SigPhi · Nietzsche

Die fröhliche Wissenschaft (German)

German

Page 11 of 21

Homo fioeta. — „Ich selber, der ich höchsteigen- händig diese Tragödie der Tragödien gemacht habe, so weit sie fertig ist; ich, der ich den Knoten der Moral erst in's Dasein hineinknüpfte und so fest zog, dass nur ein Gott ihn lösen kann — so verlangt es ja Horaz!—, ich selber habe jetzt im vierten Act alle Götter um- gebracht — aus Moralität! Was soll nun aus dem fünften werden! Woher noch die tragische Lösung nehmen! — Muss ich anfangen, über eine komische Lösung nachzudenken?"

Verschiedene Gefährlichkeit des Lebens. — Ihr wisst gar nicht, was ihr erlebt, ihr lauft wie be- trunken durch's Leben und fallt ab und zu eine Treppe hinab. Aber, Dank eurer Trunkenheit, brecht ihr doch nicht dabei die Glieder: eure Muskeln sind zu matt und euer Kopf zu dunkel, als dass ihr die Steine dieser Treppe so hart fändet wie wir Anderen! Für uns ist das Leben eine grössere Gefahr: wir sind von Glas — wehe, wenn wir uns stossen! Und Alles ist verloren, wenn wir fallen!

Was uns fehlt. — Wir lieben die grosse Natur und haben sie entdeckt: das kommt daher, dass in unserem Kopfe die grossen Menschen fehlen. Umgekehrt die Griechen: ihr Naturgefühl ist ein anderes als das unsrige. Der Einflussreichste. — Dass ein Mensch seiner ganzen Zeit Widerstand leistet, sie am Thore aufhält und zur Rechenschaft zieht, das muss Einfluss üben! Ob er es will, ist gleichgültig; dass er es kann, ist die Sache.

Mentiri. — Gieb Acht! — er sinnt nach: sofort wird er eine Lüge bereit haben. Diess ist eine Stufe der Cultur, auf der ganze Völker gestanden haben. Man erwäge doch, was die Römer mit mentiri aus- drückten!

Unbequeme Eigenschaft. — Alle Dinge tief finden — das ist eine unbequeme Eigenschaft: sie macht, dass man beständig seine Augen anstrengt und am Ende immer mehr findet, als man gewünscht hat.

Jede Tugend hat ihre Zeit. — Wer jetzt un- beugsam ist, dem macht seine Redlichkeit oft Ge- wissensbisse: denn die Unbeugsamkeit ist die Tugend eines anderen Zeitalters als die Redlichkeit.

Im Verkehre mit Tugenden. — Man kann auch gegen eine Tugend würdelos und schmeichlerisch sein.

An die Liebhaber der Zeit. — Der entlaufene Priester und der entlassene Sträfling machen fortwäh- rend Gesichter: was sie wollen, ist ein Gesicht ohne Vergangenheit. — Habt ihr aber schon Menschen ge- sehn, welche wissen, dass die Zukunft in ihrem Ge- sichte sich spiegelt, und welche so höflich gegen euch, ihr Liebhaber der „Zeit", sind, dass sie ein Gesicht ohne Zukunft machen?

Egoismus. — Egoismus ist das perspectivische Gesetz der Empfindung, nach dem das Nächste gross und schwer erscheint: während nach der Ferne zu alle Dinge an.Grösse und Gewicht abnehmen.

Nach einem grossen Siege. — Das Beste an einem grossen Siege ist, dass er dem Sieger die Furcht vor einer Niederlage nimmt. „Warum nicht auch ein- mal unterliegen? — sagt er sich: ich bin jetzt reich genug dazu."

Die Ruhesuchenden. — Ich erkenne die Geister, welche Ruhe suchen, an den vielen dunklen Gegen- ständen, welche sie um sich aufstellen: wer schlafen will, macht sein Zimmer dunkel oder kriecht in eine Höhle. — Ein Wink für Die, welche nicht wissen, was sie eigent- lich am meisten suchen, und es wissen möchten!

Vom Glücke der Entsagenden. — Wer sich Etwas gründlich und auf lange Zeit hin versagt, wird, bei einem zufälligen Widerantreffen desselben, fast ver- meinen, es entdeckt zu haben — und welches Glück hat jeder Entdecker! Seien wir klüger als die Schlangen, welche zu lange in derselben Sonne liegen.

