Nietzsche contra Wagner Aktenstücke eines Psychologen Von Friedrich Nietzsche Alfred Kröner Verlag in Leipzig Übersetzungsrecht vorbehalten Nietzsche contra Wagner VORWORT.
Die folgenden Capitel sind sämmtlich aus meinen älteren Schriften nicht ohne Vorsicht ausgewählt — einige gehn bis auf 1877 zurück —, verdeutlicht vielleicht hier und da, vor Allem verkürzt. Sie werden, hinter- einander gelesen, weder über Richard Wagner, noch über mich einen Zweifel lassen: wir sind Antipoden. Man wird auch noch Andres dabei begreifen: zum Beispiel, dass dies ein Essay für Psychologen ist, aber nicht für Deutsche...Ich habe meine Leser überall, in Wien, in St. Petersburg, in Kopenhagen und Stockholm, in Paris, in New- York — ich habe sie nicht in Europa's Flach- land Deutschland...Und ich hätte vielleicht auch den Herrn Italiänern ein Wort in's Ohr zu sagen, die ich liebe, ebenso sehr als ich...Quousque tandem, Crispi.. Triple alliance: mit dem „Reich" macht ein intelligentes Volk immer nur eine mesalliance...Turin, Weihnachten 1888.
Friedrich Nietzsche Wo ich bewundere. Ich glaube, dass die Künstler oft nicht wissen, was sie am besten können: sie sind zu eitel dazu. Ihr Sinn ist auf etwas Stolzeres gerichtet, als diese kleinen Pflan- zen zu sein scheinen, welche neu, seltsam und schön, in wirklicher Vollkommenheit auf ihrem Boden zu wachsen wissen. Das letzthin Gute ihres eignen Gartens und Weinbergs wird von ihnen obenhin abgeschätzt, und ihre liebe und ihre Einsicht sind nicht gleichen Ranges. Da ist ein Musiker, der mehr als irgend ein Musiker seine Meisterschaft darin hat, die Töne aus dem Reich leidender, gedrückter, gemarterter Seelen zu finden und auch noch dem stummen Elend Sprache zu geben. Nie- mand kommt ihm gleich in den Farben des späten Herbstes, dem unbeschreiblich rührenden Glück eines letzten, allerletzten, allerkürzesten Geniessens, er kennt einen Klang für jene heimlich-unheimlichen Mitternächte der Seele, wo Ursache und Wirkung aus den Fugen ge- kommen zu sein scheinen und jeden Augenblick Etwas „aus dem Nichts" entstehen kann. Er schöpft am glück- lichsten von Allen aus dem untersten Grunde des mensch- lichen Glücks und gleichsam aus dessen ausgetrunkenem Becher, wo die herbsten und widrigsten Tropfen zu guter- und böserletzt mit den süssesten zusammenge- laufen sind. Er kennt jenes müde Sichschieben der Seele, die nicht mehr springen und fliegen, ja nicht mehr gehen " kann; er hat den scheuen Blick des verhehlten Schmerzes, des Verstehens ohne Trost, des Abschiednehmens ohne Geständniss; ja als Orpheus alles heimlichen Elends ist er grösser als irgend Einer, und Manches ist durch ihn überhaupt erst der Kunst hinzugefügt worden, was bis- her unausdrücklich und selbst der Kunst unwürdig er- schien — die cynischen Revolten zum Beispiel, deren nur der Leidendste fähig ist, insgleichen manches ganz Kleine und Mikroskopische der Seele, gleichsam die Schuppen ihrer amphibischen Natur —, ja er ist der Meister des ganz Kleinen. Aber er will es nicht sein! Sein Charakter liebt vielmehr die grossen Wände und die verwegene Wandmalerei!.. Es entgeht ihm, dass sein Geist einen andren Geschmack und Hang — eine entgegengesetzte Optik — hat und am liebsten still in den Winkeln zusammengestürzter Häuser sitzt: da-, ver- borgen, sich selber verborgen, malt er seine eigentlichen Meisterstücke, welche alle sehr kurz sind, oft nur Einen Takt lang, — da erst wird er ganz gut, gross und voll- kommen, da vielleicht allein. — Wagner ist Einer, der tief gelitten hat — sein Vorrang vor den übrigen Musikern. — Ich bewundere Wagner in Allem, worin er sich in Musik setzt — Wo ich Einwände mache. Damit ist nicht gesagt, dass ich diese Musik für ge- sund halte, am wenigsten gerade da, wo sie von Wagner