primitiven Vorläufer, das Baum-, Erd- und Hockergrab (Embryonalstellung), einzig der Mutterleibssituation nachgebildet sind, in die man nach dem Tod zurückzukehren wünscht, wie die primitiven Wohnungen der Lebenden, mögen es nun Erdhöhlen* oder hohle Bäume gewesen sein?, in instinktiver Erinnerung an den wärmenden, schützenden Mutterleib gewählt oder gemacht wurden, analog dem Nestbau des Vogels, der die schützende Eihülle ersetzt.- Was sich später im Laufe der fortschreitenden Urverdrängung, die eine allmähliche Entfernung vom Urtrauma in sublimierte Ersatzbildungen des Urzustandes bedingt, daraus entwickelt hat, bleibt doch immer ganz offenbar mit jener realen Ursituation aufs tiefste verknüpft, wie das moderne Kind uns mit seiner Angst im dunkeln Raume verrät. Mag es die primitive Laubhütte (Nest) sein, oder der erste „Altar“, der aus dem Herdfeuer (Mutter- wärme) hervorging, oder das Urbild des „Tempels“ (wie die indischen E Höhlentempel), der das Dach oder Haus zum Schutz dieses Feuers darstellte; oder die überdimensionalen orientalischen Tempelbauten, | die der himmlischen und kosmischen Projektion dieser menschlichen Stätten entsprechen (Babelturm), welche im griechischen Tempelbau mit seinen den primitiven Baumstamm ersetzenden und die menschlichen Beine repräsentierenden Säulen und seinen formenreichen ı) Amerikanisches Material zur Geburtshöhle bringt Roheim in einem Ar- tikel: Primitive Man and Environment (Internat. Journal of Psychoanalysis I, 1921, p. 170pp). Von den reichlich zitierten Quellen ist besonders W. Mathews erwähnenswert, der die Geburtssymbolik in den betreffenden Mythen erkannt hat (Myths of Gestation and Parturition. Americ. Anthropol. IV, 1902, p. 737)- 2) Emil Lorenz hat in einer Studie: Der politische Mythus, Beiträge zur Mythologie der Kultur (Imago VI, ı 920 und erweitert separat 1922), anknüpfend an Jungs mythologische und Ferenczis biologische Gesichtspunkte auf diese symbolische Bedeutung eindringlich hingewiesen und für das Verständnis der „Anpassung der Wirklichkeit an unsere Wünsche und Bedürfnisse unter dem bestimmenden Einfluß des Urtypus der durch die Mutter-Imago vermittelten ersten Auseinandersetzung des Ichganzen mit der Welt“ den Begriff des „psychi- schen Integrals“ vorgeschlagen ($. 57 der Separatausgabe).
Dr eY Die symbolische Anpassung 85 Kapitälen (Köpfen)die höchste künstlerische Idealisierung dieses mensch- lichen Usprungs erreichte, wie er im Hohen Lied. naiv versinnbildlicht erscheint; oder die gotischen Kirchenbauten des Mittelalters mit ihrer Rückkehr zu den aufstrebenden und doch drückenden dunkeln Ge- wölben; oder schließlich die amerikanischen Wolkenkratzer mit ihrer glatten Körperfassade und den Liftschächten im Innern: überall handelt es sich um eine über die bloße „Symbolbildung“ des Traumes, ja auch der Kunst hinausgehende Reproduktion, d. h. schöpferische Gestaltung, welche in angenäherter Form den Ersatz der Ursituation gestattet. Von diesem simpelsten Fall der „symbolischen“ Realpassung ergeben sich die weitesten Perspektiven für das Verständnis der gesamten mensch- lichen Kulturentwicklung: Die Kinderstube, die vom Beutel des Kän- guruhs und dem Nest, über die Windeln und die Wiege sich erweitert zu dem dem mütterlichen Körper instinktiv nachgebildeten Haus,’ ı) Das Bauopfer, das ursprünglich darin besteht, ein lebendes Kind in das Fundament eines neuen Hauses einzumauern, soll den Charakter des Gebäudes als Mutterleibsersatz sinnfällig machen.
