Kunst und Restauration. — Die rückläufigen Bewegungen in der Geschichte, die sogenannten Restau- rationszeiten, welche einem geistigen und gesellschaft- lichen Zustand, der vor dem zuletzt bestehenden lag, wieder Leben zu geben suchen und denen eine kurze Todten- Erweckung auch wirklich zu gelingen scheint, haben den Reiz gemüthvoller Erinnerung, sehnsüchtigen Verlangens nach fast Verlorenem, hastigen Umarmens von minutenlangem Glücke. Wegen dieser seltsamen Vertiefung der Stimmung finden gerade in solchen flüch- tigen, fast traumhaften Zeiten Kunst und Dichtung einen natürlichen Boden: wie an steil absinkenden Berges- hängen die zartesten und seltensten Pflanzen wachsen. — So treibt es manchen guten Künstler unvermerkt zu einer Restaurations-Denkweise in Politik und Gesellschaft, für welche er sich, auf eigene Faust, ein stilles Winkelchen und Gärtchen zurechtmacht: wo er dann die mensch- lichen Überreste jener ihn anheimelnden Geschichtsepoche um sich sammelt und vor lauter Todten, Halbtodten und Sterbensmüden sein Saitenspiel ertönen lässt, vielleicht mit dem erwähnten Erfolge einer kurzen Todten -Er- weckung.
Glück der Zeit. — In zwei Beziehungen ist unsere Zeit glücklich zu preisen. In Hinsicht auf die Ver- gangenheit geniessen wir alle Culturen und deren Hervorbringungen und nähren uns mit dem edelsten Blute aller Zeiten, wir stehen noch dem Zauber der Ge- walten, aus deren Schoosse jene geboren wurden, nahe genug, um uns vorübergehend ihnen mit Lust und Schauder unterwerfen zu können: während frühere Cul- turen nur sich selber zu geniessen vermochten und nicht über sich hinaussahen, vielmehr wie von einer weiter oder enger gewölbten Glocke überspannt waren, aus welcher zwar Licht auf sie herabströmte, durch welche aber kein Blick hindurch drang. In Hinsicht auf die Zukunft erschliesst sich uns zum ersten Male in der Geschichte der ungeheure Weitblick menschlich - öku- menischer, die ganze bewohnte Erde umspannender Ziele. Zugleich fühlen wir uns der Kräfte bewusst, diese neue Aufgabe ohne Anmaassung selber in die Hand nehmen zu dürfen, ohne übernatürlicher Beistände zu bedürfen; ja, möge unser Unternehmen ausfallen, wie es wolle, mögen wir unsere Kräfte überschätzt haben, jedenfalls giebt es Niemanden, dem wir Rechenschaft schuldeten als uns selbst: die Menschheit kann von nun an durch- aus mit sich anfangen, was sie will. — Es giebt freilich sonderbare Menschen - Bienen, welche aus dem Kelche aller Dinge immer nur das Bitterste und Ärgerlichste zu saugen verstehen; — und in der That, alle Dinge enthalten Etwas von diesem Nicht-Honig in sich. Diese mögen über das geschilderte Glück unseres Zeitalters in ihrer Art empfinden und an ihrem Bienen -Korb des Missbehagens weiter bauen.
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Eine Vision. — Lehr- und Betrachtungsstunden für Erwachsene, Reife und Reifste, und diese täglich, ohne Zwang, aber nach dem Gebot der Sitte von Jeder- mann besucht: die Kirchen als die würdigsten and er- innerungsreichsten Stätten dazu: gleichsam alltägliche Festfeiern der erreichten und erreichbaren menschlichen Vernunftwürde: ein neueres und volleres Auf- und Aus- blühen des Lehrer-Ideals, in welches der Geistliche, der Künstler und der Arzt, der Wissende und der Weise hinein- verschmelzen, wie deren Einzel-Tugenden als Gesammt- Tugend auch in der Lehre selber, in ihrem Vortrag, ihrer Methode zum Vorschein kommen müssten, — diess ist meine Vision, die mir immer wiederkehrt und von der ich fest glaube, dass sie einen Zipfel des Zukunfts- Schleiers gehoben hat.
