SigPhi · Nietzsche

Menschliches, Allzumenschliches, Zweiter Band (German)

German

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meing-efühl der gemeinsam Gebildeten — diess Alles bildet ein Netz von Hoffnungen, in welches jeder iunge Mann hineinläuft: woher sollte ihm denn das Misstrauen angeweht sein! Ist zu guter letzt gar noch bei Jeder- mann die Verpflichtung, einige Jahre Soldat zu sein, nach Ablauf weniger Generationen, zu einer gedanken- losen Gewohnheit und Voraussetzung geworden, auf welche hin man frühzeitig den Plan seines Lebens zu- rechtschneidet: so kann der Staat auch noch den Meister- griff wagen, Schule und Heer, Begabung, Ehrgeiz und Kraft durch Vortheile in einander zu flechten, das heisst den höher Begabten und Gebildeten durch günstigere Bedingungen zum Heere zu locken und mit dem Soldatengeiste des freudigen Gehorsams zu erfüllen: so dass er vielleicht dauernd zur Fahne schwört und durch seine Begabung ihr einen neuen, immer glänzen- deren Ruf verschafft. — Dann fehlt Nichts weiter als Gelegenheit zu grossen Kriegen: und dafür sorgen, von Berufswegen, also in aller Unschuld, die Diplomaten, sammt Zeitungen und Börsen: denn das „Volk", als Soldatenvolk, hat bei Kriegen immer ein gutes Gewissen, man braucht es ihm nicht erst zu machen.

Die Presse. — Erwägt man, wie auch jetzt noch alle grossen politischen Vorgänge sich heimlich und ver- hüllt auf das Theater schleichen, wie sie von unbedeu- tenden Ereignissen verdeckt werden und in ihrer Nähe klein erscheinen, wie sie erst lange nach ihrem Ge- schehen ihre tiefen Einwirkungen zeigen und den Boden nachzittern lassen, — welche Bedeutung kann man da der Presse zugestehn, wie sie jetzt ist, mit ihrem tägliehen Aufwand von Lunge, um zu schreien, zu über- täuben, zu erregen, zu erschrecken, — ist sie mehr als der permanente blinde Lärm, der die Ohren und Sinne nach einer falschen Richtung ablenkt?

Nach einem grossen Ereigniss. — Ein Volk und Mensch, dessen Seele bei einem grossen Ereigniss zu Tage gekommen ist, fühlt gewöhnlich darauf das Bedürfhiss nach einer Kinderei oder Rohheit, ebenso aus Scham als um sich zu erholen.

Gut deutsch sein heisst sich entdeutschen. — - Das, worin man die nationalen Unterschiede findet, ist viel mehr, als man bis jetzt eingesehen hat, nur der Unterschied verschiedener Culturstufen und zum ge- ringsten Theile etwas Bleibendes (und auch diess nicht in einem strengen Sinne). Desshalb ist alles Argumen- tiren aus dem National -Charakter so wenig verpflichtend für Den, welcher an der Umschaffung der Über- zeugungen, das heisst an der Cultur arbeitet. Erwägt man zum Beispiel, was Alles schon deutsch gewesen ist, so wird man die theoretische Frage: was ist deutsch? sofort durch die Gegenfrage verbessern: „was ist jetzt deutsch?" — und jeder gute Deutsche wird sie praktisch, gerade durch Uberwindung seiner deutschen Eigenschaften, lösen. Wenn nämlich ein Volk vorwärts geht und wächst, so sprengt es jedesmal den Gürtel, der ihm bis dahin sein nationales Ansehen gab: bleibt es stehen, verkümmert es, so schliesst sich ein neuer Gürtel um seine Seele; die immer härter werdende Kruste baut gleichsam ein Gefängniss herum, dessen Mauern immer wachsen. Hat ein Volk also sehr viel Festes, so ist diess ein Beweis, dass es versteinern will und ganz und gar Monument werden möchte: wie es von einem be- stimmten Zeitpunkte an das Ägypterthum war. Der also, welcher den Deutschen wohlwill, mag für seinen Theil zusehen, wie er immer mehr aus Dem, was deutsch ist, hinauswachse. Die Wendung zum Undeutschen ist desshalb immer das Kennzeichen der Tüchtigen unseres Volkes gewesen.

