SigPhi · Nietzsche

Menschliches, Allzumenschliches, Zweiter Band (German)

German

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Philister-Nothdurft. — Der Philister meint einen Purpurfetzen oder Turban von Metaphysik am nöthigsten zu haben und will ihn durchaus nicht schlüpfen lassen: und doch würde man ihn ohne diesen Putz weniger lächerlich finden.

Die Schwärmer. — Mit Allem, was Schwärmer zu Gunsten ihres Evangeliums oder ihres Meisters sagen, vertheidigen sie sich selbst, so sehr sie sich auch als Richter (und nicht als Angeklagte) gebärden, weil sie unwillkürlich und fast in jedem Augenblicke daran erinnert werden, dass sie Ausnahmen sind, die sich legitimiren müssen.

Das Gute verführt zum Leben. — Alle guten Dinge sind starke Reizmittel zum Leben, selbst jedes gute Buch, das gegen das Leben geschrieben ist.

Glück des Historikers. — „Wenn wir die spitz- findigen Metaphysiker und Hinterweltler reden hören, fühlen wir Anderen freilich, dass wir die,Armen am Geist' sind, aber auch dass unser das Himmelreich des Wechsels, mit Frühling und Herbst, Winter und Sommer, und Jener die Hinterwelt ist — mit ihren grauen frostigen unendlichen Nebeln und Schatten." — So sprach Einer zu sich bei einem Gange in der Morgensonne: Einer, dem bei der Historie nicht nur der Geist, sondern auch das Herz sich immer neu verwandelt und der, im Gegen- satze zu den Metaphysikern, glücklich darüber ist, nicht „Eine unsterbliche Seele", sondern viele sterbliche Seelen in sich zu beherbergen.

Drei Arten von Denkern. — Es giebt strömende, fliessende, tröpfelnde Mineralquellen; und dem ent- sprechend drei Arten von Denkern. Der Laie schätzt sie nach der Masse des Wassers, der Kenner nach dem Gehalt des Wassers ab, also nach dem, was eben nicht Wasser in ihnen ist.

Das Bild des Lebens. — Die Aufgabe, das Bild des Lebens zu malen, so oft sie auch von Dichtern und Philosophen gestellt wurde, ist trotzdem unsinnig: auch unter den Händen der grössten Maler-Denker sind immer nur Bilder und Bildchen aus einem Leben, nämlich aus ihrem Leben, entstanden — und nichts Anderes ist auch nur möglich. Im Werdenden kann sich ein Werdendes nicht als fest und dauernd, nicht als ein „Das" spieg'eln.

y Wahrheit will keine Götter neben sich. — Der Glaube an die Wahrheit beginnt mit dem Zweifel an allen bis dahin geglaubten „Wahrheiten".

Worüber Schweigen verlangt wird. — Wenn man von der Freigeisterei wie von einer höchst gefähr- lichen Gletscher- und Eismeer- Wanderung redet, so sind Die, welche jenen Weg nicht gehen wollen, beleidigt als ob man ihnen Zaghaftigkeit und schwache Kniee zum Vorwurf gemacht hätte. Das Schwere, dem wir uns nicht gewachsen fühlen, soll nicht einmal vor uns ge- nannt werden.

yHtstoria in nuce. — Die ernsthafteste Parodie, die ich je hörte, ist diese: „im Anfang war der Unsinn, und der Unsinn war, bei Gott! und Gott (göttlich) war der Unsinn."

Unheilbar. — Ein Idealist ist unverbesserlich: wirft man ihn aus seinem Himmel, so macht er sich aus der Hölle ein Ideal zurecht; man enttäusche ihn und siehe! — er wird die Enttäuschung nicht minder brünstig umarmen, als er noch jüngst die Hoffnung umarmt hat. Insofern sein Hang zu den grossen unheilbaren Hängen der menschlichen Natur gehört, kann er trag'ische Schick- sale herbeiführen und später Gegenstand von Tragödien werden: als welche es eben mit dem Unheilbaren, Un- abwendbaren, Unentfliehbaren in Menschenloos und -Cha- rakter zu thun haben.

