erweisen, die das aktiv-libidinöse Eindringen in die Mutter ermög- lichen sollte.“ Das männliche Vorbild dazu finden wir in dem für die meisten Männerbesonderslustvollen („sadistischen“) AktderDefloration, dem schmerzlichen und blutigen Eindringen in das weibliche Genitale, in dem noch niemand drin war.”
Im ersten Stadium der Kindheit verhalten sich also beide Geschlechter in bezug auf das Urobjekt der Libido, die Mutter, ganz gleich. Der Kon- flikt, den wir dann in den Neurosen in so großartiger Entfaltung sehen, setzt erst mit der Kenntnis des Geschlechtsunterschiedes ein, welche ebenfalls für beide Geschlechter das für die spätere Neurosenbildung entscheidende Trauma darstellt. Für den Knaben, weil er das weibliche Genitale kennen lernt, dem er entstammt, und in das er später ein- dringen soll, für das Mädchen, weil es das männliche Genitale kennen lernt, das nicht nur ein Eindringen in das Liebesobjekt unmöglich zu machen scheint, sondern später selbst einzudringen bestimmt ist. Ge- lingt es auch dieses Trauma durch glückliche Anpassung an die Oedipus- situation zu überwinden, dann kommt es im späteren Liebesleben durch den Geschlechtsakt zu einer teilweisen Befriedigung des Urwunsches, ı) Vgl. zu dieser typischen Form der weiblichen Objektwahl meine bereits zitierte Arbeit über die Libidovorgänge bei der Heilung (l. c.).
2) Vgl. auch die späteren Hinweise auf mythologisches Material ($. 106).
Es scheint übrigens, daß auch diese unbewußten Strebungen, wie so vieles andere, in der Folkloristik als unverstandene Tatsachen existieren. So die be- kannte Mikaoperation der Australier, die meist nach der Beschneidung (Circum- cision) ausgeführt wird (zwischen ı2 und ı4. Jahren) und eine künstliche Hypo- spadie des Penis erzeugt, der damit im erigierten Zustande flach und lappen- förmig wird. Beim Weibe — deren Labien und Klitoris übrigens vielfach beschnitten werden, um den Kindern nicht zu schaden (offenbar bei der Ge- burt) — wird dann zur Ermöglichung des Koitus der Hymen gewaltsam durch- trennt und der Scheideneingang durch einen Schnitt gegen den After hin er- weitert. Trotzdem muß der Mann seinen Penis noch mit besondererSchwierigkeit einführen, offenbar aus Angst gänzlich hängen zu bleiben oder hineinzufallen. (Siehe Näheres über die Operationen in Reitzensteins bereits zitiertem Artikel im „Handwörterbuch der Sexualwissenschaft“, $. 5 ff.)
42 Das Trauma der Geburt jedenfalls zur weitestgehenden, die überhaupt möglich ist. Das Scheitern an diesem Trauma jedoch ist das für die spätere Neurose Entscheidende, in der ja Oedipus- und Kastrationskomplex eine so überragende Rolle spielen und die Sexualablehnung bei beiden Geschlechtern im Vorder- grunde steht. Beide werden dann in der Neurose auf die Stufe des ersten Genitalkonfliktes zurückgeworfen und flüchten von da weiter zurück in die ursprüngliche Libidosituation, die wieder für beide Geschlechter in der Rückkehr zur Mutter besteht.
Der Mann kann dabei von Anfang an beim selben Objekt bleiben, das für ihn Mutter, Geliebte und Weib darstellt, wobei der Vater bald ‘zum Repräsentanten der an die Mutter (das mütterliche Genitale) ge- knüpften Angst wird. Bei der Frau ist dagegen ein Stück entscheidende Übertragung der ursprünglich mütterlichen Libido auf den Vater not- wendig, der mit dem von Freud bereits gewürdigten Passivitäts-Schub parallel geht. Handelt es sich doch für das Mädchen darum, auf die aktive Rückkehr zur Mutter, dasals „männliches“ Vorrecht erkannte oder geahnte Eindringen zu verzichten und den Wunsch nach Wiedererlan- gung des seligen Urzustandes auf dem Wege der passiven Reproduktion, d.h. der Schwangerschaft und Geburt des Kindes im höchsten Mutter- glück zu befriedigen. Das Scheitern dieses psychobiologischen Umwand- lungsprozesses sehen wir in den weiblichen Neurotikern, die ausnahms- los das männliche Genitale ablehnen, indem sie es im Sinne des soge- nannten „Männlichkeitskomplexes“ nur als Instrument zum eigenen Eindringen in das Liebesobjekt gelten lassen wollen. Beide Geschlechter werden also neurotisch, wenn sie die Urlibido der Rückkehr zur Mutter, welche das Trauma der Geburt gutmachen soll, nicht auf dem ihnen vorgezeichneten Wege der Sexualbefriedigung, sondern in der ursprüng- lichen Form der Infantilbefriedigung stillen wollen, wobei sie natürlich wieder auf die Angstgrenze des Geburtstraumas stoßen müssen, die eben auf dem Wege der Sexualbefriedigung am besten vermieden wird.
