Vorrede zur zweiten Ausgabe.
i.
Diesem Buche thut vielleicht nicht nur Eine Vorrede noth: und zuletzt bliebe immer noch der Zweifel bestehn, ob Jemand, ohne etwas Ahnliches erlebt zu haben, dem Erlebnisse dieses Buchs durch Vorreden näher gebracht werden kann. Es scheint in der Sprache des Thauwinds geschrieben: es ist Übermuth, Unruhe, Widerspruch, Aprilwetter darin, so dass man beständig ebenso an die Nähe des "Winters als an den Sieg über den Winter ge- mahnt wird, der kommt, kommen muss, vielleicht schon gekommen ist...Die Dankbarkeit strömt fortwährend aus, als ob eben das Unerwartetste geschehn sei, die Dankbarkeit eines Genesenden, — denn die Genesung war dieses Unerwartetste. „Fröhliche Wissenschaft": das bedeutet die Saturnalien eines Geistes, der einem furcht- baren langen Drucke geduldig widerstanden hat — ge- duldig, streng, kalt, ohne sich zu unterwerfen, aber ohne Hoffnung —, und der jetzt mit Einem Male von der Hoffnung angefallen wird, von der Hoffnung auf Gesund- heit, von der Trunkenheit der Genesung. Was Wunders, dass dabei viel Unvernünftiges und Närrisches an's Licht kommt, viel muthwillige Zärtlichkeit, selbst auf Probleme verschwendet, die ein stachlichtes Fell haben und nicht darnach angethan sind, geliebkost und gelockt zu werden. Dies ganze Buch ist eben Nichts als eine Lustbarkeit •nach langer Entbehrung und Ohnmacht, das Frohlocken der wiederkehrenden Kraft, des neu erwachten 'Glaubens an ein Morgen und Übermorgen, des plötzlichen Ge- fühls und Vorgefühls von Zukunft, von nahen Aben- teuern, von wieder offnen Meeren, von wieder erlaubten, wieder geglaubten Zielen. Und was lag nunmehr Alles hinter mir! Dieses Stück Wüste, Erschöpfung, Unglaube, Vereisung mitten in der Jugend, dieses eingeschaltete Greisenthum an unrechter Stelle, diese Tyrannei des Schmerzes überboten noch durch die Tyrannei des Stolzes, der die Folgerungen des Schmerzes ablehnte — und Folgerungen sind Tröstungen —, diese radikale Ver- einsamung als Nothwehr gegen eine krankhaft hell- seherisch gewordene Menschenverachtung, diese grund- sätzliche Einschränkung auf das Bittere, Herbe, Wehe- thuende der Erkenntniss, wie sie der Ekel verordnete, der aus einer unvorsichtigen geistigen Diät und Ver« wöhnung — man heisst sie Romantik — allmählich gewachsen war —, oh wer mir das Alles nachfühlen könnte! Wer es aber könnte, würde mir sicher noch mehr zu Gute halten als etwas Thorheit, Ausgelassen- heit, „fröhliche Wissenschaft", — zum Beispiel die Hand- voll Lieder, welche dem Buche dies Mal beigegeben sind — Lieder, in denen sich ein Dichter auf eine schwer verzeihliche Weise über alle Dichter lustig macht. — Ach, es sind nicht nur die Dichter und ihre schönen „lyrischen Gefühle", an denen dieser Wieder-Erstandene seine Bosheit auslassen muss: wer weiss, was für ein Opfer er sich sucht, was für ein Unthier von parodischem Stoff ihn in Kürze reizen wird? „Incipit tragoedia" — heisst es am Schlüsse dieses bedenklich-unbedenklichen Buchs: man sei auf seiner Hut! Irgend etwas ausbündig Schiimmesund Boshaftes kündigt sich an: inapit parodia, es ist kein Zweifel...2.