Ernst Fuhrmann, der in seinen interessanten Arbeiten auf das menschlich- körperliche Urbild des Profan- und Sakralbaues hingewiesen hat, als dem schützenden Raum, in dem der Mensch sich zur Nachtzeit verkriecht (Haus) oder aus dem er die Neugeburt erwartet (Tempel), weist auch auf bemerkens- werte sprachliche Übereinstimmungen hin: „Das Haus entsprach also der Haut, es entsprach dem Wasser, in das die Sonne eingeht, und auch das ganze Wort- register für Dorf usw. zeigt, daß ein Untergangsbegriff damit verbunden war. Aus Haut wurde Hut, Hütte, Haus usw., aus Fell wurde Ville, Büll usw. Aus Schaf wurde Schuppen, auch russ. Schuba, der Pelz. Aus Wat, dem Wasser, wurden Bett, Beth, das hebr. Haus, Ved, der Wald im Schwedischen, das Holz usw...Wenn ein Mensch ins Bett ging, war er im Wasser angelangt. Seine Decken waren die Wellen, zwischen denen er lag, und sie wurden entsprechend aus einer Materie gemacht, die weich und fließend war. An den Pfosten des Bettes wurden häufig Schnitzereien angebracht, die auf die Ungeheuer der Unterwelt Bezug hatten, aber auch die Engel, die Geister, die den Körper wieder belebten, mußten dabei vorhanden sein...“ („Der Sinn im Gegen- stand“, München ı923; und „Der Grabbau“, München 1923, bes. S. 43 u. ff.)
86 Das Trauma der Geburt zur schützenden Stadt,‘ zur befestigten Burg?” und von da in An- knüpfung an die bereits früher erfolgte mythische Angliederung (Projektion bzw. Introjektion) der Natur (Erde, Kosmos) einerseits zu den sozialen Verschiebungs- und Ersatzbildungen begrifflicher Art wie Vaterland, Nation und Staat, die in der von Freud rekonstruierten Weise? an die Urhordengeschichte und den gemeinsamen Verzicht und Besitz der Urmutter in der späteren sozialen Gemeinschaft anknüpfen.
Wie Freud gezeigt hat, wird der Urvater von den Söhnen erschlagen, die in den Besitz der Mutter gelangen, d.h. wieder zur Mutter zurück wollen, was in der Urhorde das „starke Männchen“, der „Vater“, als äußerer Widerstand und Träger der „Angst“ (vor der Mutter) verhin- dert. Der Grund des Verzichtes ist aber, daß sie wohl — wie die primi- tiven orgiastischen Totenfeiern zeigen — alle die Mutter geschlechtlich besitzen (Promiskuität), nicht aber alle in sie zurückkehren können. Dies ist das psychisch-reale Motiv der „heroischen Lüge“, d.h. der Tatsache, daß im Mythus und Märchen immer nur ein Einzelner, und zwar der Jüngste, der keinen Nachfolger bei der Mutter hatte, die Urtat begehen kann.
Aus diesem psychologischen Motiv heraus erfolgt auch die für die Menschheitsentwicklung so folgenschwere männliche Staatenbildung, indem es auch sozial notwendig wird, daß wieder ein Einzelner in Iden- tifizierung mit dem Vater dessen Platz einnehme und so den Bann der Unzugänglichkeit der Mutter, der im sogenannten „Mutterrecht“ seinen soziologischen Ausdruck gefunden hatte, zu durchbrechen.* Die Auf- richtung der Vatermacht erfolgt also, indem die zur Ehrfurcht gemilderte Furcht vor der Mutter auf den neuen Usurpator der Vaterstelle, den Te ee I Er En En ER EEE ı) Zur Stadt als Muttersymbol vgl. meine Arbeit: Um Städte werben, 1911. Die sieben Hügel Roms entsprechen den Zitzen der säugenden Wölfin.
2) Von: Berg — verbergen: ursprünglich „Fluchtburg“ (Lorenz, S. 87).
4) Bachofen: Das Mutterrecht, 1861 (zweiter unveränderter Abdruck 1897): Die symbolische Anpassung 87 Häuptling, Führer, König übertragen wird. Den Schutz, den er aut Grund von „Rechten“ (Verträgen) gegen die Wiederholung des Ur- verbrechens, d. h. das neuerliche Erschlagenwerden genießt, den ver- dankt er der Tatsache, daß er an Stelle der Mutter tritt, und so aus der teilweisen Identifizierung mit der Mutter die ihr freiwillig zugestan- denen „Rechte“ mit übernimmt. In der sogenannten Herrschaft des Vaterrechts stammt also das „Recht“, d. h. der gegenseitige (vertrag- liche) Schutz, die soziale Schonung und Achtung des anderen, aus der natürlichen Phase der Mutterbindung, die einerseits auf dem Schutz durch die Mutter (Leib), anderseits auf der aus dem Geburtstrauma stammenden Angst vor ihr beruht. Die sonderbare Ambivalenz gegen den Herrscher erklärt sich daraus, daß er geliebt, geschützt und geschont wird, d.h. tabu ist, soweit er die Mutter repräsentiert, dagegen gehaßt, gequält und erschlagen wird als Repräsentant des Urfeindes bei der Mutter. Er selbst kehrt in all den Einschränkungen (Zeremoniell), die seine „Rechte“ oft vollständig aufzuheben scheinen, teilsweise in die lustvolle Ursituation zurück, an den Ort, wohin selbst der König ohne Begleitung und zu Fuß gehen muß.
