Seele gegeneinander gesetzt, sie haben die *tapfern*, *großmütigen*, *verwegenen*, *exzessiven* Neigungen der starken Seele irregeleitet, bis zur Selbstzerstörung...247.
Die Juden machen den Versuch, sich durchzusetzen, nachdem ihnen zwei Kasten, die der Krieger und die der Ackerbauer, verloren gegangen sind; sie sind in diesem Sinne die „Verschnittenen“: sie haben den Priester -- und dann sofort den Tschandala...Wie billig kommt es bei ihnen zu einem Bruch, zu einem Aufstand des Tschandala: der Ursprung des *Christentums*.
Damit, daß sie den *Krieger* nur als ihren Herrn kannten, brachten sie in ihre Religion die Feindschaft gegen den *Vornehmen*, gegen den Edlen, Stolzen, gegen die Macht, gegen die *herrschenden* Stände --: sie sind *Entrüstungs*pessimisten...Damit schufen sie eine wichtige neue Position: der Priester an der Spitze der Tschandalas, -- gegen die *vornehmen Stände*...Das Christentum zog die letzte Konsequenz dieser Bewegung: auch im jüdischen Priestertum empfand es noch die Kaste, den Privilegierten, den Vornehmen -- *es strich den Priester aus* -- Christ ist der Tschandala, der den Priester ablehnt...der Tschandala, der sich selbst erlöst...
Deshalb ist die *französische* Revolution die Tochter und Fortsetzerin des *Christentums*...sie hat den Instinkt gegen die Kaste, gegen die Vornehmen, gegen die letzten Privilegien -- -- 248.
*Die tiefe Verachtung*, mit der der Christ in der vornehm gebliebenen antiken Welt behandelt wurde, gehört ebendahin, wohin heute noch die Instinktabneigung gegen den Juden gehört: es ist der Haß der freien und selbstbewußten Stände gegen die, *welche sich durchdrücken* und schüchterne, linkische Gebärden mit einem unsinnigen Selbstgefühl verbinden.
Das neue Testament ist das Evangelium einer gänzlich *unvornehmen* Art Mensch; ihr Anspruch, mehr Wert zu haben, ja *allen* Wert zu haben, hat in der Tat etwas Empörendes, -- auch heute noch.
249.
Das ursprüngliche Christentum ist *Abolition des Staates*: es verbietet den Eid, den Kriegsdienst, die Gerichtshöfe, die Selbstverteidigung und Verteidigung irgendeines Ganzen, den Unterschied zwischen Volksgenossen und Fremden; insgleichen die *Stände*ordnung.
Das *Vorbild Christi*: er widerstrebt nicht denen, die ihm Übles tun; er verteidigt sich nicht; er tut mehr: er „reicht die linke Wange“ (auf die Frage „bist du Christus?“ antwortet er, „und von nun an werdet ihr sehen des Menschen Sohn sitzen zur Rechten der Kraft und kommen in den Wolken des Himmels“). Er verbietet, daß seine Jünger ihn verteidigen; er macht aufmerksam, daß er Hilfe haben könnte, aber nicht will.
Das Christentum ist auch *Abolition der Gesellschaft*: es bevorzugt alles von ihr Geringgeschätzte, es wächst heraus aus den Verrufenen und Verurteilten, den Aussätzigen jeder Art, den „Sündern“, den „Zöllnern“, den Prostituierten, dem dümmsten Volk (den „Fischern“); es verschmäht die Reichen, die Gelehrten, die Vornehmen, die Tugendhaften, die „Korrekten“...250.
*Zur Geschichte des Christentums.* -- Fortwährende Veränderung des Milieus: die christliche Lehre verändert damit fortwährend ihr *Schwergewicht*...Die Begünstigung der *Niederen* und *kleinen Leute*...Die Entwicklung der ~caritas~...Der Typus „Christ“ nimmt schrittweise alles wieder an, was er ursprünglich negierte (*in dessen Negation er bestand* --). Der Christ wird Bürger, Soldat, Gerichtsperson, Arbeiter, Handelsmann, Gelehrter, Theolog, Priester, Philosoph, Landwirt, Künstler, Patriot, Politiker, „Fürst“...er nimmt alle *Tätigkeiten* wieder auf, die er abgeschworen hat (-- die Selbstverteidigung, das Gerichthalten, das Strafen, das Schwören, das Unterscheiden zwischen Volk und Volk, das Geringschätzen, das Zürnen...). Das ganze Leben des Christen ist endlich genau das Leben, *von dem Christus die Loslösung predigte*...Die *Kirche* gehört so gut zum *Triumph* des Antichristlichen, wie der moderne Staat, der moderne Nationalismus...Die Kirche ist die Barbarisierung des Christentums.
251.
Das Christentum ist möglich als *privateste* Daseinsform; es setzt eine enge, abgezogene, vollkommen unpolitische Gesellschaft voraus, -- es gehört ins Konventikel. Ein „christlicher *Staat*“, eine „christliche Politik“ dagegen ist eine Schamlosigkeit, eine Lüge, etwa wie eine christliche Heerführung, welche zuletzt den „Gott der Heerscharen“ als Generalstabschef behandelt. Auch das Papsttum ist niemals imstande gewesen, christliche Politik zu machen...; und wenn Reformatoren Politik treiben, wie Luther, so weiß man, daß sie eben solche Anhänger Macchiavells sind wie irgend welche Immoralisten oder Tyrannen.
