SigPhi · Nietzsche

Unzeitgemässe Betrachtungen I: David Strauss (German)

German

Page 7 of 8

noch lange nicht auf festem Lande; man merkt es ihm noch an, dass er einmal in seiner Jugend Hegelisch gestottert hat: damals hat sich etwas in ihm ausgerenkt, ■ irgend ein Muskel hat sich gedehnt; damals ist sein Ohr, wie das Ohr eines unter Trommeln aufgewachsenen Knaben, abgestumpft worden, um nie wieder jene künst- lerisch zarten und kräftigen Gesetze des Klanges nach- zufühlen, unter deren Herrschaft der an guten Mustern und in strenger Zucht herangebildete Schriftsteller lebt. Damit hat er als Stilist sein bestes Hab und Gut verlo- ren und ist verurtheilt, Zeitlebens auf dem unfruchtbaren und gefährlichen Triebsande des Zeitungsstiles sitzen zu bleiben — wenn er nicht in den Hegel'schen Schlamm wieder hinunter will. Trotzdem hat er es für ein paar Stunden der Gegenwart zur Berühmtheit gebracht, und vielleicht weiss man noch ein paar spätere Stunden, dass er eine Berühmtheit war; dann aber kommt die Nacht und mit ihr die Vergessenheit: und schon mit diesem Augenblicke, in dem wir seine stilistischen Sün- den in's schwarze Buch schreiben, beginnt die Dämme- rung seines Ruhmes. Denn wer sich an der deutschen Sprache versündigt hat, der hat das Mysterium aller unserer Deutschheit entweiht: sie allein hat durch alle die Mischung und den Wechsel von Nationalitäten und Sitten hindurch sich selbst, und damit den deutschen Geist, wie durch einen metaphysischen Zauber gerettet. Sie allein verbürgt auch diesen Geist für die Zukunft, falls sie nicht selbst unter den ruchlosen Händen der Gegenwart zu Grunde geht. „Aber Di meliora! Fort Pachydermata, fort! Dies ist die deutsche Sprache, in der Menschen sich ausgedrückt, ja, in der grosse Dichter gesungen und grosse Denker geschrieben haben. Zurück mit den Tatzen!" — 2ÖI Nehmen wir zum Beispiel gleich einen Satz der ersten Seite des Straussischen Buches: „Schon in dem Machtzuwachse — hat der römische Katholicismus eine Aufforderung erkannt, seine ganze geistliche und weltliche Macht in der Hand des für unfehlbar erklärten Papstes diktatorisch zusam- menzufassen." Unter diesem schlotterichten Gewände sind verschiedene Sätze, die durchaus nicht zusammen- passen und nicht zu gleicher Zeit möglich sind, versteckt; Jemand kann irgendwie eine Aufforderung erkennen, seine Macht zusammenzufassen oder sie in die Hände eines Diktators zu legen, aber er kann sie nicht in der Hand eines Anderen diktatorisch zusammenfassen. Wird vom Katholicismus gesagt, dass er seine Macht diktatorisch zusammenfasst, so ist er selbst mit einem Diktator ver- glichen: offenbar soll aber hier der unfehlbare Papst mit dem Diktator verglichen werden, und nur durch unklares Denken und Mangel an Sprachgefühl kommt das Ad- verbium an die unrechte Stelle. Um aber das Unge- reimte der anderen Wendung nachzufühlen, so empfehle ich, dieselbe in folgender Simplification sich vorzusagen: der Herr fasst die Zügel in der Hand seines Kutschers zusammen. — (S. 4): „Dem Gegensatze zwischen dem alten Consist or i alregi ment und den auf eine Synodalverfassung gerichteten Bestre- bungen liegt hinter dem hierarchischen Zuge auf der einen, dem demokratischen auf der andern Seite, doch eine dogmatisch-religiöso Differenz zu Grunde." Man kann sich nicht un- geschickter ausdrücken: erstens bekommen wir einen Gegensatz zwischen einem Regiment