Erziehung Verdrehung. — Die ausserordentliche Unsicherheit alles Unterrichtwesens, auf Grund deren jetzt jeder Erwachsene das Gefühl bekommt, sein einziger Erzieher sei der Zufall gewesen, — das Windfahnenhafte der erzieherischen Methoden und Absichten erklärt sich daraus, dass jetzt die ältesten und die neuesten Culturmächte wie in einer wilden Volksversammlung mehr gehört als verstanden werden wollen und um jeden Preis durch ihre Stimme, ihr Geschrei beweisen wollen, dass sie noch existiren oder dass sie schon exi- stiren. Die armen Lehrer und Erzieher sind bei diesem widersinnigen Lärm erst betäubt, dann still und endlich stumpf geworden und lassen Alles über sich ergehen; wie sie nun wieder auch Alles über ihre Zöglinge erlOI gehen lassen. Sie selbst sind nicht erzogen: wie sollten sie erziehen? Sie selbst sind keine gerad gewachsenen kräftigen saftvollen Stämme: wer sich an sie anschliessen will, wird sich winden und krümmen müssen und zuletzt verdreht und verwachsen erscheinen.
Philosophen und Künstler der Zeit. — Wüst- heit und Kaltsinn, Brand der Begierden, Abkühlung des Herzens — diess widerliche Nebeneinander findet sich im Bilde der höheren europäischen Gesellschaft der Gegenwart. Da glaubt der Künstler schon viel zu er- reichen, wenn er durch seine Kunst neben dem Brande der Begierde auch einmal den Brand des Herzens auf- flammen macht: und ebenso der Philosoph, wenn er bei der Kühle des Herzens, die er mit seiner Zeit gemein hat, auch die Hitze der Begierde durch sein weltver- neinendes Urtheilen in sich und jener Gesellschaft ab- kühlt.
Nicht ohne Noth Soldat der Cultur sein. — Endlich, endlich lernt man, was nicht zu wissen Einem in jüngeren Jahren so viel Einbusse macht: dass man zuerst das Vortreffliche thun, zuzweit das Vortreffliche aufsuchen müsse, wo und unter welchen Namen es auch zu finden sei: dass man dagegen allem Schlechten und Mittelm ässigen sofort aus dem Wege gehe, ohne es zu bekämpfen, und dass schon der Zweifel an der Güte einer Sache — wie er bei geübterem Geschmacke schnell entsteht — uns als Argument gegen sie und als Anlass, ihr völlig auszuweichen, gelten dürfe: auf die Gefahr hin, einige Male dabei zu irren und das schwerer zugängliche Gute mit dem Schlechten und Unvollkomm- nen zu verwechseln. Nur wer nichts Besseres kann, soll den Schlechtigkeiten der Welt zu Leibe gehn, als der Soldat der Cultur: aber der Nähr- und Lehrstand derselben richtet sich zu Grunde, wenn er in Waffen ein- hergehen will und den Frieden seines Berufs und Hauses durch Vorsorge, Nachtwachen und böse Träume in un- heimliche Friedlosigkeit umkehrt.
Wie Naturgeschichte zu erzählen ist. — Die Naturgeschichte, als die Kriegs- und Siegsgeschichte der sittlich - geistigen Kraft im Widerstande gegen Angst Einbildung Trägheit Aberglaube Narrheit, sollte so er- zählt werden, dass Jeder, der sie hört, zum Streben nach geistig-leiblicher Gesundheit und Blüthe, zum Frohgefühl, Erbe und Fortsetzer des Menschlichen zu sein, und zu einem immer edleren Unternehmungs-Bedürfhiss unauf- haltsam fortgerissen würde. Bis jetzt hat sie ihre rechte Sprache noch nicht gefunden, weil die spracherfinderischen und beredten Künstler — denn deren bedarf es hierzu — gegen sie ein verstocktes Misstrauen nicht los werden und vor Allem nicht gründlich von ihr lernen wollen. Immerhin ist den Engländern zuzugestehen, dass sie in ihren naturwissenschaftlichen Lehrbüchern für die nie- deren Volksschichten bewunderungswürdige Schritte nach jenem Ideale hin gemacht haben: dafür werden diese auch von ihren ausgezeichnetsten Gelehrten — ganzen vollen und füllenden Naturen — gemacht, nicht, wie bei uns, von den Mittelmässigkeiten der Forschung.
