SigPhi · Nietzsche

Menschliches, Allzumenschliches, Zweiter Band (German)

German

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Geistige und leibliche Verpflanzung als Heilmittel. — Die verschiedenen Culturen sind ver- schiedene geistige Klimata, von denen ein jedes diesem oder jenem Organismus vornehmlich schädlich oder heil- sam ist. Die Historie im Ganzen, als das Wissen um die verschiedenen Culturen, ist die Heilmittellehre, nicht aber die Wissenschaft der Heilkunst selber. Der Arzt ist erst recht noch nöthig, der sich dieser Heil- mittellehre bedient, um Jeden in sein ihm gerade er- spriessliches Klima zu senden — für Zeiten oder für immer. In der Gegenwart leben, innerhalb einer einzigen Cultur, genügt nicht als allgemeines Recept, dabei würden zu viele höchst nützliche Arten von Menschen aussterben, die in ihr nicht gesund athmen können. Mit der Hi- storie muss man ihnen Luft machen und sie zu erhalten suchen; auch die Menschen zurückgebliebener Culturen haben ihren Werth. — Dieser Cur der Geister steht zur Seite, dass die Menschheit in leiblicher Beziehung dar- nach streben muss, durch eine medicinische Geographie dahinterzukommen, zu welchen Entartungen und Krank- heiten jede Gegend der Erde Anlass giebt, und umge- kehrt welche Heilfactoren sie bietet: und dann müssen allmählich Völker Familien und Einzelne so lange und so anhaltend verpflanzt werden, bis man über die ange- erbten physischen Gebrechen Herr geworden ist. Die ganze Erde wird endlich eine Summe von Gesundheits- Stationen sein.

Der Baum der Menschheit und die Vernunft. — Das, was ihr als Übervölkerung der Erde in greisenhafter Kurzsichtigkeit fürchtet, giebt dem Hoffnungs- volleren eben die grosse Aufgabe in die Hand: die Menschheit soll einmal ein Baum werden, der die ganze Erde überschattet, mit vielen Milliarden von Blüthen, die alle neben einander Früchte werden sollen, und die Erde soll zur Ernährung dieses Baumes vorbereitet werden. Dass der jetzige noch kleine Ansatz dazu an Saft und Kraft zunehme, dass in unzähligen Canälen der Saft zur Ernährung des Ganzen und des Einzelnen umströme — aus diesen und ähnlichen Aufgaben ist der Maassstab zu entnehmen, ob ein jetziger Mensch nützlich oder unnütz ist. Die Aufgabe ist grenzenlos gross und kühn: wir wollen Alle dazu thun, dass der Baum nicht vor der Zeit verfaule! Dem historischen Kopfe gelingt es wohl, das menschliche Wesen und Treiben sich im Ganzen der Zeit so vor die Augen zu stellen, wie uns Allen das Ameisen -Wesen mit ihren kunstvoll gethürmten Haufen vor Augen steht. Ober- flächlich beurtheilt, würde auch das gesammte Menschen- thum gleich dem Ameisenthume von „Instinct" reden lassen. Bei strengerer Prüfung nehmen wir wahr, wie ganze Völker, ganze Jahrhunderte sich abmühen, neue Mittel ausfindig zu machen und auszuprobiren, womit man einem grossen menschlichen Ganzen und zuletzt dem grossen Gesammt-Fruchtbaume der Menschheit wohlthun könne; und was auch immer bei diesem Ausprobiren die Einzelnen, die Völker und die Zeiten für Schaden leiden, durch diesen Schaden sind jedesmal Einzelne klug geworden, und von ihnen aus strömt die Klugheit lang- sam auf die Maassregeln ganzer Völker, ganzer Zeiten über. Auch die Ameisen irren und vergreifen sich; die Menschheit kann recht wohl durch Thorheit der Mittel verderben und verdorren, vor der Zeit, es giebt weder für Jene, noch für Diese einen sicher führenden Instinct Wir müssen vielmehr der grossen Aufgabe in's Gesicht sehen, die Erde für ein Gewächs der grössten und freudigsten Fruchtbarkeit vorzubereiten, — einer Auf- gabe der Vernunft für die Vernunft!