und gewissen Bestre- bungen, diesem Gegensatz liegt sodann eine dogmatisch- religiöse Differenz zu Grunde, und diese zu Grunde liegende Differenz befindet sich hinter einem hierarchischen Zuge auf der einen und einem demokratischen auf der anderen Seite. Räthsel: welches Ding liegt hinter zwei Dingen einem dritten Dinge zu Grunde? — (S. 18): „und die Tage, obwohl von dem Erzähler unmissver- stehbar zwischen Abend und Morgen einge- rahmt" u. s. w. Ich beschwöre Sie, das in's Lateinische zu übersetzen, um zu erkennen, welchen schamlosen Missbrauch Sie mit der Sprache treiben. Tage, die ein- gerahmt werden! Von einem Erzähler! Unmissversteh- bar! Und eingerahmt zwischen etwas! — (S. 19): „Von irrigen und widersprechenden Berichten, von falschen Meinungen und Urtheilen kann in der Bibel keine Rede sein." Höchst lüderlich ausgedrückt! Sie verwechseln „in der Bibel" und „bei der Bibel": das erstere hätte seine Stelle vor „kann" haben müssen, das zweite nach „kann". Ich meine, Sie haben sagen wollen: von irrigen und widersprechenden Berichten, von falschen Meinungen und Urtheilen in der Bibel kann keine Rede sein; warum nicht? Weil sie gerade die Bibel ist — also: „kann bei der Bibel nicht die Rede sein." Um nun nicht „in der Bibel" und „bei der Bibel" hintereinander folgen zu lassen, haben Sie sich entschlossen, Lumpen -Jargon zu schreiben und die Präpositionen zu verwechseln. Dasselbe Verbrechen be- gehen Sie auf S. 20: „Compilationen, in die ältere Stücke zusammengearbeitet sind." — Sie meinen „in die ältere Stücke hineingearbeitet oder in denen ältere Stücke zusammengearbeitet sind." — Auf derselben Seite reden Sie mit studentischer Wendung von einem „Lehr- gedicht, das in die unangenehme Lage ver- setzt wird, zunächst vielfach missdeutet" (besser: missgedeutet), „dann angefeindet und bestritten zu werden", S. 24 sogar von „Spitz- findigkeiten, durch die man ihre Härte zu mildern suchte"! Ich bin in der unangenehmen Lage, etwas Hartes, dessen Härte man durch etwas Spitzes mildert, nicht zu kennen; Strauss freilich erzählt (S. 367) sogar von einer „durch Zusammenrütteln gemilderten Schärfe". — (S. 35): „einem Vol- taire dort stand hier ein Samuel Hermann Reimarus durchaus typisch für beide Nationen gegenüber." Ein Mann kann immer nur typisch für Eine Nation, aber nicht einem Anderen typisch für beide Nationen gegenüber stehen. Eine schändliche Gewaltthätigkeit, an der Sprache begangen, um einen Satz zu sparen oder zu eskrokiren. — (S. 46): „Nun stand es aber nur wenige Jahre an nach Schleiermacher's Tode, dass —." Solchem Sudler- Gesindel macht freilich die Stellung der Worte keine Umstände; dass hier die Worte: „nach Schleiermacher's Tode" falsch stehen, nämlich nach „an", während sie vor „an" stehen sollten, ist Ihren Trommelschlag- Ohren ge- rade so gleichgültig, als nachher „dass" zu sagen, wo es „bis" heissen muss. — (S. 13): „auch von allen den verschiedenen Schattirungen, in denen das heutige Christenthum schillert, kann es sich bei uns nur etwa um die äusserste, abgeklär- teste handeln, ob wir uns zu ihr noch zu be- kennen vermögen." Die Frage, worum handelt es sich? kann einmal beantwortet werden: „um das und das", oder zweitens durch einen Satz mit: „ob wir uns" u. s. w.; beide Constructionen durcheinander zu werfen, zeigt den lüderlichen Gesellen. Er wollte vielmehr sagen: „kann es sich bei uns etwa nur bei der