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Genialität der Menschheit. — Wenn Genialität, nach Schopenhauers Beobachtung, in der zusammen- hängenden und lebendigen Erinnerung an das Selbst- Erlebte besteht, so möchte im Streben nach Erkenntniss des gesammten historischen Gewordenseins - — welches immer mächtiger die neuere Zeit gegen alle früheren abhebt und zum ersten Male zwischen Natur und Geist, Mensch und Thier, Moral und Physik die alten Mauern zerbrochen hat — ein Streben nach Genialität der Mensch- heit im Ganzen zu erkennen sein. Die vollendet ge- dachte Historie wäre kosmisches Selbstbewusstsein.
Cultus der Cultur. — Grossen Geistern ist das abschreckende Allzumenschliche ihres Wesens, ihrer Blindheiten Verkennungen Maasslosigkeiten beigegeben, damit ihr mächtiger, leicht allzumächtiger Einfluss fort- während durch das Misstrauen, welches jene Eigen- schaften einflössen, in Schranken gehalten werde. Denn das System alles Dessen, was die Menschheit zu ihrem Fortbestehen nöthig hat, ist so umfassend und nimmt so verschiedenartige und zahlreiche Kräfte in Anspruch, dass für jede einseitige Bevorzugung, sei es der Wissenschaft oder des Staates oder der Kunst oder des Handels, wozu jene Einzelnen treiben, die Menschheit als Ganzes harte Busse zahlen muss. Es ist immer das grösste Verhängniss der Cultur gewesen, wenn Menschen angebetet wurden: in welchem Sinn man sogar mit dem Spruche des mosaischen Gesetzes zusammenfühlen darf, welcher verbietet, neben Gott andere Götter zu haben. — Dem Cultus des Genius und der Gewalt muss man, als Ergänzung und Heilmittel, immer den Cultus der Cultur zur Seite stellen: welcher auch dem Stoff- lichen, Geringen, Niedrigen, Verkannten, Schwachen, Unvollkommnen, Einseitigen, Halben, Unwahren, Schei- nenden, ja dem Bösen und Furchtbaren eine verständniss- volle Würdigung und das Zugeständniss, dass diess Alles nöthig sei, zu schenken weiss; denn der Zu- sammen- und Fortklang alles Menschlichen, durch er- staunliche Arbeiten und Glücksfälle erreicht, und eben- sosehr das Werk von Cyklopen und Ameisen als von Genie's, soll nicht wieder verloren gehen: wie dürften wir da des gemeinsamen tiefen, oft unheimlichen Grund- basses entrathen können, ohne den ja Melodie nicht Melodie zu sein vermag?
Die alte Welt und die Freude. — Die Menschen der alten Welt wussten sich besser zu freuen: wir, uns weniger zu betrüben; jene machten immerfort neue Anlässe, sich wohl zu fühlen und Feste zu feiern, aus- findig, mit allem ihren Reichthum von Scharfsinn und Nachdenken: während wir unsern Geist auf Lösung von Aufgilben verwenden, welche mehr die Schmerzlosigkeit, die Beseitigung von Unlustquellen im Auge haben. In Betreff des leidenden Daseins suchten die Alten zu ver- gessen oder die Empfindung ins Angenehme irgendwie umzubiegen: so dass sie hierin palliativisch zu helfen suchten, während wir den Ursachen des Leidens zu Leibe gehen und im Ganzen lieber prophylaktisch wirken. — Vielleicht bauen wir nur die Grundlagen, auf denen spätere Menschen auch wieder den Tempel der Freude errichten.
