Manche Unkenntniss adelt. — In Hinsicht auf die Achtung der Achtung-Gebenden ist es vortheilhafter, gewisse Dinge ersichtlich nicht zu verstehen. Auch die Unwissenheit giebt Vorrechte.
Der Widersacher der Grazie. — Der Unduld- same und Hochmüthige mag die Grazie nicht und empfindet sie wie einen leibhaft sichtbaren Vorwurf gegen sich; denn sie ist Toleranz des Herzens in Be- wegung und Gebärde.
Beim Wiedersehen. — Wenn alte Freunde nach langer Trennung einander wiedersehen, ereignet es sich oft, dass sie sich bei Erwähnung von Dingen theilnahm- voll stellen, die für sie ganz gleichgültig geworden sind: und mitunter merken es beide, wagen aber nicht den Schleier zu heben — aus einem traurigen Zweifel. So entstehen Gespräche wie im Todtenreiche.
Nur Arbeitsame sich zu Freunden machen. — Der Müssige ist seinen Freunden gefährlich: denn weil er nicht genug zu thun hat, redet er davon, was seine Freunde thun und nicht thun, mischt sich endlich hinein und macht sich beschwerlich: wesshalb man kluger Weise nur mit Arbeitsamen Freundschaft schliessen soll.
Eine Waffe doppelt so viel als zwei. — Es ist ein ungleicher Kampf, wenn der Eine mit Kopf und Herz, der Andre nur mit dem Kopfe für seine Sache spricht: der Erstere hat gleichsam Sonne und Wind gegen sich und seine beiden Waffen stören sich gegen- seitig: er verliert den Preis — in den Augen der Wahr- heit. Dafür ist freilich der Sieg des Zweiten mit seiner Einen Waffe selten ein Sieg nach dem Herzen aller andern Zuschauer und macht bei ihnen unbeliebt.
Tiefe und Trübe. — Das Publicum verwechselt leicht Den, welcher im Trüben fischt, mit Dem, welcher aus der Tiefe schöpft.
An Freund und Feind seine Eitelkeit de- monstriren. — Mancher misshandelt aus Eitelkeit selbst seine Freunde, wenn Zeugen zugegen sind, denen er sein Ubergewicht deutlich machen will: und Andre über- treiben den Werth ihrer Feinde, um mit Stolz darauf hinzuweisen, dass sie solcher Feinde werth sind.
Abkühlung. — Die Erhitzung des Herzens ist ge- wöhnlich mit der Krankheit von Kopf und Urtheil verbunden. Wem für einige Zeit an der Gesundheit des letzteren gelegen ist, muss also wissen, was er abzu- kühlen hat: unbesorgt für die Zukunft seines Herzens! Denn ist man überhaupt der Erwärmung fähig, so wird man auch wieder warm werden und seinen Sommer haben müssen.
Zur Mischung der Gefühle. — Gegen die Wissen- schaft empfinden Frauen und selbstsüchtige Künstler Etwas, das aus Neid und Sentimentalität zusammen- gesetzt ist.
Wann die Gefahr am grössten ist. — Man bricht das Bein selten, so lange man im Leben mühsam aufwärts steigt — aber wenn man anfängt, es sich leicht zu machen und die bequemen Wege zu wählen.
Nicht zu zeitig. — Man muss sich in Acht nehmen, nicht zu zeitig scharf zu werden, — weil man zugleich damit zu zeitig dünn wird.
Freude am Wide rspänstigen. — Der gute Er- zieher kennt Fälle, wo er stolz darauf ist, dass sein Zögling wider ihn sich selber treu bleibt: da nämlich, wo der Jüngling den Mann nicht verstehen darf oder zu seinem Schaden verstehen würde.