So erweist sich die Geschlechtsliebe, die in der sexuellen Vereinigung Die sexuelle Befriedigung 43 gipfelt, als der großartigste Versuch einer partiellen Wiederherstellung der Ursituation zwischen Mutter und Kind, die erst im neuen Frucht- keim wieder volle Erfüllung findet. Und wenn Plato das Wesen der Liebe, in Übereinstimmung mit orientalischen Überlieferungen, aus der Sehnsucht zweier ehemals vereinigt gewesener und dann getrennter Teile erklärt, so ist dies die schönste poetische Umschreibung" für den großartigsten biologischen Versuch der Überwindung des Geburtstrau- mas durch die wahrhaft „platonische Liebe“, die des Kindes zur Mutter.
Auf Grund dieser Auffassung wird uns auch die Entwicklung des Geschlechtstriebes etwas verständlicher, derim Gegensatzzur Libidodoch zur „Fortpflanzung“ als dem einzigen Mittel der Endbefriedigung ver- urteilt ist. Die erste deutliche Äußerung des Geschlechtstriebes ist im Oedipuskomplex gegeben, dessen Zusammenhang mit dem Wunsch nach Rückkehr in den Mutterleib von Jung im Sinne der anagogischen „Wiedergeburtsphantasie“ gedeutet worden war, während Ferenczi (l..c.) ihm wieder seinen Platz als biologische Grundlage desselben ange- wiesen hat. Tatsächlich steht ja auch im Hintergrund der Oedipussage die dunkle Schicksalsfrage nach der Herkunft des Menschen, die Oedi- pus nicht erkenntnismäßig, sondern durch faktische Rückkehr in den Mutterleib lösen will.” In symbolischer Form erfolgt dies auch restlos, denn seine Blendung stellt im tiefsten Grunde die Rückkehr in das Dunkel des mütterlichen Leibesinnern dar und seine schließliche Ent- rückung durch eine Felsspalte in die Unterwelt drückt die gleiche Wunschtendenz nochmals an der Mutter Erde aus.
Wir gelangen damit zum Verständnis des psycho-biologischen Sinnes, der sich in der normalen Entwicklungsstufe des Oedipuskomplexes Frau sind ein Fleisch“ usw. (Erant duo in carne una).
2) Die kürzlich von Abraham aufgezeigte vaginale Symbolik des Hohlwegs (bzw. Dreiwegs) in der Oedipussage rekurriert auf die bekannte intrauterine Phantasie, in die der Vater (bzw. dessen Penis) störend eintritt (siehe Imago IX, 44 Das Trauma der Geburt manifestiert. Vom Standpunkt des Geburtstraumas haben wir im Oedi- puskomplex den ersten vollwertigen Versuch zu erblicken, die Angst vor dem (mütterlichen) Genitale durch seine lustvolle Besetzung als Libidoobjekt zu überwinden. Das heißt mit anderen Worten, die ur- sprüngliche —d.h. intrauterine— Lustmöglichkeit auf den Genitalaus- gang, der angstbesetzt ist, zu übertragen, also eine alte durch Verdrän- gung verschüttete Lustquelle wieder zu eröffnen. Dieser erste Versuch ist von vornherein zum Scheitern verurteilt: Nicht nur weil er mit un- vollkommen ausgebildetem Sexualapparat unternommen wird, sondern hauptsächlich, weil er sich am Urobjekt selbst abspielt, an dem noch die ganze Angst und Verdrängung des Urtraumas unmittelbar hängt. Dies erklärt aber auch, warum dieser — man wäre versucht zu sagen — totgeborene Versuch überhaupt unternommen werden muß. Offenbar ist es die Voraussetzung für das Gelingen der späteren normalen Übertragung in der Liebeswahl, daß das Kind die Trennung vom Urobjekt auch auf der ersten Stufe der Geschlechtsentwicklung, als Sexual- trauma wiederholt. Damit ist aber auch der Oedipuskomplex, als die dritte große Wiederholung des Urtraumas der Trennung, dazu verur- teilt, von der Urverdrängung des Geburtstraumas in den Orkus hinab- gezogen zu werden, allerdings nur, um bei jeder neuen Libidoversagung mit den typischen Rückfallssymptomen zu reagieren.
