der Rolle Breuers in der Psychoanalyse sprach, ließ er ein tiefes menschliches Verständnis durchblicken, das er in seiner persön- lichsten Arbeit „Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung“! auch andeutet: daß nämlich Breuer letzten Endes vor den Konse- quenzen seiner Entdeckung, wie vor einem untoward event betroffen. flüchtete, weil er das sexuelle Moment nicht erkennen wollte, dessen mutige Anerkennung Freud selbst viel später auch zum Verständnis der Reaktion seines Lehrers verholfen hat. Und auch die späteren Abfallsbewegungen, welche sich dann innerhalb der Anhängerschaft der Psychoanalyse vollzogen und zu neuen, nicht auf Beobachtung, sondern auf Widerspruch gegründeten Theoriebildungen geführt haben, hat Freud selbst in der gleichen Darstellung als „rückläufige, von der Psychoanalyse wegstrebende Bewegungen“ charakterisiert. Wie er selbst genugsam erfahren hatte, scheinen die Menschen amallerwenigsten dazu geschaffen, die psychoanalytischen Wahrheiten zu ertragen, und öfter äußerte er, wenn ihm der oder jener die weitere Gefolgschaft versagte. daß es eben nicht jedermanns Sache sei, immerfort in den dunkeln Schächten des Unbewußten zu forschen und das Tageslicht nur gelegent- lich zu erblicken. Man weiß nicht, was man mehr bewundern soll, den Entdeckermut oder die Kampfzähigkeit Freuds, mit der er seine Funde gegen die Widerstände der ganzen Welt hartnäckig zu vertei- digen wußte; noch intensiver gegen einzelne ihm nahegestandene Mitarbeiter, die vor diesen Entdeckungen erschraken und wie Breuer die Flucht ergriffen, wenn auch nach den verschiedensten Richtungen, aus denen ihnen die Hoffnung winkte, diese an den Schlaf der Welt rüttelnden Einsichten loszuwerden. Was sie Richtiges auf diesen Rück- wegen als Zuflucht fanden, hat Freud mit bewundernswerter Objek- tivität von den Entstellungen und Verleugnungen der nur flüchtig ge- ahnten Wahrheit gesondert, gleichzeitig aber als nicht eigentlich „psychoanalytisch“ aus seinem Arbeitsgebiet ausgeschieden.
a. I N TR re een ı) Jahrb. d. Psychoanalyse. VI, 1914 (dann in den „Kleinen Schriften“, 4. Folge).
Die psychoanalytische Erkenntnis 177 So bietet die Geschichte der psychoanalytischen Bewegung, auch in manchen Übertreibungen und Mißverständnissen der ihm treu geblie- benen Anhänger, welche die Lehren des Meisters oft allzu wörtlich in ihrer Weise interpretierten, das gleiche hin und her schwankende Bild jeder geistigen Bewegung, die die Wahrheit in einem entscheidenden Punkte enthüllt. Dieser entscheidende Punkt war tatsächlich die Ent- deckung Breuers, aus der allerdings erst Freud imstande war, die praktischen und theoretischen Schlüsse mit gleicher Konsequenz zu ziehen. Wenn wir daher jetzt wieder unmittelbar an die Breuersche Entdeckung anknüpfen, so geschieht es, um zu zeigen, wie folgerichtig Freud selbst in allen seinen Anschauungen war, aber auch, wie folge- richtig die hier vorgetragene Auffassung die Breuersche Entdeckung und die Freudsche Konzeption und Ausarbeitung derselben abschließt.
Der Ausgangspunkt Breuers war die „Grundtatsache, daß die Sym- ptome der Hysterischen von eindrucksvollen, aber vergessenen Szenen ihres Lebens (Traumen) abhängen, die darauf gegründete Therapie, sie diese Erlebnisse in der Hypnose erinnern und reproduzieren zu lassen (Katharsis), und das daraus folgende Stückchen Theorie, daß diese Sym- ptome einer abnormen Verwendung von nicht erledigten Erregungs- größen entsprechen (Konversion)“. Setzen wir in diese Freudsche Formulierung” des Kernes der Breuerschen Urentdeckung das durch die Freudsche Methode, also die eigentliche Psychoanalyse, schließlich aufgedeckte Urtrauma der Geburt ein, das in der Kur zur Wieder- holung und Lösung gelangt, so erscheint damit der psychophysiologische Ausgangspunkt der Analyse vom Problem der „Konversion“ (Freud) mit dem gleichfalls psychophysischen Moment des Geburtstraumas ver- knüpft. Was dazwischen liegt, ist die von Freud allein geschaffene Psychologie des Unbewußten, d.h. die erste Psychologie über- haupt, die diesen selbständigen Namen verdient, da die Bewußtseins- psychologie, aus philosophischer Spekulation hervorgegangen, allmäh- 178 Das Trauma der Geburt lich immer mehr auf medizinischen Boden gestellt wurde (Sinnes- physiologie, Neurologie, Gehirnanatomie). Wir verstehen nun besser, wie die erste Differenz sich zwischen der „physiologischen“ Auffassung Breuers, der ‚‚Hypnxoidtheorie‘, und der rein psychologischen Auf- fassung Freuds, der „‚Abwehrlehre‘‘, herstellen mußte, die dann zur Entdeckung der Verdrängung führte und weiterhin zur Erforschung des Verdrängten (Vorbewußten — Unbewußten), sowie schließlich der verdrängenden Instanzen des Ich (und seiner Derivate: Gewissen, Schuldgefühl, Idealbildung usw.).
