SigPhi · Nietzsche

Die fröhliche Wissenschaft (German)

German

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erst nöthig, einzuschlafen! — und auch wir Menschen von heute verstehen es noch viel zu gut, mit allem unserem guten Willen zum Wachsein und zum Tage! Es genügt zu lieben, zu hassen, zu begehren, überhaupt zu empfinden — sofort kommt der Geist und die Kraft des Traumes über uns, und wir steigen offnen Auges und kalt gegen alle Gefahr auf den gefährlichsten Wegen empor, hinauf auf die Dächer und Thürme der Phantasterei, und ohne allen Schwindel, wie geboren zum Klettern — wir Nachtwandler des Tages! Wir Künstler! Wir Verhehler der Natürlichkeit! Wir Mond- und Gottsüchtige! Wir todtenstillen unermüdlichen Wanderer, auf Höhen, die wir nicht als Höhen sehen, sondern als unsere Ebenen, als unsere Sicherheiten!

Die Frauen und ihre Wirkung in die Ferne. — Habe ich noch Ohren? Bin ich nur noch Ohr und Nichts weiter mehr? Hier stehe ich inmitten des Bran- des der Brandung, deren weisse Flammen bis zu meinem Fusse heraufzüngeln, — von allen Seiten heult droht schreit schrillt es auf mich zu, während in der tiefsten Tiefe der alte Erderschütterer seine Arie singt, dumpf wie ein brüllender Stier: er stampft sich ^dazu einen solchen Erderschütterer-Tact, dass selbst diesen verwet- terten Felsunholden hier das Herz darüber im Leibe zittert. Da, plötzlich, wie aus dem Nichts geboren, er- scheint vor dem Thore dieses höllischen Labyrinthes, nur wenige Klafter weit entfernt, — ein grosses Segel- schiff, schweigsam wie ein Gespenst dahingleitend. Oh diese gespenstische Schönheit! Mit welchem Zauber fasst sie mich an! Wie? Hat alle Ruhe und Schweigsamkeit der Welt sich hier eingeschifft? Sitzt mein Glück selber an diesem stillen Platze, mein glücklicheres Ich, mein zweites verewigtes Selbst? Noch nicht todt, und doch auch nicht mehr lebend? Als ein geister- haftes stilles schauendes gleitendes schwebendes Mittelwesen? Dem Schiffe gleichend, welches mit seinen weissen Segeln wie ein ungeheurer Schmetterling über das dunkle Meer hinläuft! Ja! Über das Dasein hin- laufen! Das ist es! Das wäre es! Es scheint, der Lärm hier hat mich zum Phantasten gemacht? Aller grosse Lärm macht, dass wir das Glück in die Stille und Ferne setzen. Wenn ein Mann inmitten seines Lärms* steht, inmitten seiner Brandung von Würfen und Entwürfen: da sieht er auch wohl stille zauberhafte Wesen an sich vorübergleiten, nach deren Glück und Zurückgezogenheit er sich sehnt, — es sind die Frauen. Fast meint er, dort bei den Frauen wohne sein besseres Selbst: an diesen stillen Plätzen werde auch die lauteste Brandung zur Todtenstille, und das Leben selber zum Traume über das Leben. Jedoch! Jedoch! Mein edler Schwärmer, es giebt auch auf dem schönsten Segelschiffe so viel Geräusch und Lärm, und leider so viel kleinen erbärmlichen Lärm! Der Zauber und die mächtigste Wirkung der Frauen ist, um die Sprache der Philosophen zu reden, eine Wirkung in die Ferne, eine actio in distans: dazu gehört aber, zuerst und vor Allem — Distanz!