Dies wird besonders im „Sonnenkultus“ klar, dessen Bedeutung sich keineswegs in der bewußten Identifizierung mit dem mächtigen Vater erschöpft, sondern seine tiefer liegende unbewußte Lustquelle in der ursprünglichen Geburtsvorstellung hat, welche die täglich auf- und niedergehende Sonne als das neugeborene und nächtlicherweile zur Mutter rückkehrende Kind auffaßt (Sonne-Sohn). Im Leben der peru- anischen Herrscher, dessen Zeremoniell der Sonnenidentifizierung ent- spricht, kommt dies deutlich zum Ausdruck: Der Inka „geht niemals zu Fuß, sondern wird stets in einer Sänfte getragen. Er nimmt die Nah- rung nicht selbst zu sich, sondern wird von seinen Frauen gefüttert. Er trägt ein Kleid nur einen Tag lang, dann legt er es ab und sechs Moı) Das Urtabu ist das mütterliche Genitale, das von Anfang an ambivalent besetzt ist (heilig-verrucht).
88 Das Trauma der Geburt nate.Jang werden diese abgelegten Kleider aufgehoben und dann an einem Tage verbrannt. Der Inka nimmt Nahrung nur einmal aus einem Gefäß, jedes Ding benutzt er nureinmal...Der Inka ist also an jedem Tage ein ganz neues Wesen, der Säugling der Frauen, der auch von ihnen genährt werden muß“.' Der Inka ist also durchaus „eintägig“, dauernd zn statu nascendi wie Fuhrmann mit Recht zusammenfassend bemerkt. Einem ähnlichen Geburtszeremoniell ist aber jeder Herrscher mehr oder minder unterworfen. Der Priester-König auf Neu-Guinea darf sich nicht bewegen und muß sogar sitzend schlafen (um so für einen gleichmäßigen Zustand der Atmosphäre zu sorgen). — Im alten Japan mußte der Mikado jeden Vormittag einige Stunden lang mit der Kaiser- krone auf dem Haupt auf dem Thron sitzen (noch heute die Vorstellung unserer Kinder vom „BRegieren“ —= Allmacht auf Erden ausüben); aber j steif wie eine Statue, ohne Hände, Füße, Kopf oder Augen zu bewegen,: da sonst-Unheil über das Land kommen würde (nach Kämpfer: Hi- story of Japan).”
Der König ist also ursprünglich nicht „Vater“, sondern Sohn, und zwar ein kleiner Sohn, infans, ein Unmündiger, „Seine Majestät das Kind“, das von Mutters Gnaden regiert.” Wir haben schon angedeutet, ı) Fuhrmann: Reich der Inka, Hagen 1922, $. 32 (Kulturen der Erde, Bd.).
2) Der König oder Gott sitzt aber nicht „wie eine Statue“, sondern die „Statue“ verewigt nur diesen seligen Ruhezustand der Unbeweglichkeit (siehe Abschnitt über die Kunst). — DieKrone,diese höchste aller Kopfbedeckungen, geht letzten Endes auf die embryonale „Glückshaube“ zurück, wie noch unser Hut, dessen Verlustim Traum die Bedeutung der Trennun g von einem Teil desIchs hat. — Das Szepter, dessen phallische Bedeutung keinem Zweifel unterliegt, stammt aus der primitivsten Phase der Mutterherrschaft (Frau mit dem Penis) und hat für den männlichen Herrscher ursprünglich nur den Sinn, ihn — der wie die ältesten Priester kastriert die Mutter war — durch diesen Ersatz wieder zum Mann zu machen (siehe die hölzerne Nachbildung, die Isis vom verlorenen gegangen Phallus des Osiris für sich machen läßt. — Dazu Rank: Die Matrone von Ephesus, 1913).
5) Vielleicht hängt Kaiser — caesar mit schneiden zusammen: der Heraus- geschnittene (siehe auch „Kaiserschnitt“?).
keit N RS, Die symbolische Anpassung 89 wie es zu dieser frühesten Vorstufe einer sozialen Organisation, diesem Staat „in Kinderschuhen“, gekommen sein mag. Die frühere Hoch- schätzung des Weibes (ihres Genitales), die noch in den alten Göt- tinnenkulten sichtbar ist und ihre Spuren im späteren „Mutterrecht“ hinterlassen hat, mußte durch die spätere soziale Vaterorganisation, wie sie Freud aus der primitiven Horde abgeleitet hat, abgelöst werden. Der gestrenge, aber rechtliche, nicht mehr gewalttätige Vater mußte wieder als „Inzestschranke“ gegen die Rückkehrtendenz zur Mutter aufge- richtet werden, womit er nur wieder seine ursprüngliche biologische Funktion aufnahm, die Söhne von der Mutter zu trennen. Die Angst vor der Mutter wird dann als Ehrfurcht auf den König und die hem- menden Ich(-Ideal)-Instanzen, die er repräsentiert (Recht, Staat) über- tragen. Die Söhne (Bürger, Untertanen) stellen sich zu ihm in der bekannten doppelseitigen Ödipuslibido ein und die systematische soziale Entwertung der Frau resultiert schließlich aus ihrer ursprünglichen Hochschätzung als Reaktion auf die infantile Abhängigkeit, die der Vater gewordene Sohn auf die Dauer nicht ertragen kann."
