höchsten Werte sein, selbst mit den Augen der Herrschenden gesehen: denn sie hält die Gefühle der Rivalität, des Ressentiments, des Neides nieder, die allzu natürlichen Gefühle der Schlechtweggekommenen, sie vergöttlicht ihnen selbst unter dem Ideal der Demut und des Gehorsams das Sklavesein, das Beherrschtwerden, das Armsein, das Kranksein, das Untenstehen. Hieraus ergibt sich, warum die herrschenden Klassen (oder Rassen) und Einzelnen jederzeit den Kultus der Selbstlosigkeit, das Evangelium der Niedrigen, den „Gott am Kreuze“ aufrechterhalten haben.
Das Übergewicht einer altruistischen Wertungsweise ist die Folge eines Instinktes für Mißratensein. Das Werturteil auf unterstem Grunde sagt hier: „ich bin nicht viel wert“: ein bloß physiologisches Werturteil; noch deutlicher: das Gefühl der Ohnmacht, der Mangel der großen, bejahenden Gefühle der Macht (in Muskeln, Nerven, Bewegungszentren).
Dies Werturteil übersetzt sich, je nach der Kultur dieser Schichten, in ein moralisches oder religiöses Urteil (-- die Vorherrschaft religiöser oder moralischer Urteile ist immer ein Zeichen niedriger Kultur --): es sucht sich zu begründen, aus Sphären, woher ihnen der Begriff „Wert“ überhaupt bekannt ist. Die Auslegung, mit der der christliche Sünder sich zu verstehen glaubt, ist ein Versuch, den Mangel an Macht und Selbstgewißheit *berechtigt* zu finden: er will lieber sich schuldig finden, als umsonst sich schlecht fühlen: an sich ist es ein Symptom von Verfall, Interpretationen dieser Art überhaupt zu brauchen. In andern Fällen sucht der Schlechtweggekommene den Grund dafür nicht in seiner „Schuld“ (wie der Christ), sondern in der Gesellschaft: der Sozialist, der Anarchist, der Nihilist, -- indem sie ihr Dasein als etwas empfinden, an dem jemand *schuld* sein soll, sind sie damit immer noch die Nächstverwandten des Christen, der auch das Sich-schlecht-Befinden und Mißraten besser zu ertragen glaubt, wenn er jemanden gefunden hat, den er dafür *verantwortlich* machen kann. Der Instinkt der Rache und des *Ressentiments* erscheint hier in beiden Fällen als Mittel, es auszuhalten, als Instinkt der Selbsterhaltung: ebenso wie die Bevorzugung der *altruistischen* Theorie und Praxis. Der *Haß gegen den Egoismus*, sei es gegen den eignen (wie beim Christen), sei es gegen den fremden (wie beim Sozialisten), ergibt sich dergestalt als ein Werturteil unter der Vorherrschaft der Rache; andrerseits als eine Klugheit der Selbsterhaltung Leidender durch Steigerung ihrer Gegenseitigkeits- und Solidaritätsgefühle...Zuletzt ist, wie schon angedeutet, auch jene Entladung des Ressentiments im Richten, Verwerfen, Bestrafen des Egoismus (des eignen oder eines fremden) noch ein Instinkt der Selbsterhaltung bei Schlechtweggekommenen. ~In summa~: der Kultus des Altruismus ist eine spezifische Form des Egoismus, die unter bestimmten physiologischen Voraussetzungen regelmäßig auftritt.
Wenn der Sozialist mit einer schönen Entrüstung „Gerechtigkeit“, „Recht“, „gleiche Rechte“ verlangt, so steht er nur unter dem Druck seiner ungenügenden Kultur, welche nicht zu begreifen weiß, warum er leidet: andrerseits macht er sich ein Vergnügen damit; -- befände er sich besser, so würde er sich hüten, so zu schreien: er fände dann anderswo sein Vergnügen. Dasselbe gilt vom Christen: die „Welt“ wird von ihm verurteilt, verleumdet, verflucht, -- er nimmt sich selbst nicht aus. Aber das ist kein Grund, sein Geschrei ernst zu nehmen. In beiden Fällen sind wir immer noch unter Kranken, denen es *wohltut*, zu schreien, denen die Verleumdung eine Erleichterung ist.
152.
Es gibt gar keinen Egoismus, der bei sich stehen bliebe und nicht übergriffe, -- es gibt folglich jenen „erlaubten“, „moralisch indifferenten“ Egoismus gar nicht, von dem ihr redet.
„Man fördert sein Ich stets auf Kosten des andern“; „Leben lebt immer auf Unkosten andern Lebens“ -- wer das nicht begreift, hat bei sich auch nicht den ersten Schritt zur Redlichkeit getan.
153.
Von der Verleumdung der sogenannten bösen Eigenschaften.
*Egoismus* und sein Problem! Die christliche Verdüsterung in Larochefoucauld, welcher ihn überall herauszog und damit den Wert der Dinge und Tugenden *vermindert* glaubte! Dem entgegen suchte ich zunächst zu beweisen, daß es gar nichts anderes geben *könne* als Egoismus, -- daß den Menschen, bei denen das ~ego~ schwach und dünn wird, auch die Kraft der großen Liebe schwach wird, -- daß die Liebendsten vor allem es aus Stärke ihres ~ego~ sind, -- daß Liebe ein Ausdruck von Egoismus ist usw. Die falsche Wertschätzung zielt in Wahrheit auf das Interesse 1. derer, denen genützt, geholfen wird, der Herde; 2. enthält sie einen pessimistischen Argwohn gegen den Grund des Lebens; 3. möchte sie die prachtvollsten und wohlgeratensten Menschen verneinen; Furcht; 4. will sie den Unterliegenden zum Rechte verhelfen gegen die Sieger; 5. bringt sie eine universale Unehrlichkeit mit sich, und gerade bei den wertvollsten Menschen.