Immer in unserer Gesellschaft. — Alles, was meiner Art ist, in Natur und Geschichte, redet zu mir, lobt mich, treibt mich vorwärts, tröstet mich —: das Andere höre ich nicht oder vergesse es gleich. Wir sind stets nur in unserer Gesellschaft.

Misanthropie und Liebe. — Man spricht nur dann davon, dass man der Menschen satt sei, wenn man sie nicht mehr verdauen kann und doch noch den Magen voll davon hat. Misanthropie ist die Folge einer all- zu begehrlichen Menschenliebe und „Menschenfresserei" — aber wer hiess- dich auch, Menschen zu verschlucken wie Austern, mein Prinz Hamlet?

Von einem Kranken. — „Es steht schlecht um ihn!" — Woran fehlt es? — „Er leidet an der Begierde, gelobt zu werden, und findet keine Nahrung für sie." — Unbegreiflich! Alle Welt feiert ihn, und man trägt ihn nicht nur auf den Händen, sondern auch auf den Lippen! — „Ja, aber er hat ein schlechtes Gehör für das Lob. Lobt ihn ein Freund, so klingt es ihm, als ob dieser sich selber lobe; lobt ihn ein Feind, so klingt es ihm, als ob dieser dafür gelobt werden wolle; lobt ihn end- lich einer der Übrigen — es sind gar nicht so Viele übrig, so berühmt ist er! —, so beleidigt es ihn, dass man ihn nicht zum Freund oder Feind haben wolle; er pflegt zu sagen: Was liegt mir an Einem, der gar noch gegen mich den Gerechten zu spielen vermag!"

Offene Feinde. — Die Tapferkeit vor dem Feinde ist ein Ding für sich: damit kann man immer noch ein Feigling und ein unentschlossener Wirrkopf sein. So urtheilte Napoleon in Hinsicht auf den „tapfersten Men- schen", der ihm bekannt sei, Murat — woraus sich er- giebt, dass offene Feinde für manche Menschen unent- behrlich sind, falls sie sich zu ihrer Tugend, ihrer Männlichkeit und Heiterkeit erheben sollen.

Mit der Menge. — Er läuft bisher mit der Menge und ist ihr Lobredner: aber eines Tages wird er ihr Gegner sein! Denn er folgt ihr im Glauben, dass seine Faulheit dabei ihre Rechnung fände: er hat noch nicht erfahren, dass die Menge nicht faul genug für ihn ist! dass sie immer vorwärts drängt! dass sie Niemandem erlaubt, stehn zu bleiben! — Und er bleibt so gern stehen!

Ruhm. — Wenn die Dankbarkeit Vieler gegen Einen alle Scham wegwirft, so entsteht der Ruhm.

Der Geschmacks-Verderber. — A: „Du bist ein Geschmacks-Verderber! — so sagt man überall." B: „Sicherlich! Ich verderbe Jedermann den Geschmack an seiner Partei — das verzeiht mir keine Partei."

Tief sein und tief scheinen. — Wer sich tief weiss, bemüht sich um Klarheit; wer der Menge tief scheinen möchte, bemüht sich um Dunkelheit. Denn die Menge hält Alles für tief, dessen Grund sie nicht sehen kann: sie ist so furchtsam und geht so ungern in's Wasser.

Abseits. — Der Parlamentarismus, das heisst die öffentliche Erlaubniss, zwischen fünf politischen Grund- meinungen wählen zu dürfen, schmeichelt sich bei jenen Vielen ein, welche gerne selbständig und individuell scheinen und für ihre Meinungen kämpfen möchten. Zuletzt aber ist es gleichgültig, ob der Heerde Eine Meinung befohlen oder fünf Meinungen gestattet sind, — wer von den fünf öffentlichen Meinungen abweicht und bei Seite tritt, hat immer die ganze Heerde gegen sich.

Von der Beredtsamkeit. — Wer besass bis jetzt die überzeugendste Beredtsamkeit? Der Trommelwirbel: und so lange die Könige diesen in der Gewalt haben, sind sie immer noch die besten Redner und Volks- aufwiegler.

Mitleiden. — Die armen regierenden Fürsten! Alle ihre Rechte verwandeln sich jetzt unversehens in Ansprüche, und all diese Ansprüche klingen bald wie Anmaassungen! Und wenn sie nur „Wir" sagen oder „mein Volk", so lächelt schon das alte boshafte Europa.