Versuch der Ehrlichkeit. — Jünglinge, die ehr- licher werden wollen als sie waren, suchen sich einen anerkannt Ehrlichen zum Opfer, das sie zuerst anfallen, indem sie sich zu seiner Höhe hinauf zu schimpfen suchen — mit dem Hintergedanken, dass dieser erste Versuch jedenfalls ungefährlich sei; denn gerade Jener dürfe die Unverschämtheit des Ehrlichen nicht züchtigen Das ewige Kind. — Wir meinen, das Märchen und das Spiel gehöre zur Kindheit: wir Kurzsichtigen! Als ob wir in irgend einem Lebensalter ohne Märchen und Spiel leben möchten! Wir nennen's und empfinden's freilich anders, aber gerade diess spricht dafür, dass es dasselbe ist — denn auch das Kind empfindet das Spiel als seine Arbeit und das Märchen als seine Wahr- heit. Die Kürze des Lebens sollte uns vor dem pedan- tischen Scheiden der Lebensalter bewahren — als ob jedes etwas Neues brächte —, und ein Dichter einmal den Menschen von zweihundert Jahren, den der wirklich ohne Märchen und Spiel lebt, vorführen.
Jede Philosophie ist Philosophie eines Lebensalters. — Das Lebensalter, in dem ein Philosoph seine Lehre fand, klingt aus ihr heraus — er kann es nicht verhüten, so erhaben er sich auch über Zeit und Stunde fühlen mag. So bleibt Schopenhauer's Philosophie das Spiegelbild der hitzigen und schwermüthigen Jugend — es ist keine Denkweise für ältere Menschen; so er- innert Plato's Philosophie an die mittlem dreissiger Jahre, wo ein kalter und ein heisser Strom auf einander zuzu- brausen pflegen, so dass Staub und zarte Wölkchen und, unter günstigen Umständen und Sonnenblicken, ein be- zauberndes Regenbogenbild entsteht.
Vom Geiste der Frauen. — Die geistige Kraft einer Frau wird am besten dadurch bewiesen, dass sie aus Liebe zu einem Manne und dessen Geiste ihren eigenen zum Opfer bringt und dass trotzdem ihr auf dem neuen, ihrer Natur ursprünglich fremden Gebiete, wohin die Sinnesart des Mannes sie drängt, sofort ein zweiter Geist nachwächst.
Erhöhung und Erniedrigung im Geschlecht- lichen. — Der Sturm der Begierde reisst den Mann mitunter in eine Höhe hinauf, wo alle Begierde schweigt: dort wo er wirklich liebt und noch mehr in einem besseren Sein als besserem Wollen lebt. Und wiederum steigt ein gutes Weib häufig aus wahrer Liebe bis hinab zur Begierde und erniedrigt sich dabei vor sich selber. Namentlich das Letztere gehört zu dem Herzbewegend- sten, was die Vorstellung einer guten Ehe mit sich zu bringen vermag.
Das Weib erfüllt, der Mann verheisst. — Durch das Weib zeigt die Natur, womit sie bis jetzt bei ihrer Arbeit am Menschenbilde fertig wurde; durch den Mann zeigt sie, was sie dabei zu überwinden hatte, aber auch, was sie noch Alles mit dem Menschen vorhat. — Das vollkommene Weib jeder Zeit ist der Müssiggang des Schöpfers an jedem siebenten Tage der Cultur, das Ausruhen des Künstlers in seinem Werke.
Umpflanzung. — Hat man seinen Geist verwendet, um über die Maasslosigkeit der Affecte Herr zu werden, so geschieht es vielleicht mit dem leidigen Erfolge, dass man die Maasslosigkeit auf den Geist überträgt und fürderhin im Denken und Erkennen- wollen ausschweift.
Das Lachen als Verrätherei. — Wie und wann eine Frau lacht, das ist ein Merkmal ihrer Bildung: aber im Klange des Lachens enthüllt sich ihre Natur, bei sehr gebildeten Frauen vielleicht sogar der letzte unlös- bare Rest ihrer Natur. — Desshalb wird der Menschen- prüfer sagen wie Horaz, aber aus verschiedenem Grunde: ridete fiuellae.
Aus der Seele der Jünglinge. — Jünglinge wechseln in Bezug auf dieselbe Person mit Hingebung und Unverschämtheit ab: weil sie im Grunde nur sich in. dem Andern verehren und verachten, und zwischen beiden Empfindungen in Bezug auf sich selber hin und her taumeln müssen, so lange sie noch nicht in der Er- fahrung das Maass ihres Wollens und Könnens gefunden haben.