äussersten darum handeln, ob wir uns noch zu ihr bekennen": aber die Präpositionen der deutschen Sprache sind, wie es scheint, nur noch da, um jede gerade so anzuwenden, dass die Anwendung überrascht. S. 358 z. B. verwechselt der „Klassiker", um uns diese Überraschung zu machen, die Wendungen: „ein Buch handelt von etwas" und: „es handelt sich um etwas", und nun müssen wir einen Satz anhören, wie diesen: „dabei wird es unbestimmt bleiben, ob es sich von äusserem oder inne- rem Heldenthum, von Kämpfen auf offenem Felde oder in den Tiefen der Menschenbrust handelt." — (S. 343): »für unsre nervös über- reizte Zeit, die namentlich in ihren musika- lischen Neigungen diese Krankheit zu Tage legt." Schmähliche Verwechselung von „zu Tage liegen" und „an den Tag legen". Solche Sprachverbesserer soll- ten doch ohne Unterschied der Person gezüchtigt werden wie die Schuljungen. — (S. 70): „wir sehen hier einen der Gedankengänge, wodurch sich die Jünger zur Production der Vorstellung der Wieder- belebung ihres getödteten Meisters emporgear- beitet haben." Welches Bild! Eine wahre Essenkehrer- Phantasie! Man arbeitet sich durch einen Gang zu einer Production empor! — Wenn S. 72 dieser grosse Held in Worten, Strauss, die Geschichte von der Auferstehung Jesu als „welthistorischen Humbug" bezeichnet, so wollen wir hier, unter dem Gesichtspunkte des Gramma- tikers, ihn nur fragen, wen er eigentlich bezichtigt, diesen „welthistorischen Humbug", das heisst einen auf Betrug Anderer und auf persönlichen Gewinn abzielenden Schwin- del auf dem Gewissen zu haben. Wer schwindelt, wer betrügt? Denn einen „Humbug" vermögen wir uns gar nicht ohne ein Subject vorzustellen, das seinen Vortheil dabei sucht. Da uns auf diese Frage Strauss gar keine Antwort geben kann — falls er sich scheuen sollte, seinen Gott, das heisst den aus nobler Passion irrenden Gott als diesen Schwindler zu prostituiren —, so bleiben wir zu- nächst dabei, den Ausdruck für ebenso ungereimt als geschmacklos zu halten. — - Auf derselben Seite heisst es: „seine Lehren würden wie einzelne Blätter im Winde verweht und zerstreut worden sein, wären diese Blätter nicht von dem Wahnglauben an seine Auferstehung als von einem derben handfesten Einbände zusammengefasst und da- durch erhalten worden." Wer von Blättern im Winde redet, führt die Phantasie des Lesers irre, sofern er nach- her darunter Papierblätter versteht, die durch Buchbinder- arbeit zusammengefasst werden können. Der sorgsame Schriftsteller wird nichts mehr scheuen, als bei einem Bilde den Leser zweifelhaft zu lassen oder irre zu führen: denn das Bild soll etwas deutlicher machen; wenn aber das Bild selbst undeutlich ausgedrückt ist und irre führt, so macht es die Sache dunkler, als sie ohne Bild war. Aber freilich, sorgsam ist unser „Klassiker" nicht: er redet muthig von der „Hand unserer Quellen" (S. 76), von dem „Mangel jeder Handhabe in den Quellen" (S. 77) und von der „Hand eines Bedürf- nisses" (S. 215). — (S. 73): „Der Glaube an seine Auferstehung kommt auf Rechnung Jesu selbst" Wer sich so gemein merkantilisch bei so wenig gemeinen Dingen auszudrücken liebt, giebt zu verstehen, dass er sein Lebelang recht schlechte Bücher gelesen hat. Von schlechter Leetüre zeugt der Straussi- sche Stil überall. Vielleicht hat er zuviel die Schriften seiner theologischen Gegner gelesen. Woher aber lernt man es, den alten Juden- und