnen* zu wollen, aber durch die Herden-Tugenden: Mitleid, Fürsorge, Mäßigung, welche nicht außer dem Herden-Vermögen erkannt und gewürdigt werden); 3. eine *wirkliche* große Menge von Mitleiden und Mitfreude (das Wohlgefallen im großen Beieinander, wie es alle Herdentiere haben -- „Gemeinsinn“, „Vaterland“, alles, wo das Individuum nicht in Betracht kommt).
15.
Was heute am tiefsten angegriffen ist, das ist der Instinkt und der Wille der *Tradition*: alle Institutionen, die diesem Instinkt ihre Herkunft verdanken, gehen dem modernen Geiste wider den Geschmack...Im Grunde denkt und tut man nichts, was nicht den Zweck verfolgte, diesen Sinn für Überlieferung mit den Wurzeln herauszureißen. Man nimmt die Tradition als Fatalität; man studiert sie, man erkennt sie an (als „Erblichkeit“ --), aber man *will* sie nicht. Die Anspannung eines Willens über lange Zeitfernen hin, die Auswahl der Zustände und Wertungen, welche es machen, daß man über Jahrhunderte der Zukunft verfügen kann -- das gerade ist im höchsten Maße antimodern. Woraus sich ergibt, daß die *desorganisierenden* Prinzipien unserem Zeitalter den Charakter geben. -- 16.
Die ehemaligen Mittel, *gleichartige*, dauernde Wesen durch lange Geschlechter zu erzielen: unveräußerlicher Grundbesitz, Verehrung der Älteren (Ursprung des Götter- und Heroen-Glaubens als der Ahnherren).
Jetzt gehört die *Zersplitterung des Grundbesitzes* in die entgegengesetzte Tendenz: eine *Zeitung* (an Stelle der täglichen *Gebete*), Eisenbahn, Telegraph. Zentralisation einer ungeheuren Menge verschiedener Interessen in einer Seele: die *dazu* sehr stark und verwandlungsfähig sein muß.
17.
Die „*Modernität*“ unter dem Gleichnis von Ernährung und Verdauung. -- Die Sensibilität unsäglich reizbarer (-- unter moralistischem Aufputz: die Vermehrung des *Mitleids* --); die Fülle disparater Eindrücke größer als je: -- der *Kosmopolitismus* der Speisen, der Literaturen, Zeitungen, Formen, Geschmäcker, selbst Landschaften. Das *Tempo* dieser Einströmung ein *Prestissimo*; die Eindrücke wischen sich aus; man wehrt sich instinktiv, etwas hereinzunehmen, *tief* zu nehmen, etwas zu „verdauen“; -- Schwächung der Verdauungskraft resultiert daraus. Eine Art *Anpassung* an diese Überhäufung mit Eindrücken tritt ein: der Mensch verlernt zu *agieren*; *er reagiert nur noch* auf Erregungen von außen her. Er *gibt seine Kraft aus* teils in der *Aneignung*, teils in der *Verteidigung*, teils in der *Entgegnung*.
*Tiefe Schwächung der Spontaneität*: -- der Historiker, Kritiker, Analytiker, der Interpret, der Beobachter, der Sammler, der Leser, -- alles *reaktive* Talente, -- alle Wissenschaft!
Künstliche *Zurechtmachung* seiner Natur zum „Spiegel“; interessiert, aber gleichsam bloß epidermal-interessiert; eine grundsätzliche Kühle, ein Gleichgewicht, eine festgehaltene *niedere* Temperatur dicht unter der dünnen Fläche, auf der es Wärme, Bewegung, „Sturm“, Wellenspiel gibt.
Gegensatz der *äußeren* Beweglichkeit zu einer gewissen *tiefen Schwere und Müdigkeit*.
18.
Die *Zuchtlosigkeit des modernen Geistes* unter allerhand moralischem Aufputz. -- Die Prunkworte sind: die Toleranz (für „Unfähigkeit zu Ja und Nein“); ~la largeur de sympathie~ (= ein Drittel Indifferenz, ein Drittel Neugierde, ein Drittel krankhafte Erregbarkeit); die „Objektivität“ (= Mangel an Person, Mangel an Wille, Unfähigkeit zur „Liebe“); die „Freiheit“ gegen die Regel (Romantik); die „Wahrheit“ gegen die Fälscherei und Lügnerei (Naturalismus); die „Wissenschaftlichkeit“ (das „~document humain~“: auf Deutsch der Kolportageroman und die Addition -- statt der Komposition); die „Leidenschaft“ an Stelle der Unordnung und der Unmäßigkeit; die „Tiefe“ an Stelle der Verworrenheit, des Symbolen-Wirrwarrs.