Es ist nicht nur geschichtswissenschaftlich, sondern auch menschlich _ interessant, daß sich die Trennung Freuds von Breuer auf dem.
psychophysischen Grenzgebiet der „Konversion“ vollzog, deren Name zwar von Freud stammt, deren Tatsache sich aber den beiden For- schern nach Freuds Aussage „gleichzeitig und gemeinsam ergeben hat“ (l. c. $. 209). Es ist, als hätte auf diesem Boden der Entzweiung, der Loslösung des Schülers von seinem Lehrer, seither ein Tabu gelastet, denn nicht nur ist das Problem der Konversion bis heute ungelöst ge- blieben, sondern es hat sich auch kaum einer der Schüler je daran- gewagt.‘ Wenn wir nun durch die konsequente Verfolgung der Freud- schen Methode wieder auf dieses analytische Urproblem hingedrängt werden, so bleiben wir uns der Verantwortung bewußt, die der Versuch zu seiner Lösung in sich trägt, glauben ihn aber durch die bereits er-.
wiesene allgemeine Bedeutsamkeit unseres Gesichtspunktes hinlänglich gerechtfertigt.
'Wiederholt sind wir im Verlaufe unserer Darstellung der Frage aus- * gewichen, wieso es kommt, daß das als Urtendenz der Libido er- kannte Streben nach Wiederherstellung der lustvollen Ursituation im Mutterleib, das wir als Ausdruck der höchsten Lustmöglichkeit 1) Siehe allerdings Ferenczi (Hysterie und Pathoneurosen, 1919), der die Konversion in einem ähnlichen Sinne wie hier als „Regression zur Protopsyche“ auffaßt (l. c. S. 24).
wo {f a} = 4 * van Die psychoanalytische Erkenntnis 17 9 überhaupt ansehen müssen, in so unentrinnbarer Weise mit dem der Urangst verbunden ist, wie es der Angsttraum, das neurotische Sym- ptom, aber auch alle psychischen Abkömmlinge und Verwandte dieser Bildungen verraten. Um das zu verstehen, müssen wir uns vor Augen halten, daß der lustvolle Urzustand durch den Akt der Geburt — ver- mutlich auch schon kurz vorher durch Verlagerungen und Druck (Kindsbewegungen) — in unerwünschter Weise unterbrochen wird und das ganze Leben dann darin besteht, dieses verlorene Paradies auf den geschilderten, höchst komplizierten Umwegen der Libidoschickale zu ersetzen, da es tatsächlich nicht mehr zu erlangen ist.