Der Beifall selber als Fortsetzung des Schau- spiels. — Strahlende Augen und ein wohlwollendes Lächeln ist die Art des Beifalls, welche der ganzen grossen Welt- und Daseinskomödie gezollt wird, — aber zugleich eine Komödie in der Komödie, welche die an- dern Zuschauer zum „filaudüe a,7nici" verführen soll.

Muth zur Langweiligkeit — Wer den Muth nicht hat, sich und sein Werk langweilig finden zu lassen, ist gewiss kein Geist ersten Ranges, sei es in Künsten oder Wissenschaften. — Ein Spötter, der ausnahmsweise auch ein Denker wäre, könnte, bei einem Blick auf Welt und Geschichte, hinzufügen: „Gott hatte diesen Muth nicht; er hat die Dinge insgesammt zu interessant machen wollen und gemacht."

Aus der innersten Erfahrung des Denkers. — Nichts wird dem Menschen schwerer als eine Sache unpersönlich zu fassen: ich meine, in ihr eben eine Sache und keine Person zu sehen: ja man kann fragen, ob es ihm überhaupt möglich ist, das Uhrwerk seines per- sonenbildenden, personendichtenden Triebes auch nur einen Augenblick auszuhängen. Verkehrt er doch selbst mit Gedanken, und seien es die abstractesten, so, als wären es Individuen, mit denen man kämpfen, an die man sich anschliessen, welche man behüten, pflegen, auf- nähren müsse. Belauern und belauschen wir uns nur selber, in jenen Minuten, wo wir einen uns neuen Satz hören oder finden. Vielleicht missfällt er uns, weil er so trotzig, so selbstherrlich dasteht: unbewusst fragen wir uns, ob wir ihm nicht einen Gegensatz als Feind zur Seite ordnen, ob wir ihm ein „Vielleicht", ein „Mit- unter" anhängen können; selbst das Wörtchen „wahr- scheinlich" giebt uns eine Genugthuung, weil es die per- sönlich lästige Tyrannei des Unbedingten bricht. Wenn dagegen jener neue Satz in milderer Form einherzieht, fein duldsam und demüthig und dem Widerspruche gleichsam in die Arme sinkend, so versuchen wir es mit einer andern Probe unsrer Selbstherrlichkeit: wie, können wir diesem schwachen Wesen nicht zu Hülfe kommen, es streicheln und nähren, ihm Kraft und Fülle, ja Wahrheit und selbst Unbedingtheit geben? Ist es möglich, uns elternhaft oder ritterlich oder mitleidig gegen dasselbe zu benehmen? — Dann wieder sehen wir hier ein Urtheil und dort ein Urtheil, entfernt von einander, ohne sich an- zusehen, ohne sich auf einander zu zu bewegen: da kitzelt uns der Gedanke, ob hier nicht eine Ehe zu stiften, ein Schluss zu ziehen sei, mit dem Vorgefühle, dass im Falle sich eine Folge aus diesem Schlüsse ergiebt, nicht nur die beiden ehelich verbundenen Urtheile, son- dern auch der Ehestifter die Ehre davon habe. Kann man aber weder auf dem Wege des Trotzes und Übel- wollens, noch auf dem des Wohlwollens jenem Gedanken etwas anhaben (hält man ihn für wahr — ), dann unter- wirft man sich und huldigt ihm als einem Führer und Herzoge, giebt ihm einen Ehrenstuhl und spricht nicht ohne Gepränge und Stolz von ihm: denn in seinem Glänze glänzt man mit. Wehe dem, der diesen ver- dunkeln will; es sei denn, dass er selber uns eines Tages bedenklich wird: — dann stossen wir, die unermüdlichen „Königsmacher" (king-makers) der Geschichte des Geistes, ihn vom Throne und heben flugs seinen Gegner hinauf. Diess erwäge man und denke noch ein Stück weiter: gewiss wird Niemand dann noch von einem „Erkenntniss- triebe an und für sich" reden! — Wesshalb zieht also der Mensch das Wahre dem Unwahren vor, in diesem heim- lichen Kampfe mit Gedanken-Personen, in dieser meist versteckt bleibenden Gedanken-Ehestiftung, Gedanken- Staatenbegründung, Gedanken -Kinderzucht, Gedanken- Armen- und Krankenpflege? Aus dem gleichen Grunde, aus dem er die Gerechtigkeit im Verkehre mit wirklichen Personen übt: jetzt aus Gewohnheit, Vererbung und Anerziehung, ursprünglich, weil das Wahre — wie auch das Billige und Gerechte — nützlicher und ehr- bringender ist als das Unwahre. Denn im Reiche des Denkens sind Macht und Ruf schlecht zu behaupten, die sich auf dem Irrthum oder der Lüge aufbauen: das Gefühl, dass ein solcher Bau immer einmal zusammenbrechen könne, ist demüthigend für das Selbstbewusst- sein seines Baumeisters; er schämt sich der Zerbrechlich- keit seines Materials und möchte, weil er sich selber wichtiger als die übrige Welt nimmt, Nichts thun, was nicht dauernder als die übrige Welt wäre. Im Verlangen nach der Wahrheit umarmt er den Glauben an die persönliche Unsterblichkeit, das heisst: den hoch- müthigsten und trotzigsten Gedanken, den es giebt, verschwistert wie er ist mit dem Hintergedanken „fiereat mundus, dum ego salvus sim!" Sein Werk ist ihm zu seinem ego geworden, er schafft sich selber in's Unver- gängliche, Allem Trotz Bietende um. Sein unermesslicher Stolz ist es, der nur die besten härtesten Steine zum "Werke verwenden will, Wahrheiten also oder Das, was er dafür hält. Mit Recht hat man zu allen Zeiten als „das Laster des Wissenden" den Hochmuth genannt — doch würde es ohne diess triebkräftige Laster erbärm- lich um die Wahrheit und deren Geltung auf Erden bestellt sein. Darin dass wir uns vor unsern eigenen Gedanken, Begriffen, Worten fürchten, dass wir aber auch in ihnen uns selber ehren, ihnen unwillkürlich die Kraft zuschreiben, uns belohnen, verachten, loben und tadeln zu können, darin dass wir also mit ihnen wie mit freien geistigen Personen, mit unabhängigen Mächten verkehren, als Gleiche mit Gleichen — darin hat das seltsame Phänomen seine Wurzel, welches ich „intellectuales Gewissen" genannt habe. — »So ist auch hier etwas Moralisches höchster Gattung aus einer Schwarzwurzel herausgeblüht.

