SigPhi · Nietzsche

Götzen-Dämmerung (German)

German

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8* ihre Philosophen auch nur ausgehalten haben, vor Allen jenen verwachsensten Begriffs -Krüppel, den es je ge- geben hat, den grossen Kant, giebt keinen kleinen Begriff von der deutschen Anmuth. — Man kann näm- lich das Tanzen in jeder Form nicht von der vor- nehmen Erziehung abrechnen, Tanzen-können mit den Füssen, mit den Begriffen, mit den Worten: habe ich noch zu sagen, dass man es auch mit der Feder können muss, — dass man schreiben lernen muss? — Aber an dieser Stelle würde ich deutschen Lesern vollkommen zum Räthsel werden...Streifzüge eines Unzeitgemässen.

i. Meine Unmöglichen. — Seneca: oder der Tore- ador der Tugend. — Rousseau: oder die Rückkehr zur Natur in impuris naturaltbus. — Schiller: oder der Moral -Trompeter von Säckingen. — Dante: oder die Hyäne, die in Gräbern dichtet. — Kant: oder cant als intelligibler Charakter. — Victor Hugo: oder der Pharus am Meere des Unsinns. — Liszt: oder die Schule der Geläufigkeit — nach Weibern. — George Sand: oder lactea ubertas, auf deutsch: die Milchkuh mit „schönem Stil". — Michelet: oder die Begeisterung, die den Rock auszieht. — Carlyle: oder Pessimismus als zurück- getretenes Mittagessen. — John Stuart Mill: oder die beleidigende Klarheit. — Les frtres de Goncourt: oder die beiden Ajaxe im Kampf mit Homer. Musik von Offenbach. — Zola: oder „die Freude zu stinken." — 2.