Es scheint, daß der Urangstaffekt der Geburt, der das ganze Leben hindurch, bis zur neuerlichen Trennung von der allmählich zur zweiten _ Mutter gewordenen Außenwelt im Tode wirksam bleibt, von Anfang an nicht bloß Ausdruck physiologischer Beeinträchtigungen (Atemnot — enge — Angst) des Neugeborenen ist, sondern infolge Verwandlung einer höcht lustvollen in eine äußerst unlustvolle Situation sogleich einen „psychischen“ Gefühlscharakter bekommt. Diese empfundene Angst ist so der erste Inhalt der Wahrnehmung, sozusagen der erste psychische Akt, welcher der noch ganz intensiven Tendenz zur Wieder- herstellung der eben verlassenen Lustsituation die erste Schranke ent- gegensetzt, in der wir die Urverdrängung zu erkennen haben. Die Kon- version, deren normale Äußerungen Freud in dem sogenannten körper- lichen Ausdruck der Gemütsbewegung erkannte, erweist sich so als identisch mit der Entstehung des Psychischen aus der Körperinnervation, d.h. mit dem bewußten Eindruck der wahrgenommenen Urangst. Wäre diese rein physiologisch, so Könnte sie wahrscheinlich früher oder später auch voll abgeführt werden; so aber wird sie psychisch verankert, um die Rückstrebung (Libido) zu verhindern, die sich dann in allen späteren Zuständen, wo Angst entwickelt wird, an diesem Grenzwall der Ur- verdrängung bricht. Das heißt der wahrgenommene und psychisch fixierte Eindruck der Urangst löscht die Erinnerung an den voran- 180 Das Trauma der Geburt gegangenen Lustzustand aus, verhindert damit die Rückstrebung, die uns lebensunfähig machen würde, wie ja der „mutige“ Selbstmörder, der diese Angstgrenze rückschreitend zu passieren vermag, beweist. Es scheint, daß der Mensch die schmerzliche Trennung vom Urobjekt gar nicht ertragen, und die ersatzmäßige Anpassung an die Realität über- haupt nicht zustande bringen würde, ohne durch die drohende Wieder- holung der Urangst von einer weitgehenden Rückstrebung abgehalten zu werden. Sobald man — sei es im Schlaf (Traum), sei es im Wachen (unbewußte Phantasie) — sich dieser Grenze annähern will, tritt Angst auf und dies erklärt sowohl den unbewußten Lust- wie den bewußten Unlustcharakterallerneurotischen Symptome. Dieeinzige reale Möglich- keit für die annähernde Wiederherstellung der Urlust bietet die ge- schlechtliche Vereinigung, das partielle rein körperliche Zurückgehen in den Mutterleib. Diese Teilbefriedigung, an die die höchste Lust- empfindung geknüpft ist, genügt aber nicht allen Individuen, oder besser gesagt, sie können infolge stärkerer Wirkung des Geburtstraumas, die sich letzten Endes aus dem Keimplasma ableiten lassen wird, und der stärkeren Urverdrängung (Reaktion), die es notwendig macht, diese partielle körperliche Beziehung zum Objekt nur in mehr oder weniger unbefriedigender Weise herstellen. Ihr Unbewußtes strebt danach, die volle Rückkehr zu reproduzieren, sei es durch Herstellung der kom- pletten körperlichen Identität von Mutter und Kind mit dem Sexualpartner (Masturbation, Homosexualität”), sei es durch die Abwehr des Identifizierungsmechanismus im neurotischen Symptom, anstatt dies durch Vollziehung des Geschlechtsaktes und Schaffung eines neuen Lebewesens zu tun, mit dem sie sich identifizieren können. Hier liegt übrigens der fundamentale Unterschied in der gesamten psychischen Entwicklung von Mann und Weib, indem das letztere imstande ist, durch ganz reale Reproduktion der Ursituation, das heißt durch wirk- 2) Von den Homosexuellen sagt schon Martial: pars est una patris cetera matris habent.
Die psychoanalytische Erkenntnis 181 liche Wiederholung von Schwangerschaft und Gebärakt, sich die am weitesten gehende Annäherung an die Urbefriedigung zu verschaffen, während der hierin auf die unbewußte Identifizierung angewiesene Mann sich Ersatz für diese Reproduktion in der Identifizierung mit der „Mutter“ und der daraus folgenden Schöpfung kultureller und künstlerischer Produktionen schaffen muß. Dies erklärt die geringe Rolle, welche die Frau in der Kulturentwicklung spielt und aus der dann ihre soziale Minderbewertung sekundär folgt, während im Grunde genommen die ganze Kulturschöpfung nur aus der durch die Urverdrängung beseitigten libidinösen Überschätzung des mütter- lichen Urobjektes durch den Mann erfolgt." So könnte man sagen, daß die normale soziale Anpassung einer weitgehenden Übertragung der Urlibido auf das Väterliche, Schöpferische entspricht, während alles Pathologische — aber auch Übernormale — auf einer allzu starken Mutterfixierung, bezw. der Abwehr-Reaktion dagegen, beruht. Da- zwischen liegt die volle sexuelle Befriedigung, die auch den Kinder- wunsch einschließt, und eine nahezu rastlose Rückverwandlung der Urangst in die Urlibido zuläßt; daher lösen die zahlreichen, innerhalb des komplizierten Sexualmechanismus möglichen Störungen sogleich Angst aus, die bei den direkten Störungen der Sexualfunktion („Aktual- neurosen“ Freuds) unmittelbar frei wird, bei den psychisch veranker- ten Psychoneurosen dagegen im Schutzbau des Symptoms gebunden erscheint, undim Anfall jeder Art aufreproduktiven Wege abgeführt wird.