Von hier aus glauben wir auch den von Freud erkannten und in den Analysen wiederholten zweizeitigen Ansatz in der menschlichen Sexualentwicklung aus der Individualgeschichte zu verstehen, indem wir in ihm den Nachklang der durch das Trauma der Geburt so tief geschiedenen Zustände des lustvollen Intrauterinlebens und der extrau- terinen Anpassungsaufgaben 'erblicken. Es folgt dann auf das Se- xualtrauma der geschlechtlichen Lösung von der Mutter die „Latenz- periode“, mit ihrem zeitweiligen Verzicht auf die direkte Regressions- tendenz zugunsten der Anpassung, bis dann wieder mit der Pubertät das Primat der Genitalzone erreicht wird, das wir im Sinne unserer Die sexuelle Befriedigung 45 Ausführungen als Wiedergewinnen der einst als Urprimat erlebten Schätzung des (mütterlichen) Genitales auffassen müssen. Denn das Genitalprimat, welches den endgültigen Ersatz des ganzen Körpers als Objekt für die Mutter durch das (männliche) Genitale bedeutet, kann nur zugelassen werden, wenn es gelungen ist, die ursprünglich ans Genitale geknüpfte größte Unlusterfahrung in die möglichste Annähe- rung an jene Urlust zurückzuverwandeln, deren man beim ersten Auf- enthalt in der Mutter teilhaftig war. Die Möglichkeit dazu wird ge- schaffen unter den bekannten Zeichen schwerster Erschütterung, die wir als Pubertät zusammenfassen und gipfelt im Liebesakt mit seinen hundertfachen Vorstadien, Annäherungen und Variationen, die alle auf einen möglichst innigen Kontakt, eine Einverleibung (Fressen vor Liebe) hinauslaufen (l’animale & deux dos). Nicht ohne Grund hat man daher den Zustand der Verliebtheit, der bis zur Identifizie- rung der ganzen Außenwelt mit dem Objekt gehen kann (Wagners „Tristan und Isolde“), als eine neurotische Introversion und den Koitus mit seinem momentanen Bewußtseinsverlust als kleinen hysterischen Anfall bezeichnet.
Die neurotische Reproduktion Nachdem wir die kindliche Libidoentwicklung bis zum Sexual- trauma des Ödipuskomplexes, als dem für die Neurosenbildung ent- scheidenden Durchgangspunkt, verfolgt haben, können wir zu der Frage zurückkehren, inwiefern das einzelne neurotische Symptom selbst, wie es im analytischen Heilungsprozeß verständlich wird, dem Geburtstrauma entspricht. Nun scheint die Formel dafür recht einfach zu sein: Als Kern jeder neurotischen Störung hat die Analyse bekanntlich die Angst er- wiesen und da wir die Herkunft der Urangst aus dem Geburtstrauma durch Freud kennen, müßte sich eigentlich die Beziehungdaraufüberall leicht nachweisen lassen, ganz ähnlich wie in den Affektreaktionen des Kindes. Es handelt sich aber nicht etwa bloß um die Auffassung, daß der Angstaffekt, der sich dann in verschiedener Form an bestimmte Inhalte heftet, aus jener Urquelle stammt, sondern es läßt sich analytisch am einzelnen Symptom und der ganzen Neurosenbildung mit aller Sicher- heit zeigen, daß es sich dabei wirklich um reproduzierte Reminiszenzen an die Geburt bzw. ihr lustvolles Vorstadium handelt. Wenn wir damit letzten Endes wieder auf die ursprüngliche „traumatische“ Theorie der Neurose zurückgreifen, wie sie in den klassischen „Studien über Hysterie“ vor mehr als einem Vierteljahrhundert formuliert wurde, so denke ich, daß weder wir noch diese Theorie sich dessen zu schämen brauchen. Man darf wohl sagen, daß in all diesen arbeits- und erfolgreichen Jahren der analytischen Forschung keinen von uns — selbst bei weitestgehender Würdigung aller.andern Faktoren — je die Gewißheit Die neurotische Reproduktion 47 verlassen hat, daß an dem „Trauma“ doch mehr dran sei als wir uns einzugestehen getrauten. Allerdings müssen wir zugeben, daß auch der Zweifel an der Wirksamkeit jener scheinbaren Traumen berechtigt war, die Freud bald als bloße Wiederholungen von „Urphantasien“ erkannt hatte, deren psychobiologisches Substrat wir nun glauben im allgemein-menschlichen Trauma der Geburt mit allen seinen Folgen gefunden zu haben.
