Rückblick. — Wir werden uns des eigentlichen Pathos jeder Lebensperiode selten als eines solchen be- wusst, so lange wir in ihr stehen, sondern meinen immer, es sei der einzig uns nunmehr mögliche und vernünftige Zustand und durchaus Ethos, nicht Pathos — mit den Griechen zu reden und zu trennen. Ein paar Töne von Musik riefen mir heute einen Winter und ein Haus und Nietzsche, Werke Band V. X6 ein höchst einsiedlerisches Leben in's Gedächtniss zu- rück und zugleich das Gefühl, in dem ich damals lebte: — ich meinte ewig so fortleben zu können. Aber jetzt begreife ich, dass es ganz und gar Pathos und Leiden- schaft war, ein Ding, vergleichbar dieser schmerzhaft- muthigen und trostsicheren Musik — dergleichen darf man nicht auf Jahre oder gar auf Ewigkeiten haben: man würde für diesen Planeten damit zu „überirdisch".
Weisheit im Schmerz. — Im Schmerz ist soviel Weisheit wie in der Lust: er gehört gleich dieser zu den arterhaltenden Kräften ersten Ranges. Wäre er diess nicht, so würde er längst zu Grunde gegangen sein; dass er weh thut, ist kein Argument gegen ihn, es ist sein Wesen. Ich höre im Schmerz den Com- mandoruf des Schiffscapitäns: „zieht die Segel ein!" Auf 'tausend Arten die Segel zu stellen, muss der kühne Schifffahrer „Mensch" sich eingeübt haben, sonst wäre es gar zu schnell mit ihm vorbei, und der Ozean schlürfte ihn zu bald hinunter. Wir müssen auch mit vermin- derter Energie zu leben wissen: so bald der Schmerz sein Sicherheitssignal giebt, ist es an der Zeit, sie zu vermindern — irgend eine grosse Gefahr, ein Sturm ist im Anzüge, und wir thun gut, uns so wenig als möglich „aufzubauschen". — Es ist wahr, dass es Men- schen giebt, welche beim Herannahen des grossen Schmerzes gerade den entgegengesetzten Commandoruf hören und welche nie stolzer, kriegerischer und glück- licher dreinschauen, als wenn der Sturm heraufzieht; ja der Schmerz selber giebt ihnen ihre grössten Augen- blicke! Das sind die heroischen Menschen, die grossen Schmerzbringer der Menschheit: jene Wenigen oder Seltenen, die eben die selbe Apologie nöthig haben wie der Schmerz überhaupt, — und wahrlich! man soll sie ihnen nicht versagen! Es sind arterhaltende, artför- dernde Kräfte ersten Ranges: und wäre es auch nur dadurch, dass sie der Behaglichkeit widerstreben und vor dieser Art Glück ihren Ekel nicht verbergen.
Als Interpreten unserer Erlebnisse. — Eine Art von Redlichkeit ist allen Religionsstiftern und ihresgleichen fremd gewesen: — sie haben nie sich aus ihren Erlebnissen eine Gewissenssache der Erkenntniss gemacht. „Was habe ich eigentlich erlebt? Was gieng damals in mir und um mich vor? War meine Ver- nunft hell genug? War mein Wille gegen alle Betrü- gereien der Sinne gewendet und tapfer in seiner Ab- wehr des Phantastischen?" — so hat Keiner von ihnen gefragt, so fragen alle die lieben Religiösen auch jetzt noch nicht: sie haben vielmehr einen Durst nach Dingen, welche wider die Vernunft sind, und wollen es sich nicht zu schwer machen, ihn zu befriedigen, — so er- leben sie denn „Wunder" und „Wiedergeburten" und hören die Stimmen der Englein! Aber wir, wir An- deren Vernunft - Durstigen, wollen unsern Erlebnissen so streng in's Auge sehen wie einem wissenschaft- lichen Versuche, Stunde für Stunde, Tag um Tag! Wir selber wollen unsre Experimente und Versuchs- Thiere sein!
Beim Wiedersehen. — A: Verstehe ich dich 'noch ganz? Du suchst? Wo ist inmitten der jetzt wirk- liehen Welt dein Winkel und Stern? Wo kannst d\i dich in die Sonne legen, so dass auch dir ein Überschuss von Wohl kommt, und dein Dasein sich rechtfertigt? Möge das Jeder für sich selber thun — scheinst du mir zu sagen — und das Reden in's Allgemeine, das Sorgen für den Anderen und die Gesellschaft sich aus dem Sinne schlagen! — B: Ich will mehr, ich bin kein Suchender. Ich will für mich eine eigene Sonne schaffen.