Die Musen als Lügnerinnen. — „Wir verstehen uns darauf, viele Lügen zu sagen" — so sangen einst- mals die Musen, als sie sich vor Hesiod offenbarten. — Es führt zu wesentlichen Entdeckungen, wenn man den Künstler einmal als Betrüger fasst.
Wie paradox Homer sein kann. — Giebt es etwas Verwegeneres, Schauerlicheres, Unglaublicheres, das über Menschenschicksal, gleich der Wintersonne, so hinleuchtet, wie jener Gedanke, der sich bei Homer findet: Das ja fügte der Götter Beschluss und verhängte den Menschen Untergang, dass es war ein Gesang auch späten Geschlechtern.
Also: wir leiden und gehen zu Grunde, damit es den Dichtern nicht an Stoff fehle — und diess ordnen gerade so die Götter Homer's an, welchen an der Lustbarkeit der kommenden Geschlechter sehr viel gelegen scheint, aber allzuwenig an uns, den Gegenwärtigen. — Dass je solche Gedanken in den Kopf eines Griechen gekommen sind!
Nachträgliche Rechtfertigung des Daseins. — Manche Gedanken sind als Irrthümer und Phantasmen in die Welt getreten, aber zu Wahrheiten geworden, weil die Menschen ihnen hinterdrein ein wirkliches Sub- strat untergeschoben haben.
Pro und Contra nöthig. — Wer nicht begriffen hat, dass jeder grosse Mann nicht nur gefördert, sondern auch, der allgemeinen Wohlfahrt wegen, bekämpft werden muss, ist gewiss noch ein grosses Kind — oder selber ein grosser Mann.
Ungerechtigkeit des Genie's. — Das Genie ist am ungerechtesten gegen die Genies, falls sie seine Zeitgenossen sind: einmal glaubt es sie nicht nöthig zu haben und hält sie desshalb überhaupt für überflüssig — denn es ist ohne sie, was es ist —, sodann kreuzt ihr Einfluss die Wirkung seines elektrischen Stroms: wess- halb es sie sogar schädlich nennt.
Schlimmstes Schicksal eines Propheten. — Er arbeitete zwanzig Jahre daran, seine Zeitgenossen von sich zu überzeugen — es gelingt ihm endlich; aber in- zwischen war es seinen Gegnern auch gelungen: er war nicht mehr von sich überzeugt.
Drei Denker gleich Einer Spinne. — In jeder philosophischen Secte folgen drei Denker in diesem Ver- hältnisse auf einander: der Erste erzeugt aus sich den Saft und Samen, der Zweite zieht ihn zu Fäden aus und spinnt ein künstliches Netz, der Dritte lauert in diesem Netz auf Opfer, die sich hier verfangen — und sucht von der Philosophie zu leben.
Aus dem Verkehre mit Autoren. — Es ist eine eben so schlechte Manier, mit einem Autor umzugehn, wenn man ihn an der Nase fasst, wie wenn man ihn an seinem Hörne fasst — und jeder Autor hat sein Horn.
Zweigespann. — Unklarheit des Denkens und Ge- fühlsschwärmerei sind ebenso häufig mit dem rücksicht- losen Willen, sich selber mit allen Mitteln durchzusetzen, sich allein gelten zu lassen, verbunden wie herzhaftes Helfen, Gönnen und Wohlwollen mit dem Triebe nach Helle und Reinlichkeit des Denkens, nach Mässigung und Ansichhalten des Gefühls.
Das Bindende und das Trennende. — Liegt nicht im Kopfe Das, was die Menschen verbindet — das Verständniss für gemeinsamen Nutzen und Nachtheil —, und im Herzen Das, was sie trennt — das blinde Aus- wählen und Zutappen in Liebe und Hass, die Hinwen- dung zu Einem auf Unkosten Aller und die daraus entspringende Verachtung des allgemeinen Nutzens?