154.
Ich habe dem bleichsüchtigen Christenideale den Krieg erklärt (samt dem, was ihm nahe verwandt ist), nicht in der Absicht, es zu vernichten, sondern nur, um seiner *Tyrannei* ein Ende zu setzen und den Platz freizubekommen für neue Ideale, für *robustere* Ideale...Die *Fortdauer* des christlichen Ideals gehört zu den wünschenswertesten Dingen, die es gibt: und schon um der Ideale willen, die neben ihm und vielleicht über ihm sich geltend machen wollen, -- sie müssen Gegner, starke Gegner haben, um *stark* zu werden. -- So brauchen wir Immoralisten die *Macht* der *Moral*: unser Selbsterhaltungstrieb will, daß unsre *Gegner* bei Kräften bleiben, -- er will nur *Herr über sie* werden. -- 155.
Man soll das Reich der Moralität Schritt für Schritt verkleinern und eingrenzen: man soll die Namen für die eigentlichen hier arbeitenden Instinkte ans Licht ziehen und zu Ehren bringen, nachdem sie die längste Zeit unter heuchlerischen Tugendnamen versteckt wurden; man soll aus Scham vor seiner immer gebieterischer redenden „Redlichkeit“ die Scham verlernen, welche die natürlichen Instinkte verleugnen und weglügen möchte. Es ist ein Maß der Kraft, wie weit man sich der Tugend entschlagen kann; und es wäre eine Höhe zu denken, wo der Begriff „Tugend“ so unempfunden wäre, daß er wie ~virtù~ klänge, Renaissancetugend, moralinfreie Tugend. Aber einstweilen -- wie fern sind wir noch von diesem Ideale!
*Die Gebietsverkleinerung der Moral*: ein Zeichen ihres Fortschritts.
Überall, wo man noch nicht *kausal* zu denken vermocht hat, dachte man *moralisch*.
156.
Vor allem, meine Herren Tugendhaften, habt ihr keinen Vorrang vor uns: wir wollen euch die *Bescheidenheit* hübsch zu Gemüte führen: es ist ein erbärmlicher Eigennutz und Klugheit, welche euch eure Tugend anrät. Und hättet ihr mehr Kraft und Mut im Leibe, würdet ihr euch nicht dergestalt zu tugendhafter Nullität herabdrücken. Ihr macht aus euch, was ihr könnt: teils was ihr müßt -- wozu euch eure Umstände zwingen --, teils was euch Vergnügen macht, teils was euch nützlich scheint. Aber wenn ihr tut, was nur euren Neigungen gemäß ist oder was eure Notwendigkeit von euch will oder was euch nützt, so sollt ihr euch darin *weder loben dürfen, noch loben lassen*!...Man ist eine *gründlich kleine Art* Mensch, wenn man *nur* tugendhaft ist: darüber soll nichts in die Irre führen! Menschen, die irgendworin in Betracht kommen, waren noch niemals solche Tugendesel: ihr innerster Instinkt, der ihres Quantums Macht, fand dabei nicht seine Rechnung: während eure Minimalität an Macht nichts weiser erscheinen läßt als Tugend.
Aber ihr habt die *Zahl* für euch: und insofern ihr *tyrannisiert*, wollen wir *euch* den Krieg machen...157.
Ein *tugendhafter Mensch* ist schon deshalb eine niedrigere Spezies, weil er keine „Person“ ist, sondern seinen Wert dadurch erhält, einem Schema Mensch gemäß zu sein, das ein für allemal aufgestellt ist. Er hat nicht seinen Wert ~a parte~: er kann verglichen werden, er hat seinesgleichen, er *soll* nicht einzeln sein...Rechnet die Eigenschaften des *guten* Menschen nach, weshalb tun sie uns wohl? Weil wir keinen Krieg nötig haben, weil er kein Mißtrauen, keine Vorsicht, keine Sammlung und Strenge uns auferlegt: unsre Faulheit, Gutmütigkeit, Leichtsinnigkeit macht sich einen *guten Tag*.
Dieses unser *Wohlgefühl ist es, das wir aus uns hinausprojizieren* und dem guten Menschen als *Eigenschaft*, als *Wert* zurechnen.
158.
*Zur Kritik des guten Menschen.* -- Rechtschaffenheit, Würde, Pflichtgefühl, Gerechtigkeit, Menschlichkeit, Ehrlichkeit, Geradheit, gutes Gewissen, -- sind wirklich mit diesen wohlklingenden Worten Eigenschaften um ihrer selbst willen bejaht oder gutgeheißen? oder sind hier an sich wertindifferente Eigenschaften und Zustände nur unter irgendwelchen Gesichtspunkt gerückt, wo sie Wert bekommen? Liegt der Wert dieser Eigenschaften in ihnen oder in dem Nutzen, Vorteil, der aus ihnen folgt (zu folgen scheint, zu folgen erwartet wird)?
