*perspektivisch bedingt*; zu zeigen, wie alles das, was moralisch gelobt wird, wesensgleich mit allem Unmoralischen ist und nur, wie jede Entwicklung der Moral, mit unmoralischen Mitteln und zu unmoralischen Zwecken ermöglicht worden ist --; wie umgekehrt alles, was als unmoralisch in Verruf ist, ökonomisch betrachtet, das Höhere und Prinzipiellere ist, und wie eine Entwicklung nach größerer Fülle des Lebens notwendig auch den *Fortschritt der Unmoralität* bedingt.
„Wahrheit“ der Grad, in dem wir uns die Einsicht in *diese* Tatsache *gestatten*.
82.
Das sind meine Forderungen an euch -- sie mögen euch schlecht genug zu Ohren gehen --: daß ihr die moralischen Wertschätzungen selbst einer Kritik unterziehen sollt. Daß ihr dem moralischen Gefühlsimpuls, welcher hier Unterwerfung und nicht Kritik verlangt, mit der Frage: „warum Unterwerfung?“ Halt gebieten sollt. Daß ihr dies Verlangen nach einem „Warum?“, nach einer Kritik der Moral, eben als eure *jetzige* Form der Moralität selbst ansehen sollt, als die sublimste Art von Moralität, die euch und eurer Zeit Ehre macht. Daß eure Redlichkeit, euer Wille, euch nicht zu betrügen, sich selbst ausweisen muß: „warum 83.
Die Frage nach der *Herkunft unsrer Wertschätzungen* und Gütertafeln fällt ganz und gar nicht mit deren *Kritik* zusammen, wie so oft geglaubt wird: so gewiß auch die Einsicht in irgendeine ~pudenda origo~ für das Gefühl eine Wertverminderung der so entstandenen Sache mit sich bringt und gegen dieselbe eine kritische Stimmung und Haltung vorbereitet.
Was sind unsere Wertschätzungen und moralischen Gütertafeln selber wert? *Was kommt bei ihrer Herrschaft heraus?* Für wen? in bezug worauf? -- Antwort: für das Leben. Aber *was ist Leben*? Hier tut also eine neue, bestimmtere Fassung des Begriffs „Leben“ not. Meine Formel dafür lautet: Leben ist Wille zur Macht.
*Was bedeutet das Wertschätzen selbst?* Weist es auf eine andere, metaphysische Welt zurück oder hinab? (wie noch Kant glaubte, der *vor* der großen historischen Bewegung steht.) Kurz: *wo ist es entstanden*?
Oder ist es nicht „entstanden“? -- Antwort: das moralische Wertschätzen ist eine *Auslegung*, eine Art zu interpretieren. Die Auslegung selbst ist ein *Symptom* bestimmter physiologischer Zustände, ebenso eines bestimmten geistigen Niveaus von herrschenden Urteilen: *Wer legt aus?* -- Unsre Affekte.
84.
*Wessen Wille zur Macht ist die Moral?* -- *Das Gemeinsame* in der Geschichte Europas seit *Sokrates* ist der Versuch, die *moralischen Werte* zur Herrschaft über alle anderen Werte zu bringen: so daß sie nicht nur Führer und Richter des Lebens sein sollen, sondern auch 1. der Erkenntnis, 2. der Künste, 3. der staatlichen und gesellschaftlichen Bestrebungen. „Besserwerden“ als einzige Aufgabe, alles übrige dazu *Mittel* (oder Störung, Hemmung, Gefahr: folglich bis zur Vernichtung zu bekämpfen...). -- Eine ähnliche Bewegung in *China*. Eine ähnliche Bewegung in *Indien*.
Was bedeutet dieser *Wille zur Macht seitens der moralischen Werte*, der in den ungeheuren Entwicklungen sich bisher auf der Erde abgespielt hat?
*Antwort*: -- *drei Mächte sind hinter ihm versteckt*: 1. der Instinkt der *Herde* gegen die Starken und Unabhängigen; 2.
der Instinkt der *Leidenden* und Schlechtweggekommenen gegen die Glücklichen; 3. der Instinkt der *Mittelmäßigen* gegen die Ausnahmen.
-- *Ungeheurer Vorteil dieser Bewegung*, wieviel Grausamkeit, Falschheit und Borniertheit auch in ihr mitgeholfen hat (: denn die Geschichte vom *Kampf der Moral mit den Grundinstinkten des Lebens* ist selbst die größte Immoralität, die bisher auf Erden dagewesen ist...).
85.
Die ganze Moral Europas hat den *Nutzen der Herde* auf dem Grunde: die Trübsal aller höheren, seltneren Menschen liegt darin, daß alles, was sie auszeichnet, ihnen mit dem Gefühl der Verkleinerung und Verunglimpfung zum Bewußtsein kommt. Die *Stärken* des jetzigen Menschen sind die Ursachen der pessimistischen Verdüsterung: die Mittelmäßigen sind, wie die Herde ist, ohne viel Frage und Gewissen, -- heiter. (Zur Verdüsterung der Starken: Pascal, Schopenhauer.)
*Je gefährlicher eine Eigenschaft der Herde scheint, um so gründlicher wird sie in die Acht getan.* 86.
Ich lehre: die Herde sucht einen Typus aufrecht zu erhalten und wehrt sich nach beiden Seiten, ebenso gegen die davon Entartenden (Verbrecher usw.), als gegen die darüber Emporragenden. Die Tendenz der Herde ist auf Stillstand und Erhaltung gerichtet, es ist nichts Schaffendes in ihr.