In statu nascendi können wir dieses Neurotischwerden, sozusagen als Kurzschluß, in der echten traumatischen Neurose verfolgen, wie sie besonders im Kriege zu beobachten war („Kriegsneurose“). Dort wird durch den Schock die Urangst selbst unmittelbar mobilisiert, da die äußere Todesgefahr die sonst unbewußterweise reproduzierte Ge- burtssituation affektiv realisiert.‘ Daß dann von hier aus die ver- schiedensten neurotischen Symptome entstehen können, die wir in anderen Fällen ohne Einwirkung des Schocks entstehen sehen, be- weist eben die fundamentale Bedeutung des Geburtstraumas als Aus- drucksmiittel jeder neurotischen Angst. Nur steht die traumatische Neu- rose, mit diesem Zusammentreffen von Form und Inhalt, am Anfang einer pathogenen Reihe, an deren Ende die ausgesprochenen Psycho- neurosen stehen, deren Inhalt das Sexualtrauma ausmacht, während sie sich als Abwehr und Abfuhrmittel desselben universalen Regressionsaus- drucks bedienen, sobald das Individuum irgendwie an der Realität scheitert. Der Neurotiker scheitert nun ganz allgemein gesprochen, wie ja die Analyse nachweisen konnte, an der Sexualität, was in diesem Zu- sammenhange so viel heißt, daß er sich nicht mit der partiellen Be- friedigung der Rückkehr zur Mutter, wie sie der Sexualakt und das Kind gewähren, begnügt, sondern stark „infantil“ geblieben, selbst noch ganz in die Mutter zurückverlangt. Er ist so letzten Endes unfähig, ı) Die Träume der traumatischen Neurosen „wiederholen“ in typischer Weise das Geburtstrauma in der Einkleidung des aktuellen traumatischen Erlebnisses, aber meist mit dem einen oder anderen verräterischen Geburtsdetail.
PER Das Trauma der Geburt das Trauma der Geburt auf dem normalen Wege der Angstverhütung durch Sexualbefriedigung zu erledigen und wird auf die Urform der Libidobefriedigung zurückgeworfen, die ja unerfüllbar bleibt und gegen die sich sein erwachsenes Ich mit Angstentwicklung sträubt.
Bereits an verschiedenen Stellen der bisherigen Ausführungen über die kindliche Libidoentwicklung wurde andeutungsweise auf die ent- sprechenden Erscheinungen in der Neurose hingewiesen; namentlich bei allen Zuständen, in denen die Angst manifest wird, ebenso bei den unmittelbaren Störungen der Sexualfunktion („Aktualneurosen“). Halten wir uns zum besseren Verständnis der neurotischen Angst- zustände noch einmal den einfachsten Fall der kindlichen Angstent- bindung vor Augen, der vorbildlich für jede neurotische Angstentbin- dung bleibt: die Angst des Kindes im dunkeln Raum. Diese Situa- tion — man kann es kaum anders ausdrücken, obwohl es nicht ganz so ist — „erinnert“ das Unbewußte des Kindes an den Aufenthalt im dunkeln Mutterleib, der zwar seinerzeit äußerst lustvoll empfunden wurde — was auch die Tendenz zu seiner Wiederherstellung erklärt —, aber durch die angstauslösende Trennung von der Mutter beendet wurde, die das alleingelassene Kind nun vermißt. In der Angst vor dem Alleinsein wird also offenbar der Angstaffekt der