redet. Meine Einwände gegen die Musik Wagner's sind physiologische Einwände: wozu dieselben erst noch unter ästhetische Formeln verkleiden? Ästhetik ist ja nichts als eine angewandte Physiologie. — Meine „Thatsache", mein „petit faü vrat" ist, dass ich nicht mehr leicht athme, wenn diese Musik erst auf mich wirkt; dass als- bald mein Fuss gegen sie böse wird und revoltirt: er hat das Bedürfniss nach Takt, Tanz, Marsch — nach Wagner's Kaisermarsch kann nicht einmal der junge deutsche Kaiser marschieren —, er verlangt von der Musik vorerst die Entzückungen, welche in gutem Gehn, Schreiten, Tanzen liegen. Protestirt aber nicht auch mein Magen? mein Herz? mein Blutlauf? be- trübt sich nicht mein Eingeweide? Werde ich nicht un- versehens heiser dabei...Um Wagner zu hören, brauche ich pastüles Gdrandel. Und so frage ich mich: was will eigentlich mein ganzer Leib von der Musik über- haupt? Denn es giebt keine Seele...Ich glaube, seine Erleichterung: wie als ob alle animalischen Funktionen durch leichte, kühne, ausgelassne, selbstge- wisse Rhythmen beschleunigt werden sollten; wie als ob das eherne, das bleierne Leben durch goldene zärtliche ölgleiche Melodien seine Schwere verlieren sollte. Meine Schwermuth will in den Verstecken und Abgründen der Vollkommenheit ausruhn: dazu brauche ich Musik. Aber Wagner macht krank. — Was geht mich das Theater an? Was die Krämpfe seiner „sittlichen" Ek- stasen, an denen das Volk — und wer ist nicht „Volk"! . — seine Genugthuung hat! Was der ganze Gebärden- Hokuspokus des Schauspielers! — Man sieht, ich bin wesentlich antitheatralisch geartet, ich habe gegen das Theater, diese Massen-Kunst par excellence, den tiefen Hohn auf dem Grunde meiner Seele, den jeder Artist heute hat. Erfolg auf dem Theater — damit sinkt man in meiner Achtung bis auf Nimmer- wieder-sehn; Misserfolg — da spitze ich die Ohren und fange an zu achten...Aber Wagner war umgekehrt, neben dem Wagner, der die einsamste Musik gemacht hat, die es giebt, wesentlich noch Theatermensch und Schauspieler, der begeistertste Mimomane, den es vielleicht gegeben hat, auch noch als Musiker...Und, beiläufig ge- sagt, wenn es Wagner's Theorie gewesen ist „das Drama ist der Zweck, die Musik ist immer nur das Mittel" —, seine Praxis dagegen war, von Anfang bis zu Ende, „die Attitüde ist der Zweck, das Drama, auch die Musik, ist immer nur ihr Mittel". Die Musik als Mittel zur Ver- deutlichung, Verstärkung, Verinnerlichung der drama- tischen Gebärde und Schauspieler -Sinnenfälligkeit; und das Wagnerische Drama nur eine Gelegenheit zu vielen interessanten Attitüden! — Er hatte, neben allen andren Instinkten, die commandirenden Instinkte eines grossen Schauspielers in Allem und Jedem: und, wie gesagt, auch als Musiker. — Dies machte ich einmal, nicht ohne Mühe, einem Wagnerianer pur sang klar, — Klarheit und Wagnerianer! ich sage kein Wort mehr. Es gab Gründe, noch hinzuzufügen „seien Sie doch ein wenig ehrlicher gegen sich selbst! wir sind ja nicht in Bayreuth. In Bayreuth ist man nur als Masse ehrlich, als Einzelner lügt man, belügt man sich. Man lässt sich selbst zu Hause, wenn man nach Bayreuth geht, man verzichtet auf das Recht der eignen Zunge und Wahl, auf seinen Geschmack, selbst auf seine Tapferkeit, wie* man sie zwischen den eignen vier Wänden gegen Gott und Welt hat und übt. In das Theater bringt Niemand die feinsten Sinne seiner Kunst mit, am wenigsten der Künstler, der für das Theater arbeitet, — es fehlt die Einsamkeit, alles Vollkommne verträgt keine Zeugen...Im Theater wird man Volk, Heerde, Weib, Pharisäer, Stimmvieh, Patronatsherr, Idiot — Wagnerianer: da unterliegt auch noch das persönlichste Gewissen dem nivellirenden Zauber der grossen Zahl, da regiert der Nachbar, da wird man Nachbar..."
