ı) Es würde zu weit führen, dieses wichtige Thema hier im Detail zu ver- folgen. Bei einer Patientin mit phänomenalen Gedächtnisleistungen ließ sich analytisch leicht feststellen, daß ihre ganze Kunst auf der intensiven Verdrän- gung eines schweren Geburtstraumas beruhte, Ihr Assoziationsapparat war auf eine Unzahl von Geburtsdaten verwandter, bekannter und historischer Per- sonen aufgebaut, auf Grund deren sie dann weitere inhaltliche Verknüpfungen herstellte. Von hier aus fällt auch ein neues Licht auf die so problematisch ge- wordene Analyse von Zahleneinfällen, in denen fast immer Geburtsdaten als die Assoziationszentren erscheinen. — Siehe dazu auch das weiter unten über die Zeit Gesagte.
4 Bi ee ee. Sue a As Ach Se ee 4 De u a ZZ a Bl Al da a0 De a a rl an m zz 4* = ya © e) i fh BR a ie Am ah De A End ne al Al a 5 Zn 2 l da ad ne x A ee N I EN Die analytische Situation 13 _ daß die Analyse dem Patienten die nachträgliche Erledigung des Geburts- traumas durch einen entsprechenden zeitlichen Ablauf ermöglichen soll, der unter diesem therapeutischen Gesichtspunkt allerdings in weitgehen- dem Maße regulierbar wird." Natürlich zeigt der Patient hinter all seinen Widerständen immer die Tendenz, die in so hohem Maße be- friedigendeanalytischeSituationins Endlosezu verlängern”, was von An- fang an Gegenstand der Analyse seiner Fixierungstendenz werden muß, Auch das erfolgt eigentlich automatisch durch strenge Einhaltung der Freudschen Regel, die vorschreibt, den Patienten täglich eine gleiche Zeitspanne, und zwar eine volle Stunde zu sehen. Jede dieser Stunden repräsentiert für das Unbewußte des Patienten eine kleine Analyse in nuce, mit der neuerlichen Fixierung und allmählichen Lö- sung, was bekanntlich die Patienten am Anfang recht schlecht ver- tragen.? Sie empfinden schon das im Sinne der Lösung von der Mutter als eine zu „aktive Therapie“, während anderseits die Neigung, dem Analytiker überhaupt zu entlaufen, sich als Tendenz zur allzu direkten Wiederholung des Geburtstraumas erklärt, welches eben die Analyse durch eine allmähliche Ablösung zu ersetzen hat.
ı) Vgl. hiezu auch meine Erläuterungen in der gemeinsamen Arbeit mit Ferenczi: Entwicklungswege der Psychoanalyse (1924).
2) Bekannt ist ja, wie häufig dabei die Dauer der Gravidität (7—ıo Monate) bevorzugt wird, was aber nicht bloß auf die bekannte Schwangerschaftsphantasie (Kind vom Vater), sondern in tiefster Schichte auf die eigene Geburt bezug hat.
Vgl. dazu auch die bekannten Kuren von Dejerine, der seine Patienten wie Gefangene behandelt: sie im verdunkelten Raum von aller Welt abschließt und ihnen sogar das Essen durch eine Öffnung reichen läßt; nach einer gewissen Zeit sind sie dann froh, aus diesem Kerker entlassen zu werden.
3) Viele von ihnen können nicht erwarten, bis der Analytiker sie wegschickt, sondern wollen dies selbst bestimmen, sehen öfter nach der Uhr, andere — oder auch dieselben — erwarten einen Händedruck zum Abschied usw.
Vgl.dazu auch das von Ferenczi beschriebene passagere Symptom „Schwin- delempfindung am Schluß der Analysenstunde“ (Zschr. 1914), wo die Pat. auf das psychische Trauma der plötzlichen Trennung mit einer analogen Störung des Gleichgewichtes — als hysterischem Symptom — reagieren.
Die infantile Angst Der nächste Schluß, den wir aus diesen analytischen Erfahrungs- tatsachen und ihrer uns nahegelegten Auffassung ziehen müssen, ist der, daß das Unbewußte des Patienten die analytische Heilungssituation dazu benützt, um das Trauma der Geburt zu wiederholen und so teil- weise abzureagieren. Bevor wir aber verstehen können, wie sich das Ge- burtstrauma in den einzelnen Krankheitssymptomen auswirkt, müssen wir zunächt seine allgemein-menschlische Wirkung in der Entwicklung des normalen Individuums, namentlich in der Kindheit, verfolgen. Der Freudsche Satz, daß jeder Angstaffekt im Grunde auf die physio- logische Geburtsangst (Atemnot) zurückgehe, soll uns dabei als Leit- linie dienen.