Ich meine hier natürlich nicht einen Gegensatz von ~ego~ und ~alter~ in der Beurteilung: die Frage ist, ob die *Folgen* es sind, sei es für den Träger dieser Eigenschaften, sei es für die Umgebung, Gesellschaft, „Menschheit“, derentwegen diese Eigenschaften Wert haben sollen: oder ob sie an sich selbst Wert haben...Anders gefragt: ist es die *Nützlichkeit*, welche die entgegengesetzten Eigenschaften verurteilen, bekämpfen, verneinen heißt (-- Unzuverlässigkeit, Falschheit, Verschrobenheit, Selbstungewißheit: Unmenschlichkeit --)? Ist das Wesen solcher Eigenschaften oder nur die Konsequenz solcher Eigenschaften verurteilt? -- Anders gefragt: wäre es *wünschbar*, daß Menschen dieser zweiten Eigenschaften nicht existieren? -- Das wird *jedenfalls geglaubt*...Aber hier steckt der Irrtum, die Kurzsichtigkeit, die Borniertheit des *Winkelegoismus*.
Anders ausgedrückt: wäre es wünschbar, Zustände zu schaffen, in denen der ganze Vorteil auf Seiten der Rechtschaffenen ist, -- so daß die entgegengesetzten Naturen und Instinkte entmutigt würden und langsam ausstürben?
Dies ist im Grunde eine Frage des Geschmacks und der *Ästhetik*: wäre es wünschbar, daß die „achtbarste“, das heißt langweiligste Spezies Mensch übrig bliebe? die Rechtwinkligen, die Tugendhaften, die Biedermänner, die Braven, die Geraden, die „Hornochsen“?
Denkt man sich die ungeheure Überfülle der „anderen“ weg: so hat sogar der Rechtschaffene nicht einmal mehr ein Recht auf Existenz: er ist nicht mehr nötig, -- und hier begreift man, daß nur die grobe Nützlichkeit eine solche *unausstehliche Tugend* zu Ehren gebracht hat.
Die Wünschbarkeit liegt vielleicht gerade auf der umgekehrten Seite: Zustände schaffen, bei denen der „rechtschaffene Mensch“ in die bescheidene Stellung eines „nützlichen Werkzeugs“ herabgedrückt wird -- als das „ideale Herdentier“, bestenfalls Herdenhirt: kurz, bei denen er nicht mehr in die obere Ordnung zu stehen kommt: welche *andere Eigenschaften* verlangt.
159.
*Das Patronat der Tugend.* -- Habsucht, Herrschsucht, Faulheit, Einfalt, Furcht: alle haben ein Interesse an der Sache der Tugend: darum steht sie so fest.
160.
Man soll die *Tugend* gegen die Tugendprediger verteidigen: das sind ihre schlimmsten Feinde. Denn sie lehren die Tugend als ein Ideal *für alle*; sie nehmen der Tugend ihren Reiz des Seltenen, des Unnachahmlichen, des Ausnahmsweisen und Undurchschnittlichen, -- ihren *aristokratischen Zauber*. Man soll insgleichen Front machen gegen die verstockten Idealisten, welche eifrig an alle Töpfe klopfen und ihre Genugtuung haben, wenn es hohl klingt: welche Naivität, Großes und Seltenes zu *fordern* und seine Abwesenheit mit Ingrimm und Menschenverachtung festzustellen! -- Es liegt zum Beispiel auf der Hand, daß eine *Ehe* so viel wert ist als die, welche sie schließen, das heißt, daß sie im großen ganzen etwas Erbärmliches und Unschickliches sein wird: kein Pfarrer, kein Bürgermeister kann etwas anderes daraus machen.
Die *Tugend* hat alle Instinkte des Durchschnittsmenschen gegen sich: sie ist unvorteilhaft, unklug, sie isoliert; sie ist der Leidenschaft verwandt und der Vernunft schlecht zugänglich; sie verdirbt den Charakter, den Kopf, den Sinn, -- -- immer gemessen mit dem Maß des Mittelguts von Mensch; sie setzt in Feindschaft gegen die Ordnung, gegen die *Lüge*, welche in jeder Ordnung, Institution, Wirklichkeit versteckt liegt, -- sie ist das *schlimmste Laster*, gesetzt, daß man sie nach der Schädlichkeit ihrer Wirkung auf die *andern* beurteilt.
-- Ich erkenne die Tugend daran, daß sie 1. nicht verlangt, erkannt zu werden, 2. daß sie nicht Tugend überall voraussetzt, sondern gerade etwas anderes, 3. daß sie an der Abwesenheit der Tugend *nicht leidet*, sondern umgekehrt dies als ein Distanzverhältnis betrachtet, auf Grund dessen etwas an der Tugend zu ehren ist; sie teilt sich nicht mit, 4. daß sie nicht Propaganda macht...5. daß sie niemand erlaubt, den Richter zu machen, weil sie immer eine Tugend *für sich* ist, 6. daß sie gerade alles das tut, was sonst *verboten* ist: Tugend, wie ich sie verstehe, ist das eigentliche ~vetitum~ innerhalb aller Herdenlegislatur, 7. kurz, daß sie Tugend im Renaissancestil ist, ~virtù~, moralinfreie Tugend..
161.