Neue Vorsicht. — Lasst uns nicht mehr so viel an Strafen, Tadeln und Bessern denken! Einen Ein- zelnen werden wir selten verändern; und wenn es uns gelingen sollte, so ist vielleicht unbesehens auch Etwas mitgelungen: wir sind durch ihn verändert worden! Sehen wir vielmehr zu, dass unser eigener Einfluss auf alles Kommende seinen Einfluss aufwiegt und über- wiegt! Ringen wir nicht im directen Kampfe! — und das ist auch alles Tadeln, Strafen und Bessernwollen. Sondern erheben wir uns selber um so höher! Geben wir unserem Vorbilde immer leuchtendere Farben! Ver- dunkeln wir den Andern durch unser Licht! Nein! Wir wollen nicht um seinetwillen selber dunkler werden, gleich allen Strafenden und Unzufriedenen! Gehen wir lieber bei Seite! Sehen wir weg!
Gleichnis s. — Jene Denker, in denen alle Sterne sich in kyklischen Bahnen bewegen, sind nicht die tiefsten; wer in sich wie in einen ungeheuren Welt- raum hineinsieht und Milchstrassen in sich trägt, der weiss auch, wie unregelmässig alle Milchstrassen sind; sie führen bis in's Chaos und Labyrinth des Daseins hinein.
Glück im Schicksal. — Die grösste Auszeich- nung erweist uns das Schicksal, wenn es uns eine Zeit lang auf der Seite unserer Gegner hat kämpfen lassen. Damit sind wir vorherbestimmt zu einem grossen Siege. In media vita. — Nein! Das Leben hat mich nicht enttäuscht! Von Jahr zu Jahr finde ich es viel- mehr reicher, begehrenswerther und geheimnissvoller — von jenem Tage an, wo der grosse Befreier über mich kam, jener Gedanke, dass das Leben ein Experi- ment des Erkennenden sein dürfe — und nicht eine Pflicht, nicht ein Verhängniss, nicht eine Betrügerei! — Und die Erkenntniss selber: mag sie für Andere etwas Anderes sein, zum Beispiel ein Ruhebett oder der Weg zu einem Ruhebett, oder eine Unterhaltung, oder ein Müssiggang — für mich ist sie eine Welt der Ge- fahren und Siege, in der auch die heroischen Gefühle ihre Tanz- und Tummelplätze haben. „Das Leben ein Mittel der Erkenntniss" — mit diesem Grund- satze im Herzen kann man nicht nur tapfer, sondern sogar fröhlich leben und fröhlich lachen! Und wer verstünde überhaupt gut zu lachen und zu leben, der sich nicht vorerst auf Krieg und Sieg gut verstünde?
Was zur Grösse gehört. — Wer wird etwas Grosses erreichen, wenn er nicht die Kraft und den Willen in sich fühlt, grosse Schmerzen zuzufügen? Das Leidenkönnen ist das Wenigste: darin bringen es schwache Frauen und selbst Sclaven oft zur Meister- schaft. Aber nicht an innerer Noth und Unsicherheit zu Grunde gehn, wenn man grosses Leid zufügt und den Schrei dieses Leides hört — das ist gross, das gehört zur Grösse.