252.
*Wann auch die „Herren“ Christen werden können.* -- Es liegt in dem Instinkt einer *Gemeinschaft* (Stamm, Geschlecht, Herde, Gemeinde), die Zustände und Begehrungen, denen sie ihre Erhaltung verdankt, als *an sich wertvoll* zu empfinden, zum Beispiel Gehorsam, Gegenseitigkeit, Rücksicht, Mäßigkeit, Mitleid, -- somit alles, was denselben im Wege steht oder widerspricht, *herabzudrücken*.
Es liegt insgleichen in dem Instinkt der *Herrschenden* (seien es Einzelne, seien es Stände), die Tugenden, auf welche hin die Unterworfenen *handlich* und *ergeben* sind, zu patronisieren und auszuzeichnen (-- Zustände und Affekte, die den eignen so fremd wie möglich sein können).
Der *Herdeninstinkt* und der *Instinkt* der *Herrschenden* kommen im Loben einer gewissen Anzahl von Eigenschaften und Zuständen *überein*, -- aber aus verschiedenen Gründen: der erste aus unmittelbarem Egoismus, der zweite aus mittelbarem Egoismus.
*Die Unterwerfung der Herrenrassen* unter das Christentum ist wesentlich die Folge der Einsicht, daß das Christentum eine *Herdenreligion* ist, daß es *Gehorsam* lehrt: kurz, daß man Christen leichter beherrscht als Nichtchristen. Mit diesem Wink empfiehlt noch heute der Papst dem Kaiser von China die christliche Propaganda.
Es kommt hinzu, daß die Verführungskraft des christlichen Ideals am stärksten vielleicht auf solche Naturen wirkt, welche die Gefahr, das Abenteuer und das Gegensätzliche lieben, welche alles lieben, *wobei sie sich riskieren*, wobei aber ein ~non plus ultra~ von Machtgefühl erreicht werden kann. Man denke sich die heilige Theresa, inmitten der heroischen Instinkte ihrer Brüder: -- das Christentum erscheint da als eine Form der Willensausschweifung, der Willensstärke, als eine Donquixoterie des Heroismus...253.
Das „Christentum“ ist etwas Grundverschiedenes von dem geworden, was sein Stifter tat und wollte. Es ist die große *antiheidnische Bewegung* des Altertums, formuliert mit Benutzung von Leben, Lehre und „Worten“ des Stifters des Christentums, aber in einer absolut *willkürlichen* Interpretation nach dem Schema *grundverschiedener Bedürfnisse*: übersetzt in die Sprache aller schon bestehenden *unterirdischen Religionen* -- Es ist die Heraufkunft des Pessimismus (-- während Jesus den Frieden und das Glück der Lämmer bringen wollte): und zwar des Pessimismus der Schwachen, der Unterlegenen, der Leidenden, der Unterdrückten.
Ihr Todfeind ist 1. die Macht in Charakter, Geist und Geschmack; die „Weltlichkeit“; 2. das klassische „Glück“, die vornehme Leichtfertigkeit und Skepsis, der harte Stolz, die exzentrische Ausschweifung und die kühle Selbstgenügsamkeit des Weisen, das griechische Raffinement in Gebärde, Wort und Form. Ihr Todfeind ist der *Römer* ebensosehr als der *Grieche*.
Versuch des *Antiheidentums*, sich philosophisch zu begründen und möglich zu machen: Witterung für die zweideutigen Figuren der alten Kultur, vor allem für Plato, diesen Antihellenen und Semiten von Instinkt...Insgleichen für den Stoizismus, der wesentlich das Werk von Semiten ist (-- die „Würde“ als Strenge, Gesetz, die Tugend als Größe, Selbstverantwortung, Autorität, als höchste Personalsouveränität -- das ist semitisch. Der Stoiker ist ein arabischer Scheich in griechische Windeln und Begriffe gewickelt).
254.
Wenn man auch noch so bescheiden in seinem Anspruch auf intellektuelle Sauberkeit ist, man kann nicht verhindern, bei der Berührung mit dem Neuen Testament etwas wie ein unaussprechliches Mißbehagen zu empfinden: denn die zügellose Frechheit des Mitredenwollens Unberufenster über die großen Probleme, ja ihr Anspruch auf Richtertum in solchen Dingen übersteigt jedes Maß. Die unverschämte Leichtfertigkeit, mit der hier von den unzugänglichsten Problemen (Leben, Welt, Gott, Zweck des Lebens) geredet wird, wie als ob sie keine Probleme wären, sondern einfach Sachen, die diese kleinen Mucker *wissen*!
255.
Dies war die verhängnisvollste Art Größenwahn, die bisher auf Erden dagewesen ist: -- wenn diese verlogenen kleinen Mißgeburten von Muckern „Weisheit“, „heiliger Geist“ für sich in Anspruch zu nehmen und sich damit gegen „die Welt“ abzugrenzen, wenn diese Art Mensch anfängt, die *Werte nach sich umzudrehen*, wie als ob *sie* der Sinn, das Salz, das Maß und *Gewicht* vom ganzen Rest wären: so sollte man ihnen Irrenhäuser bauen und nichts weiter tun. Daß man sie *verfolgte*, das war eine antike Dummheit großen Stils: damit nahm man sie zu ernst, damit machte man aus ihnen einen Ernst.