Zu Ehren der Freundschaft. — Dass das Ge- fühl der Freundschaft dem Alterthum als das höchste Gefühl galt, höher selbst als der gerühmteste Stolz des Nietzsche, Werke Band V. j Selbstgenügsamen und Weisen, ja gleichsam als dessen einzige und noch heiligere Geschwisterschaft: diess drückt sehr gut die Geschichte von jenem macedonischen Könige aus, der einem weltverachtenden Philosophen Athen's ein Talent zum Geschenk machte und es von ihm zurück- erhielt. „Wie? sagte der König, hat er denn keinen Freund?" Damit wollte er sagen: „ich ehre diesen Stolz des Weisen und Unabhängigen, aber ich würde seine Menschlichkeit noch höher ehren, wenn der Freund in ihm den Sieg über seinen Stolz davongetragen hätte. Vor mir hat sich der Philosoph herabgesetzt, indem er zeigte, dass er eines der beiden höchsten Gefühle nicht kennt — und zwar das höhere nicht!"

Liebe. — Die Liebe vergiebt dem Geliebten sogar die Begierde.

Das Weib in der Musik. — Wie kommt es, dass warme und regnerische Winde auch die musikalische Stimmung und die erfinderische Lust der Melodie mit sich führen? Sind es nicht dieselben Winde, welche die Kirchen füllen und den Frauen verliebte Gedanken geben? Skeptiker. — Ich fürchte, dass altgewordene Frauen im geheimsten Versteck ihres Herzens skepti- scher sind als alle Männer: sie glauben an die Ober- flächlichkeit des Daseins als an sein Wesen, und alle Tugend und Tiefe ist ihnen nur Verhüllung dieser „Wahrheit", die sehr wünschenswerte Verhüllung eines pudendum — also eine Sache des Anstandes und der Scham, und nicht mehr!

Hingebung. — Es giebt edle Frauen mit einer gewissen Armuth des Geistes, welche, um ihre tiefste Hingebung auszudrücken, sich nicht anders zu helfen wissen als so, dass sie ihre Tugend und Scham an- bieten: es ist ihnen ihr Höchstes. Und oft wird diess Geschenk angenommen, ohne so tief zu verpflichten, als die Geberinnen voraussetzen, — eine sehr schwermüthige Geschichte 1 Die Stärke der Schwachen. — Alle Frauen sind fein darin, ihre Schwäche zu übertreiben, ja sie sind erfinderisch in Schwächen, um ganz und gar als zer- brechliche Zierathe zu erscheinen, denen selbst ein Stäubchen wehethut: ihr Dasein soll dem Manne seine Plumpheit zu Gemüthe führen und in's Gewissen schie- ben. So wehren sie sich gegen die Starken und alles „Faustrecht".

