SigPhi · Nietzsche

Menschliches, Allzumenschliches, Zweiter Band (German)

German

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Der ungeschickteste Erzieher. — Bei Diesem sind auf dem Boden seines Widerspruchsgeistes alle seine wirklichen Tugenden angepflanzt, bei Jenem auf seiner Unfähigkeit, Nein zu sagen, also auf seinem Zu- stimmungsgeiste; ein Dritter hat alle seine Moralität aus seinem einsamen Stolze, ein Vierter die seine aus seinem starken Geselligkeitstriebe aufwachsen lassen. Gesetzt nun, durch ungeschickte Erzieher und Zufälle wären bei diesen Vieren die Samenkörner der Tugenden nicht auf den Boden ihrer Natur ausgesäet worden, welcher bei ihnen die meiste und fetteste Erdkrume hat: so wären sie ohne Moralität und schwache unerfreuliche Menschen. Und wer würde gerade der ungeschickteste aller Er- zieher und das böse Verhängniss dieser vier Menschen gewesen sein? Der moralische Fanatiker, welcher meint, dass das Gute nur aus dem Guten, auf dem Guten wachsen könne.

Schreibart der Vorsicht. — A: Aber, wenn Alle diess wüssten, so würde es den Meisten schäd- lich sein. Du selber nennst diese Meinungen gefährlich für die Gefährdeten, und doch theilst du sie öffentlich mit? B: Ich schreibe so, dass weder der Pöbel, noch die ftopuli, noch die Parteien aller Art mich lesen mögen. Folglich werden diese Meinungen nie öffentliche sein. A: Aber wie schreibst du denn? B: Weder nützlich noch angenehm — für die genannten Drei.

Göttliche Missionäre. — Auch Sokrates fühlt sich als göttlichen Missionär: aber ich weiss nicht, was für ein Anflug von attischer Ironie und Lust am Spaassen auch selbst hierbei noch zu spüren ist, wodurch jener fatale und so anmaassende Begriff gemildert wird. Er redet ohne Salbung davon: seine Bilder, von der Bremse und dem Pferd, sind schlicht und unpriesterlich, und die eigentlich religiöse Aufgabe, wie er sie sich gestellt fühlt, den Gott auf hunderterlei Weise auf die Probe zu stellen, ob er die Wahrheit geredet habe, lässt auf eine kühne und freimüthige Gebärde schliessen, mit der hier der Missionär seinem Gotte an die Seite tritt. Jenes Auf- die -Probe -Stellen des Gottes ist einer der feinsten Compromisse zwischen Frömmigkeit und Freiheit des Geistes, welche je erdacht worden sind. — Jetzt haben wir auch diesen Compromiss nicht mehr nöthig.

Ehrliches Malerthum. — Raffael, dem Viel an der Kirche (sofern sie zahlungsfähig war), aber Wenig, gleich den Besten seiner Zeit, an den Gegenständen des kirchlichen Glaubens gelegen war, ist der anspruchs- vollen ekstatischen Frömmigkeit mancher seiner Besteller nicht einen Schritt weit nachgegangen: er hat seine Ehr- lichkeit bewahrt, selbst in jenem Ausnahme -Bild, das ursprünglich für eine Processions - Fahne bestimmt war, in der Sixtinischen Madonna. Hier wollte er einmal eine Vision malen: aber eine solche, wie sie edle junge Männer ohne „Glauben" auch haben dürfen und haben werden, die Vision der zukünftigen Gattin, eines klugen, seelisch -vornehmen, schweigsamen und sehr schönen Weibes, das ihren Erstgebornen im Arme trägt. Mögen die Alten, die an das Beten und Anbeten gewöhnt sind, hier, gleich dem ehrwürdigen Greise zur Linken, etwas Übermenschliches verehren: wir Jüngeren wollen es, so scheint Raffael uns zuzurufen, mit dem schönen Mädchen zur Rechten halten, welche mit ihrem auffordernden, durchaus nicht devoten Blicke den Betrachtern des Bildes sagt: „Nicht wahr? diese Mutter und ihr Kind — das ist ein angenehmer einladender Anblick?" Diess Gesicht und dieser Blick strahlt von der Freude in den Gesichtern der Betrachter wieder; der Künstler, der diess Alles erfand, geniesst sich auf diese Weise selber und giebt seine eigne Freude zur Freude der Kunst- Empfangenden hinzu. — In Betreff des „heilandhaften" Ausdrucks im Kopfe eines Kindes hat Raffael, der Ehr- liche, der keinen Seelenzustand malen wollte, an dessen Existenz er nicht glaubte, seine gläubigen Betrachter auf eine artige Weise überlistet; er malte jenes Natur- Nietzsche, Werke Band III. l6 spiel, das nicht selten vorkommt, das Männerauge im Kindskopfe, und zwar das Auge des wackeren hülf- reichen Mannes, der einen Nothstand sieht. Zu diesem Auge gehört ein Bart; dass dieser fehlt und dass zwei verschiedene Lebensalter hier aus Einem Gesichte sprechen, diess ist die angenehme Paradoxie, welche die Gläubigen sich im Sinne ihres Wunderglaubens gedeutet haben: so wie es der Künstler von ihrer Kunst des Deutens und Hineinlegens auch erwarten durfte.