Ausländereien. — Ein Ausländer, der in Deutsch- land reiste, missfiel und gefiel durch einige Behauptungen, je nach den Gegenden, in denen er sich aufhielt. Alle Schwaben, die Geist haben, — pflegte er zu sagen — sind kokett. — Die anderen Schwaben aber meinten noch immer, Uhland sei ein Dichter und Goethe un- moralisch gewesen. — Das Beste an den deutschen Romanen, welche jetzt berühmt würden, sei, dass man sie nicht zu lesen brauche: man kenne sie schon. — Der Berliner erscheine gutmüthiger als der Süddeutsche, denn er sei allzu sehr spottlustig und vertrage desshalb Spott: was Süddeutschen nicht begegne. — Der Geist der Deutschen werde durch ihr Bier und ihre Zeitungen niedergehalten: er empfehle ihnen Thee und Pamphlete, zur Cur natürlich. — Man sehe sich, so rieth er, doch die verschiedenen Völker des altgewordenen Europa dar- auf an, wie ein jedes eine bestimmte Eigenschaft des Alters besonders gut zur Schau trägt, zum Vergnügen für Die, welche vor dieser grossen Bühne sitzen: wie die Franzosen das Kluge und Liebenswürdige des Alters, die Engländer das Erfahrene und Zurückhaltende, die Italiäner das Unschuldige und Unbefangene mit Glück vertreten. Sollten denn die anderen Masken des Alters fehlen? Wo ist der hochmüthige Alte? Wo der herrsch- süchtige Alte? Wo der habsüchtige Alte? — Die gefähr- lichste Gegend in Deutschland sei Sachsen und Thüringen: nirgends gäbe es mehr geistige Rührigkeit und Menschen- kenntniss, nebst Freigeisterei, und Alles sei so bescheiden durch die hässliche Sprache und die eifrige Dienstbeflissen- heit dieser Bevölkerung versteckt, dass man kaum merke, hier mit den geistigen Feldwebeln Deutschlands und seinen Lehrmeistern in Gutem und Schlimmem zu thun zu haben. — Der Hochmuth der Norddeutschen werde durch ihren Hang zu gehorchen, der der Süddeutschen durch ihren Hang, sich's bequem zu machen, in Schranken gehalten. — Es schiene ihm, dass die deutschen Männer in ihren Frauen ungeschickte, aber sehr von sich über- zeugte Hausfrauen hätten: sie redeten so beharrlich gut von sich, dass sie fast die Welt und jedenfalls ihre Männer von der eigens deutschen Hausfrauen -Tugend überzeugt hätten. — Wenn sich dann das Gespräch auf Deutschlands Politik nach Aussen und Innen wendete, so pflegte er zu erzählen — er nannte es: verrathen —, dass Deutschlands grösster Staatsmann nicht an grosse Staatsmänner glaube. — Die Zukunft der Deutschen fand er bedroht und bedrohlich: denn sie hätten verlernt, sich zu freuen (was die Italiäner so gut verstünden), aber i sich durch das grosse Hazardspiel von Kriegen und dynastischen Revolutionen an die Emotion gewöhnt, folglich würden sie eines Tages die Erneute haben. Denn diess sei die stärkste Emotion, welche ein Volk sich ver- schaffen könne. — Der deutsche Socialist sei eben dess- halb am gefährlichsten, weil ihn keine bestimmte Noth Nietzsche, Werke Band III. U treibe; sein Leiden sei, nicht zu wissen, was er wolle; so werde er, wenn er auch viel erreiche, doch noch im Genüsse vor Begierde verschmachten, ganz wie Faust, aber vermuthlich wie ein sehr pöbelhafter Faust. „Den Faust-Teufel nämlich, rief er zuletzt, von dem die gebildeten Deutschen so geplagt wurden, hat Bismarck ihnen ausgetrieben: nun ist der Teufel aber in die Säue gefahren und schlimmer als je vorher!"

Meinungen. — Die meisten Menschen sind Nichts und gelten Nichts, bis sie sich in allgemeine Über- zeugungen und öffentliche Meinungen eingekleidet haben — nach der Schneider-Philosophie: Kleider machen Leute. Von den Ausnahme-Menschen aber muss es heissen: erst der Träger macht die Tracht; hier hören die Meinungen auf, öffentlich zu sein, und werden etwas Anderes als Masken, Putz und Verkleidung.

Zwei Arten derNüchternheit. — Um Nüchtern- heit aus Erschöpfung des Geistes nicht mit Nüchternheit aus Mässigung zu verwechseln, muss man darauf Acht haben, dass die erstere übellaunig, die andere froh- müthig ist.