Renan. — Theologie, oder die Verderbniss der Vernunft durch die „Erbsünde" (das Christenthum). Zeug- niss Renan, der, sobald er einmal ein Ja oder Nein all- gemeinerer Art risquirt, mit peinlicher Regelmässigkeit daneben greift. Er möchte zum Beispiel la sctence und la noblesse in Eins verknüpfen: aber la sctence gehört zur Demokratie, das greift sich doch mit Händen. Er wünscht, mit keinem kleinen Ehrgeize, einen Aristokra- tismus des Geistes darzustellen: aber zugleich liegt er vor dessen Gegenlehre, dem ivangile des humbles auf den Knien und nicht nur auf den Knien...Was hilft alle Freigeisterei, Modernität, Spötterei und Wendehals- Geschmeidigkeit, wenn man mit seinen Eingeweiden Christ, Katholik und sogar Priester geblieben ist! Renan hat seine Erfindsamkeit, ganz wie ein Jesuit und Beicht- vater, in der Verführung; seiner Geistigkeit fehlt das breite Pfaffen -Geschmunzel nicht, — er wird, wie alle Priester, gefährlich erst, wenn er liebt. Niemand kommt ihm darin gleich, auf eine lebensgefährliche Weise anzu- beten...Dieser Geist Renan's, ein Geist, der ent- nervt, ist ein Verhängniss mehr für das arme, kranke, willenskranke Frankreich. — 3- 3- Sainte-Beuve. — Nichts von Mann; voll eines kleinen Ingrimms gegen alle Mannsgeister. Schweift umher, fein, neugierig, gelangweilt, aushorcherisch, — eine Weibsperson im Grunde, mit einer Weibs -Rachsucht und Weibs -Sinnlichkeit. Als Psycholog ein Genie der mddisance; unerschöpflich reich an Mitteln dazu; Nie- mand versteht besser, mit einem Lob Gift zu mischen. Plebejisch in den untersten Instinkten und mit dem res- sentiment Rousseau's verwandt: folglich Romantiker, — denn unter allem romantisme grunzt und giert der Instinkt Rousseau's nach Rache, Revolutionär, aber durch die Furcht leidlich noch im Zaum gehalten. Ohne Freiheit vor Allem, was Stärke hat (öffentliche Meinung, Akademie, Hof, selbst Port Royal). Erbittert gegen alles Grosse an Mensch und Ding, gegen Alles, was an sich glaubt. Dichter und Halbweib genug, um das Grosse noch als Macht zu fühlen; gekrümmt beständig, wie jener berühmte Wurm, weil er sich beständig getreten fühlt. Als Kritiker ohne Maassstab, Halt und Rückgrat, mit der Zunge des kosmopolitischen libertin für Vielerlei, aber ohne den Muth selbst zum Eingeständniss der libertinage. Als Historiker ohne Philosophie, ohne die Macht des philosophischen Blicks, — deshalb die Auf- gabe des Richtens in allen Hauptsachen ablehnend, die „Objektivität" als Maske vorhaltend. Anders verhält er sich zu allen Dingen, wo ein feiner, vernutzter Geschmack die höchste Instanz ist: da hat er wirklich den Muth zu sich, die Lust an sich, — da ist er Meister. — Nach einigen Seiten eine Vorform Baudelaire's. — 4- 4- Die imitatio Christi gehört zu den Büchern, die ich nicht ohne einen physiologischen Widerstand in den Händen halte: sie haucht einen fiarfutn des Ewig- Weib- lichen aus, zu dem man bereits Franzose sein muss — oder Wagnerianer...Dieser Heilige hat eine Art von der Liebe zu reden, dass sogar die Pariserinnen neugierig werden. — Man sagt mir, dass jener klügste Jesuit, A. Comte, der seine Franzosen auf dem Umweg der Wissenschaft nach Rom führen wollte, sich an diesem Buche inspirirt habe. Ich glaube es: „die Religion des Herzens"...5- G. Eliot. — Sie sind den christlichen Gott los und glauben nun um so mehr die christliche Moral festhalten zu müssen: das ist eine englische Folgerichtigkeit, wir wollen sie den Moral- Weiblein a la Eliot nicht verübeln. In England muss man sich für jede kleine Emancipation von der Theologie in furchteinflössender Weise als Moral- Fanatiker wieder zu Ehren bringen. Das ist dort die Busse, die man zahlt. — Für uns Andre steht es anders. Wenn man den christlichen Glauben aufgiebt, zieht man sich damit das Recht zur christlichen Moral unter den Füssen weg. Diese versteht sich schlechterdings nicht von selbst: man muss diesen Punkt, den englischen Flach- köpfen zum Trotz, immer wieder an's Licht stellen. Das Christenthum ist ein System, eine zusammengedachte und ganze Ansicht der Dinge. Bricht man aus ihm einen Hauptbegriff, den Glauben an Gott, heraus, so zerbricht man damit auch das Ganze: man hat nichts Noth wen- diges mehr zwischen den Fingern. Das Christenthum setzt voraus, dass der Mensch nicht wisse, nicht wissen könne, was für ihn gut, was böse ist: er glaubt an Gott, der allein es weiss. Die christliche Moral ist ein Befehl; ihr Ursprung ist transscendent; sie ist jenseits aller Kritik, alles Rechts auf Kritik; sie hat nur Wahr- heit, falls Gott die Wahrheit ist, — sie steht und fällt mit dem Glauben an Gott. — Wenn thatsächlich die Engländer glauben, sie wüssten von sich aus, „intuitiv", was gut und böse ist, wenn sie folglich vermeinen, das Christenthum als Garantie der Moral nicht mehr nöthig zu haben, so*ist dies selbst bloss die Folge der Herr- schaft des christlichen Werthurtheils und ein Ausdruck von der Stärke und Tiefe dieser Herrschaft: so dass der Ursprung der englischen Moral vergessen worden ist, so dass das Sehr- Bedingte ihres Rechts auf Dasein nicht mehr empfunden wird. Für den Engländer ist die Moral noch kein Problem...6.

George Sand. — Ich las die ersten lettres d'un voyageur: wie Alles, was von Rousseau stammt, falsch, gemacht, Blasebalg, übertrieben. Ich halte diesen bunten Tapeten -Stil nicht aus; ebensowenig als die Pöbel -Am-. bition nach generösen Gefühlen. Das Schlimmste freilich bleibt die Weibskoketterie mit Männlichkeiten, mit Ma- nieren ungezogner Jungen. — Wie kalt muss sie bei alledem gewesen sein, diese unausstehliche Künstlerin! Sie zog sich auf wie eine Uhr — und schrieb...Kalt, wie Hugo, wie Balzac, wie alle Romantiker, sobald sie dichteten! Und wie selbstgefällig sie dabei dagelegen haben mag, diese fruchtbare Schreibe- Kuh, die etwas Deutsches im schlimmen Sinne an sich hatte, gleich Rousseau selbst, ihrem Meister, und jedenfalls erst beim Niedergang des französischen Geschmacks möglich war!