Die angenehmen Gefühle, die der Gute, Wohlwollende, Gerechte uns einflößt (im Gegensatz zu der Spannung, Furcht, welche der große, neue Mensch hervorbringt), sind *unsere* persönlichen Sicherheits-, Gleichheitsgefühle: das Herdentier verherrlicht dabei die Herdennatur und empfindet sich selber dann wohl. Dies Urteil des Wohlbehagens maskiert sich mit schönen Worten -- so entsteht „Moral“. -- Man beobachte aber den *Haß der Herde* gegen den Wahrhaftigen. -- 87.
*Tendenz der Moralentwicklung.* -- Jeder wünscht, daß keine andere Lehre und Schätzung der Dinge zur Geltung komme außer einer solchen, bei der er selbst gut wegkommt. *Grundtendenz* folglich *der Schwachen und Mittelmäßigen* aller Zeiten, *die Stärkeren schwächer zu machen, herunterzuziehen*: *Hauptmittel das moralische Urteil*. Das Verhalten des Stärkeren gegen den Schwächeren wird gebrandmarkt; die höheren Zustände des Stärkeren bekommen schlechte Beinamen.
Der Kampf der Vielen gegen die Wenigen, der Gewöhnlichen gegen die Seltenen, der Schwachen gegen die Starken -- eine seiner feinsten Unterbrechungen ist die, daß die Ausgesuchten, Feinen, Anspruchsvolleren sich als die Schwachen präsentieren und die gröberen Mittel der Macht von sich weisen -- 88.
Der heuchlerische Anschein, mit dem alle *bürgerlichen Ordnungen* übertüncht sind, wie als ob sie *Ausgeburten der Moralität* wären -- zum Beispiel die Ehe; die Arbeit; der Beruf; das Vaterland; die Familie; die Ordnung; das Recht. Aber da sie insgesamt auf die *mittelmäßigste* Art Mensch hin begründet sind, zum Schutz gegen Ausnahmen und Ausnahmebedürfnisse, so muß man es billig finden, wenn hier viel gelogen wird.
89.
Daß man sich nicht über sich selbst vergreift! Wenn man in sich den moralischen Imperativ so hört, wie der Altruismus ihn versteht, so gehört man zur *Herde*. Hat man das umgekehrte Gefühl, fühlt man in seinen uneigennützigen und selbstlosen Handlungen seine Gefahr, seine Abirrung, so gehört man nicht zur Herde.
90.
Die drei *Behauptungen*: Das Unvornehme ist das Höhere (Protest des „gemeinen Mannes“); das Widernatürliche ist das Höhere (Protest der Schlechtweggekommenen); das Durchschnittliche ist das Höhere (Protest der Herde, der „Mittleren“).
In der *Geschichte der Moral* drückt sich also ein *Wille zur Macht* aus, durch den bald die Sklaven und Unterdrückten, bald die Mißratenen und An-sich-Leidenden, bald die Mittelmäßigen den Versuch machen, die *ihnen* günstigsten Werturteile durchzusetzen.
Insofern ist das Phänomen der Moral vom Standpunkt der Biologie aus höchst bedenklich. Die Moral hat sich bisher entwickelt *auf Unkosten*: der Herrschenden und ihrer spezifischen Instinkte, der Wohlgeratenen und *schönen* Naturen, der Unabhängigen und Privilegierten in irgendeinem Sinne.
Die Moral ist also eine Gegenbewegung gegen die Bemühungen der Natur, es zu einem *höheren Typus* zu bringen. Ihre Wirkung ist: Mißtrauen gegen das Leben überhaupt (insofern dessen Tendenzen als „unmoralisch“ empfunden werden), -- Sinnlosigkeit, Widersinn (insofern die obersten Werte als im Gegensatz zu den obersten Instinkten empfunden werden), -- Entartung und Selbstzerstörung der „höheren Naturen“, weil gerade in ihnen der Konflikt *bewußt* wird.
91.
„Die guten Leute sind alle schwach: sie sind gut, weil sie nicht stark genug sind, böse zu sein“, sagte der Latukahäuptling Comorro zu Baker.
„Für schwache Herzen gibt es kein Unglück“ -- sagt man im Russischen.
92.
Bescheiden, fleißig, wohlwollend, mäßig: so wollt ihr den Menschen? den *guten Menschen*? Aber mich dünkt das nur der ideale Sklave, der Sklave der Zukunft.
93.
*Die Metamorphosen der Sklaverei*; ihre Verkleidung unter religiöse Mäntel; ihre Verklärung durch die Moral.
94.
Erwägen wir, wie teuer sich ein solcher moralischer Kanon („ein *Ideal*“) bezahlt macht. (Seine Feinde sind -- nun? Die „Egoisten“.)
Der melancholische Scharfsinn der Selbstverkleinerung in Europa (Pascal, Larochefoucauld), -- die innere Schwächung, Entmutigung, Selbstannagung der Nicht-Herdentiere, -- die beständige Unterstreichung der Mittelmäßigkeitseigenschaften als der wertvollsten (Bescheidenheit, in Reih und Glied, die Werkzeugnatur), -- das schlechte Gewissen eingemischt in alles Selbstherrliche, Originale: -- die Unlust also: -- also *Verdüsterung* der Welt der Stärkergeratenen!