Verfälschung der Freude. — Keinen Tag länger eine Sache gut heissen, als sie uns gut scheint, und vor Allem: keinen Tag früher — das ist das einzige Mittel, sich die Freude ächt zu erhalten: die sonst allzuleicht fade und faul im Geschmacke wird und jetzt für ganze Schichten des Volkes zu den verfälschten Lebensmitteln gehört.

Der Tugend- Bock. — Beim Allerbesten, was Einer thut, suchen Die, welche ihm wohlwollen, aber seiner That nicht gewachsen sind, schleunigst einen Bock, um ihn zu schlachten, wähnend, es sei der Sündenbock — aber es ist der Tugend-Bock.

Souverainetät. — Auch das Schlechte ehren und sich zu ihm bekennen, wenn es Einem gefällt, und keinen Begriff davon haben, wie man sich seines Ge- fallens schämen könne, ist das Merkmal der Souverainetät, im Grossen und Kleinen.

Der Wirkende ein Phantom, keine Wirklich- keit. — Der bedeutende Mensch lernt allmählich, dass er, sofern er wirkt, ein Phantom in den Köpfen Anderer ist, und geräth vielleicht in die feine Seelenqual, sich zu fragen, ob er das Phantom von sich zum Besten seiner Mitmenschen nicht aufrecht erhalten müsse.

Nehmen und geben. — Wenn man Einem das Geringste weg (oder vorweg) genommen hat, so ist er blind dafür, dass man ihm viel Grösseres, ja das Grösste gegeben hat.

Der gute Acker. — Alles Abweisen und Negiren zeigt einen Mangel an Fruchtbarkeit an: im Grunde, wenn wir nur gutes Ackerland wären, dürften wir Nichts unbenutzt umkommen lassen und in jedem Dinge, Ereig- nisse und Menschen willkommenen Dünger Regen oder Sonnenschein sehen.

Verkehr als Genus s. — Hält sich Einer, mit ent- sagendem Sinne, absichtlich in der Einsamkeit, so kann er sich dadurch den Verkehr mit Menschen, selten ge- nossen, zum Leckerbissen machen.

Öffentlich zu leiden verstehen. — Man muss sein Unglück affichiren und von Zeit zu Zeit hörbar seufzen, sichtbar ungeduldig sein: denn Hesse man die Andern merken, wie sicher und glücklich in sich man trotz Schmerz und Entbehrung ist, wie neidisch und bös- willig würde man sie machen! — Aber wir müssen Sorge dafür tragen, dass wir unsre Mitmenschen nicht verschlechtern; überdiess würden sie uns in jenem Falle harte Steuern auferlegen, und unser öffentliches Leiden ist jedenfalls auch unser privater Vorth eil.

Wärme in den Höhen. — Auf den Höhen ist es wärmer, als man in den Thälern meint, namentlich im Winter. Der Denker weiss, was Alles diess Gleichniss besagt.

Das Gute wollen, das Schöne können. — Es genügt nicht, das Gute zu üben, man muss es gewollt haben und, nach dem Wort des Dichters, die Gottheit in seinen Willen aufnehmen. Aber das Schöne darf man nicht wollen, man muss es können, in Unschuld und Blindheit, ohne alle Neubegier der Psyche. Wer seine Laterne anzündet, um vollkommene Menschen zu finden, der achte auf diess Merkmal: es sind die, welche immer um des Guten willen handeln und immer dabei das Schöne erreichen, ohne daran zu denken. Viele der Besseren und Edleren bleiben nämlich, aus Unvermögen und Mangel der schönen Seele, mit allem ihrem guten Willen und ihren guten Werken, unerquicklich und hässlich anzusehen; sie stossen zurück und schaden selbst der Tugend durch das widrige Gewand, welches ihr schlechter Geschmack derselben anlegt.

Gefahr der Entsagenden. — Man muss sich hüten, sein Leben auf einen zu schmalen Grund von Begehrlichkeit zu gründen: denn wenn man den Freuden entsagt, welche Stellungen Ehren Genossenschaften Wollüste Bequemlichkeiten Künste mit sich bringen, so kann ein Tag kommen, wo man merkt, statt der We i s h e i t, durch diese Verzichtleistung den Lebens- Überdruss zum Nachbarn erlangt zu haben.

Letzte Meinung über Meinungen. — Entweder verstecke man seine Meinungen oder man verstecke sich hinter seine Meinungen. Wer es anders macht, der kennt den Lauf der Welt nicht oder gehört zum Orden der heiligen Tollkühnheit.