— Aber Renan verehrt sie...7- Moral für Psychologen. — Keine Colportage- Psychologie treiben! Nie beobachten, um zu beobachten! Das giebt eine falsche Optik, ein Schielen, etwas Erzwun- genes und Übertreibendes. Erleben als Erleben -Wollen — das geräth nicht. Man darf nicht im Erlebniss nach sich hinblicken, jeder Blick wird da zum „bösen Blick". Ein geborner Psycholog hütet sich aus Instinkt, zu sehn", um zu sehn; dasselbe gilt vom gebornen Maler. Er arbeitet nie „nach der Natur", — er überlässt seinem Instinkte, seiner camera obscura das Durchsieben und Ausdrücken des „Falls", der „Natur", des „Erlebten"...Das Allgemeine erst kommt ihm zum Bewusstsein, der Schluss, das Ergebniss: er - kennt jenes willkürliche Ab- strahiren vom einzelnen Falle nicht. — Was wird daraus, wenn man es anders macht? Zum Beispiel nach Art der Pariser romanders gross und klein Colportage-Psy- chologie treibt? Das lauert gleichsam der Wirklichkeit #auf, das bringt jeden Abend eine Handvoll Curiositäten mit nach Hause...Aber man sehe nur, was zuletzt herauskommt — ein Haufen von Klecksen, ein Mosaik besten Falls, in jedem Falle etwas Zusammen -Addirtes, Unruhiges, Farbenschreiendes. Das Schlimmste darin erreichen die Goncourt: sie setzen nicht drei Sätze zu- sammen, die nicht dem Auge, dem Psychologen-Auge einfach weh thun. — Die Natur, künstlerisch abgeschätzt, ist kein Modell. Sie übertreibt, sie verzerrt, sie lässt Lücken. Die Natur ist der Zufall. Das Studium „nach der Natur" scheint mir ein schlechtes Zeichen: es verräth Unterwerfung, Schwäche, Fatalismus, — dies Im-Staube- Liegen vor petits fatts ist eines ganzen Künstlers un- würdig. Sehen, was ist — das gehört einer andren Gattung von Geistern zu, den antiartistischen, den Thatsächlichen. Man muss wissen, wer man ist...

8.

Zur Psychologie des Künstlers. — Damit es Kunst giebt, damit es irgend ein ästhetisches Thun und Schauen giebt, dazu ist eine physiologische Vorbedingung unumgänglich: der Rausch. Der Rausch muss erst die Erregbarkeit der ganzen Maschine gesteigert haben: eher kommt es zu keiner Kunst. Alle noch so ver- schieden bedingten Arten des Rausches haben dazu die Kraft: vor Allem der Rausch der Geschlechtserregung, diese älteste und ursprünglichste Form des Rausches. Insgleichen der Rausch, der im Gefolge aller grossen Begierden, aller starken Affekte kommt; der Rausch des Festes, des Wettkampfs, des Bravourstücks, des Siegs, aller extremen Bewegung; der Rausch der Grausamkeit; der Rausch in der Zerstörung; der Rausch unter ge- wissen meteorologischen Einflüssen, zum Beispiel der Frühlingsrausch; oder unter dem Einfluss der Narcotica; endlich der Rausch des Willens, der Rausch eines über- häuften und geschwellten Willens. — Das Wesentliche am Rausch ist das Gefühl der Kraftsteigerung und Fülle. Aus diesem Gefühle giebt man an die Dinge ab, man zwingt sie von uns zu nehmen, man vergewaltigt sie, — man heisst diesen Vorgang Idealisiren. Machen wir uns hier von einem Vorurtheil los: das Idealisiren besteht nicht, wie gemeinhin geglaubt wird, in einem Abziehn oder Abrechnen des Kleinen, des Nebensäch- lichen. Ein ungeheures Heraustreiben der Hauptzüge ist vielmehr das Entscheidende, so dass die andern dar- über verschwinden.