Wagner als Gefahr, i. Die Absicht, welche die neuere Musik in Dem ver- folgt, was jetzt, sehr stark aber undeutlich, „unendliche Melodie" genannt wird, kann man sich dadurch klar machen, dass man in's Meer geht, allmählich den sicheren' Schritt auf dem Grunde verliert und sich endlich dem Elemente auf Gnade und Ungnade übergiebt: man soll schwimmen. In der älteren Musik musste man, im zierlichen oder feierlichen oder feurigen Hin und Wieder, Schneller und Langsamer, etwas ganz Anderes, nämlich tanzen. Das hierzu nöthige Maass, das Einhalten be- stimmter gleich wiegender Zeit- und Kraftgrade erzwang von der Seele des Hörers eine fortwährende Besonnen- heit, — auf dem Widerspiele dieses kühleren Luftzuges, welcher von der Besonnenheit herkam, und des durch- wärmten Athems der Begeisterung ruhte der Zauber aller guten Musik. — Richard Wagner wollte eine andre Art Bewegung, — er warf die physiologische Voraussetzung der bisherigen Musik um. Schwimmen, Schweben — nicht mehr Gehn, Tanzen...Vielleicht ist damit das Entscheidende gesagt. Die „unendliche Melodie" will eben alle Zeit- und Kraft-Ebenmässigkeit brechen, sie verhöhnt sie selbst mitunter, — sie hat ihren Reichthum der Erfindung gerade in Dem, was einem älteren Ohre als rhythmische Paradoxie und Lästerung klingt. Aus einer Nachahmung, aus einer Herrschaft eines solchen Geschmacks entstünde eine Gefahr für die Musik, wie sie grösser gar nicht gedacht werden kann — die vollkommne Entartung des rhythmischen Gefühls, das Chaos an Stelle des Rhythmus...Die Gefahr kommt auf die Spitze, wenn sich eine solche Musik immer enger an eine ganz naturalistische, durch kein Gesetz der Plastik beherrschte Schauspielerei und Gebärdenkunst anlehnt, die Wirkung will, nichts mehr...Das espresswo um jeden Preis und die Musik im Dienste, in der Sklaverei der Attitüde — das ist das Ende...2.
2.
Wie? wäre es wirklich die erste Tugend eines Vor- trags, wie es die Vortragskünstler der Musik jetzt zu glauben scheinen, unter allen Umständen ein hautrelief zu erreichen, das nicht mehr zu überbieten ist? Ist dies, zum Beispiel auf Mozart angewendet, nicht die eigent- liche Sünde wider den Geist Mozart's, den heiteren, schwärmerischen, zärtlichen, verliebten Geist Mozart's, der zum Glück kein Deutscher war, und dessen Ernst ein gütiger, ein goldener Ernst ist und nicht der Ernst eines deutschen Biedermanns...Geschweige denn der Ernst des „steinernen Gastes"...Aber ihr meint, alle Musik sei Musik des „steinernen Gastes", — alle Musik müsse aus der Wand hervorspringen und den Hörer bis in seine Gedärme hinein schütteln?...So erst wirke die Musik! — Auf wen wird da gewirkt? Auf Etwas, worauf ein vornehmer Künstler niemals wirken soll, — auf die Masse! auf die Unreifen 1 auf die Blasirten! auf die Krankhaften! auf die Idioten! auf Wagnerianer!...Eine Musik ohne Zukunft Die Musik kommt von allen Künsten, die auf dem Boden einer bestimmten Cultur aufzuwachsen wissen, als die letzte aller Pflanzen zum Vorschein, vielleicht weil sie die innerlichste ist und, folglich, am spätesten an- langt, — im Herbst und Abblühen der jedes Mal zu ihr gehörenden Cultur. Erst in der Kunst der Niederländer Meister fand die Seele des christlichen Mittelalters ihren Ausklang, — ihre Ton-Baukunst ist die nachgeborne, aber echt- und ebenbürtige Schwester der Gothik. Erst in Händers Musik erklang das Beste aus Luther's und seiner Verwandten