Das Lob des Uneigennützigen und sein Ursprung. — Zwischen zwei nachbarlichen Häuptlingen war seit Jahren Hader: man verwüstete sich die Saaten, führte Heerden weg, brannte Häuser nieder, mit einem unentschiedenen Erfolge im Ganzen, weil ihre Macht ziemlich gleich war. Ein Dritter, der durch die abge- schlossene Lage seines Besitzthums von diesen Fehden sich fernhalten konnte, aber doch Grund hatte, den Tag zu fürchten, wo einer dieser händelsüchtigen Nachbarn entscheidend zum Übergewicht kommen würde, trat end- lich zwischen die Streitenden, mit Wohlwollen und Feier- lichkeit: und im Geheimen legte er auf seinen Friedens- vorschlag ein schweres Gewicht, indem er Jedem einzeln zu verstehen gab, fürderhin gegen Den, welcher sich wider den Frieden sträube, mit dem Andern gemeinsame Sache zu machen. Man kam vor ihm zusammen, man legte zögernd in seine Hand die Hände in einander, welche bisher die Werkzeuge und allzu oft die Ursachen des Hasses gewesen waren, — und wirklich, man ver- suchte es ernstlich mit dem Frieden. Jeder sah mit Er- staunen, wie plötzlich sein Wohlstand, sein Behagen wuchs, wie man jetzt am Nachbar einen kaufs- und ver- kaufsbereiten Händler, statt eines tückischen oder offen höhnenden Übelthäters, hatte, wie selbst, in unvorher- gesehenen Nothfällen, man sich gegenseitig aus der Noth ziehen konnte, statt, wie es bisher geschehen, diese Noth des Nachbars auszunutzen und aufs Höchste zu steigern; ja es schien, als ob der Menschenschlag in beiden Gegenden sich seitdem verschönert hätte: denn die Augen hatten sich erhellt, die Stirnen sich entrunzelt, Allen war das Vertrauen zur Zukunft zu eigen geworden — und Nichts ist den Seelen und Leibern der Menschen förderlicher als diess Vertrauen. Man sah sich alle Jahre am Tage des Bündnisses wieder, die Häuptlinge sowohl wie deren Anhang: und zwar vor dem Angesicht des Mittlers, dessen Handlungsweise man, je grösser der Nutzen war, den man ihr verdankte, immer mehr anstaunte und verehrte. Man nannte sie uneigennützig — man hatte den Blick viel zu fest auf den eigenen, seither eingeernteten Nutzen gerichtet, um von der Hand- lungsweise des Nachbars mehr zu sehen, als dass sein Zustand in Folge derselben sich nicht so verändert habe wie der eigne: er war vielmehr derselbe geblieben, und so schien es, dass Jener den Nutzen nicht im Auge ge- habt habe. Zum ersten Male sagte man sich, dass die Uneigennützigkeit eine Tugend sei: gewiss mochten im Kleinen und Privaten sich oftmals bei ihnen ähnliche Dinge ereignet haben, aber man hatte das Augenmerk für diese Tugend erst, als sie zum ersten Male in ganz grosser Schrift, lesbar für die ganze Gemeinde, an die Wand gemalt wurde. Erkannt als Tugenden, zu Namen gekommen, in Schätzung gebracht, zur Aneignung an- empfohlen sind die moralischen Eigenschaften erst von dem Augenblicke an, wo sie sichtbar über Glück und Verhängniss ganzer Gesellschaften entschieden haben: dann ist nämlich die Höhe der Empfindung und die Er- regung der inneren schöpferischen Kräfte bei Vielen so gross, dass man dieser Eigenschaft Geschenke bringt, vom Besten, was Jeder hat: der Ernste legt ihr seinen Ernst zu Füssen, der Würdige seine Würde, die Frauen ihre Milde, die Jünglinge alles Hoffhungs- und Zukunfts- reiche ihres Wesens; der Dichter leiht ihr Worte und Namen, reiht sie in den Reigentanz ähnlicher Wesen ein, giebt ihr einen Stammbaum und betet zuletzt, wie es Künstler thun, das Gebilde seiner Phantasie als neue Gottheit an — er lehrt sie anbeten. So wird eine Tugend, weil die Liebe und die Dankbarkeit Aller an ihr arbeitet wie an einer Bildsäule, zuletzt eine An- sammlung des Guten und Verehrungswürdigen, eine Art Tempel und göttlicher Person zugleich. Sie steht fürderhin als einzelne Tugend da, als ein Wesen für sich, was sie bis dahin nicht war, und übt die Rechte und die Macht einer geheiligten Übermenschlichkeit aus. — Im späteren Griechenland standen die Städte voll von solchen vergottmenschlichten Abstracten (man verzeihe das ab- sonderliche Wort um des absonderlichen Begriffs willen); das Volk hatte sich auf seine Art einen platonischen ,Ideenhimmel" inmitten seiner Erde hergerichtet, und ich glaube nicht, dass dessen Inwohner weniger lebendig empfunden wurden als irgend eine althomerische Gottheit.