19.
Man kennt die Art Mensch, welche sich in die Sentenz ~tout comprendre c'est tout pardonner~ verliebt hat. Es sind die Schwachen, es sind vor allem die Enttäuschten: wenn es an allem etwas zu verzeihen gibt, so gibt es auch an allem etwas zu verachten! Es ist die Philosophie der Enttäuschung, die sich hier so human in Mitleiden einwickelt und süß blickt.
Das sind Romantiker, denen der Glaube flöten ging: nun wollen sie wenigstens noch *zusehen*, wie alles läuft und verläuft. Sie nennen's 20.
Überarbeitung, Neugierde und Mitgefühl -- unsere *modernen Laster*.
21.
Wohin gehört unsre moderne Welt: in die Erschöpfung oder in den Aufgang? -- Ihre Vielheit und Unruhe bedingt durch die höchste Form des *Bewußtwerdens*.
22.
Die Deutschen *sind* noch nichts, aber sie *werden* etwas; also haben sie noch keine Kultur, -- also können sie noch keine Kultur haben! Das ist mein Satz: mag sich daran stoßen, wer es muß. -- Sie sind noch nichts: das heißt, sie sind allerlei. Sie *werden* etwas: das heißt, sie hören einmal auf, allerlei zu sein. Das letzte ist im Grunde nur ein Wunsch, kaum noch eine Hoffnung; glücklicherweise ein Wunsch, auf dem man leben kann, eine Sache des Willens, der Arbeit, der Zucht, der Züchtung so gut, als eine Sache des Unwillens, des Verlangens, der Entbehrung, des Unbehagens, ja der Erbitterung, -- kurz, wir Deutschen *wollen* etwas von uns, was man von uns noch nicht wollte -- wir wollen etwas *mehr*!
Daß diesem „Deutschen, wie er noch nicht ist“ -- etwas Besseres zukommt, als die heutige deutsche „Bildung“; daß alle „Werdenden“ ergrimmt sein müssen, wo sie eine Zufriedenheit auf diesem Bereiche, ein dreistes „Sich-zur-Ruhe-setzen“ oder „Sich-selbst-anräuchern“ wahrnehmen: das ist mein zweiter Satz, über den ich auch noch nicht umgelernt habe.
2. Wesen und Ursache.
23.
Was bedeutet Nihilismus? -- *Daß die obersten Werte sich entwerten.* Es fehlt das Ziel; es fehlt die Antwort auf das „Warum?“ 24.
Der *radikale Nihilismus* ist die Überzeugung einer absoluten Unhaltbarkeit des Daseins, wenn es sich um die höchsten Werte, die man anerkennt, handelt; hinzugerechnet die *Einsicht*, daß wir nicht das geringste Recht haben, ein Jenseits oder ein An-sich der Dinge anzusetzen, das „göttlich“, das leibhafte Moral sei.
Diese Einsicht ist eine Folge der großgezogenen „Wahrhaftigkeit“: somit selbst eine Folge des Glaubens an die Moral.
25.
Nihilismus. Er ist *zweideutig*: A. Nihilismus als Zeichen der *gesteigerten Macht des Geistes*: *der aktive Nihilismus*.
B. Nihilismus als *Niedergang und Rückgang der Macht des Geistes*: 26.
Der Nihilismus ein *normaler* Zustand.
Er kann ein Zeichen von *Stärke* sein, die Kraft des Geistes kann so angewachsen sein, daß ihr die *bisherigen* Ziele („Überzeugungen“, Glaubensartikel) unangemessen sind (-- ein Glaube nämlich drückt im allgemeinen den Zwang von *Existenzbedingungen* aus, eine Unterwerfung unter die Autorität von Verhältnissen, unter denen ein Wesen *gedeiht, wächst, Macht gewinnt*...); andrerseits ein Zeichen von *nicht genügender Stärke*, um produktiv sich nun auch wieder ein Ziel, ein Warum, einen Glauben zu *setzen*.