— Aber lassen wir Herrn Nietzsche: was geht es uns an, dass Herr Nietzsche wieder gesund wurde?...Ein Psychologe kennt wenig so anziehende Fragen, wie die nach dem Verhältniss von Gesundheit und Philosophie, und für den Fall, dass er selber krank wird, bringt er seine ganze wissenschaftliche Neugierde mit in seine Krankheit. Man hat nämlich, vorausgesetzt, dass man eine Person ist, nothwendig auch die Philosophie seiner Person: doch giebt es da einen erheblichen Unterschied. Bei dem Einen sind es seine Mängel, welche philosophiren, bei dem Andren seine Reichthümer und Kräfte. Ersterer hat seine Philosophie nöthig, sei es als Halt, Be- ruhigung, Arznei, Erlösung, Erhebung, Selbstentfremdung; bei Letzterem ist sie nur ein schöner Luxus, im besten Falle die Wollust einer triumphirenden Dankbarkeit, welche sich zuletzt noch in kosmischen Majuskeln an den Himmel der Begriffe schreiben muss. Im andren, ge- wöhnlicheren Falle aber, wenn die Nothstände Philosophie treiben, wie bei allen kranken Denkern — und vielleicht überwiegen die kranken Denker in der Geschichte der Philosophie —: was wird aus dem Gedanken selbst werden, der unter den -Druck der Krankheit gebracht wird? Dies ist die Frage, die den Psychologen angeht: und hier ist das Experiment möglich. Nicht anders als es ein Reisender macht, der sich vorsetzt, zu einer bestimmten Stunde aufzuwachen, und sich dann ruhig dem Schlafe überlässt: so ergeben wir Philosophen, gesetzt dass wir krank werden, uns zeitweilig mit Leib und Seele der Krankheit — wir machen gleichsam vor uns die Augen zu. Und wie Jener weiss, dass irgend Etwas nicht schläft, irgend Etwas die Stunden abzählt und ihn auf- wecken wird, so wissen auch wir, dass der entscheidende Augenblick uns wach finden wird, — dass dann Etwas hervorspringt und den Geist auf der That ertappt, ich meine auf der Schwäche oder Umkehr oder Ergebung oder Verhärtung oder Verdüsterung und wie alle die krankhaften Zustände des Geistes heissen, welche in ge- sunden Tagen den Stolz des Geistes wider sich haben (denn es bleibt bei dem alten Reime „der stolze Geist, der Pfau, das Pferd sind die drei stolzesten Thier auf der Erd" — ). Man lernt nach einer derartigen Selbst- Befragung, Selbst -Versuchung, mit einem feineren Auge nach Allem, was überhaupt bisher philosophirt worden ist, hinsehn; man erräth besser als vorher die unwill- kürlichen Abwege, Seitengassen, Ruhestellen, Sonnen- stellen des Gedankens, auf die leidende Denker gerade als Leidende geführt und verführt werden, man weiss nunmehr, wohin unbewusst der kranke Leib und sein Bedürfhiss den Geist drängt, stösst, lockt — nach Sonne, Stille, Milde, Geduld, Arznei, Labsal in irgend einem Sinne. Jede Philosophie, welche den Frieden höher stellt als den Krieg, jede Ethik mit einer negativen Fassung des Begriffs Glück, jede Metaphysik und Physik, welche ein Finale kennt, einen Endzustand irgend welcher Art, jedes vorwiegend ästhetische oder religiöse Verlangen nach einem Abseits, Jenseits, Ausserhalb, Oberhalb er- laubt zu fragen, ob nicht die Krankheit Das gewesen ist, was den Philosophen inspirirt hat. Die unbewusste Ver- kleidung physiologischer Bedürfnisse unter die Mäntel ■ des Objektiven, Ideellen, Rein - Geistigen geht bis zum Erschrecken weit, — und oft genug habe ich mich gefragt, ob nicht, im Grossen gerechnet, Philosophie bisher überhaupt nur eine Auslegung des Leibes und ein Miss- verständniss des Leibes gewesen ist. Hinter den höchsten Werthurtheilen, von denen bisher die Geschichte des Gedankens geleitet wurde, liegen Missverständnisse der leiblichen Beschaffenheit verborgen, sei es von Einzelnen, sei es von Ständen oder ganzen Rassen. Man darf alle jene kühnen Tollheiten der Metaphysik, sonderlich deren Antworten auf die Frage nach dem Werth des Daseins, zunächst immer als Symptome bestimmter Leiber ansehn; und wenn derartigen Welt -Bejahungen oder Welt -Ver- neinungen in Bausch und Bogen, wissenschaftlich ge- messen, nicht ein Korn von Bedeutung innewohnt, so geben sie doch dem Historiker und Psychologen um so werthvollere Winke, als Symptome, wie gesagt, des Lei- bes, seines Gerathens und Missrathens, seiner Fülle, Mäch- tigkeit, Selbstherrlichkeit in der Geschichte, oder aber seiner Hemmungen, Ermüdungen, Verarmungen, seines Vorgefühls vom Ende", seines Willens zum Ende. Ich erwarte immer noch, dass ein philosophischer Arzt im ausnahmsweisen Sinne des' Wortes — ein Solcher, der dem Problem der Gesammt- Gesundheit von Volk, Zeit, Rasse, Menschheit nachzugehn hat — einmal den Muth haben wird, meinen Verdächt auf die Spitze zu bringen und den Satz zu wagen: bei allem Philosophiren handelte es sich bisher gar nicht um „Wahrheit", sondern um etwas Anderes, sagen wir um Gesundheit, Zukunft, Wachsthum, Macht, Leben...