Mit dem Geburtstrauma und den ihm vorangehenden Foetalzustande haben wir das vielumstrittene Grenzgebiet des Psychophysischen end- lich greifbar gemacht und verstehen von da aus nicht nur die Angst, dieses Ursymptom des Menschen, sondern auch die im Psychophysischen ı) Hier liegt die tiefste Motivierung für die von Alfred Adler als primum movens herangezogene Vorstellung von der „Minderwertigkeit“ der Frau, die sich übrigens als direkte Folge der Verdrängung des Geburtstraumas ganz un- abhängig vom Geschlecht findet.
182 Das Trauma der Geburt wurzelnde Konversion in gleicher Weise wie das gesamte Affekt- und Triebleben. Der Trieb ist tatsächlich michts.anderes als die nächste Reaktion auf die psychisch verankerte Urangst, sozusagen der durch diese modifizierte Instinkt, indem das Ich in seinem Rückdrang von der Angstgrenze immer wieder aufs neue vorwärts getrieben wird, das Paradies statt in der Vergangenheit in der nach dem Ebenbild der Mutter gestalteten Welt zu suchen und soweit dies mißlingt, in den großartigen Wunschkompensationen der Religion, Kunst und Philo- sophie. Denn diese ungeheure Anpassungsleistung gelingt in der Realität erstmalig nur einem Typus Mensch, den uns die Geistesgeschichte als Heros überliefert hat, soweit es sich um ein Gestalten realer Werte handelt, und den wir als „Künstler“ im weitesten Sinne des Wortes bezeichnen möchten," soweit es sich um ein Schaffen ideeller Werte, des phantastischen Überbaus handelt, der aus den in der Realschöpfung unbefriedigten Resten der Urlibido geschaffen wird. Der normale Mensch wird dann in diese das Ursymbol bereits repräsentierende Welt hineingeboren und findet die dem durchschnittlichen Ver- drängungsgrad entsprechenden Befriedigungsmöglichkeiten bereits als fertige Formen vor, die er aus seiner individuellen Urerfahrung nur wieder zu erkennen und zu gebrauchen hat („Symbolik“).
Hier ist der Ort, eine der wichtigsten theoretischen Folgerungen aus dieser Auffassung zu ziehen, die sich ebenfalls als ganz direkte Fort- setzung der von Freud angebahnten Forschungsrichtung erweist. Von Anfang an war der spezifisch analytische Gesichtspunkt die vorläufige Zurückstellung aller hereditären und phylogenetischen Einflüsse, die ja großenteils ohnehin unfaßbar waren und deren maßlose Überschät- zung die Psychoanalyse dadurch korrigierte, daß sie ein großes und höchst bedeutsames Stück der individuellen Entwicklung, nämlich die frühe Kindheit, der Erforschung zugänglich und als determinierenden ı) Rank: Der Künstler. Ansätze zu einer Sexualpsychologie. 1907. (2. Aufl.
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Die psychoanalytische Erkenntnis 183 Faktor ersten Ranges in ausgiebigstem Maße verständlich gemacht hat. Da uns aber die Ausgestaltung der analytischen Technik in den Stand gesetzt hat, im Laufe unserer Erfahrung dieses infantile Entwicklungs- stadium immer weiter nach rückwärts, schließlich bis in das pränatale Stadium, zu verfolgen, ergibt sich, — insbesondere aus einem vertieften Studium der Traumsymkolik, — daß wir den phylogenetischen Ge- sichtspunkt des mitgebrachten psychischen Besitzes entbehren, be- ziehungsweise ihn wieder auf das biogenetische Grundgesetz im Sinne Haeckels einschränken können. Nicht nur klärt sich die ganze Sym- bolik und alle daran geknüpften Probleme in einfacherer und befrie- digenderer Weise auf, als dies durch das vorzeitige Hineintragen phylo- genetischer Gesichtspunkte in die Analyse durch die spekulative Nei- gung Jungs der Fall war, der von der Psychiatrie kommend und die Mythologie als Vergleichsobjekt heranziehend der einzig aufschluß- reichen Erfahrungen aus der Neurosenanalyse entbehrte, die ihm ge- stattet hätten, über die bloße Deskription und die daran geknüpfte Spekulation hinauszugehen. Freud hat auch sogleich die Unfrucht- barkeit des Beginnens erkannt, mit Hilfe ungedeuteten völkerpsycho- logischen Materials die Phänomene der Individualpsychologie verständ- lich machen zu wollen, und hat den einzig richtigen umgekehrten Weg eingeschlagen, den wir nun noch weiter verfolgen und damit den phylo- genetischen Gesichtspunkt ein ganzes Stück zurückschieben können.