Sein *Maximum* von relativer Kraft erreicht er als gewalttätige Kraft Sein Gegensatz wäre der *müde* Nihilismus, der nicht mehr *angreift*: seine berühmteste Form der Buddhismus: als *passivischer* Nihilismus, als ein Zeichen von Schwäche: die Kraft des Geistes kann ermüdet, *erschöpft* sein, so daß die *bisherigen* Ziele und Werte unangemessen sind und keinen Glauben mehr finden --, daß die Synthesis der Werte und Ziele (auf der jede starke Kultur beruht) sich löst, so daß die einzelnen Werte sich Krieg machen: *Zersetzung* --, daß alles, was erquickt, heilt, beruhigt, betäubt, in den Vordergrund tritt, unter verschiedenen *Verkleidungen*, religiös oder moralisch, oder politisch, oder ästhetisch usw.
27.
Der Nihilismus stellt einen pathologischen *Zwischenzustand* dar (pathologisch ist die ungeheure Verallgemeinerung, der Schluß auf *gar keinen Sinn*): sei es, daß die produktiven Kräfte noch nicht stark genug sind, -- sei es, daß die ~décadence~ noch zögert und ihre Hilfsmittel noch nicht erfunden hat.
daß es keine absolute Beschaffenheit der Dinge, kein „Ding an sich“ gibt. -- *Dies ist selbst nur Nihilismus, und zwar der extremste.* Er legt den *Wert* der Dinge gerade dahinein, daß diesen Werten *keine* Realität entspricht und entsprach, sondern daß sie nur ein Symptom von Kraft auf Seiten der *Wert-Ansetzer* sind, eine Simplifikation zum *Zweck des Lebens*.
28.
Die Frage des Nihilismus „wozu?“ geht von der bisherigen Gewöhnung aus, vermöge deren das Ziel *von außen her* gestellt, gegeben, gefordert schien -- nämlich durch irgendeine *übermenschliche Autorität*. Nachdem man verlernt hat, an diese zu glauben, sucht man doch nach alter Gewöhnung nach einer *anderen* Autorität, welche *unbedingt zu reden wüßte* und Ziele und Aufgaben *befehlen könnte*. Die Autorität des *Gewissens* tritt jetzt in erster Linie (je mehr emanzipiert von der Theologie, um so imperativischer wird die *Moral*) als Schadenersatz für eine *persönliche* Autorität. Oder die Autorität der *Vernunft*.
Oder der *soziale Instinkt* (die Herde). Oder die *Historie* mit einem immanenten Geist, welche ihr Ziel in sich hat und der man sich *überlassen kann*. Man möchte *herumkommen* um den *Willen*, um das *Wollen* eines Zieles, um das Risiko, *sich selbst* ein Ziel zu geben; man möchte die Verantwortung abwälzen (-- man würde den *Fatalismus* akzeptieren). Endlich: *Glück*, und, mit einiger Tartüfferie, das Man sagt sich 1. ein bestimmtes Ziel ist gar nicht nötig, 2. ist gar nicht möglich vorherzusehen.
Gerade jetzt, wo der *Wille* in der *höchsten Kraft nötig* wäre, ist er am *schwächsten* und *kleinmütigsten*. *Absolutes Mißtrauen gegen die organisatorische Kraft* des Willens *fürs Ganze*.
29.
Der Nihilismus ist nicht nur eine Betrachtsamkeit über das „Umsonst!“ und nicht nur der Glaube, daß alles wert ist, zugrunde zu gehen: man legt Hand an, man *richtet zugrunde*...Das ist, wenn man will, *unlogisch*: aber der Nihilist glaubt nicht an die Nötigung, logisch zu sein...Es ist der Zustand starker Geister und Willen: und solchen ist es nicht möglich, bei dem Nein „des Urteils“ stehen zu bleiben: -- das *Nein der Tat* kommt aus ihrer Natur. Der Vernichtsung durch das Urteil sekundiert die Vernichtsung durch die Hand.
30.
*Zur Genesis des Nihilisten.* -- Man hat nur spät den Mut zu dem, was man eigentlich *weiß*. Daß ich von Grund aus bisher Nihilist gewesen bin, das habe ich mir erst seit kurzem eingestanden: die Energie, der Radikalismus, mit dem ich als Nihilist vorwärts ging, täuschte mich über diese Grundtatsache. Wenn man einem Ziele entgegengeht, so scheint es unmöglich, daß „die Ziellosigkeit an sich“ unser Glaubensgrundsatz ist.
31.