Das ganze Verhängnis war dadurch ermöglicht, daß schon eine verwandte Art von Größenwahn *in der Welt war*, der *jüdische* (-- nachdem einmal die Kluft zwischen den Juden und den Christen-Juden aufgerissen, *mußten* die Christen-Juden die Prozedur der Selbsterhaltung, welche der jüdische Instinkt erfunden hatte, nochmals und in einer letzten Steigerung zu ihrer Selbsterhaltung anwenden --); andererseits dadurch, daß die griechische Philosophie der Moral alles getan hatte, um einen *Moralfanatismus* selbst unter Griechen und Römern vorzubereiten und schmackhaft zu machen...Plato, die große Zwischenbrücke der Verderbnis, der zuerst die Natur in der Moral nicht verstehen wollte, der bereits die griechischen Götter mit seinem Begriff „*gut*“ entwertet hatte, der bereits *jüdisch-angemuckert* war (-- in Ägypten?).
256.
Was ist denn das, dieser Kampf des Christen „wider die Natur“? Wir werden uns ja durch seine Worte und Auslegungen nicht täuschen lassen!
Es ist Natur wider etwas, das auch Natur ist. Furcht bei vielen, Ekel bei manchen, eine gewisse Geistigkeit bei anderen, die Liebe zu einem Ideal ohne Fleisch und Begierde, zu einem „Auszug der Natur“ bei den Höchsten -- diese wollen es ihrem Ideale gleichtun. Es versteht sich, daß Demütigung an Stelle des Selbstgefühls, ängstliche Vorsicht vor den Begierden, die Lostrennung von den gewöhnlichen Pflichten (wodurch wieder ein höheres Ranggefühl geschaffen wird), die Aufregung eines beständigen Kampfes um ungeheure Dinge, die Gewohnheit der Gefühlseffusion -- alles einen Typus zusammensetzt: in ihm überwiegt die *Reizbarkeit* eines verkümmernden Leibes, aber die Nervosität und ihre Inspiration wird anders *interpretiert*. Der *Geschmack* dieser Art Naturen geht einmal 1. auf das Spitzfindige, 2. auf das Blumige, 3. auf die extremen Gefühle. -- Die natürlichen Hänge befriedigen sich *doch*, aber unter einer neuen Form der Interpretation, zum Beispiel als „Rechtfertigung vor Gott“, „Erlösungsgefühl in der Gnade“ (-- jedes unabweisbare *Wohlgefühl* wird interpretiert! --), der Stolz, die Wollust usw. -- Allgemeines Problem: was wird aus dem Menschen, der sich das Natürliche verlästert und praktisch verleugnet und verkümmert?
Tatsächlich erweist sich der Christ als eine *übertreibende* Form der Selbstbeherrschung: um seine Begierden zu bändigen, scheint er nötig zu haben, sie zu vernichten oder zu kreuzigen.
257.
Gott schuf den Menschen glücklich, müßig, unschuldig und unsterblich: unser wirkliches Leben ist ein falsches, abgefallenes, sündhaftes Dasein, eine Strafexistenz...Das Leiden, der Kampf, die Arbeit, der Tod werden als Einwände und Fragezeichen gegen das Leben abgeschätzt, als etwas Unnatürliches, etwas, das nicht dauern soll; gegen das man Heilmittel braucht -- und *hat*!...Die Menschheit hat von Adam an bis jetzt sich in einem unnormalen Zustande befunden: Gott selbst hat seinen Sohn für die Schuld Adams hergegeben, um diesem unnormalen Zustande ein Ende zu machen: der natürliche Charakter des Lebens ist ein *Fluch*; Christus gibt dem, der an ihn glaubt, den Normalzustand zurück: er macht ihn glücklich, müßig und unschuldig. -- Aber die Erde hat nicht angefangen, fruchtbar zu sein ohne Arbeit; die Weiber gebären nicht ohne Schmerzen Kinder, die Krankheit hat nicht aufgehört; die Gläubigsten befinden sich hier so schlecht wie die Ungläubigsten. Nur daß der Mensch vom *Tode* und von der *Sünde* befreit ist -- Behauptungen, die keine Kontrolle zulassen --, das hat die Kirche um so bestimmter behauptet. „Er ist frei von Sünde“ -- nicht durch sein Tun, nicht durch einen rigorosen Kampf seinerseits, sondern durch die *Tat der Erlösung freigekauft* -- folglich vollkommen, unschuldig, paradiesisch...Das *wahre* Leben nur ein Glaube (das heißt ein Selbstbetrug, ein Irrsinn). Das ganze ringende, kämpfende, wirkliche Dasein voll Glanz und Finsternis nur ein schlechtes, falsches Dasein: von ihm *erlöst* werden ist die Aufgabe.
„Der Mensch unschuldig, müßig, unsterblich, glücklich“ -- diese Konzeption der „höchsten Wünschbarkeit“ ist vor allem zu kritisieren.