Nachdem wir bereits die Urphantasien von der Kastration und der Ödipussituation auf das Geburtstrauma (Trennung), bzw. dessen lustvolles Vorstadium (Wiedervereinigung mit der Mutter) zurück- führen konnten, fällt es uns nicht schwer, in direktem Anschluß an Beobachtungen Freuds, die beides in sich fassende typische Situation von der Belauschung des elterlichen Koitus auf ihr reales Substrat, die pränatale Situation zurückzuführen. Bereits in der zweiten Auflage der „Traumdeutung“ (1909) berichtet Freud von typischen Träumen, denen „Phantasien über das Intrauterinleben, das Verweilen im Mutter- 184 Das Trauma der Geburt leibe und den Geburtsakt zugrunde liegen“ (S. 198), und führt als eines der Beispiele den Traum eines jungen Mannes an, „der in der Phan- tasie schon die intrauterine Gelegenheit zur Belauschung eines Koitus . zwischen den Eltern benützt.“ Dieser sowie der nächste dort mitge- teilte Geburtstraum einer Patientin, die sich vom Analytiker trennen soll, sind, wie Freud zuerst erkannte, analytische Kurträume, von deren Regelmäßigkeit unsere Untersuchung ihren Ausgang genommen hat. In bezug auf die Heilungssituation entsprechen sie wohl „Phantasien“, die aber nur dem Reflex der tatsächlichen Reproduktion des.
Geburtsakts mit echtem, „erinnertem“ Material entsprechen. Dieses Problem hat dann Freud viele Jahre später, nachdem die sogenannte „Mutterleibsphantasie“ längst zum Spott aller Kritiker Heimatsrecht in der Psychoanalyse erhalten hatte, in seiner klassischen Darstellung der „Geschichte einer infantilen Neurose“" wieder aufgegriffen und die allerdings unfaßbar gebliebene Realität der „Urszene“ nicht nur gegen die Umdeutungsversuche ehemaliger Anhänger, sondern eben- sosehr gegen seine eigenen wissenschaftlichen Zweifel hartnäckig ver- fochten. Von den analytischen Wiedergeburtsphantasien des Patienten ausgehend, dessen Klagen, „daß ihm die Welt durch einen Schleier verhüllt sei,“ sich auf seine Geburt in einer „Glückshaube‘‘ zurück- führen ließen, gelangt Freud zur Auffassung, daß sich der Patient in den Mutterleib zurück wünsche (l.c.S, 693), um dort in Identifizierung mit der Mutter vom Vater befruchtet zu werden und ihm ein Kind zu gebären. Der erste Teil des Wunsches ist, wie wir an einwandfreiem Material zeigen können, ganz real biologisch zu nehmen, der zweite Teil zeigt das ganze Maß von psychischer Verkleidung und Umarbei- tung, welche diese ursprüngliche Wunschtendenz durch die spezifischen Erlebnisse des Knaben in seiner Kindheit erfahren hat. Freud selbst bezeichnet in einer Fußnote (l. c. S. 695) diese Frage der Rückerinneı) Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre. IV. Folge. ıgı8. Die Ar- beit selbst ist im Winter ıgı4/15 niedergeschrieben.