-- das Herdenbewußtsein in die Philosophie und Religion übertragen: auch seine Ängstlichkeit.
-- Lassen wir die psychologische Unmöglichkeit einer rein selbstlosen Handlung außer Spiel!
95.
„Zweck“ ansetzen kann, noch überhaupt von sich aus Zwecke ansetzen kann, der gibt der Moral der *Entselbstung* die Ehre -- instinktiv.
Zu ihr überredet ihn alles: seine Klugheit, seine Erfahrung, seine Eitelkeit. Und auch der Glaube ist eine Entselbstung.
*Atavismus*: wonnevolles Gefühl, einmal unbedingt gehorchen zu können.
Fleiß, Bescheidenheit, Wohlwollen, Mäßigkeit sind ebenso viele *Verhinderungen der souveränen Gesinnung*, der großen *Erfindsamkeit*, der heroischen Zielsetzung, des vornehmen Für-sich-seins.
Es handelt sich nicht um ein *Vorangehen* (-- damit ist man bestenfalls Hirt, das heißt oberster Notbedarf der Herde), sondern um ein *Für-sich-gehen-können*, um ein *Anders-sein-können*.
96.
Die *gelobten* Zustände und Begierden: -- friedlich, billig, mäßig, bescheiden, ehrfürchtig, rücksichtsvoll, tapfer, keusch, redlich, treu, gläubig, gerade, vertrauensvoll, hingebend, mitleidig, hilfreich, gewissenhaft, einfach, mild, gerecht, freigebig, nachsichtig, gehorsam, uneigennützig, neidlos, gütig, arbeitsam -- Zu unterscheiden: inwiefern *solche Eigenschaften* bedingt sind als *Mittel* zu einem bestimmten Willen und *Zweck* (oft einem „*bösen*“ Zweck); oder als natürliche *Folgen* eines dominierenden Affektes (zum Beispiel *Geistigkeit*): oder Ausdruck einer Notlage, will sagen: als *Existenzbedingung* (zum Beispiel Bürger, Sklave, Weib usw.).
~Summa~: sie sind allesamt *nicht um ihrer selber willen als „gut“ empfunden*, sondern bereits unter dem Maßstab der „Gesellschaft“, „Herde“, als Mittel zu deren Zwecken, als notwendig für deren Aufrechterhaltung und Förderung, als Folge zugleich eines eigentlichen *Herdeninstinktes* im einzelnen: somit im Dienste eines *Instinktes*, *der grundverschieden* von diesen *Tugendzuständen* ist. Denn die Herde ist nach außen hin *feindselig*, *selbstsüchtig*, *unbarmherzig*, voller Herrschsucht, Mißtrauen usw.
Im „*Hirten*“ kommt der *Antagonismus heraus*: er muß die *entgegengesetzten* Eigenschaften der Herde haben.
Todfeindschaft der Herde gegen die *Rangordnung*: ihr Instinkt zugunsten der *Gleichmacher* (Christus). Gegen die *starken Einzelnen* (~les souverains~) ist sie feindselig, unbillig, maßlos, unbescheiden, frech, rücksichtslos, feig, verlogen, falsch, unbarmherzig, versteckt, neidisch, rachsüchtig.
97.
*Zur Kritik der Herdentugenden.* -- Die ~inertia~ tätig 1. im Vertrauen, weil Mißtrauen Spannung, Beobachtung, Nachdenken nötig macht; -- 2. in der Verehrung, wo der Abstand der Macht groß ist und Unterwerfung notwendig: um nicht zu fürchten, wird versucht zu lieben, hochzuschätzen und die Machtverschiedenheit als *Wert*verschiedenheit auszudeuten: so daß das Verhältnis *nicht mehr revoltiert*; -- 3. im Wahrheitssinn. Was ist wahr? Wo eine Erklärung gegeben ist, die uns das Minimum von geistiger Kraftanstrengung macht (überdies ist Lügen sehr anstrengend); -- 4. in der Sympathie. Sich gleichsetzen, versuchen, gleich zu empfinden, ein vorhandenes Gefühl *anzunehmen*, ist eine Erleichterung: es ist etwas Passives gegen das Aktivum gehalten, welches die eigensten Rechte des Werturteils sich wahrt und beständig betätigt (letzteres gibt keine Ruhe); -- 5. in der Unparteilichkeit und Kühle des Urteils: man scheut die Anstrengung des Affekts und stellt sich lieber abseits, „objektiv“; -- 6. in der Rechtschaffenheit: man gehorcht lieber einem vorhandenen Gesetz, als daß man sich und anderen befiehlt: die Furcht vor dem Befehlen --: lieber sich unterwerfen als reagieren; -- 7. in der Toleranz: die Furcht vor dem Ausüben des Rechts, des Richtens.
98.
Moral der *Wahrhaftigkeit* in der Herde. „Du sollst erkennbar sein, dein Inneres durch deutliche und konstante Zeichen ausdrücken, -- sonst bist du gefährlich: und wenn du böse bist, ist die Fähigkeit, dich zu verstellen, das Schlimmste für die Herde. Wir verachten den Heimlichen, Unerkennbaren. -- *Folglich* mußt du dich selber für erkennbar halten; du darfst dir nicht *verborgen* sein, du darfst *nicht* an deinen *Wechsel* glauben.“ Also: die Forderung der Wahrhaftigkeit setzt die *Erkennbarkeit* und die *Beharrlichkeit* der Person voraus.