Seele, der jüdisch-heroische Zug, wel- cher der Reformation einen Zug der Grösse gab — das alte Testament Musik geworden, nicht das neue. Erst Mozart gab dem Zeitalter Ludwig des Vierzehnten und der Kunst Racine's und Claude Lorrain's in klingendem Golde heraus; erst in Beethoven's und Rossini's Musik sang sich das achtzehnte Jahrhundert aus, das Jahrhundert der Schwärmerei, der zerbrochnen Ideale und des flüch- tigen Glücks. Jede wahrhafte, jede originale Musik ist Schwanengesang. — Vielleicht, dass auch unsre letzte Musik, so sehr sie herrscht und herrschsüchtig ist, bloss noch eine kurze Spanne Zeit vor sich hat: denn sie ent- sprang einer Cultur, deren Boden im raschen Absinken begriffen ist, — einer alsbald versunkenen Cultur. Ein gewisser Katholicismus des Gefühls und eine Lust an irgend welchem alt-heimischen sogenannten „nationalen" Wesen und Unwesen sind ihre Voraussetzungen. Wagner's Aneignung alter Sagen und Lieder, in denen das gelehrte Vorurtheil etwas Germanisches par excellence zu sehn gelehrt hatte — heute lachen wir darüber —, die Neubeseelung dieser skandinavischen Unthiere mit einem Durst nach verzückter Sinnlichkeit und Entsinnlichung — dieses ganze Nehmen und Geben Wagner's in Hin- sicht auf Stoffe, Gestalten, Leidenschaften und Nerven spricht deutlich auch den Geist seiner Musik aus, ge- setzt dass diese selbst, wie jede Musik, nicht unzwei- deutig von sich zu reden wüsste: denn die Musik ist ein Weib...Man darf sich über diese Sachlage nicht dadurch beirren lassen, dass wir augenblicklich gerade in der Reaktion innerhalb der Reaktion leben. Das Zeitalter der nationalen Kriege, des ultramontanen Mar- tyriums, dieser ganze Zwischenakts -Charakter, der den Zuständen Europa's jetzt eignet, mag in der That einer solchen Kunst, wie der Wagner's, zu einer plötz- lichen Glorie verhelfen, ohne ihr damit Zukunft zu ver- bürgen. Die Deutschen selber haben keine Zukunft...Wir Antipoden.
Wir Antipoden.
Man erinnert sich vielleicht, zum Mindesten unter meinen Freunden, dass ich Anfangs mit einigen Irr- thümern und Überschätzungen und jedenfalls als Hof- fender auf diese moderne Welt losgegangen bin. Ich verstand — wer weiss, auf welche persönlichen Erfahr- ungen hin? den philosophischen Pessimismus des neun- zehnten Jahrhunderts als Symptom einer höheren Kraft des Gedankens, einer siegreicheren Fülle des Lebens, als diese in der Philosophie Hume's, Kant's und Hegel's zum Ausdruck gekommen war, — ich nahm die tragische Erkenntniss als den schönsten Luxus unsrer Cultur, als deren kostbarste, vornehmste, gefährlichste Art Ver- schwendung, aber immerhin, auf Grund ihres Überreich- thums, als ihren erlaubten Luxus. Desgleichen deutete ich mir die Musik Wagner's zurecht zum Ausdruck einer dionysischen Mächtigkeit der Seele, in ihr glaubte ich das Erdbeben zu hören, mit dem eine von Alters her aufgestaute Urkraft von Leben sich endlich Luft macht, gleichgültig dagegen, ob Alles, was sich heute Cultur nennt, damit in 's Wackeln geräth. Man sieht, was ich verkannte, man sieht insgleichen, womit ich Wagnern und Schopenhauern beschenkte — mit mir...Jede Kunst, jede Philosophie darf als Heil- und Hülfsmittel des wachsenden oder des niedergehenden Lebens ange- sehn werden: sie setzen immer Leiden und Leidende voraus. Aber es giebt zweierlei Leidende, einmal die an der Überfülle des Lebens Leidenden, welche eine dio- nysische Kunst wollen und