Zur Verbesserung der Welt. — Wenn man den Unzufriedenen, Schwarzgalligen und Murrköpfen die Fort- pflanzung verwehrte, so könnte man schon die Erde in einen Garten des Glücks verzaubern. — Dieser Satz ge- hört in eine praktische Philosophie für das weibliche Geschlecht.
Seinem Gefühle nicht misstrauen. — Die frauenhafte Wendung, man solle seinem Gefühle nicht misstrauen, bedeutet nicht viel mehr als: man solle essen, was Einem gut schmeckt. Diess mag auch, namentlich für maassvolle Naturen, eine gute Alltagsregel sein. Andere Naturen müssen aber nach einem anderen Satze leben: „du musst nicht nur mit dem Munde, sondern auch mit dem Kopfe essen, damit dich nicht die Nasch- haftigkeit des Mundes zu Grunde richte."
Grausamer Einfall der Liebe. — Jede grosse Liebe bringt den grausamen Gedanken mit sich, den Gegenstand der Liebe zu tödten, damit er ein für alle Mal dem frevelhaften Spiele des Wechsels entrückt sei: denn vor dem Wechsel graut der Liebe mehr als vor der Vernichtung.
Thüren. — Das Kind sieht ebenso wie der Mann in Allem, was erlebt, erlernt wird, Thüren: aber Jenem sind es Zugänge, Diesem immer nur Durchgänge.
Mitleidige Frauen. — Das Mitleiden der Frauen, welches geschwätzig ist, trägt das Bett des Kranken auf offnen Markt.
Frühzeitiges Verdienst. — Wer jung schon sich ein Verdienst erwirbt, verlernt gewöhnlich dabei die Scheu vor dem Alter und dem Älteren, und schliesst sich damit, zu seinem grössten Nachtheile, von der Ge- sellschaft der Reifen, Reifmachenden aus: so dass er trotz frühzeitigerem Verdienste länger als Andre grün, zudringlich und knabenhaft bleibt.
Bausch- und B ogen - Seele n. — Die Frauen und die Künstler meinen, dass wo man ihnen nicht widerspreche, man nicht widersprechen könne; Verehrung in zehn Punkten und stillschweigende Nichtbilligung in anderen zehn scheint ihnen nebeneinander unmöglich, weil sie Bausch- und Bogen -Seelen haben.
Junge Talente. — In Hinsicht auf junge Talente muss man streng nach der Goethischen Maxime ver- fahren, dass man oft dem Irrthume nicht schaden dürfe, um der Wahrheit nicht zu schaden. Ihr Zustand ist gleich den Krankheiten der Schwangerschaft und bringt seltsame Gelüste mit sich: welche man ihnen, so gut es gehen will, befriedigen und nachsehen sollte, um der Frucht willen, die man von ihnen hofft. Freilich muss man, als Krankenwärter dieser wunderlichen Kranken, die schwere Kunst der freiwilligen Selbst -Demüthigung verstehen Ekel an der Wahrheit. — Die Frauen sind so geartet, dass alle Wahrheit (in Bezug auf Mann, Liebe, Kind, Gesellschaft, Lebensziel) ihnen Ekel macht — und dass sie sich an Jedem zu rächen suchen, welcher ihnen das Auge öffnet.
Die Quelle der grossen Liebe. — Woher die plötzlichen Leidenschaften eines Mannes für ein Weib entstehen, die tiefen, innerlichen? Aus Sinnlichkeit allein am wenigsten: aber wenn der Mann Schwäche, Hülfs- bedürftigkeit und zugleich Übermuth in Einem Wesen zusammen findet, so geht Etwas in ihm vor, wie wenn seine Seele überwallen wollte: er ist im selben Augen- blick gerührt und beleidigt. Auf diesem Punkte ent- springt die Quelle der grossen Liebe.
Reinlichkeit. — Man soll den Sinn für Reinlich- keit im Kinde bis zur Leidenschaft entfachen: später erhebt er sich, in immer neuen Verwandlungen, fast zu jeder Tugend hinauf und erscheint zuletzt, als Compen- sation alles Talents, wie eine Lichthülle von Reinheit Massigkeit Milde Charakter — Glück in sich tragend, Glück um sich verbreitend.