Tatsächlich ist es Sache der Erziehung, das Herdenmitglied zu einem *bestimmten Glauben* über das Wesen des Menschen zu bringen: sie *macht erst diesen Glauben* und fordert dann daraufhin „Wahrhaftigkeit“.
99.
Es tut gut, „Recht“, „Unrecht“ usw. in einem bestimmten, engen, bürgerlichen Sinn zu nehmen, wie „tue Recht und scheue niemand“: das heißt, einem bestimmten, groben Schema gemäß, innerhalb dessen ein Gemeinwesen besteht, seine Schuldigkeit tun.
-- Denken wir nicht gering von dem, was ein paar Jahrtausende Moral unserm Geiste angezüchtet haben!
100.
Maßstab, *wonach* der Wert der moralischen Wertschätzungen zu bestimmen ist.
Die *übersehene* Grundtatsache: Widerspruch zwischen dem „Moralischer-werden“ und der Erhöhung und Verstärkung des Typus Mensch.
101.
Die Moralwerte als *Scheinwerte*, verglichen mit den *physiologischen*.
102.
Alle Tugenden physiologische *Zustände*: namentlich die organischen Hauptfunktionen als notwendig, als gut empfunden. Alle Tugenden sind eigentlich verfeinerte *Leidenschaften* und erhöhte Zustände.
Mitleid und Liebe zur Menschheit als Entwicklung des Geschlechtstriebes. Gerechtigkeit als Entwicklung des Rachetriebes.
Tugend als Lust am Widerstande, Wille zur Macht. Ehre als Anerkennung des Ähnlichen und Gleichmächtigen.
103.
Einsicht: bei aller Wertschätzung handelt es sich um eine bestimmte Perspektive: *Erhaltung* des Individuums, einer Gemeinde, einer Rasse, eines Staates, einer Kirche, eines Glaubens, einer Kultur. -- Vermöge des *Vergessens*, daß es nur ein perspektivisches Schätzen gibt, wimmelt alles von widersprechenden Schätzungen und *folglich von widersprechenden Antrieben* in einem Menschen. Das ist der *Ausdruck der Erkrankung am Menschen*, im Gegensatz zum Tiere, wo alle vorhandenen Instinkte ganz bestimmten Aufgaben genügen.
Dies widerspruchsvolle Geschöpf hat aber an seinem Wesen eine große Methode der *Erkenntnis*: er fühlt viele Für und Wider, er erhebt sich *zur Gerechtigkeit* -- zum Begreifen *jenseits des Gut- und Böseschätzens*.
Der weiseste Mensch wäre *der reichste an Widersprüchen*, der gleichsam Tastorgane für alle Arten Mensch hat: und zwischeninnen seine großen Augenblicke *grandiosen Zusammenklangs* -- der hohe *Zufall* auch in uns! Eine Art planetarischer Bewegung -- 104.
*Welche Werte bisher obenauf waren.* Moral als oberster Wert in allen Phasen der Philosophie (selbst bei den Skeptikern). Resultat: diese Welt taugt nichts, es muß eine „wahre Welt“ geben.
Was bestimmt hier eigentlich den obersten Wert? Was ist eigentlich Moral? Der Instinkt der ~décadence~, es sind die Erschöpften und Enterbten, die auf diese Weise *Rache nehmen* und die *Herren* machen...Historischer Nachweis: die Philosophen immer ~décadents~, immer im Dienst der nihilistischen Religionen.
Der Instinkt der ~décadence~, der als Wille zur Macht auftritt.
Vorführung seines Systems der Mittel: absolute Unmoralität der Mittel.
Gesamteinsicht: die bisherigen obersten Werte sind ein Spezialfall des Willens zur Macht; die Moral selbst ist ein Spezialfall der *Unmoralität*.
*Warum die gegnerischen Werte immer unterlagen.* 1. Wie war das eigentlich *möglich*? Frage: warum unterlag das Leben, die physiologische Wohlgeratenheit überall? Warum gab es keine Philosophie des Ja, keine Religion des Ja?...Die historischen Anzeichen solcher Bewegungen: die heidnische Religion.
Dionysos gegen den „Gekreuzigten“. Die Renaissance. Die *Kunst*.
2. Die Starken und die Schwachen: die Gesunden und die Kranken; die Ausnahme und die Regel. Es ist kein Zweifel, *wer* der Stärkere ist...*Gesamtaspekt der Geschichte*: Ist der Mensch damit eine *Ausnahme* in der Geschichte des Lebens? -- Einsprache gegen den *Darwinismus*. Die Mittel der Schwachen, um sich oben zu erhalten, sind Instinkte, sind „Menschlichkeit“ geworden, sind „Institutionen“...3. Nachweis dieser Herrschaft in unsern politischen Instinkten, in unsern sozialen Werturteilen, in unsern Künsten, in unserer *Wissenschaft*.
Die *Niedergangsinstinkte* sind Herr über die *Aufgangsinstinkte* geworden...Der *Wille zum Nichts* ist Herr geworden über den *Willen zum Leben*!
-- Ist das *wahr*? ist nicht vielleicht eine größere Garantie des Lebens, der Gattung in diesem Sieg der Schwachen und Mittleren? -- ist es vielleicht nur ein Mittel in der Gesamtbewegung des Lebens, eine Tempoverzögerung? eine Notwehr gegen etwas noch Schlimmeres?