Warum ist die Schuld, die Arbeit, der Tod, das Leiden (*und*, christlich geredet, die *Erkenntnis*...) *wider* die höchste Wünschbarkeit? -- Die faulen christlichen Begriffe „Seligkeit“, 258.
Krieg gegen das *christliche Ideal*, gegen die Lehre von der „Seligkeit“ und dem „Heil“ als Ziel des Lebens, gegen die Suprematie der Einfältigen, der reinen Herzen, der Leidenden und Mißglückten.
Wann und wo hat je ein Mensch, *der in Betracht kommt*, jenem christlichen Ideal ähnlich gesehen? Wenigstens für solche Augen, wie sie ein Psycholog und Nierenprüfer haben muß! -- man blättere alle Helden Plutarchs durch.
259.
Der *höhere* Mensch unterscheidet sich von dem *niederen* in Hinsicht auf die Furchtlosigkeit und die Herausforderung des Unglücks: es ist ein Zeichen von *Rückgang*, wenn eudämonistische Wertmaße als oberste zu gelten anfangen (-- physiologische Ermüdung, Willensverarmung --). Das Christentum mit seiner Perspektive auf „Seligkeit“ ist eine typische Denkweise für eine leidende und verarmte Gattung Mensch. Eine volle Kraft will schaffen, leiden, untergehen: ihr ist das christliche Muckerheil eine schlechte Musik und hieratische Gebärden ein Verdruß.
260.
Unser Vorrang: wir leben im Zeitalter der *Vergleichung*, wir können nachrechnen, wie nie nachgerechnet worden ist: wir sind das Selbstbewußtsein der Historie überhaupt. Wir genießen anders, wir leiden anders: die Vergleichung eines unerhört Vielfachen ist unsre instinktivste Tätigkeit. Wir verstehen alles, wir leben alles, wir haben kein feindseliges Gefühl mehr in uns. Ob wir selbst dabei schlecht wegkommen, unsre entgegenkommende und beinahe liebevolle Neugierde geht ungescheut auf die gefährlichsten Dinge los...„Alles ist gut“ -- es kostet uns Mühe, zu verneinen. Wir leiden, wenn wir einmal so unintelligent werden, Partei gegen etwas zu nehmen...Im Grunde erfüllen wir Gelehrten heute am besten die Lehre Christi -- -- 261.
Man gibt sich nicht genug Rechenschaft darüber, in welcher Barbarei der Begriffe wir Europäer noch leben. Daß man hat glauben können, das „Heil der Seele“ hänge an einem Buche!...Und man sagt mir, man glaube das heute noch.
Was hilft alle wissenschaftliche Erziehung, alle Kritik und Hermeneutik, wenn ein solcher Widersinn von Bibelauslegung, wie ihn die Kirche aufrecht erhält, noch nicht die Schamröte zur Leibfarbe gemacht hat?
262.
Der Humor der europäischen Kultur: man hält *das* für wahr, aber tut *jenes*. Zum Beispiel was hilft alle Kunst des Lesens und der Kritik, wenn die kirchliche Interpretation der Bibel, die protestantische so gut wie die katholische, nach wie vor aufrecht erhalten wird!
263.
*Nachzudenken*: Inwiefern immer noch der verhängnisvolle Glaube an die *göttliche Providenz* -- dieser für Hand und Vernunft *lähmendste* Glaube, den es gegeben hat -- fortbesteht; inwiefern unter den Formeln Aberglauben einer gewissen Zusammengehörigkeit von Glück und Tugend, von Unglück und Schuld immer noch die christliche Voraussetzung und Interpretation ihr Nachleben hat. Jenes absurde *Vertrauen* zum Gang der Dinge, zum „Leben“, zum „Instinkt des Lebens“, jene biedermännische *Resignation*, die des Glaubens ist, jedermann habe nur seine Pflicht zu tun, damit *alles* gut gehe -- dergleichen hat nur Sinn unter der Annahme einer Leitung der Dinge ~sub specie boni~. Selbst noch der *Fatalismus*, unsre jetzige Form der philosophischen Sensibilität, ist eine Folge jenes *längsten* Glaubens an göttliche Fügung, eine unbewußte Folge: nämlich als ob es eben nicht auf *uns* ankomme, wie alles geht (-- als ob wir es laufen lassen *dürften*, wie es läuft: jeder Einzelne selbst nur ein Modus der absoluten Realität --).
264.
Nichts wäre nützlicher und mehr zu fördern, als ein konsequenter *Nihilismus der Tat*. -- So wie ich alle die Phänomene des Christentums, des Pessimismus verstehe, so drücken sie aus: „wir sind reif, nicht zu sein; für uns ist es vernünftig, nicht zu sein“. Diese Sprache der „Vernunft“ wäre in diesem Falle auch die Sprache der *selektiven Natur*.
Was über alle Begriffe dagegen zu verurteilen ist, das ist die zweideutige und feige Halbheit einer Religion, wie die des *Christentums*: deutlicher, der *Kirche*: welche, statt zum Tode und zur Selbstvernichtung zu ermutigen, alles Mißratene und Kranke schützt und sich selbst fortpflanzen macht -- Problem: mit was für Mitteln würde eine strenge Form des großen kontagiösen Nihilismus erzielt werden: eine solche, welche mit wissenschaftlicher Gewissenhaftigkeit den freiwilligen Tod lehrt und übt (-- und *nicht* das schwächliche Fortvegetieren mit Hinsicht auf eine falsche Postexistenz --)?