Betrachten wir die seelische Entwicklung des Kindes unter diesem Gesichtspunkt, so können wir ganz allgemein sagen: der Mensch scheint viele Jahre — nämlich seine ganze Kindheit — zu brauchen, um dieses erste intensive Trauma in annähernd normaler Weise zu überwinden. Jedes Kind hat normalerweise Angst und man kann mit einer gewissen Berechtigung vom Standpunkt des gesunden, erwachsenen Durch- schnittsmenschen die Kindheit des Einzelnen als dessen Normalneurose bezeichnen, die sich eben nur bei gewissen — darum infantil geblie- benen oder so geheißenen — Individuen, den Neurotikern, ins reife Alter fortsetzt.
Untersuchen wir, an Stelle zahlloser Beispiele mit dem gleichen ein- fachen Mechanismus, den typischen Fall der Kinderangst, die eintritt, Die infantile Angst Is wenn das Kind allein im dunkeln Raum (meist im Schlafzimmer, beim Zubettgehen) gelassen wird. Diese Situation erinnert das dem Urtrauma noch näherstehende Kind offenbar an die Mutterleibssituation — allerdings mit dem bedeutsamen Unterschied, daß das Kind nun- mehr bewußterweise von der Mutter getrennt ist, deren Leib nur durch das dunkle Zimmer oder warme Bett „symbolisch“ ersetzt erscheint. Die Angst verschwindet, nach der glänzenden Beobachtung von Freud, sobald dem Kinde das Dasein (die Nähe) der geliebten Person wieder bewußt wird (Berührung, Stimme usw.)."
An diesem einfachen Beispiel läßt sich der Mechanismus der Angst- auslösung, der dann bei den Phobikern fast unverändert wiederkehrt (Klaustrophobie, Eisenbahn-Tunnel-Reise-Angst usw.), als unbewußte Reproduktion der Geburtsangst verstehen und zugleich auch die reale Grundlage der Symbolisierung studieren; nicht zuletzt die Bedeutung des Getrenntseins von der Mutter und die beruhigende „therapeutische“ Wirkung der wenn auch nur partiellen oder „symbo- lischen“ Wiedervereinigung mit ihr.
Indem wir uns die weittragenden Erörterungen über diese vielver- heißenden Ausblicke für spätere Abschnitte aufsparen, fassen wir eine zweite, gleichfalls typische Angstsituation des Kindes ins Auge, die noch näher an den wirklichen tiefverdrängten Sachverhalt rührt. Das ist die universelle kindliche Angst vor Tieren, zu’ deren Erklärung wir trotz ihrer häufigen Beziehung auf Raubtiere (Fleischfresser, wie den Wolf) nicht auf einen ererbten Furchtinstinkt der Menschheit rekurrieren müssen, was schon daraus hervorgeht, daß sich ein solcher nicht auf die seit Jahrtausenden domestizierten Haustiere beziehen könnte, deren Harmlosigkeit und Ungefährlichkeit von unzähligen Generationen Er- wachsener ebenso erfahren und erlebt wurde wie die Gefährlichkeit der Raubtiere; man wollte denn auf die Urzeiten des Menschen — oder gar auf seine biologischen Vorstufen (wie z. B. Stanley Hall u. a.) — ı) Siehe: Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, 1905, S.72, Fußnote.
I6 Das Trauma der Geburt zurückgreifen, und damit auf die wilden Vorfahren unserer Haustiere, um eine typische Angstreaktion zu erklären, die in unserer individuellen Entwicklung ihren Ursprung hat. Für die Wahl dieser Angstobjekte, die ursprünglich nach der dem Kind imponierenden Größe (Pferd, Rind usw.) erfolgt, sind ganz andere, nämlich psychologische („symbo- lische“) Momente maßgebend. Wie die Analysen kindlicher Phobien unzweifelhaft gezeigt haben, bezieht sich die Größe bzw. Dicke (Leibes- umfang) der Angsttiere auf die Gravidität, an die das Kind, wie wir zeigen können, mehr als eine dunkle Erinnerung hat, und die Raub- tiere liefern dann eine auch für den erwachsenen Psychologen schein- bar noch ausreichende Rationalisierung für den Wunsch — durch Ge- fressenwerden — in den tierischen Leib der Mutter zurückzugelangen. Die Bedeutung der Tiere als Vaterersatz, die Freud aus der Neurosen- psychologie für das Verständnis des Totemismus fruchtbar gemacht hat, bleibt durch die Auffassung nicht nur unberührt, sondern erhält eine vertiefte biologische Bedeutung, indem sie zeigt, wie durch Ver- schiebung der „Angst“ auf den Vater (das Totemtier, das man selbst frißt) der lebensnotwendige Verzicht auf die Mutter gesichert wird. Denn dieser gefürchtete Vater verhindert das Zurückgehen zur Mutter und damit die Auslösung der viel peinlicheren Urangst, die sich aufs mütterliche Genitale, als dem Ort der Geburt, wie späterhin auf alle seine Ersatzobjekte, bezieht.