Von eitlen alten Männern. — Der Tiefsinn gehört der Jugend, der Klarsinn dem Alter zu: wenn trotzdem alte Männer mitunter in der Art der Tief- sinnigen reden und schreiben, so thun sie es aus Eitel- keit, in dem Glauben, dass sie damit den Reiz des Jugendlichen, Schwärmerischen, Werdenden, Ahnungs- und Hoffnungsvollen annehmen.
Benutzung des Neuen. — Männer benutzen Neu -Erlerntes oder -Erlebtes fürderhin als Pflugschar, vielleicht auch als Waffe: aber Weiber machen sofort daraus einen Putz für sich zurecht.
Recht haben bei den zwei Geschlechtern. — Giebt man einem Weibe zu, dass es Recht habe, so kann es sich nicht versagen, erst noch die Ferse triumphirend auf den Nacken des Unterworfenen zu setzen, — es muss den Sieg auskosten; während Mann gegen Mann sich in solchem Falle gewöhnlich des Rechthabens schämt. Dafür ist der Mann an das Siegen gewöhnt, das Weib erlebt damit eine Ausnahme.
Entsagung im Willen zur Schönheit. — Um schön zu werden, darf ein Weib nicht für hübsch gelten wollen: das heisst, es muss in neunundneunzig Fällen, Nietzsche, Werke Band III. j O wo es gefallen könnte, es verschmähen und hintertreiben zu gefallen, um Ein Mal das Entzücken Dessen einzu- ernten, dessen Seelenpforte gross genug ist, um Grosses aufzunehmen.
Unbegreiflich, unausstehlich. — Ein Jüngling kann nicht begreifen, dass ein Älterer seine Entzückungen, Gefühls-Morgenröthen, Gedanken -Wendungen und -Auf- schwünge auch einmal durchlebt habe: es beleidigt ihn schon zu denken, dass sie zweimal existirt hätten, — aber ganz feindselig stimmt es ihn zu hören, dass um frucht- bar zu werden, er jene Blüthen verlieren, ihren Duft entbehren müsse.
Partei mit der Miene der Dulderin. — Jede Partei, die sich die Miene der Dulderin zu geben weiss, zieht die Herzen der Gutmüthigen zu sich hinüber und gewinnt dadurch selber die Miene der Gutmüthigkeit — zu ihrem grössten Vortheil.
Behaupten sicherer als beweisen. — Eine Behauptung wirkt stärker als ein Argument, wenigstens bei der Mehrzahl der Menschen: denn das Argument weckt Misstrauen. Desshalb suchen die Volksredner die Argumente ihrer Partei durch Behauptungen zu sichern.
Die besten Hehler. — Alle regelmässig Erfolg- reichen besitzen eine tiefe Verschlagenheit darin, ihre Fehler und Schwächen immer nur als anscheinende Stärken zum Vorschein zu bringen: wesshalb sie dieselben ungewöhnlich gut und deutlich kennen müssen.
Von Zeit zu Zeit. — Er setzte sich in das Stadt- thor und sagte zu Einem, der hindurchgieng, diess eben sei das Stadtthor. Jener entgegnete, es sei das eine "Wahrheit, aber man dürfe nicht zu viel Recht haben, wenn man Dank dafür haben wolle. Oh, antwortete er, ich will auch keinen Dank; aber von Zeit zu Zeit ist es doch sehr angenehm, nicht nur Recht zu haben, sondern auch Recht zu behalten.
Die Tugend ist nicht von den Deutschen erfunden. — Goethe's Vornehmheit und Neidlosigkeit, Beethoven's edle einsiedlerische Resignation, Mozart's Anmuth und Grazie des Herzens, Händel's unbeugsame Männlichkeit und Freiheit unter dem Gesetz, Bach's ge- trostes und verklärtes Innenleben, welches nicht einmal nöthig hat, auf Glanz und Erfolg zu verzichten, — sind denn diess deutsche Eigenschaften? — Wenn aber nicht, so zeigt es wenigstens, wonach Deutsche streben sollen und was sie erreichen können.
