SigPhi · Nietzsche

Menschliches, Allzumenschliches, Zweiter Band (German)

German

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dass es sich mässige und nicht Alles todtschlage oder innerlich giftig mache — das heisst, sie denken ähnlich wie die griechischen Staatenbildner und sind deren Lehr- meister und Wegebahner gewesen.

Ausnahme-Griechen. — In Griechenland waren die tiefen gründlichen ernsten Geister die Ausnahme: der Instinct des Volkes gieng vielmehr dahin, das Ernste und Gründliche als eine Art Verzerrung zu empfinden. Die Formen aus der Fremde entlehnen, nicht schaffen, aber zum schönsten Schein umbilden — das ist griechisch: nachahmen, nicht zum Gebrauch, sondern zu künst- lerischer Täuschung, über den aufgezwungenen Ernst immer wieder Herr werden, ordnen, verschönern, ver- flachen — so geht es fort von Homer bis zu den Sophisten des dritten und vierten Jahrhunderts der neuen Zeitrechnung, welche ganz Aussenseite, pomphaftes Wort, begeisterte Gebärde sind und sich an lauter ausgehöhlte Schein- Klang- und Effect-lüsterne Seelen wenden. — Und nun würdige man die Grösse jener Ausnahme- Griechen, welche die Wissenschaft schufen! Wer von ihnen erzählt, erzählt die heldenhafteste Geschichte des menschlichen Geistes!

Das Einfache nicht das Erste, noch das Letzte der Zeit nach. — In die Geschichte der religiösen Vor- " Stellungen wird viel falsche Entwicklung und Allmählich- keit hineingedichtet, bei Dingen, die in Wahrheit nicht aus- und hintereinander, sondern nebeneinander und ge- trennt aufgewachsen sind; namentlich ist das Einfache viel zu sehr noch im Rufe, das Älteste und Anfäng- lichste zu sein. Nicht wenig Menschliches entsteht durch Subtraction und Division und gerade nicht durch Ver- dopplung Zusatz Zusammenbildung. — Man glaubt zum Beispiel immer noch an eine allmähliche Entwick- lung der Götter darstellung von jenen ungefügen Holzklötzen und Steinen aus bis zur vollen Vermensch- lichung hinauf: und doch steht es gerade so, dass, so lange die Gottheit in Bäume, Holzstücke, Steine, Thiere hineinverlegt und -empfunden wurde, man sich vor einer Anmenschlichung ihrer Gestalt wie vor einer Gottlosigkeit scheute. Erst die Dichter haben, abseits vom Cultus und dem Banne der religiösen Scham, die innere Phantasie der Menschen daran gewöhnen, dafür willig machen müssen: überwogen aber wieder frömmere Stimmungen und Augenblicke, so trat dieser befreiende Einfluss der Dichter wieder zurück und die Heiligkeit verblieb nach wie vor auf Seite des Ungethümlichen Unheimlichen, ganz eigentlich Unmenschlichen. Selbst aber Vieles von dem, was die innere Phantasie sich zu bilden wagt, würde doch noch, in äussere leibhafte Dar- stellung übersetzt, peinlich wirken: das innere Auge ist um Vieles kühner und weniger schamhaft als das äussere (woraus sich die bekannte Schwierigkeit und theilweise Unmöglichkeit ergiebt, epische Stoffe in dramatische umzuwandeln). Die religiöse Phantasie will lange Zeit durchaus nicht an die Identität des Gottes mit einem Bilde glauben: das Bild soll das numen der Gottheit in irgend einer geheimnissvollen, nicht völlig auszudenkenden Weise hier als thätig, als örtlich gebannt erscheinen lassen. Das älteste Götterbild soll den Gott bergen und zu- gleich verbergen — ihn andeuten, aber nicht zur Schau stellen. Kein Grieche hat je innerlich seinen Apollo als Holz-Spitzsäule, seinen Eros als Steinklumpen ange- schaut; es waren Symbole, welche gerade Angst vor der Veranschaulichung machen sollten. Ebenso steht es noch mit jenen Hölzern, denen mit dürftigster Schnitzerei einzelne Glieder, mitunter in der Überzahl, angebildet waren: wie ein lakonischer Apollo vier Hände und vier Ohren hatte. In dem Unvollständigen, Andeutenden oder Übervollständigen liegt eine grausenhafte Heiligkeit, welche ab w ehren soll, an Menschliches, Menschenartiges zu denken. Es ist nicht eine embryonische Stufe der Kunst, in der man so Etwas bildet: als ob man in der Zeit, wo man solche Bilder verehrte, nicht hätte deutlicher reden, sinnfälliger darstellen können. Vielmehr scheut man gerade Eines: das directe Heraussagen. Wie die Cella das Allerheiligste, das eigentliche numen der Gott- heit birgt und in geheimnissvolles Halbdunkel versteckt, doch nicht ganz; wie wiederum der peripterische Tempel die Cella birgt, gleichsam mit einem Schirm und Schleier vor dem ungescheuten Auge schützt, aber nicht ganz: so ist das Bild die Gottheit und zugleich Versteck der Gottheit. — Erst als ausserhalb des Cultus, in der profanen Welt des Wettkampfes, die Freude an dem Sieger im Kampfe so hoch gestiegen war, dass die hier erregten Wellen in den See der religiösen Empfindung- hinüberschlugen, erst als das Standbild des Siegers in den Tempelhöfen aufgestellt wurde und der fromme Be- sucher des Tempels freiwillig oder unfreiwillig sein Auge wie seine Seele an diesen unumgänglichen Anblick menschlicher Schönheit und Überkraft gewöhnen musste, so dass, bei der räumlichen und seelischen Nach- barschaft, Mensch- und Gottverehrung in einander über- klangen: da erst verliert sich auch die Scheu vor der eigentlichen Vermenschlichung des Götterbildes, und der grosse Tummelplatz für die grosse Plastik wird aufge- than: auch jetzt noch mit der Beschränkung, dass überall wo angebetet werden soll, die uralte Form und Häss- lichkeit bewahrt und vorsichtig nachgebildet wird. Aber der weihende und schenkende Hellene darf seiner Lust, Gott Mensch werden zu lassen, jetzt in aller Selig- keit nachhängen.