Das ebenso häufige, aber fast regelmäßig mit Grauen gemischte Angst- gefühl kleineren Tieren gegenüberhatdiegleiche Grundlage und verrät in der „Unheimlichkeit“ dieser Objekte auch deutlich diese Herkunft. Aus der Analyse solcher Phobien oder Angstträume, die ebenso, wenn auch weniger häufig, beim Mann als bei der Frau gefunden werden, ergibt sichmitaller Deutlichkeit, daßdie Unheimlichkeitdieserkleineren Kriechtiere wie Maus, Schlange, Kröte, Käfer usw. auf deren Eigenschaft zurückgeht, in kleinen Erdlöchern usw. spurlos zu verschwinden.
Sie zeigen also den Wunsch nach Rückkehr in das mütterliche Versteck EN F ä n 4 Es R Die infantile Angst 17 restlos erfüllt und das Grauenhafte, das ihnen anhaftet, rührt daher, daß sie dabei selbst die eigene Tendenz realisieren, als deren Objekt man sich vor ihnen entsetzt.‘ Während man also in die großen Tiere immer noch im Sinne der, wenn auch verdrängten (Angst) Ursituation eindringen kann, liegt das Unheimliche der kleinen Tiere in der Gefahr, daß sie selbst in den eigenen Körper eindringen können. Übrigens sind die ganz kleinen Tiere wie Insekten usw. von der Psychoanalyse schon längst als symbolische Darstellung von Kindern bezw. Embryonen aufgefaßt worden; wohl nicht nur wegen der Klein- heit, sondern auch wegen ihrer Vermehrungsfähigkeit (Fruchtbarkeits- symbol).” Zum Penis- „Symbol“ oder besser gesagt Penis-Ideal werden ı) Ein kleines Mäderl von 3°/, Jahren, das sich ebenso oder mehr vor kleinen als vor großen Hunden fürchtet, hat auch Angst vor Insekten (Fliegen, Bienen usw.). Auf die Frage der Mutter, warum sie sich denn vor diesen kleinen Tieren, die ihrjanichtstun könnten, fürchte, erwidertdie Kleine ohne Zögern: „Siekönnen mich doch schlucken!“ Dabei aber macht sie beim Herannahen kleiner Hunde die gleichen charakteristischen Abwehrbewegungen wie etwa eine Erwachsene gegen eine Maus: Sie beugt, indem sie die Beine fest zusammenpreßt, die Knie so tief, daß sie ihr Kleidchen bis ganz zum Boden ziehen und sich damit be- decken kann, als wollte sie das „Hereinschlüpfen“ verhindern. Ein andermal direkt um die Ursache ihrer Bienenangst von der Mutter befragt, erklärt sie widerspruchsvoll, sie wolle in den Bauch der Biene hinein und doch wieder nicht.
2) Zuletzt noch bei Freud: Massenpsychologie, 1921, $S. 126. — Für die Schmetterlingsangst konnte Freud zeigen, daß das Öffnen’ und Schließen der Flügel das auslösende Moment ist, welches wieder eindeutig an das Gebärorgan „erinnert“. (Vgl. dazu das weitverbreitete mythische Motiv der Symplegaden oder Klappfelsen.)
Die Spinne ist ein deutliches Symbol der unheimlichen Mutter, in deren Netz man gefangen wird. Man vgl. dazu die „unbewußte Geburtsphantasie“, die Ferenczi aus der Tagebuch-Beschreibung des Angstanfalles eines Patienten wiedergibt („Introjektion und Übertragung“, Jahrb. I, 1909, $. 450/51, Fußnote): „Die Hypochondrie umspinnt meine Seele, wie ein feiner Nebel, oder eher wie ein Spinngewebe, so wie Schimmelblumen den Morast bedecken. Ich habe das Gefühl, als stäke ich in so einem Sumpf, als müßte ich den Kopf herausstecken, um atmen zu können. Zerreißen, ja zerreißen möchte ich das Spinngewebe. Aber nein, es geht nicht! Das Gewebe ist irgendwo befestigt — man müßte 2 Rank I Das Trauma der Geburt sie aber eben nur durch ihre Fähigkeit des restlosen Eindringen- könnens, wobei ihre wesentliche Eigenschaft, die besondere Kleinheit, die sogar zu ihrer Deutung als Spermatozoen oder weiblichen Eiern geführt hat, direkt auf den Mutterleib als ihren Aufenthaltsort hinweist. So ist das (große) Tier zuerst lust- dann angstbesetztes Muttersymbol, dann durch Verschiebung der Angst im Sinne der Phobien hemmender Vaterersatz, um schließlich auf dem Umweg der sexuellen Tierbeobach- tung und der kleinen Tiere, die Fötus wie Penis symbolisieren, wieder mit maternaler Libido besetzt zu werden.