Sich selber heucheln. — Sie liebt ihn nun und blickt seitdem mit so ruhigem Vertrauen vor sich hin wie eine Kuh: aber wehe! gerade diess war seine Be- zauberung, dass sie durchaus veränderlich und unfassbar schien! Er hatte eben schon zu viel beständiges Wetter an sich selber! Sollte sie nicht gut thun, ihren alten Charakter zu heucheln? Lieblosigkeit zu heucheln? Räth ihr also nicht — die Liebe? Vivat comoedial 7* IOO 7* IOO Wille und Willigkeit. — Man brachte einen Jüngling zu einem weisen Mann und sagte: „Siehe, das ist Einer, der durch die Weiber verdorben wird!" Der weise Mann schüttelte den Kopf und lächelte. „Die Männer sind es, rief er, welche die Weiber verderben: und Alles, was die Weiber fehlen, soll an den Männern gebüsst und gebessert werden, — denn der Mann macht sich das Bild des Weibes, und das Weib bildet sich nach diesem Bilde." — „Du bist zu mildherzig gegen die Weiber, sagte einer der Umstehenden, du kennst sie nicht!" Der weise Mann antwortete: „Des Mannes Art ist Wille, des Weibes Art Willigkeit — so ist es das Gesetz der Geschlechter, wahrlich! ein hartes Gesetz für das Weib! Alle Menschen sind unschuldig für ihr Dasein, die Weiber aber sind unschuldig im zweiten Grade: wer könnte für sie des Öls und der Milde genug haben." — Was Öl! Was Milde! rief ein Andrer aus der Menge: man muss die Weiber besser erziehn! — „Man muss die Männer besser erziehn," sagte der weise Mann und winkte dem Jünglinge, dass er ihm folge. — Der Jüng- ling aber folgte ihm nicht Fähigkeit zur Rache. — Dass Einer sich nicht vertheidigen kann und folglich auch nicht will, gereicht ihm in unsern Augen noch nicht zur Schande: aber wir schätzen Den gering, der zur Rache weder das Ver- mögen noch den guten Willen hat, — gleichgültig ob Mann oder Weib. Würde uns ein Weib festhalten (oder wie man sagt „fesseln") können, dem wir nicht zutrauten, IOI dass es unter Umständen den Dolch (irgend eine Art von Dolch) gegen uns gut zu handhaben wüsste? — oder gegen sich: was in einem bestimmten Falle die empfind- lichere Rache wäre (die chinesische Rache). Die Herrinnen der Herren. — Eine tiefe mäch- tige Altstimme, wie man sie bisweilen im Theater hört, zieht uns plötzlich den Vorhang vor Möglichkeiten auf, an die wir für gewöhnlich nicht glauben: wir glauben mit Einem Male daran, dass es irgendwo in der Welt Frauen mit hohen, heldenhaften, königlichen Seelen geben könne, fähig und bereit zu grandiosen Entgeg- nungen, EntSchliessungen und Aufopferungen, fähig und bereit zur Herrschaft über Männer, weil in ihnen das Beste vom Manne, über das Geschlecht hinaus, zum leibhaften Ideal geworden ist. Zwar sollen solche Stimmen nach der Absicht des Theaters gerade nicht diesen Begriff vom Weibe geben: gewöhnlich sollen sie den idealen männlichen Liebhaber, zum Beispiel einen Romeo, darstellen; aber nach meiner Erfahrung zu ur- theilen, verrechnet sich dabei das Theater und der Musiker, der von einer solchen Stimme solche Wir- kungen erwartet, ganz regelmässig. Man glaubt nicht an diese Liebhaber: diese Stimmen enthalten immer noch eine Farbe des Mütterlichen und Hausfrauenhaften, und gerade dann am meisten, wenn Liebe in ihrem Klange ist Von der weiblichen Keuschheit. — Es ist etwas ganz Erstaunliches und Ungeheures in der Er« ziehung der vornehmen Frauen, ja vielleicht giebt es nichts Paradoxeres. Alle Welt ist darüber einverstanden, sie in eroticis so unwissend wie möglich zu erziehen und ihnen eine tiefe Scham vor Dergleichen und die äusserste Ungeduld und Flucht beim Andeuten dieser Dinge in die Seele zu geben. Alle „Ehre" des Weibes steht im Grunde nur hier auf dem Spiele: was verziehe man ihnen sonst nicht! Aber hierin sollen sie unwissend* bis in's Herz hinein bleiben: — sie sollen weder Augen noch Ohren noch Worte noch Gedanken für diess ihr „Böses" haben.: ja das Wissen "ist hier schon das Böse. Und nun! Wie mit einem grausigen Blitzschlage in die Wirklich- keit und das Wissen geschleudert werden, mit der Ehe — und zwar durch Den, welchen sie am meisten lieben und hochhalten: Liebe und Scham im Widerspruch er- tappen, ja Entzücken, Preisgebung, Pflicht, Mitleid und Schrecken über die unerwartete Nachbarschaft von Gott und Thier und was Alles sonst noch! in Einem empfinden müssen — da hat man in der That sich einen Seelen- Knoten geknüpft, der seines Gleichen sucht! Selbst die mitleidige Neugier des weisesten Menschenkenners reicht nicht aus zu errathen, wie sich dieses und jenes Weib in diese Lösung des Räthsels und in diess Räthsel von Lösung zu finden weiss, und was für schauerliche, weit- hin greifende Verdachte sich dabei in der armen aus den Fugen gerathenen Seele regen müssen, ja wie die letzte Philosophie und Skepsis des Weibes an diesem Punkte ihre Anker wirft! — Hinterher dasselbe tiefe Schweigen wie vorher: und oft ein Schweigen vor sich selber, ein Augen - Zuschliessen vor sich selber. — Die jungen Frauen bemühen sich sehr darum, oberflächlich und ge- dankenlos zu erscheinen; die feinsten unter ihnen er- heucheln eine Art Frechheit. — Die Frauen empfinden leicht ihre Männer als ein Fragezeichen ihrer Ehre und ihre Kinder als eine Apologie oder Busse — sie be- dürfen der Kinder und wünschen sie sich, in einem ganz andern Sinne, als ein Mann sich Kinder wünscht. — Kurz, man kann nicht mild genug gegen die Frauen sein!