Dunkel-Zeiten. — „Dunkel - Zeiten" nennt man solche in Norwegen, wo die Sonne den ganzen Tag unter dem Horizonte bleibt: die Temperatur fällt dabei fortwährend langsam. — Ein schönes Gleichniss für alle Denker, welchen die Sonne der Menschheits - Zukunft zeitweilig verschwunden ist.

Der Philosoph der Üppigkeit. — Ein Gärtchen, Feigen, kleine Käse und dazu drei oder vier gute Freunde — das war die Üppigkeit Epikur's.

Die Epochen des Lebens. — Die eigentlichen Epochen im Leben sind jene kurze Zeiten des Still- standes, mitten inne zwischen dem Aufsteigen und Ab- steigen eines regierenden Gedankens oder Gefühls. Hier ist wieder einmal Sattheit da: alles Andere ist Durst und Hunger — oder Überdruss.

Der Traum. — Unsere Träume sind, wenn sie einmal ausnahmsweise gelingen und vollkommen werden — für gewöhnlich ist der Traum eine Pfuscher- Arbeit —, symbolische Scenen- und Bilder- Ketten an Stelle einer erzählenden Dichter-Sprache; sie umschreiben unsere Er- lebnisse oder Erwartungen oder Verhältnisse mit dich- terischer Kühnheit und Bestimmtheit, dass wir dann immer morgens über uns erstaunt sind, wenn wir uns unserer Träume erinnern. Wir verbrauchen im Traume zu viel Künstlerisches — und sind desshalb am Tage oft zu arm daran.

Natur und Wissenschaft. — Ganz wie in der Natur werden auch in der Wissenschaft die schlechteren unfruchtbareren Gegenden zuerst gut angebaut — weil hierfür eben die Mittel der angehenden Wissenschaft ungefähr ausreichen. Die Bearbeitung der fruchtbarsten Gegenden setzt eine sorgsam entwickelte ungeheure Kraft von Methode, gewonnene Einzel-Resultate und eine organisirte Schaar von Arbeitern, gut geschulten Arbeitern, voraus — das findet sich erst spät zu- sammen. — Die Ungeduld und der Ehrgeiz greift oft zu früh nach diesen fruchtbarsten Gegenden, aber die Ergebnisse sind gleich Null. In der Natur würden sich solche Versuche dadurch rächen, dass die Ansiedler verhungerten.

Einfach leben. — Eine einfache Lebensweise ist jetzt schwer: dazu thut viel mehr Nachdenken und Er- findungsgabe noth, als selbst sehr gescheidte Leute haben. Der Ehrlichste von ihnen wird vielleicht noch sagen: „Ich habe nicht die Zeit, darüber so lange nachzudenken. Die einfache Lebensweise ist für mich ein zu vornehmes Ziel; ich will warten, bis Weisere, als ich bin, sie ge- funden haben."

Spitzen und Spitzchen. — Die geringe Frucht- barkeit, die häufige Ehelosigkeit und überhaupt die ge- schlechtliche Kühle der höchsten und cultivirtesten Geister, sowie der zu ihnen gehörenden Classen, ist wesentlich in der Ökonomie der Menschheit: die Vernunft erkennt und macht Gebrauch davon, dass bei einem äussersten Punkte der geistigen Entwicklung die Gefahr einer nervösen Nachkommenschaft sehr gross ist: solche Menschen sind Spitzen der Menschheit — sie dürfen nicht weiter in Spitzchen auslaufen.