Daher strebt jede mächtige und erfolgreiche Eroberernatur letzten Endes nach dem Alleinbesitz der Mutter? (Vateridentifizierung) und jede Revolution, die den Sturz der männlichen Herrschaft anstrebt, ı) Eine äußerst instruktive Illustration zu dieser biologischen Wurzel des „Matriarchats“ bietet die von Leo Frobenius („Das unbekannte Afrika“, ‘München 1923, S. 23) veröffentlichte und S. 4ıff in diesem Sinne erläuterte Felszeichnung von Tiut in Algerien, die einen durch die Nabelschnur mit der (betenden) Mutter verbundenen Jäger zeigt.
2) Siehe L. Jekels: Der Wendepunkt im Leben Napoleons I., Imago III, 1914 und William Boven: Alexander der Große, ebenda VIII, 1922.
Man beachte übrigens das charakteristische Bekenntnis des jungen Napoleon, der am 26. Oktober ı798 schreibt: „Es gibt wohl kaum einen kleinmütigeren Menschen, als ich es bin, wenn ich einen militärischen Plan vorhabe...ich bin wie ein Mädchen, das seine Niederkunft erwartet. Habe ich aber meinen Entschluß gefaßt, dann ist alles vergessen bis auf das, was zum Erfolg beitragen kann“ (Napoleon-Brevier, hg. von Hans F. Helmolt, Görlitz 1923).
90 Das Trauma der Geburt tendiert zur Mutterrückkehr. Veranlaßt und ermöglicht wird aber diese blutige Auflehnung gegen die Vaterherrschaft letzten Endes von der Frau, und zwar ganz im Sinne der „heroischen Lüge“ des Mythus. Wie die fran- zösische Revolution zeigt, ist es weniger der Königals die ausschweifende Königin, — derman übrigenscharakteristischerweise den Inzest mitihrem Sohn nachsagte, — überhaupt die Maitressenwirtschaft und Weiberherr- schaft, welche die Wut der Menge reizt und auch die hervorragende Rolle der Frau in den revolutionären Bewegungen mitbestimmt.* Durch ihre sexuelle Macht (vgl. auch die serbische Königin Draga Maschin) wird sie für die Gemeinschaft gefährlich, deren soziales Gefüge auf der auf den Vater verschobenen Angst ruht. Der König wird erschlagen, nicht um aus dem Joch loszukommen, sondern um sich ein stärkeres, sicher vor der Mutter schützendes aufzuerlegen:? Le roi est mort, vive le roi.? Denn die Frau wirkt antisozial,* was ihren Ausschluß sowohl in pri- mitiven (Klubhäuser) wie in hochentwickelten Kulturen vom sozialen wie politischen Leben psychologisch begründet. Der Mann schätzt sie ı) Siehe dazu Beate Rank: Zur Rolle der Frau in der Entwicklung der menschlichen Gesellschaft. (Vortrag, Wiener PsA. Vereinigung, Mai 1923).
2) Bachofen ($.zı) leitet das parricidium des römischen Rechtes, das ur- sprünglich den Königs- oder Vatermord bedeutet, von pareo — gebären ab. „In dem Worte parricidium wird der Geburtsakt besonders hervorgehoben...Pari- cidium ist die an der gebärenden Urmutter in irgendeiner ihrer Geburten begangene Verletzung“. (Siehe auch A.J. Storfer: Zur Sonderstellung des Vater- mordes. Eine rechtsgeschichtliche und völkerpsychologische Studie, ıg11).
5) Siehe auch Paul Federn: „Die vaterlose Gesellschaft. Zur Psychologie der Revolution“, ı9ı9, der zum Schlusse kommt, daß die Menschheit eine vaterlose Gesellschaft auf die Dauer nicht vertragen kann.