Wohin man reisen muss. — Die unmittelbare Selbstbeobachtung reicht lange nicht aus, um sich kennen zu lernen: wir brauchen Geschichte, denn die Vergangen- heit strömt in hundert Wellen in uns fort; wir selber sind ja Nichts als Das, was wir in jedem Augenblick von diesem Fortströmen empfinden. Auch hier sogar, wenn wir in den Fluss unseres anscheinend eigensten und persönlichsten Wesens hinabsteigen wollen, gilt Heraklit's Satz: man steigt nicht zweimal in denselben Fluss. — Das ist eine Weisheit, die allmählich zwar altbacken geworden, aber trotzdem ebenso kräftig und nahrhaft geblieben ist, wie sie es je war: ebenso wie jene, dass um Geschichte zu verstehen, man die lebendigen Überreste geschichtlicher Epochen aufsuchen müsse — ■ dass man reisen müsse, wie Altvater Herodot reiste, zu Nationen — diese sind ja nur festgewordene ältere Culturstufen, auf die man sich stellen kann —, zu sogenannten wilden und halbwilden Völkerschaften namentlich, dorthin wo der Mensch das Kleid Europa's ausgezogen oder noch nicht angezogen hat. Nun giebt es aber noch eine feinere Kunst und Absicht des Reisens, welche es nicht immer nöthig macht, von Ort zu Ort und über Tausende von Meilen hin den Fuss zu setzen. Es leben sehr wahrscheinlich die letzten drei Jahrhunderte in allen ihren Culturfärbungen und -Strahlenbrechungen auch in unsrer Nähe noch fort: sie wollen nur entdeckt werden. In manchen Familien, ja in einzelnen Menschen liegen die Schichten schön und über- sichtlich noch übereinander: anderswo giebt es Verspren- gungen und Verwerfungen des Gesteins. Gewiss hat sich in abgelegenen Gegenden, in weniger betretenen Gebirgsthälern, umschlossenem Gemeinwesen ein ehrwür- diges Musterstück sehr viel älterer Empfindung leichter erhalten können und muss hier aufgespürt werden: wäh- rend es zum Beispiel unwahrscheinlich ist, in Berlin, wo der Mensch ausgelaugt und abgebrüht zur Welt kommt, solche Entdeckungen zu machen. Wer, nach langer Übung in dieser Kunst des Reisens, zum hundertäugigen Argos geworden ist, der wird seine Io — ich meine sein ego — endlich überallhin begleiten und in Ägypten und Griechenland, Byzanz und Rom, Frankreich und Deutsch- land, in der Zeit der wandernden und der festsitzenden Völker, in Renaissance und Reformation, in Heimath und Fremde, ja in Meer, Wald, Pflanze und Gebirge die Reise -Abenteuer dieses werdenden und verwandelten ego wieder entdecken. — So wird Selbst-Erkenntniss zur All-Erkenntniss in Hinsicht auf alles Vergangene: wie, nach einer anderen, hier nur anzudeutenden Betrachtungs- kette, Selbstbestimmung und Selbsterziehung in den freiesten und weitest blickenden Geistern einmal zur All- Bestimmung, in Hinsicht auf alles zukünftige Menschen- thum, werden könnte.