» Keine Natur macht Sprünge. — Wenn der Mensch sich noch so stark fortentwickelt und aus einem Gegensatz in den anderen überzuspringen scheint: bei genaueren Beobachtungen wird man doch die Ver- zahnungen auffinden, wo das neue Gebäude aus dem älteren herauswächst. Diess ist die Aufgabe des Bio- graphen: er muss nach dem Grundsatz über das Leben denken, dass keine Natur Sprünge macht.

Zwar reinlich. — Wer sich mit reingewaschnen Lumpen kleidet, kleidet sich zwar reinlich, aber doch lumpenhaft.

Der Einsame spricht. — Man erntet als Lohn für vielen Überdruss Missmuth Langeweile — wie diess alles eine Einsamkeit ohne Freunde Bücher Pflichten Leidenschaften mit sich bringen muss — jene Viertelstunden tiefster Einkehr in sich und die Natur. Wer sich völlig gegen die Langeweile verschanzt, ver- schanzt sich auch gegen sich selber: den kräftigsten Labtrunk aus dem eigenen innersten Born wird er nie zu trinken bekommen.

Falsche Berühmtheit. — Ich hasse jene angeb- lichen Naturschönheiten, welche im Grunde nur durch das Wissen, namentlich das geographische, etwas be- deuten, an sich aber dem schönheitsdurstigen Sinne dürftig bleiben: zum Beispiel die Ansicht des Mont blanc von Genf aus — etwas Unbedeutendes ohne die zu Hülfe eilende Gehirnfreude des Wissens; die näheren Berge sind alle schöner und ausdrucksvoller — aber „lange nicht so hoch", wie jenes absurde Wissen, zur Abschwächung, hinzufügt. Das Auge widerspricht dabei dem Wissen: wie soll es sich im Widersprechen wahr- haft freuen können!

Vergnügungs-Reisende. — Sie steigen wie Thiere den Berg hinauf, dumm und schwitzend; man hatte ihnen zu sagen vergessen, dass es unterwegs schöne Aussichten gebe.

Zu viel und zu wenig. — Die Menschen durch- leben jetzt alle zu viel und durchdenken zu wenig: sie haben Heisshunger und Kolik zugleich und werden dess- halb immer magerer, so viel sie auch essen. — Wer jetzt sagt: „ich habe Nichts erlebt" — ist ein Dummkopf.

Ende und Ziel. — Nicht jedes Ende ist das Ziel. Das Ende der Melodie ist nicht deren Ziel; aber trotz- dem: hat die Melodie ihr Ende nicht erreicht, so hat sie auch ihr Ziel nicht erreicht. Ein Gleichniss.

Neutralität der grossen Natur. — Die Neutra- lität der grossen Natur (in Berg Meer Wald und Wüste) gefällt, aber nur eine kurze Zeit: nachher werden wir ungeduldig. „Wollen denn diese Dinge gar Nichts z u uns sagen? Sind wir für sie nicht da?" Es entsteht das Gefühl eines crimen laesae majestatis humanae.

Die Absichten vergessen. — Man vergisst über der Reise gemeinhin deren Ziel. Fast jeder Beruf wird als Mittel zu einem Zweck gewählt und begonnen, aber als letzter Zweck fortgeführt. Das Vergessen der Ab- sichten ist die häufigste Dummheit, die gemacht wird.

Sonnenbahn der Idee. — Wenn eine Idee am Horizonte eben aufgeht, ist gewöhnlich die Temperatur der Seele dabei sehr kalt. Erst allmählich entwickelt die Idee ihre Wärme, und am heissesten ist diese (das heisst sie thut ihre grössten Wirkungen), wenn der Glaube an die Idee schon wieder im Sinken ist.

Wodurch man Alle wider sich hätte. — Wenn jetzt Jemand zu sagen wagte: „wer nicht für mich ist, der ist wider mich", so hätte er sofort Alle wider sich. — Diese Empfindung macht unserer Zeit Ehre.