„Gaudeamus igitur." — Die Freude muss auch für die sittliche Natur des Menschen auferbauende und ausheilende Kräfte enthalten: wie käme es sonst, dass unsere Seele, sobald sie im Sonnenschein der Freude ruht, sich unwillkürlich gelobt „gut sein!" „vollkommen wer- den!" und dass dabei ein Vorgefühl der Vollkommenheit, gleich einem seligen Schauder, sie erfasst?

An einen Gelobten. — So lange man dich lobt, glaube nur immer, dass du noch nicht auf deiner eignen Bahn, sondern auf der eines Andern bist.

Den Meister lieben. — Anders liebt der Gesell, anders der Meister den Meister.

Allzuschönes und Menschliches. — „Die Natur ist zu schön für dich armen Sterblichen" — so empfindet man nicht selten: aber ein paar Mal, bei einem innigen Anschauen alles Menschlichen, seiner Fülle Kraft Zart- heit Verflochtenheit, war es mir zu Muthe, als ob ich sagen müsste, in aller Demuth: „auch der Mensch ist zu schön für den betrachtenden Menschen!" — und zwar nicht etwa nur der moralische Mensch, sondern jeder.

Bewegliche Habe und Grundbesitz. — Wenn Einen das Leben einmal recht räuberhaft behandelt hat, und an Ehren Freunden Anhang Gesundheit Besitz aller Art nahm, was es nehmen konnte, so entdeckt man vielleicht hinterdrein, nach dem ersten Schrecken, dass man reicher ist als zuvor. Denn jetzt erst weiss man, was Einem so zu eigen ist, dass keine Räuberhand daran zu rühren vermag: und so geht man vielleicht aus aller Plünderung und Verwirrung mit der Vornehmheit eines grossen Grundbesitzers hervor.

Unfreiwillige Idealfiguren. — Das peinlichste Gefühl, das es giebt, ist zu entdecken, dass man immer für etwas Höheres genommen wird, als man ist. Denn man muss sich dabei eingestehen: irgend Etwas an dir ist Lug und Trug, dein Wort, dein Ausdruck, deine Ge- bärde, dein Auge, deine Handlung — und dieses trüge- rische Etwas ist so nothwendig wie deine sonstige Ehrlich- keit, hebt aber deren Wirkung und Werth fortwährend auf.

Idealist und Lügner. — Man soll sich auch von dem schönsten Vermögen — dem, die Dinge in's Ideal zu heben — nicht tyrannisiren lassen: sonst trennt sich eines Tages die Wahrheit von uns, mit dem bösen Wort „du Lügner von Grund aus, was habe ich mit dir zu schaffen?"

Missverstanden werden. — Wenn man als Ganzes missverstanden wird, so ist es unmöglich, ein einzelnes Missverstandenwerden von Grund aus zu heben. Diess muss man einsehen, um nicht überflüssig Kraft in seiner Vertheidigung zu verschwenden.

Der Wassertrinker spricht. — Trinke deinen Wein nur weiter, der dich dein Leben lang gelabt hat, — was geht es dich an, dass ich ein Wassertrinker sein muss? Sind Wein und Wasser nicht friedfertige brüder- liche Elemente, die ohne Vorwurf bei einander wohnen?

Aus dem Lande der Menschenfresser. — In der Einsamkeit frisst sich der Einsame selbst auf, in der Vielsamkeit fressen ihn die Vielen. Nun wähle.

Im Gefrierpunkt des Willens. — „Endlich ein- mal kommt sie doch, jene Stunde, die dich in die goldene Wolke der Schmerzlosigkeit einhüllen wird: wo die Seele ihre eigne Müdigkeit geniesst und glücklich im geduldigen Spiele mit ihrer Geduld den Wellen eines See's gleicht, die an einem ruhigen Sommertage, im Widerglanze eines buntgefärbten Abendhimmels, am Ufer schlürfen, schlürfen und wieder stille sind — ohne Ende, ohne Zweck, ohne Sättigung, ohne Bedürfniss, — ganz Ruhe, die sich am Wechsel freut, ganz Zurück- ebben und Einfluthen in den Pulsschlag der Natur." Diess ist Empfindung und Rede aller Kranken: erreichen sie aber jene Stunden, so kommt, nach kurzem Genüsse, die Langeweile. Diese aber ist der Thauwind für den eingefrornen Willen: er erwacht, bewegt sich und zeugt wieder Wunsch auf Wunsch. — Wünschen ist ein An- zeichen von Genesung oder Besserung.