Schützen und Denker. — Es giebt curiose Schützen, welche zwar das Ziel verfehlen, aber mit dem heimlichen Stolz vom Schiessstande abtreten, dass ihre Kugel jedenfalls sehr weit (allerdings über das Ziel hinaus) geflogen ist, oder dass sie zwar nicht das Ziel, aber etwas Anderes getroffen haben. Und ebensolche Denker giebt es.
Von zwei Seiten aus. — Man feindet eine geistige Richtung und Bewegung an, wenn man ihr überlegen ist und ihr Ziel missbilligt, oder wenn ihr Ziel zu hoch und unserem Auge unerkennbar, also wenn sie uns über- legen ist. So kann dieselbe Partei von zwei Seiten aus, von Oben und von Unten her, bekämpft werden; und nicht selten schliessen die Angreifenden aus gemeinsamem Hass ein Bündniss mit einander, das widerlicher ist als Alles, was sie hassen.
Original. — Nicht dass man etwas Neues zuerst sieht, sondern dass man das Alte, Altbekannte, von Jedermann Gesehene und Übersehene wie neu sieht, zeichnet die eigentlich originalen Köpfe aus. Der erste Entdecker ist gemeinhin jener ganz gewöhnliche und geistlose Phantast — der Zufall.
Irrthum der Philosophen. — Der Philosoph glaubt, der Werth seiner Philosophie liege im Ganzen, im Bau: die Nachwelt findet ihn im Stein, mit dem er baute und mit dem, von da an, noch oft und besser gebaut ward: also darin, dass jener Bau zerstört werden kann und doch noch als Material Werth hat Witz. — Der Witz ist das Epigramm auf den Tod eines Gefühls.
Im Augenblicke vor der Lösung. — In der Wissenschaft kommt es alle Tage und Stunden vor, dass Einer unmittelbar vor der Lösung stehen bleibt, über- zeugt, jetzt sei sein Bemühen völlig umsonst gewesen, — gleich Einem der, eine Schleife aufziehend, im Augen- blicke, wo sie der Lösung am nächsten ist, zögert: denn da gerade sieht sie einem Knoten am ähnlichsten.
Unter die Schwärmer gehen. — Der besonnene und seines Verstandes sichere Mensch kann mit Gewinnst ein Jahrzehend unter die Phantasten gehen und sich in dieser heissen Zone einer bescheidenen Tollheit über- lassen. Damit hat er ein gutes Stück Wegs gemacht, um zuletzt zu jenem Kosmopolitismus des Geistes zu gelangen, welcher ohne Anmaassung sagen darf: „nichts Geistiges ist mir mehr fremd".
Scharfe Luft. — Das Beste und Gesündeste in der Wissenschaft wie im Gebirge ist die scharfe Luft, die in ihnen weht. — Die Geistig -Weichlichen (wie die Künstler) scheuen und verlästern dieser Luft halber die Wissenschaft.
HO Warum Gelehrte edler als Künstler sind. — Die Wissenschaft bedarf edlerer Naturen als die Dicht- kunst: sie müssen einfacher, weniger ehrgeizig, enthalt- samer, stiller, nicht so auf Nachruhm bedacht sein und sich über Sachen vergessen, welche selten dem Auge Vieler eines solchen Opfers der Persönlichkeit würdig erscheinen. Dazu kommt eine andre Einbusse, deren sie sich bewusst sind: die Art ihrer Beschäftigung, die fortwährende Aufforderung zur grössten Nüchternheit schwächt ihren Willen, das Feuer wird nicht so stark unterhalten wie auf dem Herde der dichterischen Naturen: und desshalb verlieren sie häufig in früheren Lebensjahren als Jene ihre höchste Kraft und Biüthe — und wie gesagt, sie wissen um diese Gefahr. Unter allen Umständen erscheinen sie unbegabter, weil sie weniger glänzen, und werden für weniger gelten, als sie sind.