Die Seelen-Arzte und der Schmerz. — Alle Moralprediger, wie auch alle Theologen, haben eine gemeinsame Unart: alle suchen den Menschen aufzu- reden, sie befänden sich sehr schlecht und es thue eine harte letzte radicale Cur noth. Und weil die Menschen insgesammt jenen Lehrern ihr Ohr zu eifrig und ganze Jahrhunderte lang hingehalten haben, ist zuletzt wirk- lich Etwas von jenem Aberglauben, dass es ihnen sehr schlecht gehe, auf sie übergegangen: so dass sie jetzt gar zu gerne einmal bereit sind, zu seufzen und Nichts mehr am Leben zu finden, und miteinander betrübte Mienen machen, wie als ob es doch gar schwer aus- zuhalten sei In Wahrheit sind sie unbändig ihres Lebens sicher und in dasselbe verliebt — und voller un- säglicher Listen und Feinheiten, um das Unangenehme zu brechen und dem Schmerze und Unglücke seinen Dorn auszuziehen. Es will mir scheinen, dass vom Schmerze und Unglücke immer übertrieben geredet werde, wie als ob es eine Sache der guten Lebensart sei, hier zu übertreiben: man schweigt dagegen ge- flissentlich davon, dass es gegen den Schmerz eine Un- zahl Linderungsmittel giebt, wie Betäubungen, oder die fieberhafte Hast der Gedanken, oder eine ruhige Lage, oder gute und schlimme Erinnerungen, Absichten, Hoffnungen, und viele Arten von Stolz und Mitgefühl, die beinahe die Wirkung von Anästheticis haben: während bei den höchsten Graden des Schmerzes schon von selber Ohnmächten eintreten. Wir verstehen uns ganz gut darauf, Süssigkeiten auf unsere Bitternisse zu träu- feln, namentlich auf die Bitternisse der Seele; wir haben Hülfsmittel in unserer Tapferkeit und Erhabenheit, sowie in den edleren Delirien der Unterwerfung und der Re- signation. Ein Verlust ist kaum eine Stunde ein Ver- lust: irgendwie ist uns damit auch ein Geschenk vom Himmel gefallen — eine neue Kraft zum Beispiel: und sei es auch nur eine neue Gelegenheit zur Kraft! Was haben die Moralprediger vom inneren „Elend" der bösen Menschen phantasirt! Was haben sie gar vom Unglücke der leidenschaftlichen Menschen uns vorgelogen! — ja, lügen ist hier das rechte Wort: sie haben um das überreiche Glück dieser Art von Menschen recht wohl gewusst, aber es todtgeschwiegen, weil es eine Wider- legung ihrer Theorie war, nach der alles Glück erst mit der Vernichtung der Leidenschaft und dem Schweigen des Willens entsteht! Und was zuletzt das Recept aller dieser Seelen -Ärzte betrifft und ihre Anpreisung einer harten radicalen Cur, so ist es erlaubt zu fragen: ist dieses unser Leben wirklich schmerzhaft und lästig genug, um mit Vortheil eine stoische Lebensweise und Ver- steinerung dagegen einzutauschen? Wir befinden uns nicht schlecht genug, um uns auf stoische Art schlecht befinden zu müssen!
Er n st nehmen. — Der Intellect ist bei den Aller- meisten eine schwerfällige finstere und knarrende Ma- schine, welche übel in Gang zu bringen ist: sie nennen es „die Sache ernst nehmen", wenn sie mit dieser Maschine arbeiten und gut denken wollen — oh wie lästig muss ihnen das Gut-Denken sein! Die liebliche Bestie Mensch verliert jedesmal, wie es scheint, die gute Laune, wenn sie gut denkt: sie wird „ernst"! Und: „wo Lachen und Fröhlichkeit ist, da taugt das Denken Nichts" — so lautet das Vorurtheil dieser ernsten Bestie gegen alle „fröhliche Wissenschaft". — Wohlan! Zeigen wir, dass es ein Vorurtheil ist!
Der Dummheit Schaden thun. — Gewiss hat der so hartnäckig und überzeugt gepredigte Glaube von der Verwerflichkeit des Egoismus im Ganzen dem Egoismus Schaden gethan (zu Gunsten, wie ich hundertmal wiederholen werde, der Heerden-Instincte!) nament- lich dadurch, dass er ihm das gute Gewissen nahm und in ihm die eigentliche Quelle alles Unglücks suchen hiess. „Deine Selbstsucht ist das Unheil deines Lebens" — so klang die Predigt Jahrtausende lang: es that, wie gesagt, der Selbstsucht Schaden und nahm ihr viel Geist, viel Heiterkeit, viel Erfindsamkeit, viel Schönheit, es ver- dummte und verhässlichte und vergiftete die Selbst- sucht! — Das philosophische Alterthum lehrte dagegen eine andere Hauptquelle des Unheils: von Sokrates an wurden die Denker nicht müde zu predigen: „eure Ge- dankenlosigkeit und Dummheit, euer Dahinleben nach der Regel, eure Unterordnung unter die Meinung des Nachbars ist der Grund, wesshalb ihr es so selten zum Glücke bringt, — wir Denker sind als Denker die Glück- lichsten.*' Entscheiden wir hier nicht, ob diese Predigt gegen die Dummheit bessere Gründe für sich hatte als jene Predigt gegen die Selbstsucht; gewiss aber ist dies, dass sie der Dummheit das gute Gewissen nahm: — diese Philosophen haben der Dummheit Schaden gethan!