ebenso eine tragische Ein- sicht und Aussicht auf das Leben, — und sodann die an der Verarmung des Lebens Leidenden, die Ruhe, Stille, glattes Meer oder aber den Rausch, den Krampf, die Betäubung von Kunst und Philosophie verlangen. Die Rache am Leben selbst — die wollüstigste Art Rausch für solche Verarmte 1...Dem Doppel -Bedürfniss der Letzteren entspricht ebenso Wagner wie Schopenhauer — sie verneinen das Leben, sie verleumden es, damit sind sie meine Antipoden. — Der Reichste an Lebens- fülle, der dionysische Gott und Mensch, kann sich nicht nur den Anblick des Fürchterlichen und Fragwürdigen gönnen, sondern selbst die furchtbare That und jeden Luxus von Zerstörung, Zersetzung, Verneinung, — bei ihm erscheint das Böse, Sinnlose und Hässliche gleich- sam erlaubt, wie es in der Natur erlaubt erscheint — in Folge eines Überschusses von zeugenden, wiederherstellen- Nietzsche, Werke Band VIII. 13 den Kräften — ', welche aus jeder Wüste noch ein üppiges Fruchtland zu schaffen vermag. Umgekehrt würde der Leidendste, Lebensärmste, am meisten die Milde, Fried- lichkeit und Güte nöthig haben — das, was heute Huma- nität genannt wird — im Denken sowohl wie im Handeln, womöglich einen Gott, der ganz eigentlich ein Gott für Kranke, ein Heiland ist, ebenso auch die Logik, die be- begriffliche Verständlichkeit des Daseins selbst für Idioten — die typischen „Freigeister", wie die „Idealisten" und „schönen Seelen", sind alle decadents — kurz, eine ge- wisse warme, furchtabwehrende Enge und Einschliessung in optimistische Horizonte, die Verdummung erlaubt...Dergestalt lernte ich allmählich JErjikur begreifen, den Gegensatz eines dionysischen Griechen, insgleichen den Christen, der in der That nur eine Art Epikureer ist und mit seinem „der Glaube macht selig" dem Princip des Hedonismus so weit wie möglich folgt — bis über jede intellektuelle Rechtschaffenheit hinweg...<>Wenn ich Etwas vor allen Psychologen voraus habe, so ist es Das, dass mein Blick geschärfter ist für jene schwierigste und verfänglichste Art des Rückschlusses, in der die meisten Fehler gemacht werden — des Rück- schlusses vom Werk auf den Urheber, von der That auf den Thäter, vom Ideal auf Den, der es nöthig hat, von jeder Denk- und Werthungs weise auf das dahinter commandirende Bedürfniss.u— In Hinsicht auf Artisten jeder Art bediene ich mich jetzt dieser Hauptunter- scheidung: ist hier der Hass gegen das Leben oder der Überfluss an Leben schöpferisch geworden? In Goethe zum Beispiel wurde der Überfluss schöpferisch, in Flau- bert der Hass: Flaubert, eine Neuausgabe Pascal's, aber als Artist, mit dem Instinkt -Urtheil auf dem Grunde: „Flaubert est toujours haissable, V komme n'est rten, V oeuvre est tout"...Er torturirte sich, wenn er dichtete, ganz wie Pascal sich torturirte, wenn er dachte — sie empfanden Beide unegoistisch.., „Selbstlosig- keit" — das dtcadence-Vtmcvpi der Wille zum Ende in der Kunst sowohl wie in der Moral. — Wohin Wagner gehört Wohin Wagner gehört Auch jetzt noch ist Frankreich der Sitz der geistigsten und raffinirtesten Cultur Europa's und die hohe Schule des Geschmacks: aber man muss dies „Frankreich des Geschmacks" zu finden wissen. Die Norddeutsche Zeitung zum Beispiel, oder wer in ihr sein Mundstück hat, sieht in den Franzosen „Barbaren", — ich für meine Person suche den schwarzen Erdtheil, wo man „die Sklaven" befreien sollte, in der Nähe der Norddeutschen...Wer