Diesen Zusammenhängen verdankt eine Reihe von kleinen Tieren auch die AuffassungalsSeelentiereim Volksglauben. Am bekanntesten ist dies von der Schlange, deren phallische Bedeutung zweifellos auch auf die Leichtigkeit des vollständigen Eindringens und Verschwin- dens im (Erd-) Loch zurückgeht."
Dies zeigt der bekannte Tiergeisterglaube der Australier und ge- wisser zentralasiatischer Stämme, wonach die Kinder in Gestalt kleine- rer Tiere in die Mutter eingehen, und zwar meist durch den Nabel. So glauben die Eingeborenen von Kap Bedford, „daß die Knaben in Ge- stalt einer Schlange, die Mädchen als kleine Brachschnepfen in den Leib der Mutter eingehen.“* Diese ganz primitive Vereinigung von Kind und Phallus — der Phallus geht ganz in die Frau ein und wächst dort zum Kind heran — wirkt noch im Volksglauben und im Märchen als „Körperseele“ nach, wo die Seele des Schlafenden oder Verstorbenen die Pfähle herausreißen an denen es hängt. Geht das nicht, so müßte man sich durch das Netz langsam durcharbeiten, um Luft zu schöpfen. Der Mensch ist doch nicht dazu da, um von solch einem Spinngewebe umschleiert, erstickt, des Sonnenlichts beraubt zu werden.“ ı) Daß die Eigenheit besonders großer Schlangen, ihre Beute lebendig im Ganzen hinunterzuwürgen, wobei ihr Leib aufschwillt, in diesen Vorstellungs- kreis hineingehört, erscheint mir ebenso zweifellos wie die andere Auffälligkeit . ihrer Häutung (Wiedergeburt).
2) s. Artikel „Aberglaube“ von F. Reitzenstein im „Handwörterbuch der Sexualwissenschaft“, hg. von Max Marcuse, 1923, 8. 5.
Die infantile Angst 19 in Gestalt solcher Tiere (Maus, Schlange usw.) aus dem Munde schlüpft, um nach einiger Zeit wieder durch den Mund in denselben Menschen (Traum) oder in einen anderen (Befruchtung, Neugeburt) einzugehen.‘ Hier schließt sich der uralte Volksglaube von der Gebärmutter als ei- nem Tier an, der bis jetzt noch keine Erklärung gefunden hat,? aber vermutlich auch mit der Vorstellung von dem in den Mutterleib hinein- gekrochenen und nicht wieder herausgekommenen Tier zusammen- hängt, also sich in letzter Linie auf den Inhalt der befruchteten Ge- bärmutter bezieht. So soll z. B. im Braunschweigischen in den ersten 24 Stunden nach der Geburt das neugeborene Kind nicht bei der Mutter liegen, „sonst kann die Gebärmutter keine Ruhe finden und kratzt im Innern der Frau, wie eine große Maus.? Sie kann auch im Schlafe aus dem Munde hervorkriechen, sich baden und auf demselben Wege zurückkehren“, wie in der von Panzer mitgeteilten Sage von einer Wallfahrerin, die sich zur Ruhe ins Gras gelegt hat (Beitr. z. d. MythologieIl, ı95). Kann sie den Rückweg nicht finden, dann wird die Frau unfruchtbar.
Der Hinweis auf diese typischen Angstsituationen der Kinder und ihre völkerpsychologischen Parallelen dürfte genügen, um zu zeigen, ı) Im malayischen Fanany-Märchen hat sich die ostafrikanische Todesschlange zu einem Seelenwurm entwickelt, der nach 6 bis 8 Monaten mittels eines in die Erde gesteckten Bambusrohres aus dem Grab hervorkommt. (Nach H.L. Held: Schlangenkultus. Atlas Africanus, H. III, München 1922.)