Die Obscuranten. — Das Wesentliche an der schwarzen Kunst des Obscurantismus ist nicht, dass er die Köpfe verdunkeln will, sondern dass er das Bild der Welt anschwärzen, unsere Vorstellung vom Dasein verdunkeln will. Dazu dient ihm zwar häufig jenes Mittel, die Aufhellung der Geister zu hintertreiben: mit- unter aber gebraucht er gerade das entgegengesetzte Mittel und sucht durch die höchste Verfeinerung des Intellects einen Überdruss an dessen Früchten zu erzeugen. Spitzfindige Metaphysiker, welche die Skepsis vorbereiten und durch ihren übermässigen Scharfsinn zum Misstrauen gegen den Scharfsinn auffordern, sind gute Werkzeuge eines feineren Obscurantismus. — Ist es möglich, dass selbst Kant in dieser Absicht verwendet werden kann? ja dass er, nach seiner eignen berüchtigten Erklärung, etwas Derartiges, wenigstens zeitweilig, ge- wollt hat: dem Glauben Bahn machen, dadurch dass er dem Wissen seine Schranken wies? — was ihm nun freilich nicht gelungen ist, ihm so wenig wie seinen Nachfolgern auf den Wolfs- und Fuchsgängen dieses höchst verfeinerten und gefährlichen Obscurantismus, ja des gefährlichsten: denn die schwarze Kunst erscheint hier in einer Lichthülle.