Inwiefern die Pietät verdunkelt. — Dem grossen Manne macht man, in späteren Jahrhunderten, alle grossen Eigenschaften und Tugenden seines Jahrhunderts zum Geschenk — und so wird alles Beste fortwährend durch die Pietät verdunkelt, welche es als ein heiliges Bild ansieht, an dem man Weihgeschenke aller Art aufhängt und aufstellt — bis es endlich ganz durch dieselben ver- deckt und umhüllt wird und fürderhin mehr ein Gegen- stand des Glaubens als des Schauens ist Auf dem Kopfe stehen. — Wenn wir die Wahr- heit auf den Kopf stellen, bemerken wir gewöhnlich nicht, dass auch unser Kopf nicht dort steht, wo er stehen sollte.
Ursprung und Nutzen der Mode. — Die ersicht- liche Selbstzufriedenheit des Einzelnen mit seiner Form macht die Nachahmung rege und erschafft allmählich die Form der Vielen, dass heisst die Mode: diese Vielen alle wollen durch die Mode eben jene so wohlthuende Selbstzufriedenheit mit der Form und erlangen sie auch. — Wenn man erwägt, wie viel Gründe zu Ängstlichkeit und schüchternem Sichverstecken jeder Mensch hat und wie Dreiviertel seiner Energie und seines guten Willens durch jene Gründe gelähmt und unfruchtbar werden können, so muss man der Mode vielen Dank zollen, in- sofern sie jenes Dreiviertel entfesselt und Selbstvertrauen und gegenseitiges heiteres Entgegenkommen Denen mit- theilt, welche sich unter einander an ihr Gesetz gebunden wissen. Auch thörichte Gesetze geben Freiheit und Ruhe des Gemüths, sofern sich nur Viele ihnen unter- worfen haben.
Zun genlöse r. — Der Werth mancher Menschen und Bücher beruht allein in der Eigenschaft, Jedermann zum Aussprechen des Verborgensten, Innersten zu nöthigen: es sind Zungenlöser und Brecheisen für die verbissensten Zähne. Auch manche Ereignisse und Übel- thaten, welche scheinbar nur zum Fluche der Menschheit da sind, haben jenen Werth und Nutzen.
Freizügige Geister. — Wer von uns würde sich einen freien Geist zu nennen wagen, wenn er nicht auf seine Art jenen Männern, denen man diesen Namen als Schimpf anhängt, eine Huldigung darbringen möchte, indem er Etwas von jener Last der öffentlichen Miss- gunst und Beschimpfung auf seine Schultern ladet? Wohl aber dürften wir uns „freizügige Geister" in allem Ernste (und ohne jenen hoch- oder grossmüthigen Trotz) nennen, weil wir den Zug zur Freiheit als stärksten Trieb unseres Geistes fühlen und im Gegensatz zu den gebundenen und festgewurzelten Intellecten unser Ideal fast in einem geistigen Nomadenthum sehen — um einen bescheidenen und fast abschätzigen Ausdruck zu ge- brauchen.
Ja die Gunst der Musen! — Was Homer darüber sagt, greift in's Herz, so wahr, so schrecklich ist es: „herzlich liebt' ihn die Muse und gab ihm Gutes und Böses; denn die Augen entnahm sie und gab ihm süssen Gesang ein." — Diess ist ein Text ohne Ende für den Denkenden: Gutes und Böses giebt sie, das ist ihre Art von herzlicher Liebe! Und Jeder wird es sich be- sonders auslegen, warum wir Denker und Dichter unsre Augen daran geben müssen.
Gegen die Pflege der Musik. — Die künstlerische Ausbildung des Auges von Kindheit an, durch Zeichnen und Malen, durch Skizziren von Landschaften Personen Vorgängen, bringt nebenbei den für das Leben unschätz- baren Gewinn mit sich, das Auge zum Beobachten von Menschen und Lagen scharf, ruhig und ausdauernd zu machen. Ein ähnlicher Neben -Vortheil erwächst aus der künstlerischen Pflege des Ohrs nicht: wesshalb Volksschulen im Allgemeinen gut thun werden, der Kunst des Auges vor der des Ohres den Vorzug zu geben.