Müsse und Müssiggang. — Es ist eine indianer- hafte, dem Indianer-Blute eigenthümliche Wildheit in der Art, wie die Amerikaner nach Gold trachten: und ihre athemlose Hast der Arbeit — das eigentliche Laster der neuen Welt — beginnt bereits durch Ansteckung das alte Europa wild zu machen und eine ganz wunderliche Geistlosigkeit darüber zu breiten. Man schämt sich jetzt schon der Ruhe; das lange Nachsinnen macht beinahe Gewissensbisse. Man denkt mit der Uhr in der Hand, wie man zu Mittag isst, das Auge auf das Börsenblatt gerichtet, — man lebt wie Einer, der fortwährend Etwas „versäumen könnte". „Lieber irgend Etwas thun als Nichts" — auch dieser Grundsatz ist eine Schnur, um aller Bildung und allem höheren Geschmack den Garaus zu machen. Und so wie sichtlich alle Formen an dieser Hast der Arbeitenden zu Grunde gehn: so geht auch das Gefühl für die Form selber, das Ohr und Auge für die Melodie der Bewegungen, zu Grunde. Der Beweis dafür liegt in der jetzt überall geforderten plumpen Deutlichkeit, in allen den Lagen, wo der Mensch ein- mal redlich mit Menschen sein will, im Verkehre mit Freunden Frauen Verwandten Kindern Lehrern Schü- lern Führern und Fürsten, — man hat keine Zeit und keine Kraft mehr für die Ceremonie, für die Verbind- lichkeit mit Umwegen, für allen esprit der Unterhaltung und überhaupt für alles ottum. Denn das Leben auf der Jagd nach Gewinn zwingt fortwährend dazu, seinen Geist bis zur Erschöpfung auszugehen, in beständigem Sich -Verstellen oder Überlisten oder Zuvorkommen: die eigentliche Tugend ist jetzt, EtWas in weniger Zeit zu thun als ein Anderer. Und so giebt es nur selten Stunden der erlaubten Redlichkeit: in diesen aber ist man müde und möchte sich nicht nur „gehen lassen", sondern lang und breit und plump sich hinstrecken. Gemäss diesem Hange schreibt man jetzt seine Briefe; deren Stil und Geist immer das eigentliche „Zeichen der Zeit" sein werden. Giebt es noch ein Vergnügen an Ge- sellschaft und an Künsten, so ist es ein Vergnügen, wie es müdegearbeitete Sclaven sich zurecht machen. Oh über diese Genügsamkeit der „Freude" bei unsern Ge- bildeten und Ungebildeten! Oh über diese zunehmende Verdächtigung aller Freude! Die Arbeit bekommt immer mehr alles gute Gewissen auf ihre Seite: der Hang zur Freude nennt sich bereits „Bedürfhiss der Er- holung" und fängt an sich vor sich selber zu schämen. „Man ist es seiner Gesundheit schuldig" — so redet man, wenn man auf einer Landpartie ertappt wird. Ja es könnte bald so weit kommen, dass man einem Hange zur vita contemplativa (das heisst zum Spazierengehen mit Gedanken und Freunden) nicht ohne Selbstverachtung und schlechtes Gewissen nachgäbe. — Nun! Ehedem war es umgekehrt: die Arbeit hatte das schlechte Gewissen auf sich. Ein Mensch von guter Abkunft verbarg seine Arbeit, wenn die Noth ihn zum Arbeiten zwang. Der Sclave arbeitete unter dem Druck des Gefühls, dass er etwas Verächtliches thue — das „Thun" selber war etwas Verächtliches. „Die Vornehmheit und die Ehre sind allein bei otium und bellum:" so klang die Stimme des antiken Vorurtheilsl Beifall. — Der Denker bedarf des Beifalls und des Händeklatschens nicht, vorausgesetzt dass er seines eig- nen Händeklatschens sicher ist: diess aber kann er nicht entbehren. Giebt es Menschen, welche auch Dessen und überhaupt jeder Gattung von Beifall entrathen könnten? Ich zweifle; und selbst in Betreff der Weisesten sagt Tacitus, der kein Verleumder der Weisen ist, quando etiam sapientibus glortae cupido novissima exuitur — das heisst bei ihm: niemals.