ersten Trennung vom Libidoobjekt er-innert, und zwar durch reales Wiedererleben, durch Reproduktion und Abfuhr. Dieser Zwang zur Reproduktion des starken Unlustaffektes, dessen Mechanismus uns später noch beschäftigen wird, ist jedenfalls ganz ausgezeichnet geeignet, die Echtheit und Realität dieser „Erinnerung“ zu illustrieren. Dem gleichen Vorgang entsprechen alle Formen neurotischer Angstentwicklung, einschließ- lich der Phobien, auf dem Wege der durch die Analyse aufgedeckten Mechanismen. Ebenso die sogenannte Aktualform der Angstneurose, die aber bereits — wie auch die Neurasthenie — zu den direkten Störungen der Sexualfunktion hinüberleitet, indem der sie auslösende Koitus interruptus der Angst vor dem mütterlichen Genitale entspricht Sarihä ra a ealnlshn de Il. nun 10 EA ad Bu dc a Fan a a Die neurotische Reproduktion 49 (gefährliche vagina dentata). Auf der gleichen mütterlichen Ur- fixierung und der geschilderten infantilen Entwicklung beruhen alle Formen von männlicher Impotenz — der Penis schreckt überhaupt vor dem Eindringen zurück — und weiblicher Anästhesie (Vaginismus): hier versagt, nach dem von Freud beschriebenen hysterischen Mecha- nismus, die eine Funktion des Organs zugunsten einer anderen unbe- wußten: Lustfunktion — Gebärfunktion, worin der Gegensatz zwischen Art (Propagation) und Individuum (Lust) steckt. * Weisen diese ausgesprochenen Angstsymptome darauf hin, daß der Neurotiker ein Mensch ist, der das Trauma der Geburt nur in höchst unzureichendem Maße überwunden hat, so zeigen die körperlichen Sym- ptome der Hysterie, nicht nur ihrer manifesten Form, sondern auch dem tiefsten unbewußten Inhalt nach vielfach ganz direkte physische Reproduktionen des Geburtsaktes mit der ausgesprochenen Tendenz der Verleugnung, d. h. der Rückkehr in die vorherige Lustsituation des Intrauterinlebens. Hierher gehören vor allem die Erscheinungen der hysterischen Lähmung, von denen ja z. B. die Gehhemmung nichts anderes alsdie körperlich dargestellte Platzangst ist” und die Unbeweglich- keit der lustvollen Ursituation zugleich mit dem Schreck der Befreiung daraus zur Darstellung bringt. Die typischen, durch Anziehung der Ex- tremitäten an den Körper charakterisierten Lähmungserscheinungen, ebenso die Coordinationsstörungen wie man sie z. B. bei Chorea minor findet, nähern sich der Intrauterinstellung noch getreuer an.?
ı) Siehe die entsprechenden Ausführungen in meiner Arbeit: Perversion und Neurose.
2) Vgl. Federns Arbeit (Jahrb. VI, 1914) „Über zwei typische Traumsen- sationen“, der Hemmung und des Fliegens, sowie ihrer Beziehung zu den neu- rotischen Symptomen der Lähmung, bzw. des Schwindels. All diese Sensationen erweisen sich als eindeutige Reproduktionen entsprechender Geburtssensationen (siehe das im Abschnitt „Symbolische Anpassung“ über den Traum Gesagte, $. 76).
3) Man sieht wiediese Auffassung an M eynert anknüpft, derdie Bewegungen der chorea minor bereits auf die Säuglingsbewegungen zurückführte.