An welcher Art von Philosophie die Kunst verdirbt. — Wenn es den Nebeln einer metaphysisch- mystischen Philosophie gelingt, alle ästhetischen Phä- nomene undurchsichtbar zu machen, so folgt dann, dass sie auch unter einander unabschätzbar sind, weil jedes Einzelne unerklärlich wird. Dürfen sie aber nicht einmal mehr mit einander zum Zwecke der Abschätzung verglichen werden, so entsteht zuletzt eine vollständige Unkritik, ein blindes Gewährenlassen: daraus aber wiederum eine stetige Abnahme des Genusses an der Kunst (welcher nur durch ein höchst verschärftes Schmecken und Unterscheiden sich von der rohen Stil- lung eines Bedürfnisses unterscheidet). Je mehr aber der Genuss abnimmt, um so mehr wandelt sich das Kunst- Verlan gen zum gemeinen Hunger um und zurück, dem nun der Künstler durch immer gröbere Kost abzu- helfen sucht.

Auf Gethsemane. — Das Schmerzlichste, was der Denker zu den Künstlern sagen kann, lautet so: „könnt ihr denn nicht eine Stunde mit mir wachen?"

Am Webstuhle. — Den Wenigen, welche eine Freude daran haben, den Knoten der Dinge zu lösen und sein Gewebe aufzutrennen, arbeiten Viele entgegen (zum Beispiel alle Künstler und Frauen), ihn immer wieder neu zu knüpfen und zu verwickeln und so das Begriffne in's Unbegriffne, womöglich Unbegreifliche umzubilden. Was dabei auch sonst herauskommt — das Gewebte und Verknotete wird immer etwas unreinlich aussehen müssen, weil zu viele Hände daran arbeiten und ziehen.

In der Wüste der Wissenschaft. — Dem wissen- schaftlichen Menschen erscheinen auf seinen bescheidenen und mühsamen Wanderungen, die oft genug Wüsten- reisen sein müssen, jene glänzenden Lufterscheinungen, die man „philosophische Systeme" nennt: sie zeigen mit zauberischer Kraft der Täuschung die Lösung aller Räthsel und den frischesten Trunk wahren Lebens- wassers in der Nähe; das Herz schwelgt, und der Er- müdete berührt das Ziel aller wissenschaftlichen Ausdauer und Noth beinahe schon mit den Lippen, so dass er wie unwillkürlich vorwärts drängt. Freilich bleiben andere Naturen, von der schönen Täuschung wie betäubt, stehen: die Wüste verschlingt sie, für die Wissenschaft sind sie todt Wieder andere Naturen, welche jene subjectiven Tröstungen schon öfter erfahren haben, werden wohl auf's Äusserste missmuthig und verfluchen den Salz- geschmack, welchen jene Erscheinungen im Munde hinter- lassen und aus dem ein rasender Durst entsteht — ohne dass man nur Einen Schritt damit irgend einer Quelle näher gekommen wäre.

Die angebliche „wirkliche "Wirklichkeit." — Der Dichter stellt sich so, wenn er die einzelnen Berufs- arten z. B. die des Feldherrn, des Seidenwebers, des Seemanns schildert, als ob er diese Dinge von Grund aus kenne und ein Wissender sei; ja bei der Aus- einanderlegung menschlicher Handlungen und Geschicke benimmt er sich, wie als ob er beim Ausspinnen des ganzen Weltennetzes zugegen gewesen 'sei; insofern ist er ein Betrüger. Und zwar betrügt er vor lauter Nicht wissenden — und desshalb gelingt es ihm: diese bringen ihm das Lob seines ächten und tiefen Wissens entgegen und verleiten ihn endlich zu dem Wahne, er wisse die Dinge wirklich so gut wie der einzelne Kenner und Macher, ja wie die grosse Welten- Spinne selber. Zuletzt also wird der Betrüger ehrlich und glaubt an seine Wahrhaftigkeit. Ja die empfindenden Menschen sagen es ihm sogar in's Gesicht, er habe die höhere Wahrheit und Wahrhaftigkeit, — sie sind nämlich der Wirklichkeit zeitweilig müde und nehmen den dich- terischen Traum als eine wohlthätige Ausspannung und Nacht für Kopf und Herz. Was dieser Traum ihm zeigt, erscheint ihnen jetzt mehr werth, weil sie es, wie gesagt, wohlthätiger empfinden: und immer haben die Menschen gemeint, das werthvoller Scheinende sei das Wahrere, Wirklichere. Die Dichter, die sich dieser Macht bewusst sind, gehen absichtlich darauf aus, Das, was für gewöhnlich Wirklichkeit genannt wird, zu ver- unglimpfen und zum Unsichern Scheinbaren Unächten Sünd- Leid- und Trugvollen umzubilden; sie benutzen alle Zweifel über die Grenzen der Erkenntniss, alle skep- tischen Ausschreitungen, um die faltigen Schleier der Unsicherheit über die Dinge zu breiten: damit dann, nach dieser Umdunkelung, ihre Zauberei und Seelen- magie recht unbedenklich als Weg zur „wahren Wahr- heit", zur „wirklichen Wirklichkeit" verstanden werde.