Wahrhaftig, ein Oberceremonienmeister der modernen Welt würde wenig Ceremonien mit ihnen machen; vielleicht würde er decretiren: „les souverains rangent aux parvenus".

Zum „Erziehungswesen". — In Deutschland fehlt dem höhern Menschen ein grosses Erziehungs- mittel: das Gelächter höherer Menschen; diese lachen nicht in Deutschland. Zur moralischen Aufklärung. — Man muss den Deutschen ihren Mephistopheles ausreden: und ihren Faust dazu. Es sind zwei moralische Vorurtheile gegen den Werth der Erkenntniss.

Gedanken. — Gedanken sind die Schatten unsrer Empfindungen — immer dunkler, leerer, einfacher als diese.

Die gute Zeit der freien Geister. ■ — Die freien Geister nehmen sich auch vor der Wissenschaft noch ihre Freiheiten — und einstweilen giebt man sie ihnen auch —, so lange die Kirche noch steht! Insofern haben sie jetzt ihre gute Zeit Folgen und Vorangehen. — A: „Von den Beiden wird der Eine immer folgen, der Andre immer vorangehen, wohin sie auch das Schicksal führt. Und doch steht der Erstere über dem Anderen, nach seiner Tugend und seinem Geiste!" B: „Und doch? Und doch? Das ist für die Anderen geredet, nicht für mich, nicht für uns! — Fit secundum regulam."

In der Einsamkeit. — Wenn man allein lebt, so spricht man nicht zu laut, man schreibt auch nicht zu laut: denn man fürchtet den hohlen Widerhall — die Kritik der Nymphe Echo. — Und alle Stimmen klingen anders in der Einsamkeit! Die Musik der besten Zukunft. — Der erste Musiker würde mir Der sein, welcher nur die Traurigkeit des tiefsten Glücks kennte, und sonst keine Traurigkeit: einen solchen gab es bisher nicht.

Justiz. — Lieber sich bestehlen lassen als Vogel- scheuchen um sich haben — das ist mein Geschmack. Und es ist unter allen Umständen eine Sache des Ge- schmacks — und nicht mehr!

Arm. — Er ist heute arm: aber nicht weil man ihm Alles genommen, sondern weil er Alles weggeworfen hat — was macht es ihm! Er ist daran gewöhnt, zu finden. — Die Armen sind es, welche seine freiwillige Armuth missverstehen.

Schlechtes Gewissen. — Alles, was er jetzt thut, ist brav und ordentlich — und doch hat er ein schlechtes Gewissen dabei. Denn das Ausserordentliche ist seine Aufgabe. Das Beleidigende im Vortrage. — Dieser Künstler beleidigt mich durch die Art, wie er seine Ein- fälle, seine sehr guten Einfälle vorträgt: so breit und nachdrücklich und mit so groben Kunstgriffen der Überredung, als ob er zum Pöbel spräche. Wir sind immer nach einiger Zeit, die wir seiner Kunst schenkten, wie „in schlechter Gesellschaft", Arbeit. — Wie nah steht jetzt auch dem Müssig- sten von uns die Arbeit und der Arbeiter! Die könig- liche Höflichkeit in dem Worte „wir Alle sind Arbeiter!" wäre noch unter Ludwig dem Vierzehnten ein Cynismus und eine Indecenz gewesen.

Der Denker. — Er ist ein Denker: das heisst er versteht sich darauf, die Dinge einfacher zu nehmen, als sie sind.

Gegen die Lobenden. — A: „Man wird nur von Seinesgleichen gelobt!" B.: „Ja! Und wer dich lobt, sagt zu dir: du bist Meinesgleichen!"

IQS.

Gegen manche Vertheidigung. — Die perfideste Art einer Sache zu schaden ist, sie absichtlich mit fehler- haften Gründen vertheidigen. Die Gutmüthigen. — Was unterscheidet jene Gut- müthigen, denen Wohlwollen aus dem Gesichte strahlt, von den anderen Menschen? Sie fühlen sich in Gegen- wart einer neuen Person wohl und sind schnell in sie verliebt; sie wollen ihr dafür wohl, ihr erstes Urtheil ist „sie gefällt mir". Bei ihnen folgt auf einander: Wunsch der Aneignung (sie machen sich wenig Scrupel über den Werth des Anderen), rasche Aneignung, Freude am Besitz und Handeln zu Gunsten des Besessenen.