Das Gebet. — Nur unter zwei Voraussetzungen hatte alles Beten — jene noch nicht völlig erloschene Sitte älterer Zeiten — einen Sinn: es müsste möglich sein, die Gottheit zu bestimmen oder umzustimmen, und der Betende müsste selber am besten wissen, was ihm noth thue, was für ihn wahrhaft wünschenswerth sei. Beide Voraussetzungen, in allen anderen Religionen an- genommen und hergebracht, wurden aber gerade vom Christenthum geleugnet; wenn es trotzdem das Gebet beibehielt, bei seinem Glauben an eine allweise und allvorsorgliche Vernunft in Gott, durch welche eben dies Gebet im Grunde sinnlos, ja gotteslästerlich wird, — so zeigte es auch darin wieder seine bewunderungs- würdige Schlangen - Klugheit; denn ein klares Gebot „du sollst nicht beten" hätte die Christen durch die Langeweile zum Unchristenthum geführt. Im christlichen ora et labora vertritt nämlich das ora die Stelle des Vergnügens: und was hätten ohne das ora jene Un- glücklichen beginnen sollen, die sich das labora versagten, die Heiligen! — aber mit Gott sich unterhalten, ihm allerlei angenehme Dinge abverlangen, sich selber ein wenig darüber lustig machen, wie man so thöricht sein könne, noch Wünsche zu haben, trotz einem so vortreff- lichen Vater — das war für Heilige eine sehr gute Er- findung.

Eine heilige Lüge. — Die Lüg*e, mit der auf den Lippen Arria starb (Paete, non dolet), verdunkelt alle "Wahrheiten, die je von Sterbenden gesprochen wurden. Es ist die einzige heilige Lüge, die berühmt geworden ist; während der Geruch der Heiligkeit sonst nur an Irr- thümern haften blieb.

Der nöthigste Apostel. — Unter zwölf Aposteln muss immer einer hart wie Stein sein, damit auf ihm die neue Kirche gebaut werden könne.

Was ist das Vergänglichere, der Geist oder der Körper? — In den rechtlichen moralischen und religiösen Dingen hat das Äusserlichste, das Anschauliche, also der Brauch, die Gebärde, die Ceremonie, am meisten Dauer: sie ist der Leib, zu dem immer eine neue Seele hinzukommt. Der Cultus wird wie ein fester Wort -Text immer neu ausgedeutet; die Begriffe und Empfindungen sind das Flüssige, die Sitten das Harte.