Die Mütter. — Die Thiere denken anders über die Weiber als die Menschen; ihnen gilt das Weibchen als das productive Wesen. Vaterliebe giebt es bei ihnen nicht, aber so Etwas wie Liebe zu den Kindern einer Ge- liebten und Gewöhnung an sie. Die Weibchen haben an den Kindern Befriedigung ihrer Herrschsucht, ein Eigen- thum, eine Beschäftigung, etwas ihnen ganz Verständliches, mit dem man schwätzen kann: diess Alles zusammen ist Mutterliebe — sie ist mit der Liebe des Künstlers zu seinem Werke zu vergleichen. Die Schwangerschaft hat die Weiber milder, abwartender, furchtsamer, unter- werfungslustiger gemacht; und ebenso erzeugt die geistige Schwangerschaft den Charakter der Contemplativen, wel- cher dem weiblichen Charakter verwandt ist: — es sind die männlichen Mütter. — Bei den Thieren gilt das männliche Geschlecht als das schöne.

Heilige Grausamkeit. — Zu einem Heiligen trat ein Mann, der ein eben gebomes Kind in den Händen hielt. „Was soll ich mit dem Kinde machen? fragte er, es ist elend, missgestaltet und hat nicht genug Leben, um zu sterben." „Tödte es, rief der Heilige mit schreck- licher Stimme, tödte es und halte es dann drei Tage und drei Nächte lang in deinen Armen, auf dass du dir ein Gedächtniss machest: — so wirst du nie wieder ein Kind zeugen, wenn es nicht an der Zeit für dich ist, zu zeugen." — Als der Mann diess gehört hatte, gierig er enttäuscht davon; und Viele tadelten den Heiligen, weil er zu einer Grausamkeit gerathen hatte, denn er hatte gerathen, das Kind zu tödten. „Aber ist es nicht grausamer, es leben zu lassen?" sagte der Heilige.

DieErfolglosen. — Jenen armen Frauen fehlt es immer an Erfolg, welche in Gegenwart Dessen, den sie lieben, unruhig und unsicher werden und zu viel reden; denn die Männer werden am sichersten durch eine gewisse heimliche und phlegmatische Zärtlichkeit verführt.

Das dritte Geschlecht. — „Ein kleiner Mann ist eine Paradoxie, aber doch ein Mann — aber die kleinen Weibchen scheinen mir, im Vergleich mit hoch- wüchsigen Frauen, von einem andern Geschlechte zu sein" — sagte ein alter Tanzmeister. Ein kleines Weib ist niemals schön — sagte der alte Aristoteles.