4) Als Leutnant hatte Napoleon Buonaparte einen Dialog über die Liebe ver- faßt, in dem esheißt: „Ich halte die Liebe für schädlich der Gesellschaft, dem Glücke des Einzelnen; ich glaube, daß sie mehr Übles als Gutes verursacht, und hielte es für eine Wohltat, wenn die Gottheit die Welt davon befreien wollte!“ 5) In seiner wertvollen Arbeit über „Die Pubertätsriten der Wilden“ hat Th. Reik gezeigt, wie die eigentliche Mannwerdung durch eine symbolische Wiederholung der Geburt, durch Ablösung von der Mutter dargestellt wird, Die symbolische Anpassung 9I nur bewußterweise gering, im Unbewußten fürchtet er sie. Sie wird darum auch in der französischen Revolution als Göttin der Vernunft ent- sexualisiert und idealisiert, wie im alten Hellas die aus dem Haupte des Zeus geborene Athene. Die „Freiheit“ (la liberte) hat immer weiblichen Charakter gehabt und geht letzten Endes wieder nur auf die Befreiung aus dem mütterlichen Gefängnis zurück (die Erstürmung der Bastille).
Die Ausgestaltung der vaterrechtlichen Herrschaft zu den immer stärker vermännlichten Staatssystemen ist also eine Fortwirkung der Urverdrängung, ' welche darauf hinausgeht, die Frau — eben wegen der peinlichen Erinnerung an das Geburtstrauma — immer weiter aus- zuschalten, sogar um den Preis, die so unsichere Herkunft vom Vater (semper incertus) zur Grundlage des ganzen Rechtswesens zu machen (Namen, Erbfolge usw.).” Die gleiche Tendenz, den schmerzhaften er ı) Dies hat bereits Winterstein im Anschluß an Bachofen zum Verständ- nis der philosophischen Systembildungen verwertet (ImagoII, 1913, $. 194. u. 208).
2) Der ursprüngliche Schwur bei den Testikeln des Vaters (testes), auf dem noch unser Eid (Fingerstellung) beruht, ist im Sinne des Unbewußten immer ein Meineid, da dieses nur die Herkunft von der Mutter kennt, wie die volkstüm- lichen Schwüre und Flüche zur Genüge beweisen, die alle in eindeutig derber Weise auf den Mutterleib deuten.
Daß der Name des „Rechts“ von der Körperseite abgeleitet ist, die physiologisch durch das Geburtstrauma weniger betroffen und also kräftiger ist, zeigt, in welcher Weise diese biologischen Urtatsachen die Menschwerdung bestimmen. Dielinke Seite, die in den Geburtsträumen so häufig als die gefährdete erscheint und die be- reitstBachofen ausmythischer Überlieferungalsdie „mütterliche“erkannthatte, ist ja durch anatomische Besonderheiten des Menschen von Anfang an, und zwar ontogenetisch, zur Minderwertigkeit bestimmt (die normale Geburtsposition in Linkslage).So erweistsich die (ethische)Symbolik von rechts und links (= schlecht), auf die Stekel hingewiesen hat, im Geburtstrauma, ja im Intrauterinzustand verankert. Sieheauch die psychischen Besonderheiten der Linkshänder (Fließu.a. Autoren) sowie die Erklärung der hysterischen Hemianästhesie bei Ferenczi: Erklärungsversuch einiger hysterischer Stigmata („Hysterie und Pathoneu- rosen“, ıgıg.) Dazu in der jüdischen Mystik die Auffassung, daß das Linke (Weibliche) abstoße, das Rechte (Männliche) anziehe, sowie Ähnliches in der chinesischen Mystik (Langer: Die Erotik der Kabbala. Prag 1923, S. 125).
ER Das Trauma der Geburt Anteil der Frau an der eigenen Entstehung gänzlich auszuschalten, haben uns alle die Mythen bewahrt, in denen der Mann die erste Frau schafft, wie beispielsweise in der biblischen Schöpfungsgeschichte, also sozu- sagen das Ei vor der Henne dagewesen sein soll.
Auf die ständige Festigung der Vatermacht scheint nun auch eine Reihe von Erfindungen abzuzielen, ähnlich wie die bereits genannten Kulturschöpfungen auf die ständige Erweiterung des Schutzes durch die Mutter. Wir meinen die Erfindung derWerkzeuge und Waffen, die eigentlich alle dem männlichen Geschlechtsorgan direkt nachgebildet sind,welcheslange voraller Kultur, in der biologischen Entwicklung, dazu bestimmt ist, in die spröde weibliche Materie (Mutter) einzudringen.' Da dies in einem für das Unbewußte immer nur höchst unzureichenden Maße der Fall sein kann, wird der Versuch an den natürlichen Ersatz- stoffen (materia) immer wieder mit vollkommeneren Mitteln, eben den Werkzeugen, wiederholt, die bekanntlich als Vervollkommnung der anderen, natürlichen Werkzeuge (wie Hände, Füße, Gebiß) gelten. Diese Vervollkommnung erhält aber ihren unbewußten Antrieb von der Mutterlibido, d.h. der ewig unbefriedigbären Tendenz zum voll- ständigen Eindringen in die Mutter, wozu die auffällige Tatsache stimmt, daß der Penis selbst infolge der Urangst keinerlei ähnliche „Ver- längerung“ erfahren hat wie sie die Werkzeuge für die andern Glied- maßen darstellen,? auf die eben diese Tendenz verschoben erscheint, ebenso wie die Mutter durch die materia ersetzt ist. Bei dieser nur ungern vollzogenen Ersetzung (Erde),? welche die erste kulturelle Anpassungsleistung darstellt, scheint nun auch eine ganz entschiedene rein ı) Fritz Giese: Sexualvorbilder bei einfachen Erfindungen, Imago III, 1914.