Der Glaube an die Krankheit, als Krankeit. — Erst das Christenthum hat den Teufel an die Wand der Welt gemalt; erst das Christenthum hat die Sünde in die Welt gebracht. Der Glaube an die Heilmittel, welche es dagegen anbot, ist nun allmählich bis in die tiefsten Wurzeln hinein erschüttert: aber immer noch besteht der Glaube an die Krankheit, welchen es ge- lehrt und verbreitet hat Rede und Schrift der Religiösen. — Wenn der Stil und Gesammtausdruck des Priesters, des redenden und schreibenden, nicht schon den religiösen Menschen ankündigt, so braucht man seine Meinungen über Re- ligion und zu Gunsten derselben nicht mehr ernst zu nehmen. Sie sind für ihren Besitzer selber kraftlos gewesen, wenn er, wie sein Stil verräth, Ironie, An- maassung, Bosheit, Hass und alle Wirbel und Wechsel der Stimmungen besitzt, ganz wie der unreligiöseste Mensch, — um wie viel kraftloser werden sie erst für seine Hörer und Leser sein! Kurz, er wird dienen, die- selben unreligiöser zu machen. • Gefahr in der Person. — Je mehr Gott als Person für sich galt, um so weniger ist man ihm treu gewesen. Die Menschen sind ihren Gedankenbildern viel anhäng- licher als ihren geliebtesten Geliebten: desshalb opfern sie sich für den Staat, die Kirche und auch für Gott — sofern er eben ihr Erzeugniss, ihr Gedanke bleibt und nicht gar zu persönlich genommen wird. Im letz- teren Falle hadern sie fast immer mit ihm: selbst dem Frömmsten entfuhr ja die bittere Rede „mein Gott, warum hast du mich verlassen!"

Die weltliche Gerechtigkeit. — Es ist möglich die weltliche Gerechtigkeit aus den Angeln zu heben — mit der Lehre von der völligen Unverantwortlichkeit und Unschuld Jedermanns: und es ist schon ein Versuch in gleicher Richtung gemacht worden — gerade auf Grund der entgegengesetzten Lehre von der völligen Verant- wortlichkeit und Verschuldung Jedermanns. Der Stifter des Christenthums war es, der die weltliche Gerechtigkeit aufheben und das Richten und Strafen aus der Welt schaffen wollte. Denn er verstand alle Schuld als „Sünde", das heisst als Frevel an Gott und nicht als Frevel an der Welt; andererseits hielt er Jedermann im grössten Maassstabe und fast in jeder Hinsicht für einen Sünder. Die Schuldigen sollen aber nicht die Richter ihres Gleichen sein: so urtheilte seine Billigkeit. Alle Richter der weltlichen Gerechtigkeit waren also in seinen Augen so schuldig als die von ihnen Verurtheilten, und ihre Miene der Schuldlosigkeit schien ihm heuchlerisch und pharisäer- haft. Überdiess sah er auf die Motive der Handlungen und nicht auf den Erfolg, und hielt für die Beurtheilung der Motive nur einen Einzigen für scharfsichtig genug: sich selber (oder wie er sich ausdrückte: Gott).

Eine Affectation beim Abschiede. — Wer sich von einer Partei oder Religion trennen will, meint es sei nun für ihn nöthig, sie zu widerlegen. Aber das ist sehr hochmüthig gedacht. Nöthig ist nur, dass er klar einsieht, welche Klammern ihn bisher an diese Partei oder Religion anhielten und dass sie es nicht mehr thun, was für Absichten ihn dahin getrieben haben und dass sie jetzt anderswohin treiben. Wir sind nicht aus strengen Erkenntnissgründen auf die Seite jener Partei oder Religion getreten: wir sollen diess, wenn wir von ihr scheiden, auch nicht affectiren.

Heiland und Arzt — Der Stifter des Christen- thums war, wie es sich von selber versteht, als Kenner der menschlichen Seele nicht ohne die grössten Mängel und Voreingenommenheiten und als Arzt der Seele dem so anrüchigen und laienhaften Glauben an eine Universal- medicin ergeben. Er gleicht in seiner Methode mitunter jenem Zahnarzte, der jeden Schmerz durch Ausreissen des Zahnes heilen will; so zum Beispiel indem er gegen die Sinnlichkeit mit dem Rathschlage ankämpft: „Wenn dich dein Auge ärgert, so reisse es aus." — Aber es bleibt doch noch der Unterschied, dass jener Zahnarzt wenigstens sein Ziel erreicht, die Schmerzlosigkeit des Patienten — freilich auf so plumpe Art, dass er lächerlich wird: während der Christ, der jenem Rathschlage folgt und seine Sinnlichkeit ertödtet zu haben glaubt, sich täuscht: sie lebt auf eine unheimliche vampyrische Art fort und quält ihn in widerlichen Vermummungen.