Man kann das Christentum nicht genug verurteilen, weil es den *Wert* einer solchen *reinigenden* großen Nihilismusbewegung, wie sie vielleicht im Gange war, durch den Gedanken der unsterblichen Privatperson entwertet hat: insgleichen durch die Hoffnung auf Auferstehung: kurz, immer durch ein Abhalten von der *Tat des Nihilismus*, dem Selbstmord...Es substituierte den langsamen Selbstmord; allmählich ein kleines, armes, aber dauerhaftes Leben; allmählich ein ganz gewöhnliches, bürgerliches, mittelmäßiges Leben usw.
265.
Man soll es dem Christentum nie vergeben, daß es solche Menschen wie Pascal zugrunde gerichtet hat. Man soll nie aufhören, eben dies am Christentum zu bekämpfen, daß es den Willen dazu hat, gerade die stärksten und vornehmsten Seelen zu zerbrechen. Man soll sich nie Frieden geben, solange dies Eine noch nicht in Grund und Boden zerstört ist: das Ideal vom Menschen, welches vom Christentum erfunden worden ist, seine Forderungen an den Menschen, sein Nein und sein Ja in Hinsicht auf den Menschen. Der ganze absurde Rest von christlicher Fabel, Begriffs-Spinneweberei und Theologie geht uns nichts an; er könnte noch tausendmal absurder sein, und wir würden nicht einen Finger gegen ihn aufheben. Aber jenes Ideal bekämpfen wir, das mit seiner krankhaften Schönheit und Weibsverführung, mit seiner heimlichen Verleumderberedsamkeit allen Feigheiten und Eitelkeiten müdgewordener Seelen zuredet -- und die Stärksten haben müde Stunden --, wie als ob alles das, was in solchen Zuständen am nützlichsten und wünschbarsten scheinen mag, Vertrauen, Arglosigkeit, Anspruchslosigkeit, Geduld, Liebe zu seinesgleichen, Ergebung, Hingebung an Gott, eine Art Abschirrung und Abdankung seines ganzen Ichs, auch an sich das Nützlichste und Wünschbarste sei; wie als ob die kleine bescheidene Mißgeburt von Seele, das tugendhafte Durchschnittstier und Herdenschaf Mensch nicht nur den Vorrang vor der stärkeren, böseren, begehrlicheren, trotzigeren, verschwenderischeren und darum hundertfach gefährdeteren Art Mensch habe, sondern geradezu für den Menschen überhaupt das Ideal, das Ziel, das Maß, die höchste Wünschbarkeit abgebe. *Diese* Aufrichtung eines Ideals war bisher die unheimlichste Versuchung, welcher der Mensch ausgesetzt war: denn mit ihm drohte den stärker geratenen Ausnahmen und Glücksfällen von Mensch, in denen der Wille zur Macht und zum Wachstum des ganzen Typus Mensch einen Schritt vorwärts tut, der Untergang; mit seinen Werten sollte das Wachstum jener Mehr-Menschen an der Wurzel angegraben werden, welche um ihrer höheren Ansprüche und Aufgaben willen freiwillig auch ein gefährlicheres Leben (ökonomisch ausgedrückt: Steigerung der Unternehmerkosten ebensosehr wie der Unwahrscheinlichkeit des Gelingens) in den Kauf nehmen. Was wir am Christentum bekämpfen? Daß es die Starken zerbrechen will, daß es ihren Mut entmutigen, ihre schlechten Stunden und Müdigkeiten ausnützen, ihre stolze Sicherheit in Unruhe und Gewissensnot verkehren will, daß es die vornehmen Instinkte giftig und krank zu machen versteht, bis sich ihre Kraft, ihr Wille zur Macht rückwärts kehrt, gegen sich selber kehrt, -- bis die Starken an den Ausschweifungen der Selbstverachtung und der Selbstmißhandlung zugrunde gehen: jene schauerliche Art des Zugrundegehens, deren berühmtestes Beispiel *Pascal* abgibt.
266.
Das Christentum ist jeden Augenblick noch möglich. Es ist an keines der unverschämten Dogmen gebunden, welche sich mit seinem Namen geschmückt haben: es braucht weder die Lehre vom *persönlichen Gott*, noch von der *Sünde*, noch von der *Unsterblichkeit*, noch von der *Erlösung*, noch vom *Glauben*; es hat schlechterdings keine Metaphysik nötig, noch weniger den Asketismus, noch weniger eine christliche „Naturwissenschaft“...Das Christentum ist eine *Praxis*, keine Glaubenslehre. Es sagt uns, wie wir handeln, nicht, was wir glauben sollen.
Wer jetzt sagte, „ich will nicht Soldat sein“, „ich kümmere mich nicht um die Gerichte“, „die Dienste der Polizei werden von mir nicht in Anspruch genommen“, „ich will nichts tun, was den Frieden in mir selbst stört: und wenn ich daran leiden muß, nichts wird mir den Frieden erhalten als Leiden“ -- der wäre Christ.
267.