9- 9- Man bereichert in diesem Zustande Alles aus seiner eignen Fülle: was man sieht, was man will, man sieht es geschwellt, gedrängt, stark, überladen mit Kraft. Der Mensch dieses Zustandes verwandelt die Dinge, bis sie seine Macht wiederspiegeln, — bis sie Reflexe seiner Vollkommenheit sind. Dies Verwandeln -müssen in's Vollkommne ist — Kunst. Alles selbst, was er nicht ist wird trotzdem ihm zur Lust an sich; in der Kunst geniesst sich der Mensch als Vollkommenheit. — Es wäre erlaubt, sich einen gegensätzlichen Zustand auszudenken, ein spezifisches Antikünstlerthum des Instinkts, — eine Art zu sein, welche alle Dinge verarmte, verdünnte, schwind- süchtig machte. Und in der That, die Geschichte ist reich an solchen Anti- Artisten, an solchen Ausgehungerten des Lebens: welche mit Nothwendigkeit die Dinge noch an sich nehmen, sie auszehren, sie magerer machen müssen. Dies ist zum Beispiel der Fall des echten Christen, Pascal's zum Beispiel: ein Christ, der zugleich Künstler wäre, kommt nicht vor...Man sei nicht kindlich und wende mir Raffael ein oder irgend welche homöo- pathische Christen des neunzehnten Jahrhunderts: Raffael sagte Ja, Raffael.machte Ja, folglich war Raffael kein Christ...• Was bedeutet der von mir in die Ästhetik einge- führte Gegensatz-Begriff apollinisch und dionysisch, beide als Arten des Rausches begriffen? — Der apollinische Rausch hält vor Allem das Auge erregt, so dass es die Kraft der Vision bekommt. Der Maler, der Plastiker, der Epiker sind Visionäre fiar excellence. Im diony- sischen Zustande ist dagegen das gesammte Affekt-System erregt und gesteigert: so dass es alle seine Mittel des Ausdrucks mit Einem Male entladet und die Kraft des Darstellens, Nachbildens, Transfigurirens, Verwandeins, alle Art Mimik und Schauspielerei zugleich heraustreibt Das Wesentliche bleibt die Leichtigkeit der Metamor- phose, die Unfähigkeit, nicht zu reagiren ( — ähnlich wie bei gewissen Hysterischen, die auch auf jeden Wink hin in jede Rolle eintreten). Es ist dem dionysischen Menschen unmöglich, irgend eine Suggestion nicht zu verstehn, er übersieht kein Zeichen des Affekts, er hat den höchsten Grad des verstehenden und errathenden Instinkts, wie er den höchsten Grad von Mittheilungs- Kunst besitzt. Er geht in jede Haut, in jeden Affekt ein: er verwandelt sich beständig. — Musik, wie wir sie heute verstehn, ist gleichfalls eine Gesammt-Erregung und -Ent- ladung der Affekte, aber dennoch nur das Überbleibsel von einer viel volleren Ausdrucks -Welt des Affekts, ein blosses residuum des dionysischen Histrionismus. Man hat, zur Ermöglichung der Musik als Sonderkunst, eine Anzahl Sinne, vor Allem den Muskelsinn still gestellt (relativ wenigstens: denn in einem gewissen Grade redet noch aller Rhythmus zu unsern Muskeln): so dass der Mensch nicht mehr Alles, was er fühlt, sofort leibhaft nachahmt u%d darstellt. Trotzdem ist Das der eigentlich dionysische Normalzustand, jedenfalls der Urzustand; die Musik ist die langsam erreichte Spezifikation desselben auf Unkosten der nächstverwandten Vermögen.