3- — Man erräth, dass ich nicht mit Undankbarkeit von jener Zeit schweren Siechthums Abschied nehmen möchte, deren Gewinn auch heute noch nicht für mich ausgeschöpft ist: so wie ich mir gut genug bewusst bin, was ich überhaupt in meiner wechselreichen Gesundheit vor allen Vierschrötigen des Geistes voraus habe. Ein Philosoph, der den Gang durch viele Gesundheiten ge- macht hat und immer wieder macht, ist auch durch eben- soviele Philosophien hindurchgegangen: er kann eben nicht anders, als seinen Zustand jedes Mal in die geistigste Form und Ferne umzusetzen, — diese Kunst der Trans- figuration ist eben Philosophie. Es steht uns Philosophen nicht frei, zwischen Seele und Leib zu trennen, wie das Volk trennt, es steht uns noch weniger frei, zwischen Seele und Geist zu trennen. Wir sind keine denkenden Frösche, keine Objektivir- und Registrir- Apparate mit kalt gestellten Eingeweiden, — wir müssen beständig unsre Gedanken aus unsrem Schmerz gebären und mütter- lich ihnen Alles mitgeben, was wir von Blut, Herz, Feuer, Lust, Leidenschaft, Qual, Gewissen, Schicksal, Verhäng- niss in uns haben. Leben — das heisst für uns, Alles was wir sind, beständig in Licht ' und Flamme verwan- deln, auch Alles was uns trifft, wir können gar nicht anders. Und was die Krankheit angeht: würden wir nicht fast zu fragen versucht sein, ob sie uns überhaupt entbehrlich ist? Erst der grosse Schmerz ist der letzte Befreier des Geistes, als der Lehrmeister des grossen Verdachtes, der aus jedem U ein X macht, ein ächtes rechtes X, das heisst den vorletzten Buchstaben vor dem letzten...Erst der grosse Schmerz, jener lange langsame Schmerz, der sich Zeit nimmt, in dem wir gleichsam wie mit grünem Holze verbrannt werden, zwingt uns Philo- sophen, in unsre letzte Tiefe zu steigen und alles Ver- trauen, alles Gutmüthige, Verschleiernde, Milde, Mittlere, wohinein wir vielleicht vordem unsre Menschlichkeit ge- setzt haben, von uns zu thun. Ich zweifle, ob ein solcher Schmerz „verbessert" —; aber ich weiss, dass er uns vertieft. Sei es nun, dass wir ihm unsern Stolz, unsern Hohn, unsre Willenskraft entgegenstellen lernen und es dem Indianer gleichthun, der, wie schlimm auch gepeinigt, sich an seinem Peiniger durch die Bosheit seiner Zunge schadlos hält; sei es, dass wir uns vor dem Schmerz in jenes orientalische Nichts zurückziehn — man heisst es Nirvana —, in das stumme starre taube Sich-Ergeben, Sich- Vergessen, Sich- Auslöschen: man kommt aus solchen langen gefährlichen Übungen der Herrschaft über sich als ein andrer Mensch heraus, mit einigen Fragezeichen mehr, vor Allem mit dem Willen, fürderhin mehr, tiefer, strenger, härter, böser, stiller zu fragen, als man bis da- hin gefragt hatte. Das Vertrauen zum Leben ist dahin: das Leben selbst wurde zum Problem. — Möge man ja nicht glauben, dass Einer damit nothwendig zum Düsterling geworden sei! Selbst die Liebe zum Leben ist noch möglich, — nur liebt man anders. Es ist die Liebe zu einem Weibe, das uns Zweifel macht...Der Reiz alles Problematischen, die Freude am X ist aber bei solchen geistigeren, vergeistigteren Menschen zu gross, als dass diese Freude nicht immer wieder wie eine helle Gluth über alle Noth des Problematischen, über alle Ge- fahr der Unsicherheit, selbst über die Eifersucht des Lie- benden zusammenschlüge. Wir kennen ein neues Glück...