Pia fr aus oder etwas Anderes. — Möchte ich mich irren: aber mich dünkt, im gegenwärtigen Deutsch- land werde eine doppelte Art von Heuchelei für Jeder- mann zur Plicht des Augenblicks gemacht: man fordert ein Deutschthum aus reichspolitischer Besorgniss, und ein Ghristenthum aus socialer Angst, beides aber nur in Worten und Gebärden und namentlich im Schweigen- können. Der Anstrich ist es, der jetzt so viel kostet, so hoch bezahlt wird: die Zuschauer sind es, derent- wegen die Nation ihr Gesicht in deutsch- und christen- thümelnde Falten legt.
Inwiefern auch im Guten das Halbe mehr sein kann als das Ganze. — Bei allen Dingen, die auf Bestand eingerichtet werden und immer den Dienst vieler Personen erfordern, muss manches weniger Gute zur Regel gemacht werden, obschon der Organisator das Bessere (und Schwerere) sehr gut kennt: aber er wird darauf rechnen, dass es nie an Personen fehle, welche der Regel entsprechen können, — und er weiss, dass das Mittelgut der Kräfte die Regel ist. — Diess sieht ein Jüngling selten ein und glaubt dann, als Neuerer, "Wunder wie sehr er im Rechte und wie seltsam die Blindheit der Anderen sei.
Der Parteimann. — Der ächte Parteimann lernt nicht mehr, er erfährt und richtet nur noch: während Solon, der nie Parteimann war, sondern neben und über den Parteien oder gegen sie sein Ziel verfolgte, bezeich- nender Weise der Vater jenes schlichten Wortes ist, in welchem die Gesundheit und Unausschöpflichkeit Athen's beschlossen liegt: „alt werd' ich und immer lern' ich fort."
Was, nach Goethe, deutsch ist. — Es sind die wahrhaft Unerträglichen, von denen man selbst das Gute nicht annehmen mag, welche Freiheit der Gesin- nung haben, aber nicht merken, dass es ihnen an Ge- schmacks- und Geistes-Freiheit fehlt. Gerade diess ist aber, nach Goethe's wohlerwogenem Urtheil, deutsch. — Seine Stimme und sein Beispiel weisen darauf hin, dass der Deutsche mehr sein müsse als ein Deutscher, wenn er den andern Nationen nützlich, ja nur erträglich werden wolle — und in welcher Richtung er bestrebt sein solle, über sich und ausser sich hinaus zu gehen.
Wann es noth thut, stehen zu bleiben. — Wenn die Massen zu wüthen beginnen und die Vernunft sich verdunkelt, thut man gut, sofern man der Gesund- heit seiner Seele nicht ganz sicher ist, unter einen Thor- weg unterzutreten und nach dem Wetter auszuschauen.
Umsturzgeister und Besitzgeister. — Das einzige Mittel gegen den Socialismus, das noch in eurer Macht steht, ist: ihn nicht herauszufordern, das heisst selber mässig und genügsam leben, die Schaustellung jeder Üppigkeit nach Kräften verhindern und dem Staate zu Hülfe kommen, wenn er alles Uberflüssige und Luxus- Ähnliche empfindlich mit Steuern belegt. Ihr wollt diess Mittel nicht? Dann, ihr reichen Bürgerlichen, die ihr euch „liberal" nennt, gesteht es euch nur zu, eure eigne Herzensgesinnung ist es, welche ihr in den Socialisten so furchtbar und bedrohlich findet, in euch selber aber als unvermeidlich gelten lasst, wie als ob sie dort etwas Anderes wäre. Hättet ihr, so wie ihr seid, euer Vermögen und die Sorge um dessen Erhaltung nicht, diese eure Gesinnung würde euch zu Socialisten machen: nur der Besitz unterscheidet zwischen euch und ihnen. Euch müsst ihr zuerst besiegen, wenn ihr irgend- wie über die Gegner eures Wohlstandes siegen wollt. — Und wäre jener Wohlstand nur wirklich Wohlbefinden! Er wäre nicht so äusserlich und neidherausfordernd, er wäre mittheilender, wohlwollender, ausgleichender, nach- helfender. Aber das Unächte und Schauspielerische eurer Lebensfreuden, welche mehr im Gefühl des Gegensatzes (dass Andere sie nicht haben und euch beneiden) als im Gefühle der Kraft-Erfüllung und Kraft-Erhöhung liegen — eure Wohnungen Kleider Wagen Schauläden Gaumen- und Tafel-Erfordernisse, eure lärmende Opern- und Musik- begeisterung, endlich eure Frauen, geformt und gebildet, aber aus unedlem Metall, vergoldet, aber ohne Goldklang, als Schaustücke von euch gewählt, als Schaustücke sich selber gebend: — das sind die giftträgerischen Verbreiter jener Volkskrankheit, welche als socialistische Herzens- krätze sich jetzt immer schneller der Masse mittheilt, aber in euch ihren ersten Sitz und Brüteherd hat. Und wer hielte diese Pest jetzt noch auf?