Der philosophische Nihilist ist der Überzeugung, daß alles Geschehen sinnlos und umsonstig ist; und es sollte kein sinnloses und umsonstiges Sein geben. Aber woher dieses: Es sollte nicht? Aber woher nimmt man *diesen* „Sinn“, *dieses* Maß? -- Der Nihilist meint im Grunde, der Hinblick auf ein solches ödes, nutzloses Sein wirke auf einen Philosophen *unbefriedigend*, öde, verzweifelt. Eine solche Einsicht widerspricht unserer feineren Sensibilität als Philosophen. Es läuft auf die absurde Wertung hinaus: der Charakter des Daseins *müßte dem Philosophen Vergnügen machen*, wenn anders es zu Recht bestehen soll...Nun ist leicht zu begreifen, daß Vergnügen und Unlust innerhalb des Geschehens nur den Sinn von *Mitteln* haben können: es bliebe übrig, zu fragen, ob wir den „Sinn“, „Zweck“ überhaupt sehen *könnten*, ob nicht die Frage der Sinnlosigkeit oder ihres Gegenteils für uns unlösbar ist.
-- 32.
*Die Arten der Selbstbetäubung.* -- Im Innersten: nicht wissen, wohinaus? *Leere.* Versuch, mit Rausch darüber hinwegzukommen: Rausch als Musik, Rausch als Grausamkeit im tragischen Genuß des Zugrundegehens des Edelsten, Rausch als blinde Schwärmerei für einzelne *Menschen* oder *Zeiten* (als Haß usw.). -- Versuch, besinnungslos zu arbeiten, als Werkzeug der Wissenschaft: das Auge offen machen für die vielen kleinen Genüsse, zum Beispiel auch als Erkennender (Bescheidenheit gegen sich); die Bescheidung über sich zu generalisieren, zu einem Pathos; die Mystik, der wollüstige *Genuß* der ewigen Leere; die Kunst „um ihrer selber willen“ („~le fait~“), das „reine Erkennen“ als Narkosen des Ekels an *sich* selber; irgend welche beständige Arbeit, *irgend*ein kleiner dummer Fanatismus; das Durcheinander aller Mittel, Krankheit durch allgemeine Unmäßigkeit (die Ausschweifung tötet das Vergnügen).
1. Willensschwäche als Resultat.
2. Extremer Stolz und die Demütigung kleinlicher Schwäche im Kontrast *gefühlt*.
33.
Der *unvollständige* Nihilismus, seine Formen: wir leben mitten drin.
Die Versuche, dem Nihilismus zu entgehen, *ohne* die bisherigen Werte umzuwerten: bringen das Gegenteil hervor, verschärfen das Problem.
34.
1. Der Nihilismus steht vor der Tür: woher kommt uns dieser unheimlichste aller Gäste? -- Ausgangspunkt: es ist ein *Irrtum*, auf „soziale Notstände“ oder „physiologische Entartungen“ oder gar auf Korruption hinzuweisen als *Ursache* des Nihilismus. Es ist die honnetteste, mitfühlendste Zeit. Not, seelische, leibliche, intellektuelle Not ist an sich durchaus nicht vermögend, Nihilismus (das heißt, die radikale Ablehnung von Wert, Sinn, Wünschbarkeit) hervorzubringen. Diese Nöte erlauben immer noch ganz verschiedene Ausdeutungen. Sondern: in einer *ganz bestimmten Ausdeutung*, in der christlich-moralischen, steckt der Nihilismus.
2. Der Untergang des Christentums -- an seiner *Moral* (die unablösbar ist --), welche sich gegen den christlichen Gott wendet (der Sinn der Wahrhaftigkeit, durch das Christentum hoch entwickelt, bekommt *Ekel* vor der Falschheit und Verlogenheit aller christlichen Weltund Geschichtsdeutung. Rückschlag von „Gott ist die Wahrheit“ in den fanatischen Glauben „Alles ist falsch“. Buddhismus der *Tat*...).
3. Skepsis an der Moral ist das Entscheidende. Der Untergang der *moralischen* Weltauslegung, die keine *Sanktion* mehr hat, nachdem sie versucht hat, sich in eine Jenseitigkeit zu flüchten: endet in Nihilismus. „Alles hat keinen Sinn“ (die Undurchführbarkeit einer Weltauslegung, der ungeheure Kraft gewidmet worden ist -- erweckt das Mißtrauen, ob nicht *alle* Weltauslegungen falsch sind --).