4.
Zuletzt, dass das Wesentlichste nicht ungesagt bleibe: man kommt aus solchen Abgründen, aus solchem schwe- ren Siechthum, auch aus dem Siechthum des schweren Verdachts, neugeboren zurück, gehäutet, kitzliger, boshafter, mit einem feineren Geschmacke für die Freude, mit einer zarteren Zunge für alle guten Dinge, mit lustigeren Sinnen, mit einer zweiten gefährlicheren Unschuld in der Freude, kindlicher zugleich und hundert Mal raffinirter, als man jemals vorher gewesen war. Oh wie Einem nunmehr der Genuss zuwider ist, der grobe dumpfe braune Genuss, wie ihn sonst die Geniessenden, unsre „Gebildeten", unsre Reichen und Regierenden ver- stehn! Wie boshaft wir nunmehr dem grossen Jahr- markts-Bumbum zuhören, mit dem sich der „gebildete Mensch" und Grossstädter heute durch Kunst, Buch und Musik zu „geistigen Genüssen", unter Mithülfe geistiger Getränke, notzüchtigen lässt! Wie uns jetzt der Theater- Schrei der Leidenschaft in den Ohren weh thut, wie unsrem Geschmacke der ganze romantische Aufruhr und Sinnen -Wirrwar, den der gebildete Pöbel liebt, sammt seinen Aspirationen nach dem Erhabenen, Gehobenen, Verschrobenen fremd geworden ist! Nein, wenn wir Genesenden überhaupt eine Kunst noch brauchen, so ist es eine andre Kunst — eine spöttische, leichte, flüchtige, göttlich unbehelligte, göttlich künstliche Kunst, welche wie eine helle Flamme in einen unbewölkten Himmel hineinlodert! Vor Allem: eine Kunst für Künstler, nur für Künstler! Wir verstehn uns hinterdrein besser auf Das, was dazu zuerst noth thut, die Heiterkeit, jede Heiterkeit, meine Freunde! auch als Künstler —: ich möchte es beweisen. Wir wissen Einiges jetzt zu gut, wir Wissenden: oh wie wir nunmehr lernen, gut zu ver- gessen, gut nicht-zu- wissen, als Künstler! Und was unsre Zukunft betrifft: man wird uns schwerlich wieder auf den Pfaden jener ägyptischen Jünglinge finden, welche Nachts Tempel unsicher machen, Bildsäulen um- armen und durchaus Alles, was mit guten Gründen ver- deckt gehalten wird, entschleiern, aufdecken, in helles Licht stellen wollen. Nein, dieser schlechte Geschmack, dieser Wille zur Wahrheit, zur „Wahrheit um jeden Preis", dieser Jünglings -Wahnsinn in der Liebe zur Wahrheit — ist uns verleidet: dazu sind wir zu erfahren, zu ernst, zu lustig, zu gebrannt, zu tief...Wir glauben nicht mehr daran, dass Wahrheit noch Wahrheit bleibt, wenn man ihr die Schleier abzieht; wir haben genug gelebt, um dies zu glauben. Heute gilt es uns als eine Sache der Schicklichkeit, dass man nicht Alles nackt sehn, nicht bei Allem dabei sein, nicht Alles verstehn und „wissen" wolle. „Ist es wahr, dass der liebe Gott überall zugegen ist? fragte ein kleines Mädchen seine Mutter: aber ich finde das unanständig" — ein Wink für Philosophen! Man sollte die Scham besser in Ehren halten, mit der sich die Natur hinter Räthsel und bunte Ungewissheiten versteckt hat. Vielleicht ist die Wahrheit ein Weib, das Gründe hat, ihre Gründe nicht sehn zu lassen? Vielleicht ist ihr Name, griechisch zu reden, Baubo?...Oh diese Grie- chen! Sie verstanden sich darauf, zu leben: dazu thut noth, tapfer bei der Oberfläche, der Falte, der Haut stehen zu bleiben, den Schein anzubeten, an Formen, an Töne, an Worte, an den ganzen Olymp des Scheins zu glauben! Diese Griechen waren oberflächlich — aus Tiefe! Und kommen wir nicht eben darauf zurück, wir Wagehalse des Geistes, die wir die höchste und gefährlichste Spitze des gegenwärtigen Gedankens erklettert und uns von da aus um gesehn haben, die wir von da aus hinabgesehn haben? Sind wir nicht eben darin — Griechen? An- beter der Formen, der Töne, der Worte? Eben darum — Künstler?