Ironie gegen die, welche das Christentum durch die modernen Naturwissenschaften überwunden glauben. Die christlichen Werturteile sind damit absolut nicht überwunden. „Christus am Kreuze“ ist das erhabenste Symbol -- immer noch. -- Drittes Buch.
Prinzip einer neuen Wertsetzung.
I. Die neue Deutung der Welt.
268.
*Wahrheit ist die Art von Irrtum*, ohne welche eine bestimmte Art von lebendigen Wesen nicht leben könnte. Der Wert für das *Leben* entscheidet zuletzt.
269.
Das Kriterium der Wahrheit liegt in der Steigerung des Machtgefühls.
270.
Der Glaube „so und so *ist* es“ zu verwandeln in den Willen „so und so *soll es werden*“.
271.
Die Frage der Werte ist *fundamentaler* als die Frage der Gewißheit: letztere erlangt ihren Ernst erst unter der Voraussetzung, daß die Wertfrage beantwortet ist.
Sein und Schein, psychologisch nachgerechnet, ergibt kein „Sein an sich“, keine Kriterien für „Realität“, sondern nur für Grade der Scheinbarkeit gemessen an der Stärke des *Anteils*, den wir einem Schein geben.
Nicht ein Kampf um Existenz wird zwischen den Vorstellungen und Wahrnehmungen gekämpft, sondern um Herrschaft: -- *vernichtet* wird die überwundene Vorstellung *nicht*, nur *zurückgedrängt* oder *subordiniert*. *Es gibt im Geistigen keine Vernichtung*...272.
Die *Wertschätzung*, „ich glaube, daß das und das so ist“ als *Wesen* der „*Wahrheit*“. In den Wertschätzungen drücken sich *Erhaltungs-* und *Wachstumsbedingungen* aus. Alle unsre *Erkenntnisorgane und Sinne* sind nur entwickelt in Hinsicht auf Erhaltungs- und Wachstumsbedingungen. Das *Vertrauen* zur Vernunft und ihren Kategorien, zur Dialektik, also die *Wertschätzung* der Logik, beweist nur die durch Erfahrung bewiesene *Nützlichkeit* derselben für das Leben: *nicht* deren „Wahrheit“.
Daß eine Menge *Glauben* da sein muß; daß *geurteilt* werden darf; daß der Zweifel in Hinsicht auf alle wesentlichen Werte *fehlt*: -- das ist Voraussetzung alles Lebendigen und seines Lebens. Also daß etwas für wahr gehalten werden *muß*, ist notwendig, -- *nicht*, daß etwas wahr ist.
„Die *wahre* und die *scheinbare* Welt“ -- dieser Gegensatz wird von mir zurückgeführt auf *Wertverhältnisse*. Wir haben *unsere* Erhaltungsbedingungen projiziert als *Prädikate des Seins* überhaupt.
Daß wir in unserm Glauben stabil sein müssen, um zu gedeihen, daraus haben wir gemacht, daß die „wahre“ Welt keine wandelbare und werdende, sondern eine *seiende* ist.
273.
„Wahrheit“: das bezeichnet innerhalb meiner Denkweise nicht notwendig einen Gegensatz zum Irrtum, sondern in den grundsätzlichsten Fällen nur eine Stellung verschiedener Irrtümer zueinander: etwa, daß der eine älter, tiefer als der andre ist, vielleicht sogar unausrottbar, insofern ein organisches Wesen unserer Art nicht ohne ihn leben könnte; während andere Irrtümer uns nicht dergestalt als Lebensbedingungen tyrannisieren, vielmehr, gemessen an solchen „Tyrannen“, beseitigt und „widerlegt“ werden können.
Eine Annahme, die unwiderlegbar ist, -- warum sollte sie deshalb schon „*wahr*“ sein? Dieser Satz empört vielleicht die Logiker, welche *ihre* Grenzen als Grenzen der *Dinge* ansetzen: aber diesem Logikeroptimismus habe ich schon lange den Krieg erklärt.
274.
Das *Feststellen* zwischen „wahr“ und „unwahr“, das *Feststellen* überhaupt von Tatbeständen ist grundverschieden von dem schöpferischen *Setzen*, vom Bilden, Gestalten, Überwältigen, *Wollen*, wie es im Wesen der *Philosophie* liegt. *Einen Sinn hineinlegen* -- diese Aufgabe bleibt unbedingt immer noch *übrig*, gesetzt, daß *kein Sinn darin liegt*. So steht es mit Tönen, aber auch mit Volksschicksalen: sie sind der verschiedensten Ausdeutung und Richtung zu *verschiedenen Zielen fähig*.
Die noch höhere Stufe ist ein *Ziel setzen* und daraufhin das Tatsächliche einformen: also die *Ausdeutung der Tat*, und nicht bloß die begriffliche *Umdichtung*.
275.
Es gibt weder „Geist“, noch Vernunft, noch Denken, noch Bewußtsein, noch Seele, noch Wille, noch Wahrheit: alles Fiktionen, die unbrauchbar sind. Es handelt sich nicht um „Subjekt und Objekt“, sondern um eine bestimmte Tierart, welche nur unter einer gewissen relativen *Richtigkeit*, vor allem *Regelmäßigkeit* ihrer Wahrnehmungen (so daß sie Erfahrung kapitalisieren kann) gedeiht...Die Erkenntnis arbeitet als *Werkzeug* der Macht. So liegt es auf der Hand, daß sie wächst mit jedem Mehr von Macht...Sinn der „Erkenntnis“: hier ist, wie bei „gut“ oder „schön“, der Begriff streng und eng anthropozentrisch und biologisch zu nehmen.