Die Gefangenen. — Eines Morgens traten die Gefangenen in den Arbeitshof: der Wärter fehlte. Die Einen von ihnen giengen, wie es ihre Art war, sofort an die Arbeit, Andere standen müssig und blickten trotzig umher. Da trat Einer vor und sagte laut: „Arbeitet so viel ihr wollt oder thut Nichts: es ist Alles gleich. Eure heimlichen Anschläge sind an's Licht gekommen, der Gefängnisswärter hat Euch neulich belauscht und will in den nächsten Tagen ein fürchterliches Gericht über euch ergehen lassen. Ihr kennt ihn, er ist hart und nach- trägerischen Sinnes. Nun aber merkt auf: ihr habt mich bisher verkannt: ich bin nicht, was ich scheine. Viel- mehr: ich bin der Sohn des Gefängnisswärters und gelte Alles bei ihm. Ich kann euch retten, ich will euch retten. Aber, wohlgemerkt, nur Die von euch, welche mir glauben, dass ich der Sohn des Gefängniss- wärters bin. Die Andern mögen die Früchte ihres Un- glaubens ernten." „Nun, sagte nach einigem Schweigen ein älterer Gefangener, was kann dir dran gelegen sein, ob wir's dir glauben oder nicht glauben? Bist du wirk- lich der Sohn und vermagst du Das, was du sagst, so lege ein gutes Wort für uns Alle ein: es wäre wirklich recht gutmüthig von dir. Das Gerede von Glauben und Unglauben aber lass bei Seite!" „Und, rief ein jüngerer Mann dazwischen, ich glaub's ihm auch nicht: er hat sich nur Etwas in den Kopf gesetzt. Ich wette, in acht Tagen befinden wir uns gerade noch so hier wie heute, und der Gefängnisswärter weiss Nichts". „Und wenn er Etwas gewusst hat, so weiss er's nicht mehr", sagte der Letzte der Gefangenen, der jetzt erst in den Hof hinabkam, „der Gefängnisswärter ist eben plötzlich gestorben." — „Holla, schrieen Mehrere durch- einander, holla, Herr Sohn, Herr Sohn, wie steht es mit der Erbschaft? Sind wir vielleicht jetzt deine Ge- fangenen?" — „Ich habe es euch gesagt, entgegnete der Angeredete mild, ich werde Jeden freilassen, der an mich glaubt, so gewiss als mein Vater noch lebt." — Die Ge- fangenen lachten nicht, zuckten aber mit den Achseln und Hessen ihn stehen.

Der Verfolger Gottes. — Paulus hat den Ge- danken ausgedacht, Calvin ihn nachgedacht, dass Un- zähligen seit Ewigkeiten die Verdammniss zuerkannt ist und dass dieser schöne Weltenplan so eingerichtet wurde, damit die Herrlichkeit Gottes sich daran offenbare: Himmel und Hölle und Menschheit sollen also da sein, — um die Eitelkeit Gottes zu befriedigen! Welch grau- same und unersättliche Eitelkeit muss in der Seele Dessen geflackert haben, der so Etwas sich zuerst oder zuzweit ausdachte! — Paulus ist also doch Saulus geblieben — der Verfolger Gottes.

Sokrates. — Wenn Alles gut geht, wird die Zeit kommen, wo man, um sich sittlich-vernünftig zu fördern, lieber die Memorabilien des Sokrates in die Hand nimmt als die Bibel, und wo Montaigne und Horaz als Vor- läufer und Wegweiser zum Verständniss des einfachsten und unvergänglichsten Mittler -Weisen, des Sokrates, benutzt werden. Zu ihm führen die Strassen der ver- schiedensten philosophischen Lebensweisen zurück, welche im Grunde die Lebensweisen der verschiedenen Tempe- ramente sind, festgestellt durch Vernunft und Gewohn- heit und allesammt mit ihrer Spitze hin nach der Freude am Leben und am eigenen Selbst gerichtet; woraus man schliessen möchte, dass das Eigenthümlichste an Sokrates ein Antheilhaben an allen Temperamenten gewesen ist.