Ruta bei Genua, im Herbst des Jahres 1886.
„Scherz, List und Rache."
Vorspiel in deutschen Reimen.
I.
Einladung.
Wagt's mit meiner Kost, ihr Esser!
Morgen schmeckt sie euch schon besser Und schon übermorgen gut!
Wollt ihr dann noch mehr, — so machen Meine alten sieben Sachen Mir zu sieben neuen Muth.
2.
Mein Glück.
Seit ich des Suchens müde ward, Erlernte ich das Finden. Seit mir ein Wind hielt Widerpart, Segl' ich mit allen Winden.
3- Unverzagt Wo du stehst, grab tief hinein! Drunten ist die Quelle! Lass die dunklen Männer schrein: „Stets ist drunten — Hölle!"
4- Z wieg espräch.
A. War ich krank? Bin ich genesen? Und wer ist mein Arzt gewesen? Wie vergass ich alles Das!
B. Jetzt erst glaub' ich dich genesen: Denn gesund ist, wer vergass.
5- An die Tugendsamen.
Unseren Tugenden auch soll'n leicht die Füsse sich heben: Gleich den Versen Homer's müssen sie kommen und gehnl 6.
Welt-Klugheit.
Bleib nicht auf ebnem Feld! Steig nicht zu hoch hinaus! Am schönsten sieht die Welt Von halber Höhe aus.
7.
V ademe cum — Vadetecum.
Es lockt dich meine Art und Sprach, Du folgest mir, du gehst mir nach? Geh nur dir selber treulich nach: — So folgst du mir — gemach 1 gemach!
8.
Bei der dritten Häutung. Schon krümmt und bricht sich mir die Haut, Schon giert mit neuem Drange, So viel sie Erde schon verdaut, Nach Erd' in mir die Schlange.
Schon kriech' ich zwischen Stein und Gras Hungrig auf krummer Fährte, Zu essen Das, was stets ich ass, Dich, Schlangenkost, dich, Erde!
9- Meine Rosen.
Ja! Mein Glück — es will beglücken, — Alles Glück will ja beglücken! Wollt ihr meine Rosen pflücken?
Müsst euch bücken und verstecken Zwischen Fels und Dornenhecken, Oft die Fingerchen euch lecken!
Denn mein Glück — es liebt das Necken! Denn mein Glück — es liebt die Tücken! — Wollt ihr meine Rosen pflücken?
Der Verächter.
Vieles lass' ich fall'n und rollen, Und ihr nennt mich drum Verächter. Wer da trinkt aus allzuvollen Bechern, lässt viel fall'n und rollen, — Denkt vom Weine drum nicht schlechter.
Das Sprüchwort spricht Scharf und milde, grob und fein, Vertraut und seltsam, schmutzig und rein, Nietiachc, Werke Band V. 2 Der Narren und Weisen Stelldichein: Diess Alles bin ich, will ich sein, Taube zugleich, Schlange und Schwein!
An einen Lichtfreund. Willst du nicht Aug' und Sinn ermatten, Lauf auch der Sonne nach im Schatten i Für Tänzer.
Glattes Eis Ein Paradeis Für Den, der gut zu tanzen weiss.
Der Brave.
Lieber aus ganzem Holz eine Feindschaft Als eine geleimte Freundschaft!
Rost Auch Rost thut Noth: Scharfsein ist nicht genung! Sonst sagt man stets von dir: „er ist zu jung!"
Aufwärts.
„Wie komm ich am besten den Berg hinan?" — Steig nur hinauf und denk nicht dran!
Spruch des Gewaltmenschen.
Bitte nie! Lass diess Gewimmer! Nimm, ich bitte dich, nimm immer!
Schmale Seelen.
Schmale Seelen sind mir verhasst: Da steht nichts Gutes, nichts Böses fast Der unfreiwillige Verführer.
Er schoss ein leeres Wort zum Zeitvertreib In's Blaue — und doch fiel darob ein Weib.
Zur Erwägung.
Zwiefacher Schmerz ist leichter zu tragen Als Ein Schmerz: willst du darauf es wagen?