Taktik der Parteien. — Wenn eine Partei merkt, dass ein bisher Zugehöriger aus einem unbedingten An- hänger ein bedingter geworden ist, so erträgt sie diess so wenig, dass sie durch allerlei Aufreizungen und Kränkungen versucht, Jenen zum entschiedenen Abfall zu bringen und zum Gegner zu machen: denn sie hat den Argwohn, dass die Absicht, in ihrem Glauben etwas Relativ- Werthvolles zu sehen, das ein Für und Wider, ein Abwägen und Ausscheiden zulässt, ihr gefährlicher sei als ein Gegnerthum in Bausch und Bogen.
Zur Stärkung von Parteien. — Wer eine Partei innerlich stärken will, biete ihr Gelegenheit, um ersicht- lich ungerecht behandelt werden zu müssen: dadurch sammelt sie ein Capital guten Gewissens, das ihr viel- leicht bis dahin fehlte.
Für seine Vergangenheit sorgen. — Weil die Menschen eigentlich nur alles Alt-Begründete, Langsam- Gewordene achten, so muss Der, welcher nach seinem Tode fortleben will, nicht nur für Nachkommenschaft, sondern noch mehr für eine Vergangenheit sorgen: wesshalb Tyrannen jeder Art (auch tyrannenhafte Künstler und Politiker) der Geschichte gern Gewalt anthun, damit diese als Vorbereitung und Stufenleiter zu ihnen hin er- scheine.
Partei-Schriftsteller. — Der Paukenschlag, mit welchem sich junge Schriftsteller im Dienste einer Partei so wohl gefallen, klingt Dem, welcher nicht zur Partei gehört, wie Kettengerassel und erweckt eher Mitleiden als Bewunderung.
Gegen sich Partei ergreifen. — Unsere An- hänger vergeben es uns nie, wenn wir gegen uns selbst Partei ergreifen: denn diess heisst, in ihren Augen, nicht nur ihre Liebe zurückweisen, sondern auch ihren Ver- stand blossstellen.
Gefahr im Reichthum. — Nur wer Geist hat, sollte Besitz haben: sonst ist der Besitz gemeinge- fährlich. Der Besitzende nämlich, der von der freien Zeit, welche der Besitz ihm gewähren könnte, keinen Gebrauch zu machen versteht, wird immer fortfahren, nach Besitz zu streben: dieses Streben wird seine Unter- haltung, seine Kriegslist im Kampf mit der Langeweile sein. So entsteht zuletzt, aus mässigem Besitz, welcher dem Geistigen genügen würde, der eigentliche Reich- thum: und zwar als das gleissende Ergebniss geistiger Unselbständigkeit und Armuth. Nun erscheint er aber ganz anders, als seine armselige Abkunft erwarten lässt, weil er sich mit Bildung und Kunst maskiren kann: er kann eben die Maske kaufen. Dadurch erweckt er Neid bei den Ärmeren und Ungebildeten — welche im Grunde immer die Bildung beneiden und in der Maske nicht die Maske sehen — und bereitet allmählich eine sociale Umwälzung vor: denn vergoldete Rohheit und schauspielerisches Sich-Blähen im angeblichen „Genüsse der Cultur" giebt Jenen den Gedanken ein „es liegt nur am Gelde", — während allerdings Etwas am Gelde liegt, aber viel mehr am Geiste.
Freude im Gebieten und Gehorchen. — Das Gebieten macht Freude wie das Gehorchen, ersteres wenn es noch nicht zur Gewohnheit geworden ist, letzteres aber wenn es zur Gewohnheit geworden ist. Alte Diener unter neuen Gebietenden fördern sich gegenseitig im Freude-machen.