Gerecht sein wollen und Richter sein wollen. — Schopenhauer, dessen grosse Kennerschaft für Mensch- liches und Allzumenschliches, dessen ursprünglicher That- sachen-Sinn nicht wenig durch das bunte Leoparden- Fell seiner Metaphysik beeinträchtigt worden ist (welches man ihm erst abziehen muss, um ein wirkliches Mora- listen-Genie darunter zu entdecken): Schopenhauer macht jene treffliche Unterscheidung, mit der er viel mehr Recht behalten wird, als er sich selber eigentlich zuge- stehen durfte: „die Einsicht in die strenge Nothwendig- keit der menschlichen Handlungen ist die Grenzlinie, welche die philosophischen Köpfe von den andern scheidet." Dieser mächtigen Einsicht, welcher er zu Zeiten offen stand, wirkte er bei sich selber durch jenes Vorurtheil entgegen, welches er mit den moralischen Menschen (nicht mit den Moralisten) noch gemein hatte und das er ganz harmlos und gläubig so ausspricht: „der letzte und wahre Aufschluss über das innere Wesen des Ganzen der Dinge muss oothwendig eng zusammenhängen mit dem über die ethische Bedeutsamkeit des menschlichen Handelns" — was eben durchaus nicht „nothwendig" ist; vielmehr durch jenen Satz von der strengen Nothwendigkeit der menschlichen Handlungen, das heisst der unbedingten Willens-Unfreiheit und -Un- verantwortlichkeit, eben abgelehnt wird. Die philoso- phischen Köpfe werden sich also von den andern durch den Unglauben an die metaphysische Bedeutsamkeit der Moral unterscheiden: und das dürfte eine Kluft zwischen sie legen, von deren Tiefe und Unüberbrückbarkeit die so beklagte Kluft zwischen „Gebildet" und „Ungebildet", wie sie jetzt existirt, kaum einen Begriff giebt. Freilich muss noch manche Hinterthüre, welche sich die „philoso- phischen Köpfe", gleich Schopenhauern selbst, gelassen haben, als nutzlos erkannt werden: keine führt in's Freie, in die Luft des freien Willens; jede, durch welche man bisher geschlüpft ist, zeigte dahinter wieder die ehern blinkende Mauer des Fatums: wir sind im Gefängniss, frei können wir uns nur träumen, nicht machen. Dass dieser Erkenntniss nicht lange mehr widerstrebt werden kann, das zeigen die verzweifelten und unglaublichen Stellungen und Verzerrungen Derer an, welche gegen sie andringen, mit ihr noch den Ringkampf fortsetzen. — So ungefähr geht es bei ihnen jetzt zu: „also kein Mensch verantwortlich? Und Alles voll Schuld und Schuldgefühl? Aber irgendwer muss doch der Sünder sein: ist es unmöglich und nicht mehr erlaubt, den Einzel- nen, die arme Welle im nothwendigen Wellenspiele des Werdens anzuklagen und zu richten — nun denn: so sei das Wellenspiel selbst, das Werden, der Sünder: hier ist der freie Wille, hier darf angeklagt, verurtheilt, ge- büsst und gesühnt werden: so sei Gojttder Sünder und der Mensch sein Erlöser: so sei (HeTWeltgeschichte Schuld, Selbstverurtheilung und Selbstmord; so werde der Missethäter zum eigenen Richter, der Richter zum eigenen Henker." — Dieses auf den Kopf gestellte Christenthum — was ist es denn sonst? — ist der letzte Fechter- Ausfall im Kampfe der Lehre von der unbedingten Moralität mit der von der unbedingten Unfreiheit — ein schauerliches Ding, wenn es mehr wäre als eine logische Grimasse, mehr als eine häss- liche Gebärde des unterliegenden Gedankens — etwa der Todeskrampf des verzweifelnden und heilsüchtigen Herzens, dem der Wahnsinn zuflüstert: „Siehe, du bist das Lamm, das Gottes Sünde trägt." — Der Irrthum steckt nicht nur im Gefühle „ich bin verantwortlich", sondern ebenso in jenem Gegensatze „ich bin es nicht, aber irgendwer muss es doch sein." — Diess ist eben nicht wahr: der Philosoph hat also zu sagen, wie Christus, „richtet nicht!", und der letzte Unterschied zwischen den philosophischen Köpfen und den andern wäre der, dass die ersten gerecht sein wollen, die an- dern Richter sein wollen.