Sich des Reichthums schämen. — Unsre Zeit verträgt nur eine einzige Gattung von Reichen, solche, Nietzsche, Werke Band III. 20 welche sich ihres Reichthums schämen. Hört man von Jemandem „er ist sehr reich", so hat man dabei sofort eine ähnliche Empfindung wie beim Anblick einer wider- lich anschwellenden Krankheit, einer Fett- oder Wasser- sucht: man muss sich gewaltsam seiner Humanität erinnern, um mit einem solchen Reichen so zu ver- kehren, dass er von unserm Ekelgefühle Nichts merkt. Sobald er aber gar sich Etwas auf seinen Reich- thum zu Gute thut, so mischt sich zu unserm Ge- fühl die fast mitleidige Verwunderung über einen so hohen Grad der menschlichen Unvernunft: sodass man die Hände gen Himmel erheben und rufen möchte „Armer, Entstellter, Überbürdeter, hundertfach Gefesselter, dem jede Stunde etwas Unangenehmes bringt oder bringen kann, in dessen Gliedern jedes Ereigniss von zwanzig Völkern nachzuckt, wie magst du uns glauben machen, dass du dich in deinem Zustande wohl- fühlst! Wenn du irgendwo öffentlich erscheinst, so wissen wir, dass es eine Art Spiessruthenlaufens ist, unter lauter Blicken, welche für dich nur kalten Hass oder Zudringlichkeit oder schweigsamen Spott haben. Dein Erwerben mag leichter sein als das der Anderen: aber es ist ein überflüssiges Erwerben, welches wenig Freude macht, und dein Bewahren von allem Erworbenen ist jedenfalls jetzt ein mühseligeres Ding als irgend ein mühseliges Erwerben. Du leidest fortwährend, denn du verlierst fortwährend. Was nützt es dir, dass man dir immer neues künstliches Blut zuführt: desshalb thun doch die Schröpf köpfe nicht weniger weh, die auf deinem Nacken sitzen, beständig sitzen! — Aber, um nicht unbillig zu werden, es ist schwer, vielleicht unmög- lich für dich, nicht reich zu sein: du musst bewahren, musst neu erwerben, der vererbte Hang deiner Natur ist das Joch über dir — aber desshalb täusche uns nicht und schäme dich ehrlich und sichtlich des Joches, das du trägst: da du ja im Grunde deiner Seele müde und unwillig bist, es zu tragen. Diese Scham schändet nicht."

Ausschweifung in der Anmaassung. — Es giebt so anmaassende Menschen, dass sie eine Grösse, welche sie öffentlich bewundern, nicht anders zu loben wissen, als dass sie dieselbe als Vorstufe und Brücke, die zu ihnen führt, darstellen.

Auf dem Boden der Schmach. — Wer den Menschen eine Vorstellung nehmen will, thut sich ge- wöhnlich nicht genug damit, sie zu widerlegen und den unlogischen Wurm, der in ihr sitzt, herauszuziehen: er wirft vielmehr, nachdem der Wurm getödtet ist, die ganze Frucht auch noch in den Koth, um sie den Menschen unansehnlich zu machen und Ekel vor ihr einzuflössen. So glaubt er das Mittel gefunden zu haben, die bei widerlegten Vorstellungen so gewöhnliche „Wieder- auferstehung am dritten Tage" unmöglich zu machen. — Er irrt sich, denn gerade auf dem Boden der Schmach, inmitten des Unflathes, treibt der Fruchtkern der Vor- stellung schnell neue Keime. — Also: ja nicht ver- höhnen, beschmutzen, was man endgültig beseitigen will, sondern es achtungsvoll auf's Eis legen, immer und immer wieder, in Anbetracht dass Vorstellungen ein sehr zähes Leben haben. Hier muss man nach der Maxime handeln: „Eine Widerlegung ist keine Wider- legung."

Loos der Moralität — Da die Gebundenheit der Geister abnimmt, ist sicherlich die Moralität (die ver- erbte überlieferte instincthafte Handlungsweise nach moralischen Gefühlen) ebenfalls in Abnahme: nicht aber die einzelnen Tugenden, Massigkeit Gerechtigkeit Seelenruhe — denn die grösste Freiheit des bewussten Geistes führt einmal schon unwillkürlich zu ihnen hin und räth sie sodann auch als nützlich an.