Balsam und Gift. — Man kann es nicht gründlich genug erwägen: das Christenthum ist die Religion des altgewordenen Alterthums, seine Voraussetzung sind ent- artete alte Culturvölker; auf diese vermochte und vermag es wie ein Balsam zu wirken. In Zeitaltern, wo die Ohren und Augen „voller Schlamm" sind, so dass sie die Stimme der Vernunft und Philosophie nicht mehr zu vernehmen, die leibhaft wandelnde Weisheit, trage sie nun den Namen Epiktet oder Epikur, nicht mehr zu sehen vermögen: da mag vielleicht noch das aufgerichtete Marterkreuz und die „Posaune des jüngsten Gerichts" wirken, um solche Völker noch zu einem anständigen Ausleben zu bewegen. Man denke an das Rom Juvenal's, an diese Giftkröte mit den Augen der Venus: — da lernt man, was es heisst, ein Kreuz vor der „Welt" schlagen, da verehrt man die stille christliche Gemeinde und ist dankbar für ihr Uberwuchern des griechisch-römischen Erdreichs. Wenn die meisten Menschen damals gleich mit der Verknechtung der Seele, mit der Sinnlichkeit von Greisen geboren wurden: welche Wohlthat, jenen Wesen zu begegnen, die mehr Seelen als Leiber waren und welche die griechische Vorstellung von den Hades- schatten zu verwirklichen schienen: scheue dahin - huschende zirpende wohlwollende Gestalten, mit einer Anwartschaft auf das „bessere Leben" und dadurch so anspruchslos, so still -verachtend, so stolz - geduldig geworden! — Diess Christenthum als Abendläuten des guten Alterthums, mit zersprungener müder und doch wohltönender Glocke, ist selbst noch für Den, welcher jetzt jene Jahrhunderte nur historisch durchwandert, ein Ohrenbalsam: was muss es für jene Menschen selber ge- wesen sein! — Dagegen ist das Christenthum für junge frische Barbaren Völker Gift; in die Helden- Kinder- und Thierseele des alten Deutschen zum Beispiel die Lehre von der Sündhaftigkeit und Verdammniss hineinpflanzen, heisst nichts Anderes als sie vergiften; eine ganz unge- heuerliche chemische Gährung und Zersetzung, ein Durch- einander von Gefühlen und Urtheilen, ein Wuchern und Bilden des Abenteuerlichsten musste die Folge sein und also, im weiteren Verlaufe, eine gründliche Schwächung solcher Barbarenvölker. — Freilich: was hätten wir, ohne diese Schwächung, noch von der griechischen Cultur! was von der ganzen Cultur- Vergangenheit des Menschengeschlechts! — denn die vom Christenthume unange- tasteten Barbaren verstanden gründlich mit alten Cul- turen aufzuräumen: wie es zum Beispiel die heidnischen Eroberer des romanisirten Britannien mit furchtbarer Deutlichkeit bewiesen haben. Das Christenthum hat wider seinen Willen helfen müssen, die antike „Welt" unsterblich zu machen. — Nun bleibt auch hier wieder eine Gegenfrage und die Möglichkeit einer Gegenrech- nung übrig: wäre vielleicht, ohne jene Schwächung durch das erwähnte Gift, eine oder die andere jener frischen Völkerschaften, etwa die deutsche, im Stande gewesen, allmählich von selber eine höhere Cultur zu finden, eine eigene, neue? — von welcher somit der Menschheit selbst der entfernteste Begriff verloren gegangen wäre? — So steht es auch hier wie überall: man weiss nicht, christlich zu reden, ob Gott dem Teufel oder der Teufel Gott mehr Dank dafür schuldig ist, dass Alles so ge- kommen ist, wie es ist.