2) Dagegen zur Lusterhöhung im Sexualakt selbst wie die (S. 41, Fußnote 2) angeführtenVeranstaltungen Primitiver zeigen, die wir psychologisch als „Präser- vativ“ vor der Angst des gänzlichen Verschlungenwerdens auffaßten.
3) Nach den (bisher noch unveröffentlichten) bioanalytischen Untersuchungen Ferenczis scheint die Erde selbst ein Ersatz der Urmutter aller Lebewesen, des Seewassers zu sein (Meer als Muttersymbol).
Die symbolische Anpassung 93 körperliche Abwendung vom Weibe als dem Urobjekt der Bewältigungs- libido stattgefunden zu haben. Es scheint, daß wir in der Aufrichtung - desMenschen vom Erdboden, die ja neuerdings mit der Werkzeugerfindung in Verbindung gebracht wird," den entscheidenden Schritt zur eigentlichen Mensch werdung, d. h. zur „kulturellen“ Überwindung des Geburtstraumas durch Abwendung vom weiblichen Genitale und Anpassung an die genitalisierte Außenwelt, zu erblicken haben, die letzten Endes wieder nur mütterliche Bedeutung hat.
Eng verwandt in der Genese mit den Werkzeugen sind die Waffen, ursprünglich vermutlich sogar identisch und wohl gleichzeitig zur Be- arbeitung von Material wie zur Jagd (Tötung) verwendet. Die Jagd selbst knüpft wieder unmittelbar an den Ersatz der mütterlichen Nah- rung an, und zwar um so direkter je weiter wir in der Ernährung durch die Mutter zurückgehen. Das warme Blut des erlegten Tieres wurde in direkter Fortsetzung der intrauterinen Ernährung getrunken, das rohe Fleisch verschlungen — wovon noch in den Verschlingungsmythen deutliche Nachklänge zu finden sind, wo der Held im Innern des Tieres von dessen Weichteilen zehrt. Die „Einverleibung“ des tierischen Flei- sches, auf dessen mütterliche Bedeutung kürzlich Roheim hingewiesen hat,? wird noch auf der Stufe des totemistischen Vateropfers, im Sinne der Intrauterinsituation, als Begabung mit den Kräften des Verzehrten aufgefaßt; ähnlich wie die Löwenhaut, in die sich beispielsweise Hera- kles hüllt, ihm nicht bloß die männliche (väterliche) Kraft des Tieres verleiht, sondern die Unverwundbarkeit des in utero geschützten Kindes (vel.dazudenim „Schutze“ der Nabelschnur jagenden Afrikaner). Hier ist _ übrigens daran zu erinnern, daß jeder Schutz vor elementaren Gefahren ı)Paul Alsberg: Das Menschheitsrätsel. Versuch einer prinzipiellen Lösung (1922), der allerdings umgekehrt die Menschwerdung als Resultat des Werkzeug- gebrauchs hinstellen möchte; und zwar ursprünglich des mit der Hand gewor- fenen Steins.
2) „Nach dem Tode des Urvaters“ (Kongreßvortrag, Berlin, September 1922) Imago IX, ı, 1922.