Kant's Witz. — Kant wollte auf eine „alle Welt" vor den Kopf stossende Art beweisen, dass „alle Welt" Recht habe: — das war der heimliche Witz dieser Seele. Er schrieb gegen die Gelehrten zu Gunsten des Volks- Vorurtheils, aber für Gelehrte und nicht für das Volk.

Der „Offenherzige". — Jener Mensch handelt wahrscheinlich immer nach verschwiegenen Gründen: denn er trägt immer mittheilbare Gründe auf der Zunge und beinahe in der offenen Hand.

Zum Lachen! — Seht hin! Seht hin! Er läuft von den Menschen weg —: diese aber folgen ihm nach, weil er vor ihnen herläuft, — so sehr sind sie Heerde! Grenze unsres Hörsinns. — Man hört nur die Fragen, auf welche man im Stande ist eine Antwort zu finden.

Darum Vorsicht! — Nichts theilen wir so gern an Andere mit als das Siegel der Verschwiegenheit — sammt Dem, was darunter ist.

Verdruss des Stolzen. — Der Stolze hat selbst an Denen, welche ihn vorwärts bringen, seinen Verdruss: er blickt böse auf die Pferde seines Wagens.

Freigebigkeit. — Freigebigkeit ist bei Reichen oft nur eine Art Schüchternheit. * Lachen. — Lachen heisst: schadenfroh sein, aber mit gutem Gewissen.

Im Beifall. — Im Beifall ist immer eine Art Lärm: selbst in dem Beifall, den wir uns selber zollen.

Ein Verschwender. — Er hat noch nicht jene Armuth des Reichen, der seinen ganzen Schatz schon einmal überzählt hat, — er verschwendet seinen Geist mit der Unvernunft der Verschwenderin Natur.

Htc niger est. — Er hat für gewöhnlich keinen Gedanken — aber für die Ausnahme kommen ihm schlechte Gedanken. Die Bettler und die Höflichkeit. — „Man ist nicht unhöflich, wenn man mit einem Steine an die Thüre klopft, welcher der Klingelzug fehlt", — so denken Bettler und Nothleidende aller Art; aber Niemand giebt ihnen Recht.

Bedürfnis s. — Das Bedürfniss gilt als die Ursache der Entstehung: in Wahrheit ist es oft nur eine Wirkung des Entstandenen.

Beim Regen. — Es regnet, und ich gedenke der armen Leute, die sich jetzt zusammendrängen, mit ihrer vielen Sorge und ohne Übung, diese zu verbergen, also Jeder bereit und guten Willens, dem Andern wehe zu thun und sich auch bei schlechtem Wetter eine erbärm- liche Art von Wohlgefühl zu machen. — Das, nur Das ist die Armuth der Armen!

Der Neidbold. — Das ist ein Neidbold — dem muss man keine Kinder wünschen; er würde auf sie neidisch sein, weil er nicht mehr Kind sein kann.

Grosser Mann! — Daraus, dass einer „ein grosser Mann" ist, darf man noch nicht schli essen, dass er ein Mann ist; vielleicht ist es nur ein Knabe, oder ein Cha- mäleon aller Lebensalter, oder ein verhextes Weiblein. Eine Art, nach Gründen zu fragen. — Es giebt eine Art, uns nach unsern Gründen zu fragen, bei der wir nicht nur unsre besten Gründe vergessen, sondern auch einen Trotz und Widerwillen gegen Gründe überhaupt in uns erwachen fühlen: — eine sehr ver- dummende Art zu fragen und recht ein Kunstgriff tyran- nischer Menschen!

Maass im Fleisse. — Man muss den Fleiss seines Vaters nicht überbieten wollen — das macht krank.

Geheime Feinde. — Einen geheimen Feind sich halten können — das ist ein Luxus, für den die Mora- lität selbst hochgesinnter Geister nicht reich genug zu sein pflegt.

Sich nicht täuschen lassen. — Sein Geist hat schlechte Manieren, er ist hastig und stottert immer vor Ungeduld: so ahnt man kaum, in welcher langathmigen und breitbrüstigen Seele er zu Hause ist.

Der Weg zum Glücke. — Ein Weiser fragte einen Narren, welches der Weg zum Glücke sei. Dieser antwortete ohne Verzug, wie Einer, der nach dem Nietzsche, "Werke Band V. \v Wege zur nächsten Stadt gefragt wird: „Bewundere dich selbst und lebe auf der Gassei" „Halt, rief der Weise, du verlangst zu viel, es genügt schon sich selber zu bewundern!" Der Narr entgegnete: „Aber wie kann man beständig bewundern, ohne beständig zu verachten?"