Der Schauspieler, der Mime, der Tänzer, der Musiker, der Lyriker sind in ihren Instinkten grundverwandt und an sich Eins, aber allmählich spezialisirt und von einander abgetrennt — bis selbst zum Widerspruch. Der Lyriker blieb am längsten mit dem Musiker geeint; der Schau- spieler mit dem Tänzer. — Der Architekt stellt weder einen dionysischen, noch einen apollinischen Zustand dar: hier ist es der grosse Willensakt, der Wille, der Berge versetzt, der Rausch des grossen Willens, der zur Kunst verlangt. Die mächtigsten Menschen haben immer die Architekten inspirirt; der Architekt war stets unter der Suggestion der Macht. Im Bauwerk soll sich der Stolz, der Sieg über die Schwere, der Wille zur Macht ver- sichtbaren; Architektur ist eine Art Macht -Beredsamkeit in Formen, bald überredend, selbst schmeichelnd, bald bloss befehlend. Das höchste Gefühl von Macht und Sicherheit kommt in Dem zum Ausdruck, was grossen Stil hat. Die Macht, die keinen Beweis mehr nöthig hat; die es verschmäht, zu gefallen; die schwer antwortet; die keinen Zeugen um sich fühlt; die ohne Bewusstsein davon lebt, dass es Widerspruch gegen sie giebt; die in sich ruht, fatalistisch, ein Gesetz unter Gesetzen: Das redet als grosser Stil von sich. — Ich las das Leben Thomas Carlyle's^diese farce wider Wissen und Willen, diese heroisch-moralische Inter- pretation dyspeptischer Zustände. — Carlyle, ein Mann der starken Worte und Attitüden, ein Rhetor aus Noth, den beständig das Verlangen nach einem starken Glauben agacirt und das Gefühl der Unfähigkeit dazu ( — darin ein typischer Romantiker!). Das Verlangen nach einem starken Glauben ist nicht der Beweis eines starken Glaubens, vielmehr das Gegentheil. Hat man ihn, so darf man sich den schönen Luxus der Skepsis gestatten: man ist sicher genug, fest genug, gebunden genug dazu. Carlyle betäubt Etwas in sich durch das fortissimo seiner Verehrung für Menschen starken Glaubens und durch seine Wuth gegen die weniger Einfältigen: er bedarf des Lärms. Eine beständige leidenschaftliche Unredlich- keit gegen sich — das ist sein proprium, damit ist und bleibt er interessant. — Freilich, in England wird er gerade wegen seiner Redlichkeit bewundert...Nun, das ist englisch; und in Anbetracht, dass die Engländer das Volk des vollkommnen cant sind, sogar billig und nicht nur begreiflich. Im Grunde ist Carlyle ein eng- lischer Atheist, der seine Ehre darin sucht, es nicht zu sein. Emerson. — Viel aufgeklärter, schweifender, viel- facher, raffinirter als Carlyle, vor Allem glücklicher...Ein Solcher, der sich instinktiv bloss von Ambrosia nährt, der das Unverdauliche in den Dingen zurücklässt. Gegen Carlyle gehalten ein Mann des Geschmacks. — Carlyle, der ihn sehr liebte, sagte trotzdem von ihm: „er giebt uns nicht genug zu beissen": was mit Recht gesagt sein mag, aber nicht zu Ungunsten Emerson's. — Emerson hat jene gütige und geistreiche Heiterkeit, welche allen Ernst entmuthigt; er weiss es schlechterdings nicht, wie alt er schon ist und wie jung er noch sein wird, — er könnte von sich mit einem Wort Lope de Vega's sagen: „yo me sucedo a mi mismo". Sein Geist findet immer Gründe, zufrieden und selbst dankbar zu sein; und bis- weilen streift er die heitere Transscendenz jenes Bieder- manns, der von einem verliebten Stelldichein tamquam re bene gesta zurückkam. „ Ut desint vires, sprach er dankbar, tarnen est laudanda voluptas." — Anti-Darwin. — Was den berühmten „Kampf um's Leben" betrifft, so scheint er mir einstweilen mehr behauptet als bewiesen. Er kommt vor, aber als Aus- nahme; der Gesammt- Aspekt des Lebens ist nicht die Nothlage, die Hungerlage, vielmehr der Reichthum, die Üppigkeit, selbst die absurde Verschwendung, — wo ge- kämpft wird, kämpft man um Macht...Man soll nicht Malthus mit der Natur verwechseln. — Gesetzt aber, es giebt diesen Kampf — und in der That, er kommt vor —, so läuft er leider umgekehrt aus, als die Schule Darwin's wünscht, als man vielleicht mit ihr wün- schen dürfte: nämlich zu Ungunsten der Starken, der Bevorrechtigten, der glücklichen Ausnahmen. Die Gat- tungen wachsen nicht in der Vollkommenheit: die Schwachen werden immer wieder über die Starken Herr, — das macht, sie sind die grosse" Zahl, sie sind auch klüger...Darwin hat den Geist vergessen ( — das ist englisch!), die Schwachen haben mehr Geist...Man muss Geist nöthig haben, um Geist zu bekommen, — man verliert ihn, wenn man ihn nicht mehr nöthig hat. Wer die Stärke hat, entschlägt sich des Geistes ( — „lass fahren dahin! denkt man heute in Deutschland — das Reich muss uns doch bleiben"...). Ich ver- stehe unter Geist, wie man sieht, die Vorsicht, die Ge- duld, die List, die Verstellung, die grosse Selbstbeherr- schung und Alles, was mimtcry ist (zu letzterem gehört ein grosser Theil der sogenannten Tugend).