Lieber taub, als betäubt. — Ehemals wollte man sich einen Ruf machen: das genügt jetzt nicht mehr, da der Markt zu gross geworden ist, — es muss ein Geschrei sein. Die Folge ist, dass auch gute Kehlen sich überschreien, und die besten Waaren von heiseren Stimmen ausgeboten werden; ohne Markt- schreierei und Heiserkeit giebt es jetzt kein Genie mehr. — Das ist nun freilich ein böses Zeitalter für den Denker: er muss lernen, zwischen zwei Lärmen noch seine Stille zu finden, und sich so lange taub stellen, bis er es ist So lange er diess noch nicht gelernt hat, ist er freilich in Ge- fahr, vor Ungeduld und Kopfschmerzen zu Grunde zu gehen.
Die böse Stunde. — Es hat wohl für jeden Philo- sophen eine böse Stunde gegeben, wo er dachte: was liegt an mir, wenn man mir nicht auch meine schlechten Argumente glaubt! — Und dann flog irgend ein schaden- frohes Vögelchen an ihm vorüber und zwitscherte: „Was liegt an dir! Was liegt an dir!"
Was heisst erkennen? — Non ridere, non lugere, neque detestari, sed intelligere/ — sagt Spinoza, so schlicht und erhaben, wie es seine Art ist. Indessen: was ist diess intelligere im letzten Grunde Anderes als die Form, in der uns eben jene Drei auf Einmal fühlbar werden? Ein Resultat aus den verschiedenen und sich widerstrebenden Trieben des Verlachen-, Beklagen-, Verwünschen-wollens? Bevor ein Erkennen möglich ist, muss jeder dieser Triebe erst seine einseitige Ansicht über das Ding oder Vor- kommniss vorgebracht haben; hinterher entstand der Kampf dieser Einseitigkeiten und aus ihm bisweilen eine Mitte, eine Beruhigung, ein Rechtgeben nach allen drei Seiten, eine Art Gerechtigkeit und Vertrag: denn ver- möge der Gerechtigkeit und des Vertrags können alle diese Triebe sich im Dasein behaupten und mit einander Recht behalten. Wir, denen nur die letzten Versöhnungs- scenen und Schluss -Abrechnungen dieses langen Pro- cesses zum Bewusstsein kommen, meinen demnach, in- telligere sei etwas Versöhnliches Gerechtes Gutes, etwas wesentlich den Trieben Entgegengesetztes; während es nur ein gewisses Verhalten der Triebe zu ein- ander ist. Die längsten Zeiten hindurch hat man be- wusstes Denken als das Denken überhaupt betrachtet: jetzt erst dämmert uns die Wahrheit auf, dass der aller- grösste Theil unseres geistigen Wirkens uns4 unbewusst, ungefühlt verläuft; ich meine aber, diese Triebe, die hier mit einander kämpfen, werden recht wohl verstehen, sich einander dabei fühlbar zu machen und wehe zu thun —: jene gewaltige plötzliche Erschöpfung, von der alle Denker heimgesucht werden, mag da ihren Ursprung haben (es ist die Erschöpfung auf dem Schlachtfelde).
Ja vielleicht giebt es in unserm kämpfenden Innern manches verborgene Heroenthum, aber gewiss nichts Göttliches, Ewig -in -sich -Ruhendes, wie Spinoza meinte. Das bewusste Denken, und namentlich das des Philo- sophen, ist die unkräftigste und desshalb auch die ver- hältnissmässig mildeste und ruhigste Art des Denkens: und so kann gerade der Philosoph am leichtesten über die Natur des Erkennens irre geführt werden.