-- Gesetzt, die *Starken* wären Herr, in allem, und auch in den Wertschätzungen geworden: ziehen wir die Konsequenz, wie sie über Krankheit, Leiden, Opfer denken würden! Eine *Selbstverachtung der Schwachen* wäre die Folge; sie würden suchen, zu verschwinden und sich auszulöschen...Und wäre dies vielleicht *wünschenswert*? -- und möchten wir eigentlich eine Welt, in der die Nachwirkung der Schwachen, Wir haben zwei „Willen zur Macht“ im Kampfe gesehen (*im Spezialfall*: *wir hatten ein Prinzip*, dem einen recht zu geben, der bisher unterlag, und dem, der bisher siegte, unrecht zu geben): wir haben die „wahre Welt“ als eine „*erlogene Welt*“ und die Moral als eine *Form der Unmoralität* erkannt. Wir sagen *nicht*: „der Stärkere hat unrecht“.
Wir haben begriffen, *was* bisher den obersten Wert bestimmt hat und *warum* es Herr geworden ist über die gegnerische Wertung --: es war numerisch *stärker*.
Reinigen wir jetzt die *gegnerische Wertung* von der Infektion und Halbheit, von der *Entartung*, in der sie uns allen bekannt ist.
Wiederherstellung der Natur: moralinfrei.
105.
Zwei Typen der Moral sind nicht zu verwechseln: eine Moral, mit der sich der gesund gebliebene Instinkt gegen die beginnende ~décadence~ wehrt, -- und eine andere Moral, mit der eben diese ~décadence~ sich formuliert, rechtfertigt und selber abwärts führt.
Die erstere pflegt stoisch, hart, tyrannisch zu sein (-- der *Stoizismus* selbst war eine solche Hemmschuh-Moral); die andere ist schwärmerisch, sentimental, voller Geheimnisse, sie hat die Weiber und „schönen Gefühle“ für sich (-- das erste *Christentum* war eine solche Moral).
106.
Das Nachdenken über das Allgemeinste ist immer rückständig: die letzten „Wünschbarkeiten“ über den Menschen zum Beispiel sind von den Philosophen eigentlich niemals als Problem genommen worden. Die „*Verbesserung*“ des Menschen wird von ihnen allen naiv angesetzt, wie als ob wir durch irgendeine Intuition über das Fragezeichen hinausgehoben wären, *warum* gerade „verbessern“? Inwiefern ist es *wünschbar*, daß der Mensch *tugendhafter* wird? oder *klüger*? oder *glücklicher*? Gesetzt, daß man nicht schon das „Warum?“ des Menschen überhaupt *kennt*, so hat jede solche Absicht keinen Sinn; und wenn man das eine will, wer weiß? vielleicht darf man dann das andere nicht wollen? Ist die Vermehrung der Tugendhaftigkeit zugleich verträglich mit einer Vermehrung der Klugheit und Einsicht? ~Dubito~; ich werde nur zu viel Gelegenheit haben, das Gegenteil zu beweisen.
Ist die Tugendhaftigkeit als Ziel im rigorosen Sinne nicht tatsächlich bisher im Widerspruch mit dem Glücklichwerden gewesen? braucht sie andererseits nicht das Unglück, die Entbehrung und Selbstmißhandlung als notwendiges Mittel? Und wenn die *höchste Einsicht* das Ziel wäre, müßte man nicht eben damit die Steigerung des Glücks ablehnen? und die Gefahr, das Abenteuer, das Mißtrauen, die Verführung als Weg zur Einsicht wählen?.. Und will man *Glück*, nun, so muß man vielleicht zu den „Armen des Geistes“ sich gesellen.
107.
Es fehlt das Wissen und Bewußtsein davon, welche *Umdrehungen* bereits das moralische Urteil durchgemacht hat und wie wirklich mehrere Male schon im gründlichsten Sinne „Böse“ auf „Gut“ umgetauft worden ist. Auf eine dieser Verschiebungen habe ich mit dem Gegensatze „Sittlichkeit der Sitte“ hingewiesen. Auch das Gewissen hat seine Sphäre vertauscht: es gab einen Herden-Gewissensbiß.
108.
*Die Vorherrschaft der moralischen Werte.* -- Folgen dieser Vorherrschaft: die Verderbnis der Psychologie usw., das Verhängnis überall, das an ihr hängt. Was *bedeutet* diese Vorherrschaft? Worauf weist sie hin? -- Auf eine gewisse *größere Dringlichkeit* eines bestimmten Ja und Nein auf diesem Gebiete. Man hat alle Arten *Imperative* darauf verwendet, um die moralischen Werte als fest erscheinen zu lassen: sie sind am längsten kommandiert worden: -- sie *scheinen* instinktiv, wie innere Kommandos. Es drücken sich *Erhaltungsbedingungen der Sozietät* darin aus, daß die moralischen Werte als *undiskutierbar* empfunden werden.
Die Praxis: das will heißen, die *Nützlichkeit*, untereinander sich über die obersten Werte zu verstehen, hat hier eine Art Sanktion erlangt. Wir sehen *alle Mittel angewendet*, wodurch das Nachdenken und die Kritik auf diesem Gebiete *lahm*gelegt wird: -- welche Attitüde nimmt noch Kant an! Nicht zu reden von denen, welche es als unmoralisch ablehnen, hier zu „forschen“ -- 109.