zu jenem Frankreich gehört, hält sich gut verborgen: es mag eine kleine Zahl sein, in denen es leibt und lebt, dazu vielleicht Menschen, welche nicht auf den kräftigsten Beinen stehn, zum Theil Fatalisten, Verdüsterte, Kranke, zum Theil Verzärtelte und Verkünstelte, Solche, welche den Ehrgeiz haben, künstlich zu sein, — aber sie haben alles Hohe und Zarte, was jetzt in der Welt noch übrig ist, in ihrem Besitz. In diesem Frankreich des Geistes, welches auch das Frankreich des Pessimismus ist, ist heute schon Schopenhauer mehr zu Hause als er es je in Deutschland war; sein Hauptwerk zwei Mal bereits übersetzt, das zweite Mal ausgezeichnet, so dass ich es jetzt vorziehe, Schopenhauer französisch zu lesen ( — er war ein Zufall unter Deutschen,, wie ich ein solcher Zufall bin — die Deutschen haben keine Finger für uns, sie haben überhaupt keine Finger, sie haben bloss Tatzen). Gar nicht zu reden von Heinrich Heine — Vadorable Heine sagt man in Paris —, der den tieferen und seelen- volleren Lyrikern Frankreichs längst in Fleisch und Blut übergegangen ist. Was wüsste deutsches Hornvieh mit den delicatesses einer solchen Natur anzufangen! — Was endlich Richard Wagner angeht: so greift man mit Händen, nicht vielleicht mit Fäusten, dass Paris der eigentliche Boden für Wagner ist: je mehr sich die französische Musik nach den Bedürfnissen der „äme mo- derne" gestaltet, um so mehr wird sie wagnerisiren, — sie thut es schon jetzt genug. — Man darf sich hierüber nicht durch Wagner selber irre führen lassen — es war eine wirkliche Schlechtigkeit Wagner's, Paris 1871 in seiner Agonie zu verhöhnen...In Deutschland ist Wagner trotzdem bloss ein Missverständniss: wer wäre unfähiger, Etwas von Wagner zu verstehn, als zum Beispiel der junge Kaiser? — Die Thatsache bleibt für jeden Kenner der europäischen Cultur-Bewegung nichtsdesto- weniger gewiss, dass die französische Romantik und Richard Wagner aufs Engste zu einander gehören. Alle- sammt beherrscht von der Litteratur bis in ihre Augen und Ohren — die ersten Künstler Europa's von welt- literarischer Bildung —, meistens sogar selber Schreibende, Dichtende, Vermittler und Vermischer der Sinne und Künste, allesammt Fanatiker des Ausdrucks, grosse Entdecker im Reiche des Erhabenen, auch des Hässlichen und Grässlichen, noch grössere Entdecker im Effekte, in der Schaustellung, in der Kunst der Schau- läden, allesammt Talente weit über ihr Genie hinaus —, Virtuosen durch und durch, mit unheimlichen Zugängen zu Allem, was verführt, lockt, zwingt, umwirft, geborne Feinde der Logik und der geraden Linie, begehrlich nach dem Fremden, dem Exotischen, dem Ungeheuren, allen Opiaten der Sinne und des Verstandes. Im Ganzen eine verwegen-wagende, prachtvoll-gewaltsame, hochflie- gende und hoch emporreissende Art von Künstlern, welche ihrem Jahrhundert — es ist das Jahrhundert der Masse — den Begriff „Künstler" erst zu lehren hatte. Aber Wagner als Apostel der Keuschheit.
i.
— Ist das noch deutsch?
Aus deutschem Herzen kam dies schwüle Kreischen?
Und deutschen Leibs ist dies Sich-selbst- Zerfleischen?
Deutsch ist dies Priester-Hände-Spreizen, Dies weihrauchdüftelnde Sinne-Reizen?
Und deutsch dies Stürzen, Stocken, Taumeln, Dies zuckersüsse Bimbambaumeln?
Dies ganze falsch verzückte Himmel-Überhimmeln?...— Ist das noch deutsch?
Erwägt! Noch steht ihr an der Pforte...Denn was ihr hört, ist Rom, — Roms Glaube ohne Worte!