94 Das Trauma der Geburt oder menschlichen Angriffen (mit Waffen), von der Erdhöhle oder dem Baumloch bis zum beweglichen Schild oder Streitwagen, Unterseeboot und Tank, letzten Endes eine Flucht in die mütterliche Schutzhülle bedeutet.” Das noch warme Fell des Tieres (Haut), das dem Menschen zugleich als erste Schutzhülle gegen die Kälte diente, ist so das reale Gegenstück zum mythischen Hineinkriechen in den warmen tierischen Leib.” Ein Stück der Ambivalenz des späteren Tieropfers, die schon in der Bezeichnung „Opfer“ liegt, erklärt sich aus dieser mütterlich-libidinösen Bedeutung und drückt das Bedauern aus, daß die teilweise Realisierung der Ursituation an die Tötung der Mutter gebunden ist ( „Sadismus“), für die daher später der großartige totemistische Opfertod des Urvaters eingesetzt wird, ganz im Sinne der früher hervorgehobenen Ersetzung des mütterlichen Libidoobjektes durch das väterliche Ichideal. Diesen Übergang zeigt sehr schön das große mexikanische Frühlings- fest (Ochpaniztli = Wegkehren), bei dem eine die Göttin Tlazolteotl repräsentierende Frau durch Kopfabschneiden getötet wurde. „Dann wurde dem Opfer die Haut abgestreift, die ein Priester über- zog, der bei den weiteren Zeremonien nun die Göttin reprä- sentierte. Aus der Schenkelhaut des Opfers wurde eine Maske gefertigt („Schenkelmaske“), mit der der Sohn der Göttin, der Maisgott Cinteotl, bekleidet wurde“ (Danzel, Mexiko I, S. 43). Auch in diesen seltsamen ı) Dies zeigt die klassische Überlieferung, nach der die persischen Frauen die panische Flucht ihrer Männer und Söhne vor den Medern durch Entblößung ihrer Scham aufhielten: rogantes num in uteros matrium vel uxorum velint refugere. Plutarch, de virt. mulierum, 5).
2) Das Einhüllen des Körpers in die warme Haut frisch geschlachteter Tiere gilt dem Volk noch heute als Heilmittel, weil es die vorgeburtliche Situation herstellt.
Die den Embryo umgebende Eihaut kannte schon Empedokles unter dem Namen „Schafhaut“ (s. Schultz: Dokumente der Gnosis, 1910, $. 22 u. 128).
So erweist sich die noch heute vorwiegend aus tierischen Stoffen gefertigte Kleidung gleichzeitig als körperlicher Schutz vor der Kälte (die man bei der Geburt zuerst erfahren hat) und als libidinöse Befriedigung durch teilweise Rückkehr in den warmen Mutterleib.
Die.
Die symbolische Anpassung 97 Bräuchen handelt es sich um die Darstellung einer Geburt (die des Maisgottes), was auch durch die gespreizte Beinstellung des Abbil- ‘des der Göttin versinnbildlicht wird (die mit der dem Sohn über den Kopf gezogenen Schenkelmaske in Verbindung zu stehen scheint). Auch hier zeigt sich wieder, daß der Übergang vom Mutteropfer (Göttin) zum Vateropfer (Priester) über den Sohn erfolgt, derauf dem Wege dieses _ Opfers wieder in die Mutter eingeht. Denn die ursprünglichen Menschenopfer, wie sie uns am reinsten der mexikanische Kult bewahrt hat, lassen keinen Zweifel daran, daß der Geopferte mit dem in die Mutter Zurückgeschickten identisch war und der Akt des Opferns selbst den Vorgang der Geburt rückgängig machen sollte." „Der Gedanke des Gefangenenopfers beherrschte so sehr die Anschauungen der Mexikaner, daß sogar das Gebären eines Kindes dem Erbeuten eines Gefangenen verglichen wurde. Die Frau, die ein Kind geboren, ist der Krieger, der einen Gefangenen gemacht hat, und die Frau, die im Kindbett gestor- ben ist, ist der Krieger, der in die Hände der Feinde gefallen und auf dem Opfersteine getötet worden ist“ (Danzel, Mexiko I, S. 29).” Dem- entsprechend finden wir zum Fest Tooxcatl einen Knaben als Opfer, der ein Jahr lang als der Gott verehrt wurde, als dessen Repräsentant er geopfert werden sollte. Dieses Jahr entspricht der oben angeführten Embryonaldauer von 260 Tagen, während deren der Knabe beständig von acht’Pagen umgeben war; während der letzten 20 Tage wurde ihm ein Mädchen (als neunter Begleiter) beigegeben mach Fuhr- mann, Mexiko III, S. 15).
Wir glauben die „Symbolik“ als das wichtigste Mittel zur Realan- passung in dem Sinne verstanden zu haben, daß aller „Comfort“, den ı) In den mexikanischen Bilderhandschriften wird der Geopferte meist als ein mit eingezogenen Gliedmaßen kopfabwärts Stürzender darge- stellt (s. Danzel, Mexiko, Bd.]).
2) Diese Auffassung wird psychoanalytisch erläutert von Alice Bälint: Die mexikanische Kriegshieroglyphe atltlachinolli (Imago IX, 4, 1923).