Was ist das *Kriterium* der unmoralischen Handlung? 1. ihre Uneigennützigkeit, 2. ihre Allgemeingültigkeit usw. Aber das ist Stubenmoralistik. Man muß die Völker studieren und zusehen, was jedesmal das Kriterium ist und was sich darin ausdrückt: ein Glaube „ein solches Verhalten gehört zu unseren ersten Existenzbedingungen“.
Unmoralisch heißt „untergang-bringend“. Nun sind alle diese Gemeinschaften, in denen diese Gesetze gefunden wurden, zugrunde gegangen: einzelne dieser Sätze sind immer von neuem unterstrichen worden, weil jede neu sich bildende Gemeinschaft sie wieder nötig hatte, zum Beispiel „du sollst nicht stehlen“. Zu Zeiten, wo das Gemeingefühl für die Gesellschaft (zum Beispiel im ~imperium Romanum~) nicht verlangt werden konnte, warf sich der Trieb aufs „Heil der Seele“, religiös gesprochen: oder „das größte Glück“, philosophisch geredet. Denn auch die griechischen Moralphilosophen empfanden nicht mehr mit ihrer πόλις.
110.
Unsre heiligsten Überzeugungen, unser Unwandelbares in Hinsicht auf oberste Werte sind *Urteile unsrer Muskeln*.
111.
Daß der Wert einer Handlung von dem abhängen soll, was ihr im *Bewußtsein* vorausging -- wie falsch ist das! -- Und man hat die Moralität danach bemessen, selbst die Kriminalität...Der Wert einer Handlung muß nach ihren Folgen bemessen werden -- sagen die Utilitarier --: sie nach ihrer Herkunft zu messen, impliziert eine Unmöglichkeit, nämlich diese zu *wissen*.
Aber weiß man die Folgen? Fünf Schritt weit vielleicht. Wer kann sagen, was eine Handlung anregt, aufregt, wider sich erregt? Als Stimulans?
Als Zündfunke vielleicht für einen Explosivstoff?...Die Utilitarier sind naiv...Und zuletzt müssen wir erst *wissen*, was nützlich ist: auch hier geht ihr Blick nur fünf Schritt weit...Sie haben keinen Begriff von der großen Ökonomie, die des Übels nicht zu entraten weiß.
Man weiß die Herkunft nicht, man weiß die Folgen nicht: -- hat folglich eine Handlung überhaupt einen Wert?
Bleibt die Handlung selbst: ihre Begleiterscheinungen im Bewußtsein, das Ja und das Nein, das ihrer Ausführung folgt: liegt der Wert einer Handlung in den subjektiven Begleiterscheinungen? (-- das hieße den Wert der Musik nach dem Vergnügen oder Mißvergnügen abmessen, das sie uns macht...das sie ihrem *Komponisten* macht...). Sichtlich begleiten sie Wertgefühle, ein Macht-, ein Zwang-, ein Ohnmachtsgefühl zum Beispiel, die Freiheit, die Leichtigkeit, -- anders gefragt: könnte man den Wert einer Handlung auf physiologische Werte reduzieren: ob sie ein Ausdruck des vollständigen oder gehemmten Lebens ist? -- Es mag sein, daß sich ihr *biologischer* Wert darin ausdrückt...Wenn also die Handlung weder nach ihrer Herkunft, noch nach ihren Folgen, noch nach ihren Begleiterscheinungen abwertbar ist, so ist ihr Es ist eine *Entnatürlichung der Moral*, daß man die Handlung *abtrennt* vom Menschen; daß man den Haß oder die Verachtung gegen die „Sünde“ wendet; daß man glaubt, es gebe Handlungen, welche an sich gut oder schlecht sind.
*Wiederherstellung* der „*Natur*“: eine Handlung an sich ist vollkommen leer an Wert: es kommt alles darauf an, *wer* sie tut. Ein und dasselbe „Verbrechen“ kann im einen Fall das höchste Vorrecht, im andern das Brandmal sein. Tatsächlich ist es die Selbstsucht der Urteilenden, welche eine Handlung, respektive ihren Täter, auslegt im Verhältnis zum eigenen Nutzen oder Schaden (-- oder im Verhältnis zur Ähnlichkeit oder Nichtverwandtschaft mit sich).
113.
*Moral als Versuch, den menschlichen Stolz herzustellen.* -- Die Theorie vom „freien Willen“ ist antireligiös. Sie will dem Menschen ein Anrecht schaffen, sich für seine hohen Zustände und Handlungen als Ursache denken zu dürfen: sie ist eine Form des wachsenden *Stolzgefühls*.
Der Mensch fühlt seine Macht, sein „Glück“, wie man sagt: es muß „Wille“ sein vor diesem Zustand, -- sonst gehört er ihm nicht an.
Die Tugend ist der Versuch, ein Faktum von Wollen und Gewollt-haben als notwendiges Antezedenz vor jedes hohe und starke Glücksgefühl zu setzen: -- wenn regelmäßig der Wille zu gewissen Handlungen im Bewußtsein vorhanden ist, so darf ein Machtgefühl als dessen Wirkung ausgelegt werden. -- Das ist eine bloße *Optik der Psychologie*: immer unter der falschen Voraussetzung, daß uns nichts zugehört, was wir nicht als gewollt im Bewußtsein haben. Die ganze Verantwortlichkeitslehre hängt an dieser naiven Psychologie, daß nur der Wille Ursache ist, und daß man wissen muß, gewollt zu haben, um *sich* als Ursache glauben zu dürfen.