4 Rank a EEEERREENRNEENEE so Das Trauma der Geburt Bei Begründung dieser hysterischen Symptome als Reproduktionen von Intrauterinstellung, bezw. Geburtsakt erscheint auch das Problem der Konversion in einem neuen Lichte. Nicht die „Konversion“ der psychischen Erregung ins Körperliche ist zu erklären, sondern der Weg, auf dem das ursprünglich nur körperliche Ausdrucksmittel auch psychische Ausdrucksmöglichkeiten erlangen konnte. Dieser Weg scheint aber der Mechanismus zu sein, auf dem die Angst entsteht, die sozusagen der erste psychische Inhalt ist, dessen sich der Mensch bewußt wird. Von der Angst führen dann mannigfaltige Wege zum weiteren psychischen Überbau, von denen wir den kulturgeschicht- lich wie pathologisch bedeutsamsten, unter dem Namen der Symbol- bildung bekannten, später noch weiter bis zur Sprachbildung verfolgen werden. Hier wollen wir nur kurz auf die Phantasiebildungen, diese psychischen Ausläufer der hysterischen Körpersymptome hinweisen, wie sie sich beispielsweise in den sogenannten hysterischen Traum- oder Dämmerzuständen (einschließlich der Absencen) äußern. Aus der trefflichen Schilderung von Abraham (Jahrb. II ı9ı0) ist leicht ersichtlich, daß es sich dabei um „psychische Konversionen“, d.h. um Reproduktionen der Ursituation auf psychischem Gebiete handelt, wobei das physische Zurückgehen in die Mutterleibssituation durch die bloße Introversion der Libido ersetzt, d. h. das Zurückziehen von der Außenwelt auf sich selbst durch die psychische Isolierung dargestellt wird, die wir dann in den Psychosen realisiert sehen, Bezeichnend ist übrigens, wie häufig diese Traumzustände mit einem Angstaffekt enden, der dem Zurückgehen in der Phantasie eine Grenze setzt, wie die Angst dem nächtlichen Traum. Wie nahe diese Zustände den mystischen Ek- stasen, der Versenkung in das eigene Innere stehen, ist ja bekannt, wenngleich seiner Herkunft nach unverstanden.'
1) Cavendish Moxon (Mystical ecstasy and hysterical dream states. The Jour- nalofabnormal Psychology,1920/21,p. 329) schildert die Beziehungen zur Extase, während eine tiefergehende Arbeit von Theodore Schroeder (Prenatal psychism Die neurotische Reproduktion SI Zu den direkten körperlichen Reproduktionen des Geburtstraumas gehören ferner alle neurotischen Atembeschwerden (Asthma), welche die Erstickungssituation wiederholen, der so vielseitiger Verwendung fähige neurotische Kopfschmerz (Migräne), der auf die besondere schmerzhafte Rolle des Kopfes beim Geburtsakt zurückgeht, und schließ- lich ganz direkt alle Krampfanfälle, wie man sie übrigens schon bei ganz kleinen Kindern, sogar Neugeborenen, als fortgesetzte Erledigung des primären Geburtstraumas beobachten kann. Der große hysterische Anfall endlich bedient sich des gleichen Mechanismus, nur zeigt er, auf der vollen Höhe der sexuellen Entwicklung stehend, auch die volle Abwehr in der bekannten Stellung des arc de cercle, welcher der ein- gekrümmten Embryonalstellung diametral entgegengesetzt ist."
Vom hysterischen Anfall aus, den die Psychoanalyse als Äquivalent und Abwehr der Koitusstellung erkannt hat, lassen sich einige Probleme des Neurosenmechanismus und der Neurosenwahl streifen. Die emi- nente Sexualablehnung, die sich im hysterischen Anfall so deutlich manifestiert, ist eine Folge der Mutterfixierung. Die Kranke verleugnet in der „Organsprache“ zugleich mit dem Sexualwunsch auch den, Wunsch der Rückkehr in den Mutterleib, welcher sie eben an der normalen sexuellen Einfühlung hindert. Diese pathologische Sexualisierung and mystical pantheism. Internat. Journal of Psychoanalysis, Vol. III, 1922) auf die pränatalen Momente hinweist.
ı) In dieser ganzen Auffassung liegt vielleicht ein Hinweis auf die tiefere Bedeutung der Hysterie als „Uterus“-Krankheit (siehe auch Eisler: Hysterische Erscheinungen am Uterus, Kongreßvortrag, Berlin, Sept. 1922).
Auch die typischen Menstrualbeschwerden lassen sich leicht in diesem Sinne verstehen, wie ja tatsächlich die Geburt nur eine Kollektiv-Menstruation dar- stellt. Die Menstruation, welche ja auch „periodisch“ die Mutterleibsexistenz fortsetzt, scheint beim Kulturmenschen in die allgemeine Verdrängung des Geburtstraumas einbezogen worden zu sein. Ursprünglich das Signal der höch- sten lustvollen Befruchtungsfähigkeit des Weibes, ist sie unter dem Einfluß der Verdrängung zum Sammelpunkt der verschiedensten neurotischen Beschwerden geworden.