Man muss lieben lernen. — So geht es uns in der Musik: erst muss man eine Figur und Weise über- haupt hören lernen, heraushören, unterscheiden, als ein Leben für sich isoliren und abgrenzen; dann braucht es Mühe und guten Willen, sie zu ertragen, trotz ihrer Fremdheit, Geduld gegen ihren Blick und Ausdruck, Mildherzigkeit gegen das Wunderliche an ihr zu üben —: endlich kommt ein Augenblick, wo wir ihrer gewohnt sind, wo wir sie erwarten, wo wir ahnen, dass sie uns fehlen würde, wenn sie fehlte; und nun wirkt sie ihren Zwang und Zauber fort und fort und endet nicht eher, als bis wir ihre demüthigen und entzückten Liebhaber geworden sind, die nichts Besseres von der Welt mehr wollen als sie und wieder sie. — So geht es uns aber nicht nur mit der Musik: gerade so haben wir alle Dinge, die wir jetzt lieben, lieben gelernt. Wir werden schliesslich immer für unsern guten Willen, unsere Ge- duld, Billigkeit, Sanftmüthigkeit gegen das Fremde be- lohnt, indem das Fremde langsam seinen Schleier ab- wirft und sich als neue unsägliche Schönheit darstellt —: es ist sein Dank für unsre Gastfreundschaft. Auch wer sich selber liebt, wird es auf diesem Wege gelernt haben: es giebt keinen anderen Weg. Auch die Liebe muss man lernen.
Hoch die Physik! — Wie viel Menschen ver- stehen denn zu beobachten! Und unter den Wenigen, die es verstehen, — wie viele beobachten sich selber! „Jeder ist sich selber der Fernste" — das wissen alle Nierenprüfer, zu ihrem Unbehagen; und der Spruch „er- kenne dich selbst!" ist, im Munde eines Gottes und zu Menschen geredet, beinahe eine Bosheit. Dass es aber so verzweifelt mit der Selbstbeobachtung steht, dafür zeugt Nichts mehr als die Art, wie über das Wesen einer moralischen Handlung fast von Jedermann ge- sprochen wird, diese schnelle, bereitwillige, überzeugte, redselige Art, mit ihrem Blick, ihrem Lächeln, ihrem ge- fälligen Eifer! Man scheint dir sagen zu wollen: „Aber, mein Lieber, das gerade ist meine Sache! Du wendest dich mit deiner Frage an Den, der antworten darf: ich bin zufällig in Nichts so weise wie hierin. Also: wenn der Mensch urtheilt,so ist es recht', wenn er darauf schliesst,darum muss es geschehen!' und nun thut, was er dergestalt als recht erkannt und als nothwendig bezeichnet hat, — so ist das Wesen seiner Handlung moralisch!" Aber, mein Freund, du sprichst mir da von drei Handlungen statt von einer: auch dein Ur- theilen, zum Beispiel „so ist es recht", ist eine Handlung — könnte nicht schon auf eine moralische und auf eine unmoralische Weise geurtheilt werden? Warum hältst du diess und gerade diess für recht? — „Weil mein Ge- wissen es mir sagt; das Gewissen redet nie unmoralisch, es bestimmt ja erst, was moralisch sein soll!" — Aber warum hörst du auf die Sprache deines Gewissens?
Und inwiefern hast du ein Recht, ein solches Urtheil als wahr und untrüglich anzusehen? Für diesen Glauben — giebt es da kein Gewissen mehr? Weisst du Nichts von einem intellectu eilen Gewissen? Einem Gewissen hinter deinem „Gewissen"? Dein Urtheil „so ist es recht" hat eine Vorgeschichte in deinen Trieben, Neigungen, Abneigungen, Erfahrungen und Nicht-Erfahrungen; „wie ist es da entstanden?" musst du fragen, und hinterher noch: „was treibt mich eigentlich, ihm Gehör zu schenken?" Du kannst seinem Befehle Gehör schenken wie ein braver Soldat, der den Befehl seines Offiziers vernimmt. Oder wie ein Weib, das Den liebt, der befiehlt. Oder wie ein Schmeichler und Feigling, der sich vor dem Befehlenden fürchtet. Oder wie ein Dummkopf, welcher folgt, weil er Nichts dagegen zu sagen hat. Kurz auf hundert Arten kannst du deinem Gewissen Gehör geben. Dass du aber diess und jenes Urtheil als Sprache des Gewissens hörst — also, dass du Etwas als recht empfin- dest, kann seine Ursache darin haben, dass du nie über dich