Psychologen-Casuistik. — Das ist ein Menschen- kenner: wozu studirt er eigentlich die Menschen? Er will kleine Vortheile über sie erschnappen, oder auch grosse, — er ist ein Politicus!...Jener da ist auch ein Menschenkenner: und ihr sagt, der wolle Nichts damit für sich, das sei ein grosser „Unpersönlicher". Seht schärfer zu! Vielleicht will er sogar noch einen schlim- meren Vortheil: sich den Menschen überlegen fühlen, auf sie herabsehn dürfen, sich nicht mehr mit ihnen ver- wechseln. Dieser „Unpersönliche" ist ein Menschen -Ver- ächter: und jener Erstere ist die humanere spectes, was auch der Augenschein sagen mag. Er stellt sich wenig- stens gleich, er stellt sich hinein...

Der psychologische Takt der Deutschen scheint mir durch eine ganze Reihe von Fällen in Frage ge- stellt, deren Verzeichniss vorzulegen mich meine Be- scheidenheit hindert. In Einem Falle wird es mir nicht an einem grossen Anlasse fehlen, meine These zu be- gründen: ich trage es den Deutschen nach, sich über Kant und seine „Philosophie der Hinterthüren", wie ich sie nenne, vergriffen zu haben, — das war nicht der Typus der intellektuellen Rechtschaffenheit — Das Andre, was ich nicht hören mag, ist ein berüchtigtes „und": die Deutschen sagen „Goethe und Schiller", — ich fürchte, sie sagen „Schiller und Goethe"...Kennt man noch nicht diesen Schiller? — Es giebt noch schlimmere „und"; ich habe mit meinen eigenen Ohren, allerdings nur unter Universitäts- Professoren, gehört „Schopenhauer und Hartmann"...Die geistigsten Menschen, vorausgesetzt, dass sie die muthigsten sind, erleben auch bei weitem die schmerz- haftesten Tragödien: aber eben deshalb ehren sie das Leben, weil es ihnen seine grösste Gegnerschaft ent- gegenstellt Nietzsche, Werlce Band Vm. 0 Zum „intellektuellen Gewissen". — Nichts scheint mir heute seltner als die echte Heuchelei. Mein Verdacht ist gross, dass diesem Gewächs die sanfte Luft unsrer Cultur nicht zuträglich ist. Die Heuchelei gehört in die Zeitalter des starken Glaubens: wo man selbst nicht bei der Nöthigung, einen andren Glauben zur Schau zu tragen, von dem Glauben losliess, den man hatte. Heute lässt man ihn los; oder, was noch gewöhn- licher, man legt sich noch einen zweiten Glauben zu, — ehrlich bleibt man in jedem Falle. Ohne Zweifel ist heute eine sehr viel grössere Anzahl von Überzeugungen möglich als ehemals: möglich, das heisst erlaubt, das heisst unschädlich. Daraus entsteht die Toleranz gegen sich selbst. — Die Toleranz gegen sich selbst gestattet mehrere Überzeugungen: diese selbst leben verträglich beisammen, sie hüten sich, wie alle Welt heute, sich zu compromittiren. Womit compromittirt man sich heute? Wenn man Consequenz hat. Wenn man in gerader Linie geht. Wenn man weniger als fünfdeutig ist. Wenn man echt ist...Meine Furcht ist gross, dass der mo- derne Mensch für einige Laster einfach zu bequem ist: so dass diese geradezu aussterben. Alles Böse, das vom starken Willen bedingt ist — und vielleicht* giebt es nichts Böses ohne Willensstärke — entartet, in unsrer lauen Luft, zur Tugend...Die wenigen Heuchler, die ich kennen lernte, machten die Heuchelei nach: sie waren, wie heutzutage fast jeder zehnte Mensch, Schau- spieler. — Schön und, hässlich. — Nichts ist bedingter, sagen wir beschränkter, als unser Gefühl des Schönen.