96 Das Trauma der Geburt Zivilisation und Technik fortwährend zu steigern suchen, nur durch immerwährende Substitution das Urziel zu ersetzen sucht und sich dabei im Sinne der sogenannten Entwicklung immer weiter davon ent- fernt. Daraus erklärt sich der sonderbare Charakter des Symbols und die eben so sonderbare Reaktion der Menschen darauf, die es in einem gewissen Zusammenhang leicht erkennen, in einem anderen aber ent- rüstet ablehnen. Denn die vom Menschen geschaffene Realwelt selbst hat sich uns als eine Kette ununterbrochen erneuerter Symbolbil- dungen erwiesen, die aber nicht bloß einen Ersatz für die verlorene Urrealität darstellen sollen, die sie möglichst getreu nachbilden, sondern gleichzeitig so wenig als möglich an das daran hängende Urtrauma er- innern dürfen. Dies erklärt u. a. auch das Problem, wieso eine moderne Erfindung, wie beispielsweise der „Zeppelin“,als unbewußtes Symbol verwendet werden kann: weil er nämlich selbst nach dem unbewuß- ten Urbild gestaltet ist, das sich darin nur selbst wieder erkennt. Daß es sich auch bei allen praktischen Erfindungen letzten Endes um nichts anderes als um die Verminderung der äußeren Widerstände gegen eine möglichst ausgiebige, dem Urzustande möglichst angenäherte Libido- befriedigung handelt, zeigt die Analyse des Erfinderwahns, die Kielholz in einer schönen Arbeit versucht hat.’ In einzelnen seiner Fälle ist offensichtlich, daß die Kranken, welche das perpetuum mobile oder die Quadratur des Zirkels finden wollen, damit das Problem des Dauer- aufenthalts im Mutterleibe (ev. die Schwierigkeit der Größenverhält- nisse) lösen wollen; in anderen Fällen von elektrischen Erfindungen (Apparat, wo warme Ströme unsichtbar hindurchgehen) u. ä. dürfte eine eingehendere Beschäftigung mit dem Wahnsystem der Kranken dessen Bedeutung als Reaktion auf das Geburtstrauma klarstellen.?
ee rl Fa a RT I Fe ne IE 1) „Zur Genese und Dynamik des Erfinderwahns.“ Kongreßvortrag, Berlinı922.
2) Siehe Tausks Vermutung, daß die „elektrischen Ströme“ der Schizo- phrenen vielleicht die Empfindung der ersten Nerven- und Muskelfunktionen des Neugeborenen darstellen (l. c.S. 28 Note).
Die symbolische Anpassung 97 Haben wir so die „Symbolbildung“ als das eigentlich menschliche Urphänomen erkannt, das den Menschen zum Unterschied vom Tier befähigt, statt der Veränderung des eigenen Körpers (Autoplastik* wie beim Giraffen, der sich „nach der Decke“, d. h. dem Futter streckt), die Außenwelt in derselben Weise als genauen Abklatsch des Unbe- wußten zu gestalten (Alloplastik), so erübrigt noch, mit einem Worte auch des eigentlich intellektuellen Ausdrucksmittels zu gedenken, das gleich dem aufrechten Gang den Menschen vom Tier fundamental un- terscheidet: der Sprache und ihrer Entwicklung. Die merkwürdige analytische Erfahrung, daß einerseits die Übereinstimmungen in der Symbolik als einer lautlosen Universalsprache” über die Sprachgrenzen weit hinausgehen, anderseits verblüffende sprachliche Gleichklänge und Anklänge sich bei Völkern finden, bei denen eine direkte Beeinflussung gänzlich ausgeschlossen erscheint, wird mit einem Schlage verständlich, wenn wir die Symbolik nicht als Niederschlag der Sprachbildung, son- dern diese als Fortentwicklung der „Ursymbolik“ verstehen. Daß auch die Träume der Tiere, die eine Fötalentwicklung durchmachen, die Mutterleibssituation reproduzieren, ist anzunehmen, nur fehlt ihren Darstellungen der sprachliche Ausdruck, der für den Menschen charakteristisch ist. Wieso gerade der Mensch dazu gekommen ist, hängt natürlich mit der phylogenetischen Entwicklung der höheren Zentren und Funktionen zusammen, aber ein Stück weit geht ja — auch noch in der individuellen Entwicklung des Einzelnen — die Entstehung und die Funktion des tierischen Lautes dem Urstadium der artikulierten ı) Nach Ferenczi: Hysterische Materialisationsphänomene (Hysterie und Pathoneurosen, 1919, S. 24); dortselbst ist auch bemerkt, „daß in der Hysterie ein Stück der organischen Grundlage, auf die die Symbolik im rt über- haupt aufgebaut ist, zum Vorschein kommt“ ($. 29).
2) Schon Schelling betonte in einer Jugendarbeit, daß die „älteste Sprache der Welt keine anderen als sinnliche Bezeichnungen der Begriffe kannte“. — Siehe auch die Arbeit von Hans Apfelbach: Das Denkgefühl. Eine Untersu- chung über den emotionellen Charakter der Denkprozesse. Wien 1922.
7 Rank Being 98 Das Trauma der Geburt