7 Be Die psychoanalytische Erkenntnis 185 rungsfähigkeit als „„die heikelste der ganzen analytischen Lehre‘ und kommt zu dem Schluß, man könne „die Auffassung schwer von sich weisen, daß eine Art von schwer bestimmbarem Wissen, etwas wie eine Vorbereitung zum Verständnis, beim Kinde dabei [bei der Reakti- vierung der Urszene] mitwirkt. Worin dies bestehen mag, entzieht sich jeder Vorstellung; wir haben nur die eine ausgezeichnete Analogie mit dem weitgehenden instinktiven Wissen der Tiere zur Ver- fügung“ (l. c. 716). Die Tatsache, daß in den gänzlich unbeeinflußten Träumen zu Beginn der Analyse, die dem allgemeinen Traumtypus der betreffenden Person überhaupt entsprechen, neben der aus Ge- hörtem und Gelerntem rückphantasierten Belauschungssituation rein biologische Elemente (wie Gliederstellung, besondere Geburtsschmer- zen usw.), die auch der Mutter nicht bekannt gewesen sein können, im Zusammenhang mit den körperlichen Symptomen der Neurose nachzuweisen sind, setzt uns in den Stand, das reale Substrat auch der „Belauschungsphantasie‘ zu erfassen." Wir brauchen dazu nur den geschilderten Weg der „symbolischen“ Anpassung an die Realität vom elterlichen Schlafzimmer, in das die Szene meist verlegt wird, zu seinem realen Urbild, dem Mutterleib, zurückzuverfolgen. Auf diesem Wege wird dann das eigentliche Wesen der „Urphantasie“, nämlich die Gleichgültigkeit, ob die Szene erlebt wurde oder nicht, ohne weiteres verständlich, denn auch der beobachtete Koitus könnte nicht die traumatische Wirkung haben, wenn er nicht an das Urtrauma, der ersten Störung der seligen Ruhe durch den Vater, erinnern würde. So erweist sich der spätere kindliche Ödipuskomplex als direkter Abkömmling, d.h. als die psychosexuelle Verarbeitung der intrauterinen Ödipussitua- tion, die sich so doch als „Kernkomplex der Neurosen“ erweist, da diese ı) Das phantastische Element daran, die Rückprojizierung der heterosexu- ellen Stufe, hat in zahlreichen mythischen Überlieferungen, wo der Held schon im Mutterleib koitiert (Osiris), sowie in obszönen Scherzen Niederschlag ge- funden.
186 Das Trauma der Geburt väterliche Störung, wenn auch nicht daserste „Trauma“, so doch dessen unmittelbarer Vorläufer genannt zu werden verdient."
Unter diesen Gesichtspunkten läßt sich das reale Substrat der „Ur- phantasien“ greifbar machen, die Urrealität aufzeigen, die ihnen zu- grunde liegt und so die „psychische Realität“, die wir nach Freud dem Unbewußten zuerkennen müssen, als eine biologische Realität fassen und verstehen. Wir können auf die Annahme einer Vererbung psychischer Inhalte einstweilen verzichten, denn das primäre: See- lische, das eigentlich Unbewußte, erweist sich als das im wachsenden Ich unverändert fortlebende Embryonale,? welches die Psycho- analyse als letzte metapsychologische Einheit im Begriff des geschlecht- lich neutralen „Es“ zusammengefaßt hat. Alles, was darüber hinausgeht, insbesondere auch alles Geschlechtliche im engeren Sinne, gehört dem Vorbewußten an, wie ja auch die in Witz, Folklore und Mythus ver- wendete Sexualsymbolik zeigt; wirklich unbewußt daran ist nur das libidinöse Verhältnis des Embryo zum Mutterleib.
- Aus dieser Bestimmung des Unbewußten erklären sich zwanglos alle Charaktere, die nach Freuds letzter Darstellung? dem eigentlich unbewußten Kern unseres Ichs eignen: vor allem diein ihrer Intensität ı) Es kann daher auch nicht ganz gleichgültig sein, bis in welche Zeit der Gravidität der Geschlechtsverkehr fortgesetzt wird. Vgl. hierzu die Ausführungen von Dr. H. Hug-Hellmuth: Aus dem Seelenleben des Kindes. Eine psa. Studie. 2. erw. Aufl. 1921, $. 2. — Daselbst auch der Hinweis, daß die Freude am Rhythmus beim kleinen Kinde in ursächlichem Zusammenhang mit den Be- wegungsempfindungen des Foetus im Mutterleibe steht...2) Ein Beweis dafür ist die analytisch bekannte, aber als unverstandener Widerspruch hingenommene Tatsache, daß als Darstellung für „das Unbewußte“ im Traume die gleichen Symbole verwendet werden wie für den Mutterleib (Zimmer, Gebäude, Schränke, Schächte, Höhlen, die Silberer nur rein „funk- tional“ als psychische Selbstdarstellung zu fassen vermochte. Siehe seine letzte diesbezügliche Arbeit in den Sitzungsberichten der Wiener Gruppe (Internat. Zschr. f. Psa. VIII, 1922, S. 536).