4* Ye Mila + $2 Das Trauma der Geburt des Geburtsaktes ist das Zerrbild der zur Erreichung des normalen Sexualzieles notwendigen. Dagegen wird auch das ganze Quantum Sexuallust (Libido) aus der späteren Entwicklung sozusagen in die infantile Ursituation rückverlegt, was dem Anfall den von allen Beo- bachtern beschriebenen lüsternen Charakter verleiht. So könnte man den hysterischen Anfall, in die bewußte Sprache übersetzt, als den Schrei: Weg vom (mütterlichen) Genitale! formulieren, und zwar im sexuellen gleichwie im infantilen Sinne. Denselben Mechanismus zeigen aber auch all die anderen von der Analyse verständlich ge- machten hysterischen „Verschiebungen“, die zumeist nach der oberen Körperhälfte tendieren („Verlegung nach oben“), wobei es nicht be- deutungslos sein mag, daß gerade der Kopf zuerst das mütterliche Genitale verläßt, also der Körperteil ist, der das Geburtstrauma nicht bloß am intensivsten erlebt, sondern es auch zuerst passiert hat.
Aus einzelnen Analysen kann man den bestimmten Eindruck ge- winnen, daß die spätere „Wahl“ der Neurosenform in ganz entschei- dender Weise vom Akt der Geburt, den besonderen Angriffspunkten des Traumas’ und der Reaktion des Individuums darauf bestimmt wird. Ohne den Detailuntersuchungen hier vorgreifen zu wollen, möchte ich als allgemeinen Eindruck formulieren, daß die Verschie- bungen sowohl nach oben (z. B. Globus — Atemnot) als nach unten (z. B. Lähmungen — Krämpfe) jedenfalls einem Divergieren vom Geni- talmittelpunkt entsprechen, ein Gesichtspunkt, der sich für das Ver- ständnis des neurotischen Charaktertypus überhaupt und seiner ge- samten Reaktionsweise als hochbedeutsam erweist, da er die ganzen psycho-biologischen Reaktionen auf das Geburtstrauma umschließt. Das heißt die körperlichen Symptome versuchen zumeist mit Umgehung der Angstgrenze direkt in das pränatale Stadium zu regredieren, wobei sich die umgangene Angst jenachdem direkt oder in der oben ($. 21) ı) Man vgl. die typischen Körperfehler der neugeborenen Helden, $. 102.
Die neurotische Reproduktion 53 beschriebenen Abwehrform von Seiten des Ich als sexuelles Schuldgefühl manifestiert,was dann auch die sexuelle Bedeutung der Symptome erklärt (z. B. Steife, Röte: Erektion). Die psychischen Symptome versuchen vom gleichen Angstpunkt des mütterlichen Genital-Aus-Eingangs in der ent- gegengesetzten Richtung des psychophysischen Apparates sich dem gleichen Ziel zu nähern (Phantasiebildung, Introversion, Halluzination und die als Endstadien dieser Reihe aufzufassenden stupurösen und kata- tonen Dämmerzustände). Beide Wege führen zum Endeffekt der so- genannten „Sexualablehnung“, die letzten Endes auf die Ablehnung des mütterlichen Genitales zurückgeht: diekörperlichen Verschiebungs- und „Konversions“-Symptome, indem sie das Genitale durch weniger angst- besetzte Ersatzgenitalien vertreten lassen; die psychischen Symptome, indem sie zunächst überhaupt vom Körperlichen wegführen, abzulenken suchen und so zu den Sublimierungsprozessen und Reaktionsbildungen Anlaß geben, die wir dann in den hochentwickelten Leistungen von Kunst, Philosophie und Ethik in höchster Ausbildung sehen. All diese weitverzweigten psychischen Zusammenhänge erkannt und im einzelnen erforscht zu haben ist heute schon das unbestrittene Ver- dienst der Psychoanalyse. Dagegen fehlt es noch an einer entsprechend beweiskräftigen Begründung für den psychischen „Sinn“ der körper- lichen Symptome. Nun glauben wir, daß unsere Auffassung von der psychobiologischen Bedeutung des Geburtstraumas imstande ist, diese Lücke auszufüllen, indem sie auf einen Zustand rekurriert, der uns sozusagen zum erstenmal ein reales Substrat für die psychophysiologi- schen Zusammenhänge und Beziehungen: liefert. Die von Ferenczi' in seinen Hysteriestudien angebahnte und von Groddeck? für die organischen Krankheiten geltend gemachte Auffassung scheint mir erst durch die volle theoretische Würdigung des Geburtstraumas ihre wirkı) Hysterie und Pathoneurosen, 1919. 2) Psychische Bedingtheit und psychoanalytische Behandlung organischer Leiden. 1917. Und die jüngste Publikation: Das Buch vom Es. 1923.