Christengott mit so kleinbürgerlichen Bildern zu behelligen, wie sie Strauss zum Beispiel S. 105 zum Besten giebt, wo eben jenem „alten Juden- und Christengotte der Stuhl unter dem Leibe weggezogen wird" oder S. 105, wo „an den alten persönlichen Gott gleichsam die Wohnungsnoth herantritt", oder S. 115, wo eben- derselbe in ein „Ausdingstübchen" versetzt wird, „worin er übrigens noch anständig unterge- bracht und beschäftigt werden soll." — (S. 111): „mit dem erhörlichen Gebet ist abermals ein wesentliches Attribut des persönlichen Got- tes dahin gefallen." Denkt doch erst, ihr Tinten- klexer, ehe ihr klext! Ich sollte meinen, die Tinte müsste erröthen, wenn mit ihr etwas über ein Gebet, das ein „Attribut" sein soll, noch dazu ein „dahinge- fallenes Attribut", hingeschmiert wird. — Aber was steht auf S. 134! „Manches von den Wunschattributen, die der Mensch früherer Zeitalter seinen Göttern beilegte — ich will nur dasVermögen schnell- ster Raumdurchmessung als Beispiel anführen — hat er jetzt, in Folge rationeller Naturbeherr- schung, selbst an sich genommen." Wer wickelt uns diesen Knäuel auf! Gut, der Mensch früherer Zeiten legt den Göttern Attribute bei; „Wunschattribute" ist be- reits recht bedenklich! Strauss meint ungefähr, der Mensch habe angenommen, dass die Götter alles das, was er zu haben wünscht, aber nicht hat, wirklich besitzen, und so hat ein Gott Attribute, die den Wünschen der Menschen entsprechen, also ungefähr „Wunschattribute". Aber nun nimmt, nach Straussens Belehrung, der Mensch manches von diesen „Wunschattributen" an sich — ein dunkler Vorgang, ebenso dunkel wie der auf S. 135 geschilderte: „der Wunsch muss hinzutreten, dieser Ab- hängigkeit auf dem kürzesten Wege eine für den Menschen vortheilh afte Wendung zu geben." Abhängigkeit — Wendung — kürzester Weg, ein Wunsch, der hinzutritt, — wehe jedem, der einen solchen Vorgang wirklich sehen wollte! Es ist eine Scene aus dem Bilderbuch für Blinde. Man muss tasten. — Ein neues Beispiel (S. 222): „Die aufsteigende und mit ihrem Aufsteigen selbst über den einzelnen Niedergang übergreifende Rich- tung dieser Bewegung," ein noch stärkeres (S. 120): „Die letzte Kantische Wendung sah sich, wie wir fanden, um an's Ziel zu kommen, genö- thigt, ihren Weg eine Strecke weit über das Feld eines zukünftigen Lebens zu nehmen." Wer kein Maulthier ist, findet in diesen Nebeln keinen Weg. Wendungen, die sich genöthigt sehen I Über den Niedergang übergreifende Richtungen! Wendungen, die auf dem kürzesten Wege vortheilhaft sind, Wendungen, die ihren Weg eine Strecke weit über ein Feld nehmen! Über welches Feld? Über das Feld des zukünftigen Lebens! Zum Teufel alle Topographie! Lichter! Lichter! Wo ist der Faden der Ariadne in diesem Labyrinthe? Nein, so darf Niemand sich erlauben zu schreiben, und wenn es der berühmteste Prosaschreiber wäre, noch we- niger aber ein Mensch, mit „vollkommen ausgewach- sener religiöser und sittlicher Anlage" (S. 50). Ich meine, ein älterer Mann müsste doch wissen, dass die Sprache ein von den Vorfahren überkommenes und den Nachkommen zu hinterlassendes Erbstück ist, vor dem man Ehrfurcht haben soll als vor etwas Heiligem und Unschätzbarem und Unverletzlichem. Sind eure Ohren stumpf geworden, nun so fragt, schlagt Wörterbücher nach, gebraucht gute Grammatiken, aber wagt es nicht, so in den Tag hinein fortzusündigen! Strauss sagt zum Beispiel (S. 