Der Glaube macht selig. — Die Tugend giebt nur Denen Glück und eine Art Seligkeit, welche den guten Glauben an ihre Tugend haben: — nicht aber jenen feineren Seelen, deren Tugend im tiefen Misstrauen gegen sich und alle Tugend besteht. Zuletzt macht also auch hier „der Glaube selig"! — und wohlgemerkt, nicht die Tugend!

Ideal und Stoff. — Du hast da ein vornehmes Ideal vor Augen: aber bist du auch ein so vornehmer Stein, dass aus dir solch ein Götterbild gebildet werden dürfte? Und ohne diess — ist all deine Arbeit nicht eine barbarische Bildhauerei? Eine Lästerung deines Ideals?

Gefahr in der Stimme. — Mit einer sehr lauten Stimme im Halse ist man fast ausser Stande, feine Sachen zu denken.

Ursache und Wirkung. — Vor der Wirkung glaubt man an andere Ursachen als nach der Wirkung. Meine Antipathie. — Ich liebe die Menschen nicht, welche, um überhaupt Wirkung zu thun, zerplatzen müssen gleich Bomben, und in deren Nähe man immer in Gefahr ist, plötzlich das Gehör — oder noch mehr zu verlieren.

Zweck der Strafe. — „Die Strafe hat den Zweck, Den zu bessern, welcher straft," — das ist die letzte Zuflucht für die Vertheidiger der Strafe.

Opfer. — Über Opfer und Aufopferung denken die Opferthiere anders als die Zuschauer: aber man hat sie von jeher nicht zu Worte kommen lassen.

Schonung. — Väter und Söhne schonen sich viel mehr unter einander als Mütter und Töchter.

Dichter und Lügner. — Der Dichter sieht in dem Lügner seinen Milchbruder, dem er die Milch weg- getrunken hat; so ist Jener elend geblieben und hat es nicht einmal bis zum guten Gewissen gebracht Vicariat der Sinne. — „Man hat auch die Augen, um zu hören, — sagte ein alter Beichtvater, der taub wurde; und unter den Blinden ist Der König, wer die längsten Ohren hat." Kritik der Thier e. — Ich fürchte, die Thiere be- trachten den Menschen als ein Wesen Ihresgleichen, das in höchst gefährlicher Weise den gesunden Thierver- stand verloren hat, — als das wahnwitzige Thier, als das lachende Thier, als das weinende Thier, als das unglück- selige Thier.

Die Natürlichen. — „Das Böse hat immer den grossen Effect für sich gehabt! Und die Natur ist böse! Seien wir also natürlich!" — so schliessen im Geheimen die grossen Effecthascher der Menschheit, welche man gar zu oft unter die grossen Menschen gerechnet hat Die Misstrauischen und der Stil. — Wir sagen die stärksten Dinge schlicht, vorausgesetzt dass Menschen um uns sind, die an unsere Stärke glauben: — eine solche Umgebung erzieht zur „Einfachheit des Stils". Die Misstrauischen reden emphatisch; die Misstrauischen machen emphatisch.

Fehlschluss, Fehlschuss. — Er kann sich nicht beherrschen: und daraus schliesst jene Frau, es werde leicht sein, ihn zu beherrschen, und wirft ihre Fangseile nach ihm aus; — die Arme, die in Kürze seine Sclavin sein wird. Gegen die Vermittelnden. — Wer zwischen zwei entschlossenen Denkern vermitteln will, ist ge- zeichnet als mittelmässig: er hat das Auge nicht dafür, das Einmalige zu sehen; die Ahnlichseherei und Gleich- macherei ist das Merkmal schwacher Augen.

Trotz und Treue. — Er hält aus Trotz an einer Sache fest, die ihm durchsichtig geworden ist, — er nennt es aber „Treue".

Mangel an Schweigsamkeit. — Sein ganzes Wesen überredet nicht — das kommt daher, dass er nie eine gute Handlung, die er that, verschwiegen hat.

Die „Gründlichen". — Die Langsamen der Er- kenntniss meinen, die Langsamkeit gehöre zur Er- kenntniss.

Träumen. — Man träumt gar nicht oder inter- essant. Man muss lernen, ebenso zu wachen: — gar nicht oder interessant.