54 Das Trauma der Geburt liche biologische Begründung zu erhalten. Von der Reproduktion des Geburts- und Intrauterin-Zustandes im Traume ist nur ein Schritt zu den entsprechenden Darstellungen in der Hysterie und von da wieder nur ein Schritt zu den gleichen rein organischen Krankheitssymptomen, die immer noch denselben „Sinn“ zu haben scheinen und den gleichen Tendenzen dienen. Die Übergänge dieser verschiedenen Erscheinungs- formen ineinander sind so fließend, daß manchmal eine differential- diagnostische Unterscheidung kaum möglich ist. Aus der Zurückfüh- rung dieser Erscheinungen auf einen Primärzustand, wo Psychophy- sisches noch vereint ist, wo es also diese Trennung noch nicht gibt (Groddeck), wird neben dem Mechanismus zugleich auch Inhalt und Form der neurotischen Körpersymptome verständlich. Dies gilt‘ dann für die als „psychisch“ anerkannten Fälle ebenso wie für die neurologisch oder organisch qualifizierten, Denn vom Standpunkt unserer Auffassung ist es ganz gleichgültig, ob etwa eine anatomische Schädigung im Gehirn oder ein toxischer Reizzustand oder endlich ein rein psychogenes Erlebnis das Ich nötigt, dem ewigen Drang des Un- bewußten nachzugeben und zum Urquell der Libidobefriedigung und des Schutzes zu regredieren. Die Gleichartigkeit der Symptome aus diesen verschiedenen Anlässen wird dann selbstverständlich, die ganze künstlich hineingetragene Problematik verschwindet, denn das Indi- viduum kann ja gar nichts anderes tun, als die Bahnen der psycho- physischen Entwicklung so weit zurückzulaufen, als es die individuelle Angstfixierung resp. Verdrängungsgrenze zuläßt. Ein Problem ent- stünde erst, wenn die Symptome nicht so gleichmäßig wären wie sie es tatsächlich sind und naturnotwendig sein müssen.
Ich muß mich hier damit begnügen, auf ein paar schlagende Bei- spiele zu verweisen und die weitere Verfolgung dieser vielversprechen- den Aufklärungen neurologisch und internistisch erfahrenen Beobach- . tern zu überlassen. So zeigen die Fälle von Narkolepsie, sowohl die genuinen wie die hysteroiden, den typischen Zustand des Embryonal* Die neurotische Reproduktion SS schlafes, wobei auch das Symptom der plötzlichen Willenslähmung, die kataplektischen Hemmungen, sich in sinnvollem biologischen Zu- sammenhang mit dieser Situation erweisen dürften (Gliederstellung!). Nicht unwesentlich scheint es, daß die plötzliche Schlafsucht die Patien- ten oft gerade in gefährlichen Situationen überfällt (beim Straßenüber- queren, Bahnfahrten usw.), was wieder an die Somnambulen erinnert, die es gleichfalls lieben, sich in solche Situationen zu begeben, die im Normalzustand Angst auslösen würden. Bei der organischen Parallel- erkrankung, der Encephalitis, weisen die bekannten Symptome des Tag- und Nachtwechsels, der Atemnot, der Tics, direkt auf das Geburts- trauma hin. Das praktisch Bedeutsame aus diesen Einsichten ergibt sich durch Anknüpfung an die bekannte klinische Erfahrung, wie leicht diese und ähnliche Zustände psychisch beeinflußbar sind." Es ist jedoch zweifellos, daß ebenso wie das gleiche Symptom von beiden Seiten her entstehen kann, es auch möglich sein muß, es von beiden Seiten her therapeutisch zu beeinflussen. Wenn in letzter Zeit davon die Rede war, daß beispielsweise Asthmaanfälle — auch solche psychi- scher Natur — durch laryngologische Eingriffe günstig beeinflußt wer- den konnten, so ist dies ebensowenig zu bezweifeln wie ähnliche neuere Erfahrungen über Behebung von nervösen Erscheinungen bei Kin- dern (Angstzustände, ängstliche Träume usw.) durch operative Frei- machung der Nasenluftwege.? Anderseits wird man bei Kenntnis der dabei wirkenden psychophysischen Mechanismen nicht überrascht sein