Der *„gute Mensch“ als Tyrann*. -- Die Menschheit hat immer denselben Fehler wiederholt: daß sie aus einem Mittel zum Leben einen *Maßstab* des Lebens gemacht hat; daß sie -- statt in der höchsten Steigerung des Lebens selbst, im Problem des Wachstums und der Erschöpfung, das Maß zu finden -- die *Mittel* zu einem ganz bestimmten Leben zum Ausschluß aller anderen Formen des Lebens, kurz zur Kritik und Selektion des Lebens benutzt hat. Das heißt, der Mensch liebt endlich die Mittel um ihrer selbst willen und *vergißt* sie als Mittel: so daß sie jetzt als Ziele ihm ins Bewußtsein treten, als Maßstäbe von Zielen...das heißt, *eine bestimmte Spezies Mensch* behandelt ihre Existenzbedingungen als gesetzlich aufzuerlegende Bedingungen, als „Wahrheit“, „Gut“, „Vollkommen“: sie *tyrannisiert*...Es ist eine *Form des Glaubens*, des Instinkts, daß eine Art Mensch nicht die Bedingtheit ihrer eignen Art, ihre Relativität im Vergleich zu anderen einsieht. Wenigstens scheint es zu Ende zu sein mit einer Art Mensch (Volk, Rasse), wenn sie tolerant wird, gleiche Rechte zugesteht und nicht mehr daran denkt, Herr sein zu wollen -- 162.
-- Das Laster mit etwas entschieden Peinlichem so verknüpfen, daß zuletzt man vor dem Laster flieht, um von dem loszukommen, was mit ihm verknüpft ist. Das ist der berühmte Fall Tannhäusers. Tannhäuser, durch Wagnersche Musik um seine Geduld gebracht, hält es selbst bei Frau Venus nicht mehr aus: mit einem Male gewinnt die Tugend Reiz; eine thüringische Jungfrau steigt im Preise; und, um das Stärkste zu sagen, er goutiert sogar die Weise Wolframs von Eschenbach...163.
Die Tugend ist unter Umständen bloß eine ehrwürdige Form der Dummheit: wer dürfte ihr darum übelwollen? Und diese Art Tugend ist auch heute noch nicht überlebt. Eine Art von wackerer Bauerneinfalt, welche aber in allen Ständen möglich ist und der man nicht anders als mit Verehrung und Lächeln zu begegnen hat, glaubt auch heute noch, daß alles in guten Händen ist, nämlich in der „Hand Gottes“: und wenn sie diesen Satz mit jener bescheidenen Sicherheit aufrecht erhalten, wie als ob sie sagten, daß zwei mal zwei vier ist, so werden wir andern uns hüten, zu widersprechen. Wozu *diese* reine Torheit trüben? Wozu sie mit unseren Sorgen in Hinsicht auf Mensch, Volk, Ziel, Zukunft verdüstern?
Und wollten wir es, wir könnten es nicht. Sie spiegeln ihre eigne ehrwürdige Dummheit und Güte in die Dinge *hinein* (bei ihnen lebt ja der alte Gott ~deus myops~ noch!); wir andern -- wir sehen etwas anderes in die Dinge hinein: unsre Rätselnatur, unsre Widersprüche, unsre tiefere, schmerzlichere, argwöhnischere Weisheit.
164.
Die *Tugend* findet jetzt keinen Glauben mehr, ihre Anziehungskraft ist dahin; es müßte sie denn einer etwa als eine ungewöhnliche Form des Abenteuers und der Ausschweifung von neuem auf den Markt zu bringen verstehen. Sie verlangt zu viel Extravaganz und Borniertheit von ihren Gläubigen, als daß sie heute nicht das Gewissen gegen sich hätte.
Freilich, für Gewissenlose und gänzlich Unbedenkliche mag eben das an ihr neuer Zauber sein: -- sie ist nunmehr, was sie bisher noch niemals gewesen ist, ein *Laster*.
165.
Die Tugend bleibt das kostspieligste Laster: sie *soll* es bleiben!
166.
Zuletzt, was habe ich erreicht? Verbergen wir uns dies wunderlichste Resultat nicht: ich habe der Tugend einen neuen *Reiz* erteilt, -- sie wirkt als etwas *Verbotenes*. Sie hat unsre feinste Redlichkeit gegen sich, sie ist eingesalzen in das „~cum grano salis~“ des wissenschaftlichen Gewissensbisses; sie ist altmodisch im Geruch und antikisierend, so daß sie nunmehr endlich die Raffinierten anlockt und neugierig macht; -- kurz, sie wirkt als Laster. Erst nachdem wir alles als Lüge, Schein erkannt haben, haben wir auch die Erlaubnis wieder zu dieser schönsten Falschheit, der der Tugend, erhalten. Es gibt keine Instanz mehr, die uns dieselbe verbieten dürfte; erst indem wir die Tugend als eine *Form der Immoralität* aufgezeigt haben, ist sie wieder *gerechtfertigt*, -- sie ist eingeordnet und gleichgeordnet in Hinsicht auf ihre Grundbedeutung, sie nimmt teil an der Grundimmoralität alles Daseins, -- als eine Luxusform ersten Ranges, die hochnäsigste, teuerste und seltenste Form des Lasters. Wir haben sie entrunzelt und entkuttet, wir haben sie von der Zudringlichkeit der Vielen erlöst, wir haben ihr die blödsinnige Starrheit, das leere Auge, die steife Haartour, die hieratische Muskulatur genommen.
167.