Damit eine bestimmte Art sich erhält und wächst in ihrer Macht, muß sie in ihrer Konzeption der Realität so viel Berechenbares und Gleichbleibendes erfassen, daß daraufhin ein Schema ihres Verhaltens konstruiert werden kann. *Die Nützlichkeit der Erhaltung* -- *nicht* irgendein abstrakt-theoretisches Bedürfnis, nicht betrogen zu werden -- steht als Motiv hinter der Entwicklung der Erkenntnisorgane..., sie entwickeln sich so, daß ihre Beobachtung genügt, uns zu erhalten.
Anders: das *Maß* des Erkennenwollens hängt ab von dem Maß des Wachsens des *Willens zur Macht* der Art: eine Art ergreift so viel Realität, *um über sie Herr zu werden, um sie in Dienst zu nehmen*.
276.
Gegen den Positivismus, welcher bei den Phänomenen stehen bleibt, „es gibt nur *Tatsachen*“, würde ich sagen: nein, gerade Tatsachen gibt es nicht, nur *Interpretationen*. Wir können kein Faktum „an sich“ feststellen: vielleicht ist es ein Unsinn, so etwas zu wollen.
„Es ist alles *subjektiv*“, sagt ihr: aber schon das ist *Auslegung*.
Das „Subjekt“ ist nichts Gegebenes, sondern etwas Hinzuerdichtetes, Dahintergestecktes. -- Ist es zuletzt nötig, den Interpreten noch hinter die Interpretation zu setzen? Schon das ist Dichtung, Hypothese.
Soweit überhaupt das Wort „Erkenntnis“ Sinn hat, ist die Welt erkennbar: aber sie ist anders *deutbar*, sie hat keinen Sinn hinter sich, sondern unzählige Sinne. -- „Perspektivismus“.
Unsere Bedürfnisse sind es, *die die Welt auslegen*; unsere Triebe und deren Für und Wider. Jeder Trieb ist eine Art Herrschsucht, jeder hat seine Perspektive, welche er als Norm allen übrigen Trieben aufzwingen möchte.
277.
Das Verlangen nach „festen Tatsachen“ -- Erkenntnistheorie: wie viel Pessimismus ist darin!
278.
„Zweck und Mittel“ } als Ausdeutungen (*nicht* als „Ursache und Wirkung“ } Tatbestand) und inwiefern „Ding an sich und Erscheinung“ } -- alle im Sinne eines } Willens zur Macht.
279.
Es ist unwahrscheinlich, daß unser „Erkennen“ weiter reichen sollte, als es knapp zur Erhaltung des Lebens ausreicht. Die Morphologie zeigt uns, wie die Sinne und die Nerven sowie das Gehirn sich entwickeln im Verhältnis zur Schwierigkeit der Ernährung.
280.
Die Erkenntnis wird bei höherer Art von Wesen auch neue Formen haben, welche jetzt noch nicht nötig sind.
281.
Der Mensch findet zuletzt in den Dingen nichts wieder, als was er selbst in sie hineingesteckt hat: -- das Wiederfinden heißt sich Wissenschaft, das Hineinstecken -- Kunst, Religion, Liebe, Stolz. In beidem, wenn es selbst Kinderspiel sein sollte, sollte man fortfahren und guten Mut zu beidem haben -- die einen zum Wiederfinden, die andern -- *wir* andern! -- zum Hineinstecken!
282.
„Der Sinn für Wahrheit“ muß, wenn die Moralität des „Du sollst nicht lügen“ abgewiesen ist, sich *vor* einem andern Forum legitimieren: -- als Mittel der Erhaltung von Mensch, als *Machtwille*.
Ebenso unsre Liebe zum Schönen: ist ebenfalls der *gestaltende Wille*.
Beide Sinne stehen beieinander; der Sinn für das Wirkliche ist das Mittel, die Macht in die Hand zu bekommen, um die Dinge nach unserem Belieben zu gestalten. Die Lust am Gestalten und Umgestalten -- eine Urlust! Wir können nur eine Welt *begreifen*, die wir selber *gemacht* haben.
283.
Die Welt „vermenschlichen“, das heißt immer mehr uns in ihr als Herren fühlen -- 284.
Unsre Werte sind in die Dinge *hineininterpretiert*.
Gibt es denn einen Sinn im An-sich!?
Ist nicht notwendig Sinn eben *Beziehungs*sinn und Perspektive?
Aller Sinn ist Wille zur Macht (alle Beziehungssinne lassen sich in ihm auflösen).
285.
Wenn das innerste Wesen des Seins Wille zur Macht ist, wenn Lust alles Wachstum der Macht, Unlust alles Gefühl, nicht widerstehen, nicht Herr werden zu können, ist: dürfen wir dann nicht Lust und Unlust als Kardinaltatsachen ansetzen? Ist Wille möglich ohne diese beiden Oszillationen des Ja und des Nein? -- Aber *wer* fühlt Lust?...Aber *wer* will Macht?...Absurde Frage! wenn das Wesen selbst Machtwille und folglich Lust- und Unlustfühlen ist! Trotzdem: es bedarf der Gegensätze, der Widerstände, also, relativ, der *übergreifenden Einheiten*...286.