Die grösste Gefahr. — Hätte es nicht allezeit eine Überzahl von Menschen gegeben, welche die Zucht ihres Kopfes — ihre „Vernünftigkeit" — als ihren Stolz, ihre Verpflichtung, ihre Tugend fühlten, welche durch alles Phantasiren und Ausschweifen des Denkens beleidigt oder beschämt wurden, als die Freunde „des ge- sunden Menschenverstandes": so wäre die Menschheit längst zu Grunde gegangen! Über ihr schwebte und schwebt fortwährend als ihre grösste Gefahr der aus- brechende Irrsinn — das heisst eben das Ausbrechen des Beliebens im Empfinden, Sehen und Hören, der Ge- nuss in der Zuchtlosigkeit des Kopfes, die Freude am Menschen-Unverstände. Nicht die Wahrheit und Gewiss- heit ist der Gegensatz der Welt des Irrsinnigen, sondern die Allgemeinheit und Allverbindlichkeit eines Glaubens, kurz das Nicht-Beliebige im Urtheilen. Und die grösste Arbeit der Menschen bisher war Die, über sehr viele Dinge mit einander übereinzustimmen und sich ein Ge- setz der Übereinstimmung aufzulegen — gleich- gültig ob diese Dinge wahr oder falsch sind. Diess ist die Zucht des Kopfes, welche die Menschheit erhalten hat, — aber die Gegentriebe sind immer noch so mächtig, dass man im Grunde von der Zukunft der Menschheit mit wenig Vertrauen reden darf. Fortwährend schiebt und verschiebt sich noch das Bild der Dinge, und viel- leicht von jetzt ab mehr und schneller als je; fortwährend sträuben sich gerade die ausgesuchtesten Geister gegen jene Allverbindlichkeit — die Erforscher der Wahrheit voran! Fortwährend erzeugt jener Glaube als Allerwelts- glaube einen Ekel und eine neue Lüsternheit bei feineren Köpfen: und schon das langsame Tempo, welches er für alle geistigen Processe verlangt, jene Nachahmung der Schildkröte, welche hier als die Norm anerkannt wird, macht Künstler und Dichter zu Überläufern: — diese ungeduldigen Geister sind es, in denen eine förmliche Lust am Irrsinn ausbricht, weil der Irrsinn ein so fröh- liches Tempo hat! Es bedarf also der tugendhaften In- tellecte — ach! ich will das unzweideutigste Wort gebrauchen — es bedarf der tugendhaften Dumm- heit, es bedarf unerschütterlicher Tactschläger des langsamen Geistes, damit die Gläubigen des grossen Gesammtglaubens bei einander bleiben und ihren Tanz weitertanzen: es ist eine Nothdurft ersten Ranges, welche hier gebietet und fordert. Wir Anderen sind die Ausnahme und die Gefahr — wir bedürfen ewig der Verteidigung! — Nun, es lässt sich wirklich etwas zu Gunsten der Ausnahme sagen, vorausgesetzt dass sie nie Regel werden will.

Das Thier mit gutem Gewissen. — Das Ge- meine in Alledem, was im Süden Europa's gefällt — sei diess nun die italiänische Oper (zum Beispiel Rossini's und Bellini's) oder der spanische Abenteuer-Roman (uns in der französischen Verkleidung des Gil Blas am besten zugänglich) — bleibt mir nicht verborgen, aber es be- leidigt mich nicht, ebenso wenig als die Gemeinheit, der man bei einer Wanderung durch Pompeji und im Grunde selbst beim Lesen jedes antiken Buches begegnet: wo- her kommt diess? Ist es, dass hier die Scham fehlt und dass alles Gemeine so sicher und seiner gewiss auftritt wie irgend etwas Edles, Liebliches und Leidenschaft- liches in derselben Art Musik oder Roman? „Das Thier hat sein Recht wie der Mensch: so mag es frei herum- laufen, und du, mein lieber Mitmensch, bist auch diess Thier noch, trotz Alledem!" — das scheint mir die Moral der Sache und die Eigenheit der südländischen Huma- nität zu sein. Der schlechte Geschmack hat sein Recht wie der gute, und sogar ein Vorrecht vor ihm, falls er das grosse Bedürfniss, die sichere Befriedigung und / / gleichsam eine allgemeine Sprache, eine unbedingt ver- ständliche Larve und Gebärde ist: — der gute gewählte Geschmack hat dagegen immer etwas Suchendes, Ver- suchtes, seines Verständnisses nicht völlig Gewisses — er ist und war niemals volksthümlich! Volksthümlich ist und bleibt die Maske! So mag denn alles diess Maskenhafte in den Melodien und Cadenzen, in den Sprüngen und Lustigkeiten des Rhythmus dieser Opern dahinlaufen! Gar das antike Leben! Was versteht man von Dem, wenn man die Lust an der Maske, das gute Gewissen alles Maskenhaften nicht versteht! Hier ist das Bad und die Erholung des antiken Geistes: — und vielleicht war diess Bad den seltenen und erhabenen Naturen der alten Welt noch nöthiger als den gemeinen. — Dagegen beleidigt mich eine gemeine Wendung in nordischen Werken, zum Beispiel in deutscher Musik, unsäglich. Hier ist Scham dabei, der Künstler ist vor sich selber hinabgestiegen und konnte es nicht einmal verhüten, dabei zu erröthen: wir schämen uns mit ihm und sind so beleidigt, weil wir ahnen, dass er unsert- - wegen glaubte hinabsteigen zu müssen.