Glaube macht selig und verdammt. — Ein Christ, der auf unerlaubte Gedankengänge geräth, könnte sich wohl einmal fragen: ist es eigentlich nöthig, dass es einen Gott, nebst einem stellvertretenden Sünden- lamme, wirklich giebt, wenn schon der Glaube an das Dasein dieser Wesen ausreicht, um die gleichen Wirkungen hervorzubringen? Sind es nicht überflüssige Wesen, falls sie doch existiren sollten? Denn alles Wohlthuende, Tröstliche, Versittlichende, ebenso wie alles Verdüsternde und Zermalmende, welches die christliche Religion der menschlichen Seele giebt, geht von jenem Glauben aus und nicht von den Gegenständen jenes Glaubens. Es steht hier nicht anders als bei dem bekannten Falle: zwar hat es keine Hexen gegeben, aber die furchtbaren Wirkungen des Hexenglaubens sind die- selben gewesen, wie wenn es wirklich Hexen gegeben hätte. Für alle jene Gelegenheiten, wo der Christ das unmittelbare Eingreifen eines Gottes erwartet, aber um- sonst erwartet — weil es keinen Gott giebt, ist seine Religion erfinderisch genug in Ausflüchten und Gründen zur Beruhigung: hierin ist es sicherlich eine geistreiche Religion. — Zwar hat der Glaube bisher noch keine wirklichen Berge versetzen können, obschon diess ich weiss nicht wer behauptet hat; aber er vermag Berge dorthin zu setzen, wo keine sind.