Ehrgeiz des verlornen Postens. — Es giebt einen Ehrgeiz des verlornen Postens, welcher eine Partei dahin drängt, sich in eine äusserste Gefahr zu begeben.
Wann Esel noth thun. — Man wird die Menge nicht eher zum Hosiannah-Rufen bringen, bis man auf einem Esel in die Stadt einreitet.
Partei-Sitte. — Eine jede Partei versucht, das Bedeutende, das ausser ihr gewachsen ist, als unbe- deutend darzustellen; gelingt es ihr aber nicht, so feindet sie es um so bitterer an, je vortrefflicher es ist.
Leer- werden. — Von Dem, der sich den Ereig- nissen hingiebt, bleibt immer weniger übrig. Grosse Politiker können desshalb ganz leere Menschen werden und doch einmal voll und reich gewesen sein.
Erwünschte Feinde. — Die socialistischen Re- gungen sind den dynastischen Regierungen jetzt immer noch eher angenehm als furchteinfiössend, weil sie durch dieselben Recht und Schwert zu Ausnahme-Maass- regeln in die Hände bekommen, mit denen sie ihre eigentlichen Schreckgestalten, die Demokraten und Anti- Dynasten, treffen können. — Zu Allem, was solche Re- gierungen öffentlich hassen, haben sie jetzt eine heimliche Zuneigung und Innigkeit: sie müssen ihre Seele ver- schleiern.
Der Besitz besitzt. — Nur bis zu einem gewissen Grade macht der Besitz den Menschen unabhängiger, freier; eine Stufe weiter — und der Besitz wird zum Herrn, der Besitzer zu seinem Sclaven: als welcher ihm seine Zeit, sein Nachdenken zum Opfer bringen muss und sich fürder- hin zu einem Verkehr verpflichtet, an einen Ort ange- nagelt, einem Staate einverleibt sieht — Alles vielleicht wider sein innerlichstes und wesentlichstes Bedürfniss.
Von der Herrschaft der Wissenden. — Es ist leicht, zum Spotten leicht, das Muster zur Wahl einer gesetzgebenden Körperschaft aufzustellen. Zuerst hätten die Redlichen und Vertrauenswürdigen eines Landes, welche zugleich irgendworin Meister und Sachkenner sind, sich auszuscheiden, durch gegenseitige Auswitterung und Anerkennung: aus ihnen wiederum müssten sich, in engerer Wahl, die in jeder Einzelart Sachverständigen und Wissenden ersten Ranges auswählen, gleichfalls durch gegenseitige Anerkennung und Gewährleistung. Bestünde aus ihnen die gesetzgebende Körperschaft, so müssten endlich, für jeden einzelnen Fall, nur die Stimmen und Urtheile der speciellsten Sachverständigen entscheiden und die Ehrenhaftigkeit aller Übrigen gross genug und einfach zur Sache des Anstandes geworden sein, die Abstimmung dabei auch nur Jenen zu überlassen: so dass im strengsten Sinne das Gesetz aus dem Verstände der Verständigsten hervorgienge. — Jetzt stimmen Parteien ab: und bei jeder Abstimmung muss es hunderte von beschämten Gewissen geben — die der Schlecht -Unter- richteten, Urtheils -Unfähigen, die der Nachsprechenden, Nachgezogenen, Fortgerissenen. Nichts erniedrigt die Würde jedes neuen Gesetzes so, als dieses anklebende Schamroth der Unredlichkeit, zu der jede Partei -Ab- stimmung zwingt. Aber, wie gesagt, es ist leicht, zum Spotten leicht, so Etwas aufzustellen: keine Macht der Welt ist jetzt stark genug, das Bessere zu verwirklichen, — es sei denn, dass der Glaube an die höchste Nütz- lichkeit der Wissenschaft und der Wissenden endlich auch dem Böswilligsten einleuchte und dem jetzt herrschenden Glauben an die Zahl vorgezogen werde. Im Sinne dieser Zukunft sei unsere Losung: „Mehr Ehrfurcht vor dem Wissenden! Und nieder mit allen Parteien!"