Der Fanatiker des Misstrauens und seine Bürgschaft. — Der Alte: Du willst das Ungeheure wagen und die Menschen im Grossen belehren? Wo ist deine Bürgschaft? — Pyrrhon: Hier ist sie: ich will die Menschen vor mir selber warnen, ich will alle Fehler meiner Natur öffentlich bekennen und meine Übereilungen Widersprüche und Dummheiten vor Aller Augen blosstellen. Hört nicht auf mich, will ich ihnen sagen, bis ich nicht eurem Geringsten gleich geworden bin, und noch geringer bin als er; sträubt euch gegen die Wahrheit, solange ihr nur könnt, aus Ekel vor Dem, der ihr Fürsprecher ist. Ich werde euer Verführer und Betrüger sein, wenn ihr noch den mindesten Glanz von Achtbarkeit und Würde an mir wahrnehmt. — Der Alte: Du versprichst zu viel, du kannst diese Last nicht tragen. — Pyrrhon: So will ich auch diess den Menschen sagen, dass ich zu schwach bin und nicht halten kann, was ich verspreche. Je grösser meine Un- würdigkeit, um so mehr werden sie der Wahrheit miss- trauen, wenn sie durch meinen Mund geht. — Der Alte: Willst du denn der Lehrer des Misstrauens gegen die Wahrheit sein? — Pyrrhon: Des Misstrau ens, wie es noch nie in der Welt war, des Misstrauens gegen Alles und Jedes. Es ist der einzige Weg zur Wahrheit. Das rechte Auge darf dem linken nicht trauen, und Licht wird eine Zeitlang Finsterniss heissen müssen: diess ist der Weg, den ihr gehen müsst. Glaubt nicht, dass er euch zu Fruchtbäumen und schönen Weiden führe. Kleine harte Körner werdet ihr auf ihm finden, — das sind die Wahrheiten: Jahrzehende lang werdet ihr die Lügen händevoll verschlingen müssen, um nicht Hungers zu sterben: ob ihr schon wisset, dass es Lügen sind. Jene Körner aber werden gesäet und eingegraben, und vielleicht, vielleicht giebt es einmal einen Tag der Ernte: Niemand darf ihn versprechen, er sei denn ein Fanatiker. — Der Alte: Freund, Freund! Auch deine Worte sind die des Fanatikers! — Pyrrhon: Du hast Recht! ich will gegen alle Worte misstrauisch sein. — Der Alte: Dann wirst du schweigen müssen. — Pyrrhon: Ich werde den Menschen sagen, dass ich schweigen muss und dass sie meinem Schweigen miss- trauen sollen. — Der Alte: Du trittst also von deinem Unternehmen zurück? — Pyrrhon: Vielmehr — du hast mir eben das Thor gezeigt, durch welches ich gehen muss. — Der Alte: Ich weiss nicht —: verstehen wir uns jetzt noch völlig? — Pyrrhon: Wahrscheinlich nicht. — Der Alte: Wenn du dich nur selber völlig verstehst! — Pyrrhon dreht sich um und lacht. — Der Alte: Ach Freund! Schweigen und Lachen — ist das jetzt deine ganze Philosophie? — Pyrrhon: Es wäre nicht die schlechteste. — Europäische Bücher. — Man ist beim Lesen von Montaigne. La Rochefoucauld Labruyere Fontenelle (namentlich der Dialogues des morts) Vauvenargues Chamfort dem Alterthum näher als bei irgendwelcher Gruppe von sechs Autoren andrer Völker. Durch jene Sechs ist der Geist der letzten Jahrhunderte der alten Zeitrechnung wieder erstanden — sie zusammen bilden ein wichtiges Glied in der grossen noch fort- laufenden Kette der Renaissance. Ihre Bücher erheben sich über den Wechsel des nationalen Geschmacks und der philosophischen Färbungen, in denen für gewöhnlich jetzt jedes Buch schillert und schillern muss, um berühmt zu werden: sie enthalten mehr wirkliche Gedanken als alle Bücher deutscher Philosophen zusammengenom- men: Gedanken von der Art, welche Gedanken macht, und die — ich bin in Verlegenheit zu Ende zu definiren: genug, dass es mir Autoren zu sein scheinen, welche weder für Kinder noch für Schwärmer geschrieben haben, weder für Jungfrauen noch für Christen, weder für Deutsche noch für — ich bin wieder in Verlegenheit, meine Liste zu schliessen. — Um aber ein deutliches Lob zu sagen: sie wären, griechisch geschrieben, auch von Griechen verstanden worden. Wie viel hätte dagegen selbst ein Plato von den Schriften unserer besten deutschen Denker, zum Beispiel Goethe's und Schopenhauer's, überhaupt verstehen können, von dem Widerwillen zu schweigen, welchen ihre Schreibart ihm erregt haben würde, nämlich das Dunkle Übertriebene und gelegent- lich wieder Klapperdürre — Fehler, an denen die Ge- nannten noch am wenigsten von den deutschen Denkern und doch noch allzuviel leiden (Goethe, als Denker, hat die Wolke lieber umarmt, als billig ist, und Schopen- hauer wandelt nicht ungestraft fast fortwährend unter Gleichnissen der Dinge statt unter den Dingen selber). — Dagegen, welche Helligkeit und zierliche Bestimmtheit bei jenen Franzosen! Diese Kunst hätten auch die fein- ohrigsten Griechen gutheissen müssen, und Eins würden sie sogar bewundert und angebetet haben, den franzö- sischen Witz des Ausdrucks: so Etwas liebten sie sehr, ohne gerade darin besonders stark zu sein.