Wofür wir dankbar sein sollen. — Erst die Künstler, und namentlich Die des Theaters, haben den Menschen Augen und Ohren eingesetzt, um Das mit einigem Vergnügen zu hören und zu sehen, was Jeder selber ist, selber erlebt, selber will; erst sie haben uns die Schätzung des Helden, der in jedem von allen diesen Alltagsmenschen verborgen ist, und die Kunst gelehrt, wie man sich selber als Held, aus der Ferne und gleich- sam vereinfacht und verklärt ansehen könne, — die Kunst, sich vor sich selber „in Scene zu setzen". So allein kommen wir über einige niedrige Details an uns hinweg! Ohne jene Kunst würden wir Nichts als Vorder- grund sein und ganz und gar im Banne jener Optik leben, welche das Nächste und Gemeinste als ungeheuer gross und als die Wirklichkeit an sich erscheinen lässt — Vielleicht giebt es ein Verdienst ähnlicher Art an jener Religion, welche die Sündhaftigkeit jedes einzelnen Menschen mit dem Vergrösserungsglase ansehen hiess und aus dem Sünder einen grossen unsterblichen Ver- brecher machte: indem sie ewige Perspectiven um ihn beschrieb, lehrte sie den Menschen, sich aus der Ferne und als etwas Vergangnes, Ganzes sehen.

Reiz derUnvollkommenheit. — Ich sehe hier einen Dichter, der, wie so mancher Mensch, -durch seine Un Vollkommenheiten einen höheren Reiz ausübt als durch alles Das, was sich unter seiner Hand rundet und voll- kommen gestaltet, — ja er hat den Vortheil und den Ruhm viel mehr von seinem letzten Unvermögen als von seiner reichen Kraft. Sein Werk spricht es niemals ganz aus, was er eigentlich aussprechen möchte, was er gesehen haben möchte: es scheint, dass er den Vorgeschmack einer Vision gehabt hat, und niemals sie selber: — aber eine ungeheure Lüsternheit nach dieser Vision, ist in seiner Seele zurückgeblieben, und aus ihr nimmt er seine ebenso ungeheure Beredtsamkeit des Verlangens und Heisshungers. Mit ihr hebt er Den, welcher ihm zuhört, über sein Werk und alle „Werke" hinaus und giebt ihm Flügel, um so hoch zu steigen, wie Zuhörer nie sonst steigen: und so, selber zu Dichfern und Sehern geworden, zollen sie dem Urheber ihres Glücks eine Bewunderung, wie als ob er sie un- mittelbar zum Schauen seines Heiligsten und Letzten geführt halte, wie als ob er sein Ziel erreicht und seine Vision wirklich gesehen und mitgetheilt hätte. Es kommt seinem Ruhme zu Gute, nicht eigentlich an's Ziel gekommen zu sein.