Das verleugnete Ideal. — Ausnahmsweise kommt es vor, dass Einer das Höchste erst dann erreicht, wenn er sein Ideal verleugnet: denn diess Ideal trieb ihn bisher zu heftig an, so dass er in der Mitte der jedesmaligen Bahn ausser Athem kam und stehen bleiben musste.

Verrätherische Neigung. — Man beachte es als Merkmal eines neidischen, aber höher strebenden Men- schen, wenn er sich von dem Gedanken angezogen fühlt, dass es dem Vortrefflichen gegenüber nur Eine Rettung giebt: Liebe.

Treppen-Glück. — Wie der Witz mancher Menschen nicht mit der Gelegenheit gleichen Schritt hält, so dass die Gelegenheit schon durch die Thüre hindurch ist, während der Witz noch auf der Treppe steht: so giebt es bei Anderen eine Art von Treppen-Glück, welches zu langsam läuft, um der schnellfüssigen Zeit immer zur Seite zu sein: das Beste, was sie von einem Erlebniss, einer ganzen Lebensstrecke zu geniessen bekommen, fällt ihnen erst lange Zeit hinterher zu, oft nur als ein schwacher gewürzter Duft, welcher Sehnsucht erweckt und Trauer — als ob es möglich gewesen wäre — irgendwann — in diesem Element sich recht satt zu trinken: nun aber ist es zu spät.

"Würmer. — Es spricht nicht gegen die Reife eines Geistes, dass er einige Würmer hat.

Der siegreiche Sitz. — Eine gute Haltung zu Pferd stiehlt dem Gegner den Muth, dem Zuschauer das Herz, — wozu willst du erst noch angreifen? Sitze wie Einer, der gesiegt hat!

Gefahr in der Bewunderung. — Man kann aus allzugrosser Bewunderung für fremde Tugenden den Sinn für seine eignen und, durch Mangel an Übung, zuletzt diese selbst verlieren, ohne die fremden dafür zum Ersatz zu erhalten.

Nutzen der Kränklichkeit. — Wer oft krank ist, hat nicht nur einen viel grösseren Genuss am Ge- sundsein, wegen seines häufigen Gesundwerdens: sondern auch einen höchst geschärften Sinn für Gesundes und Krankhaftes in Werken und Handlungen, eigenen und fremden: so dass zum Beispiel gerade die kränklichen Schriftsteller — und darunter sind leider fast alle grossen — in ihren Schriften einen viel sichreren und gleichmässigeren Ton der Gesundheit zu haben pflegen, weil sie besser als die körperlich Robusten sich auf die Philosophie der seelischen Gesundheit und Genesung und ihre Lehr- meister: Vormittag, Sonnenschein, Wald und Wasser- quelle — verstehen.

Untreue, Bedingung der Meisterschaft. — Es hilft Nichts: Jeder Meister hat nur Einen Schüler — und der wird ihm untreu — denn er ist zur Meisterschaft auch bestimmt.

Nie umsonst. — Im Gebirge der Wahrheit kletterst du nie umsonst: entweder du kommst schon heute weiter hinauf oder du übst deine Kräfte, um morgen höher steigen zu können.

Vor grauen Fensterscheiben. — Ist denn Das, was ihr durch diess Fenster von der Welt seht, so schön, dass ihr durchaus durch kein anderes Fenster mehr blicken wollt — ja selbst Andre davon abzuhalten den Ver- such macht?

Anzeichen starker Wandlungen. — Es ist ein Zeichen, wenn man von lange Vergessenen oder Todten träumt, dass man eine starke Wandlung in sich durch- lebt hat und dass der Boden, auf dem man lebt, völlig umgegraben worden ist: da stehen die Todten auf und unser Alterthum wird Neuthum.

Arznei der Seele. — Still -liegen und Wenig- denken ist das wohlfeilste Arzneimittel für alle Krank- heiten der Seele und wird, bei gutem Willen, von Stunde zu Stunde seines Gebrauchs angenehmer.

Zur Rangordnung der Geister. — Es ordnet dich tief unter Jenen, dass du die Ausnahmen festzustellen suchst, Jener aber die Regel.

Der Fatalist. — Du musst an das Fatum glauben, — dazu kann die Wissenschaft dich zwingen. Was dann aus diesem Glauben bei dir herauswächst — Feigheit, Ergebung oder Grossartigkeit und Freimuth —, das legt Zeugniss von dem Erdreich ab, in welches jenes Samen- korn gestreut wurde; nicht aber vom Samenkorn selbst — denn aus ihm kann Alles und Jedes werden.