1. Die organischen Funktionen zurückübersetzt in den Grundwillen, den Willen zur Macht, -- und aus ihm abgespaltet.
2. Der Wille zur Macht sich spezialisierend als Wille zur Nahrung, nach Eigentum, nach *Werkzeugen*, nach Dienern (Gehorchern) und Herrschern: der Leib als Beispiel. -- Der stärkere Wille dirigiert den schwächeren.
Es gibt gar keine andere Kausalität als die von Wille zu Wille.
Mechanistisch nicht erklärt.
3. Denken, Fühlen, Wollen in allem Lebendigen. Was ist eine Lust anderes als: eine Reizung des Machtgefühls durch ein Hemmnis (noch stärker durch rhythmische Hemmungen und Widerstände) -- so daß es dadurch anschwillt. Also in aller Lust ist Schmerz inbegriffen. -- Wenn die Lust sehr groß werden soll, müssen die Schmerzen sehr lange und die Spannung des Bogens ungeheuer werden.
4. Die geistigen Funktionen. Wille zur Gestaltung, zur Anähnlichung usw.
287.
Der Wille zur Macht kann sich nur *an Widerständen* äußern; er sucht also nach dem, was ihm widersteht, -- dies die ursprüngliche Tendenz des Protoplasmas, wenn es Pseudopodien ausstreckt und um sich tastet.
Die Aneignung und Einverleibung ist vor allem ein Überwältigenwollen, ein Formen, An- und Umbilden, bis endlich das Überwältigte ganz in den Machtbereich des Angreifers übergegangen ist und denselben vermehrt hat. -- Gelingt diese Einverleibung nicht, so zerfällt wohl das Gebilde; und die *Zweiheit* erscheint als Folge des Willens zur Macht: um nicht fahren zu lassen, was erobert ist, tritt der Wille zur Macht in zwei Willen auseinander (unter Umständen ohne seine Verbindung untereinander völlig aufzugeben).
„Hunger“ ist nur eine engere Anpassung, nachdem der Grundtrieb nach Macht geistigere Gestalt gewonnen hat.
288.
Man kann das, was die Ursache dafür ist, *daß* es überhaupt Entwicklung gibt, nicht selbst wieder auf dem Wege der Forschung über Entwicklung finden; man soll es nicht als „werdend“ verstehen wollen, noch weniger als geworden...Der „Wille zur Macht“ kann nicht geworden sein.
289.
Alles Geschehen aus Absichten ist reduzierbar auf die *Absicht der Mehrung von Macht*.
290.
Was ist „passiv“? -- *Gehemmt* sein in der vorwärtsgreifenden Bewegung: also ein Handeln des Widerstandes und der Reaktion.
Was ist „aktiv“? -- nach Macht ausgreifend.
„Ernährung“ -- ist nur abgeleitet; das Ursprüngliche ist: alles in sich einschließen wollen.
„Zeugung“ -- nur abgeleitet; ursprünglich: wo ein Wille nicht ausreicht, das gesamte Angeeignete zu organisieren, tritt ein *Gegenwille* in Kraft, der die Loslösung vornimmt, ein neues Organisationszentrum, nach einem Kampfe mit dem ursprünglichen Willen.
„Lust“ -- als Machtgefühl (die Unlust voraussetzend).
291.
Ist „Wille zur Macht“ eine Art „Wille“ oder identisch mit dem Begriff „Wille“? Heißt es so viel als begehren? oder *kommandieren*? Ist es der „Wille“, von dem Schopenhauer meint, er sei das „An sich der Dinge“?
Mein Satz ist: daß *Wille* der bisherigen Psychologie eine ungerechtfertigte Verallgemeinerung ist, daß es diesen Willen *gar nicht gibt*, daß, statt die Ausgestaltung eines *bestimmten* Willens in viele Formen zu fassen, man den Charakter des Willens *weggestrichen* hat, indem man den Inhalt, das Wohin? heraussubtrahiert hat --: das ist im höchsten Grade bei *Schopenhauer* der Fall: das ist ein bloßes leeres Wort, was er „Wille“ nennt. Es handelt sich noch weniger um einen „Willen *zum Leben*“: denn das Leben ist bloß ein *Einzelfall* des Willens zur Macht; -- es ist ganz willkürlich, zu behaupten, daß alles danach strebe, in *diese* Form des Willens zur Macht überzutreten.
II. Der Geist -- ein Machtwille.
1. Wahrnehmung.
292.
Es gibt vielerlei Augen. Auch die Sphinx hat Augen --: und folglich gibt es vielerlei „Wahrheiten“, und folglich gibt es keine Wahrheit.
293.
Unsere Wahrnehmungen, wie wir sie verstehen: das ist die Summe aller der Wahrnehmungen, deren *Bewußtwerden* uns und dem ganzen organischen Prozesse vor uns nützlich und wesentlich war: also nicht alle Wahrnehmungen überhaupt (zum Beispiel nicht die elektrischen); das heißt: wir haben *Sinne* nur für eine Auswahl von Wahrnehmungen --