Die Entdecker von Trivialitäten. — Subtile Geister, denen Nichts ferner liegt als eine Trivialität, entdecken oft nach allerlei Umschweifen und Gebirgs- pfaden eine solche und haben grosse Freude daran, zur Verwunderung der Nicht- Subtilen.
Moral der Gelehrten. — Ein regelmässiger und schneller Fortschritt der Wissenschaften ist nur möglich, wenn der Einzelne nicht zu misstrauisch sein muss, .um jede Rechnung und Behauptung Anderer nachzu- prüfen, auf Gebieten, die ihm ferner liegen: dazu aber ist die Bedingung, dass Jeder auf seinem eigenen Felde Mitbewerber hat, die äusserst misstrauisch sind und ihm scharf auf die Finger sehen. Aus diesem Neben- einander von „nicht zu misstrauisch" und „äusserst miss- trauisch" entsteht die Rechtschaffen heit in der Gelehrten- Republik.
Grund der Unfruchtbarkeit. — Es giebt höchst begabte Geister, welche nur desshalb immer unfruchtbar Nietzsche, Werke Band III. 8 sind, weil sie, aus einer Schwäche des Temperamentes, zu ungeduldig sind, ihre Schwangerschaft abzuwarten.
Verkehrte Welt der Thränen. — Das vielfache Missbehagen, welches die Ansprüche der höheren Cultur dem Menschen machen, verkehrt endlich die Natur so weit, dass er für gewöhnlich starr und stoisch sich hält und nur noch für die seltenen Anfälle des Glücks die Thränen übrig hat, ja dass Mancher schon bei dem Genüsse der Schmerzlosigkeit weinen muss: — nur im Glücke schlägt sein Herz noch.
Die Griechen als Dolmetscher. — Wenn wir von den Griechen reden, reden wir unwillkürlich zugleich von Heute und Gestern: ihre allbekannte Geschichte ist ein blanker Spiegel, der immer Etwas widerstrahlt, das nicht im Spiegel selbst ist. Wir benützen die Freiheit, von ihnen zu reden, um von Anderen schweigen zu dürfen — damit jene nun selber dem sinnenden Leser Etwas in's Ohr sagen. So erleichtern die Griechen dem modernen Menschen das Mittheilen von mancherlei schwer Mittheil- barem und Bedenklichem.
Vom erworbenen Charakter der Griechen. — Wir lassen uns leicht durch die berühmte griechische Helle Durchsichtigkeit Einfachheit und Ordnung, durch das Krystallhaft - Natürliche und zugleich Krystallhaft- Künstliche griechischer Werke verführen zu glauben, das sei alles den Griechen geschenkt: sie hätten zum Beispiel gar nicht anders gekonnt als gut schreiben, wie diess Lichtenberg einmal ausspricht. Aber Nichts ist voreiliger und unhaltbarer. Die Geschichte der Prosa von Gorgias bis Demosthenes zeigt ein Arbeiten und Ringen aus dem Dunklen, Überladnen, Geschmacklosen heraus zum Lichte hin, dass man an die Mühsal der Heroen erinnert wird, welche die ersten Wege durch Wald und Sümpfe zu bahnen hatten. Der Dialog der Tragödie ist die eigentliche That der Dramatiker, wegen seiner unge- meinen Helle und Bestimmtheit, bei einer Volksanlage, welche im Symbolischen und Andeutenden schwelgte und durch die grosse chorische Lyrik dazu noch eigens erzogen war: wie es die That Homer's ist, die Griechen von dem asiatischen Pomp und dem dumpfen Wesen be- freit und die Helle der Architektur, im Grossen und Einzelnen, errungen zu haben. Es galt auch keineswegs für leicht, Etwas recht rein und leuchtend zu sagen; woher sonst die hohe Bewunderung für das Epigramm des Simonides, das ja so schlicht sich giebt, ohne ver- goldete Spitzen, ohne Arabesken des Witzes — aber es sagt, was es zu sagen hat, deutlich, mit der Ruhe der Sonne, nicht mit der Effecthascherei eines Blitzes. Weil