Gefährlichster Gesichtspunkt. — Was ich jetzt thue oder lasse, ist für alles Kommende so wichtig als das grössje Ereigniss der Vergangenheit: in dieser ungeheuren Perspective der Wirkung sind alle Hand- lungen gleich gross und klein. Trostrede eines Musikanten. — „Dein Leben klingt den Menschen nicht in die Ohren: für sie lebst du ein stummes Leben, und alle Feinheit der Melodie, alle zartere EntSchliessung im Folgen oder Vorangehen bleibt ihnen verborgen. Es ist wahr: du kommst nicht auf breiter Strasse mit Regimentsmusik daher — aber desshalb haben diese Guten doch kein Recht zu sagen, es fehle deinem Lebenswandel an Musik. Wer Ohren hat, der höre."

Geist und Charakter. — Mancher erreicht seinen Gipfel als Charakter, aber sein Geist ist gerade dieser Höhe nicht angemessen — und Mancher umgekehrt.

Um die Menge zu bewegen. — Muss nicht Der, welcher die Menge bewegen will, der Schauspieler seiner selber sein? Muss er nicht sich selber erst in's Grotesk- Deutliche übersetzen und seihe ganze Person und Sache in dieser Vergröberung und Vereinfachung vortragen?

Der Höfliche. — „Er ist so höflich!" — Ja, er hat immer einen Kuchen für den Cerberus bei sich und ist so furchtsam, dass er Jedermann für den Cerberus hält, auch dich und mich — das ist seine „Höflichkeit".

2& Neidlos. — Er ist ganz ohne Neid, aber es ist kein Verdienst dabei: denn er will ein Land erobern, das Niemand noch besessen und kaum Einer auch nur gesehen hat.

Der Freudlose. — Ein einziger freudloser Mensch genügt schon, um einem ganzen Hausstande dauernden Missmuth und trüben Himmel zu machen; und nur durch ein "Wunder geschieht es, dass dieser Eine fehlt! — Das Glück ist lange nicht eine so ansteckende Krank- heit — woher kommt das?

Am Meere. — Ich würde mir kein Haus bauen (und es gehört selbst zu meinem Glücke, kein Haus- besitzer zu sein!). Müsste ich aber, so würde ich, gleich manchem Römer, es bis in's Meer hineinbauen — ich möchte schon mit diesem schönen Ungeheuer einige Heimlichkeiten gemeinsam haben.

Werk und Künstler. — Dieser Künstler ist ehr- geizig und Nichts weiter: zuletzt ist sein Werk nur ein Vergrösserungsglas, welches er Jedermann anbietet, der nach ihm hinblickt Suum cuique. — Wie gross auch die Habsucht meiner Erkenntniss ist: ich kann aus den Dingen nichts Anderes herausnehmen, als was mir schon gehört, — das Besitzthum Andrer bleibt in den Dingen zurück. Wie ist es möglich, dass ein Mensch Dieb oder Räu- ber sei!

Ursprung von „Gut" und „Schlecht". — Eine Verbesserung erfindet nur Der, welcher zu fühlen weiss: „Diess ist nicht gut".

> Gedanken und Worte. — Man kann auch seine Gedanken nicht ganz in Worten wiedergeben.

Lob in der Wahl. — Der Künstler wählt seine Stoffe aus: das ist seine Art zu loben.

Mathematik. — Wir wollen die Feinheit und Strenge der Mathematik in alle Wissenschaften hinein- treiben, so weit diess nur irgend möglich ist; nicht im Glauben, dass wir auf diesem Wege die Dinge er- kennen werden, sondern um damit unsere menschliche Relation zu den Dingen festzustellen. Die Mathe- matik ist nur das Mittel der allgemeinen und letzten Menschenkenntniss.

Gewohnheit. — Alle Gewohnheit macht unsere Hand witziger und unsern Witz unbehender.