3) Freud: Das Ich und das Es. 1923.
er Die psychoanalytische Erkenntnis 187 stets unveränderliche und durch nichts zu befriedigende Wunsch- tendenz, die Freud biologisch als das Streben der Libido nach Wieder- herstellung eines verlorenen Urzustandes erfaßt hat; dann der ‚‚narziß- tische‘ Urcharakter dieser Sitation, das vollkommene Fehlen der Geschlechtsdifferenzierung, wodurch ursprünglich jedes Objekt, das dem Ich gegenübersteht, Muttercharakter erhält; ferner die Zeitlosigkeit und der Mangel jeder Negation, die ‚erst durch den Vorgangder Verdrängung eingeführt“ wird," also aus der psychischen Erfahrung des Geburts- traumas stammt; endlich die fundamentalen seelischen Mechanismen des Unbewußten: wie das für die Kulturentwicklung ausschlaggebende Streben zur Projektion, die den verlorenen Zustand draußen ersetzen soll, und die so rätselhafte Neigung zur Identifizierung, die wieder auf die Herstellung der alten Identität mit der Mutter abzielt.
Zu den wesentlichen und für das Verständnis der gesamten Lebens- vorgänge hochbedeutsamen Charakteren des Unbewußten gehört auch das vollkommene Fehlen der ‚‚Negation an sich“, der Todesvorstellung, wie Freud frühzeitig aus dem infantilen Leben erschlossen hat. Das Kind und sein seelischer Repräsentant, das Unbewußte, weiß nur von der ihm aus der Erfahrung bekannten Situation vor der Geburt, deren lustvolle Erinnerung in dem unverwüstlichen Unsterblichkeitsglauben, den Ideen eines ewigen Lebens nach dem Tode fortwirkt. Aber auch was uns biologisch als Todestrieb erscheint, kann nichts anderes an- streben, als den bereits erlebten Zustand vor der Geburt wieder her- zustellen, und der „Wiederholungszwang‘ ” rührt von der Unerfüllbar- keit dieses Strebens her, das immer wieder in neuen Formen alle Möglichkeiten erschöpft. Diesen Vorgang heißen wir biologisch geı) Siehe: Aus der Geschichte einer infantilen Neurose, 1. c. 669, Fußnote 2.
' 2) Siehe Freud: Jenseits des Lustprinzips. 1921. — Mit der hier vertretenen Auffassung decken sich fast vollinhaltlich die zusammenfassenden Ausführungen von Röheim am Schluß seiner Artikelserie: Das Selbst (Imago VII, 1921, 188 Das Trauma der Geburt sprochen „Leben“. Ist es im Verlaufe desselben dem durch das Geburts- trauma losgelösten „normalen“ Individuum auch gelungen, unter den geschilderten Schwierigkeiten der Kindheitsentwicklung und mit Ver- meidung neurotischer Rückfälle, sich die Außenwelt als die „beste aller Welten“, nämlich als Mutterersatz anzupassen, so zeigt sich, daß doch das Unbewußte inzwischen mit zäher Beharrlichkeit den ihm vorgeschriebenen Rückweg eingeschlagen hat, der es gegen den Willen des Ich doch zu seinem ursprünglichen Ziele zurückführt. Dieser Vor- gang, den wir „Altern“ nennen, muß sich aber zur Erreichung dieses unbewußten Zieles auf die systematische Zerstörung des ganzen Kör- pers verlegen, den es durch Krankheiten aller Art schließlich zum Tode führt.‘ Im Moment des Sterbens trennt sich der Körper neuer- dings von dem Mutterersatz, der „Frau Welt‘, deren Vorderseite schön und wohlgebildet, deren Rückseite jedoch häßlich und grauenerregend gedacht wird,” welche Trennung für das Unbewußte anscheinend doch leicht ist,? da es sich ja nur um das Aufgeben eines Ersatzes zur Er- langung der eigentlichen Seligkeit handelt. Hier wurzelt nicht nur die populäre Vorstellung vom Tod als Erlöser, sondern auch das Wesent- liche aller religiösen Erlösungsideen. Anderseits ist die schreckhafte ı) Siehe die drei buddhistischen Übel: Alter, Krankheit und Tod. Sokrates sagte, als er den Giftbecher nahm: „Leben — das heißt lange krank sein: ich bin dem Heilande Asklepios einen Hahn schuldig.“ — (Natürlich ist der Heiland Asklepios mythisch eine Wiedergeburtsgottheit, die von Zeus mit dem Blitztod bestraft wurde, weil sie einen Toten erweckt hatte.) 2) Siehe „Frau Welt“ von H. Niggemann („Mitra“, I, 1914, Nr. 10, $. 279.) 3) Schon der große Arzt und Menschenbeobachter Hufeland spricht von der scheinbaren Schmerzhaftigkeit des Sterbens. — In einem Aufsatz, den ich zufällig während der Niederschrift dieser Arbeit zu Gesicht bekam, zeigt Heinz Welten („Über Land und Meer“, April 1923), „wie leicht sich’s stirbt“ an den überlieferten letzten Worten unserer großen Geister. — Der berühmt gewordene Ausspruch Goethes: Mehr Licht, weist deutlich auf die unbewußte Geburtsphantasie, den Wunsch, das Licht der Welt zu erblicken, hin. Goethes abnorm schweres Geburtstrauma, von dem er selbst berichtet, erklärt das Rätselhafte in seinem Leben und Schaffen.