Buddhistischer Zug, Sehnsucht ins Nichts. (Der indische Buddhismus hat nicht eine grundmoralische Entwicklung hinter sich, deshalb ist bei ihm im Nihilismus nur unüberwundene Moral: Dasein als Strafe, Dasein als Irrtum kombiniert, der Irrtum also als Strafe -- eine moralische Wertschätzung). Die philosophischen Versuche, den „moralischen Gott“ zu überwinden (Hegel, Pantheismus); Überwindung der volkstümlichen Ideale: der Weise, der Heilige; der Dichter. Antagonismus von „wahr“ 4. Gegen die „Sinnlosigkeit“ einerseits, gegen die moralischen Werturteile andererseits: inwiefern alle Wissenschaft und Philosophie bisher unter moralischen Urteilen stand? und ob man nicht die Feindschaft der Wissenschaft mit in den Kauf bekommt? Oder die Antiwissenschaftlichkeit? Kritik des Spinozismus. Die christlichen Werturteile überall in den sozialistischen und positivistischen Systemen rückständig. Es fehlt eine *Kritik der christlichen Moral*.
5. Die nihilistischen Konsequenzen der jetzigen Naturwissenschaft (nebst ihren Versuchen, ins Jenseitige zu entschlüpfen). Aus ihrem Betriebe *folgt* endlich eine Selbstzersetzung, eine Wendung gegen *sich*, eine Antiwissenschaftlichkeit. Seit Kopernikus rollt der Mensch aus dem Zentrum ins ~x~.
6. Die nihilistischen Konsequenzen der politischen und volkswirtschaftlichen Denkweise, wo alle „Prinzipien“ nachgerade zur Schauspielerei gehören: der Hauch von Mittelmäßigkeit, Erbärmlichkeit, Unaufrichtigkeit usw. Der Nationalismus. Der Anarchismus usw. Strafe.
Es fehlt der *erlösende* Stand und Mensch, die Rechtfertiger -- 7. Die nihilistischen Konsequenzen der Historie und der „*praktischen* Historiker“, das heißt der Romantiker. Die Stellung der Kunst: absolute Unoriginalität ihrer Stellung in der modernen Welt. Ihre Verdüsterung.
Goethes angebliches Olympiertum.
8. Die Kunst und die Vorbereitung des Nihilismus: Romantik (Wagners Nibelungen-Schluß).
35.
Der moderne Pessimismus ist ein Ausdruck von der Nutzlosigkeit der *modernen* Welt, -- nicht *der* Welt und *des* Daseins.
36.
Das *allgemeinste Zeichen der modernen Zeit*: der Mensch hat in seinen eigenen Augen unglaublich an *Würde* eingebüßt. Lange als Mittelpunkt und Tragödienheld des Daseins überhaupt; dann wenigstens bemüht, sich als verwandt mit der entscheidenden und an sich wertvollen Seite des Daseins zu beweisen -- wie es alle Metaphysiker tun, die die *Würde des Menschen* festhalten wollen, mit ihrem Glauben, daß die moralischen Werte kardinale Werte sind. Wer Gott fahren ließ, hält um so strenger am Glauben an die Moral fest.
37.
Ursachen für die *Heraufkunft des Pessimismus*: 1. daß die mächtigsten und zukunftsvollsten Triebe des Lebens bisher *verleumdet* sind, so daß das Leben einen Fluch über sich hat; 2. daß die wachsende Tapferkeit und Redlichkeit und das kühnere Mißtrauen des Menschen die *Unablösbarkeit dieser Instinkte* vom Leben begreift und dem Leben sich entgegenwendet; 3. daß nur die *Mittelmäßigsten*, die jenen Konflikt gar nicht *fühlen*, gedeihen, die höhere Art mißrät und als Gebilde der Entartung gegen sich einnimmt, -- daß andererseits das Mittelmäßige, sich als Ziel und Sinn gebend, *indigniert* (-- daß niemand *ein Wozu*? mehr beantworten kann --); 4. daß die Verkleinerung, die Schmerzfähigkeit, die Unruhe, die Hast, das Gewimmel beständig zunimmt, -- daß die *Vergegenwärtigung* dieses ganzen Treibens, der sogenannten „Zivilisation“, immer leichter wird, daß der einzelne angesichts dieser ungeheuren Maschinerie *verzagt* und sich *unterwirft*.
38.
Welche *Vorteile* bot die christliche Moralhypothese?
1. Sie verlieh dem Menschen einen absoluten *Wert*, im Gegensatz zu seiner Kleinheit und Zufälligkeit im Strom des Werdens und Vergehens; 2. sie diente den Advokaten Gottes, insofern sie der Welt trotz Leid und Übel den Charakter der *Vollkommenheit* ließ, -- eingerechnet jene „Freiheit“ -- das Übel erschien voller *Sinn*; 3. sie setzte ein *Wissen* um absolute Werte beim Menschen an und gab ihm somit gerade für das Wichtigste *adäquate Erkenntnis*; 4. sie verhütete, daß der Mensch sich als Mensch verachtete, daß er gegen das Leben Partei nahm, daß er am Erkennen verzweifelte: sie war ein *Erhaltungsmittel*.