Grund vieler Ver driesslichkeit. — Wer im Leben das Schöne dem Nützlichen vorzieht, wird sich ge- wiss zuletzt, wie das Kind, welches Zuckerwerk dem Brode vorzieht, den Magen verderben und sehr verdriess- lich in die Welt sehen.

Übermaass als Heilmittel. — Man kann sich seine eigne Begabung dadurch wieder schmackhaft machen, dass man längere Zeit die entgegengesetzte übermässig verehrt und geniesst. — Das Übermaass als Heilmittel zu gebrauchen ist einer der feineren Griffe in der Lebenskunst.

„Wolle ein Selbst." — Die thätigen erfolgreichen Naturen handeln nicht nach dem Spruche „kenne dich selbst", sondern wie als ob ihnen der Befehl vorschwebte: wolle ein Selbst, so wirst du ein Selbst. — Das Schicksal scheint ihnen immer noch die Wahl gelassen zu haben; während die Unthätigen und Beschaulichen darüber nachsinnen, wie sie jenes Eine Mal, beim Eintritt in's Leben, gewählt haben.

Womöglich ohne Anhang leben. — Wie wenig Anhänger zu bedeuten haben, begreift man erst, wenn man aufgehört hat, der Anhänger seiner Anhänger zu sein.

Sich verdunkeln. — Man muss sich zu ver- dunkeln verstehen, um die Mückenschwärme allzulästiger Bewunderer loszuwerden.

Langeweile. — Es giebt eine Langeweile der feinsten und gebildetsten Köpfe, denen das Beste, was die Erde bietet, schaal geworden ist: gewöhnt daran, ausgesuchte und immer ausgesuchtere Kost zu essen und vor der gröbern sich zu ekeln, sind sie in Gefahr Hungers zu sterben — denn des Allerbesten ist nur Wenig da, und mitunter ist es unzugänglich oder stein- hart geworden, so dass es auch gute Zähne nicht mehr beissen können.

Die Gefahr in der Bewunderung. — Die Be- wunderung. einer Eigenschaft oder Kunst kann so stark sein, dass sie uns abhält, nach ihrem Besitz zu streben.

Was man von der Kunst will. — Der Eine will vermittelst der Kunst sich seines Wesens freuen, der Andere will mit ihrer Hülfe zeitweilig über sein Wesen hinaus, von ihm weg. Nach beiden Bedürfnissen giebt es eine doppelte Art von Kunst und Künstlern.

Abfall. — Wer von uns abfällt, beleidigt damit vielleicht nicht uns, aber sicherlich unsere Anhänger.

Nach dem Tode. — Wir finden es gewöhnlich erst lange nach dem Tode eines Menschen unbegreiflich, dass er fehlt: bei ganz grossen Menschen oft erst nach Jahrzehenden. Wer ehrlich ist, meint bei einem Todesfalle gewöhnlich, dass eigentlich nicht viel fehle und dass der feierliche Leichenredner ein Heuchler sei. Erst die Noth lehrt das Nöthig-sein eines Einzelnen, und das rechte Epitaph ist ein später Seufzer.

Im Hades lassen. — Viele Dinge muss man im Hades halbbewussten Fühlens lassen und nicht aus ihrem Schatten -Dasein erlösen wollen, sonst werden sie, als Gedanke und Wort, unsere dämonischen Herren und ver- langen grausam nach unsrem Blut.

Nähe des Bettlerthums. — Auch der reichste Geist hat gelegentlich den Schlüssel zu der Kammer verloren, in der seihe aufgespeicherten Schätze ruhen, und ist dann dem Ärmsten gleich, der betteln muss, um nur zu leben.

Ketten-Denker. — Einem, der viel gedacht hat, erscheint jeder neue Gedanke, den er hört oder liest, so- fort in Gestalt einer Kette.

Mitleid. — In der vergoldeten Scheide des Mit- leidens steckt mitunter der Dolch des Neides.

Was ist Genie? — Ein hohes Ziel und die Mittel dazu wollen.

Eitelkeit der Kämpfer. — Wer keine Hoffnung hat, in einem Kampfe zu siegen, oder ersichtlich unterlegen ist, will um so mehr, dass die Art seines Kämpfens bewundert werde.

Das philosophische Leben wird missgedeutet. ■ — In dem Augenblicke, wo Jemand anfängt mit der Philosophie Ernst zu machen, glaubt alle Welt das Gegen- theil davon.

Nachahmung. — Das Schlechte gewinnt durch die Nachahmung an Ansehen, das Gute verliert dabei — namentlich in der Kunst.