Wer es losgelöst von der Lust des Menschen am Men- schen denken wollte, verlöre sofort Grund und Boden unter den Füssen. Das „Schöne an sich" ist bloss ein Wort, nicht einmal ein Begriff. Im Schönen setzt sich der Mensch als Maass der Vollkommenheit; in ausge- suchten Fällen betet er sich darin an. Eine Gattung kann gar nicht anders als dergestalt zu sich allein Ja sagen. Ihr unterster Instinkt, der der Selbsterhaltung und Selbsterweiterung, strahlt noch in solchen Sublimi- täten aus. Der Mensch glaubt die Welt selbst mit Schön- heit überhäuft, — er vergisst sich als deren Ursache. Er allein hat sie mit Schönheit beschenkt, ach! nur mit einer sehr menschlich - allzumenschlichen Schönheit Im Grunde spiegelt sich der Mensch in den Dingen, er hält Alles für schön, was ihm sein Bild zurückwirft: das Urtheil „schön" ist seine Gattungs-Eitelkeit...Dem Skeptiker nämlich darf ein kleiner Argwohn die Frage in's Ohr flüstern: ist wirklich damit die Welt verschönt, dass gerade der Mensch sie für schön nimmt? Er hat sie vermenschlicht: das ist Alles. Aber Nichts, gar Nichts verbürgt uns, dass gerade der Mensch das Modell des Schönen abgäbe. Wer weiss, wie er sich in den Augen eines höheren Geschmacksrichters ausnimmt? Viel- leicht gewagt? vielleicht selbst erheiternd? vielleicht ein wenig arbiträr?...„Oh Dionysos, Göttlicher, warum ziehst du mich an den Ohren?" fragte Ariadne einmal bei einem jener berühmten Zwiegespräche auf Naxos ihren philosophischen Liebhaber. „Ich finde eine Art Humor in deinen Ohren, Ariadne: warum sind sie nicht noch länger?"

Nichts ist schön, nur der Mensch ist schön: auf dieser Naivetät ruht alle Ästhetik, sie ist deren erste 9* Wahrheit. Fügen wir sofort noch deren zweite hinzu: Nichts ist hässlich als der entartende Mensch, — damit ist das Reich des ästhetischen Urtheils umgrenzt. — Physiologisch nachgerechnet, schwächt und betrübt alles Hässliche den Menschen. Es erinnert ihn an Verfall, Gefahr, Ohnmacht; er büsst thatsächlich dabei Kraft ein. Man kann die Wirkung des Hässlichen mit dem Dynamo- meter messen. Wo der Mensch überhaupt niederge- drückt wird, da wittert er die Nähe von etwas „Häss- lichem". Sein Gefühl der Macht, sein Wille zur Macht, sein Muth, sein Stolz — das fällt mit dem Hässlichen, das steigt mit dem Schönen...Im einen wie im andren Falle machen wir einen Schluss: die Prämissen dazu sind in ungeheurer Fülle im Instinkte aufgehäuft. Das Hässliche wird verstanden als ein Wink und Symptom der Degenerescenz: was im Entferntesten an Degeneres- cenz erinnert, das wirkt in uns das Urtheil „hässlich". Jedes Anzeichen von Erschöpfung, von Schwere, von Alter, von Müdigkeit, jede Art Unfreiheit, als Krampf, als Lähmung, vor Allem der Geruch, die Farbe, die Form der Auflösung, der Verwesung, und sei es auch in der letzten Verdünnung zum Symbol — das Alles ruft die gleiche Reaktion hervor, das Werthurtheil „hässlich". Ein Ha ss springt da hervor: wen hasst da der Mensch?