— Vor dem Stifter des Christenthums hat Sokrates die fröhliche Art des Ernstes und jene Weisheit voller Schelmenstreiche voraus, welche den besten Seelenzustand des Menschen ausmacht. Überdiess hatte er den grösseren Verstand.

Gut schreiben lernen. — Die Zeit des Gut-Redens ist vorbei, weil die Zeit der Stadt- Culturen vorbei ist. Die letzte Grenze, welche Aristoteles der grossen Stadt erlaubte — es müsse der Herold noch im Stande sein, sich der ganzen versammelten Gemeinde vernehmbar zu machen —, diese Grenze kümmert uns so wenig, als uns überhaupt noch Stadtgemeinden kümmern, uns, die wir selbst über die Völker hinweg verstanden werden wollen. Desshalb muss jetzt ein Jeder, der gut europäisch ge- sinnt ist, gut und immer besser schreiben lernen: es hilft Nichts, und wenn er selbst in Deutschland ge- boren ist, wo man das Schlecht-Schreiben als nationales Vorrecht behandelt. Besser schreiben aber heisst zu- gleich auch besser denken; immer Mittheilenswertheres erfinden und es wirklich mittheilen können; übersetzbar werden für die Sprachen der Nachbarn; zugänglich sich dem Verständnisse jener Ausländer machen, welche unsere Sprache lernen; dahin wirken, dass alles Gute Gemeingut werde und den Freien Alles frei stehe; endlich, jenen jetzt noch so fernen Zustand der Dinge vorbereiten, wo den guten Europäern ihre grosse Aufgabe in die Hände fällt: die Leitung und Überwachung der ge- sammten Erdcultur. — Wer das Gegentheil predigt, sich nicht um das Gut-Schreiben und Gut-Lesen zu kümmern — beide Tugenden wachsen mit einander und nehmen mit einander ab —, der zeigt in der That den Völkern einen Weg, wie sie immer noch mehr national werden können: er vermehrt die Krankheit dieses Jahrhunderts und ist ein Feind der guten Europäer, ein Feind der freien Geister.

Die Lehre vom besten Stile. — Die Lehre vom Stil kann einmal die Lehre sein, den Ausdruck zu finden, vermöge dessen man jede Stimmung auf den Leser und Hörer überträgt; sodann die Lehre, den Ausdruck für die wünschenswertheste Stimmung des Menschen zu finden, deren Mittheilung und Übertragung also auch am meisten zu wünschen ist: für die Stimmung des von Herzensgrund bewegten geistig freudigen hellen und aufrichtigen Menschen, der die Leidenschaften über- wunden hat. Diess wird die Lehre vom besten Stile sein: er entspricht dem guten Menschen.

Auf den Gang Acht geben. — Der Gang der Sätze zeigt, ob der Autor ermüdet ist; der einzelne Aus- druck kann immer noch stark und gut sein, weil er für sich gefunden wurde und früher: damals als der Ge- danke dem Autor zuerst aufleuchtete. So ist es häufig bei Goethe, der zu oft dictirte, wenn er müde war.

Schon und noch. — A: Die deutsche Prosa ist noch sehr jung: Goethe meint, dass Wieland ihr Vater sei. B: So jung und schon so hässlich! C: Aber — soviel mir bekannt, schrieb schon der Bischof Ulfilas deutsche Prosa; sie ist also gegen fünfzehnhundert Jahre alt. B: So alt und noch so hässlich!

Original-deutsch. — Die deutsche Prosa, welche in der That nicht nach einem Muster gebildet ist und wohl als originales Erzeugniss des deutschen Geschmacks zu gelten hat, dürfte den eifrigen Anwälten einer zu- künftigen originalen deutschen Cultur einen Fingerzeig geben, wie etwa, ohne Nachahmung von Mustern, eine wirklich deutsche Tracht, eine deutsche Geselligkeit, eine deutsche Zimmereinrichtung, ein deutsches Mittags- essen aussehen werde. — Jemand, der längere Zeit über diese Aussichten nachgedacht hatte, rief endlich in vollem Schrecken aus: „Aber, um des Himmels willen, vielleicht haben wir schon diese originale Cultur — man spricht nur nicht gerne davon!"