2) Daß dies meist die Kröte ist, die sich in dunkeln unzugänglichen Löchern verkriecht (ihr Name kommt davon), würde gut dazu stimmen. Siehe „Die Kröte, ein Bild der Gebärmutter“ von Karl Spieß (Mitra I, Sp. 20g ft., 1914, Nr. 8). — Schon im alten Ägypten wurde die Geburtsgöttin froschköpfig gedacht (siehe Jacoby und Spiegelberg: Der Frosch als Symbol der Auferstehung bei den Ägyptern. Sphinx VII.); anderseits weist der Kopf unserer Gebärmutter-Kröte zuweilen menschliche Züge auf (s. Abb.7 bei Spieß 1.c. Sp. 217). Über die gleiche Bedeutung der Kröte im alten Mexiko vgl. Ernst Fuhrmann: Mexiko II, S. 2off. (Kulturen der Erde, Bd. XIII, Darmstadt 1922).
2# 20 Das Trauma der Geburt was wir meinen. Bei genauer Erforschung der Umstände, unter denen die Kinderangst auftritt, wird man finden, daß tatsächlich der Angst- affekt des Geburtsaktes im Kinde unerledigt weiterwirkt und jede Ge- legenheit, die irgendwie — meist „symbolisch“ — daran „erinnert“, dazu benützt wird, um den unerledigten Affekt immer und immer aufs neue abzureagieren (Pavor nocturnus). Wenn man so die von Freud erkannte Herkunft des Angstaffektes aus dem Geburtsvorgang ernst und wörtlich zu nehmen sich getraut — und dazu nötigt uns die Reihe der mitgeteilten Erfahrungen — so wird man leicht erkennen, wie jede Äußerung infantiler Angst einer partiellen Erledigung der Geburtsangst entspricht. Der unabweisbaren Frage, woher die Ten- denz zur Wiederholung eines so starken Unlustaffektes stammen könnte, werden wir später bei Erörterung des Lust-Unlust-Mechanismus näher- treten, möchten jedoch schon hier auf die ebenso unzweifelhafte ana- lytische Tatsache verweisen, daß ganz wie jeder Angst die Geburtsangst zugrunde liegt, jede Lust letzten Endes zur Wiederherstellung derintrauterinen Urlust tendiert. Schon die normalen, von der Analyse als libidinös erkannten Funktionen des Kindes, die Nahrungs- aufnahme (Saugen) und die Ausstoßung der Stoffwechselprodukte ver- raten die Tendenz, die unbeschränkten Freiheiten des pränatalen Zu- standes so lange als möglich fortzusetzen. Wie wir aus der Analyse der Neurotiker wissen, gibt das Unbewußte diesen Anspruch, den das Ich zugunsten der sozialen Anpassung zurückstellen muß, niemals auf, und ist jederzeit bereit, in Zuständen seiner Vorherrschaft, die sich der Ur- situation annähern (Traum, Neurose, Coma), damit hervorzutreten. Deutlicher noch zeigen die aus dem zu intensiven Festhalten an die- sen Lustquellen folgenden „Kinderfehler“ Herkunft und Tendenz dieser Libidobefriedigungen: nämlich das Lutschen einerseits, das Be- nässen und Beschmutzen anderseits, wenn sie zeitlich oder ihrer Inten- sität nach über ein gewisses Maß hinausgehen (z. B.in dem exquisit „neurotischen Symptom der Enuresis nocturna). In der vom Bewußtsein RE a a ur > m hal a = ED. > 1 ps nb nun Da Sa a Eid u anni ai zu Z Ir A Die infantile Angst 21 unkontrollierbaren, scheinbar automatischen Entleerung des Urins und des Kotes („als Liebesbeweis“ für die Mutter) benimmt sich das Kind so, als wäre es noch im Mutterleib: inter faeces et urinas;* auf ähnlichen Mechanismen ruht der sprichwörtliche Zusammenhang von Angstaffekt und Defäkation. Der Ersatz der zeitweise oder nach der Entwöhnung gänzlich vermißten Mutterbrust durch einen Finger zeigt dagegen den ersten Versuch des Kindes, den Körper der Mutter durch den eigenen Körper („Identifizierung“), bzw. einen Teil desselben zu ersetzen, wobei die rätselhafte Bevorzugung der Fußzehen deutlich die Tendenz nach Wiederherstellung der intrauterinen Körperstellung verrät.” Vom Lut- schen sowohl wie von der lustvollen Harnentleerung (Enuresis) führen die von der Analyse aufgedeckten Wege zum „Kinderfehler“ kat exochen, der genitalen Masturbation (s. auch den späteren Ersatz der Enuresis: die Pollution), welche den endgültigen und großartigsten Ersatz der Wieder- vereinigung mit der Mutter, den Sexualakt, einleitet und vorbereiten hilft. Der Versuch, das angstbesetzte (mütterliche) Genitale sexuell zu besetzen, macht Schuldgefühl, indem die maternale Angst nach dem Mechanismus der Phobie an den Vater gebunden wird. Auf diesem Wege erfolgt die teilweise Verwandlung der Urangst in (sexuelles) Schuldgefühl, wobei man oft sehr schön beobachten kann, wie die ur- sprünglich mütterliche Tierangst in die deutlich auf Sexualverdrängung beruhende Vaterangst übergeht, die durch Verschiebung auf Räuber, Einbrecher (Schwarzer Mann usw.) einwandfrei im Sinne des phobischen Mechanismus rationalisiert werden kann. Hierbei entsteht die sog.