Kunst und Natur. — Die Griechen (oder wenig- stens die Athener) hörten gerne gut reden: ja sie hatten einen gierigen Hang darnach, der sie mehr als alles Andere von den Nicht -Griechen unterscheidet. Und so verlangten sie selbst von der Leidenschaft auf der Bühne, dass sie gut rede, und Hessen die Unnatürlichkeit des dramatischen Verses mit Wonne über sich ergehen: — in der Natur ist ja die Leidenschaft so wortkarg! so stumm und verlegen! Oder, wenn sie Worte findet, so verwirrt und unvernünftig und sich selber zur Scham! Nun haben wir uns Alle, Dank den Griechen, an diese Unnatur auf der Bühne gewöhnt, wie wir jene andere Unnatur, die singende Leidenschaft, ertragen und gerne ertragen, Dank den Italiänern. — Es ist uns ein Be- dürfniss geworden, welches wir aus der Wirklichkeit nicht befriedigen können: Menschen in den schwersten Lagen gut und ausführlich reden zu hören: es entzückt uns jetzt, wenn der tragische Held da noch Worte, Gründe, beredte Gebärden und im Ganzen eine helle Geistigkeit findet, wo das Leben sich den Abgründen nähert, und der wirkliche Mensch meistens den Kopf und gewiss die schöne Sprache verliert. Diese Art Ab- weichung von der Natur ist vielleicht die angenehmste Mahlzeit für den Stolz des Menschen; ihretwegen über- HO haupt liebt er die Kunst, als den Ausdruck einer ho- hen, heldenhaften Unnatürlichkeit und Convention. Man macht mit Recht dem dramatischen Dichter einen Vor- wurf daraus, wenn er nicht Alles in Vernunft und Wort verwandelt, sondern immer einen Rest Schweigen in der Hand zurückbehält: — so wie man mit dem Musiker der Oper unzufrieden ist, der für den höchsten Affect nicht eine Melodie, sondern nur ein affectvolles „natür- liches" Stammeln und Schreien zu finden weiss. Hier soll eben der Natur widersprochen werden! Hier soll eben der gemeine Reiz der Illusion einem höhern Reize weichen! Die Griechen gehen auf diesem Wege weit, weit — zum Erschrecken weit! Wie sie die Bühne so schmal wie möglich bilden und alle Wirkung durch tiefe Hintergründe sich verbieten, wie sie dem Schauspieler das Mienenspiel und die leichte Bewegung unmöglich machen und ihn in einen feierlichen steifen masken- haften Popanz verwandeln, so haben sie auch der Leiden- sehaft selber den tiefen Hintergrund genommen und ihr ein Gesetz der schönen Rede dictirt, ja sie haben über- haupt Alles gethan, um der elementaren Wirkung furcht- und mitleid weckender Bilder entgegenzuwirken: sie wollten eben nicht Furcht und Mitleid — Aristo- teles in Ehren und höchsten Ehren! aber er traf sicher- lich nicht den Nagel, geschweige den Kopf des Nagels, als er vom letzten Zweck der griechischen Tragödie sprach! Man sehe sich doch die griechischen Dichter der Tragödie darauf hin an, was am meisten ihren Fleiss, ihre Erfindsamkeit, ihren Wetteifer erregt hat, — gewiss nicht die Absicht auf Überwältigung der Zuschauer durch Affecte! Der Athener gieng in's Theater, um schöne Reden zu hören! Und um schöne Reden war es dem Sophokles zu thun! — man vergebe mir diese Ketzerei!

— Sehr verschieden steht es mit der ernsten Oper: alle ihre Meister lassen es sich angelegen sein, zu ver- hüten, dass man ihre Personen verstehe. „Ein gelegent- lich aufgerafftes Wort mag dem unaufmerksamen Zuhörer zu Hülfe kommen: im Ganzen muss die Situation sich selber erklären — es liegt Nichts an den Reden!" — so denken sie Alle und so haben sie Alle mit den Worten ihre Possen getrieben. Vielleicht hat es ihnen nur an Muth gefehlt, um ihre letzte Geringschätzung des Wortes ganz auszudrücken: ein wenig Frechheit mehr bei Rossini, und er hätte durchweg la-la-la-la singen lassen — und es wäre Vernunft dabei gewesen! Es soll den Personen der Oper eben nicht „aufs Wort" geglaubt werden, sondern auf den Ton! Das ist der Unter- schied, das ist die schöne Unnatürlichkeit, derent- wegen man in die Oper geht! Selbst das recitativo secco will nicht eigentlich als Wort und Text ange- hört sein: diese Art von Halbmusik soll vielmehr dem musikalischen Ohre zunächst eine kleine Ruhe geben (die Ruhe von der Melodie, als dem sublimsten und desshalb auch anstrengendsten Genüsse dieser Kunst) —, aber sehr bald etwas Anderes: nämlich eine wachsende Ungeduld, ein wachsendes Widerstreben, eine neue Begierde nach ganzer Musik, nach Melodie. — Wie verhält es sich, von diesem Gesichtspunkte aus gesehen, mit der Kunst Richard Wagner's? Vielleicht ebenso? Vielleicht anders? Oft wollte es mir scheinen, als ob man Wort und Musik seiner Schöpfungen vor der Aufführung auswendig gelernt haben müsste: denn ohne diess — so schien es mir — höre man weder die Worte, noch selber die Musik.