Aufopferung. — Ihr meint, das Kennzeichen der moralischen Handlung sei die Aufopferung? — Denkt doch nach, ob nicht bei jeder Handlung, die mit Über- legung gethan wird, Aufopferung dabei ist, bei der schlechtesten wie bei der besten.

Gegen die Nierenprüfer der Sittlichkeit. — Man muss das Beste und das Schlechteste kennen, dessen ein Mensch fähig ist, im Vorstellen und Ausführen, um zu beurtheilen, wie stark seine sittliche Natur ist und wurde. Aber jenes zu erfahren ist unmöglich.

Schlangenzahn. — Ob man einen Schlangenzahn habe oder nicht, weiss man nicht eher, als bis Jemand die Ferse auf uns gesetzt hat. Eine Frau oder Mutter würde sagen: bis Jemand die Ferse auf unsern Liebling, unser Kind gesetzt hat. — Unser Charakter wird noch mehr durch den Mangel gewisser Erlebnisse als durch Das, was man erlebt, bestimmt.

Der Betrug in der Liebe. — Man vergisst manches aus seiner Vergangenheit und schlägt es sich absichtlich aus dem Sinn: das heisst, man will, dass unser Bild, welches von der Vergangenheit her uns anstrahlt, uns belüge, unserm Dünkel schmeichele — wir arbeiten fortwährend an diesem Selbstbetruge. — Und nun meint ihr, die ihr so viel vom „Sich selbst vergessen in der Liebe", vom „Aufgehen des Ich in der anderen Person" redet und rühmt, diess sei etwas wesentlich Anderes? Also man zerbricht den Spiegel, dichtet sich in eine Person hinein, die man bewundert, und geniesst nun das neue Bild seines Ich, ob man es schon mit dem Namen der anderen Person nennt — und dieser ganze Vorgang soll nicht Selbstbetrug, nicht Selbstsucht sein, ihr Wunderlichen! — Ich denke, Die, welche Etwas von sich vor sich verhehlen und Die, welche sich als Ganzes vor sich verhehlen, sind darin gleich, dass sie in der Schatz- Nietzsche, Werke Band III. 3 kammer der Erkenntniss einen Diebstahl verüben: woraus sich ergiebt, vor welchem Vergehen der Satz „erkenne dich selbst" warnt.

An den Leugner seiner Eitelkeit. — Wer die Eitelkeit bei sich leugnet, besitzt sie gewöhnlich in so brutaler Form, dass er instinctiv vor ihr das Auge schliesst, um sich nicht verachten zu müssen.

Wesshalb die Dummen so oft boshaft werden. — Auf Einwände des Gegners, gegen welche sich unser Kopf zu schwach fühlt, antwortet unser Herz durch Ver- dächtigung der Motive seiner Einwände.

Die Kunst der moralischen Ausnahmen. — Einer Kunst, welche die Ausnahmefälle der Moral zeigt und verherrlicht — dort wo das Gute schlecht, das Un- gerechte gerecht wird —, darf man nur selten Gehör geben: wie man von Zigeunern ab und zu Etwas kauft, doch mit Scheu, dass sie nicht viel mehr entwenden, als der Gewinn beim Kaufe ist.