Letzte Lehre der Historie. — „Ach dass ich damals gelebt hätte!" — das ist die Rede thörichter und spielerischer Menschen. Vielmehr wird man, bei jedem Stück Geschichte, das man ernstlich betrachtet hat, und sei es das gelobteste Land der Vergangenheit, zuletzt ausrufen: „nur nicht dahin wieder zurück! der Geist jener Zeit würde mit der Last von hundert Atmo- sphären auf dich drücken, des Guten und Schönen an ihr würdest du dich nicht erfreuen, ihr Schlimmes nicht verdauen können." — Zuverlässig wird die Nachwelt ebenso über unsere Zeit urtheilen: sie sei unausstehlich, das Leben in ihr unlebebar gewesen. — Und doch hält es Jeder in seiner Zeit aus? — Ja und zwar desshalb, weil der Geist seiner Zeit nicht nur auf ihm liegt, sondern auch in ihm ist. Der Geist der Zeit leistet sich selber Widerstand, trägt sich selber.

Grossheit als Maske. — Mit Grossheit des Be- nehmens erbittert man seine Feinde, mit Neid, den man merken lässt, versöhnt man sie sich beinahe: denn der Neid vergleicht, setzt gleich, er ist eine unfreiwillige und stöhnende Art von Bescheidenheit. — Ob wohl hier und da, des erwähnten Vortheils halber, der Neid als Maske vorgenommen worden ist, von Solchen, welche nicht neidisch waren? Vielleicht: sicherlich aber wird Grossheit des Benehmens oft als Maske des Neides gebraucht, von Ehrgeizigen, welche lieber Nachtheile erleiden und ihre Feinde erbittern wollen als merken lassen, dass sie sich innerlich ihnen gleich setzen.

Unverzeihlich. — Du hast ihm eine Gelegenheit gegeben, Grösse des Charakters zu zeigen, und er hat sie nicht benutzt. Das wird er dir nie verzeihen.

Gegen-Sätze. — Das Greisenhafteste, was je über den Menschen gedacht worden ist, steckt in dem be- rühmten Satze „das Ich ist immer hassenswerth"; das Kindlichste in dem noch berühmteren „liebe deinen Nächsten, wie dich selbst". — Bei dem einen hat die Menschenkenntniss aufgehört, bei dem andern noch gar nicht angefangen.

Das fehlende Ohr. — „Man gehört noch zum Pöbel, so lange man immer auf Andere die Schuld Nietzsche, Werke Band III. 12 schiebt; man ist auf der Bahn der Weisheit, wenn man immer nur sich selber verantwortlich macht; aber der Weise findet Niemanden schuldig, weder sich noch Andere." — Wer sagt diess? — Epiktet, vor achtzehn- hundert Jahren. — Man hat es gehört, aber vergessen. — Nein, man hat es nicht gehört und nicht vergessen: nicht jedes Ding vergisst sich. Aber man hatte das Ohr nicht dafür, das Ohr Epiktet's. — So hat er es also sich selber in's Ohr gesagt? — So ist es: Weisheit ist das Gezischel des Einsamen mit sich auf vollem Markte.

Fehler des Standpunktes, nicht des Auges. — Man steht sich selber immer einige Schritte zu nah; und dem Nächsten immer einige Schritte zu fern. So kommt es, dass man ihn zu sehr in Bausch und Bogen beurtheilt und sich selber zu sehr nach einzelnen gelegent- lichen unbeträchtlichen Zügen und Vorkommnissen.

Die Ignoranz in Waffen. — Wie leicht nehmen wir es, ob ein Andrer von einer Sache weiss oder nicht weiss, — während er vielleicht schon bei der Vorstellung Blut schwitzt, dass man ihn hierin für unwissend halte. Ja, es giebt ausgesuchte Narren, welche immer mit einem vollen Köcher von Bannflüchen und Machtsprüchen ein- hergehen, bereit, Jeden niederzuschiessen, der merken lässt, es gebe Dinge, worin ihr Urtheil nicht in Betracht komme.

Am Trink tisch der Erfahrung. — Personen, welche aus angeborner Massigkeit jedes Glas halbaus- getrunken stehen lassen, wollen nicht zugeben, dass jedes Ding in der Welt seine Neige und Hefe habe.

Singvögel. — Die Anhänger eines grossen Mannes pflegen sich zu blenden, um sein Lob besser singen zu können.

Nicht gewachsen. — Das Gute missfällt uns, wenn wir ihm nicht gewachsen sind.