Gegen die Hoffahrt Blas dich nicht auf: sonst bringet dich Zum Platzen schon ein kleiner Stich.
Mann und Weib. „Raub' dir das Weib, für das dein Herze fühlt!" — So denkt der Mann; das Weib raubt nicht, es stiehlt.
20 Interpretation.
Leg' ich mich aus, so leg' ich mich hinein: Ich kann nicht selbst mein Interprete sein. Doch wer nur steigt auf seiner eignen Bahn, Trägt auch mein Bild zu hellerm Licht hinan.
Pessimisten- Arznei Du klagst, dass Nichts dir schmackhaft sei? Noch immer, Freund, die alten Mucken? Ich hör* dich lästern, lärmen, spucken — Geduld und Herz bricht mir dabei Folg' mir, mein Freund! Entschliess dich frei, Ein fettes Krötchen zu verschlucken, Geschwind und ohne hinzugucken! — Das hilft dir von der Dyspepseil Bitte.
Ich kenne mancher Menschen Sinn Und weiss nicht, wer ich selber bin! Mein Auge ist mir viel zu nah — Ich bin nicht, was ich seh und sah. Ich wollte mir schon besser nützen, Könnf ich mir selber ferner sitzen. Zwar nicht so ferne wie mein Feind! Zu fern sitzt schon der nächste Freund — Doch zwischen Dem und mir die Mittel Errathet ihr, um was ich bitte?
Meine Härte. Ich muss weg über hundert Stufen, Ich muss empor und hör* euch rufen: „Hart bist du! Sind wir denn von Stein?" — Ich muss weg über hundert Stufen, Und Niemand möchte Stufe sein.
Der Wandrer. „Kein Pfad mehr! Abgrund rings und Todtenstille!" — So wolltest du's! Vom Pfade wich dein Wille! Nun, Wandrer, gilt's! Nun blicke kalt und klar! Verloren bist du, glaubst du — an Gefahr.
Trost für Anfänger. Seht das Kind umgrunzt von Schweinen, Hülflos, mit verkrümmten Zehn! Weinen kann es, Nichts als weinen — Lernt es jemals stehn und gehn? Unverzagt! Bald, sollt' ich meinen, Könnt das Kind ihr tanzen sehn! Steht es erst auf beiden Beinen, Wird's auch auf dem Kopfe stehn.
Sternen -Egoismus. Rollt' ich mich rundes Rollefass Nicht um mich selbst ohn' Unterlass, Wie hielt' ich's aus, ohne anzubrennen, Der heissen Sonne nachzurennen?
Der Nächste.
Nah hab' den Nächsten ich nicht gerne: Fort mit ihm in die Höh' und Ferne! Wie würd er sonst zu meinem Sterne? — Der verkappte Heilige.
Dass dein Glück uns nicht bedrücke, Legst du um dich Teufelstücke, Teufelswitz und Teufelskleid. Doch umsonst! Aus deinem Blicke Blickt hervor die Heiligkeit I Der Unfreie.
A. Er steht und horcht: was könnt' ihn irren? Was hört' er vor den Ohren schwirren? Was war's, das ihn darniederschlug? B. Wie Jeder, der einst Ketten trug, Hört überall er — Kettenklirren.
Der Einsame.
Verhasst ist mir das Folgen und das Führen. Gehorchen? Nein! Und aber nein — Regieren! Wer sich nicht schrecklich ist, macht Niemand Schrecken: Und nur wer Schrecken macht, kann Andre führen. Verhasst ist mir's schon, selber mich zu führen! Ich liebe es, gleich Wald- und Meeresthieren, Mich für ein gutes Weilchen zu verlieren, In holder Irrniss grüblerisch zu hocken, Von ferne her mich endlich heimzulocken, Mich selber zu mir selber — zu verführen.
Seneca et hoc genus omne. Das schreibt und schreibt sein unaussteh- lich weises Larifari, Als galt' es firimum scribere, Deinde phüosopharu Eis.
Ja! Mitunter mach' ich Eis: Nützlich ist Eis zum Verdauen! Hättet ihr viel zu verdauen, Oh wie liebtet ihr mein Eis!
Jugendschriften. Meiner "Weisheit A und O Klang mir hier: was hört* ich doch! Jetzo klingt mir's nicht mehr so, Nur das ew'ge Ahl und Oh! Meiner Jugend hör' ich noch.