136): „ein Wahn, den sich und der Menschheit abzuthun, das Bestreben jedes zur Einsicht Gekommenen sein müsste." Diese Con- struction ist falsch, und wenn das ausgewachsene Ohr des Scriblers dies nicht merkt, so will ich es ihm in's Ohr schreien: man „thut entweder etwas von Jemandem ab" oder „man thut Jemanden einer Sache ab"; Strauss hätte also sagen müssen: „ein Wahn, dessen sich und die Menschheit abzuthun" oder „den von sich und der Menschheit abzuthun". Was er aber geschrieben hat, ist Lumpen-Jargon. Wie muss es uns nun vorkommen, wenn ein solches stilistisches Pachyderm gar noch in neu gebildeten oder umgeformten alten Worten sich umher- wälzt, wenn es von dem „einebnenden Sinne der Sozialdemokratie" (S. 279) redet, als ob es Sebastian Frank wäre, oder wenn es eine Wendung des Hans Sachs nachmacht (S. 259): „die Völker sind die gott- gewollten, das heisst die naturgemässen For- men, in denen die Menschheit sich zum Dasein bringt, von denen kein Verständiger absehen, kein Braver sich abziehen darf". — (S. 252): „Nach einem Gesetze besondert sich die menschliche Gattung in Racen"; (S. 282): „Widerstand zu be- fahren". Strauss merkt nicht, warum so ein altertüm- liches Läppchen mitten in der modernen Fadenscheinig- keit seines Ausdrucks so auffällt. Jedermann nämlich merkt solchen Wendungen und solchen Läppchen an, dass sie gestohlen sind. Aber hier und da ist unser Flick- schneider auch schöpferisch und macht sich ein neues Wort zurecht: S. 221 redet er von einem „sich ent- wickelnden aus- und emporringenden Leben": aber „ausringen" wird entweder von der Wäscherin ge- sagt oder vom Helden, der den Kampf vollendet hat und stirbt; „ausringen" im Sinne von „sich entwickeln" ist Straussendeutsch, ebenso wie (S. 223): „alle Stufen und Stadien der Ein- und Auswicklung" Wickel- kinderdeutsch! — (S. 252): „in Anschli essung" für „im Anschluss". — (S. 137): „im täglichen Treiben des mittelalterlichen Christen kam das religiöse Element viel häufiger und ununterbrochener zur Ansprache." „Viel ununterbrochener", ein muster- hafter Comparativ, wenn nämlich Strauss ein prosaischer Musterschreiber ist: freilich gebraucht er auch das un- mögliche „vollkommener" (S. 223 und 214). Aber „zur Ansprache kommen!" Woher in aller Welt stammt dies, Sie verwegener Sprachkünstler? denn hier vermag ich mir gar nicht zu helfen, keine Analogie fällt mir ein, die Gebrüder Grimm bleiben, auf diese Art von „Ansprache" angesprochen, stumm wie das Grab. Sie meinen doch wohl nur dies: „das religiöse Element spricht sich häufiger aus", das heisst, Sie verwechseln wieder einmal aus haarsträubender Ignoranz die Präpositionen; aussprechen mit ansprechen zu verwechseln, trägt den Stempel der Gemeinheit an sich, wenn es Sie gleich nicht ansprechen sollte, dass ich das öffentlich ausspreche. — (S. 220): „weil ich hinter seiner subjectiven Be- deutung noch eine objective von unendlicher Tragweite anklingen hörte." Es steht, wie gesagt, schlecht oder seltsam mit Ihrem Gehör: Sie hören „Be- deutungen anklingen", und gar „hinter" anderen Bedeu- tungen anklingen, und solche gehörte Bedeutungen sollen „von unendlicher Tragweite" sein! Das ist entweder Unsinn oder ein fachmännisches Kanonier-Gleichniss. — (S. 183): „die äusseren Umrisse der Theorie sind hiermit bereits gegeben; auch von den Spring- federn, welche die Bewegung innerhalb derselben bestimmen, bereits