-- *Kommt die Gegenbewegung*: die der Moralphilosophen, immer noch unter dem gleichen Vorurteil, daß man nur für etwas verantwortlich ist, das man gewollt hat. Der Wert des Menschen, als *moralischer Wert* angesetzt: folglich muß seine Moralität eine ~causa prima~ sein; folglich muß ein Prinzip im Menschen sein, ein „freier Wille“ als ~causa prima~. -- Hier ist immer der Hintergedanke: wenn der Mensch nicht ~causa prima~ ist als Wille, so ist er unverantwortlich, -- folglich gehört er gar nicht vor das moralische Forum, -- die Tugend oder das Laster wären automatisch und machinal...~In summa~: damit der Mensch vor sich Achtung haben kann, muß er fähig sein, auch böse zu werden.
114.
Die *Schauspielerei* als Folge der Moral des „freien Willens“. -- Es ist ein Schritt in der *Entwicklung des Machtgefühls* selbst, seine hohen Zustände (seine Vollkommenheit) selber auch verursacht zu haben, -- folglich, schloß man sofort, *gewollt* zu haben...(Kritik: Alles vollkommene Tun ist gerade unbewußt und nicht mehr gewollt; das Bewußtsein drückt einen unvollkommenen und oft krankhaften Personalzustand aus. *Die persönliche Vollkommenheit als bedingt durch Willen, als Bewußtsein*, als Vernunft mit Dialektik, ist eine Karikatur, eine Art von Selbstwiderspruch...Der Grad von Bewußtheit macht ja die Vollkommenheit *unmöglich*.. Form der *Schauspielerei*.)
115.
*Kritik der subjektiven Wertgefühle.* -- Das *Gewissen*. Ehemals schloß man: das Gewissen verwirft diese Handlung; folglich ist diese Handlung verwerflich. Tatsächlich verwirft das Gewissen eine Handlung, weil dieselbe lange verworfen worden ist. Es spricht bloß nach: es schafft keine Werte. Das, was ehedem dazu bestimmte, gewisse Handlungen zu verwerfen, war *nicht* das Gewissen: sondern die Einsicht (oder das Vorurteil) hinsichtlich ihrer Folgen...Die Zustimmung des Gewissens, das Wohlgefühl des „Friedens mit sich“ ist von gleichem Range wie die Lust eines Künstlers an seinem Werke, -- sie beweist gar nichts...Die Selbstzufriedenheit ist so wenig ein Wertmaß für das, worauf sie sich bezieht, als ihr Mangel ein Gegenargument gegen den Wert einer Sache.
Wir wissen bei weitem nicht genug, um den Wert unsrer Handlungen messen zu können: es fehlt uns zu alledem die Möglichkeit, objektiv dazu zu stehen: auch wenn wir eine Handlung verwerfen, sind wir nicht Richter, sondern Partei...Die edlen Wallungen, als Begleiter von Handlungen, beweisen nichts für deren Wert: ein Künstler kann mit dem allerhöchsten Pathos des Zustandes eine Armseligkeit zur Welt bringen. Eher sollte man sagen, daß diese Wallungen verführerisch seien: sie locken unsern Blick, unsre Kraft ab von der Kritik, von der Vorsicht, von dem Verdacht, daß wir eine *Dummheit* machen.. sie machen uns dumm -- 116.
Wir sind die Erben der Gewissensvivisektion und Selbstkreuzigung von zwei Jahrtausenden: darin ist unsre längste Übung, unsre Meisterschaft vielleicht, unser Raffinement in jedem Fall; wir haben die natürlichen Hänge mit dem bösen Gewissen verschwistert.
Ein umgekehrter Versuch wäre möglich: die unnatürlichen Hänge, ich meine die Neigungen zum Jenseitigen, Sinnwidrigen, Denkwidrigen, Naturwidrigen, kurz die bisherigen Ideale, die allesamt Weltverleumdungsideale waren, mit dem schlechten Gewissen zu verschwistern.
117.
Die großen *Verbrechen* in der *Psychologie*: 1. Daß alle *Unlust*, alles *Unglück* mit dem Unrecht (der Schuld) gefälscht worden ist (man hat dem Schmerz die Unschuld genommen); 2. daß alle *starken Lustgefühle* (Übermut, Wollust, Triumph, Stolz, Verwegenheit, Erkenntnis, Selbstgewißheit und Glück an sich) als sündlich, als Verführung, als verdächtig gebrandmarkt worden sind; 3. daß die *Schwächegefühle*, die innerlichsten Feigheiten, der Mangel an Mut zu sich selbst mit heiligenden Namen belegt und als wünschenswert im höchsten Sinne gelehrt worden sind; 4. daß alles *Große* am Menschen umgedeutet worden ist als Entselbstung, als Sichopfern für etwas anderes, für andere; daß selbst am Erkennenden, selbst am Künstler die *Entpersönlichung* als die Ursache seines höchsten Erkennens und Könnens vorgespiegelt worden ist; 5. daß die *Liebe* gefälscht worden ist als Hingebung (und Altruismus), während sie ein Hinzunehmen ist oder ein Abgeben infolge eines Überreichtums von Persönlichkeit. Nur die *ganzesten* Personen können lieben; die Entpersönlichten, die „Objektiven“ sind die schlechtesten Liebhaber (-- man frage die Weibchen!). Das gilt auch von der Liebe zu Gott, oder zum „Vaterland“: man muß fest auf sich selber sitzen.