Die Regel als Mutter oder als Kind. — Ein anderer Zustand ist der, welcher die Regel gebiert, ein andrer der, welchen die Regel gebiert.

Komödie. — Wir ernten mitunter Liebe und Ehre für Thaten oder Werke, welche wir längst wie eine Haut von uns abgestreift haben: da werden wir leicht verführt, die Komödianten unserer eigenen Vergangenheit zu machen und das alte Fell noch einmal über die Schultern zu werfen — und nicht nur aus Eitelkeit, sondern auch aus Wohlwollen gegen unsere Bewunderer.

' Fehler der Biographen. ■ — Die kleine Kraft, welche noth thut, einen Kahn in den Strom hineinzu- stossen, soll nicht mit der Kraft dieses Stromes, der ihn fürderhin trägt, verwechselt werden: aber es geschieht fast in allen Biographien, Nicht zu theuer kaufen. — Was man zu theuer kauft, verwendet man gewöhnlich auch noch schlecht, weil ohne Liebe und mit peinlicher Erinnerung — und so hat man einen doppelten Nachtheil davon.

Welche Philosophie immer der Gesellschaft noth thut. — Der Pfeiler der gesellschaftlichen Ordnung ruht auf dem Grunde, dass ein Jeder auf Das, was er ist, thut und erstrebt, auf seine Gesundheit oder Krank- heit, seine Armuth oder Wohlstand, seine Ehre oder Unansehnlichkeit, mit Heiterkeit hinblickt und dabei empfindet „ich tausche doch mit Keinem". — Wer an der Ordnung der Gesellschaft bauen will, möge nur immer diese Philosophie der heiteren Tauschablehnung und Neidlosigkeit in die Herzen einpflanzen.

Anzeichen der vornehmen Seele. — Eine vor- nehme Seele ist die nicht, welche der höchsten Auf- schwünge fähig ist, sondern jene, welche sich wenig erhebt und wenig fällt, aber immer in einer freieren durchleuchteteren Luft und Höhe wohnt Das Grosse und sein Betrachter. — Die beste Wirkung des Grossen ist, dass es dem Betrachter ein vergrösserndes und abrundendes Auge einsetzt.

Sich genügen lassen. — Die erlangte Reife des Verstandes bekundet sich darin, dass man dorthin, wo seltene Blumen unter den spitzigsten Dornenhecken der Erkenntniss stehen, nicht mehr geht und sich an Garten Wald Wiese und Ackerfeld genügen lässt, in Anbetracht, wie das Leben für das Seltene und Aussergewöhnliche zu kurz ist.

Vortheil in der Entbehrung. — Wer immerdar in der Wärme und Fülle des Herzens und gleichsam in der Sommerluft der Seele lebt, kann sich jenes schauer- liche Entzücken nicht vorstellen, welches winterlichere Naturen ergreift, die ausnahmsweise von den Strahlen der Liebe und dem lauen Anhauche eines sonnigen Februartages berührt werden.

Recept für den Dulder. — Dir wird die Last des Lebens zu schwer? — So musst du die Last deines Lebens vermehren. Wenn der Dulder endlich nach dem Flusse Lethe dürstet und sucht, — ■ so muss er zum Helden werden, um ihn gewiss zu finden.

Der Richter. — Wer Jemandes Ideal geschaut hat, ist dessen unerbittlicher Richter und gleichsam sein böses Gewissen.

Nutzen der grossen Entsagung. — Das Nütz- lichste an der grossen Entsagung ist, dass sie uns jenen Tugendstolz mittheilt, vermöge dessen wir von da an leicht viele kleine Entsagungen von uns erlangen.

Wie die Pflicht Glanz bekommt. — Das Mittel, um deine eherne Pflicht im Auge von Jedermann in Gold zu verwandeln, heisst: halte immer etwas mehr als du versprichst.

Gebet zu Menschen. — „Vergieb uns unsere Tugenden" — so soll man zu Menschen beten.

Schaffende und Geniessende. — Jeder Ge- niessende meint, dem Baume habe es an der Frucht gelegen; aber ihm lag am Samen. — Hierin besteht der Unterschied zwischen allen Schaffenden und Geniessenden.

Der Ruhm aller Grossen. — Was ist am Genie gelegen, wenn es nicht seinem Betrachter und Verehrer solche Freiheit und Höhe des Gefühls mittheilt, dass er des Genie's nicht mehr bedarf! — Sich überflüssig machen — das ist der Ruhm aller Grossen.