Ob ich damit der Tugend geschadet habe?...Ebensowenig, als die Anarchisten den Fürsten: erst seitdem sie angeschossen werden, sitzen sie wieder fest auf ihrem Thron...Denn so stand es immer und wird es stehen: man kann einer Sache nicht besser nützen, als indem man sie verfolgt und mit allen Hunden hetzt...Dies -- habe ich getan.
168.
Was ich mit aller Kraft deutlich zu machen wünsche: a) daß es keine schlimmere Verwechslung gibt, als wenn man *Züchtung* mit *Zähmung* verwechselt: was man getan hat...Die Züchtung ist, wie ich sie verstehe, ein Mittel der ungeheuren Kraftaufspeicherung der Menschheit, so daß die Geschlechter auf der Arbeit ihrer Vorfahren fortbauen können -- nicht nur äußerlich, sondern innerlich, organisch aus ihnen herauswachsend, ins *Stärkere*...b) daß es eine außerordentliche Gefahr gibt, wenn man glaubt, daß die Menschheit als *Ganzes* fortwüchse und stärker würde, wenn die Individuen schlaff, gleich, durchschnittlich werden...Menschheit ist ein Abstraktum: das Ziel der *Züchtung* kann auch im einzelnsten Falle immer nur der *stärkere* Mensch sein (-- der ungezüchtete ist schwach, vergeuderisch, unbeständig --).
169.
Man muß sehr unmoralisch sein, um durch die Tat *Moral zu machen*...Die Mittel der Moralisten sind die furchtbarsten Mittel, die je gehandhabt worden sind; wer den Mut nicht zur Unmoralität der Tat hat, taugt zu allem Übrigen, er taugt nicht zum Moralisten.
Die Moral ist eine Menagerie; ihre Voraussetzung, daß eiserne Stäbe nützlicher sein können als Freiheit, selbst für den Eingefangenen; ihre andere Voraussetzung, daß es Tierbändiger gibt, die sich vor furchtbaren Mitteln nicht fürchten, -- die glühendes Eisen zu handhaben wissen. Diese schreckliche Spezies, die den Kampf mit dem wilden Tier aufnimmt, heißt sich „Priester“.
Der Mensch, eingesperrt in einen eisernen Käfig von Irrtümern, eine Karikatur des Menschen geworden, krank, kümmerlich, gegen sich selbst böswillig, voller Haß auf die Antriebe zum Leben, voller Mißtrauen gegen alles, was schön und glücklich ist am Leben, ein wandelndes Elend: diese künstliche, willkürliche, *nachträgliche* Mißgeburt, welche die Priester aus ihrem Boden gezogen haben, den „Sünder“: wie werden wir es erlangen, dieses Phänomen trotz alledem zu *rechtfertigen*?
Um billig von der Moral zu denken, müssen wir zwei *zoologische* Begriffe an ihre Stelle setzen: *Zähmung* der Bestie und *Züchtung einer bestimmten Art*.
Die Priester gaben zu allen Zeiten vor, daß sie „*bessern*“ wollen...
Aber wir andern lachen, wenn ein Tierbändiger von seinen „gebesserten“ Tieren reden wollte. Die Zähmung der Bestie wird in den meisten Fällen durch eine Schädigung der Bestie erreicht: auch der moralische Mensch ist kein besserer Mensch, sondern nur ein geschwächter. Aber er ist weniger schädlich...170.
Das gesamte Moralisieren als Phänomen ins Auge bekommen. Auch als *Rätsel*. Die moralischen Phänomene haben mich beschäftigt wie Rätsel.
Heute würde ich eine Antwort zu geben wissen: was bedeutet es, daß für mich das Wohl des Nächsten höheren Wert haben *soll*, als mein eigenes?
daß aber der Nächste selbst den Wert seines Wohls anders schätzen *soll* als ich, nämlich demselben gerade *mein* Wohl überordnen soll?
Was bedeutet das „Du sollst“, das selbst von Philosophen als „gegeben“ betrachtet wird?
Der anscheinend verrückte Gedanke, daß einer die Handlung, die er dem andern erweist, höher halten soll, als die sich selbst erwiesene, dieser andere ebenso wieder usw. (daß man nur Handlungen gutheißen soll, weil einer dabei nicht sich selbst im Auge hat, sondern das Wohl des andern) hat seinen Sinn: nämlich als Instinkt des Gemeinsinns, auf der Schätzung beruhend, daß am einzelnen überhaupt wenig gelegen ist, aber sehr viel an allen zusammen, vorausgesetzt, daß sie eben eine Gemeinschaft bilden, mit einem Gemeingefühl und Gemeingewissen. Also eine Art Übung in einer bestimmten Richtung des Blicks, Wille zu einer Optik, welche sich selbst zu sehen unmöglich machen will.
Mein Gedanke: es fehlen die Ziele, und *diese müssen Einzelne* sein!
Wir sehen das allgemeine Treiben: jeder Einzelne wird geopfert und dient als Werkzeug. Man gehe durch die Straße, ob man nicht lauter „Sklaven“ begegnet. Wohin? Wozu?
171.
„Wollen“: ist gleich Zweck-Wollen. „Zweck“ enthält eine Wertschätzung.
Woher stammen die Wertschätzungen? Ist eine feste Norm von „angenehm und schmerzhaft“ die Grundlage?
Aber in unzähligen Fällen *machen* wir erst eine Sache schmerzhaft, dadurch, daß wir unsere Wertschätzung hineinlegen.