~In summa~: Moral war das große *Gegenmittel* gegen den praktischen und theoretischen *Nihilismus*.
39.
Die Zeit kommt, wo wir dafür *bezahlen* müssen, zwei Jahrtausende lang *Christen* gewesen zu sein: wir verlieren das *Schwergewicht*, das uns leben ließ, -- wir wissen eine Zeitlang nicht, wo aus noch ein. Wir stürzen jählings in die *entgegengesetzten* Wertungen, mit dem gleichen Maße von Energie, das eben eine solche extreme *Überwertung* des Menschen im Menschen erzeugt hat.
Jetzt ist alles durch und durch falsch, „Wort“, durcheinander, schwach oder überspannt: a) man versucht eine Art von *irdischer Lösung*, aber im gleichen Sinne, in dem des *schließlichen Triumphs* von Wahrheit, Liebe, Gerechtigkeit (der Sozialismus: „Gleichheit der Person“); b) man versucht ebenfalls das *Moral-Ideal* festzuhalten (mit dem Vorrang des Unegoistischen, der Selbstverleugnung, der Willensverneinung); c) man versucht selbst das „Jenseits“ festzuhalten: sei es auch nur als antilogisches ~x~; aber man deutet es sofort so aus, daß eine Art metaphysischer Trost alten Stils aus ihm gezogen werden kann; d) man versucht die *göttliche Leitung alten Stils*, die belohnende, bestrafende, erziehende, zum *Besseren* führende Ordnung der Dinge aus dem Geschehen herauszulesen; e) man glaubt nach wie vor an Gut und Böse: so, daß man den Sieg des Guten und die Vernichtung des Bösen als *Aufgabe* empfindet (-- das ist englisch, typischer Fall der Flachkopf John Stuart Mill); f) die Verachtung der „Natürlichkeit“, der Begierde, des ~ego~: Versuch, selbst die höchste Geistlichkeit und Kunst als Folge einer Entpersönlichung und als ~désintéressement~ zu verstehen; g) man erlaubt der *Kirche*, sich immer noch in alle wesentlichen Erlebnisse und Hauptpunkte des Einzellebens einzudrängen, um ihnen *Weihe*, *höheren Sinn* zu geben: wir haben noch immer den 40.
Aber unter den Kräften, die die Moral großzog, war die *Wahrhaftigkeit*: *diese* wendet sich endlich gegen die Moral, entdeckt ihre *Teleologie*, ihre *interessierte* Betrachtung -- und jetzt wirkt die *Einsicht* in diese lange eingefleischte Verlogenheit, die man verzweifelt, von sich abzutun, gerade als Stimulans. Wir konstatieren jetzt Bedürfnisse an uns, gepflanzt durch die lange Moral-Interpretation, welche uns jetzt als Bedürfnisse zum Unwahren erscheinen: andererseits sind es die, an denen der Wert zu hängen scheint, derentwegen wir zu leben aushalten. Dieser Antagonismus -- das, was wir erkennen, *nicht* zu schätzen und das, was wir uns vorlügen möchten, nicht mehr schätzen zu *dürfen* -- ergibt einen Auflösungsprozeß.
41.
Dies ist die *Antinomie*: Sofern wir an die Moral glauben, *verurteilen* wir das Dasein.
42.
Die obersten Werte, in deren Dienst der Mensch leben *sollte*, namentlich wenn sie sehr schwer und kostspielig über ihn verfügten, -- diese *sozialen Werte* hat man zum Zweck ihrer *Tonverstärkung*, wie als ob sie Kommandos Gottes wären, als „Realität“, als „wahre“ Welt, als Hoffnung und *zukünftige* Welt über dem Menschen aufgebaut.
Jetzt, wo die mesquine Herkunft dieser Werke klar wird, scheint uns das All damit entwertet, „sinnlos“ geworden, -- aber das ist nur ein *Zwischenzustand*.
43.
1. *Es fehlt die höhere Spezies*, das heißt die, deren unerschöpfliche Fruchtbarkeit und Macht den Glauben an den Menschen aufrecht erhält.
(Man denke, was man Napoleon verdankt: fast alle höheren Hoffnungen dieses Jahrhunderts.)
die Bescheidenheit und bauscht ihre Bedürfnisse zu *kosmischen* und *metaphysischen* Werten auf. Dadurch wird das ganze Dasein *vulgarisiert*: insofern nämlich die *Masse* herrscht, tyrannisiert sie die *Ausnahmen*, so daß diese den Glauben an sich verlieren und *Nihilisten* werden.