Die psychoanalytische Erkenntnis 189 Vorstellung des Todes als Sensenmann, der Einen mit gewaltigem Schnitt wieder vom Leben trennt, auf die Urangst zurückzuführen, die der Mensch beim letzten Trauma, dem letzten Atemzuge des Todes, zum letztenmal reproduziert und so aus der höchsten Angst, der Todes- angst, noch den Lustgewinn der Negierung des Todes durch Wieder- erleben der Geburtsangst zieht. Wie ernst es dem Unbewußten mit der Auffassung des Sterbens als einer Rückkehr in den Mutterleib ist, geht aus den Totenriten aller Völker und Zeiten hervor, welche die Störung des ewigen Schlafes (durch den Vater) als die größte Unbill und den ruchlosesten Frevel ahndet.
So wie die Seele nach dem tiefsinnigen Dogma der Kirchenväter erst im vorgeschrittenen Stadium der Schwangerschaft, wenn das Kind die ersten Eindrücke wahrzunehmen imstande ist, in den Embryo fährt, so verläßt sie im Tode den Körper, um des unsterblichen Lebens teil- haftig zu werden. In diese Trennung der Seele vom Körper versucht das unstillbare Wünschen die Unsterblichkeit zu retten. Wir stoßen hier wieder auf den ursprünglichen, scheinbar phantastischen, in Wirk- lichkeit aber ganz realen Inhalt der Seelenvorstellung, die sich nach den schönen Ausführungen von Erwin Rohde („Psyche, Seelenkult und Unsterblichkeitsglaube der Griechen“) aus der Todesvorstellung entwickelt hat. Die Seele wird ursprünglich ganz real und körperlich als ein Doppelgänger des Verstorbenen vorgestellt (der ägyptische Ka und seine Parallelgestalten),“ der ihn im Sinne eines ganz realen Fortlebens nach dem Tode ersetzen soll. Wie sich daraus der primitive Seelen- glaube, die religiöse Seelenvorstellung und der philosophische Seelen- begriff entwickelt haben, versuchte ich gelegentlich in anderem Zu- sammenhange zu skizzieren.” Die psychoanalytische Forschung, die all ı) F.S. Krauss: Sreda. Glück und Schicksal im Volksglauben der Südslaven. Wien 1886. — Ders.: Der Doppelgängerglaube im alten Ägypten und bei den Süd- slaven. Imago VI, 1920, S. 387 £. — Rank: Der Doppelgänger. Imago III, 1914.
2) Die Don Juan-Gestalt. Imago VII, 1922, S. 166 ff.
190 Das Trauma der Geburt diese Gebilde als unbewußte Wunschphantasien entlarvt hat, greift nun wieder auf den realen Seeleninhalt zurück, wie er sich in dem immer wieder aufs neue gegebenen Embryonalzustand realisiert. Angesichts all dieser großartigen, immer wieder erneuten Versuche, sich auf den verschiedensten Wegen der Ersatzbefriedigung den verlorenen Urzustand wieder herzustellen und das Urtrauma zu verleugnen, glaubt man einen Augenblick lang den schwankenden Gang der Welt- | geschichte mit ihren scheinbar willkürlich wechselnden Phasen in seiner biologisch bedingten Gesetzmäßigkeit zu verstehen. Es scheint darin der gleiche Urmechanismus zu walten, der sich von der Urver- drängung in so großartiger Weise auswirkt. Zeiten großer äußerer Not, die das Unbewußte zu stark an die erste Lebensnot des Individuums, das Geburtstrauma, erinnern, führen automatisch zu verstärkten Re- gressionsversuchen, die wieder aufgegeben werden müssen, nicht nur weil sie niemals zum eigentlichen Ziele führen können, sondern gerade dann, wenn sie ihm wieder zu nahe gekommen sind und auf die Ur- angst stoßen, die vor dem Paradiese Wache hält wie die Cherubim mit dem gezückten Schwert vor dem Eingang zum Paradies. So wirkt gegen die Urtendenz zur Wiederherstellung der alten höchsten Lusterfahrung nicht nur die Urverdrängung als Schutz gegen die damit verbundene Wiederholung der größten Unlusterfahrung, der Urangst, sondern gleich-