Umfang der moralischen Wertschätzungen: sie sind fast in jedem Sinneseindruck mitspielend. Die Welt ist uns *gefärbt* dadurch.
Wir haben die Zwecke und die Werte hineingelegt: wir haben eine ungeheure *latente Kraft*masse dadurch in uns: aber in der *Vergleichung* der Werte ergibt sich, daß Entgegengesetztes als wertvoll galt, daß *viele* Gütertafeln existierten (also nichts „an sich“ wertvoll).
Bei der Analyse der einzelnen Gütertafeln ergab sich ihre Aufstellung als die Aufstellung von *Existenzbedingungen* beschränkter Gruppen (und oft irrtümlicher): zur Erhaltung.
Bei der Betrachtung der *jetzigen* Menschen ergab sich, daß wir *sehr verschiedene* Werturteile handhaben, und daß keine schöpferische Kraft mehr darin ist, -- die Grundlage: „die Bedingung der Existenz“ fehlt dem moralischen Urteile jetzt. Es ist viel überflüssiger, es ist lange nicht so schmerzhaft. -- Es wird *willkürlich*. Chaos.
Wer schafft *das Ziel*, das über der Menschheit stehen bleibt und auch über dem Einzelnen? Ehemals wollte man mit der Moral *erhalten*: aber niemand will jetzt mehr *erhalten*, es ist nichts daran zu erhalten.
Also eine *versuchende Moral*: sich ein Ziel *geben*.
172.
Inwiefern die *Selbstvernichtung der Moral* noch ein Stück ihrer eigenen Kraft ist. Wir Europäer haben das Blut solcher in uns, die für ihren Glauben gestorben sind; wir haben die Moral furchtbar und ernst genommen, und es ist nichts, was wir nicht irgendwie geopfert haben. Andrerseits: unsre geistige Feinheit ist wesentlich durch Gewissensvivisektion erreicht worden. Wir wissen das „Wohin?“ noch nicht, zu dem wir getrieben werden, nachdem wir uns dergestalt von unsrem alten Boden abgelöst haben. Aber dieser Boden selbst hat uns die Kraft angezüchtet, die uns jetzt hinaustreibt in die Ferne, ins Abenteuer, durch die wir ins Uferlose, Unerprobte, Unentdeckte hinausgestoßen werden, -- es bleibt uns keine Wahl, wir müssen Eroberer sein, nachdem wir kein Land mehr haben, wo wir heimisch sind, wo wir „erhalten“ möchten. Ein verborgenes *Ja* treibt uns dazu, das stärker ist als alle unsre Neins. Unsre *Stärke* selbst duldet uns nicht mehr im alten, morschen Boden: wir wagen uns in die Weite, wir wagen *uns* daran: die Welt ist noch reich und unentdeckt, und selbst Zugrundgehen ist besser als halb und giftig werden. Unsre Stärke selbst zwingt uns aufs Meer, dorthin, wo alle Sonnen bisher untergegangen sind: wir *wissen* um eine neue Welt...173.
Mein Schlußsatz ist: daß der *wirkliche* Mensch einen viel höheren Wert darstellt als der „wünschbare“ Mensch irgendeines bisherigen Ideals; daß alle „Wünschbarkeiten“ in Hinsicht auf den Menschen absurde und gefährliche Ausschweifungen waren, mit denen eine einzelne Art von Mensch *ihre* Erhaltungs- und Wachstumsbedingungen über der Menschheit als Gesetz aufhängen möchte; daß jede zur Herrschaft gebrachte Wünschbarkeit solchen Ursprungs bis jetzt den Wert des Menschen, seine Kraft, seine Zukunftsgewißheit *herabgedrückt* hat; daß die Armseligkeit und Winkel-Intellektualität des Menschen sich am meisten bloßstellt, auch heute noch, wenn er *wünscht*; daß die Fähigkeit des Menschen, Werte anzusetzen, bisher zu niedrig entwickelt war, um dem tatsächlichen, nicht bloß „wünschbaren“ *Werte des Menschen* gerecht zu werden; daß das Ideal bis jetzt die eigentlich welt- und menschverleumdende Kraft, der Gifthauch über der Realität, die große *Verführung zum Nichts* war...3. Philosophie und Moral.
174.
Durch moralische Hinterabsichten ist der Gang der Philosophie bisher am meisten aufgehalten worden.
175.
Man hat zu allen Zeiten die „schönen Gefühle“ für Argumente genommen, den „gehobenen Busen“ für den Blasebalg der Gottheit, die Überzeugung als „Kriterium der Wahrheit“, das Bedürfnis des Gegners als Fragezeichen zur Weisheit: diese Falschheit, Falschmünzerei geht durch die ganze Geschichte der Philosophie. Die achtbaren, aber nur spärlichen Skeptiker abgerechnet, zeigt sich nirgends ein Instinkt von intellektueller Rechtschaffenheit. Zuletzt hat noch Kant in aller Unschuld diese Denkerkorruption mit dem Begriff „*praktische Vernunft*“ zu verwissenschaftlichen gesucht: er erfand eigens eine Vernunft dafür, in welchen Fällen man sich *nicht* um die Vernunft zu kümmern brauche: nämlich wenn das Bedürfnis des Herzens, wenn die Moral, wenn die „Pflicht“ redet.
176.
Die Philosophen sind eingenommen *gegen* den Schein, den Wechsel, den Schmerz, den Tod, das Körperliche, die Sinne, das Schicksal und die Unfreiheit, das Zwecklose.