ı) Das Klosett erscheint im Traum als typische Mutterleibsdarstellung (be- reits bei Stekel: Die Sprache des Traumes, 1911).
2) Nach einer mündlichen Mitteilung des Wiener Kinderarztes J.K.Fried- jung konnte er nicht selten Kinder beobachten, die mit dem Finger im Mund zur Welt kamen. Dies zeigt die Tendenz zur unmittelbaren Ersetzung der Mut- ter in „statu nascendi“. — In letzter Zeit sollen Versuche über die Reflexerregbar- keit beim Fötus gezeigt haben, daß schon etwa im 6.—7. Monate Saugreflexe auslösbar sind.
AR 22 Das Trauma der Geburt Realangst deutlich als Bindung und Abfuhr der verschobenen Urangst, wobei die Verwandlung der mütterlichen Raumangst in die väterliche Eindringensangst vollkommen dem Verhalten zu den großen (mütter- lichen) und den kleinen (phallischen) Tieren entspricht.
An dieser Stelle wird sich voraussichtlich ein Einwand von psychoanalytischer Seite selbst erheben, den wir aber um so leichter zu erledigen hoffen. Die Erfahrung, daß jede Angst des Kindes der Geburtsangst entspricht (und jede Lust des Kindes zur Wiederherstellung der intrauterinen Urlust tendiert), könnte im Hinblick auf die sog. Kastrationsangst, die neuestens so stark betont wurde, in ihrer Allgemeingültigkeit angezweifelt werden. Doch scheint mir leicht verständlich, daß die kindliche Urangst sich im Laufe der Entwick- lung ganz besonders an das Genitale heftet, eben wegen seiner ge- wiß dunkel geahnten (oder erinnerten) faktischen biologischen Be- ziehung zur Geburt (und Zeugung). Es ist begreiflich, ja eigentlich selbstverständlich, daß gerade das weibliche Genitale als der Ort des Geburtstraumas dann bald wieder zum Hauptobjekt des ursprüng- lich von dorther stammenden Angstaffektes wird. So basiert die Be- deutung der Kastrationsangst, wie schon Stärcke gemeint hat,’ auf der „Urkastration“ der Geburt, d. h. der Trennung des Kindes von der Mutter.” Nur erscheint es nicht gerade zweckmäßig, dort schon von „Kastration“ zu sprechen, wo es sich noch nicht um eine deutlichere Beziehung der Angst aufs Genitale handelt, als sie durch die Tatsache der Geburt aus dem (weiblichen) Genitale gegeben ist.? Eine starke heuristische Stütze findet diese Auffassung darin, daß sie uns zwanglos das Rätsel der Ubiquität des „Kastrationskomplexes“ löst, indem sie ihn Re BE SP ee I Te ı) A.Stärcke: Psychoanalyse und Psychiatrie (Beiheft IV), 1921.
2) In Endträumen der analytischen Kur fand ich den Phallus öfters als „Symbol“ der Nabelschnur verwendet.
3) Siehe auch Freud: Die infantile Genitalorganisation. Zschr. IX/2, 1923- (Erst nach Abschluß dieser Arbeit zitiert.)
Die infantile Angst 23 auf die unbestreitbare Allgemeinheit des Geburtsaktes zurückführen kann; ein Gesichtspunkt, der sich für das volle Verständnis und die reale Fundierung auch der anderen „Urphantasien“ von der größten Bedeutung erweisen wird. Auch glauben wir nun besser zu verstehen, warum die „Kastrationsdrohung“ regelmäßig’eine so kolossale und nach- haltige Wirkung auf das Kind ausübt, — übrigens auch, warum die kindliche Angst und das daraus stammende, vom Geburtsakt „mitge- brachte“ Schuldgefühl durch keinerlei Erziehungsmaßnahmen zu ver- meiden oder durch die üblichen analytischen Aufklärungen zu beheben ist.“ Die Drohung trifft nicht nur auf das dunkel erinnerte Urtrauma, bzw. die dasselbe repräsentierende unerledigte Angst, sondern bereits - auf ein zweites voll bewußt erlebtes und der Nachdrängung verfallenes Unlusttrauma, die Entwöhnung, dessen Intensität und Nachhaltig- keit lange nicht der des ersten gleichkommt, ja ein gut Teil seiner „traumatischen“ Wirkung dem voraufgegangenen verdankt. Erst an dritter Stelle tritt dann das in der Individualgeschichte regelmäßig phantasierte, höchstens als Drohung erlebte Genitaltrauma° der Kastration, das aber gerade wegen seiner Unrealität besonders prädis- poniert scheint, den größten Teil des natalen Angstaffektes als Schuld- gefühl zu übernehmen, das sich tatsächlich, ganz im Sinne des biblischen Sündenfalls, an die Trennung der Geschlechter, die Verschiedenheit ı)Siehe dazu Melanie Klein: Eine Kinderentwicklung, Imago, Bd. VII, 1921.