Griechischer Geschmack. — „Was ist Schönes daran? — sagte jener Feldmesser nach einer Aufführung der Iphigenie — es wird Nichts darin bewiesen!" Sollten die Griechen so fern von diesem Geschmacke gewesen sein? Bei Sophokles wenigstens wird „Alles bewiesen".

Der esprit ungriechisch. — Die Griechen sind in allem ihrem Denken unbeschreiblich logisch und schlicht; sie sind dessen, wenigstens für ihre lange gute Zeit, nicht überdrüssig geworden, wie die Franzosen es so häufig werden: welche gar zu gern einen kleinen Sprung in's Gegentheil machen und den Geist der Logik eigentlich nur vertragen, wenn er durch eine Menge solcher kleiner Sprünge in's Gegentheil seine gesellige Artigkeit, seine gesellige Selbstverleugnung verräth. Logik erscheint ihnen als nothwendig wie Brod und Wasser, aber auch gleich diesen als eine Art Gefangenen- kost, sobald sie rein und allein genossen werden sollen. In der guten Gesellschaft muss man niemals vollständig und allein Recht haben wollen, wie es alle reine Logik will: daher die kleine Dosis Unvernunft in allem fran- zösischen esprit. — Der gesellige Sinn der Griechen war bei Weitem weniger entwickelt, als der der Franzosen es ist und war: daher so wenig esprit bei ihren geist- reichsten Männern, daher so wenig Witz selbst bei ihren Witzbolden, daher — ach! man wird mir schon diese meine Sätze nicht glauben, und wie viele der Art habe ich noch auf der Seele! — Est res magna tacere — sagt Martial mit allen Geschwätzigen.

Übersetzungen. — Man kann den Grad des historischen Sinns, welchen eine Zeit besitzt, daran ab- schätzen, wie diese Zeit Übersetzungen macht und vergangene Zeiten und Bücher sich einzuverleiben sucht. Die Franzosen Corneille's, und auch noch die der Revo- lution, bemächtigten sich des römischen Alterthums in einer Weise, zu der wir nicht den Muth mehr hätten — Dank unserm höhern, historischen Sinne. Und das römische Alterthum selbst: wie gewaltsam und naiv zu- gleich legte es seine Hand auf alles Gute und Hohe des griechischen ältern Alterthums! Wie übersetzten sie in die römische Gegenwart hinein! Wie verwischten sie ab- sichtlich und unbekümmert den Flügelstaub des Schmetter- lings Augenblick! So übersetzte Horaz hier und da den Alcäus oder den Archilochus, so Properz den Kallimachus und Philetas (Dichter gleichen Ranges mit Theokrit, wenn wir urtheilen dürfen): was lag ihnen daran, dass der eigentliche Schöpfer Diess und Jenes erlebt und die Zeichen davon in sein Gedicht hineingeschrieben hatte! — als Dichter wjaren sie dem antiquarischen Spürgeiste, der dem historischen Sinne voranläuft, abhold; als Dichter Hessen sie diese ganz persönlichen Dinge und Namen und Alles, was einer Stadt, einer Küste, einem Jahrhun- dert als seine Tracht und Maske zu eigen war, nicht