Genuss und Nicht-Genuss von Giften. — Das einzige entscheidende Argument, welches zu allen Zeiten die Menschen abgehalten hat, ein Gift zu trinken, ist nicht, dass es tödtete, sondern dass es schlecht schmeckte.

Die Welt ohne Sündengefühle. — Wenn nur solche Thaten gethan würden, welche kein schlechtes Gewissen erzeugen, so sähe die menschliche Welt immer noch schlecht und schurkenhaft genug aus: aber nicht so kränklich und erbärmlich wie jetzt. — Es lebten genug Böse ohne Gewissen zu allen Zeiten: und vielen Guten und Braven fehlt das Lustgefühl des guten Gewissens.

Die Gewissenhaften. — Seinem Gewissen folgen ist bequemer als seinem Verstände: denn es hat bei jedem Misserfolg eine Entschuldigung und Aufheiterung in sich. Darum giebt es immer noch so viele Gewissen- hafte gegen so wenig Verständige.

Entgegengesetzte Mittel, das Bitterwerden zu verhüten. — Dem einen Temperament ist es von Nutzen, seinen Verdruss in Worten auslassen zu können: im Reden versüsst es sich. Ein anderes Temperament kommt erst durch Aussprechen zu seiner vollen Bitter- keit: ihm ist es räthlicher, Etwas hinunterschlucken zu müssen: der Zwang, den Menschen solcher Art sich vor Feinden oder Vorgesetzten anthun, verbessert ihren Cha- rakter und verhütet, dass er allzu scharf und sauer wird.

Nicht zu schwer nehmen. — Sich wund liegen ist unangenehm, aber doch kein Beweis gegen die Güte 3* der Cur, nach der man bestimmt wurde, sich zu Bett zu legen. — Menschen, die lange ausser sich lebten und endlich sich dem philosophischen Innen- und Binnenleben zuwandten, wissen, dass es auch ein Sich-wund-liegen von Gemüth und Geist giebt. Diess ist also kein Argument gegen die gewählte Lebensweise im Ganzen, macht aber einige kleine Ausnahmen und scheinbare Rückfällig- keiten nöthig.

Das menschliche „Ding an sich". — Das ver- wundbarste Ding und doch das unbesiegbarste ist die menschliche Eitelkeit: ja, durch die Verwundung wächst seine Kraft und kann zuletzt riesengross werden.

Die Posse vieler Arbeitsamen. — Sie er- kämpfen durch ein Überm aass von Anstrengung sich freie Zeit und wissen nachher Nichts mit ihr anzufangen als die Stunden abzuzählen, bis sie abgelaufen sind.

Viel Freude haben. — Wer viel Freude hat, muss ein guter Mensch sein: aber vielleicht ist er nicht der klügste, obwohl er gerade Das erreicht, was der Klügste mit aller seiner Klugheit erstrebt.

Im Spiegel der Natur. — Ist ein Mensch nicht ziemlich genau beschrieben, wenn man hört, dass er gern zwischen gelben hohen Kornfeldern geht, dass er die Waldes- und Blumenfarben des abglühenden und ver- gilbten Herbstes allen andern vorzieht, weil sie auf Schöneres hindeuten als der Natur je gelingt, dass er unter grossen fettblättrigen Nussbäumen sich ganz heimisch wie unter Bluts -Verwandten fühlt, dass im Gebirge seine grösste Freude ist, jenen kleinen abgelegenen Seen zu begegnen, aus denen ihn die Einsamkeit selber mit ihren Augen anzusehen scheint, dass er jene graue Ruhe der Nebel -Dämmerung liebt, welche an Herbst- und Früh- winter-Abenden an die Fenster heranschleicht und jedes seelenlose Geräusch wie mit Sammt- Vorhängen abschliesst, dass er unbehauenes Gestein als übrig gebliebene, der Sprache begierige Zeichen der Vorzeit empfindet und von Kind an verehrt, und zuletzt, dass ihm das Meer mit seiner beweglichen Schlangenhaut und Raubthier-Schön- heit fremd ist und bleibt? — Ja, Etwas von diesem Menschen ist allerdings damit beschrieben: aber der Spiegel der Natur sagt Nichts darüber, dass derselbe Mensch, bei aller seiner idyllischen Empfindsamkeit (und nicht einmal „trotz ihrer"), ziemlich lieblos knauserig und eingebildet sein könnte. Horaz, der sich auf dergleichen Dinge verstand, hat das zarteste Gefühl für das Landleben einem römischen Wucherer in Mund und Seele gelegt, in dem berühmten „beatus ille qui pro etil negotiis".