etliche eingesetzt." Das ist wiederum entweder Unsinn oder ein fachmän- nisches, uns unzugängliches Posamentirer-Gleichniss. Was wäre aber eine Matratze, die aus Umrissen und einge- setzten Springfedern bestände, werth? Und was sind das für Springfedern, welche die Bewegung innerhalb der Matratze bestimmen! Wir zweifeln an der Straussischen Theorie, wenn er sie uns in der Gestalt vorlegt, und wür- den von ihr sagen müssen, was Strauss selbst so schön sagt (S. 175): „es fehlen ihr zur rechten Lebens- fähigkeit noch wesentliche Mittelglieder." Also heran mit den Mittelgliedern! Umrisse und Springfedern sind da, Haut und Muskeln sind präparirt; so lange man freilich nur diese hat, fehlt noch viel zur rechten Lebensfähigkeit oder, um uns „un vor greiflich er" mit Strauss auszudrücken: „wenn man zwei so werth- verschiedene Gebilde mit Nichtbeachtung der Zwischenstufen und Mittelzustände unmittel- bar wider einander stösst" (S. 174). — (S. 5): „Aber man kann ohne Stellung sein und doch nicht am Boden liegen." Wir verstehen Sie wohl, Sie leicht geschürzter Magister! Denn wer nicht steht und auch nicht liegt, der fliegt, schwebt vielleicht, gaukelt oder flattert. Lag es Ihnen aber daran, etwas Anderes als Ihre Flatterhaftigkeit auszudrücken, wie der Zusammen- hang fast errathen lässt, so würde ich an Ihrer Stelle ein anderes Gleichniss gewählt haben; das drückt dann auch etwas Anderes aus. — (S. 5): „die notorisch dürre gewordenen Zweige des alten Baumes"; welcher notorisch dürr gewordene Stil! — (S. 6): „der könne auch einem unfehlbaren Papste, als von jenen Bedürfniss gefordert, seine Anerkennung nicht versagen." Man soll den Dativ um keinen Preis mit dem Accusativ verwechseln: das giebt sonst bei Knaben einen Schnitzer, bei prosaischen Musterschreibern ein Ver- brechen. — (S. 8) finden wir „Neubildung einer neuen Organisirung der idealen Elemente im Völkerleben." Nehmen wir an, dass ein solcher tau- tologischer Unsinn sich wirklich einmal aus dem Tinten- fass auf das Papier geschlichen hat, muss man ihn dann auch drucken lassen? Ist es erlaubt, so etwas bei der Correctur nicht zu sehen? Bei der Correctur von sechs Auflagen! Beiläufig zu S. 9: wenn man einmal Schiller'- sche Worte citirt, dann etwas genauer und nicht nur so beinahe! Das gebietet der schuldige Respect. Also muss es heissen: „ohne Jemandes Abgunst zu fürchten." — (S. 16): „denn da wird sie alsbald zum Riegel, zur hemmenden Mauer, gegen die sich nun der ganze Andrang der fortschreitenden Vernunft, alle Mauerbrecher der Kritik, mit leidenschaft- lichem Widerwillen richten." Hier sollen wir uns etwas denken, das erst zum Riegel, dann zur Mauer wird, wogegen endlich „sich Mauerbrecher mit leiden- schaftlichem Widerwillen" oder gar ein „Andrang" mit leidenschaftlichem Widerwillen richtet. Herr, reden Sie doch wie ein Mensch aus dieser Welt! Mauerbrecher werden von Jemandem gerichtet und richten sich nicht selbst, und nur der, welcher sie richtet, nicht der Mauer- brecher selbst, kann leidenschaftlichen Widerwillen haben, obwohl selten einmal Jemand gerade gegen eine Mauer einen solchen Widerwillen haben wird, wie Sie uns vor- reden. — (S. 266): „weswegen derlei Redensarten auch jederzeit den beliebten Tummelplatz demo- kratischer Plattheiten gebildet haben." Unklar gedacht! Redensarten können keinen Tummelplatz bil- den! sondern sich nur selbst auf einem solchen tummeln.