Vom }>Volke der Denker" (oder des schlechten Denkens). — Das Undeutliche Schwebende Ahnungs- volle Elementarische Intuitive — um für unklare Dinge auch unklare Namen zu wählen —, was man dem deutschen Wesen nachsagt, wäre, wenn es thatsächlich noch bestünde, ein Beweis, dass seine Cultur um viele Schritte zurückgeblieben und noch immer von Bann und Luft des Mittelalters umschlossen wäre. — Freilich liegen in einer solchen Zurückgebliebenheit auch einige Vor- theile: die Deutschen wären mit diesen Eigenschaften — wenn sie dieselben, nochmals gesagt, jetzt noch besitzen sollten — zu einigen Dingen, und namentlich zum Verständniss einiger Dinge befähigt, zu welchen andere Nationen alle Kraft verloren haben. Und sicher geht viel verloren, wenn der Mangel an Vernunft — das heisst eben das Gemeinsame in jenen Eigenschaften — verloren geht: aber hier giebt es auch keine Einbusse ohne den höchsten Gegengewinn, so dass jeder Grund zum Jammern fehlt, vorausgesetzt dass man nicht wie Kinder und Leckerhafte die Früchte aller Jahreszeiten zugleich gemessen will.
Eulen nach Athen. — Die Regierungen der grossen Staaten haben zwei Mittel in den Händen, das Volk von sich abhängig zu erhalten, in Furcht und Gehorsam: ein gröberes, das Heer, ein feineres, die Schule. Mit Hülfe des ersteren bringen sie den Ehrgeiz der höheren und die Kraft der niederen Schichten, soweit beide thätigen und rüstigen Männern mittlerer und minderer Begabung zu eigen zu sein pflegen, auf ihre Seite; mit Hülfe des andern Mittels gewinnen sie die begabte Armuth, namentlich die geistig -anspruchsvolle Halbarmuth der mittleren Stände für sich. Sie machen vor Allem aus den Lehrern allen Grades einen unwillkürlich nach „Oben" hin blickenden geistigen Hofstaat: indem sie der Privat- schule und gar der ganz und gar missliebigen Einzel- erziehung Stein über Stein in den Weg legen, sichern sie sich die Verfügung über eine sehr bedeutende Anzahl von Lehrstellen, auf welche sich nun fortwährend eine gewiss fünfmal grössere Anzahl von hungrig und unter- würfig blickenden Augen richten, als je Befriedigung finden können. Diese Stellungen dürfen ihren Mann aber nur kärglich nähren: so unterhält sich in ihm der Fieberdurst nach Beförderung und schliesst ihn noch enger an die Absichten der Regierung an. Denn eine massige Unzufriedenheit zu pflegen ist immer vor- theilhafter als Zufriedenheit, die Mutter des Muthes, die Grossmutter des Freisinns und des Übermuthes. Ver- mittelst dieses leiblich und geistig im Zaume gehaltenen Lehrerthums wird nun, so gut es gehen will, alle Jugend des Landes auf eine gewisse, dem Staate nützliche und zweckmässig abgestufte Bildungshöhe gehoben: vor Allem aber wird jene Gesinnung fast unvermerkt auf die unreifen und ehrsüchtigen Geister aller Stände über- tragen, dass nur eine vom Staate anerkannte und abge- stempelte Lebensrichtung sofort gesellschaftliche Aus- zeichnung mit sich führt. Die Wirkung dieses Glaubens an Staats-Prüfungen und -Titel geht so weit, dass selbst unabhängig gebliebenen, durch Handel oder Handwerk emporgestiegenen Männern so lange ein Stachel der Unbefriedigung in der Brust bleibt, bis auch ihre Stel- lung durch eine begnadigende Verleihung von Rang und Orden von Oben her bemerkt und anerkannt ist, — bis man „sich sehen lassen kann". Endlich verknüpft der Staat alle jene hundert und aberhundert ihm zuge- hörigen Beamtungen und Erwerbsposten mit der Ver- pflichtung, durch die Staatsschulen sich bilden und abzeichnen zu lassen, wenn man je in diese Pforten ein- gehen wolle: Ehre bei der Gesellschaft, Brod für sich, Ermöglichung einer Familie, Schutz von Oben her, Ge-