Macht ohne Siege. — Die stärkste Erkenntniss (die von der völligen Unfreiheit des menschlichen Willens) ist doch die ärmste an Erfolgen: denn sie hat immer den stärksten Gegner gehabt, die menschliche Eitelkeit.

Lust und Irrthum. — Der Eine theilt sich unwillkürlich durch sein Wesen an seine Freunde wohl- thätig mit, der Andre willkürlich durch einzelne Hand- lungen. Obgleich das Erstere als das Höhere gilt, so ist doch nur das Zweite mit dem guten Gewissen und der Lust verknüpft — nämlich mit der Lust der Werk- heiligkeit, welche auf dem Glauben an die Willkür unsres Gut- und Schlimmthuns, das heisst auf einem Irrthum ruht.

Es ist thöricht, Unrecht zu thun. — Eignes Unrecht, das man zugefügt hat, ist viel schwerer zu tragen als fremdes, das Einem zugefügt wurde (nicht gerade aus moralischen Gründen, wohlgemerkt — ); der Thäter ist eigentlich immer der Leidende, wenn er nämlich entweder den Gewissensbissen zugänglich ist oder der Einsicht, dass er die Gesellschaft gegen sich durch seine Handlung bewaffnet und sich isolirt habe. Desshalb sollte man sich, schon seines inneren Glückes wegen, also um seines Wohlbehagens nicht verlustig zu gehen, ganz abgesehen von Allem, was Religion und Moral gebieten, vor dem Unrecht -Thun in Acht nehmen, mehr noch als vor dem Unrecht-Erfahren: denn Letzteres hat den Trost des guten Gewissens, der Hoffnung auf Rache, auf Mitleiden und Beifall der Gerechten, ja der ganzen Gesellschaft, welche sich vor dem Übelthäter fürchtet. — Nicht Wenige verstehen sich auf die unsaubere Selbstüberlistung, jedes eigne Unrecht in ein fremdes, ihnen zugefügtes umzumünzen und für das, was sie selber gethan haben, sich das Ausnahmerecht der Nothwehr zur Entschuldigung vorzubehalten: um auf diese Weise viel leichter an ihrer Last zu tragen.

Neid mit oder ohne Mundstück. — Der gewöhn- liche Neid pflegt zu gackern, sobald das beneidete Huhn ein Ei gelegt hat: er erleichtert sich dabei und wird milder. Es giebt aber einen noch tieferen Neid: der wird in solchem Falle todtenstill, wünschend dass jetzt jeder Mund versiegelt würde, und immer wüthender darüber, dass diess gerade nicht geschieht. Der schwei- gende Neid wächst im Schweigen.

Der Zorn als Spion. — Der Zorn schöpft die Seele aus und bringt selbst den Bodensatz an's Licht. Man muss desshalb, wenn man sonst sich nicht Klarheit zu schaffen weiss, seine Umgebung, seine Anhänger und Gegner in Zorn zu versetzen wissen, um zu erfahren, was im Grunde Alles wider uns geschieht und gedacht wird.

Die Vertheidigung moralisch schwieriger als der Angriff. — Das wahre Helden- und Meisterstück des guten Menschen liegt nicht darin, dass er die Sache angreift und die Person fortfährt zu lieben, sondern in dem viel schwereren, seine eigne Sache zu verthei- digen, ohne dass man der angreifenden Person bitteres Herzeleid mache und machen wolle. Das Schwert des Angriffs ist ehrlich und breit, das der Vertheidigung läuft gewöhnlich in eine Nadel aus.