Strauss wollte vielleicht sagen: „weshalb derlei Gesichts- punkte auch jederzeit den beliebten Tummelplatz demo- kratischer Redensarten und Plattheiten gebildet haben." — (S. 320): „das Innere eines zart- und reichbe- saiteten Dichtergemüths, dem bei seiner weit- ausgreifenden Thätigkeit auf den Gebieten der Poesie und Naturforschung, der Gesellig- keit und Staatsgeschäfte, die Rückkehr zu dem milden Herdfeuer einer edlen Liebe ste- tiges Bedürfniss blieb." Ich bemühe mich, ein Ge- müth zu imaginiren, das harfenartig mit Saiten bezogen ist, und welches sodann eine „weitausgreifende Thätigkeit" hat, das heisst ein galoppirendes Gemüth, welches wie ein Rappe weitausgreift, und das endlich wieder zum stillen Herdfeuer zurückkehrt. Habe ich nicht Recht, wenn ich diese galoppirende und zum Herdfeuer zurück- kehrende, überhaupt auch mit Politik sich abgebende Gemüthsharfe recht originell finde, so wenig originell, so abgebraucht, ja so unerlaubt „das zartbesaitete Dichter- gemüth" selbst ist? An solchen geistreichen Neubildungen des Gemeinen oder Absurden erkennt man den „klassi- schen Prosaschreiber". — (S. 74): „wenn wir die Augen aufthun und den Erfund dieses Augenaufthuns uns ehrlich eingestehen wollten." In dieser präch- tigen und feierlich nichtssagenden Wendung imponirt nichts mehr als die Zusammenstellung des „Erfundes" mit dem Worte „ehrlich": wer etwas findet und nicht herausgiebt, den „Erfund" nicht eingesteht, ist unehrlich, Strauss thut das Gegentheil und hält es für nöthig, dies öffentlich zu loben und zu bekennen. Aber wer hat ihn denn getadelt? fragte ein Spartaner. — (S. 43): „nur in Einem Glaubensartikel zog er die Fäden kräf- tiger an, der allerdings auch der Mittelpunkt der christlichen. Dogmatik ist." Es bleibt dunkel, was er eigentlich gemacht hat: wann zieht man denn Fäden an? Sollten diese Fäden vielleicht Zügel und der kräftiger Anziehende ein Kutscher gewesen sein? Nur mit dieser Correctur verstehe ich das Gleichniss. — (S. 226): „In den Pelzröcken liegt eine rich- tigere Ahnung." Unzweifelhaft! So weit war „der vom Uraffen abgezweigte Urmensch noch lange nicht" (p. 226), zu wissen, dass er es einmal bis zur Straussischen Theorie bringen werde. Aber jetzt wissen wir es: „dahin wird und muss es gehen, wo die Fähnlein lustig im Winde flattern. Ja lustig, und zwar im Sinne der reinsten, erha- bensten Geistesfreude" (p. 176). Strauss ist so kindlich über seine Theorie vergnügt, dass sogar die „Fähnlein" lustig werden, sonderbarer Weise sogar lustig „im Sinne der reinsten und erhabensten Geistesfreude". Und nun wird es auch immer lustiger! Plötzlich sehen wir „drei Meister, davon jeder folgende sich auf. des Vorgängers Schultern stellt" (S. 361), ein rechtes Kunstreiterstückchen, das uns Haydn, Mozart und Beethoven zum Besten geben; wir sehen Beethoven wie ein Pferd (S. 356) „über den Strang schlagen"; eine „frisch beschlagene Strasse" (S. 367) präsen- tirt sich uns, (während wir bisher nur von frisch beschla- genen Pferden wussten), ebenfalls „ein üppiges Mist- beet für den Raubmord" (S. 287); trotz diesen so ersichtlichen Wundern wird „das Wunder in Abgang dekretirt" (S. 176). Plötzlich erscheinen die Kometen (S. 164); aber Strauss beruhigt uns: „bei dem lockern Völkchen der Kometen kann von Bewohnern nicht die Rede sein": wahre Trostworte, da man sonst bei einem lockeren Völkchen, auch in Hinsicht auf Nietzsche, Werke Band I. Tg