Tragikomödie von Regensburg. — Hier und da kann man mit einer erschreckenden Deutlichkeit das Possenspiel der Fortuna sehen, wie sie an wenig Tage, an Einen Ort, an die Zustände und Stimmungen Eines Kopfes das Seil der nächsten Jahrhunderte anknüpft, an dem sie diese tanzen lassen will. So liegt das Ver- hängniss der neueren deutschen Geschichte in den Tagen jener Disputation von Regensburg: der friedliche Aus- gang der kirchlichen und sittlichen Dinge, ohne Religions- kriege, Gegenreformation schien gewährleistet, ebenso die Einheit der deutschen Nation; der tiefe milde Sinn des Contarini schwebte einen Augenblick über dem theologischen Gezänk, siegreich, als Vertreter der reiferen italiänischen Frömmigkeit, welche die Morgenröthe der geistigen Freiheit auf ihren Schwingen wiederstrahlte. Aber der knöcherne Kopf Luther's, voller Verdächtigungen und unheimlicher Ängste, sträubte sich: weil die Recht- fertigung durch die Gnade ihm als sein grösster Fund und Wahlspruch erschien, glaubte er diesem Satze nicht im Munde von Italiänern: während diese ihn, wie es bekannt ist, schon viel früher gefunden und durch ganz Italien in tiefer Stille verbreitet hatten. Luther sah in dieser scheinbaren Übereinstimmung die Tücken des Teufels und verhinderte das Friedenswerk, so gut er konnte: wodurch er die Absichten der Feinde des Reiches ein gutes Stück vorwärts brachte. — Und nun nehme man, um den Eindruck des schauerlich Possenhaften noch mehr zu haben, hinzu, dass keiner der Sätze, über welche man sich damals in Regensburg stritt, weder der von der Erbsünde, noch der von der Erlösung durch Stell- vertretung, noch der von der Rechtfertigung im Glauben, irgendwie wahr ist, oder auch nur mit der Wahrheit zu thun hat, dass sie alle jetzt als indiscutirbar erkannt sind: ■ — und doch wurde darüber die Welt in Flammen gesetzt, also über Meinungen, denen gar keine Dinge und Realitäten entsprechen; während in Betreff von rein philologischen Fragen, zum Beispiel nach der Erklärung der Einsetzungs-Worte des Abendmahls, doch wenigstens ein Streit erlaubt ist, weil hier die Wahrheit gesagt werden kann. Aber wo Nichts ist, da hat auch die Wahrheit ihr Recht verloren. — Zuletzt bleibt Nichts übrig zu sagen, als dass damals allerdings Kraftquellen entsprungen sind, so mächtig, dass ohne sie alle Mühlen der modernen Welt nicht mit gleicher Stärke getrieben würden. Und erst kommt es auf Kraft an, dann erst auf Wahrheit, oder auch dann noch lange nicht — nicht wahr, meine lieben Zeitgemässen?

Goethe's Irrungen. — Goethe ist darin die grosse Ausnahme unter den grossen Künstlern, dass er nicht in der Bornirtheit seines wirklichen Vermögens lebte, als ob dasselbe an ihm selber und für alle Welt das Wesentliche und Auszeichnende, das Unbedingte und Letzte sein müsse. Er meinte zweimal etwas Höheres zu besitzen, als er wirklich besass — und irrte sich, in der zweiten Hälfte seines Lebens, wo er ganz durch- drungen von der Uberzeugung erscheint, einer der grössten wissenschaftlichen Entdecker und Licht- bringer zu sein. Und ebenso schon in der ersten Hälfte seines Lebens: er wollte von sich etwas Höheres, als die Dichtkunst ihm schien — und irrte sich schon darin. Die Natur habe aus ihm einen bildenden Künstler machen wollen — das war sein innerlich glühendes und versengendes Geheimniss, das ihn endlich nach Italien trieb, damit er sich in diesem Wahne noch recht austobe und ihm jedes Opfer bringe. Endlich entdeckte er, der Besonnene, allem Wahnschaffnen an sich ehrlich Abholde, wie ein trügerischer Kobold von Begierde ihn zum Glauben an diesen Beruf gereizt habe, wie er von der grössten Leidenschaft seines Wollens sich losbinden und Abschied nehmen müsse. Die schmerzlich schneidende und wühlende Überzeugung, es sei nöthig, Abschied zu nehmen, ist völlig in der Stimmung des Tasso aus- geklungen, über ihm, dem „gesteigerten Werther", liegt das Vorgefühl von Schlimmerem als der Tod ist, wie wenn sich Einer sagt: „nun ist es aus — nach diesem Abschiede; wie soll man weiter leben, ohne wahnsinnig zu werden!" — Diese beiden Grundirrthümer seines Lebens gaben Goethe Angesichts einer rein litterarischen Stellung zur Poesie, wie damals die Welt allein sie kannte, eine so unbefangene und fast willkürlich erschei- nende Haltung. Abgesehn von der Zeit, wo Schiller — der arme Schiller, der keine Zeit hatte und keine Zeit liess — ihn aus der enthaltsamen Scheu vor der Poesie, aus der Furcht vor allem litterarischen Wesen und Hand- werk heraustrieb, erscheint Goethe wie ein Grieche, der hier und da eine Geliebte besucht, mit dem Zweifel, ob es nicht eine Göttin sei, der er keinen rechten Namen zu geben wisse. Allem seinem Dichten merkt man die anhauchende Nähe der Plastik und der Natur an: die Züge dieser ihm vorschwebenden Gestalten — und er meinte vielleicht immer nur den Verwandlungen Einer Göttin auf der Spur zu sein — wurden ohne Willen und Wissen die Züge sämmtlicher Kinder seiner Kunst. Ohne die Umschweife des Irrthums wäre er nicht Goethe geworden: das heisst, der einzige deutsche Künstler der Schrift, der jetzt noch nicht veraltet ist — weil er eben so wenig Schriftsteller als Deutscher von Beruf sein wollte.