Sie glauben 1. an die absolute Erkenntnis, 2. an die Erkenntnis um der Erkenntnis willen, 3. an die Tugend und Glück im Bunde, 4. an die Erkennbarkeit der menschlichen Handlungen. Sie sind von instinktiven Wertbestimmungen geleitet, in denen sich *frühere* Kulturzustände spiegeln (gefährlichere).
177.
Daß nichts von dem wahr ist, was ehemals als wahr galt -- was als unheilig, verboten, verächtlich, verhängnisvoll ehemals verachtet wurde --: alle diese Blumen wachsen heut am lieblichen Pfade der Wahrheit.
Diese ganze alte Moral geht uns nichts mehr an: es ist kein Begriff darin, der noch Achtung verdiente. Wir haben sie überlebt, -- wir sind nicht mehr grob und naiv genug, um in dieser Weise uns belügen lassen zu müssen...Artiger gesagt: wir sind zu tugendhaft dazu...Und wenn Wahrheit im alten Sinne nur deshalb „Wahrheit“ war, weil die alte Moral zu ihr ja sagte, ja sagen *durfte*: so folgte daraus, daß wir auch keine Wahrheit von ehedem mehr nötig haben...Unser *Kriterium* der Wahrheit ist durchaus nicht die Moralität: wir *widerlegen* eine Behauptung damit, daß wir sie als abhängig von der Moral, als inspiriert durch edle Gefühle beweisen.
178.
Alle diese Werte sind empirisch und bedingt. Aber der, der an sie glaubt, der sie verehrt, *will* eben diesen Charakter nicht anerkennen.
Die Philosophen glauben allesamt an diese Werte, und eine Form ihrer Verehrung war die Bemühung, aus ihnen *~a priori~-Wahrheiten* zu machen. Fälschender Charakter der *Verehrung*...Die Verehrung ist die hohe Probe der intellektuellen *Rechtschaffenheit*: aber es *gibt* in der ganzen Geschichte der Philosophie keine intellektuelle Rechtschaffenheit, -- sondern die „Liebe zum Guten“...Der absolute *Mangel an Methode*, um den Wert dieser Werte zu prüfen; *zweitens*: die Abneigung, diese Werte zu prüfen, überhaupt sie bedingt zu nehmen. -- Bei den Moralwerten kamen alle *antiwissenschaftlichen* Instinkte zusammen in Betracht, um hier die Wissenschaft Gegen die erkenntnistheoretischen Dogmen tief mißtrauisch, liebte ich es, bald aus diesem, bald aus jenem Fenster zu blicken, hütete mich, mich darin festzusetzen, hielt sie für schädlich, -- und zuletzt: ist es wahrscheinlich, daß ein Werkzeug seine eigene Tauglichkeit kritisieren *kann*?? -- Worauf ich acht gab, war vielmehr, daß niemals eine erkenntnistheoretische Skepsis oder Dogmatik ohne Hintergedanken entstanden ist, -- daß sie einen Wert zweiten Ranges hat, sobald man erwägt, *was* im Grunde zu dieser Stellung *zwang*.
Grundeinsicht: sowohl Kant, als Hegel, als Schopenhauer -- sowohl die skeptisch-epochistische Haltung, als die historisierende, als die pessimistische -- sind *moralischen* Ursprungs. Ich sah niemanden, der eine Kritik der *moralischen Wertgefühle* gewagt hätte: und den spärlichen Versuchen, zu einer Entstehungsgeschichte dieser Gefühle zu kommen (wie bei den englischen und deutschen Darwinisten) wandte ich bald den Rücken. -- Wie erklärt sich Spinozas Stellung, seine Verneinung und Ablehnung der moralischen Werturteile? (Es war *eine* Konsequenz seiner Theodicee!)
180.
*Die drei großen Naivitäten*: Erkenntnis als Mittel zum Glück (als ob...), als Mittel zur Tugend (als ob...), als Mittel zur „Verneinung des Lebens“, -- insofern sie ein Mittel zur Enttäuschung ist -- (als ob...).
181.
Im Grunde ist die Moral gegen die Wissenschaft *feindlich* gesinnt: schon Sokrates war dies -- und zwar deshalb, weil die Wissenschaft Dinge als wichtig nimmt, welche mit „gut“ und „böse“ nichts zu schaffen haben, folglich dem Gefühl für „gut“ und „böse“ *Gewicht nehmen*. Die Moral nämlich will, daß ihr der ganze Mensch und seine gesamte Kraft zu Diensten sei: sie hält es für die Verschwendung eines solchen, der zum Verschwenden *nicht reich genug* ist, wenn der Mensch sich ernstlich um Pflanzen und Sterne kümmert. Deshalb ging in Griechenland, als Sokrates die Krankheit des Moralisierens in die Wissenschaft eingeschleppt hatte, es geschwinde mit der Wissenschaftlichkeit abwärts; eine Höhe, wie die in der Gesinnung eines Demokrit, Hippokrates und Thukydides, ist nicht zum zweiten Male erreicht worden.
182.
Das ist außerordentlich. Wir finden von Anfang der griechischen Philosophie an einen Kampf gegen die Wissenschaft, mit den Mitteln einer Erkenntnistheorie respektive Skepsis: und wozu? Immer zugunsten der *Moral*...(Der Haß gegen die Physiker und Ärzte.)