(Der Egoismus als die Ver-*Ichlichung*, der Altruismus als die Ver-*Änderung*).
6. Das Leben als Strafe, das Glück als Versuchung; die Leidenschaften als teuflisch, das Vertrauen zu sich als gottlos.
*Diese ganze Psychologie ist eine Psychologie der Verhinderung*, eine Art *Vermauerung* aus Furcht; einmal will sich die große Menge (die Schlechtweggekommenen und Mittelmäßigen) damit wehren gegen die Stärkeren (-- und sie in der Entwicklung *zerstören*...), andrerseits alle die Triebe, mit denen sie selbst am besten gedeiht, heiligen und allein in Ehren gehalten wissen. Vergleiche die jüdische Priesterschaft.
118.
Die *Überreste der Naturentwertung* durch Moral-Transzendenz: Wert der *Entselbstung*, Kultus des Altruismus: Glaube an eine *Vergeltung* innerhalb des Spiels der Folgen; Glaube an die „Güte“, an das „Genie“ selbst, wie als ob das eine wie das andere *Folgen der Entselbstung* wären; die Fortdauer der kirchlichen Sanktion des bürgerlichen Lebens; absolutes Mißverstehen-wollen der Historie (als Erziehungswerk zur Moralisierung) oder Pessimismus im Anblick der Historie (-- letzterer so gut eine Folge der Naturentwertung wie jene *Pseudorechtfertigung*, jenes Nicht-Sehen-wollen dessen, was der Pessimist *sieht*...).
119.
„*Die Moral um der Moral willen*“ -- eine wichtige Stufe in ihrer Entnaturalisierung: sie erscheint selbst als letzter Wert. In dieser Phase hat sie die Religion mit sich durchdrungen: im Judentum zum Beispiel. Und ebenso gibt es eine Phase, wo sie die Religion wieder *von sich abtrennt* und wo ihr kein Gott „moralisch“ genug ist: dann zieht sie das unpersönliche Ideal vor...Das ist jetzt der Fall.
„*Die Kunst um der Kunst willen*“ -- das ist ein gleichgefährliches Prinzip: damit bringt man einen falschen Gegensatz in die Dinge, -- es läuft auf eine Realitätsverleumdung („Idealisierung“ ins *Häßliche*) hinaus. Wenn man ein Ideal ablöst vom Wirklichen, so stößt man das Wirkliche hinab, man verarmt es, man verleumdet es. „*Das Schöne um des Schönen willen*“, „*das Wahre um des Wahren willen*“, „*das Gute um des Guten willen*“ -- das sind drei Formen des *bösen Blicks* für das Wirkliche.
auf Steigerung des Lebens in ihnen zu erkennen, hat man sie zu einem *Gegensatz des Lebens* in Bezug gebracht, zu „*Gott*“, -- gleichsam als Offenbarungen einer höheren Welt, die durch diese hier und da -- diese *Scheidungen* verraten Daseins- und Steigerungsbedingungen, nicht vom Menschen überhaupt, sondern von irgendwelchen festen und dauerhaften Komplexen, welche ihre Widersacher von sich abtrennen. Der *Krieg*, der damit geschaffen wird, ist das Wesentliche daran: als Mittel der *Absonderung*, die die Isolation *verstärkt*...120.
Daß man endlich die menschlichen Werte wieder hübsch in die Ecke zurücksetze, in der sie allein ein Recht haben: als Eckensteherwerte.
Es sind schon viele Tierarten verschwunden; gesetzt, daß auch der Mensch verschwände, so würde nichts in der Welt fehlen. Man muß Philosoph genug sein, um auch *dies* Nichts zu bewundern (-- ~Nil admirari~ --).
121.
Der Mensch, eine kleine, überspannte Tierart, die -- glücklicherweise -- ihre Zeit hat; das Leben auf der Erde überhaupt ein Augenblick, ein Zwischenfall, eine Ausnahme ohne Folge, etwas, das für den Gesamtcharakter der Erde belanglos bleibt; die Erde selbst, wie jedes Gestirn, ein Hiatus zwischen zwei Nichtsen, ein Ereignis ohne Plan, Vernunft, Wille, Selbstbewußtsein, die schlimmste Art des Notwendigen, die *dumme* Notwendigkeit...Gegen diese Betrachtung empört sich etwas in uns; die Schlange Eitelkeit redet uns zu, „das alles muß falsch sein: *denn* es empört...Könnte das nicht alles nur Schein sein? Und der Mensch trotzalledem, mit Kant zu reden -- --“ 122.
Der *Sieg* eines moralischen Ideals wird durch dieselben „unmoralischen“ Mittel errungen wie jeder Sieg: Gewalt, Lüge, Verleumdung, Ungerechtigkeit.
123.
Wer weiß, wie aller *Ruhm* entsteht, wird einen Argwohn auch gegen den Ruhm haben, den die Tugend genießt.
124.
*Vom Ideal des Moralisten.* -- Dieser Traktat handelt von der großen