2) Die typische Zweiheit, welche als Abwehr- und Trostsymbol der Kastration den Verlust des einen unersetzlichen Gliedes (oft durch eine Viel- heit) kompensieren soll, scheint ursprünglich dem Entwöhnungstrauma zuzuge- hören und auf die Möglichkeit der Ernährung an beiden Brüsten zurück- zugehen, wobei tatsächlich die eine Brust den „Verlust“ der anderen ersetzt. Auch die „symbolische“ Verwendung der Testikel erweist sich nicht selten als Mittelsvorstellung zwischen den Brüsten und dem Penis, wie das Kuheuter (vgl. dazu Stekels symbolische Gleichung der „paarigen Organe“).
In einer andern Schichte scheint die Zweiheit der Kastrationsabwehr der infantilen Ironie gegenüber dieser Lüge der Erwachsenen zu dienen (siehe dazu das Folgende im Text).
24 Das Trauma der Geburt der Sexualorgane und -funktionen geknüpft erweist; das tiefste Unbe- wußte, das immer geschlechtlich indifferent (bisexuell) bleibt, weiß da- von nichts und kennt nur die primäre Urangst des allgemein-mensch- lichen Geburtsaktes.
Im Vergleich mit den wirklich schmerzhaft erlebten realen Traumen der Geburt und Entwöhnung scheint sogar eine tatsächlich erfolgte Kastrationsdrohung die normale Abfuhr der Urangst als genitalesSchuld- bewußtsein insofern zu erleichtern, als ja das Kind den Unernst der Kastrationsdrohung ebensobald entdeckt hat wie alle anderen Unwahr- heiten der Erwachsenen. Dem Urtrauma gegenüber wirkt dann die bald als leere Drohung entlarvte Kastrationsphantasie vielmehr als ein Trost, daß ja doch die Trennung nicht erfolgen könne.” Von hier führt ein direkter Weg zu den infantilen Sexualtheorien (s. später S. 32f.), welche die „Kastration“ (das weibliche Genitale) nicht anerkennen wollen, offenbar um damit das Trauma der Geburt (Ur-Trennung) verleugnen zu können.
Wir bemerken hier übrigens, daß jede spielerische Verwendung der tragischen Urmotive, welche mit dem Bewußtsein der Irrealität einher- geht, lustauslösend wirkt, indem sie die Negierung des Geburtstraumas vortäuscht. Sodietypischen Kinderspiele, vom frühesten „Verstecken“ (Guck-Guck) über Schaukeln, Eisenbahn-, Puppen- und Doktorspielen,?
welche übrigens, wie Freud sehr frühzeitig erkannt hatte, dieselben Elemente wie die entsprechenden neurotischen Symptome, nur mit positivem Lustvorzeichen beinhalten. Das Versteckenspielen (auch „Zaubern“), das die Kinder unermüdlich wiederholen, stellt die Situation der BEE NE a SA a a Er ı) Den gleichen Trost-Mechanismen finden wir beidenalsO pferhandlungen erkannten Fehlleistungen des Verlierens wieder: Man trennt sich von einem wertvollen Teil seines Ich anstatt selbst ganz „getrennt“ zu werden („Der Ring des Polykrates“, der ins Meer geworfen wird, aber im Fischbauch wieder zur Welt kommt.)
2) Die beiden letzten mit direktem Bezug auf das Kinderkriegen (Puppe=Fö- tus in Träumen).