Bücher. — Was ist an einem Buche gelegen, das uns nicht einmal über alle Bücher hinweg trägt? Der Seufzer des Erkennenden. — „Oh über meine Habsucht! In dieser Seele wohnt keine Selbst- losigkeit — vielmehr ein Alles begehrendes Selbst, welches durch viele Individuen wie durch seine Augen sehen und wie mit seinen Händen greifen möchte, — ein auch die ganze Vergangenheit noch zurückholendes Selbst, welches Nichts verlieren will, was ihm überhaupt gehören könnte! Oh über diese Flamme meiner Hab- sucht! Oh, dass ich in hundert Wesen wiedergeboren würde!" — Wer diesen Seufzer nicht aus Erfahrung kennt, kennt auch die Leidenschaft des Erkennenden nicht Schuld. — Obschon die scharfsinnigsten Richter der Hexen und sogar die Hexen selber von der Schuld der Hexerei überzeugt waren, war die Schuld trotzdem nicht vorhanden. So steht es mit aller Schuld. Verkannte Leidende. — Die grossartigen Na- turen leiden anders, als ihre Verehrer sich einbilden: sie leiden am härtesten durch die unedlen, kleinlichen Wallungen mancher bösen Augenblicke, kurz durch ihren Zweifel an der eigenen Grossartigkeit — nicht aber durch die Opfer und Martyrien, welche ihre Auf- gabe von ihnen verlangt. So lange Prometheus Mit- leid mit den Menschen hat und sich ihnen opfert, ist er glücklich und gross in sich; aber wenn er neidisch auf Zeus und die Huldigungen wird, welche Jenem die Sterblichen bringen, — da leidet er!

Lieber schuldig. — „Lieber schuldig bleiben als mit einer Münze zahlen, die nicht unser Bild trägt I" — so will es unsere Souveränetät.

Immer zu Hause. — Eines Tages erreichen wir unser Ziel — und weisen nunmehr mit Stolz darauf hin, was für lange Reisen wir dazu gemacht haben. In Wahrheit merkten wir nicht, dass wir reisten. Wir kamen eben dadurch so weit, dass wir an jeder Stelle wähnten, zu Hause zu sein.

Gegen die Verlegenheit. — Wer immer tief beschäftigt ist, ist über alle Verlegenheit hinaus. Nachahmer. — A: „Wie? Du willst keine Nach- ahmer?" B: „Ich will nicht, dass man mir Etwas nach- mache; ich will, dass Jeder sich Etwas vormache: das- selbe, was ich thue." A: „Also —?"

Hautlichkeit — Alle Menschen der Tiefe haben ihre Glückseligkeit darin, einmal den fliegenden Fischen zu gleichen und auf den äussersten Spitzen der Wellen zu spielen; sie schätzen als das Beste an den Dingen — dass sie eine Oberfläche haben: ihre Hautlichkeit — sit venia verbo.

Aus der Erfahrung. — Mancher weiss nicht, wie reich er ist, bis er erfährt, was für reiche Menschen an ihm noch zu Dieben werden.

Die Leugner des Zufalls. — Kein Sieger glaubt an den Zufall.

Aus dem Paradiese. — „Gut und Böse sind die Vorurtheile Gottes" — sagte die Schlange.

Ein Mal Eins. — Einer hat immer Unrecht: aber mit Zweien beginnt die Wahrheit. — Einer kann sich nicht beweisen: aber Zweie kann man bereits nicht widerlegen.

Originalität. — Was ist Originalität? Etwas sehen, das noch keinen Namen trägt, noch nicht ge- nannt werden kann, ob es gleich vor Aller Augen liegt. Wie die Menschen gewöhnlich sind, macht ihnen erst der Name ein Ding überhaupt sichtbar. — Die Origi- nalen sind zumeist auch die Namengeber gewesen.

Sub specie aeterni. — A: „Du entfernst dich immer schneller von den Lebenden: bald werden sie dich aus ihren Listen streichen!" — B: „Es ist das einzige Mittel, um an dem Vorrecht der Todten theil- zuhaben." — A: „An welchem Vorrecht?" — B: „Nicht, mehr zu sterben."

Ohne Eitelkeit — Wenn wir lieben, so wollen wir, dass unsere Mängel verborgen bleiben, — nicht aus Eitelkeit, sondern weil das geliebte Wesen nicht leiden soll. Ja, der Liebende möchte ein Gott scheinen, — und auch diess nicht aus Eitelkeit.

Was wir thun. — Was wir thun, wird nie ver- standen, sondern immer nur gelobt und getadelt.

Letzte Skepsis. — Was sind denn zuletzt die Wahrheiten des Menschen? — Es sind die unwider- legbaren Irrthümer des Menschen.

Wo Grausamkeit noth thut. — Wer Grösse hat, ist grausam gegen seine Tugenden und Erwägungen zweiten Ranges.

Mit einem grossen Ziele. — Mit einem grossen Ziele ist man sogar der Gerechtigkeit überlegen, nicht nur seinen Thaten und seinen Richtern.

Was macht heroisch? — Zugleich seinem höch- sten Leide und seiner höchsten Hoffnung entgegengehn.