das Zustreben zum Lichte aus einer gleichsam eingeborenen Dämmerung griechisch ist, so geht ein Frohlocken durch das Volk beim Hören einer lakonischen Sentenz, bei der gnomischen Sprache der Elegie, den Sprüchen der sieben Weisen. Desshalb wurde das Vorschriftengeben in Versen, das uns anstössig ist, so geliebt, als eigentliche apollinische Aufgabe für den hellenischen Geist, um über die Gefahren des Metrons, über die Dunkelheit, welche der Poesie sonst eigen ist, Sieger zu werden. Die Schlichtheit, die Geschmeidigkeit, die Nüchternheit sind 8* der Volksanlage angerungen, nicht mitgegeben — die Gefahr eines Rückfalls in's Asiatische schwebte immer über den Griechen, und wirklich kam es von Zeit zu Zeit über sie wie ein dunkler überschwemmender Strom mystischer Regungen, elementarer Wildheit und Finster- niss. Wir sehen sie untertauchen, wir sehen Europa gleichsam weggespült, überfluthet — denn Europa war damals sehr klein —, aber immer kommen sie auch wieder an's Licht, gute Schwimmer und Taucher wie sie sind, das Volk des Odysseus.
Das eigentlich Heidnische. — Vielleicht giebt es nichts Befremdenderes für Den, welcher sich die griechische Welt ansieht, als zu entdecken, dass die Griechen allen ihren Leidenschaften und bösen Natur- hängen von Zeit zu Zeit gleichsam Feste gaben und sogar eine Art Festordnung ihres Allzumenschlichen von Staatswegen einrichteten: es ist diess das eigentlich Heid- nische ihrer Welt, vom Christenthume aus nie begriffen, nie zu begreifen und stets auf das Härteste bekämpft und verachtet. — Sie nahmen jenes Allzumenschliche als unvermeidlich und zogen vor, statt es zu beschimpfen, ihm eine Art Recht zweiten Ranges durch Einordnung in die Bräuche der Gesellschaft und des Cultus zu geben: ja alles, was im Menschen Macht hat, nannten sie gött- lich und schrieben es an die Wände ihres Himmels. Sie leugnen den Naturtrieb, der in den schlimmen Eigen- schaften sich ausdrückt, nicht ab, sondern ordnen ihn ein und beschränken ihn auf bestimmte Culte und Tage, nachdem sie genug Vorsichtsmaassregeln erfunden haben, um jenen wilden Gewässern einen möglichst unschädliehen Abfluss geben zu können. Diess ist die Wurzel aller moralistischen Freisinnigkeit des Alterthums. Man gönnte dem Bösen und Bedenklichen, dem Thierisch- Rückständigen ebenso wie dem Barbaren, Vor- Griechen und Asiaten, welcher im Grunde des griechischen Wesens noch lebte, eine mässige Entladung und strebte nicht nach seiner völligen Vernichtung. Das ganze System solcher Ordnungen umfasste der Staat, der nicht auf einzelne Individuen oder Kasten, sondern auf die ge- wöhnlichen menschlichen Eigenschaften hin construirt war. In seinem Baue zeigen die Griechen jenen wunder- baren Sinn für das Typisch-Thatsächliche, der sie später befähigte, Naturforscher, Historiker, Geographen und Philosophen zu werden. Es war nicht ein beschränktes priesterliches oder kastenmässiges Sittengesetz, welches bei der Verfassung des Staates und Staats -Cultus zu entscheiden hatte: sondern die umfänglichste Rücksicht auf die Wirklichkeit alles Menschlichen. — Woher haben die Griechen diese Freiheit, diesen Sinn für das Wirkliche? Vielleicht von Homer und den Dichtern vor ihm; denn gerade die Dichter, deren Natur nicht die ge- rechteste und weiseste zu sein pflegt, besitzen dafür jene Lust am Wirklichen, Wirkenden jeder Art und wollen selbst das Böse nicht völlig verneinen: es genügt ihnen,