Baia U) Ed Fa a nn LE & 0 am CL Sl ae a nn i + a er en - se A See dd aa Zu "Die infantile Angst 25 Trennung (und des Wiederfindens) als nicht ernst dar; die rhythmischen Bewegungsspiele (Schaukeln, Hopp-hoppreiten) wiederholen einfach den embryonal empfundenen Rhythmus, der dann im neurotischen Sym- ptom des Schwindels die zweite Seite seines Januskopfes zeigt. Bald wird dann alles Spiel des Kindes irgendwie dem wesentlichen Gesichtspunkt der Irrealität untergeordnet und die Psychoanalyse hat ja zeigen können, wie daraus die höheren und höchsten lustspendenden Irrealitäten, die Phantasie und die Kunst hervorgehen." Selbst noch in den höchsten Formen dieser Scheinrealität, wie sie beispielsweise die griechische Tra- gödie repräsentiert, sind wir imstande, Angst und Schrecken zu ge- nießen, indem wir diese Uraffekte im Sinne von Aristoteles’ Katharsis abreagieren, ähnlich wie das Kind die angstvolle Situation der Trennung als freiwilliges Verstecken,”? das beliebig leicht und oft rückgängig zu machen und zu wiederholen ist.
Die aus dem Geburtstrauma stammende ständige Angstbereit- schaft des Kindes, die sich gerne auf alles mögliche verschiebt, äußert sich noch in ganz direkter, sozusagen biologischer Weise in dem auch kulturgeschichtlich bedeutsamen, charakteristischen Verhältnis des Kindes zum Tode. Was uns dabei zunächst überrascht hat, war nicht die Tatsache, daß das Kind die Todesvorstellung gar nicht kennt, son- dern daß es auch hier, ähnlich wie auf dem Gebiete der Sexualität, lange Zeit nicht imstande ist, entsprechende Erfahrungen und selbst Aufklärungen in ihrer wirklichen Bedeutung zu akzeptieren. Es ist eines der größten Verdienste Freuds, unsere Aufmerksamkeit auf diese ne- gative Todesvorstellung des Kindes gelenkt zu haben, die sich darin äußert, daß es beispielsweise verstorbene Personen wie zeitweise ab- wesende behandelt. Bekannt ist auch, daß das Unbewußte diesen Standı) Freud: Der Dichter und das Phantasieren, 1908.
2) Auch im Märchen, z.B. von den sieben Geißlein, hat das Verstecken die Geburts-Rettungs-Bedeutung, d.h.der Rückkehr in den Mutterleib bei äußerer Gefahr.
26...Das Trauma der Geburt punkt niemals aufgibt, wofür nicht nur der unausrottbare, in immer neuen Formen auflebende Unsterblichkeitsglaube Zeugnis ablegt, son- dern auch die Tatsache, daß wir von Verstorbenen wie von Lebenden träumen. Es wäre nun wieder gänzlich verfehlt, im Sinne unserer in- tellektualistischen Einstellung zu glauben, das Kind könne die Todes- vorstellung wegen ihrer Peinlichkeit und ihres Unlustcharakters nicht akzeptieren; dies ist schon deswegen nicht der Fall, weil es sie a priori ablehnt, ohne noch die Vorstellung ihres Inhalts vollzogen zu haben. Überhaupt kennt das Kind keine abstrakte Todesvorstellung, es reagiert nur auf den erlebten Todesfall oder den geschilderten (erklärten) in- bezug auf die ihm nahestehenden Personen. Totsein ist für das Kind gleichbedeutend mit Fortsein (Freud), d.h. getrennt sein, was un- mittelbar an das Urtrauma rührt. Das Kind akzeptiert also die bewußte Todesvorstellung, indem es sie unbewußt mit der Urtrennung identi- fiziert. Darum kann es den Erwachsenen roh erscheinen, wenn das Kind einen unerwünschten Konkurrenten, etwa ein neues Geschwisterchen, dessen Störung ihm unangenehm ist, tot wünscht, was so viel heißt, wie wenn wir selbst jemandem sagen, er möge zum Teufel gehen, d.h. uns allein lassen. Nur verrät das Kind ein weit besseres Wissen um den ursprünglichen Sinn dieser „Redensarten“ als die Erwachsenen, wenn es beispielsweise dem störenden Geschwisterchen rät, wieder dorthin zu gehen, woher es gekommen sei. Dies meint das Kind ganz ernsthaft und ist dazu auch imstande, wieder auf Grund jener dunkeln Erinne- rung an den Ort, woher die Kinder kommen. Der Todesgedanke ist somit von Anfang an mit einem starken unbewußten Lustaffekt, dem der Rückkehr in den Mutterleib, besetzt, der sich durch die ganze Geschichte der Menschheit, von den primitiven Bestattungssitten bis zur Wiederkehr im spiritistischen Astralleib unvermindert er- halten hat. | Aber nicht bloB die Todesvorstellung des Menschen hat diesen libidinösen Hintergrund, sondern auch gegen die bewußterweise als Die infantile Angst 27