Alle Versuche, *höhere Typen auszudenken*, *manquiert* („Romantik“; der Künstler, der Philosoph; gegen Carlyles Versuch, ihnen die höchsten Moralwerte zuzulegen).
*Widerstand* gegen höhere Typen als Resultat.
*Niedergang* und *Unsicherheit aller höheren Typen*. Der Kampf gegen das Genie („Volkspoesie“ usw.). Mitleid mit den Niederen und Leidenden als *Maßstab* für die *Höhe der Seele*.
Es *fehlt der Philosoph*, der Ausdeuter der Tat, *nicht* nur der Umdichter.
44.
Die *nihilistische* Konsequenz (der Glaube an die Wertlosigkeit) als Folge der moralischen Wertschätzung: -- *das Egoistische ist uns verleidet* (selbst nach der Einsicht in die Unmöglichkeit des Unegoistischen); -- *das Notwendige ist uns verleidet* (selbst nach der Einsicht in die Unmöglichkeit eines ~liberum arbitrium~ und einer „intelligiblen Freiheit“). Wir sehen, daß wir die Sphäre, wohin wir unsere Werte gelegt haben, nicht erreichen -- damit hat die andere Sphäre, in der wir leben, noch *keineswegs* an Wert gewonnen: im Gegenteil, wir sind *müde*, weil wir den Hauptantrieb verloren haben.
Man hat neuerdings mit einem zufälligen und in jedem Betracht unzutreffenden Wort viel Mißbrauch getrieben: redet überall von „*Pessimismus*“, man kämpft um die Frage, auf die es Antworten geben müsse, wer recht habe, der Pessimismus oder der Optimismus.
Man hat nicht begriffen, was doch mit Händen zu greifen: daß Pessimismus kein Problem, sondern ein *Symptom* ist, -- daß der Name ersetzt werden müsse durch „*Nihilismus*“, -- daß die Frage, ob Nichtsein besser ist als Sein, selbst schon eine Krankheit, ein Niedergangsanzeichen, eine Idiosynkrasie ist.
Die nihilistische Bewegung ist nur der Ausdruck einer physiologischen ~décadence~.
46.
Grundeinsicht über das Wesen der ~décadence~: *was man bisher als deren Ursachen angesehen hat, sind deren Folgen*.
Damit verändert sich die ganze Perspektive *der moralischen Probleme*.
Der ganze Moralkampf gegen Laster, Luxus, Verbrechen, selbst Krankheit erscheint als Naivität, als überflüssig: -- es gibt keine „*Besserung*“ (gegen die *Reue*).
Die ~décadence~ selbst ist nichts, *was zu bekämpfen wäre*: sie ist absolut notwendig und jeder Zeit und jedem Volk eigen. *Was* mit aller Kraft zu bekämpfen ist, das ist die Einschleppung des Kontagiums in die gesunden Teile des Organismus.
Tut man das? Man tut das *Gegenteil*. Genau darum bemüht man sich seitens der *Humanität*.
-- Wie verhalten sich zu dieser *biologischen* Grundfrage die bisherigen *obersten Werte*? Die Philosophie, die Religion, die Moral, die Kunst usw.
(Die Kur: zum Beispiel der *Militarismus*, von Napoleon an, der in der Zivilisation seine natürliche Feindin sah.)
47.
1. Die Skepsis ist eine Folge der ~décadence~: ebenso wie die Libertinage des Geistes.
2. Die Korruption der Sitten ist eine Folge der ~décadence~ (Schwäche des Willens, Bedürfnis starker Reizmittel...).
3. Die Kurmethoden, die psychologischen und moralischen, verändern nicht den Gang der ~décadence~, sie halten nicht auf, sie sind Einsicht in die *große Nullität* dieser anmaßlichen „Reaktionen“; es sind Formen der Narkotisierung gegen gewisse fatale Folgeerscheinungen; sie bringen das morbide Element nicht heraus; sie sind oft heroische Versuche, den Menschen der ~décadence~ zu annullieren, ein Minimum seiner *Schädlichkeit* durchzusetzen.
4. Der Nihilismus ist keine Ursache, sondern nur die Logik der ~décadence~.
5. Der „Gute“ und der „Schlechte“ sind nur zwei Typen der ~décadence~: sie halten zueinander in allen Grundphänomenen.
6. *Die soziale Frage* ist eine Folge der ~décadence~.