2.
Zwischen Sinnlichkeit und Keuschheit giebt es keinen noth wendigen Gegensatz; jede gute Ehe, jede eigentliche Herzensliebschaft ist über diesen Gegensatz hinaus. Aber in jenem Falle, wo es wirklich diesen Gegensatz giebt, braucht es zum Glück noch lange kein tragischer Gegen- satz zu sein. Dies dürfte wenigstens für alle wohlgerathe- neren, wohlgemutheren Sterblichen gelten, welche ferne davon sind, ihr labiles Gleichgewicht zwischen Engel und pettte bete ohne Weiteres zu den Gegengründen des Daseins zu rechnen, — die Feinsten, die Hellsten, gleich Hafis, gleich Goethe, haben darin sogar einen Reiz mehr gesehn...Solche Widersprüche gerade verführen zum Dasein...Andrerseits versteht es sich nur zu gut, dass, wenn einmal die verunglückten Thiere der Circe dazu gebracht werden, die Keuschheit anzubeten, sie in ihr nur ihren Gegensatz sehn und anbeten werden — oh mit was für einem tragischen Gegrunz und Eifer! man kann es sich denken —, jenen peinlichen und vollkom- men überflüssigen Gegensatz, den Richard Wagner un- bestreitbar am Ende seines Lebens noch hat in Musik setzen und auf die Bühne bringen wollen. Wozu doch? wie man billig fragen darf.
3- 3- Dabei ist freilich jene andre Frage nicht zu umgehn, was ihn eigentlich jene männliche (ach, so unmännliche) „Einfalt vom Lande" angieng, jener arme Teufel und Naturbursch Parsifal, der von ihm mit so verfänglichen Mitteln schliesslich katholisch gemacht wird — wie? war dieser Parsifal überhaupt ernst gemeint? Denn dass man über ihn gelacht hat, möchte ich am wenigsten bestreiten, Gottfried Keller auch nicht...Man möchte es nämlich wünschen, dass der Wagner'sche Parsifal heiter gemeint sei, gleichsam als Schlussstück und Satyr- drama, mit dem der Tragiker Wagner gerade auf eine ihm gebührende und würdige Weise von uns, auch von sich, vor Allem von der Tragödie habe Abschied nehmen wollen, nämlich mit einem Excess höchster und muth- willigster Parodie auf das Tragische selbst, auf den ganzen schauerlichen Erden -Ernst und Erden -Jammer von Ehedem, auf die endlich überwundene dümmste Form in der Widernatur des asketischen Ideals. Der Parsifal ist ja ein Operetten-Stoff fiar excellence...Ist der Parsifal Wagner's sein heimliches Überlegenheits- Lachen über sich selber, der Triumph seiner letzten höchsten Künstler- Freiheit, Künstler- Jenseitigkeit — Wagner, der über sich zu lachen weiss?...Man möchte es, wie gesagt, wünschen: denn was würde der ernstgemeinte Parsifal sein? Hat man wirklich nöthig, in ihm (wie man sich gegen mich ausgedrückt hat) „die Ausgeburt eines toll gewordnen Hasses auf Erkenntniss, Geist und Sinnlichkeit" zu sehn? einen Fluch auf Sinne und Geist in Einem Hass und Athem? eine Apostasie und Umkehr zu christlich-krankhaften und obskurantisti- schen Idealen? Und zuletzt gar ein Sich - selbst -Ver- neinen, Sich -selbst -Durchstreichen von Seiten eines Künstlers, der bis dahin mit aller Macht seines Willens auf das Umgekehrte, auf höchste Vergeistigung und Versinnlichung seiner Kunst aus gewesen war? Und nicht nur seiner Kunst, auch seines Lebens? Man er- innere sich, wie begeistert seiner Zeit Wagner in den Fusstapfen des Philosophen Feuerbach gegangen ist. Feuerbach's Wort von der „gesunden Sinnlichkeit" — das klang in den dreissiger und vierziger Jahren Wagnern gleich vielen Deutschen — sie nannten sich die jungen Deutschen — wie das Wort der Erlösung. Hat er schliesslich darüber umgelernt? Da es zum Mindesten scheint, dass er zuletzt den Willen hatte darüber umzu-