Reisende und ihre Grade. — Unter den Reisen- den unterscheide man nach fünf Graden: die des ersten niedrigsten Grades sind solche, welche reisen und dabei gesehen werden — sie werden eigentlich gereist und sind gleichsam blind; die nächsten sehen wirklich selber in die Welt; die dritten erleben Etwas in Folge des Sehens; die vierten leben das Erlebte in sich hinein und tragen es mit sich fort; endlich giebt es einige Menschen der höchsten Kraft, welche alles Gesehene, nachdem es erlebt und eingelebt worden ist, endlich auch nothwendig wieder aus sich herausleben müssen, in Handlungen und Werken, sobald sie nach Hause zurückgekehrt sind. — Diesen fünf Gattungen von Reisenden gleich gehen über- haupt alle Menschen durch die ganze Wanderschaft des Lebens, die niedrigsten als reine Passiva, die höchsten als die Handelnden und Auslebenden ohne allen Rest zurück- bleibender innerer Vorgänge.

Im Höher - Steigen. — Sobald man höher steigt als Öie, welche Einen bisher bewunderten, so erscheint man eben Denen als gesunken und herabgefallen: denn sie vermeinten unter allen Umständen, bisher mit uns (sei es auch durch uns) auf der Höhe zu sein.

Maass und Mitte. — Von zwei ganz hohen Dingen: Maass und Mitte, redet man am besten nie. Einige Wenige kennen ihre Kräfte und Anzeichen, aus den Mysterien -Pfaden innerer Erlebnisse und Umkehrungen: sie verehren in ihnen etwas Göttliches und scheuen das laute Wort. Alle Übrigen hören kaum zu, wenn davon gesprochen wird, und wähnen, es handele sich um Lange- weile und Mittelmässigkeit: Jene etwa noch ausgenommen, welche einen anmahnenden Klang aus jenem Reiche ein- mal vernommen, aber gegen ihn sich die Ohren verstopft haben. Die Erinnerung daran macht sie nun böse und aufgebracht.

Humanität der Freund- und Meisterschaft. — • „Gehe du gen Morgen: so werde ich gen Abend ziehen" — so zu empfinden ist das hohe Merkmal von Humanität im engeren Verkehre: ohne diese Empfindung wird jede Freundschaft, jede Jünger- und Schülerschaft irgendwann einmal zur Heuchelei.

Nietzsche, Werke Band III. q Die Tiefen. — Tiefdenkende Menschen kommen sich im Verkehr mit Anderen als Komödianten vor, weil sie sich da, um verstanden zu werden, immer erst eine Oberfläche anheucheln müssen.

Für die Verächter der „Heerden-Menschheit". — Wer die Menschen als Heerde betrachtet und vor ihnen so schnell er kann flieht, den werden sie gewiss einholen und mit ihren Hörnern stossen.