Vorsicht In jener Gegend reist man jetzt nicht gut; Und hast du Geist, sei doppelt auf der Hut! Man lockt und liebt dich, bis man dich zerreisst: Schwarmgeister sind's —: da fehlt es stets an Geist! Der Fromme spricht Gott liebt uns, weil er uns erschuf! — „Der Mensch schuf Gott!" — sagt drauf ihr Feinen.
Und soll nicht lieben, was er schuf?
Soll's gar, weil er es schuf, verneinen?
Das hinkt, das trägt des Teufels Huf.
Im Sommer Im Schweisse unsres Angesichts Soll'n unser Brod wir essen?
Im Schweisse isst man lieber Nichts, Nach weiser Ärzte Ermessen.
Der Hundsstern winkt: woran gebricht's?
Was will sein feurig Winken?
Im Schweisse unsres Angesichts Soll'n unsren Wein wir trinken!
Ohne Neid.
Ja, neidlos blickt er: und ihr ehrt ihn drum? Er blickt sich nicht nach euren Ehren um; Er hat des Adlers Auge für die Ferne, Er sieht euch nicht! — er sieht nur Sterne, Sterne!
Heraklitismus.
Alles Glück auf Erden, Freunde, giebt der Kampf!
Ja, um Freund zu werden, Braucht es Pulverdampf! Eins in Drei'n sind Freunde: Brüder vor der Noth, Gleiche vor dem Feinde, Freie — vor dem Tod!
Grundsatz der Allzufeinen. Lieber auf den Zehen noch Als auf allen Vieren 1 Lieber durch ein Schlüsselloch Als durch offne Thürenl Zuspruch- Auf Ruhm hast du den Sinn gericht? Dann acht' der Lehre: Bei Zeiten leiste frei Verzicht Auf Ehre!
Der Gründliche. Ein Forscher ich? Oh spart diess Wort! — Ich bin nur schwer — so manche Pfund! Ich falle, falle immerfort, Und endlich auf den Grund!
Für immer. „Heut komm' ich, weil mir's heute frommt" — Denkt Jeder, der für immer kommt Was ficht ihn an der Welt Gered': „Du kommst zu früh! Du kommst zu spät!"
Urtheile der Müden.
Der Sonne fluchen alle Matten; Der Bäume Werth ist ihnen — Schatten I Niedergan g.
„Er sinkt, er fällt jetzt" — höhnt ihr hin und wieder; Die Wahrheit ist: er steigt zu euch hernieder 1 Sein Überglück ward ihm zum Ungemach, Sein Überlicht geht eurem Dunkel nach.
Gegen die Gesetze.
Von heut an hängt an härner Schnur Um meinen Hals die Stunden-Uhr: Von heut an hört der Sterne Lauf, Sonn', Hahnenschrei und Schatten auf, Und was mir je die Zeit verkünd't, Das ist jetzt stumm und taub und blind: — Es schweigt mir jegliche Natur Beim Tiktak von Gesetz und Uhr.
Der Weise spricht.
Dem Volke fremd und nützlich doch dem Volke, Zieh' ich des Weges, Sonne bald, bald Wolke — Und immer über diesem Volke! Den Kopf verloren.
Sie hat jetzt Geist — wie kam's, dass sie ihn fand?
Ein Mann verlor durch sie jüngst den Verstand.
Sein Kopf war reich vor diesem Zeitvertreibe: Zum Teufel gieng sein Kopf — neinl nein! zum Weibe!
Fromme Wünsche.
„Mögen alle Schlüssel doch Flugs verloren gehen, Und in jedem Schlüsselloch Sich der Dietrich drehen!" Also denkt zu jeder Frist Jeder, der — ein Dietrich ist Mit dem Fusse schreiben.
Ich schreib' nicht mit der Hand allein: Der Fuss will stets mit Schreiber sein. Fest, frei und tapfer läuft er mir Bald durch das Feld, bald durch's Papier.
„Menschliches, Allzumenschliches." Ein Buch.
Schwermüthig scheu, solang du rückwärts schaust, Der Zukunft trauend, wo du selbst dir traust: Oh Vogel, rechn' ich dich den Adlern zu? Bist du Minerva's Liebling U-hu-hu?
Meinem Leser. Ein gut Gebiss und einen guten Magen - - Diess wünsch' ich dir! Und hast du erst mein Buch vertragen, Verträgst du dich gewiss mit mir!