Mode und modern. — Überall, wo noch die Unwissenheit, die Unreinlichkeit, der Aberglaube im Schwange sind, wo der Verkehr lahm, die Landwirth- schaft armselig, die Priesterschaft mächtig ist, da finden sich auch noch die Nationaltrachten. Dagegen herrscht die Mode, wo die Anzeichen des Entgegen- gesetzten sich finden. Die Mode ist also neben den Tugenden des jetzigen Europa zu finden: sollte sie wirklich deren Schattenseite sein? — Zunächst sagt die männliche Bekleidung, welche modisch und nicht mehr national ist, von Dem, der sie trägt, aus, dass der Eu- ropäer nicht als Einzelner noch als Standes- und Volksgenosse auffallen will, dass er sich eine ab- sichtliche Dämpfung dieser Arten von Eitelkeit zum Gesetz gemacht hat; dann dass er arbeitsam ist und nicht viel Zeit zum Ankleiden und Sich-putzen hat, auch alles Kostbare und Üppige in Stoff und Faltenwurf im Widerspruch mit seiner Arbeit findet; endlich dass er durch seine Tracht auf die gelehrteren und geistigeren Berufe als Die hinweist, welchen er als europäischer Mensch am nächsten steht oder stehen möchte: während durch die noch vorhandenen Nationaltrachten der Räuber, der Hirt oder der Soldat als die wünschbarsten und ton- angebenden Lebensstellungen hindurchschimmern. Inner- halb dieses Gesammtcharakters der männlichen Mode giebt es dann jene kleinen Schwankungen, welche die Eitelkeit der jungen Männer, der Stutzer und Nichts- thuer der grossen Städte hervorbringt, also Derer, welche als europäische Menschen noch nicht reif geworden sind. — Die europäischen Frauen sind diess noch viel weniger, wesshalb die Schwankungen bei ihnen viel grösser sind: sie wollen auch das Nationale nicht und hassen es, als Deutsche Franzosen Russen an der Kleidung erkannt zu werden, aber als Einzelne wollen sie sehr gern auffallen; ebenso soll Niemand schon durch ihre Bekleidung in Zweifel gelassen werden, dass sie zu einer angesehenen Classe der Gesellschaft (zur „guten" oder „hohen" oder „grossen" Welt) gehören, und zwar wünschen sie nach dieser Seite hin gerade um so mehr voreinzunehmen, als sie nicht oder kaum zu jener Classe gehören. Vor Allem aber will die junge Frau Nichts tragen, was die etwas ältere trägt, weil sie durch den Verdacht eines höheren Lebensalters im Preise zu fallen glaubt: die ältere wiederum möchte durch jugendlichere Tracht so lange täuschen, als es irgend angeht, — aus welchem Wettbewerb sich zeitweilig immer Moden ergeben müssen, bei denen das eigentlich Jugend- liche ganz unzweideutig und unnachahmlich sichtbar wird. Hat der Erfindungsgeist der jungen Künstlerinnen in solchen Blossstellungen der Jugend eine Zeitlang ge- schwelgt oder um die ganze Wahrheit zu sagen — hat man wieder einmal den Erfindungsgeist älterer höfischer Culturen sowie den der noch bestehenden Nationen, und überhaupt den ganzen costümirten Erdkreis zu Rathe