Woran glaubst du? — Daran: dass die Gewichte aller Dinge neu bestimmt werden müssen.

Was sagt dein Gewissen? — „Du sollst der werden, der du bist."

Wo liegen deine grössten Gefahren? — Im « Mitleiden. Was liebst du an Anderen? — Meine Hoff- nungen.

Wen nennst du schlecht? — Den, der immer beschämen will.

Was ist dir das Menschlichste? — Jemandem Scham ersparen.

Was ist das Siegel der erreichten Freiheit? — Sich nicht mehr vor sich selber schämen.

Viertes Buch Sanctus Januarius.

Der du mit dem Flammenspeere Meiner Seele Eis zertheilt, Dass sie brausend nun zum Meere Ihrer höchsten Hoffnung eilt: ■ Heller stets und stets gesunder, Frei im liebevollsten Muss: — Also preist sie deine Wunder, Schönster Januarius I Genua, im Januar 1882. Zum neuen Jahre. — Noch lebe ich, noch denke ich: ich muss noch leben, denn ich muss noch denken. Sum, ergo cogüo: cogtto, ergo sum. Heute erlaubt sich Jedermann, seinen Wunsch und liebsten Gedanken aus- zusprechen: nun, so will auch ich sagen, was ich mir heute von mir selber wünschte und welcher Gedanke mir dieses Jahr zuerst über das Herz lief, — welcher Gedanke mir Grund, Bürgschaft und Süssigkeit alles weiteren Lebens sein soll! Ich will immer mehr lernen, das Nothwendige an den Dingen als das Schöne sehen: — so werde ich Einer von Denen sein, welche die Dinge schön machen. Amor fati: das sei von nun an meine Liebe! Ich will keinen Krieg gegen das Hässliche führen. Ich will nicht anklagen, ich will nicht einmal die Ankläger anklagen. Wegsehen sei meine einzige Verneinung! Und, Alles in Allem und Grossen: ich will irgendwann einmal nur noch ein Ja-sagender sein!

Persönliche Providenz. — Es giebt einen ge- wissen hohen Punkt des Lebens: haben wir Den erreicht, so sind wir mit all unsrer Freiheit, und so sehr wir dem schönen Chaos des Daseins alle fürsorgende Vernunft Nietzsche, Werke Band V.!4 und Güte abgestritten haben, noch einmal in der grössten Gefahr der geistigen Unfreiheit und haben unsere schwerste Probe abzulegen. Jetzt nämlich stellt sich erst der Ge- danke an eine persönliche Providenz mit der eindring- lichsten Gewalt vor uns hin und hat den besten Für- sprecher, den Augenschein, für sich, jetzt wo wir mit Händen greifen, dass uns alle, alle Dinge, die uns treffen, fortwährend zum Besten gereichen. Das Leben jedes Tags und jeder Stunde scheint Nichts mehr zu wollen als immer nur diesen Satz neu beweisen: sei es, was es sei, böses wie gutes Wetter, der Verlust eines Freundes, eine Krankheit, eine Verleumdung, das Ausbleiben eines Briefs, die Verstauchung eines Fusses, ein Blick in einen Verkaufsladen, ein Gegenargument, das Aufschlagen eines Buches, ein Traum, ein Betrug: es erweist sich sofort oder sehr bald nachher als ein Ding, das „nicht fehlen durfte", — es ist voll tiefen Sinns und Nutzens gerade für uns! Giebt es eine ge- fährlichere Verführung, den Göttern Epikur's, jenen sorg- losen Unbekannten, den Glauben zu kündigen und an irgend eine sorgenvolle und kleinliche Gottheit zu glauben, welche selbst jedes Härchen auf unserm Kopfe per- sönlich kennt und keinen Ekel in der erbärmlichsten Dienstleistung findet? Nun — ich meine trotzalledem! wir wollen die Götter in Ruhe lassen und die dienst- fertigen Genien ebenfalls, und uns mit der Annahme begnügen, dass unsere eigene praktische und theoretische Geschicklichkeit im Auslegen und Zurechtlegen der Er- eignisse jetzt auf ihren Höhepunkt gelangt sei. Wir wollen auch nicht zu hoch von dieser Fingerfertigkeit unserer Weisheit denken, wenn uns mitunter die wun- derbare Harmonie allzusehr überrascht, welche beim Spiel auf unsrem Instrumente entsteht: eine Harmonie,