Hauptvergehen gegen den Eitlen. — Wer einem Anderen in der Gesellschaft Gelegenheiten macht, sein Wissen Fühlen Erfahren glücklich darzulegen, stellt sich über ihn und begeht also, falls er nicht als Höher- stehender von Jenem ohne Einschränkung empfunden wird, ein Attentat auf dessen Eitelkeit — während er gerade derselben Befriedigung zu geben glaubt.

Enttäuschung. — Wenn ein langes Leben und Thun sammt Reden und Schriften von einer Person öffentlich Zeugniss ablegt, so pflegt der Umgang mit ihr zu enttäuschen, aus doppeltem Grunde: einmal weil man zu viel von einer kurzen Zeitspanne Verkehrs erwartet — nämlich alles Das, was erst die tausend Gelegenheiten des Lebens sichtbar werden liessen —, und sodann weil jeder Anerkannte sich keine Mühe giebt, im Einzelnen noch um Anerkennung zu buhlen. Er ist zu nachlässig — und wir sind zu gespannt.

Zwei Quellen der Güte. — Alle Menschen mit gleichmässigem Wohlwollen behandeln und ohne Unter- schied der Person gütig sein kann ebensosehr der Aus- fluss tiefer Menschenverachtung als gründlicher Menschen- liebe sein.

Der Wanderer im Gebirge zu sich selber. — Es giebt sichere Anzeichen dafür, dass du vorwärts und höher hinauf gekommen bist: es ist jetzt freier und aus- sichtsreicher um dich als vordem, die Luft weht dich kühler, aber auch milder an — du hast ja die Thorheit verlernt, Milde und Wärme zu verwechseln —, dein Gang ist lebhafter und fester geworden, Muth und Be- sonnenheit sind zusammen gewachsen: — aus allen diesen Gründen wird dein Weg jetzt einsamer sein dürfen und jedenfalls gefährlicher sein als dein früherer, wenn auch gewiss nicht in dem Maasse, als Die glauben, welche dich Wanderer vom dunstigen Thale aus auf dem Ge- birge schreiten sehen.

Ausgenommen der Nächste. — Offenbar steht mein Kopf nur auf meinem eigenen Halse nicht recht; denn jeder Andere weiss bekanntlich besser, was ich zu thun und zu lassen habe: nur mir selber weiss ich armer Schelm nicht zu rathen. Sind wir nicht Alle wie Bild- 9* 9* Säulen, denen falsche Köpfe aufgesetzt wurden? — nicht wahr, mein geliebter Nachbar? — Doch nein, du gerade bist die Ausnahme.

Vorsicht. — Mit Menschen, denen die Scheu vor dem Persönlichen fehlt, muss man nicht umgehen oder unerbittlich ihnen vorher die Handschellen der Con- venienz anlegen.

Eitel erscheinen wollen. — Im Gespräche mit Unbekannten oder Halbbekannten nur ausgewählte Ge- danken äussern, von seinen berühmten Bekanntschaften, bedeutenden Erlebnissen und Reisen reden, ist ein An- zeichen davon, dass man nicht stolz ist, mindestens dass man nicht so scheinen möchte. Die Eitelkeit ist die Höflichkeits-Maske des Stolzen.

Die gute Freundschaft. — Die gute Freund- schaft entsteht, wenn man den Anderen sehr achtet und zwar mehr als sich selbst, wenn man ebenfalls ihn liebt, jedoch nicht so sehr als sich, und wenn man endlich, zur Erleichterung des Verkehrs, den zarten Anstrich und Flaum der Intimität hinzuzuthun versteht, zugleich aber sich der wirklichen und eigentlichen Intimität und der Verwechslung von Ich und Du weislich enthält.

Die Freunde als Gespenster. — Wenn wir uns stark verwandeln, dann werden unsere Freunde, die nicht verwandelten, zu Gespenstern unserer eignen Vergangen- heit: ihre Stimme tönt schattenhaft- schauerlich zu uns heran — als ob wir uns selber hörten, aber jünger, härter, ungereifter.