7. Die Krankheiten, vor allem die Nerven- und Kopfkrankheiten, sind Anzeichen, daß die *Defensiv*kraft der starken Natur fehlt; ebendafür spricht die Irritabilität, so daß *Lust* und *Unlust* die Vordergrundsprobleme werden.
48.
Allgemeinste Typen der ~décadence~: 1. Man wählt im *Glauben*, Heilmittel zu wählen, das, was die Erschöpfung beschleunigt; -- dahin gehört das Christentum (um den größten Fall des fehlgreifenden Instinkts zu nennen); -- dahin gehört 2. Man verliert die *Widerstandskraft* gegen die Reize, -- man wird bedingt durch die Zufälle: man vergröbert und vergrößert die Erlebnisse ins Ungeheure...eine „Entpersönlichung“, eine Disgregation des Willens; -- dahin gehört eine ganze Art Moral, die altruistische, die, welche das Mitleiden im Munde führt: an der das Wesentliche die Schwäche der Persönlichkeit ist, so daß sie *mitklingt* und wie eine überreizte Saite beständig zittert...eine extreme Irritabilität...3. Man verwechselt Ursache und Wirkung: man versteht die ~décadence~ nicht als physiologisch und sieht in ihren Folgen die eigentliche Ursache des Sich-schlecht-befindens; -- dahin gehört die ganze religiöse Moral...4. Man ersehnt einen Zustand, wo man nicht mehr leidet: das Leben wird tatsächlich als Grund zu *Übeln* empfunden, -- man taxiert die *bewußtlosen*, gefühllosen Zustände (Schlaf, Ohnmacht) unvergleichlich wertvoller, als die bewußten; daraus eine *Methodik*...49.
Was sich vererbt, das ist nicht die Krankheit, sondern die *Krankhaftigkeit*: die Unkraft im Widerstande gegen die Gefahr schädlicher Einwanderungen usw.; die gebrochene Widerstandskraft; *moralisch* ausgedrückt: die Resignation und Demut vor dem Feinde.
Ich habe mich gefragt, ob man nicht alle diese obersten Werte der bisherigen Philosophie, Moral und Religion mit den Werten der Geschwächten, *Geisteskranken* und *Neurastheniker* vergleichen kann: sie stellen in einer milderen Form *dieselben Übel* dar...Der Wert aller morbiden Zustände ist, daß sie in einem Vergrößerungsglas gewisse Zustände, die normal, aber als normal schlecht sichtbar sind, zeigen...*Gesundheit* und *Krankheit* sind nichts wesentlich Verschiedenes, wie es die alten Mediziner und heute noch einige Praktiker glauben.
Man muß nicht distinkte Prinzipien oder Entitäten daraus machen, die sich um den lebenden Organismus streiten und aus ihm ihren Kampfplatz machen. Das ist albernes Zeug und Geschwätz, das zu nichts mehr taugt. Tatsächlich gibt es zwischen diesen beiden Arten des Daseins nur Gradunterschiede: die Übertreibung, die Disproportion, die Nichtharmonie der normalen Phänomene konstituieren den krankhaften Zustand (Claude Bernard).
So gut „*das Böse*“ betrachtet werden kann als Übertreibung, Disharmonie, Disproportion, so gut kann „*das Gute*“ eine *Schutzdiät* gegen die Gefahr der Übertreibung, Disharmonie und Disproportion sein.
Die *erbliche Schwäche*, als *dominierendes* Gefühl: Ursache der obersten Werte.
Nebenbei: Man *will* Schwäche: warum?...meistens, weil man *notwendig* schwach ist.
Die *Schwächung* als *Aufgabe*: Schwächung der Begehrungen, der Lustund Unlustgefühle, des Willens zur Macht, zum Stolzgefühl, zum Habenund Mehr-haben-wollen; die Schwächung als Demut; die Schwächung als Glaube; die Schwächung als Widerwille und Scham an allem Natürlichen, als Verneinung des Lebens, als Krankheit und habituelle Schwäche...die Schwächung als Verzichtleisten auf Rache, auf Widerstand, auf Feindschaft und Zorn.
Der *Fehlgriff* in der Behandlung: man will die Schwäche nicht bekämpfen durch ein ~système fortifiant~, sondern durch eine Art Rechtfertigung und *Moralisierung*: das heißt durch eine *Auslegung*...Die *Verwechslung* zweier gänzlich verschiedener Zustände: zum Beispiel die *Ruhe der Stärke*, welche wesentlich Enthaltung der