Sokrates, Aristipp, die Megariker, die Zyniker, Epikur, Pyrrho -- Generalansturm gegen die Erkenntnis zugunsten der *Moral*...(Haß auch gegen die Dialektik.) Es bleibt ein Problem: sie nähern sich der Sophistik, um die Wissenschaft loszuwerden. Andererseits sind die Physiker alle so weit unterjocht, um das Schema der Wahrheit, des wahren Seins in ihre Fundamente aufzunehmen: zum Beispiel das Atom, die vier Elemente (*Juxtaposition* des Seienden, um die Vielheit und Veränderung zu erklären --). Verachtung gelehrt gegen die *Objektivität* des Interesses: Rückkehr zu dem praktischen Interesse, zur Personalnützlichkeit aller Erkenntnis...Der Kampf gegen die Wissenschaft richtet sich gegen 1. deren Pathos (Objektivität), 2. deren Mittel (das heißt gegen deren Nützlichkeit), 3. deren Resultate (als kindisch).
Es ist derselbe Kampf, der später wieder von Seiten der *Kirche*, im Namen der Frömmigkeit, geführt wird: sie erbt das ganze antike Rüstzeug zum Kampfe. Die Erkenntnistheorie spielt dabei dieselbe Rolle wie bei Kant, wie bei den Indern...Man will sich nicht darum zu bekümmern haben: man will freie Hand behalten für seinen „Weg“.
Wogegen wehren sie sich eigentlich? Gegen die Verbindlichkeit, gegen die Gesetzlichkeit, gegen die Nötigung Hand in Hand zu gehen --: ich glaube, man nennt das *Freiheit*...Darin drückt sich die ~décadence~ aus: der Instinkt der Solidarität ist so entartet, daß die Solidarität als *Tyrannei* empfunden wird: sie wollen keine Autorität, keine Solidarität, keine Einordnung in Reih und Glied zu unedler Langsamkeit der Bewegung. Sie hassen das Schrittweise, das Tempo der Wissenschaft, sie hassen das Nicht-anlangen-wollen, den langen Atem, die Personalindifferenz des wissenschaftlichen Menschen.
183.
Die *Sophisten* sind nichts weiter als Realisten: sie formulieren die allen gang und gäben Werte und Praktiken zum Rang der Werte, -- sie haben den Mut, den alle starken Geister haben, um ihre Unmoralität zu *wissen*...Glaubt man vielleicht, daß die kleinen griechischen Freistädte, welche sich vor Wut und Eifersucht gern aufgefressen hätten, von menschenfreundlichen und rechtschaffenen Prinzipien geleitet wurden?
Macht man vielleicht dem Thukydides einen Vorwurf aus seiner Rede, die er den athenischen Gesandten in den Mund legt, als sie mit den Meliern über Untergang oder Unterwerfung verhandeln?
Inmitten dieser entsetzlichen Spannung von Tugend zu reden, war nur vollendeten Tartüffs möglich -- oder *Abseitsgestellten*, Einsiedlern, Flüchtlingen und Auswanderern aus der Realität...Alles Leute, die negierten, um selber leben zu können -- Die Sophisten waren Griechen: als Sokrates und Plato die Partei der Tugend und Gerechtigkeit nahmen, waren sie *Juden* oder ich weiß nicht was --. Die Taktik *Grotes* zur Verteidigung der Sophisten ist falsch: er will sie zu Ehrenmännern und Moralstandarten erheben, -- aber ihre Ehre war, keinen Schwindel mit großen Worten und Tugenden zu treiben...184.
Inwiefern die Dialektik und der Glaube an die Vernunft noch auf *moralischen* Vorurteilen ruht. Bei Plato sind wir als einstmalige Bewohner einer intelligiblen Welt des Guten noch im Besitz eines Vermächtnisses jener Zeit: die göttliche Dialektik, als aus dem Guten stammend, führt zu allem Guten (-- also gleichsam „zurück“ --). Auch Descartes hatte einen Begriff davon, daß in einer christlich-moralischen Grunddenkweise, welche an einen *guten* Gott als Schöpfer der Dinge glaubt, die Wahrhaftigkeit Gottes erst uns unsre Sinnesurteile *verbürgt*. Abseits von einer religiösen Sanktion und Verbürgung unsrer Sinne und Vernünftigkeit -- woher sollten wir ein Recht auf Vertrauen gegen das Dasein haben! Daß das Denken gar ein Maß des Wirklichen sei, -- daß, was nicht gedacht werden kann, nicht *ist*, -- ist ein plumpes ~non plus ultra~ einer moralistischen Vertrauensseligkeit (auf ein essentielles Wahrheitsprinzip im Grund der Dinge), an sich eine tolle Behauptung, der unsre Erfahrung in jedem Augenblick widerspricht. Wir können gerade gar nichts denken, inwiefern es *ist*...185.
Die große Vernunft in aller Erziehung zur Moral war immer, daß man hier die *Sicherheit eines Instinkts* zu erreichen suchte: so daß weder die gute Absicht noch die guten Mittel als solche erst ins Bewußtsein traten. So wie der Soldat exerziert, so sollte der Mensch handeln lernen. In der Tat gehört dieses Unbewußtsein zu jeder Art Vollkommenheit: selbst noch der Mathematiker handhabt seine Kombinationen unbewußt...Was bedeutet nun die *Reaktion* des Sokrates, welcher die Dialektik als Weg zur Tugend anempfahl und sich darüber lustig machte, wenn die Moral