nachgedacht hast und blindlings annahmst, was dir als recht von Kindheit an bezeichnet worden ist: oder darin, dass dir Brod und Ehren bisher mit Dem zu Theil wurde, was du deine Pflicht nennst, — es gilt dir als „recht", weil es dir deine „Existenz-Bedingung" scheint (dass du aber ein Recht auf Existenz habest, dünkt dich unwiderleglich!). Die Festigkeit deines morali- schen Urtheils könnte immer noch ein Beweis gerade von persönlicher Erbärmlichkeit, von Unpersönlichkeit sein, deine „moralische Kraft" könnte ihre Quelle in deinem Eigensinn haben — oder in deiner Unfähigkeit, neue Ideale zu schauen! Und, kurz gesagt: wenn du feiner gedacht, besser beobachtet und mehr gelernt hättest, würdest du diese deine „Pflicht" und diess dein „Gewissen" unter allen Umständen nicht mehr Pflicht und Gewissen benennen: die Einsicht darüber, wie über- haupt jemals moralische Urtheile entstanden sind, würde dir diese pathetischen Worte verleiden — so wie dir schon andre pathetische Worte, zum Beispiel „Sünde" „Seelenheil" „Erlösung" verleidet sind. — Und nun rede mir nicht vom kategorischen Imperativ, mein Freund! — diess Wort kitzelt mein Ohr und ich muss lachen, trotz deiner so ernsthaften Gegenwart: ich ge- denke dabei des alten Kant, der zur Strafe dafür, dass er „das Ding an sich" — auch eine sehr lächerliche Sache! — sich erschlichen hatte, vom „kategorischen Impe- rativ" beschlichen wurde und mit ihm im Herzen sich wieder zu „Gott" „Seele" „Freiheit" und „Unsterblich- keit" zurückverirrte, einem Fuchse gleich, der sich in seinen Käfig zurückverirrt: — und seine Kraft und Klugheit war es gewesen, welche diesen Käfig er- brochen hatte! — Wie? Du bewunderst den kate- gorischen Imperativ in dir? Diese „Festigkeit" deines sogenannten moralischen Urtheils? Diese „Unbedingt- heit" des Gefühls „so wie ich, müssen hierin Alle ur- theilen"? Bewundere vielmehr deine Selbstsucht darin! Und die Blindheit, Kleinlichkeit und Anspruchslosigkeit deiner Selbstsucht! Selbstsucht nämlich ist es, sein Ur- theil als Allgemeingesetz zu empfinden; und eine blinde, kleinliche und anspruchslose Selbstsucht hinwiederum, weil sie verräth, dass du dich selber noch nicht entdeckt, dir selber noch kein eigenes, eigenstes Ideal geschaffen hast: — diess nämlich könnte niemals das eines Anderen sein, geschweige denn Aller, Aller! — — Wer noch ur- theilt „so müsste in diesem Falle Jeder handeln", ist noch nicht fünf Schritt weit in der Selbsterkenntniss ge- gangen: sonst würde er wissen, dass es weder gleiche Handlungen giebt, noch geben kann — dass jede Hand- lung, die gethan worden ist, auf eine ganz einzige und unwiederbringliche Art gethan wurde, und dass es ebenso mit jeder zukünftigen Handlung stehen wird, dass alle Vorschriften des Handelns sich nur auf die gröbliche Aussenseite beziehen (und selbst die innerlichsten und feinsten Vorschriften aller bisherigen Moralen), — dass mit ihnen wohl ein Schein der Gleichheit, aber eben nur ein Schein erreicht werden kann, — dass jede Handlung, beim Hinblick oder Rückblick auf sie, eine undurchdringliche Sache ist und bleibt, — dass unsere Meinungen von „gut", „edel", „gross" durch unsere Hand- lungen nie bewiesen werden können, weil jede Hand- lung unerkennbar ist, — dass sicherlich unsere Meinungen, Werthschätzungen und Gütertafeln zu den mächtigsten Hebeln im Räderwerk unserer Handlungen gehören, dass aber für jeden einzelnen Fall das Gesetz ihrer Mechanik unnachweisbar ist. Beschränken wir uns also auf die Reinigung unserer Meinungen und Werthschätzungen und auf die Schöpfung neuer eigener Gütertafeln: — über den „moralischen Werth unserer Handlungen" aber wollen wir nicht mehr grübeln! Ja, meine Freunde! In Hinsicht auf das ganze moralische Geschwätz der Einen über die Andern ist der Ekel an der Zeit! Moralisch zu