Verbotene Bücher. — Nie Etwas lesen, was jene arroganten Vielwisser und Wirrköpfe schreiben, welche die abscheulichste Unart, die der logischen Paradoxie haben: sie wenden die logischen Formen gerade dort an, wo Alles im Grunde frech improvisirt und in die Luft gebaut ist. („Also" soll bei ihnen heissen „du Esel von Leser, für dich giebt es diess,also' nicht — wohl aber für mich" — worauf die Antwort lautet: „du Esel von Schreiber, wozu schriebst du denn?")

Geist zeigen. — Jeder, der seinen Geist zeigen will, lässt merken, dass er auch reichlich vom Gegen- theile hat. Jene Unart geistreicher Franzosen, ihren besten Einfällen einen Zug von dcdain beizugeben, hat ihren Ursprung in der Absicht, für reicher zu gelten, als sie sind: sie wollen lässig schenken, gleichsam. ermüdet vom beständigen Spenden aus übervollen Schatzhäusern.

Deutsche und französische Litteratur. — Das Unglück der deutschen und französischen Litteratur der letzten hundert Jahre liegt darin, dass die Deutschen zu zeitig aus der Schule der Franzosen gelaufen sind — und die Franzosen, späterhin, zu zeitig in die Schule der Deutschen.

Unsere Prosa. — Keines der jetzigen Culturvölker hat eine so schlechte Prosa als das deutsche; und wenn geistreiche und verwöhnte Franzosen sagen: es giebt keine deutsche Prosa — so dürfte man eigentlich nicht böse werden, da es artiger gemeint ist, als wir's ver- dienen. Sucht man nach den Gründen, so kommt man zuletzt zu dem seltsamen Ergebniss, dass der Deutsche nur die improvisirte Prosa kennt und von einer anderen gar keinen Begriff hat. Es klingt ihm schier unbegreiflich, wenn ein Italiäner sagt, dass Prosa gerade um so viel schwerer sei als Poesie, um wie viel die Dar- stellung der nackten Schönheit für den Bildhauer schwerer sei als die der bekleideten Schönheit. Um Vers, Bild, Rhythmus und Reim hat man sich redlich zu bemühen — das begreift auch der Deutsche und ist nicht geneigt, der Stegreifdichtung einen besonders hohen Werth zu- zumessen. Aber an einer Seite Prosa wie an einer Bild- säule arbeiten? — es ist ihm, als ob man ihm Etwas aus dem Fabelland vorerzählte.

Der grosse Stil. — Der grosse Stil entsteht, wenn das Schöne den Sieg über das Ungeheure davon- trägt.

Ausweichen. — Man weiss nicht eher, worin bei ausgezeichneten Geistern das Feine ihres Ausdrucks, ihrer Wendung liegt, wenn man nicht sagen kann, auf welches Wort jeder mittelmässige Schriftsteller beim Ausdrücken derselben Sache unvermeidlich gerathen wäre. Alle grossen Artisten zeigen sich beim Lenken ihres Fuhrwerks zum Ausweichen, zum Entgleisen ge- neigt — doch nicht zum Umfallen.

Etwas wie Brod. — Brod neutralisirt den Ge- schmack anderer Speisen, wischt ihn weg; desshalb ge- hört es zu jeder längeren Mahlzeit. In allen Kunstwerken muss es etwas wie Brod geben, damit es verschiedene Wirkungen in ihnen geben könne: welche, unmittelbar und ohne ein solches zeitweiliges Ausruhen und Pausiren aufeinanderfolgend, schnell erschöpfen und Widerwillen machen würden: so dass eine längere Mahlzeit der Kunst unmöglich wäre.

Jean Paul. — Jean Paul wusste sehr viel, aber hatte keine Wissenschaft, verstand sich auf allerlei Kunst- griffe in den Künsten, aber hatte keine Kunst, fand bei- nahe Nichts ungeniessbar, aber hatte keinen Geschmack, besass Gefühl und Ernst, goss aber, wenn er davon zu kosten gab, eine widerliche Thränenbrühe darüber, ja er hatte Witz — aber leider für seinen Heisshunger darnach viel zu wenig: wesshalb er den Leser gerade durch seine Witzlosigkeit zur Verzweiflung treibt. Im Ganzen war er das bunte starkriechende Unkraut, welches über Nacht auf den zarten Fruchtfeldern Schiller's und Goethe's auf- » schoss: er war ein bequemer guter Mensch, und doch ein Verhängniss — ein Verhängniss im Schlafrock.