Ein Auge und zwei Blicke. — Dieselben Per- sonen, welche das Naturspiel des Gunst- und Gönner- suchenden Blicks haben, haben gewöhnlich auch, in Folge ihrer häufigen Demüthigungen und Rachegefühle, den unverschämten Blick.

Die blaue Ferne. — Zeitlebens ein Kind — das klingt sehr rührend, ist aber nur das Urtheil aus der Ferne; in der Nähe gesehen und erlebt, heisst es immer: zeitlebens knabenhaft.

Vortheil und Nachtheil im gleichen Miss- verständnis s. — Die verstummende Verlegenheit des feinen Kopfes wird gewöhnlich von Seiten der Unfeinen als schweigende Überlegenheit gedeutet und sehr ge- fürchtet: während die Wahrnehmung von Verlegenheit Wohlwollen erzeugen würde.

Der Weise sich als Narren gebend. — Die Menschenfreundlichkeit des Weisen bestimmt ihn mit- unter, sich erregt erzürnt erfreut zu stellen, um seiner Umgebung durch die Kälte und Besonnenheit seines wahren Wesens nicht weh zu thun.

Sich zur Aufmerksamkeit zwingen. — Sobald wir merken, dass Jemand im Umgange und Gespräche mit uns sich zur Aufmerksamkeit zwingen muss, haben wir einen vollgültigen Beweis dafür, dass er uns nicht oder nicht mehr liebt.

Weg zu einer christlichen Tugend. — Von seinen Feinden zu lernen ist der beste Weg dazu, sie zu lieben: denn es stimmt uns dankbar gegen sie.

Kriegslist des Zudringlichen. — Der Zudring- liche giebt auf unsre Conventionsmünze in Goldmünze heraus und will uns dadurch nachträglich nöthigen, unsre Convention als Versehen und ihn als Ausnahme zu behandeln.

Grund der Abneigung. — Wir werden manchem Künstler oder Schriftsteller feindlich, nicht weil wir end- lich merken, dass er uns hintergangen hat, sondern weil er nicht feinere Mittel für nöthig befand, um uns zu fangen.

Im Scheiden. — Nicht darin, wie eine Seele sich der andern nähert, sondern wie sie sich von ihr ent- fernt, erkenne ich ihre Verwandtschaft und Zusammen- gehörigkeit mit der andern.

Silentium. — Man darf über seine Freunde nicht reden: sonst verredet man sich das Gefühl der Freund- schaft.

Unhöflichkeit. — Unhöflichkeit ist häufig das Merkmal einer ungeschickten Bescheidenheit, welche bei einer Überraschung den Kopf verliert und durch Grob- heit diess verbergen möchte.

Verrechnung in der Ehrlichkeit. — Das bisher von uns Verschwiegene erfahren mitunter gerade unsere neuesten Bekannten zuerst: wir meinen dabei thörichter- weise, es sei unser Vertrauens-Beweis die stärkste Fessel, mit welcher wir sie festhalten könnten, — aber sie wissen nicht genug von uns, um das Opfer unseres Aussprechens so stark zu empfinden, und verrathen unsere Geheim- nisse an Andere, ohne an Verrath zu denken: so dass wir vielleicht darüber unsere alten Bekannten verlieren.

Im Vorzimmer der Gunst. — Alle Menschen, die man lange im Vorzimmer seiner Gunst stehen lässt, gerathen in Gährung oder werden sauer.

Warnung an die Verachteten. — Wenn man unverkennbar in der Achtung der Menschen gesunken ist, so halte man mit den Zähnen an der Scham im Ver- kehre fest: sonst verräth man den Andern, dass man auch in seiner eigenen Achtung gesunken ist. Der Cynis- mus im Verkehre ist ein Anzeichen, dass der Mensch in der Einsamkeit sich selber als Hund behandelt.