Auch den Gegensatz zu schmecken wissen. — Um ein Werk der Vergangenheit so zu geniessen, wie es seine Zeitgenossen empfanden, muss man den damals herrschenden Geschmack, gegen den es sich abhob, auf der Zunge haben.

Weingeist-Autoren. — Manche Schriftsteller sind weder Geist noch Wein, aber Weingeist: sie können in Flammen gerathen und geben dann Wärme.

Der Mittler-Sinn. — Der Sinn des Geschmacks, als der wahre Mittler - Sinn, hat die anderen Sinne oft zu seinen Ansichten der Dinge überredet und ihnen seine Gesetze nnd Gewohnheiten eingegeben. Man kann bei Tische über die feinsten Geheimnisse der Künste Auf- schlüsse erhalten: man beachte, was schmeckt, wann es schmeckt, wonach und wie lange es schmeckt.

io3- io3- Lessing. — Lessing hat eine ächt französische Tugend und ist überdiess als Schriftsteller bei den Franzosen am fleissigsten in die Schule gegangen: er versteht seine Dinge im Schauladen gut zu ordnen und aufzustellen. Ohne diese wirkliche Kunst würden seine Gedanken, so wie deren Gegenstände, ziemlich im Dunkel geblieben sein, und ohne dass die allgemeine Einbusse gross wäre. An seiner Kunst haben aber Viele gelernt (namentlich die letzte Generation deutscher Gelehrten) und Unzählige sich erfreut. Freilich hätten jene Lernenden nicht nöthig gehabt, wie so oft geschehen ist, ihm auch seine unangenehme Ton- Manier, in ihrer Mischung von Zankteufelei und Bitterkeit, abzulernen. — Uber den „Lyriker" Lessing ist man wohl jetzt einmüthig: über den „Dramatiker" wird man es werden.

Unerwünschte Leser. — Wie quälen den Autor jene braven Leser mit den dicklichten ungeschickten Seelen, welche immer, wenn sie woran anstossen, auch umfallen und sich jedesmal dabei wehe thun!

Dichter-Gedanken. — Die wirklichen Gedanken gehen bei wirklichen Dichtern alle verschleiert einher, wie die Ägyptierinnen: nur das tiefe Auge des Ge- dankens blickt frei über den Schleier hinweg. — Dichter- Gedanken sind im Durchschnitt nicht so viel werth, als sie gelten: man bezahlt eben für den Schleier und die eigene Neugierde mit.

Schreibt einfach und nützlich. — Übergänge Ausführungen Farbenspiele des Affects — Alles das schenken wir dem Autor, weil wir diess mitbringen und seinem Buche zu Gute kommen lassen, falls er selber uns Etwas zu Gute thut.

Wieland. — Wieland hat besser als irgend Jemand deutsch geschrieben und dabei sein rechtes meisterliches Genügen und Ungenügen gehabt (seine Übersetzungen der Briefe Cicero's und des Lucian sind die besten deutschen Übersetzungen); aber seine Gedanken geben uns Nichts mehr zu denken. Wir vertragen seine heiteren Moralitäten eben so wenig als seine heiteren Immorali- täten: beide gehören so gut zu einander. Die Menschen, die an ihnen ihre Freude hatten, waren doch wohl im Grunde bessere Menschen als wir — aber auch um ein gut Theil schwerfälligere, denen ein solcher Schriftsteller eben noth that. — Goethe that den Deutschen nicht noth, daher sie auch von ihm keinen Gebrauch zu machen wissen. Man sehe sich die Besten unserer Staatsmänner und Künstler daraufhin an: sie Alle haben Goethe nicht zum Erzieher gehabt — nicht haben können.

Seltene Feste. — Körnige Gedrängtheit Ruhe und Reife — wo du diese Eigenschaften bei einem Autor findest, da mache Halt und feiere ein langes Fest mitten in der Wüste: es wird dir lange nicht wieder so wohl werden.

log.

Der Schatz der deutschen Prosa. — Wenn man von Goethe's Schriften absieht und namentlich von Goethe's Unterhaltungen mit Eckermann, dem besten deutschen Buche, das es giebt: was bleibt eigentlich von der deutschen Prosa -Litteratur übrig, das es verdiente, wieder und wieder gelesen zu werden? Lichtenberg's Aphorismen, das erste Buch von Jung-Stilling's Lebens- geschichte, Adalbert Stifter's Nachsommer und Gottfried Keller's Leute von Seldwyla, — und damit wird es einstweilen am Ende sein.

Schreibstil und Sprechstil. — Die Kunst zu schreiben verlangt vor Allem Ersatzmittel für die Ausdrucksarten, welche nur der Redende hat: also für Gebärden Accente Töne Blicke. Desshalb ist der Schreibstil ein ganz anderer als der Sprechstil, und etwas viel Schwierigeres —: er will mit Wenigerem sich ebenso verständlich machen wie jener. Demosthenes hielt seine Reden anders, als wir sie lesen: er hat sie zum Gelesenwerden erst überarbeitet. — Cicero's Reden soll- ten, zum gleichen Zwecke, erst demosthenisirt werden: jetzt ist viel mehr römisches Forum in ihnen, als der Leser vertragen kann.

Vorsicht im Citiren. — Die jungen Autoren wissen nicht, dass der gute Ausdruck, der gute Gedanke sich nur unter Seinesgleichen gut ausnimmt, dass ein vorzügliches Citat ganze Seiten, ja das ganze Buch ver- Nietzsche, Werke Band III. I7 nichten kann, indem es den Leser warnt und ihm zuzu- rufen scheint: „Gieb Acht, ich bin der Edelstein und rings um mich ist Blei, bleiches schmähliches Blei!" Jedes Wort, jeder Gedanke will nur in seiner Gesell- schaft leben: das ist die Moral des gewählten Stils.

Wie soll man Irrthümer sagen? — Man kann streiten, ob es schädlicher sei, wenn Irrthümer schlecht gesagt werden oder so gut wie die besten Wahrheiten. Gewiss ist, dass sie im erstem Falle auf doppelte Weise dem Kopfe schaden und schwerer aus ihm zu entfernen sind. Aber freilich wirken sie nicht so sicher wie im zweiten Falle: sie sind weniger ansteckend.

Beschränken und vergrössern. — Homer hat den Umfang des Stoffes beschränkt, verkleinert, aber die einzelne Scene aus sich wachsen lassen "und ver- grössert — und so machen es später die Tragiker immer von Neuem: jeder nimmt den Stoff in noch kleineren Stücken als sein Vorgänger, jeder aber erzielt eine reichere Blüthenfülle innerhalb dieser abgegrenzten umfriedeten Gartenhecken.

Litteratur und Moralität sich erklärend. — Man kann an der griechischen Litteratur zeigen, durch welche Kräfte der griechische Geist sich entfaltete, wie er in verschiedene Bahnen gerieth, woran er schwach wurde. Alles das giebt ein Bild davon ab, wie es im Grunde auch mit der griechischen Moralität zugegangen ist und wie es mit jeder Moralität zugehen wird: wie sie erst Zwang war, erst Härte zeigte, dann allmählich milder wurde, wie endlich Lust an gewissen Handlungen, an gewissen Conventionen und Formen entstand, und daraus wieder ein Hang zur alleinigen Ausübung, zum Alleinbesitz derselben: wie die Bahn sich mit Wett- bewerbenden füllt und überfüllt, wie Übersättigung ein- tritt, neue Gegenstände des Kampfes und Ehrgeizes aufgesucht, veraltete in 's Leben erweckt werden, wie das Schauspiel sich wiederholt, wie die Zuschauer des Zuschauens überhaupt müde werden, weil nun der ganze Kreis durchlaufen scheint und dann kommt ein Stillestehen, ein Ausathmen: die Bäche verlieren sich im Sande. Es ist das Ende da, wenigstens ein Ende.